Die Bedeutung des Patriarchalismus im Drama des 18. Jahrhunderts

Am Beispiel von Jakob Michael Reinhold Lenz’ „Der Hofmeister“


Hausarbeit, 2009

16 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung und Begriffsherkunft: Patriarchalismus

3 Merkmale des Patriarchalismus und ihre Bedeutung in Lenz’ Der Hofmeister
3.1 Durch den Begriffsursprung abgeleitete Merkmale
3.2 Die Patriarchalische Familie
3.3 Wertvorstellungen und Rollenmuster
3.4 Dualität

4 Schlussfolgerung: In wie weit ist die patriarchalische Familienordnung in Lenz’ Hofmeister gegeben?
4.1 Wandel der Verhältnisse im Laufe des 18. Jahrhundert
4.2 Welche Bedeutung misst Lenz dem Patriarchalismus im Hofmeister zu?

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„So recht; so lieb ich’s; hübsch fleißig – und wenn die Canaille[1] nicht behalten will, Herr Läuffer, so schlagen Sie ihm das Buch an den Kopf, dass er’s Aufstehen vergisst“[2] – so versucht Lenz gleich im ersten Akt die Rollenverteilung der Personen klar herauszustellen. Hier weist er dem Major, der die zentrale zu betrachtende Vaterfigur ist, seine Rolle als Patriarch zu, was im folgenden Verlauf näher erläutert wird.

Bei der Untersuchung des Werkes bin ich dann jedoch auf Zwiespältigkeiten gestoßen, die das gesellschaftliche Bild der Familie des 18. Jahrhunderts widerspiegeln.

In wie weit ist also die patriarchalische Familienordnung in Lenz’ Hofmeister überhaupt gegeben?

Dies ist die zentrale Frage, der ich in folgender Arbeit nachgehen werde. Meine Untersuchungen stützen sich auf die Darstellung in Lenz’ Hofmeister, in dem es zwar vorrangig um die Debatte der Privaterziehung geht, die im 18. Jahrhundert aufstrebte, aber es lässt sich auch eine Positionierung zur Frage des Patriarchalismus erkennen.

Meine Erkenntnisse bezüglich dieser Positionierung basieren vor allem auf Bengt Algot Sørensen Herrschaft und Zärtlichkeit, da dieses Werk sich intensiv mit der allgemeinen Idee des Patriarchalismus im Drama des 18. Jahrhunderts beschäftigt.

Dabei werde ich wie folgt vorgehen: Nachdem ich zu Beginn zunächst den Begriff des Patriarchalismus erklärt und in seiner Herkunftsform definiert habe, werde ich die Merkmale des Patriarchalismus herausstellen, um anhand derer dann zu untersuchen, welche Bedeutung Lenz ihnen im Hofmeister zumisst. Darauf folgt dann meine Schlussfolgerung, in der ich mich zu meiner Leitfrage positionierend äußern möchte.

2 Begriffsklärung und Begriffsherkunft: Patriarchalismus

Patriarchalismus ist ein aus dem Kirchenlatein stammender Begriff und meint die „Herrschaft der Väter“. Er leitet sich ab von den griechischen Wörtern páter, was Vater bedeutet, und arché, was so viel heißt wie Ursprung oder Herrschaft.

Der Patriarchalismus stellt eine Gesellschaftsform dar, in der der Mann oder Vater das Patriarchat und somit eine bevorzugte Stellung in der Gesellschaft innehat.

Patriarchat, auch Andokratie genannt, beschreibt ein System, welches sich vom griechischen und römischen Recht ableitet, in dem das männliche Oberhaupt der Familie und des Haushaltes die rechtliche und ökonomische Macht über die abhängigen weiblichen und männlichen Mitglieder der Familie und des Haushalts ausübt.[3]

Die hausväterliche Gewalt stellt also das organisierende Prinzip dieses Systems dar, welches im 18. Jahrhundert oft als reinster Typ traditioneller Herrschaft angesehen wurde.

Dabei ist der Patriarchalismus geprägt von derzeitigen Wertvorstellungen, Ideologien, Gefühlen und Rollenmustern, deren Erfüllung für das System unumgänglich ist und auf die ich im weiteren Verlauf der Arbeit näher eingehen möchte.

Nachdem ich den Begriff des Patriarchalismus kurz erläutert und erklärt habe, möchte ich nun seine Merkmale erörtern und ihre Bedeutung anhand des im Seminar gelesenen Dramas betrachten.

3 Merkmale des Patriarchalismus und ihre Bedeutung in Lenz’ Der Hofmeister

3.1 Durch den Begriffsursprung abgeleitete Merkmale

Die Patrilinearität beschreibt die über die Stammbaumlinie des Vaters definierte Familienzugehörigkeit. Wichtig sind also nur direkte Blutsverwandte aus der Linie des Vaters. Außerdem beschreibt der Begriff der Patrilinearität die so genannte patrimoniale Erbfolge, d. h., es geht um die Frage, wer das Erbe des Vaters antritt und die Namensgebung, welche in diesem Zusammenhang auch Patronymie genannt wird.[4]

In Lenz’ Der Hofmeister wird dies deutlich an den tragenden Figuren. Die Handlung dreht sich um die Familie des Majors, zu der auch dessen Bruder Herr von Berg und sein Sohn Fritz gehören. (z. B. HM 6) Es spielt also ausschließlich die Stammlinie des Majors eine Rolle und nicht zum Beispiel die der Majorin.

Ein weiteres für das 18. Jahrhundert bedeutsames Merkmal des Patriarchalismus stellt die Patrilokalität dar. Damit ist gemeint, dass der Wohnsitz junger Familien, z.B. frisch verheirateter Paare, bei dem Vater des Mannes bzw. bei der Herkunftsfamilie des Mannes lokalisiert ist.

Da in Lenz’ Der Hofmeister die Hochzeiten alle erst am Ende arrangiert werden, kann diesbezüglich keine genaue Aussage getroffen werden. Es lässt sich jedoch vermuten, dass auch dieses Merkmal eine Bedeutung findet, da sowohl der Major mit seiner Familie als auch der Herr von Berg in derselben Stadt ihren Wohnsitz haben. Das könnte bedeuten, dass deren Vater oder jemand aus der Herkunftsfamilie ihres Vaters dort gelebt hat, wie es in der patriarchalischen Familie üblich war.

Was noch üblich war im Gefüge der patriarchalischen Familie, möchte ich im nächsten Punkt darstellen.

3.2 Die Patriarchalische Familie

Der Patriarchalismus ist eine feste Konstante in Familienarrangements des 16. bis 18. Jahrhunderts. Wie bereits erwähnt, stellt er ein geschlossenes einheitliches und familiäres System dar, bei dem das organisierende Prinzip die hausväterliche Gewalt ist. Diese patriarchalische Grundidee finden wir im Hofmeister zum Teil realisiert durch die Verhältnisse zwischen Herr von Berg und seinem Sohn Fritz (HM 6). In der Familie des Majors ist diese Grundidee allerdings gestört, da die Majorin, die hier als „eitle Patronin“ (HM 7) dargestellt wird, herrschsüchtig ist und ihren Mann von seiner Vormachtsstellung verdrängt.[5] Dies ist dem Major bewusst, was sich in folgender Äußerung zeigt: „Meine Frau macht mir bittre Tage genug: sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und Verstand hat, als ich.“ (HM 13)

Die Dramen des 18. Jahrhunderts, sei es Lessings Emilia Galotti oder Schillers Kabale und Liebe, stellen häufig das im Patriarchalismus begründete Netz zwischenmenschlicher Beziehungen dar, welche eng mit einander verknüpft sind und sich gegenseitig bedingen.[6] Dennoch nimmt der Konflikt seinen Ausgangspunkt oftmals in der Störung der familiären Ordnung.[7]

Im Hofmeister sind es vor allem folgende Tatsachen, die eine Störung verursachen:

Gustchen hält sich nicht an die moralischen Normen, die in der Familie und der Gesellschaft gelten, denn sie lässt sich auf ein Stelldichein mit dem Hauslehrer ein, welcher auf der anderen Seite ebenso wenig die Regeln, die für ihn als Dienenden im Hause des Majors gelten, befolgt (z. B. HM 34). Zudem unterdrückt die Majorin den Hausvater, den Major, wie oben schon aufgeführt. Sørensen stellt in diesem Zusammenhang treffend fest: „In dem Augenblick wo ein Glied des Hauses seinen eigenen, individuellen Wünschen gegen den Willen des Hausvaters folgt, ist die ‚Ordnung’ gestört.“[8]

Zu dieser Ordnung gehörte im 18. Jahrhundert auch noch die Ehestiftung. Jedoch nicht uneingeschränkt. Die Eltern waren bestrebt, den perfekten Partner für die Tochter zu finden und eine Heirat zu arrangieren, dabei ging es jedoch nicht danach, ob der jeweilige Mann

besonders liebevoll war, sondern es ging einfach um seinen Stand, sein Einkommen und sein Ansehen.

Die Idee der Ehestiftung war aber zu dieser Zeit schon nicht mehr so absolut, wie sie es einst gewesen ist. Im 18. Jahrhundert hatten Kinder bereits das Recht bei der Wahl des Partners mitzubestimmen. Es kam also nur zur Hochzeit, wenn alle einverstanden waren, d. h. wenn die Tochter jemanden heiraten wollte, gegen den die Eltern große Einwände hatten, dann hatten auch sie das Recht einzuschreiten. Dies galt als „schuldiger Gehorsam gegen die Eltern […] und um die Möglichkeit der patriarchalischen Fürsorge für die Kinder“[9] zu geben.

In Lenz’ Hofmeister lässt sich dies gut an der Beziehung von Fritz von Berg und Gustchen zeigen. Die beiden schwören sich ewige Treue, und Fritz besteht darauf diesen Schwur weder zurück zu nehmen noch zu brechen. Der Geheime Rat von Berg, welcher der Vater von Fritz ist und der Onkel von Gustchen, trennt die beiden voneinander und will die Beziehung generell verhindern (HM 13-18). Sie dürfen ab sofort nur noch offene Briefe schreiben.

Damit nimmt der Rat Fritz und Gustchen die Möglichkeit, die Entwicklung ihrer Liebe zu beobachten, wie es Lenz in den Lebensregeln gleich zu Anfang beschreibt. Sie sind zu jung und sie ’lieben’ sich erst kurze Zeit. Bewähren kann sich ihre Liebe durch die vom Rat verordnete Trennung nicht – sie tut es ja auch nicht.[10]

Daher wird erst am Ende des Dramas bei der großen Versöhnungsfeier die Aussicht auf eine Heirat deutlich. Mit „und denkst du noch an Gustchen?“ (HM 91) leitet Herr von Berg ein, dass die beiden sich wieder vereinen können und überzeugt seinen Bruder der Vermählung zuzustimmen: „Sacht! ihr Freier ist bei ihr – Willst du deine Einwilligung geben?“ (HM 93)

In den patriarchalischen Familien herrschte eine strenge Grundordnung. Dazu gehörte unter anderem das Leben und Agieren nach bestimmten Rollenmustern, die ich im folgenden Punkt beleuchten möchte.

[...]


[1] (abwertend) schurkischer Mensch, Gesindel, Pack

[2] Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Stuttgart: Reclam 2001.

S. 10.

Alle Primärzitate sind dieser Ausgabe entnommen. Für einen besseren Lesefluss wird im Folgenden als HM im laufenden Text zitiert.

[3] Vgl. Moritz Zinkernagel: Patriarchat – Definition, Entstehung, Erklärungsansätze. 1. Aufl., Norderstedt: Grin Verlag 2007. S. 4.

[4] Vgl. Moritz Zinkernagel: Patriarchat – Definition, Entstehung, Erklärungsansätze. 1. Aufl., Norderstedt: Grin Verlag 2007. S. 4.

[5] Vgl. Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas Bd. 1. Von der Antike bis zur deutschen Klassik. 2. überarbeitete und erweiterte Aufl., Tübingen und Basel: A. Francke Verlag 1999. S.339.

[6] So wird beispielsweise Emilias Tod zu einem Beispiel patriarchalischer Gewalt, wenn Odoardo seine Tochter ersticht, um ihre Unschuld vor der Vergnügungssucht des Prinzen zu bewahren.

[7] Vgl. Bengt Algot Sørensen: Herrschaft und Zärtlichkeit. Der Patriarchalismus und das Drama im 18. Jahrhundert. München: Beck 1984. S. 17.

[8] Sørensen: Herrschaft und Zärtlichkeit. S. 19.

[9] Sørensen: Herrschaft und Zärtlichkeit. S. 20.

[10] Christof Zierath: Moral und Sexualität bei Jakob Michael Reinhold Lenz. St. Ingbert: Röhrig 1995. S. 127.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Patriarchalismus im Drama des 18. Jahrhunderts
Untertitel
Am Beispiel von Jakob Michael Reinhold Lenz’ „Der Hofmeister“
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Einführung in die Literaturwissenschaft
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V173184
ISBN (eBook)
9783640933808
ISBN (Buch)
9783640933655
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Patriarchalismus, 18.Jahrhundert, Jakob Michael Reinhold Lenz, Der Hofmeister
Arbeit zitieren
Stine Schildhauer (Autor), 2009, Die Bedeutung des Patriarchalismus im Drama des 18. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173184

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