Es ist aufschlussreich, wie in diesem Kapitel der Begriff "Heimat" aufgegriffen und behandelt wird. Die Figuren befinden sich hinsichtlich dieses Begriffes in einem charakteristischen Zwischen-Raum, der Komponenten sowohl ihres Herkunftgebietes in Deutschland als auch ihrer neuen Umgebung in Südafrika umfasst. Scheinbar zufällig eingestreute Details erweisen sich als stark bedeutungsaufgeladen. Sie stehen symbolisch für zwei verschiedene Kulturen und verdeutlichen ein Heimatgefühl, das sich mit Erinnerungen aus der ursprünglichen und der konkreten Gegenständlichkeit ihrer jetzigen Umgebung vermischt. In diesem Zusammenhang verwendet die Autorin wiederholt die Wörter "Heim" und "Heil" (50, 51, 52). Sie bilden nicht nur einen scheinbar vertrauten Gleichklang, sondern mit ihnen ist ein ganzes Bündel von inhaltlichen Bezügen assoziiert. Im Hitlergruß "Heil" verbirgt sich der nationalsozialistische Blut-und Boden-Mythos, also ein
ideologisch gefärbter Heimatbegriff, der mit der Idee des Völkischen, der Familie, des Lebensraumes, mit Feindseligkeit, Abgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung, Rassenwahn und
Völkermord assoziiert ist, eine Perversion des Heimatbegriffes, deren Entlarvung zweifellos intendiert ist, aber in der verwendeten Begrifflichkeit nur angedeutet wird.
Auf der anderen Seite des Spektrums taucht der Begriff des Paradiesischen auf, der schon im Architektenkapitel auf Seite 38 sinnbildlich als "Garten Eden" in Gestalt des in die Tür
zur Besenkammer eingearbeiteten Schnitzwerkes erwähnt wurde und sich leitmotivartig durch den ganzen Roman hindurchzieht. "Paradiesisch, sagt Hermine, die Mutter" (50), als sie die Landschaft der neuen Heimat ihres Sohnes betrachtet. Dieser Aspekt bildet einen
wichtigen Schwerpunkt dieses Kapitels und wird von der Autorin auch in ironisierter Form verwendet, wenn sie die kleine Elisabeth auf die Frage, was sie spiele, sagen lässt: "Die Vertreibung ins Paradies." (56) Aber das, was paradiesisch erscheint, hat Risse und Sprünge.
Inhaltsverzeichnis
Der Tuchfabrikant (49 - 62)
Die Frau des Architekten (64 - 76)
Das Mädchen (79 – 92)
Der Rotarmist (94 . 106)
Zielsetzung & Themen
Diese kritische Untersuchung analysiert ausgewählte Kapitel aus Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" und beleuchtet die komplexen Verflechtungen von privater Lebensgeschichte, historischen Traumata und der symbolischen Bedeutung von Heimat und Identität im Kontext des 20. Jahrhunderts.
- Strukturelle Analyse der verschiedenen Zeitebenen und Erzählperspektiven.
- Untersuchung der kontrastierenden Heimatbegriffe sowie der Themen Exil und Identitätsverlust.
- Interpretation von Symbolik, wie etwa die Bedeutung des Gartens oder der Landschaft als verlorenes Paradies.
- Kritische Reflexion über die Vermischung von dokumentarischen Fakten und fiktionaler Erzählweise.
- Betrachtung der moralischen Ambivalenz und der Darstellung von Opferschicksalen in extremen Ausnahmesituationen.
Auszug aus dem Buch
Der Tuchfabrikant (49 - 62)
Die hochkomplexe Struktur dieses Kapitels macht es nicht leicht, die vielfältigen Bezüge, Andeutungen und Anspielungen, die im Text enthalten sind, zu entschlüsseln und zu deuten. Ähnlich wie im Kapitel "Der Architekt" werden verschiedene Zeitebenen miteinander kombiniert, und es dauert eine ganze Weile, bis der Leser die zeitliche Grundlinie als Bezugsebene erfasst hat, von der ausgehend er die geschilderten Ereignisse zuordnen und ihren inhaltlichen Zusammenhang herstellen kann. Hinzu kommen die ineinander verschachtelten und verschobenen Räume, die zwischen zwei weit voneinander entfernten geografischen Bezugsebenen (Schauplätzen) hin- und herpendeln. Der zeitliche und räumliche Ablauf des Geschehens soll daher in kurzer Form zusammengefasst werden:
Am Beginn des Kapitels wird tabellenartig die Familie des jüdischen Tuchfabrikanten vorgestellt. Sie umfasst drei Generationen: die Eltern Hermine und Arthur (der Tuchfabrikant), deren Sohn Ludwig, verheiratet mit Anna, und den Kindern Elliot und der kleinen Elisabeth; Ludwigs Schwester Elisabeth, verheiratet mit Ernst, und Tochter Doris.
Zusammenfassung der Kapitel
Der Tuchfabrikant (49 - 62): Dieses Kapitel beleuchtet das Schicksal einer jüdischen Unternehmerfamilie, die durch die Verfolgung während des Nationalsozialismus zerrissen wird und zwischen Flucht nach Südafrika und dem gewaltsamen Tod in Polen steht.
Die Frau des Architekten (64 - 76): In einem inneren Monolog reflektiert die Protagonistin ihr Leben und ihre Träume, wobei der Kontrast zwischen ihrem bürgerlichen Leben am See und den politischen Erschütterungen des Krieges im Vordergrund steht.
Das Mädchen (79 – 92): Die Perspektive eines Kindes im Versteck dient dazu, die Ausweglosigkeit und das totale Ausgeliefertsein während der Ghettoisierung und Deportation eindringlich erfahrbar zu machen.
Der Rotarmist (94 . 106): Dieses Kapitel konfrontiert die Perspektive einer besetzten Frau mit der eines jungen, durch den Krieg traumatisierten Soldaten und thematisiert die brutale Dynamik von Macht, Gewalt und Vandalismus.
Schlüsselwörter
Jenny Erpenbeck, Heimsuchung, Heimat, Identität, Exil, Nationalsozialismus, Trauma, Generationenkonflikt, Erzählstruktur, Erinnerung, Krieg, Symbolik, Dokumentarisch, Fiktion, Zwischenraum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Untersuchung grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine kritische literaturwissenschaftliche Analyse zentraler Kapitel aus dem Roman "Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck, wobei insbesondere die erzählerischen Techniken und die Themenkomplexe von Identität und Geschichte untersucht werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen Heimatverlust, die Auswirkungen politischer Gewalt auf das Individuum, der Generationenkonflikt, das Spannungsfeld zwischen privater Intimsphäre und historischem Dokumentarismus sowie die Rolle des Humors als Bewältigungsstrategie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die künstlerische Umsetzung des "Heimat"-Begriffs sowie die Wirksamkeit der gewählten Erzählmittel zur Darstellung traumatischer, historischer Ereignisse in Erpenbecks Werk kritisch zu hinterfragen und zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine werkimmanente Interpretation gewählt, die durch strukturelle Analysen der Zeitgestaltung und eine kritische Auseinandersetzung mit der Erzählperspektive und den eingesetzten Symbolen ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich kapitelweise und untersucht das Schicksal der Tuchfabrikanten-Familie, die Perspektive der Architektenfrau, die Extremsituation des Mädchens im Versteck und die komplexe Begegnung zwischen dem Rotarmisten und der Architektenfrau.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Heimat, Exil, Erinnerung, Identität, Zeitebenen, Dokumentarismus und traumatische Erfahrung.
Wie bewertet die Autorin die Rückblendetechnik im Kapitel "Das Mädchen"?
Die Technik wird als problematisch wahrgenommen, da sie einerseits versucht, extreme Todesangst aus einer kindlichen Perspektive erlebbar zu machen, andererseits jedoch Gefahr läuft, dem Kind eine erwachsene Sichtweise überzustülpen.
Was kritisiert die Analyse an der Darstellung der Vergewaltigungsszene im Kapitel "Der Rotarmist"?
Die Analyse kritisiert, dass der Einsatz einer gewissen kriegerischen Metaphorik und einer fast sentimentale Beschreibung die Schwere des Aktes der Vergewaltigung verniedlichen oder verfälschen könnten.
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- Hans-Georg Wendland (Author), 2011, Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung -Teil II, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173052