Sind die Ressourcenausstattung oder Lebensbedingungen von bestimmten Gruppen so beschaffen, dass sie regelmäßig bessere Lebens- und Verwirklichungschancen als andere haben, so spricht man von sozialer Ungleichheit. In der Sozialwissenschaft lässt der Begriff offen, ob Sachverhalte sozialer Ungleichheit als "gerecht" oder "ungerecht" gelten.
Mit dem Wort "Ungleichheit" werden in den Sozialwissenschaften nicht bloße (horizontale) Unterschiede, sondern (vertikale) Besser- beziehungsweise Schlechterstellungen zwischen Menschen bezeichnet. Man spricht von "sozialer Ungleichheit", wenn die Ressourcenausstattung (zum Beispiel der Bildungsgrad oder die Einkommenshöhe) oder die Lebensbedingungen (beispielsweise die Arbeits- oder Wohnverhältnisse) von Menschen aus gesellschaftlichen Gründen so beschaffen sind, dass bestimmte Bevölkerungsteile regelmäßig bessere Lebens- und Verwirklichungschancen als andere Gruppierungen haben. "Besser" sind Lebens- und Verwirklichungschancen dann, wenn Ressourcenausstattungen oder Lebensbedingungen bestimmten Menschen nach den jeweils geltenden gesellschaftlichen Maßstäben (zum Beispiel bezüglich Sicherheit, Wohlstand, Gesundheit, Arbeit) die Möglichkeit zu einem "guten Leben" und zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit bieten, anderen Menschen jedoch nicht.1 In diesem Zusammenhang ist Arbeit nicht nur die Grundlage für ein gutes Leben, Arbeit hat auch einen zentralen Platz in unserem Leben. Sie nimmt einen erheblichen Teil unserer Zeit und Energie in Anspruch; sie bestimmt unsere Stellung in der Gesellschaft, unsere Einkommenschancen, unsere Renten, unseren sozialen Status und oftmals auch unseren Freundeskreis. Sie bietet Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, der persönlichen Entfaltung und der Existenzsicherung und sie ist der Bezugspunkt unserer Ausbildungen. Aber sie ist oft auch eine Quelle körperlicher oder psychischer Belastungen, eine Ursache von Entfremdung, ein Ort für sinnentleerte Tätigkeiten, für Mobbing, Konflikte, soziale Ausgrenzung und Ungleichheiten. In diesem Kontext soll die Bedeutung von Arbeit, Beruf und Beschäftigung als Dimensionen sozialer Ungleichheit untersucht werden. In einer historischen Perspektive wird der Berufsbegriff beschrieben und der Wandel von Arbeit und Beschäftigung bis in die aktuelle Zeit hinein aufgezeigt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Soziale Ungleichheit in ihrer historischen Entwicklung und gesellschaftlichen Wahrnehmung - eine Metamorphose des Arbeits-, Berufs- und Beschäftigungsbegriffs als Kriterium sozialer Ungleichheit
2.2. Arbeit und Beschäftigung - „Flexicurity“ wird zur Metapher für arbeitsmarktpolitische Reformen
2.3. Aktivierung und Flexicurity – sind die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen ein wirksames Strategiekonzept gegen soziale Ungleichheit?
2.4. Der Preis der sozialen Ungleichheit
3. Fazit - Ausblick und Handlungsofferten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Arbeit, Beruf und Beschäftigung als zentrale Dimensionen sozialer Ungleichheit im historischen Wandel sowie die Auswirkungen aktueller arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen auf die gesellschaftliche Stabilität.
- Historische Transformation des Arbeitsbegriffs und dessen Bedeutung für soziale Schichtung.
- Die Rolle von „Flexicurity“ als arbeitsmarktpolitisches Steuerungsmodell.
- Analyse prekärer Beschäftigungsverhältnisse und deren Folgen für die soziale Sicherheit.
- Kritische Bewertung der ökonomischen Bewertung von Arbeit und der Kosten sozialer Ungleichheit.
- Handlungsansätze zur Förderung von Verteilungs- und Chancengerechtigkeit.
Auszug aus dem Buch
Der Preis der sozialen Ungleichheit
Schon 1983 erregte der Systemtheoretiker Frederic Vester damit Aufsehen, dass er den Wert eines Blaukehlchens auf einen Materialwert von 1,5 Cent und den Nutzwert auf 154,09 Euro pro Jahr errechnete.
Inzwischen beschäftigen sich viele "ökologische Ökonomen“ in marktbasierten Ansätzen mit der monetären Bewertung der Natur. Es geht nicht darum, der Natur ein »Preisschild anzuhängen«, sie durch Kommerzialisierung und »Kommodifizierung« einer Vermarktung und möglichem Ausverkauf auszusetzen. Vielmehr geht es um ein Bewusstsein über die Multifunktionalität der jeweiligen Ökosysteme, der Identifikation und Erfassung sowie umfassenden Berücksichtigung aller auftretenden Leistungen und um eine Analyse der Verteilung der Nutzen und Kosten dieser Leistungen auf die Betroffenen.
Was kostet ein Blaukehlchen? Diese Frage klingt banal und ist vermutlich leichter zu beantworten als die Frage, wie hoch der Preis für Ungleichheit ist, die durch die Dimension Arbeit ausgelöst wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Begriff der sozialen Ungleichheit und verortet Arbeit als zentralen Bezugspunkt für gesellschaftliche Teilhabe, Status und Entfremdung.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert den historischen Wandel von Arbeitsformen, die Entwicklung arbeitsmarktpolitischer Konzepte wie Flexicurity sowie die ökonomischen und sozialen Kosten prekärer Beschäftigung.
2.1. Soziale Ungleichheit in ihrer historischen Entwicklung und gesellschaftlichen Wahrnehmung - eine Metamorphose des Arbeits-, Berufs- und Beschäftigungsbegriffs als Kriterium sozialer Ungleichheit: Dieses Kapitel beschreibt den Übergang von der ständischen zur industriellen Klassengesellschaft und weiter zur modernen Dienstleistungsgesellschaft.
2.2. Arbeit und Beschäftigung - „Flexicurity“ wird zur Metapher für arbeitsmarktpolitische Reformen: Hier wird der Wertewandel in der Erwerbswelt hin zu Individualisierung und Selbstverantwortung beleuchtet sowie das Konzept der Flexicurity eingeführt.
2.3. Aktivierung und Flexicurity – sind die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen ein wirksames Strategiekonzept gegen soziale Ungleichheit?: Das Kapitel kritisiert, dass Flexicurity zwar Flexibilität erhöht, aber gleichzeitig soziale Risiken und prekäre Beschäftigungsverhältnisse verstärkt.
2.4. Der Preis der sozialen Ungleichheit: Dieser Abschnitt thematisiert die Herausforderung, soziale Ungleichheit ökonomisch zu bewerten, und betont die Notwendigkeit, gesellschaftliche Folgekosten in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
3. Fazit - Ausblick und Handlungsofferten: Das Fazit fasst zusammen, dass eine stärkere Absicherung der Menschen notwendig ist, um soziale Exklusion zu verhindern, und plädiert für eine Politik der Chancengerechtigkeit.
Schlüsselwörter
Soziale Ungleichheit, Arbeit, Beschäftigung, Flexicurity, Arbeitsmarktpolitik, Prekäre Beschäftigung, Niedriglohnsektor, Gesellschaftliche Spaltung, Arbeitskraftunternehmer, Chancengerechtigkeit, Verteilungsungleichheit, Soziale Sicherheit, Humankapital.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Arbeit als eine zentrale Dimension sozialer Ungleichheit und untersucht, wie sich der Wandel des Arbeitsbegriffs auf die Stabilität der Gesellschaft auswirkt.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Felder sind der historische Wandel des Berufsverständnisses, die Folgen von Flexibilisierung am Arbeitsmarkt sowie die Problematik prekärer Beschäftigungsformen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, arbeitsmarktpolitische Maßnahmen kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, ob sie soziale Ungleichheit als Vorstufe gesellschaftlicher Spaltung verhindern können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine historisch-soziologische Perspektive kombiniert mit einer aktuellen Analyse arbeitsmarktpolitischer Konzepte und ökonomischer Rahmenbedingungen.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Metamorphose des Arbeitsbegriffs, das Modell der Flexicurity, die Auswirkungen auf den Niedriglohnsektor und die monetäre Bewertung sozialer Ungleichheit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind die Begriffe Flexicurity, soziale Ungleichheit, Arbeitskraftunternehmer, prekäre Beschäftigung und Chancengerechtigkeit.
Wie bewertet der Autor das Konzept der „Flexicurity“?
Der Autor kritisiert, dass Flexicurity zwar die Flexibilität für Unternehmen erhöht, aber die sozialen Risiken für Arbeitnehmer durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse signifikant vergrößert.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der zukünftigen Arbeitsmarktpolitik?
Der Autor fordert eine Abkehr vom reinen Schutz einzelner Arbeitsplätze hin zu einer umfassenden Absicherung der Menschen, gepaart mit Investitionen in Bildung und Chancengerechtigkeit.
- Arbeit zitieren
- Eckhard Janiesch (Autor:in), 2013, Arbeit als Dimension sozialer Ungleichheit. Arbeit als Instanz für Sicherheit, Verortung und Anerkennung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1730917