Nachhaltiges Handeln bedeutet nach einer Zusammenfassung der EU-Gesetzgebung eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese nachvollziehbare Definition motiviert mich, in meiner Arbeit nachhaltiges Handeln mit richtigem Handeln gleichzusetzen. Die Nikomachische Ethik von Aristoteles dient bei meinen Überlegungen zu nachhaltigem praktischen Handeln als moralphilosophische Grundlage. Den Wert und die Aktualität der aristotelischen Konzeption beschreibt Höffe im nachfolgenden Zitat sehr treffend:
„Ob es Philosophen oder Juristen, ob Moraltheologen, Sozialethiker oder Sozialwissenschaftler sind – wer auch immer sich für eine Theorie moralischer bzw. humaner Praxis interessiert, findet hier eines der wenigen bis heute einschlägigen Grundmodelle.“ In seiner Nikomachischen Ethik liefert Aristoteles ein Muster, wie Einstellungen zum „guten Leben“ entfaltet und reflektiert werden können. Er begrenzt sich nicht nur auf die Moraltheorie, sondern entwickelt eine umfassende Vorstellung des guten Lebens, richtigen Handelns und vernünftigen Überlegens, die darüber hinaus in eine Theorie des Politischen eingefasst ist. Dabei werden unter anderem die zentralen Themen der praktischen Philosophie wie Glück und gutes Leben, Charaktertugenden und intellektuelle Tugenden, sinnliche Lust und Sittlichkeit behandelt. Aufgrund der zentralen Rolle, die der Tugend und dem tugendhaften Verhalten des Menschen zur Erreichung eines guten Lebens zugeschrieben werden, erweist sich die Nikomachische Ethik als eine Tugendethik, die eine geeignete moralische Vorlage für die Entwicklung eines Ideals eines nachhaltigen Handelns sein kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist richtiges Handeln nach Aristoteles?
2.1. Richtiges Handeln meint, ein gelingendes Leben im Ganzen zu führen
2.2. Warum gibt es für den Tugendhaften kein Handeln wider besseres Wissen
2.3. Vom richtigen Strebevermögen
3. Warum braucht man Tugenden / charakterliche Formung?
3.1. Was versteht Aristoteles unter Tugend (areté)?
3.2. Warum ist Tugend nötig, um das Richtige zu tun?
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept des nachhaltigen Handelns aus einer philosophischen Perspektive, indem sie die Nikomachische Ethik von Aristoteles als moraltheoretische Grundlage heranzieht. Ziel ist es, die Frage zu beantworten, warum eine charakterliche Formung und die Ausbildung von Tugenden notwendig sind, um im Sinne eines gelingenden Lebens richtig zu handeln.
- Nachhaltiges Handeln und aristotelische Ethik
- Die Rolle der Eudaimonia als höchstes Ziel
- Die Bedeutung von Tugend (areté) und Charakterbildung
- Handlungstheoretische Aspekte des Strebevermögens
- Die Verbindung zwischen Vernunft und tugendhaftem Handeln
Auszug aus dem Buch
2. Was ist richtiges Handeln nach Aristoteles?
Aristoteles interessiert sich bei der moralischen Bewertung einer Handlung weder dafür, ob sie pflichtgemäß ist, noch dafür, welche Konsequenzen sie hat. Ihn interessieren nicht einmal einzelne Handlungen oder wie sich ein Akteur in einem Einzelfall verhält. Seine Betrachtung des richtigen Handelns umfasst das ganze Leben des Akteurs. Ein gelingendes Leben hängt also nicht von der Qualität einzelner Handlungen ab, sondern von einer Lebensführung im Ganzen. Diese Punkte möchte ich in 2.1. entwickeln. In 2.2. zeige ich, warum Aristoteles denkt, dass der tugendhafte Mensch nicht wider sein besseres Wissen handeln kann.
2.1. Richtiges Handeln meint, ein gelingendes Leben im Ganzen zu führen.
Aristoteles beschäftigt sich in seiner Nikomachischen Ethik mit Untersuchungen von Begriffen wie „Handlung“ und „Ziel“. Ihm zufolge strebt jedes Handeln nach einem Gut. Damit meint er, dass jedes Handeln ein Ziel oder einen Zweck verfolgt oder verwirklichen soll. Jede techné und jede methodos, ebenso jede praxis und jede prohairesis strebt, so wird allgemein angenommen (dokei), nach einem Gut (agathon). Deshalb ist der Satz „Gut (agathon) ist das, wonach alles strebt“ zu Recht geäußert worden. Aristoteles entwickelt mit diesen Aussagen gleich zu Beginn seiner Abhandlung eine Struktur von Handeln. Er unterscheidet dabei Kategorien menschlichen Handelns. Als techné bezeichnet er eine praktische Fertigkeit, die Ergebnisse erzeugt oder Dinge hervorbringt, wie z.B. den Hausbau. Mit methodos scheint Aristoteles das zu meinen, was er gewöhnlich Wissenschaft (epistémé) oder wissenschaftliche Untersuchung oder Lehre nennt. Den Ausdruck praxis verwendet Aristoteles für eine Tätigkeiten wie Flötespielen, aber auch das ethische Handeln, das durch den Begriff der prohairesis im Sinne von Entscheidung oder Vorsatz ausgedrückt sein dürfte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des nachhaltigen Handelns ein und begründet die Wahl der aristotelischen Ethik als moralphilosophisches Fundament für die Untersuchung.
2. Was ist richtiges Handeln nach Aristoteles?: Dieses Kapitel legt die Grundlagen für den aristotelischen Handlungsbegriff und das Streben nach dem höchsten Gut (Eudaimonia) dar.
2.1. Richtiges Handeln meint, ein gelingendes Leben im Ganzen zu führen: Hier wird erläutert, wie Handlungen nach Aristoteles durch Ziele strukturiert sind und warum das Gelingen des gesamten Lebens im Zentrum steht.
2.2. Warum gibt es für den Tugendhaften kein Handeln wider besseres Wissen: Das Kapitel analysiert die Verbindung von Erkenntnis, Streben und Charakter und warum Tugendhafte im Einklang mit ihrer Vernunft handeln.
2.3. Vom richtigen Strebevermögen: Es wird die Struktur der menschlichen Seele untersucht und dargelegt, wie das Strebevermögen durch Vernunft geleitet werden muss.
3. Warum braucht man Tugenden / charakterliche Formung?: Das Kapitel begründet, warum die bloße Erkenntnis des Richtigen nicht ausreicht und eine dauerhafte charakterliche Formung nötig ist.
3.1. Was versteht Aristoteles unter Tugend (areté)?: Eine begriffliche Klärung der areté als Exzellenz und Vorzugshaltung, die durch Gewöhnung und Erziehung entwickelt wird.
3.2. Warum ist Tugend nötig, um das Richtige zu tun?: Der Fokus liegt auf der Rolle der prohairesis und der phronesis, die notwendig sind, um eine sittliche Disposition für das richtige Handeln zu erlangen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Bedeutung einer Tugendethik für die moderne Verantwortungsethik und nachhaltiges Handeln.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, nachhaltiges Handeln, Eudaimonia, Tugend, areté, phronesis, prohairesis, Lebensführung, Charakterbildung, Vernunft, Strebevermögen, moralische Praxis, gelingendes Leben, Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Konzept des nachhaltigen Handelns im Alltag durch die aristotelische Tugendethik fundiert werden kann.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Die zentralen Themen sind das Streben nach dem "guten Leben" (Eudaimonia), die Bedeutung von Charaktertugenden, die Rolle der Vernunft bei der Handlungssteuerung und die notwendige Verbindung von Wissen und sittlicher Haltung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, warum nur der tugendhafte Mensch in der Lage ist, im Sinne eines nachhaltigen Handelns richtig zu handeln, und welche Rolle die charakterliche Formung dabei spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine hermeneutische und rekonstruktive Analyse der „Nikomachischen Ethik“ von Aristoteles durch, um dessen philosophische Konzepte auf die heutige Frage nach nachhaltigem Handeln zu beziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des aristotelischen Handlungs- und Zielbegriffs, die Analyse des Strebevermögens sowie die Erläuterung der Bedeutung von Tugend (areté) und praktischer Klugheit (phronesis).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die zentralen Begriffe sind Aristoteles, Tugendethik, Eudaimonia, Nachhaltigkeit, prohairesis, Charakterbildung und Lebensführung.
Warum ist laut Aristoteles Wissen allein nicht ausreichend für das richtige Handeln?
Der Autor legt dar, dass es für das richtige Handeln einer charakterlichen Disposition bedarf, die durch Gewöhnung und Erziehung gefestigt ist, da bloßes theoretisches Wissen die Affekte und das Strebevermögen nicht automatisch in die richtige Bahn lenkt.
Welche Bedeutung hat die "prohairesis" für das Handeln?
Die prohairesis bezeichnet die bewusste Entscheidung oder den Vorsatz, der durch Überlegung zu einem bestimmten Ziel führt; sie ist das Bindeglied zwischen der moralischen Erkenntnis und der tatsächlichen Handlung.
- Quote paper
- Eckhard Janiesch (Author), 2014, Vom guten Leben. Warum handelt nur der Tugendhafte richtig im Sinne von nachhaltig?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1730926