Die in NE VII 12-15 begonnene Abhandlung über die Lust entwickelt Aristoteles in NE X 3-5 durch die Einführung einer Definition der Lust sowie einer Unterteilung der Lust in unterschiedliche Arten weiter. Im ersten Schritt werde ich untersuchen, was Aristoteles in dieser Konzeption zur Lust zählt und wie diese sich zu lustvollen Tätigkeiten, wie z.B. der Betrachtung verhält. In einem zweiten Schritt werde ich prüfen, ob Aristoteles meint, dass sie miteinander irgendwie identisch sind oder dass sie zwei verschiedene Entitäten sind?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Untersuchung der Lustbegriffe
2.1 Abgrenzung von Bewegung und Werden
2.2 Die Lust als Tätigkeit
3. Das Betrachten als höchste Tätigkeit
4. Die Funktion der Lust im Kontext der Tugend
5. Ricken zur Lust als Bestandteil des Glücks
6. Differenzierung der Lustempfindungen
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht das Verständnis der Lust (hedone) bei Aristoteles im Vergleich zu seinen Ausführungen über Tätigkeiten (energeia). Das primäre Ziel ist es, die systematische Verknüpfung von Lust und Tätigkeit aufzuzeigen und zu klären, ob diese als identische oder lediglich als eng miteinander verbundene Entitäten zu verstehen sind.
- Die begriffliche Abgrenzung von Lust gegenüber Werden (genesis) und Bewegung (kinesis).
- Die Analyse des Betrachtens (theoria) als vollkommenste und lustvollste Tätigkeit.
- Die Rolle der Lust als "Krönung" von Tätigkeiten im tugendhaften Leben.
- Der Einfluss der Verfassung des Handelnden auf die Qualität der empfundenen Lust.
Auszug aus dem Buch
Die Lust als Vollendung der Tätigkeit
Zunächst grenzt Aristoteles die Lust als einem zu jedem Zeitpunkt fertiges (teleios) Gut von der Bewegung (kinesis) und dem Werden (genesis) ab, die im Gegensatz dazu in ihrer Qualität etwas Unfertiges und Entstehendes sind und demzufolge einen gewissen Zeitraum bis zu ihrer finalen Bewerkstelligung beanspruchen. Bewegung und Werden finden also in der Zeit statt und sind auf ein Ziel gerichtet. Als anschauliches Beispiel für ein tätiges Werden nennt Aristoteles den Prozess des Hausbauens mit allen seinen Teilschritten bis zur endgültigen Fertigstellung des Gebäudes. Um den Unterschied zwischen der Lust, der zu keinem Zeitpunkt etwas fehlt und dem Tätigsein in der Zeit noch eindeutiger herauszuarbeiten, vergleicht Aristoteles die Lust mit dem Sehen. Auch das Sehen ist wie die Lust in jedem Augenblick fertig und dem Sehen fehlt nichts an seiner Vollständigkeit. Das Ziel des Sehens liegt also innerhalb der Tätigkeit selbst. Aristoteles führt dazu weiter aus, dass es sich auch mit der Lust so verhält und dass die Lust etwas „Ganzes“ ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zum Thema der Lust in der Nikomachischen Ethik und Darlegung der zentralen Fragestellung.
2. Untersuchung der Lustbegriffe: Definition der Lust durch Abgrenzung von zeitabhängigen Prozessen wie Werden und Bewegung.
3. Das Betrachten als höchste Tätigkeit: Analyse der theoretischen Tätigkeit als autarke, lustvollste und wertvollste Form des menschlichen Daseins.
4. Die Funktion der Lust im Kontext der Tugend: Diskussion darüber, ob Lust als Motivator oder als Belohnung für tugendhaftes Handeln fungiert.
5. Ricken zur Lust als Bestandteil des Glücks: Einordnung der Lust in das Gefüge des glücklichen Lebens mittels der Interpretation von Friedo Ricken.
6. Differenzierung der Lustempfindungen: Untersuchung der spezifischen Arten von Lust, die verschiedenen Tätigkeiten und Lebewesen eigen sind.
7. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Einschätzung des Verhältnisses von Lust und Tätigkeit als zwei sich bedingende Entitäten.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Lust, Tugendethik, Tätigkeit, Energeia, Betrachten, Theoria, Eudaimonia, Werden, Bewegung, Friedo Ricken, Disposition, Glück, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Konzeption der Lust bei Aristoteles und deren Verhältnis zu menschlichen Tätigkeiten innerhalb seiner Tugendethik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Abgrenzung von Lust gegenüber Bewegung und Werden, der Vorrang des kontemplativen Lebens (Betrachten) sowie die moralische Einbettung von Lustempfindungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, ob Lust und Tätigkeit bei Aristoteles identisch sind oder als zwei verschiedene, sich gegenseitig bedingende Entitäten zu betrachten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine textimmanente Analyse der Nikomachischen Ethik unter Einbeziehung philosophischer Sekundärliteratur (insb. Friedo Ricken).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Definition der Lust, dem Rang des Betrachtens und der Frage nach der Funktion von Lust als Indikator für tugendhaftes Handeln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Aristoteles, Lust (hedone), Tätigkeit (energeia), Tugendethik, Glück (eudaimonia) und Betrachten (theoria).
Wie unterscheidet sich Lust von Bewegung und Werden?
Lust ist laut Aristoteles zu jedem Zeitpunkt "fertig" (teleios) und vollständig, während Bewegung und Werden einen zeitlichen Prozess zur Zielerreichung benötigen.
Warum ist das Betrachten die höchste Tätigkeit?
Es ist autark, kontinuierlich ausführbar, auf die wertvollsten Gegenstände gerichtet und dient keinem äußeren Zweck, sondern ist um seiner selbst willen erstrebenswert.
- Arbeit zitieren
- Eckhard Janiesch (Autor:in), 2014, Aristoteles’ Tugendethik. Lust und Betrachten in der Nikomachischen Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1730892