Benjamin Lee Whorfs linguistisches Relativitätsprinzip


Hausarbeit, 2006
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Das linguistische Relativitätsprinzip

2 Begründungsstrukturen Whorfs

3 Das Universum aus indianischer Sicht
3.1 Die Metaphysik der Hopis
3.2 Das Reich des Subjektiven und Objektiven

4 Abschließende Betrachtungen
4.1 Existiert ein linguistisches Relativitätsprinzip? – Kritik nach Helmut Gipper
4.2 Neuere Erkenntnisse bezüglich des linguistischen Relativitätsprinzips

Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Sprache und Denken stehen in gegenseitiger Abhängigkeit zueinander. Diese Hypothese wurde insbesondere von drei Personen geprägt: Franz Boas, Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf. Sie ist jedoch nicht unumstritten, da sie – so die Vorwürfe – seinerzeit nicht in der Realität auf ihre Validität und Reliabilität hin geprüft wurde. Benjamin Lee Whorf war unter den drei Sprachtheoretikern derjenige, der die radikalste Position vertrat. Er verficht die Meinung, dass auch die grundlegendsten Begriffe der Menschheit – wie zum Beispiel Raum, Zeit oder Materie – von Sprache beeinflusst werden. Da diese Begriffe jedoch relativ seien, würden sie demgemäß für Menschen unterschiedlicher Sprachräume auch mit unterschiedlichen Empfindungen besetzt sein. Diese These verdeutlicht Whorf in seinem Buch Sprache – Denken – Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie an dem Beispiel der nordamerikanischen Hopi-Indianer. Sie als Naturvolk haben vollkommen andere Vorstellungen vom Universum. Daher wird es in ihrer Sprache auch anders aufgegliedert als zum Beispiel in der unsrigen Sprache.

Die Wirklichkeit, so wie sie uns erscheint, ist ein Ergebnis der Kategorien, die unserer Wahrnehmung und unserem Denken von der Sprache, die wir zufällig sprechen, aufgedrängt worden sind. Unser Denken ist somit als Konsequenz daraus eindeutig von unserer Muttersprache beeinflusst.

In meiner Arbeit werde ich mich dieser Auffassung Benjamin Lee Whorfs etwas genauer widmen. Im folgenden Abschnitt gehe ich zunächst auf Whorfs linguistisches Relativitätsprinzip ein. Anschließend beleuchte ich die Begründungsstrukturen Whorfs, um dann etwas genauer auf seine Ausführungen bezüglich des Lebens und der Auffassungsweise der Hopi-Indianer einzugehen. Ich beleuchte die Auffassungen von Universum, Raum, Zeit und Materie genauer. Abschließend werde ich auf die Kritik Gippers bezüglich Whorfs Hypothese eingehen, um im letzten Punkt dieser Arbeit neuere Erkenntnisse und Forschungen diesbezüglich aufzuzeigen.

1 Das linguistische Relativitätsprinzip

Benjamin Lee Whorf nennt seine Grundthese selbst ,,das linguistische Relativitätsprinzip", welches generell aussagt, dass nicht alle Menschen, die die gleichen Gegebenheiten betrachten und der gleichen physischen Realität gegenüberstehen, zu ein und demselben Weltbild gelangen. Dies würde nur dann geschehen, wenn ihre Sprachen in irgendeiner Form Analogien aufweisen würden.
Seine These gründet hauptsächlich auf folgender Überlegung: Die Welt „präsentiert sich in einem kaleidoskopartigen Strom von Eindrücken“[1]. Dem muss der menschliche Verstand organisierend gegenübertreten. Dies heißt jedoch für Whorf, dass es weitgehend von dem „linguistischen System in unserem Geist“[2] – also der Sprache vollzogen wird. Diese wiederum sei an einen ganz bestimmten Sprachkodex gebunden, welcher für jede Sprachgemeinschaft verschieden ist. Hier muss er jedoch apodiktisch, also unumstößlich, gelten. Whorf kam zu dem Schluss, dass das linguistische System einer jeden Sprache nicht nur ein reproduktives Instrument zur Äußerung von Gedanken ist, sondern vielmehr selbst die Gedanken formt und Schema und Anleitung für die geistige Tätigkeit des Einzelmenschen sei.

Die Formulierung von Gedanken sei – so Whorf – kein unabhängiger Vorgang, er soll vielmehr von der jeweiligen Grammatik beeinflusst sein. Somit ist er auch für unterschiedliche Grammatiken mehr oder weniger verschiedenartig.

2 Begründungsstrukturen Whorfs

Um seine These zu begründen, beruft sich Whorf zunächst darauf, dass jeder Einzelne im alltäglichen Leben ständig und unaufhörlich dem Einfluss der Sprache ausgesetzt ist und sich dies deutlich machen solle. Somit käme man dann zu der Erkenntnis, dass die Sprache folglich selbst die alltäglichsten Phänomene beeinflusse und bestimme.[3] Hierzu verwendet er Beispiele aus seinem früheren Beruf – Brandverhütungsingenieur für eine Versicherung.

So befand sich zum Beispiel in einer seiner zu bearbeitenden Fälle an der Wand eines Raumes ein selten benutzter elektrischer Heizapparat mit Glühdrähten. Ein Arbeiter nutzte ihn oft als Aufhänger für seine Jacke. In einer Nacht betrat ein Wachmann den Raum und betätigte einen Schalter. Er fasste dies in die Worte ‚das Licht andrehen’. Jedoch ging das Licht nicht an und dieser Begebenheit gab er die Worte ‚Die Birne ist durchgebrannt’. Dass das Heizgerät glühte konnte er aufgrund der darüber gehängten alten Jacke nicht sehen. Die Jacke fing Feuer und setzte das Gebäude in Brand.[4]

Daraus kann man nach Whorf schließen, dass der Schlüssel zum Verständnis menschlichen Verhaltens meist in den Analogien der sprachlichen Formulierungen zu finden ist. Darüber hinaus wächst bei Whorf die Annahme, dass der Zwang, den die grammatischen Kategorien, wie Numerus, Kasus, Genus, Tempora, Modus Verbi etc. ausüben, noch viel weiter reiche als der Einfluss einzelner Wörter. Um dies zu untersuchen, benützte er das Beispiel einer exotischen Sprache – die der Hopi-Indianer. Im folgenden Abschnitt wird das Universum aus indianischer Sicht beschrieben. Whorf macht deutlich, dass die Hopi keine Begriffe wie Raum, Zeit etc. besitzen und erklärt dies anhand ihrer Metaphysik.

3 Das Universum aus indianischer Sicht

Die Hopi[5] haben laut Whorf keinen allgemeinen Begriff/keine genaue Anschauung der Zeit „als eines gleichmäßig fließenden Kontinuums, in dem alle Teile des Universums mit gleicher Geschwindigkeit aus einer Zukunft durch eine Gegenwart in die Vergangenheit wandern“[6]. Nach langer Untersuchung kam man zu der Feststellung, dass die Sprache der Hopis keine Wörter, grammatische Formen, Konstruktionen oder Ausdrücke besitzt, die sich unmittelbar auf das beziehen, was wir als Zeit verstehen – „sie enthält weder ausdrücklich noch unausdrücklich eine Bezugnahme auf Zeit“[7] Trotz dessen besitzt die Hopisprache die Fähigkeit, alle beobachtbaren Erscheinungen des Universums einwandfrei zu beschreiben und ihnen sachlich und operativ gerecht werden. Die Sprache und Kultur der Hopi bergen eine Metaphysik, welche jedoch völlig anders zu betrachten ist, als die unsrige naive Anschauung von Raum und Zeit und der Relativitätstheorie.

[...]


[1] Vgl. Whorf, Benjamin Lee: Sprache, Denken, Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie. Rowohlt Taschenbuchverlag GmbH. Reinbek bei Hamburg 1984. S. 12.

[2] Vgl. ebd., S. 12.

[3] Ebd., S. 74.

[4] Ebd., S. 76.

[5] Die Hopi sind die westlichste Gruppe der Pueblo-Indianer und leben im nordöstlichen Arizona, USA, inmitten der Reservation der Diné (Navajo) am Rande der Painted Desert in einer 12.635 km² großen Reservation. Früher wurden sie auch als Moki oder Moqui bezeichnet. Die Hopi sprechen einen Dialekt aus der uto-aztekischen Sprachfamilie. [gefunden auf: www.wikipedia.de; Onlinepublikation; 20.07.2006, 19:56 Uhr.]

[6] Vgl. ebd., S. 102.

[7] Vgl. ebd., S. 102.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Benjamin Lee Whorfs linguistisches Relativitätsprinzip
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Arbeit mit den Rahmenrichtlinien Themenfeld I „Was kann ich wissen?“ (Didaktische Aspekte der Erkenntnistheorie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V173086
ISBN (eBook)
9783640932009
ISBN (Buch)
9783640931668
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Benjamin Lee Whorf, Linguistisches Relativitätsprinzip, Erkenntnistheorie
Arbeit zitieren
Maria Reichmann (Autor), 2006, Benjamin Lee Whorfs linguistisches Relativitätsprinzip, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173086

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