ADHS, Krankheit oder kulturelles Phänomen?


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitende Fragen und erste Ausblicke

Die kindliche Entwicklung nach Jean Piaget

Normale Entwicklung?

Was ist ADHS?

Was ist ADHS und wie wird damit umgegangen? Zwei Ansichten

Gesellschaftskritik

Fazit

Literaturverzeichnis

Internetverzeichnis

Einleitende Fragen und erste Ausblicke

Anders sein als Andere. Größer sein als Andere. Dicker sein als Andere. Ist nicht jeder Mensch anders? Jeder Mensch ist doch auf seine Art und Weise einzigartig? Was ist an diesen Zuständen auszusetzen? Ist anders sein eine Krankheit? Wer sagt wer anders ist, wer von der Norm abweicht? Wer legt heutzutage fest was „normal“ und damit „richtig“ ist? Gerade im Hinblick auf Kinder kommen diese unzähligen Fragen nach Normalität zum Vorschein. Aktuell sind viele Eltern bezüglich der Entwicklung ihrer Kinder verunsichert.

Aber zum Glück gibt es in der heutigen Zeit unzählige Debatten, Artikel und vor allem Tipps darüber wie man Kinder fördern und fordern kann/soll/muss, so dass sie sich gut, also „normal“ entwickeln. Diese Ratgeber sollten sich (angehende) Eltern ganz einfach zu Gemüte führen und dann klappt es auch mit der Erziehung und ebenso mit der richtigen Entwicklung der Kleinen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kurz BZgA, hat für solch unsichere Eltern netterweise einen Entwicklungskalender entworfen und veröffentlicht, der die Entwicklungsschritte und die Fähigkeiten der Kleinsten unserer Gesellschaft beschreibt und genau festlegt, wann ein „normales“ Kind was können sollte1. Schon hier wird der Druck, der auf die Eltern aber auch auf die Kinder ausgeübt wird deutlich. Auch wird mit den so genannten U-Untersuchungen, die Kinder ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt bis ins frühe Teenageralter durchlaufen, geprüft ob sich Kinder altersgemäß entwickeln2.

Es stellt sich die Frage ob man heute die Entwicklung seines Kindes mit der von anderen vergleichen sollte um zu wissen, ob sich sein Kind „normal“ und altersgemäß entwickelt? Ist nicht jedes Kind individuell in seinem Charakter und genauso auch in seiner Entfaltung? Natürlich gibt es gewisse Schwellen, Grenzen und Werte, die ein Kind in einem gewissen Zeitraum erreichen sollte, doch nicht auf den Tag oder die Stunde genau. Einige Kinder laufen früher als andere. Andere wiederum sprechen früh. Ganz andere lernen schnell soziale und emotionale Kompetenzen. Wichtig dabei ist doch, dass sich Kinder überhaupt entwickeln, jeden Tag lernen und die Welt auf ihre Weise und in ihrem Tempo entdecken. Eltern sollten sich vor Augen halten, dass jedes Kind anders ist, anders in bestimmten Situationen reagiert und anders mit bspw. Problemen, die im Leben auf jeden zukommen werden, umgeht. Wichtig dabei ist, das Kind als eigenständiges Individuum mit Bedürfnissen und Neigungen zu sehen.

Die kindliche Entwicklung

In meiner Hausarbeit werde ich zunächst die kindliche Entwicklung nach Piaget skizzieren, aufzeigen was als „normal“ und anormal angesehen wird. Darauf folgt die Begriffserklärung bzw. Definition des Krankheitsbildes ADHS und die damit verbundene medikamentöse Behandlung, sowie die die Kritik der heutigen Gesellschaft.

Im Folgenden werde ich von dem Kind sprechen und auch das Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom bzw. Störung mit ADHS abkürzen, damit der Lesefluss erhalten bleibt. Ich bin mir jedoch im Klaren darüber, dass zwischen ADS also dem

Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und ADHS dem

Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom Unterschiede bestehen3.

Ein kleiner Erdenbürger kommt zur Welt, die Eltern und der Rest der Verwandtschaft sind in heller Aufregung und jeder wünscht sich das Beste für das Kind. Jeder möchte es so gut es geht fördern, ist es schon größer soll es auch gefordert werden, so dass es sich gut entwickelt und so bestmöglich auf sein späteres Leben vorbereitet ist. Doch welche Ansprüche stellt man an die kindliche Entwicklung und damit auch an das Kind selbst? Wie kann man an diese kleine Person schon Erwartungen haben? Sollte man den Kindern nicht einfach Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit schenken und sie erst einmal gedeihen und wachsen lassen?

„ Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht “ 4.

(Afrikanisches Sprichwort)

Der Direktor des Psychologischen Instituts in Genf, Jean Piaget5, gehört zu den Vertretern des Konstruktivismus6. Der Begriff Konstruktivismus besagt, dass Wissen, Erkenntnis und Handlungsfähigkeit nur entstehen können, wenn sich Personen aber gerade Kinder mit ihrer Umwelt aktiv auseinander setzen7. Jeder Mensch konstruiert sich demnach aktiv seine eigene Welt, kritisiert sie eventuell und erweitert so seinen eigenen Horizont8. Piaget hat nach

Die kindliche Entwicklung

Beobachtungen und Experimenten Stadien der kognitiven Entwicklung aufgestellt. Hier gilt es zu betonen, dass er zur damaligen Zeit die Vorstellung hatte, jedes Stadium laufe nach dem andern ab, jedes Stadium muss zunächst abgeschlossen sein, bevor das nächste überhaupt beginnen kann und Rückschritte hat Piaget in seinem Modell nicht vorgesehen9. In der heutigen Zeit weiß man jedoch, dass solch klar abgetrennte Stadien der Kinderentwicklung nicht existent sind und dass es immer vorkommen kann, dass ein Kind in einem gewissen Abschnitt seiner Entwicklung auch wieder Rückschritte zum Baby machen kann.

Auch wenn die kognitive Stadientheorie von Jean Piaget als nicht mehr aktuell und außerdem als falsch gesehen wird, lohnt sich dennoch ein kurzer Blick darauf.

Jean Piaget unterscheidet vier große Stadien, wovon das erste Stadium, das Sensumotorische Stadium, mit der Geburt beginnt und im Alter von zwei Jahren endet. Hier wiederholt das Kind die angeborenen Reflexmechanismen, wiederholt sie so oft, dass es bspw. lernt die Flasche zu greifen. Weiterhin sollte ein Kind in diesem Stadium eine gewisse Objektpermanenz besitzen und zu ersten Als-Ob-Handlungen fähig sein10. Das nächste Stadium, ist das Stadium des voroperationalen, anschaulichen Denkens und schließt Kinder von zwei Jahren bis sieben ein. In dieser Phase macht das Kind noch die so genannten typisch kindlichen Denkfehler bspw. animistische Deutungen, finalistische Erklärungen oder zirkuläre Deutungen. Das Kind beherrscht schon eine Reihe von Schemata, assimiliert diese aber noch fehlerhaft, d.h. es passt sie noch fehlerhaft an. Der Begriff des Egozentrismus, gehört ebenfalls in diese Phase, denn das Kind ist noch nicht in der Lage die Perspektive eines anderen ein zu nehmen11.

Das Stadium der konkreten Operationen, ist die dritte Phase und schließt Kinder im Alter von sieben bis elf Jahren ein. Bewegen sich Kinder in diesem Stadium so sind sie jetzt in der Lage bspw. Tiere in Klassen einzuteilen und zweidimensionale Sortierungen vorzunehmen. Weiterhin beschäftigen sich die Kinder mehr und mehr mit Zahlen, das Rechnen wird gelernt12.

Das vierte und letzte Stadium trägt den Zusatz der formalen Operation und beginnt nach Piaget mit dem Alter von elf Jahren. Hier geht das Denken der Kinder weit über die

Normale Entwicklung?

gegebenen Informationen hinaus, sie können Hypothesen aufstellen und das Verständnis für Proportionen, Wechselwirkungen und nicht-lineare Beziehungen wächst13. Wie oben erwähnt „ lassen sich die strengen Annahmen ü ber die zwingend notwendige Abfolge einzelner Entwicklungsschritte heute nicht mehr aufrecht erhalten “ 14. Jedoch sind viele Ideen und Prinzipien bei der Entwicklung von Kindern heute noch hilfreich.

Schaut man sich ein wenig auf dem Markt der Elternratgeber um, so findet man viele Bücher oder auch Internetseiten, die betonen, dass die Entwicklung eines Kindes von vielen Faktoren abhängt und man immer das Kind individuell betrachten sollte15. Dennoch taucht eine Frage immer und überall wieder auf, diese lautet: ist mein Kind normal? Ist mein Kind normal entwickelt? Doch wer kann heute von sich behaupten normal zu sein? Und was ist dieses normal sein überhaupt?

Ist ein Mädchen unnormal, wenn es statt mit Puppen lieber mit Autos spielt? Oder wenn ein kleiner Junge statt sich mit Gleichaltrigen zu treffen, lieber mit den Freunden seines älteren Bruders spielt? Die Begriffe normal sein und Normalität werden heute so selbstverständlich gebraucht, wobei es schwer fällt diese wirklich klar zu definieren. Ich werde versuchen im Folgenden einer Klärung dieser Begriffe bei zu tragen.

Hier eine erste Definition des Wortes Normalität:

„ Normalität ist aus soziologischer Sicht als das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, dass nicht mehr erklärt und ü ber das nicht mehr entschieden werden muss, bezeichnet worden. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt und gewährleistet Sicherheit zwischen den Menschen einer Gesellschaft. Soziales Verhalten, dass der Vorstellung von Normalität nicht entspricht, wird gesellschaftlich nur begrenzt akzeptiert und in der Regel nicht geduldet …“ 16.

[...]


1 Anja Tervooren, „Auswickeln, Entwickeln und Vergleichen: Kinder unter Beobachtung“, Juventa Verlag, München/ Weinheim, 2008, S. 41-58

2 Helga Kelle, Anja Tervooren, „Kindliche Entwicklung zwischen Heterogenität und Standardisierung- eine Einleitung“, Juventa Verlag, München/Weinheim, 2008, S. 7-14

3 http://www.dr-gumpert.de/html/adhs_diagnose.html

4 http://www.zitate-online.de/sprichwoerter/altvaeterliche/19418/das-gras-waechst-nicht-schneller-wenn-man- daran-zieht.html

5 http://archivespiaget.ch/en/jean-piaget/life/index.html

6 http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/texte/einfuehrung/einf_1.html

7 http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOGNITIVEENTWICKLUNG/PiagetmodellStufen.shtml; Psychologiereader WS 09/10, „Psychologische Grundlagen von Erziehung, Bildung und Unterricht“, GoetheUniversität, S. 19

8 ebenda.

9 ebenda. S. 21

10 ebenda.

11 ebenda.

12 ebenda. S. 22

13 ebenda.

14 Vgl. ebenda.

15 http://www.portal-der-kinder.de/kindergesundheit/kinderentwicklung/entwicklung-kinder-ein-monat.html

16 http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/slex/seitendvd/konzepte/l53/l5311.htm 5

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
ADHS, Krankheit oder kulturelles Phänomen?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V173272
ISBN (eBook)
9783640934492
ISBN (Buch)
9783640934737
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ADS;, ADHS;, Kultur;, Medizin;, normale Entwicklung;, kranke Gesellschaft;, Gesellschaftskritik, Medikamente
Arbeit zitieren
Svenja Christ (Autor), 2010, ADHS, Krankheit oder kulturelles Phänomen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173272

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