Während Kernpunkte der schweizerischen Identität wie Föderalismus, direkte
Demokratie und Neutralität oft genau erläutert und beschrieben werden, geschieht dies
mit einem Leitbild der Schweiz nicht: die Kleinstaatlichkeit wurde bis in die jüngste
Zeit auch aus wissenschaftlicher Warte als Tatsache hingenommen. Jedoch wurde
nicht nur versäumt die vermeintliche Kleinheit zu hinterfragen, es wurden Theorien
aufgestellt, dass Kleinstaaten glücklichere Staaten und in ihren Leistungen und
Funktionen den Grossstaaten überlegen seien. Dieses Bild hat sich bei der
Bevölkerung festgesetzt. Jürg Martin Gabriel verweist auf einen überhöhten
Stellenwert der Kleinstaatlichkeit in ihrer politischen Identität und ruft denn auch zur
Relativierung auf.
Genau dieses Ziel verfolgt meine Arbeit, das Bild des Kleinstaates Schweiz soll neu
bewertet werden. Es stellen sich fragen, was überhaupt gross und was klein ist und
schliesslich wie ein Kleinstaat definiert werden kann. Deshalb erläutere ich kurz einige
Definitionsprobleme in bezug zur Kleinstaatlichkeit. Dann gilt es die vermeintlich
„kleine“ Schweiz unter die Lupe zu nehmen. Wieso, stellt sich die Frage, identifiziert
sich eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in diesem Land noch immer mit der
Kleinheit? Ist die Schweiz wirklich so klein? Zuerst werde ich mit historischen
Gegebenheiten versuchen zu zeigen, dass das Bild der eidgenössischen Grösse und
Stärke nicht immer gleich wahrgenommen wurde. Eine Rolle dürften auch die
Verallgemeinerungen über Kleinstaaten spielen, auf die ich in einem weiteren
Abschnitt zu sprechen komme. Besitzen kleinere Staaten Fähigkeiten und Qualitäten,
welche Grossstaaten nicht erbringen können?
Schliesslich widme ich mich der Zukunft, wo ich frage, ob in einer zunehmend
interdependenten Welt der Kleinstaat überhaupt noch von Bedeutung ist. Diese Frage
gilt für die Schweiz ganz besonders, liegt sie doch geographisch genau im Zentrum
eines sich wirtschaftlich und politisch zusammenschliessenden Kontinents.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionsprobleme
2.1 Die physische Grösse
2.2 Das Machtpotential
3. Gründe für die starke Identität mit der Kleinstaatlichkeit
3.1 Historischer Kontext
3.2 Generalisierung von Kleinstaaten
3.3 Leistungen und Funktionen von Kleinstaaten im Vergleich zu Grossstaaten
4. Zukunft der Kleinstaaten
5. Fazit
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, das Leitbild des Kleinstaates Schweiz kritisch zu hinterfragen und neu zu bewerten. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, inwiefern die Identifikation mit der Kleinheit angesichts historischer Gegebenheiten, realer Kapazitäten und einer zunehmend interdependenten Weltordnung noch zeitgemäss ist.
- Kritische Analyse von Definitionsproblemen der Kleinstaatlichkeit
- Historische Einordnung des Wandels der schweizerischen Aussenpolitik
- Gegenüberstellung von physischer Grösse und Machtpotential
- Reflektion über wissenschaftliche Generalisierungen zu Kleinstaaten
- Untersuchung der Bedeutung von Nationalstaaten in einem integrierten Europa
Auszug aus dem Buch
2. Definitionsprobleme
Welche Merkmale einen Kleinstaat ausmachen, ist in der Wissenschaft sehr umstritten. Oft wird in den Sozialwissenschaften auf eine Definition verzichtet, oder der Begriff wird nur ungenau umschrieben. Arno Waschkuhn gibt zu, dass es „bislang weder politisch-praktisch noch politikwissenschaftlich gelungen ist, den Kleinstaat in allgemein-verbindlicher Weise zu definieren“. Der Historiker Walther Hofer geht noch weiter und meint, dass es nicht gelingen kann, den Kleinstaat allgemein verbindlich zu definieren, ausser der Begriff würde so allgemein, dass er nichtssagend bleibt. Hofer erklärt diesen Umstand damit, dass der Begriff in einem historischen Kontext steht und somit eben grundsätzlich relativ ist, d.h. in Beziehung zur jeweiligen konkreten politischen Umwelt interpretiert werden muss (siehe Kapitel 3.1).
Der „Kleinstaat“ soll also ein nicht zu definierender Begriff sein? In den Sozialwissenschaften gibt es viele Termini, welche nicht eindeutig und allgemein verbindlich festzulegen sind. Zum Beispiel gehört der wichtige Begriff „Demokratie“ dazu. Obwohl die Politikwissenschaft nicht eindeutig sagen kann, in welchen Staaten eine qualitativ bessere Demokratie herrscht, besteht ein Konsens darüber, welche Faktoren erfüllt sein müssen, dass man überhaupt von „Demokratie“ sprechen kann. Für die Kleinstaatlichkeit fehlt zwar ein solcher Konsens. Ich möchte im folgenden dennoch zwei Konzepte beschreiben, wie Kleinstaaten in wissenschaftlichen Arbeiten festgelegt werden können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung hinterfragt die Identifikation der Schweiz mit dem Leitbild der Kleinstaatlichkeit und skizziert das Ziel einer wissenschaftlichen Neubewertung.
2. Definitionsprobleme: Dieses Kapitel erörtert die methodischen Schwierigkeiten bei der wissenschaftlichen Definition von Kleinstaaten und führt die Konzepte der physischen Grösse sowie des Machtpotentials ein.
3. Gründe für die starke Identität mit der Kleinstaatlichkeit: Hier wird der historische Kontext der schweizerischen Aussenpolitik beleuchtet und es werden kritische Generalisierungen über die vermeintlichen Vorteile kleiner Staaten gegenüber Grossstaaten untersucht.
4. Zukunft der Kleinstaaten: Dieses Kapitel befasst sich mit der Rolle der Schweiz in einem sich integrierenden Europa und der Frage, ob das Attribut der Kleinheit in einem System supranationaler Institutionen an Bedeutung verliert.
5. Fazit: Die Arbeit schliesst mit der Erkenntnis, dass die Identität mit der Kleinstaatlichkeit auf Mythen beruht und eine sachliche Neubewertung angesichts der europäischen Integration dringend erforderlich ist.
6. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Literatur und Quellen zur Untersuchung des Kleinstaatenbildes.
Schlüsselwörter
Kleinstaatlichkeit, Schweiz, Identität, Aussenpolitik, Neutralität, Machtpotential, Kleinstaat, Europäische Integration, Souveränität, Politikwissenschaft, Sozialwissenschaften, Globalisierung, Kleinstaatenbild, Integration, Demokratie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das verbreitete Leitbild der Schweiz als Kleinstaat und hinterfragt, inwieweit dieses Selbstverständnis wissenschaftlich haltbar oder durch historische und politische Mythen geprägt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Problematik der Definition von Kleinstaaten, der historische Wandel des schweizerischen Aussenbildes und die Rolle kleiner Staaten in einem integrierten Europa.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist die Relativierung des Kleinstaatenbegriffs und eine Neubewertung der schweizerischen Identität, die durch eine stärkere Berücksichtigung ökonomischer und politischer Realitäten anstelle von Mythen geprägt sein sollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender politikwissenschaftlicher Theorien und vergleicht diese mit historischen Gegebenheiten sowie aktuellen Modellen zu Kleinstaaten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden methodische Definitionsschwierigkeiten, die historische Entwicklung der Eidgenossenschaft und die kritische Auseinandersetzung mit theoretischen Verallgemeinerungen über Kleinstaaten dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Kleinstaatlichkeit, Neutralität, Souveränität, Europäische Integration und Identität.
Wie bewertet der Autor die Rolle des "Kleinstaats" in der EU?
Der Autor argumentiert, dass in einem arbeitsteiligen Kooperationssystem wie der Europäischen Union die physische Grösse eines Staates zunehmend an Bedeutung verliert.
Warum ist die Identität mit der Kleinstaatlichkeit politisch brisant?
Weil sie oft mit dem Festhalten an Neutralitätsvorstellungen einhergeht, die eine notwendige öffentliche Diskussion über die europäische Integration der Schweiz erschweren.
- Quote paper
- Michael Vetsch (Author), 1999, Aussenpolitische Leitbilder: Die Schweiz als Kleinstaat, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17301