Politik der christlichen Werte

Politische Partizipation in bürgerlichen Interessengruppen und das christliche Wertebild der katholischen Kirche


Seminararbeit, 2010
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Begriffe, Kriterien und Instrumente
3.1. Säkularisierung
3.2. Religion und Politik
3.3. Der Religionsmonitor

4. Methodische Vorgehensweise

5. Der Katholische Katechismus
5.1. Geschichte des Katechismus
5.2. Der Katholische Katechismus von 1992 und 2005

6. Bürgerliche Interessengruppen und christliche Werte
6.1. Bürgerliche Interessengruppen und ihre Inhalte
6.1.1. BUND. Freunde der Erde
6.1.2. Amnesty International Deutschland
6.1.3. Verein für Sozialarbeit München
6.2. Korrelation zwischen Katholischem Katechismus und Bürgerlichen Interessengruppen

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Zivilgesellschaft als Bedeutung für den Fortbestand und die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft hat seit langem größere Aufmerksamkeit in Wissenschaft und Politik gefunden. Trotz sinkender Wahlbeteiligungen und angeblicher Politikverdrossenheit finden sich immer mehr Menschen in Deutschland in Verbänden und Gruppen zusammen, durch die sie ihre politischen Ansichten am besten vertreten fühlen und in denen sie aktiv am politischen und gesellschaftlichen Diskurs beteiligt sind. Bürgerliche Interessengruppen,1 die erheblichen Einfluss auf den politischen Willensbildungsprozess ausüben, haben in ihrer Zahl und organisatorischer Ausprägung in den letzten vierzig Jahren erheblich zugenommen.2 Menschen glauben an eine Sache, für die sie sich einsetzen und durch die sie sich - subjektiv betrachtet - einem höheren Ziel zugehörig fühlen können. Eingebettet in ein westliches, positives Rechtssystem, werden so menschlich-moralische Tugenden wie Mitgefühl oder Verantwortung für Mitmenschen und Umwelt praktiziert. Vor allem in westlich-demokratischen Gesellschaften werden diese Werte internalisiert und ggf. konserviert. Solche demokratische Verfahren scheinen - funktional gesehen - eine Methode zur Erzeugung von Legitimität und Legalität in einer westlichen Gesellschaft zu sein, da die Partizipation zur Debatte und die Debatte zum Konsens führt. Daraus ergeben sich wiederum neue Werte (oder bestehende Werte werden gefestigt) und Regeln, nach denen die Menschen dann handeln.3

Wozu also noch Religion? Wir leben in einem säkularisierten Staat - hat der heilige Stuhl noch Einfluss auf die deutsche Politik und wenn ja, ist diese Einflussnahme überhaupt notwendig ? Sei es Abtreibung, Umweltschutz, Gentechnik, Erziehung oder Ethik: Überall scheint sich die Kirche in das politische Leben einzumischen. In Zeiten der offenbar religiös motivierten Konflikte und rückgängigen Mitgliederzahlen der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland wirft sich die Frage nach der vollständigen Säkularisierung von Politik und Religion auf. Ob politische Herrschaft noch auf religiöse Überlieferungen angewiesen ist und ein pluralistisches Gemeinwesen über einen bloßen modus vivendi hinaus zu stabilisieren ist, ist die Frage, die sich vielen Menschen heutzutage stellt. In den letzten Jahren ist die totgeglaubte Religion in den westlichen Gesellschaften wieder in die Öffentlichkeit zurückgekehrt; die Forschung beschäftigt sich wieder verstärkt mit der Säkularisierungsthese und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Politik und Religion wird wieder gestellt.

Dazu geht das Gespenst der Islamisierung Europas um. Durch die islamischen Migrationsgruppen, die ihren Glauben in den Staaten Europas ausüben, fühlen sich viele Menschen geängstigt. Rechtskonservative fordern die Rückkehr zum christlichen Glauben, um ein Bollwerk gegen die verstärkte Einflussnahme der in Deutschland und Europa lebenden Muslime zu errichten. Doch ist es um den christlichen Glauben und die christlichen Werte, die das europäische Abendland über Jahrhunderte geprägt haben, so schlecht bestelltund ist europäisch-westliche Politik, respektive Politik durch bürgerliche Interessengruppen, ohne Religion praktizierbar ?

Diese Fragestellung soll anhand verschiedener Daten der Religionsmonitore 2008 und 2009 und Programmen bürgerlicher Interessengruppen überprüft werden. Die die Arbeit anleitende These dazu lautet:

Inhalte und Beteiligung bürgerlicher Interessengruppen in westlichen Gesellschaften sind maßgeblich abhängig vom Wertesystem, dem der christliche Glaube zu Grunde liegt. Somit ist Politik ohne Religion nicht praktizierbar.

Dieser These soll im Folgenden nachgegangen werden. Dazu werden zunächst die in der Arbeit verwendeten Begriffe und Konzepte, sowie die angewandten Datensätze definiert und voneinander abgegrenzt und die Geschichte des christlichen-katholischen Glaubens4 im deutschen Rechtssystem betrachtet, um dann die die Arbeit anleitende These anhand der verwendeten Daten zu überprüfen und auszuwerten. Der katholische Katechismus von 1992 soll als Leitwerk der praktizierten katholischen Religion dienen, anhand dessen Aussagen über politische Debatten der Gegenwart als Beispiele für christlich geprägte bürgerliche Interessengruppen anschließend angeführt werden.

2. Forschungsstand

Über Jahrzehnte hinweg wurde das Verhältnis von Religion und Moderne von Sozialwissenschaftlern als zumindest spannungsvoll dargestellt. Sei es Auguste Comte, der voraussah, dass eine auf Fakten gegründete Wissenschaft die religiösen Wirklichkeitsvorstellungen komplett ersetzen sollte,5 Émile Durkheim, der die Zusammenhaltskraft der Religion in der modernen Gesellschaft anzweifelte,6 oder Max Weber, der die Ablösung der Religion durch die Herrschaft der kapitalistischen Ordnung prophezeite - in allen Fällen wurden Religion und Moderne als inkompatibel beschrieben. In den letzten Jahren hat sich die Forschung jedoch wieder verstärkt mit Religion beschäftigt. Dabei wird der Zusammenhang zwischen Modernisierung und Säkularisierung öfter in Frage gestellt. Die Einwände gegen die Säkularisierungstheorie kommen aus unterschiedlichen Richtungen. Zum einen wird die nach wie vor hohe Relevanz der Religion auf gesamtgesellschaftlicher Ebene mit dem Begriff der Zivilreligion umschrieben, die die veränderte Gestalt der Religion im Alltagsleben berücksichtigt. Die sog. Individualisierungsthese nimmt Rücksicht auf die veränderte Struktur der postmodernen Gesellschaft und postuliert einen Aufschwung außerkirchlicher, synkretistischer Religiosität, trotz des Bedeutungsrückganges der institutionalisierten Kirchen. In der Sozialkapitalforschung gewinnt das Thema Religion immer mehr an Bedeutung. Besonders in Nordamerika, aber auch zunehmend im deutschsprachigen Raum, wird das sozialintegrative Potential von Religion erneut aufgenommen und untersucht.7

Der entsprechend moderne Religionsbegriff muss daher erheblich vieldeutiger ausgedrückt werden und drückt in der Regel einen normativ strukturierten Komplex aus, der aus Verhaltensweisen und Ideen bestimmt ist, welche einen gemeinsamen Bezug zu einer übernatürlichen Wirklichkeit haben. Die Sakralisierung sozialer Sachverhalte ist bei dieser Begriffsgebung von zentraler Bedeutung.8

3. Begriffe, Kriterien und Instrumente

Zunächst müssen die Begriffe, die in dieser Arbeit verwendet werden, definiert werden. Die bereits im Forschungsstand thematisierten Begriffe Säkularisierung und den Zusammenhang zwischen Politik und Religion gilt es voneinander abzugrenzen und genau festzulegen, um so eine trennscharfe Argumentation zu gewährleisten.

3.1. Säkularisierung

Der Begriff der Säkularisierung beschreibt „die weltliche Ablösung der politischen Ordnung von ihrer geistig-religiösen Bestimmung, die zu einer formal-rechtlichen Trennung von Staat und Religion führt“.9 Zwar herrschen in der Politikwissenschaft drei unterschiedliche Verständnisse von Politik vor (nämlich der Differenzierung des Staates, der Wirtschaft und des Rechtssystems von religiösen Einrichtungen und Normen, dem religionssoziologischen Verständnis, das den Rückgang vom religiösem Glauben durch die Modernisierung der Gesellschaft begründet und der rawlschen Ansicht, Religion sei eine normative Bedingung für liberale und demokratische Politik),10 in dieser Arbeit wird jedoch der Säkularisierungsbegriff, der rein von der Differenzierung von Staat, Recht, Wirtschaft und Religion ausgeht und den Transfer von religiösen Bedeutungen zum zivilen Nutzen beschreibt.11

3.2. Religion und Politik

Religion und Politik gelten als zwei relativ selbstständige und sich entwickelnde Sphären der menschlichen Sozialwelt. „Gleich den Lebenssphären der Kultur, Wirtschaft oder Wissenschaft gelten sie als ein Produkt der sozialen Ausdifferenzierung der geschichtlich- gesellschaftlichen Wirklichkeit, und sie werden dementsprechend in der begrifflichen Sprache der Sozialwissenschaften als Teilsysteme einer gesamtgesellschaftlichen Totalität definiert, die auf eine ihnen eigentümliche Weise in ein Verhältnis wechselseitiger Einflussnahme treten.“12

3.3. Der Religionsmonitor

Der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung ist ein wissenschaftliches Instrument, welches zur Analyse religiöser Dimensionen moderner Gesellschaften entwickelt wurde. Ausgehend von einem substanziellen Religionsbegriff, der die Transzendenz als wesentliches Merkmal des religiösen Erlebens und Verhaltens sieht, wurden ca. 100 Fragen in sechs Kerndimensionen entwickelt, die folgende Ergebnisse zu Religiosität liefern sollen:

- Interesse an religiösen Themen
- Glauben an Gott
- öffentliche religiöse Praxis
- private religiöse Praxis
- religiöse Erfahrung
- allgemeine Alltagsrelevanz der Religion

Ein Zentralitätsindex fasst die Fragemodule und deren Ergebnisse zusammen, woraus sich eine Zuordnung von Nichtreligiösen (Religiöse Praktiken, Inhalte und Erfahrungen spielen kaum eine Rolle), Religiösen (Religiöse Praktiken, Inhalte und Erfahrungen spielen keine zentrale Rolle, kommen in dieser Gruppe jedoch in einer mittleren Intensität vor) und Hochreligiösen (Religiöse Praktiken, Inhalte und Erfahrungen spielen bei dieser Gruppe eine zentrale Rolle. Hochreligiöse beteiligen sich über ihren Glauben am öffentlichen Diskurs) ergibt.13

4. Methodische Vorgehensweise

Die Anwendung des Religionsmonitors auf die Verbindungen zwischen bürgerlichen Interessengruppen und christliche Prägungen stellen das Kernstück dieser Arbeit dar. Im Folgenden sollen nun der Katholische Katechismus und die Programmatik bürgerlicher Interessengruppen vorgestellt und miteinander verglichen werden. Mögliche Korrelationen sollen dann durch die Daten des Religionsmonitors gefiltert werden, um danach ergebnisorientierte Aussagen über die christliche Prägung bürgerlicher Interessengruppen und deren politischer Agenda treffen zu können, um so die die Arbeit anleitende These bearbeiten zu können.14

5. Der Katholische Katechismus

Mit den meisten Konfessionsmitgliedern in Deutschland ist die Katholische Kirche eine wichtige Grundlage des christlichen Werte- und Weltbildes in Deutschland.15 Somit ist der katholische Katechismus, welcher den Leitfaden für römisch-katholische Gläubige bildet, konzeptionell als Indikator für katholischen Glauben gut geeignet.

[...]


1 Bürgerliche Interessengruppen sind hier „dauerhaft organisierte, in der Regel auf freiwilliger Mitgliedschaft basierende Zusammenschlüsse [...] gesellschaftlicher Gruppen mit dem Zweck, nach außen gemeinsame unterdessen zu artikulieren [...]. Sie vermitteln ihre Interessen [...] durch direkte oder indirekte Formen der Einflussnahme [...]. Dies geschieht durch personelle Kontakte und Verflechtungen mit staatlichen Akteuren und anderen Interessengruppen, der Bereitstellung von Fachwissen durch Expertisen, Gutachten und Stellungnahmen sowie durch öffentliche Kampagnen und Demonstrationen [...]. Trampusch, C., Interessengruppen, 2010, S.424.

2 Vgl. dazu Schreyer, B., Grundkurs, 2005, S. 61.

3 Vgl. dazu Pappi, F., Wertewandel, 2010, S. 1222 ff.

4 Hier wird grundsätzlich der katholische Katechismus von 1992 als Leitwerk des katholischen Glaubens verwendet. Die geschichtliche Betrachtung des Christentum dient der Vervollständigung und Vermittlung der Struktur der römisch-katholischen Religion. Auf die Reformation und ihre Auswirkungen auf die bürgerliche Gesellschaft wird in dieser Arbeit nur am Rande eingegangen.

5 Vgl. dazu Bock, M., Auguste Comte, 2006, S. 40 ff.

6 Vgl. dazu Kippenberg, H., Émile Durkheim, 1997, S. 103 ff.

7 Vgl. dazu Putnam, R., Bowling Alone, 2000, S. 20 ff. und Campbell, D., Religion, 2003, S. 87 ff.

8 Vgl. dazu Gebhard, J., Religion und Politik, 2010, S. 914 ff.

9 Böckenförde, E., Entstehung des Staates, 2006, S. 92.

10 Vgl. dazu Künkler, M., Säkularisierung, 2010, S. 934 ff.

11 Vgl. dazu Casanova, J., Public Religions, 1994, S. 12 ff.

12 Gebhardt, J., 2010, S. 912.

13 Vgl. dazu Religionsmonitor, 2008, S. 6 ff.

14 Gruppen und Verbände wie Brot für die Welt, Caritas, Miserior Aktion Mensch oder andere, von der Kirche finanzierte, bzw. Unterstützte Gruppen, Verbände und Organisationen werden in dieser Arbeit nicht berücksichtigt.

15 Vgl. dazu Bertelsmann Stiftung, Religionsmonitor, 2008, S. 4 ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Politik der christlichen Werte
Untertitel
Politische Partizipation in bürgerlichen Interessengruppen und das christliche Wertebild der katholischen Kirche
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Veranstaltung
Staat, Religion, Kultur
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V173265
ISBN (eBook)
9783640934454
ISBN (Buch)
9783640934706
Dateigröße
911 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politik, werte, politische, partizipation, interessengruppen, wertebild, kirche
Arbeit zitieren
Christoph Blepp (Autor), 2010, Politik der christlichen Werte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173265

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