Analyse der Verwendung von Substantivkomposita bei Benjamin von Stuckrad-Barre


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merkmale der Substantivkomposita
2.1 Strukturelle Merkmale
2.2 Produktivität

3. Grundlegende Bemerkungen zu den Texten Benjamin von Stuckrad-Barres
3.1 Biographie
3.2 Beobachtungen zur Verwendung von Komposita

4. Strukturanalyse der Komposita bei Benjamin von Stuckrad-Barre
4.1 Zweigliedrige Komposita
4.2 Dreigliedrige Komposita
4.3 Viergliedrige Komposita
4.4 Komposita mit fünf und mehr Gliedern

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang: Übersicht der gefundenen Komposita in Deutsches Theater und Remix

1. Einleitung

„Die aktuellen Kenntnisse […] mussten ihn auch nicht gleich dazu verführen, gewagte Verben wie ‚hühnern’ zu kreieren […] und dem Lektorat einen ‚bestaussehendsten’ unterzujubeln. Das gibt sich mit den Jahren, könnte ich glatt ‚jovialen’.[1] In diesem Satz aus einer Kritik zum Roman Soloalbum[2] spiegelt sich das Verhältnis des Journalisten und Schriftstellers Benjamin von Stuckrad-Barre zur Wortbildung des Deutschen wieder, er liebt es, damit zu spielen.

Die im oben aufgeführten Zitat vorkommenden Phänomene möchte ich hierbei allerdings nicht in den Mittelpunkt stellen, da das literarische Werk Stuckrad-Barres vergleichsweise wenig hergibt, verglichen mit den im „gedrechselten Stil“[3] geschriebenen journalistischen Texten, die wesentlich mehr Material bieten. Besonders ins Auge fallen hierbei die vielen, ad hoc gebildeten Komposita, die Verwendung finden, und die in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen sollen. Hierbei hat sich der 2001 erschienenen Sammelband Deutsches Theater[4] als besonders reich an Komposita erwiesen, die im Band Remix[5] zusammengestellten Texte enthalten wesentlich weniger Komposita und werden nur gelegentlich zu Untersuchungen der Entwicklung des Stils herangezogen.

Nach Auswertung der gefundenen Belege (in Deutsches Theater) wurde dann das Untersuchungsgebiet nochmals auf den Bereich der Substantivkomposita beschränkt, da sich unter 116 Belegen lediglich drei nicht-substantivische Komposita fanden.

Zu Beginn erfolgt ein kurzer allgemeiner Blick auf die Bildung der Komposita im Deutschen. Daran schließt sich ein kurzer Überblick über das Werk Stuckrad-Barres und Betrachtungen zur Verwendung von Komposita in seinen Texten an. Danach schließt sich eine Untersuchung der in den Texten gefundenen Komposita unter strukturellen Aspekten an.

2. Merkmale der Substantivkomposita

2.1 Strukturelle Merkmale

Als Komposita werden Wörter bezeichnet, die wiederum aus mindestens zwei wortfähigen Konstituenten bestehen, dass heißt, beide Teile können auch allein als Wort verwendet werden. Auch können beide Teile ihrerseits Komposita sein, so dass die Anzahl der einzelnen Konstituenten der gesamten Konstruktion durchaus höher sein kann. Man geht allerdings bei der Strukturanalyse davon aus, dass Komposita immer binär angelegt sind und sich somit in zwei Konstituenten unterteilen lassen, wobei die Konstituenten ihrerseits dann wieder binär zerlegt werden können.[6] Somit ergeben sich drei Grundmuster der Verzweigung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 aus: DUDEN Grammatik, S. 482

Beim ersten Beispiel, der so genannten Linksverzweigung ist die erste Konstituente weiter zerlegbar, sie stellt den bei den Substantivkomposita häufigsten Fall der Verzweigung dar. Bei der Rechtsverzweigung ist die zweite Konstituente weiter zerlegbar, bei der Rechts-Links-Verzweigung sind beide Konstituenten Komposita.

Dieses Modell gilt für die Gruppe der Determinativkomposita, bei denen durch die Reihenfolge der Konstituenten (auch Bestimmungswort und Grundwort genannt) festlegt, welche Bedeutung durch die andere näher beschrieben wird. So wird bei Güterzug etwa durch die erste Konstituente (das Bestimmungswort), Güter, die Art des Zuges beschrieben (im Gegensatz zu z.B. Reisezug). Die Reihenfolge der Konstituenten ist festgelegt, eine Änderung würde auch eine Veränderung der Bedeutung mit sich bringen, etwa bei Reisezug und Zugreise.[7]

Den Determinativkomposita gegenüber stehen als zweite Gruppe die Kopulativkomposita. Als solche werden Verbindungen zweier Glieder der gleichen Bezeichnungsklasse bezeichnet, in denen beide Konstituenten einander gleich geordnet sind und beliebig miteinander vertauscht werden können, ohne dass sich eine Änderung in der Bedeutung ergibt, z.B. Hosenrock.[8]

Die grammatische Einordnung des Kompositums nach Wortart, Genus etc. wird durch die entsprechenden Eigenschaften des Grundworts festgelegt. Im Gegensatz zu anderen Sprachen, wie etwa dem Englischen werden Komposita im Deutschen immer zusammen geschrieben.[9] In der gesprochenen Sprache werden die beiden Teile des Kompositums unter einem Intonationsbogen verbunden, wobei der Hauptakzent auf dem vorderen Teil, der „merkmalangebend und dadurch informativ wichtig“[10] ist, der Nebenakzent auf dem hinteren Teil, der die „begriffliche Oberklasse“[11] angibt.[12]

Es ist nicht sicher, auf welche Konstruktionen sich Komposita zurückführen lassen. Die Bildungen können zwar durch eine Paraphrase inhaltlich umschrieben werden, also etwa: Ein Personenzug ist ein Zug, der zum Transport von Personen verwendet wird, die Bedeutung ist aber vielfach „mit der vergleichbaren syntaktischen Fügung nicht ganz identisch“,[13] vor allem wenn Bezeichnungen in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen werden und dabei die Bedeutung des Kompositums enger ist, als die Bedeutung der Umschreibung, so ist zum Beispiel eine Erbsensuppe eine Suppe, die Erbsen enthält, aber nicht jede Suppe, die Erbsen enthält ist eine Erbsensuppe. Manche Konstruktionen sind mittlerweile auch als feste Fügung in den Wortschatz aufgenommen und lassen sich auf diese Art gar nicht mehr beschreiben.[14]

2.2 Produktivität

Aufgrund der Tatsache, dass Substantive fähig sind Komposita mit allen Wortraten als Erstglied zu bilden ist es nicht weiter verwunderlich, dass etwa zwei Drittel des deutschen Wortschatzes aus Substantivkomposita bestehen. Davon entfallen etwa 80% auf die Verbindung von substantivischem Erst- und Zweitglied, also auf Bildungen mit der gleichen Wortart. Ein Phänomen, das bei adjektivischen und verbalen Komposita wesentlich weniger entwickelt ist. Verbindungen von Substantiven mit Adjektiven machen etwa 8,6% aus, Bildungen mit Partizipien kommen ebenfalls auf etwa 8 %. Auffallend ist auch, dass bei Substantivkomposita wesentlich mehr polymorphemische Kompositionen, also Kompositionen mit vier und mehr Grundmorphemen, auftreten.[15]

3. Grundlegende Bemerkungen zu den Texten Benjamin von Stuckrad-Barres

3.1 Biographie

Benjamin von Stuckrad-Barre wurde am 27.01.1975 in Bremen geboren und wuchs in Göttingen auf, wo er 1995 das Abitur ablegte. Ein danach begonnenes Studium der Germanistik brach er nach wenigen Wochen ab. Anschließend arbeitete er bis 1997 als Redakteur beim Musikmagazin Rolling Stone in Hamburg, gefolgt von einer kurzen Zeit als Product-Manager bei der Plattenfirma Motor-Music. Noch 1997 erfolgt der Wechsel nach Köln in die Redaktion der ARD-Sendung Privatfernsehen, ab 1998 dann zur Harald-Schmidt-Show als Gagschreiber.

Schon seit der Zeit beim Rolling Stone regelmäßige Veröffentlichungen in der taz und dem Magazin jetzt, später auch bei Stern, Die Woche und weiterhin beim Rolling Stone.

1999 Umzug nach Berlin, dort bis 2000 Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, anschließend Leben als freier Schriftsteller in Berlin und seit Mitte 2002 in Zürich.

Eine Auswahl journalistischer Texte wurde 1999 unter dem Titel Remix veröffentlicht, weitere folgten in dem Bildband Deutsches Theater (2001), einer Reise durch alle Gebiete und gesellschaftlichen Schichten der Bundesrepublik, von der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Marius-Müller Westernhagen, zur Bekanntgabe der Arbeitslosenzahlen nach Nürnberg und als Hilfsarbeiter zum Fischgastronomen „Gosch“ auf der Insel Sylt.

Bereits zuvor wurden mit Soloalbum (1998) und Livealbum (1999) zwei Romane und danach mit Black Box (2000) eine Erzählungssammlung veröffentlicht. Außerdem war Stuckrad-Barre 1999 Mitherausgeber der Gesprächssammlung Tristesse Royale und schrieb Texte für mehrere Anthologien (Mesopotamia, Freistunde). Teile seiner Autorenlesungen sind, zusammen mit Gastbeiträgen, auf CD erschienen.

3.2 Beobachtungen zur Verwendung von Komposita

Wenn man den 2001 erschienenen Bildband Deutsches Theater aufmerksam durchliest fallen einem nach einer gewissen Zeit die vielen ungewöhnlichen bzw. ungebräuchlichen, weil ad hoc gebildeten Komposita auf. Insgesamt 116-mal tauchen Bildungen dieser Art auf, die auch im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen. Bei genauerer Beobachtung, auch wenn man ältere Texte hinzuzieht, fallen dabei bestimmte Techniken und Entwicklungen ins Auge, die hier näher erläutert werden sollen.

Zum einen fällt auf, dass Komposita mehrfach als Ersatzkonstruktionen für Beschreibungen verwendet werden. Das kann einerseits der Rücken der Gattin des Bundeskanzlers sein, um ein eher einfaches Beispiel zu wählen, der dann zum Kanzlergattinnenrücken[16] wird, vergleichbar etwa mit der typischen Haltung, die ein Mensch beim Essen eines Fischbrötchens einnimmt, der Fischbrötchenesshaltung.[17]

Aber Komposita ersetzen auch komplizierte und stilistisch wenig elegant wirkende Beschreibungen. Zum Beispiel müsste Gymnasiumsmarmorportalboden[18] in etwa umschrieben werden mit Fußboden aus Marmor, den man am Portal eines Gymnasiums findet. Noch komplizierter wäre die Umschreibung Teil der Jogginghose, der so ausgeschnitten ist, dass die Genitalien darin baumeln können, die Stuckrad-Barre zu Genitalbaumelzone[19] verkürzt.

Auffällig sind auch Passagen, in denen mit Komposita gespielt wird. Das geschieht durch die reihenhafte Verwendung von Komposita, wobei nur ein Teil ersetzt wird, während der Rest erhalten bleibt. So wird etwa das „Wortmeldeformular zum Wortmeldetisch[20] gebracht, oder Harald Schmidt hat eine hohe Pointenquote um kurz darauf ins Pointenloch[21] zu fallen.

[...]


[1] Otto, Ralph: Onanie in den Nordseedünen. In: Xcentric. Kassel 1998.

[2] Stuckrad-Barre, Benjamin von: Soloalbum. Köln 1998.

[3] Marquardt, Volker: Postpubertäre Würstchenwelt. Die tageszeitung 15./16.08.1998.

[4] Stuckrad-Barre, Benjamin von: Deutsches Theater. Köln 3 2002.

[5] Ders.: Remix. Texte 1996-1999. Köln 1999.

[6] Vgl. DUDEN Grammatik, S. 432.

[7] Vgl.: ebd., S. 482.

[8] Vgl.: ebd., S. 481.

[9] DUDEN Grammatik, S. 432 f.

[10] Wellmann: Morphologie der Substantivkomposita, S. 5.

[11] ebd.

[12] Vgl. Wellmann: Morphologie der Substantivkomposita, S. 5 sowie DUDEN Die Grammatik, S. 433.

[13] Wellmann: Morphologie der Substantivkomposita, S. 5.

[14] vgl. DUDEN Grammatik, S. 434 f.

[15] vgl. Fleischer/Bartz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache, S. 22. Zahlenangaben nach Wellmann: Morphologie der Substantivkomposita, S. 3.

[16] Deutsches Theater, S. 140.

[17] Deutsches Theater, S. 83.

[18] Deutsches Theater, S. 216.

[19] Deutsches Theater, S. 62.

[20] Deutsches Theater, S. 196.

[21] Remix, S. 59f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Analyse der Verwendung von Substantivkomposita bei Benjamin von Stuckrad-Barre
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich II)
Veranstaltung
Hauptseminar: Wortbildung und Lexikologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V17328
ISBN (eBook)
9783638219242
ISBN (Buch)
9783638758642
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Verwendung, Substantivkomposita, Benjamin, Stuckrad-Barre, Hauptseminar, Wortbildung, Lexikologie
Arbeit zitieren
Sascha Schmitt (Autor), 2003, Analyse der Verwendung von Substantivkomposita bei Benjamin von Stuckrad-Barre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17328

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