Das Königreich Min


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
21 Seiten, Note: Gibt es bei uns nicht

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Erbe der Tang

III. Einigung und Zerfall unter den Wang Brüdern – das Königreich Min

IV. Die Wiedervereinigung unter den Song

V. Schussfolgerungen

VI. Anhang:
A. Zur Person des Wang Shenzhi
B. Übersetzung: Grabinschrift der Renshi, Gattin des Wang Shenzhi
C. Karte der Wu Dai-Zeit

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die chinesische Provinz Fujian gehört zu den wirtschaftlichen Gewinnern der chinesischen Öffnungspolitik. Sie gehört heute zu den größten Lieferanten für Tee, Gummi, Früchten und Fisch und ist besonders aktiv am Warenaustausch mit Taiwan beteiligt. Vor allem die fruchtbaren Flusstäler dienen der Provinz als Garant für den wirtschaftlichen Erfolg. Doch Fujian ist geographisch stark von seinen Nachbarn isoliert. Der von Bergen durchzogenen Provinz, gelang es erst in den letzten Jahrhunderten einen intensiven Binnenhandel aufzubauen. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die früheren Herrscher der Region auf den Außenhandel konzentrierten. Vor allem muslimische Kaufleute vertrieben dort ihre Waren und füllten ihre Schiffe mit Tee, Porzellan und Bronzestatuen. Anzeichen für diese Einflüsse lassen sich auch heute noch in Fujian finden. So befindet sich in Quanzhou, Fujians zweitgrößter Hafenstadt, die älteste Mosche auf dem chinesischen Festland und dient als Zeichen für den regen Handel mit arabischen Kaufleuten im 11. Jahrhundert.[1] Vor allem Tee wurde nach ganz Südostasien und dann auch nach Europa exportiert. Erst als die Briten Mitte des 19. Jahrhunderts anfingen Tee in Indien anzubauen, verlor die chinesische Provinz ihr Monopol auf dieses Produkt, dem sie sogar ihren Namen gegeben hat[2].

Erstmals wurde Tee in Fujian während der Tang Dynastie (618-907) angebaut und wurde bald darauf von ausländischen Kaufleuten in alle Welt verkauft. Doch nicht nur der Handel mit Tee war wegweisend für die heutige Entwicklung Fujians. Die Provinz hat sich seit der Tang Dynastie um einen intensiven Außenhandel bemüht. Auch die damaligen Herrscher förderten den Austausch mit Ausländern – nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet. Trotzdem sah sich die Region mit großen Herausforderungen konfrontiert als die Tang Dynastie zerbrach und das politische Chaos von nun an das Leben der Menschen bestimmte. Erstaunlich ist jedoch, dass gerade in dieser Zeit des Umbruchs, der Zeit der Fünf Dynastien (907-960), viele positiven Entwicklungen im Bereich der Wirtschaft und Kultur stattgefunden haben, die die fortwährende Geschichte Chinas geprägt haben. Vor allem in der heutigen Provinz Fujian, dem damaligen Königreich Min, blühte nicht nur der Außenhandel, sondern auch der Buddhismus. Trotz aller innerpolitischen Schwierigkeiten, schafften es die Min-Herrscher wirtschaftliche und kulturelle Voraussetzungen zu schaffen, die einen Übergang zu der oft als Beginn der Moderne gesehenen Song Zeit (960-1279) erlaubten. Auch wenn die Zeit der Fünf Dynastien in vielen Geschichtsbüchern nur peripher als „Übergangszeit“ dargestellt wird, war diese Übergangszeit meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil für die weitere Endwicklung Chinas im Allgemeinen und Fujians im Besonderen.

II. Das Erbe der Tang

Selbst wenn man nichts über China weiß, so hat man gewiss schon einmal von der glorreichen Tang Dynastie und den weltberühmten Gedichten die aus dieser Zeit stammen gehört. Meist wird die Tang Dynastie als weltoffene Zeit der kulturellen Blüte beschrieben, die zudem wirtschaftlich florierte. Aber die Tang Herrscher hatte gleichzeitig auch mit vielen unterschiedlichen politischen Strömungen zu kämpfen, die sie schussendlich nicht mehr zusammenhalten konnten – das Reich zerfiel. Doch die Tang setzten Standards die entscheidend für die zukünftige Entwicklung Chinas waren.

Das Reich der Tang wurde zentralistisch verwaltet und wurde bestimmt durch das Prinzip der Erbfolge. Aristrokatenfamilien besetzten üblicherweise hohe Regierungsposten und bestimmten ihre Abkömmlinge zu ihren Nachfolgern. Beamtentitel konnten zwar auch durch ein Bestehen der kaiserlichen Prüfung[3] erlangt werden, jedoch war dies eher die Ausnahme. Mehrheitlich[4] setzten die Tang Herrscher auf die Unterstützung der mächtigen Adelsfamilien die sie an die Macht gebracht hatten. Und aus dieser Schicht rekrutierten sie auch ihre Beamten. Doch nicht nur der Verwaltungsapparat war diesem Prinzip der Erfolge unterworfen. Auch das Militär[5] war von diesem System geprägt. So war es zum Beispiel für Offiziere und Kommandanten allgemein üblich, sich ihre leitenden Offiziere selbst auszuwählen. Diese wurden dann aufgrund ihrer Beliebtheit zu einem Rang erhoben und konnten diesen dann weitervererben. Diese Praxis ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Armee damals aus Teilzeit-Soldaten bestand und größtenteils von Zivilpersonen gestellt wurde.[6] Vor allem Bauern die in der Nähe der Grenzen lebten und ihre Felder bestellten, wurden für die Infantrie rekrutiert[7] – schliesslich ist ein Mann, der sein eigen Hab und Gut verteiligt wesentlich motivierter, als ein bezahlter Berufssoldat. Doch wirklich zufrieden waren die Tang Herrscher mit diesem System wohl nicht. Der Kaiser Tai Zong (626-49) war sich bereits darüber im Klaren, welche Gefahren das Militär, sowie die großen Adelsfamilien für seine Regentschaft bedeuten könnten. Er versuchte, die Machtverhältnisse zu kippen, und durch eine Förderung des Prüfungssystems eine auf Können basierende Beamtenschicht zu erschaffen. Dieses Vorhaben missglückte ihm aber langfristig. Zur Mitte der Tang Zeit hatten lediglich 15 Prozent[8] der Beamten ihren Titel durch eine staatliche Prüfung erlangt. Die Adligen und Militäroffiziere setzten sich durch und führten das Prinzip der Erbfolge weiterhin fort. Arthur Cottrell schreibt zu der recht willkürlichen Offizierernennung: „It was a practice that the Tang Court disliked but dared not alter.“[9]

Finanziert wurde dieser Beamtenstaat zunächst durch eine Kopfsteuer, d.h. eine Steuer die pro Person in Form von Getreide, Fronarbeiten und Textilien[10] entrichtet werden musste. Durch das „equal-land-system“[11] wurden die Anbauflächen in gleich große Parzellen unterteilt und an die Bauern auf Lebenszeit (entsprechend der Anzahl der männlichen Familienangehörigen)[12] vergeben. Zudem hatten die Bauern eigene Grundstücke, auf denen sie dann z.B. Seide oder Hanf anpflanzten. Gewisse Ländereien unterlagen jedoch nicht oder nur teilweise diesem Tribut- und Steuersystem, wie z.B. Klostergüter oder Beamtenland. Große Familienklans, Adelige und religiöse Gemeinschaften besaßen große Ländereien, die nicht vom Staat besteuert werden konnten und profitierten daher von dieser Ausnahmeregelung. Und der Staat, der durch die Einführung des „equal-land-systems“ auf ein regelmäßiges Steuereinkommen hoffte, nahm immer weniger Steuern ein. Durch korrupte Beamte verschwanden ganze Familien aus den Registern, die für eine genaue Berechnung der Steuern notwendig waren. Zudem übten reiche Adelige mit privaten Darlehen an Bauern Druck auf diese aus und gelangten dadurch zu noch größeren Ländereien. Das System funktionierte schließlich nicht mehr und es mussten neue Einkommensquellen für den Staat erschlossen werden.

Zunächst wurde jedoch das Steuersystem reformiert. Statt der bisherigen Kopfsteuer, wurden nun Steuern auf Grundbestitz und Ernte fällig, die so-genannte „Doppelsteuermethode“[13]. Seitdem war die Höhe der Steuern nicht mehr von der Familiengröße, sondern den Einnahmen abhängig.

Eine der bereits erwähnten neuen Einkommensquellen war die Monopolisierung bestimmter Konsumgüter. Dadurch konnten Steuern auf die Herstellung und den Verkauf von z.B. Salz, Tee und Alkohol erhoben werden. Diese Einnahmen waren „regelmäßige und von der politischen Situation unabhängige Einkünfte“[14] und konnten das bis dahin aufgelaufene Defizit ausgleichen. Der wirtschaftliche Aufschwung trug zum Erfolg dieses Systems bei und nahm die Steuerlast von den Bauern. Doch obwohl die Hauptsteuerlast nun auf dem Handel lag, profitierten vor allem reiche Kaufleute von diesem Steuersystem. Sie waren es, die die Monopolsteuern eintrieben und so ihre Macht ausbauen konnten.

Der Handel konnte sich vor allem durch eine weitgehende Autonomie der ehemaligen Militärbezirke frei entfalten und sich auch dem Export widmen. Besonders Südostasien (Korea, Japan, Indien)[15] nahm hierbei eine bedeutende Stellung ein. Gernet schreibt hierzu:

„Das Reich Min in Fujian, dessen Landverbindungswege mit den inneren Provinzen schlecht waren, bereicherte sich durch den Ausbau seines Seehandels und durch den Export von Seidenwaren und Keramiken, die in Fujian, Zhejiang und Anhui hergestellt wurden.“[16]

Aber die Tang interessierten sich nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht für die fremden „Barbaren“. Sie interessierten sich auch für das Gedankengut der Ausländer und waren zeitweise von allem begeistert was aus der Fremde kam, wie z.B. Musik, Wohngegenstände und Nahrungsmittel. Vor allem die Hauptstadt Chang’an wurde zu einem Zentrum ausländischer Kulturen und wurde von zahlreichen Priestern, Kaufleuten und Reisenden[17] besucht.

„Grabmalereien und Grabfiguren des 7. und 8. Jahrhunderts zeugen in lebendiger Weise vom damaligen Interesse der Chinesen für die fremdesten dieser Ausländer, die im allgemeinen einen dunklen Teint und hervorspringende Nasen hatten [...]“[18]

Aber die ausländischen Händler brachten nicht nur Waren mit ins Kaiserreich. Über die Seidenstrasse war bereits der Buddhismus ins Reich der Mitte gelangt, und die Kaufleute der Tang-Ära brachten vor allem den Islam, aber auch christliche Einflüsse mit sich. Dennoch blieb der Buddhismus die prägende Strömung im geistlichen Leben der Chinesen. Vom Ende des 6.Jahrhunderts bis zur Mitte des 9.Jahrhunderts galt China als das „glanzvollste Zentrum des Buddhismus“[19] und wurde daher gerade von Buddhisten aus Japan und Korea oft besucht. Auch die Chinesen selbst unternahmen viele Pilgerfahrten nach Indien und kamen mit einer Schwemme von buddhistischen Inschriften zurück, die dann übersetzt wurden und auch den bereits genannten buddhistischen Reisenden zum Studium dienten. Obwohl die Tang Herrscher meist dem Daoismus oder Konfuzinismus näher standen[20], wurde der Buddhismus zunächst noch geduldet.

Dies änderte sich jedoch im neunten Jahrhundert. Vor allem der unter den Beamten weit verbreitete Konfuzianismus[21], der den Buddhismus als Staatsreligion verdrängt hatte, bot in vielerlei Hinsicht Ansätze der Kritik an den buddhistischen Lehren. Han Yu (768-824) war einer der Kritiker, der die Skepsis gegenüber dem Buddhismus stark vorantrieb. „He pointedly reminded the emperor that China had known little peace since the time of Han Ming Di, when Buddhism first appeared.“[22] Han Yu machte sich vor allem Sorgen um den abergläubischen Einfluss auf den Kaiserhof. Diese Besorgnis wurde von den euphorischen Kundgebungen nach jedem Eintreffen neuer Inschriften noch verstärkt. Die Schwemme der buddhistischen Schriften zu der Zeit und der Einfluss der ausländischen Kaufleute taten wahrscheinlich ihr übriges, um den Kaiser von der Gefährlichkeit dieses „Aberglaubens“ zu überzeugen. Hierbei kamen sowohl wirtschaftliche, als auch politische Anklagen zu Tage: „Die Mönche sind Parasiten, sie produzieren keine Nachkommen und betrügen den Staat um Steuern und Abgeben; der Tempelbau verschlingt Unsummen an Arbeitskraft und Material“[23]. Zudem bilde „die buddhistische Mönschgemeinschaft [...] einen Staat im Staate und beeinträchtige damit die Souveränität des Herrschers.“[24]

[...]


[1] Zur Geschichte Fujians siehe: Perkins

[2] Tee wurde ursprünglich mit dem Wort „Lay“ bezeichnet und stammt aus dem Min-Dialekt, der in Fujian gesprochen wird. (Perkins)

[3] Die Prüfung wurde vom Kaiser persönlich geleitet und bestand hauptsächlich daraus, konfuzianische Klassiker zu interpretieren.(Tang)

[4] Eine Ausnahme war hier die Kaiserin Wu Ze Tian, die von 690 bis 705 herrschte. Sie entschied sich bewußt für erfolgreiche Prüflinge, um wichtige Posten zu besetzen. Cottrell sieht darin den Versuch die mächtigen Adelsfamilien zu schwächen, die ihrer Herrschaft entgegenwirkten.

[5] Das Militär war zu dieser Zeit nicht nur wichtig, weil es die Sicherheit der Grenzen gewährleistete, sondern verwaltete in vielen Regionen auch Länderein und erlangte daher großen Einfluss in manchen Gebieten.

[6] Siehe hierzu: Tang

[7] Gernet

[8] Fairbank, S. 94

[9] Cottrell, S. 155, Z. 21

[10] Je nach Region zählten Seide oder Hanftücher zu den Tributleistungen.

[11] Tang

[12] Grundstücke auf Lebenszeit wurden nicht an Alte, Kranke, Witwen, Händler, Handwerker , Nonnen oder Mönche vergeben.(Gernet, S. 209)

[13] Siehe hierzu: Gernet

[14] Gernet, S. 222, Z.21

[15] Tang

[16] Gernet, S. 228, Z. 18 ff.

[17] Die Priester, Kaufleute und Reisende kamen vorwiegend aus Zentral- und Südostasien, sowie den arabischen Ländern (z.B. Persien, Turkestan, Korea, Japan, Indien).

[18] Gernet, S. 237, Z.37

[19] Gernet, S. 233, Z.40

[20] „Although Tang emperors generally were more fond of Taoism, most great personalities also protected Buddhism, especially empress Wu who sponsored some of the great works at the Longmen caves.“ (Tang)

[21] Der Konfuzianismus wurde von den Tang Herrschern als ausgezeichnetes Regierungsinstrument angesehen und wurde 630 zur offiziellen Staatsreligion. Die Kaiser waren sich sicher, dass der Konfuzianismus, der einen perfekt ergebenen und loyalen Bürger voraussetzt, keine Zweifel an den bestehenden Machtverhältnissen aufkommen lassen könnte.

[22] Cottrell, S.143, Z.1 ff.

[23] Schmidt-Glintzer, S.127, Z.13 ff.

[24] Ibid.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Königreich Min
Hochschule
Universität Hamburg  (AAI)
Veranstaltung
Grabinschriften aus der Zeit der Fünf Dynastien
Note
Gibt es bei uns nicht
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V17324
ISBN (eBook)
9783638219228
ISBN (Buch)
9783656697909
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit enthält einen Abriss der Geschichte des Königreichs Min, sowie dessen Auswirkungen auf die moderne Entwicklung Südchinas (speziell die Provinz Fujian). Zudem befindet sich im Anhang die Übersetzung der Grabinschrift der Renshi - Frau des Königs Wang Shenzhi.
Schlagworte
Königreich, Grabinschriften, Zeit, Fünf, Dynastien
Arbeit zitieren
Anja Schmidt (Autor), 2003, Das Königreich Min, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17324

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