Vienen y se van. Neuinterpretationen einer Moche-Ikonographie und der Tourismus in Magdalena de Cao, Nordperu


Bachelorarbeit, 2010
44 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung
1.1 Methodischer Ansatz
1.2 Theoretische Grundlagen der Arbeit

2 Geschichtlicher Hintergrund und die Entstehung des Tourismus in Magdalena de Cao
2.1 Historischer Überblick Magdalena de Caos
2.2 Initiativen der Tourismusentwicklung und ihre Akteure

3 Wirtschaftliche Dynamiken durch den Tourismus in Magdalena de Cao
3.1 Zur Herstellung der Wandmalereien in Magdalena de Cao
3.2 Der Tourismus als Erweiterung der lokalen Ökonomie
3.3 Touristen ohne Appetit? Die Verweildauer der Reisenden aus gastronomischer Perspektive

4 Überlegungen zur Beziehung der Wandmalereien mit einer kulturellen Identität in Magdalena de Cao

5 Zusammenfassung und Ausblick

6 Bibliographie

Anhang 1: Institutionenverzeichnis

Anhang 2: Abbildungen

Danksagung

1 Einleitung

Als ich im August 2009 zum ersten Mal nach Magdalena de Cao kam, gefiel mir das Dorf recht schnell. Bei der Ankunft durchfuhr man einen Willkommensbogen mit präkolumbischen Motiven und auch auf der plaza Magdalena de Caos nahm ich solche Wandmalereien an den Fassaden von zwei Restaurants, eines Kunsthandwerkerladens sowie des Pavillons wahr (Abbildung 1). Im Gegensatz zu den funktionalen Durchfahrtsstraßen der Dörfer, die man auf dem Weg von Lima in den Norden Perus passiert, strahlte Magdalena de Cao eine gewisse Ruhe aus und ich empfand es als hübsch. Auch wenn ich hierher kam, um ein Praktikum zu absolvieren, so war ich vor allem in diesem Moment Tourist und ich denke, vielen Touristen1 und Personen von außerhalb geht es bei ihrem ersten Besuch in Magdalena de Cao ähnlich wie mir.

Wenn man etwas mehr Zeit in Magdalena de Cao verbringt, gelangt man zu der Feststellung, dass es Wandmalereien nicht nur am Willkommensbogen und an den Fassaden von Gebäuden an der plaza gibt, sondern auch an weiteren Restaurants und Kunsthandwerkerläden (Abbildung 2). In der Zeit, die ich in Magdalena de Cao verbrachte, zählte ich fünf Restaurants, drei tiendas de artesanía (Kunsthandwerkerläden) und eine Werkstatt für die Produktion von Kunsthandwerk mit präkolumbischen Motiven sowohl an den Fassaden als auch an den Wänden der Innenräume. Außerdem zieren Wandmalereien weitere Gebäude des Dorfes, wie zum Beispiel die casa de la juventud eine Einrichtung für die Jugend und das Innere der municipalidad (Gemeindeverwaltung). Durch solche Darstellungen erkennt man aber auch, wo sich früher einmal Restaurants oder Kunsthandwerkerläden befanden, die es heute nicht mehr gibt. Es zeigt sich, dass an den Wandmalereien in Magdalena de Cao kein Vorbeikommen ist. Während ich mich in Magdalena de Cao befand, fragte ich mich, welche Rolle die Wandmalereien mit prähispanischen Motiven im Dorf einnehmen und ob ihre Funktion über das Anlocken von Touristen hinausgehe. So ist die zentrale Fragestellung dieser Arbeit, welche Bedeutungen die Wandmalereien in Magdalena de Cao haben.

Magdalena de Cao befindet sich an der Küste im Norden Perus, etwa 600 Kilometer nördlich von Lima, in der Provinz Ascope und im departamento La Libertad, von dessen Hauptstadt Trujillo es circa 65 Kilometer nördlich liegt (Abbildung 3). Dass man sich hier in einer der trockensten Wüsten der Welt befindet, erkennt man in der Umgebung von Magdalena de Cao allerdings kaum, da es im Tal des Chicama-Flusses gelegen ist, der in den Pazifischen Ozean fließt und Grundlage des wasserintensiven Zuckerrohranbaus ist, der das Dorf umgibt. Diese Zuckerrohrindustrie im Tal von Chicama ist die größte in ganz Peru. Ungefähr fünf Kilometer von Magdalena de Cao entfernt, direkt an der Küste, befindet sich der Complejo Arqueológico El Brujo und das Museo de Sitio Cao, ein archäologischer Ausgrabungskomplex mit dem dazugehörigen Museum (Abbildung 4). Dies ist der Grund für die Präsenz von Touristen in Magdalena de Cao, da sie, um nach El Brujo zu gelangen, durch das Dorf fahren müssen. Der Ausgrabungskomplex nimmt eine Fläche von ungefähr 100 Hektar ein, in denen die drei Hauptpyramiden Huaca Cao Viejo (auch Huaca Blanca), Huaca Cortada (auch Huaca El Brujo) und Huaca Prieta situiert sind, wobei kontinuierlich nur in und um die Huaca Cao Viejo gegraben wird, die wie die Huaca Cortada der Moche-Kultur (circa 100 bis 800 nach Christus) zugeschrieben wird. Ein Großteil der Motive an den Fassaden und Wänden im Dorf Magdalena de Cao stammt von den Wandmalereien und Hochreliefs, die in den Ausgrabungen der Huaca Cao Viejo freigelegt wurden (Abbildung 5).

1.1 Methodischer Ansatz

Wie bereits erwähnt, kam ich nach Magdalena de Cao um ein Praktikum zu absolvieren, wo ich im Proyecto Arqueológico Complejo El Brujo und dem Museo de Sitio Cao von August bis Oktober 2009 für sieben Wochen mitarbeitete. In dieser Zeit entstand bereits die Idee meine Bachelorarbeit über die Wandmalereien im Dorf zu schreiben. Deshalb kehrte ich im März 2010 für einen Monat nach Magdalena de Cao zurück, um eine kleine Feldforschung für die vorliegende Arbeit durchzuführen. Meine gewonnenen Daten stammen aus teilnehmender Beobachtung, 21 geführten halbstrukturierten Interviews und weiteren informellen Gesprächen. Sämtliche Interviewpartner erklärten sich mit einer Tonaufnahme des Gesprächs einverstanden. Ich versuchte das Thema der Wandmalereien aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven einzufangen und führte die Interviews deshalb mit verschiedenen Akteuren wie den Arbeitern und Archäologen aus dem El-Brujo-Komplex, den Künstlern der Wandmalereien sowie den Kunsthandwerkern, lokalen Politikern, den Besitzern der Restaurants und tiendas de artesanía, aber auch mit Personen, die auf den ersten Blick wenig mit den Wanddarstellungen zu tun haben wie Bauarbeitern, die an der Straße von Magdalena de Cao zu El Brujo arbeiteten oder aber in Trujillo tätig waren und nur noch selten, beispielweise an den Wochenenden, zu ihrem Heimatdorf Magdalena de Cao zurückkehrten. Im Prinzip hatten all meine Interviewpartner auf irgendeine Weise mit dem Ausgrabungskomplex zu tun, so stellte sich heraus, dass ein Bauarbeiter zu einem früheren Zeitpunkt für drei Monate im Proyecto El Brujo gearbeitet hat oder aber es einen Verwandten gab, der im Ausgrabungskomplex tätig war. Mit einer Personengruppe, die für die Wahrnehmung der Wandmalereien interessant wäre den Touristen habe ich leider keine Interviews geführt. So habe ich ihre Sicht nur aus wenigen kurzen Gesprächen und aus meiner eigenen Perspektive eingefangen. Zum einen konnte ich keine Touristen interviewen aufgrund der begrenzten Zeit, die ich hier verbrachte, und zum anderen, da die Verweildauer der meisten Touristen im Dorf Magdalena de Cao äußerst kurz ist. Ein Problem, auf das ich später noch genauer eingehen werde.

Die Interviews konnten meistens in den Wohnhäusern oder an den Arbeitsstätten der Gesprächspartner durchgeführt werden. Auch wenn ich anfangs ein wenig skeptisch wegen dieser formalen Form des Interviews mit Tonaufnahme war, so war dies doch eine gute Gelegenheit das Umfeld meiner Interviewpartner kennenzulernen und oftmals ergaben sich nach dem „offiziellen“ Interview auch noch interessante Gespräche, die spannende Informationen lieferten und vielleicht auch ungezwungenere Aussagen. Während der Unterhaltungen machte ich mir Notizen und schrieb später noch Gedächtnisprotokolle in mein Tagebuch, auch von den informellen Gesprächen. Eine vorteilhafte Tendenz war, dass viele Gesprächspartner Vorschläge unterbreiteten, wen ich noch interviewen könnte, und ich somit keine Probleme hatte Interviewpartner zu finden und so die Auswahl der Personen, mit denen ich Gespräche führte, nicht nur von mir vorgenommen wurde. Je nachdem, welche Informationen mir über den jeweiligen Gesprächspartner bekannt waren oder in welchem Bereich er tätig war, bereitete ich meine Fragen vor, um dann aus den Antworten vertiefende Fragen stellen zu können oder auch, wenn es möglich war, wenig zu intervenieren. Des Weiteren habe ich versucht, möglichst umfangreich am sozialen Leben in Magdalena de Cao teilzunehmen, wie beispielsweise an Festlichkeiten, habe aber auch andere Ortschaften aus der Umgebung besucht, um einen Vergleich zu haben. Alle mir bekannten Wandmalereien Magdalena de Caos wurden fotografisch dokumentiert und ich habe sie mit ihren Originalen verglichen.

1.2 Theoretische Grundlagen der Arbeit

Die Ergebnisse der archäologischen Ausgrabungen in El Brujo wurden in zahlreichen Publikationen veröffentlicht. Eine umfangreiche Bibliographie ist beispielsweise El Brujo Huaca Cao, Centro Ceremonial Moche en el Valle de Chicama zu entnehmen (Mujica 2007). Hierin ist auch ein für meine Fragestellung interessantes Kapitel zu finden, welches den Einfluss der Archäologie El Brujos auf die Gemeinde Magdalena de Cao zum Thema hat und vom derzeitigen Direktor der Fundación Wiese, die sich für die Finanzierung des Ausgrabungsprojekts verantwortlich zeigt, verfasst wurde (Aveggio 2007). Direkt in Magdalena de Cao hat meines Wissens nur die Kulturanthropologin Kimbra Leigh Smith Ende der neunziger Jahre für längere Zeit ethnologische Feldforschung betrieben. Ihre Ergebnisse sind in ihre Dissertation The Politics of Cultural Production in Northern Peru (2001) und den Artikel Looting and the Politics of Archaeological Knowledge in Northern Peru (2005) eingeflossen. Auch in ihren Arbeiten geht es um den Umgang mit archäologischem Wissen und es wird kritisch dargestellt, wie dieses von verschiedenen Akteuren für ihre Interessen genutzt wird. Régulo Franco Jordán, der Direktor des Complejo Arqueológico El Brujo, veröffentlichte 2010 einen Artikel über die Initiativen der Promotion des Ausgrabungskomplexes als touristische Stätte (Franco 2010). Auch wenn all diese Werke wichtige Quellen für die vorliegende Arbeit sind, so befasst sich keines explizit mit den Wandmalereien in Magdalena de Cao. Die Betrachtung des Tourismus anhand der Repliken an den Fassaden und Wänden im Dorf und den dadurch mit sich bringenden Entwicklungen, stimuliert durch die Ausgrabungen in El Brujo, ist somit eine neue Herangehensweise an das Thema.

Es wurde schon genannt, dass die Mehrheit der Darstellungen der Wandmalereien in Magdalena de Cao aus der Huaca Cao Viejo des Ausgrabungskomplexes stammt. Des Weiteren werden auch bekannte Motive von Keramiken genutzt. Dabei finden sich die Abbildungen im Dorf nicht nur an den Wandmalereien wieder, sondern die Motive werden auch im Hochrelief dargestellt. Hierfür werden ähnliche aus den Ausgrabungen bekannte Techniken benutzt, wie sie die Moche verwendeten. Solche Motive finden sich ebenso im Kunsthandwerk Magdalena de Caos wieder. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt jedoch auf den Wanddarstellungen. Viele Wissenschaftler wie beispielsweise Christopher Donnan, Anne Marie Hocquenghem, Steve Bourget, Elizabeth Benson oder auch Jürgen Golte haben sich intensiv den Bildinhalten der Wandmalereien und Keramiken der Moche-Kultur gewidmet. Trotz der zahlreichen Studien ist die endgültige Bedeutung der Moche-Darstellungen vermutlich nicht zu klären und es handelt sich um Interpretationen. Diese Arbeit wird sich weniger mit dem Bildgegenstand der Moche befassen. Unter den Neuinterpretationen der Moche-Ikonographie werden die Wandmalereien und Hochreliefs im Dorf Magdalena de Cao verstanden. Welche Funktion die Motive in einem neuen Kontext in Magdalena de Cao haben, wird das Thema dieser Arbeit sein. Dabei liegt die Konzentration auf den aktuellen Bedeutungen, die sie im Dorf einnehmen.

Die breite Präsenz der Wandmalereien in Magdalena de Cao ist im Kontext des Tourismus entstanden. In der Ethnologie wird bei der Beschäftigung mit Tourismus häufig das Konzept der Kommodifikation angewandt. Als Kommodifikation von Kultur wird im Allgemeinen das „zur Ware werden“ von Dingen verstanden, die dieser Kultur wie auch immer Kultur definiert wird inhärent sind. Das heißt, dass diese Dinge einen „Wert“2 erhalten und im Handel getauscht werden können (Ruiz-Ballesteros & Hernández-Ramírez 2010: 211). Hierbei ist in unserem Fall sicherlich zu beachten, dass beispielsweise die Wandmalereien und Kunsthandwerk unterschiedliche Formen der „Ware“ darstellen. Während Kunsthandwerk als Objekt direkt gegen Geld getauscht werden kann, können die Wanddarstellungen in diesem Kontext vielleicht für die Anwesenheit von Touristen oder ein gewisses Ambiente sorgen und erhalten ihren „Wert“ somit nicht durch den direkten Tausch, sondern indem sie der Grund sein können, dass ein Tourist sich gerade hier aufhält und demzufolge auch hier sein Geld, zum Beispiel für das Essen in einem Restaurant, ausgibt. In der Diskussion über Kommodifikation im Tourismus wird oftmals die Sorge zum Ausdruck gebracht, dass kommodifizierte Dinge ihre Bedeutung verlieren, sobald sie zur „Ware“ geworden sind und schließlich die lokale Bevölkerung dadurch ihre kulturelle Identität verlieren kann. Esteban Ruiz-Ballesteros und Macarena Hernández-Ramírez betonen aber auch:

Commodification not only destroys, but can also change or create cultural elements, offer new arguments for cultural functioning and even cause the hosts to use new ways of accessing their own cultural identities: through archaeological, historical and tourist information, for example. (Ruiz-Ballesteros & Hernández-Ramírez 2010: 212)

Die Betrachtungen der vorliegenden Arbeit setzen ihren Schwerpunkt auf die Mikroebene Magdalena de Caos, externe Faktoren sowie die Makroebene als Rahmen, in denen die Entwicklungen des Dorfes stattfinden, sollen jedoch nicht außer Acht gelassen werden.

Im nächsten Kapitel soll zunächst auf die Geschichte Magdalena de Caos und des Ausgrabungskomplexes El Brujo überblicksartig eingegangen werden. Die Entstehung des Tourismus einschließlich seiner Initiativen und Akteure, die eine touristische Entwicklung vorantreiben, finden dabei eine besondere Berücksichtigung. Im dritten Teil wird beschrieben, wie die Wandmalereien in der Gemeinde Magdalena de Cao entstehen, bevor die lokale Wirtschaft kurz vorgestellt und das zentrale Problem der beginnenden Tourismusentwicklung im Dorf analysiert wird. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf dem Gastronomiebereich.

Schließlich wird im vierten Kapitel die Verbindung der Wandmalereien in Magdalena de Cao zu einer lokalen kulturellen Identität betrachtet. Dies soll in einer offenen Weise geschehen, sodass Raum für zukünftige Auseinandersetzungen gelassen werden kann.

2 Geschichtlicher Hintergrund und die Entstehung des Tourismus in Magdalena de Cao

2.1 Historischer Überblick Magdalena de Caos

Seit dem Präkeramikum (aus dieser Epoche stammt die Huaca Prieta) bis zur Kolonialzeit war der Complejo Arqueológico El Brujo kontinuierlich für 5000 Jahre besiedelt. Er kann damit als ein Beispiel für die Kulturenabfolge im Norden Perus herangezogen werden. So konnten hier Nachweise der archäologischen Kulturen Cupisnique, Salinar, Gallinazo, Moche, Lambayeque, Chimú und Chimú-Inka zum Vorschein gebracht werden (Mujica 2007). Trotz dieser Einteilung lässt sich beispielsweise anhand von Objekten wie Keramik mit deren Motiven und Symbolik eine gewisse Kontinuität zwischen den einzelnen Kulturen erkennen. Nicht zuletzt aufgrund der Huacas Cao Viejo und Cortada mit ihrer typisch monumentalen Architektur haben die Moche oder Mochica im Complejo Arqueológico El Brujo den prägendsten Einfluss hinterlassen und sind auch für das Thema dieser Arbeit hervorzuheben. Es wird angenommen, dass die Moche ungefähr zwischen 100 und 800 nach Christus die Pazifikküste zwischen den heutigen departamentos Ancash und Tumbes vom Nepeña-Tal bis zum Piura-Fluss einnahmen. Die Moche-Kultur wird als eine theokratische, stark hierarchisierte und arbeitsteilige Gesellschaft mit einer ausgeprägten militärischen Präsenz angesehen, wobei in den einzelnen Flusstälern wie das des Chicama auch losgelöst voneinander agiert werden konnte und eine gewisse Autonomie herrschte. Als Machtzentrum werden die Huacas de la Luna und del Sol im Moche-Tal betrachtet. Die Wirtschaft der Moche basierte auf der Landwirtschaft, die durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem geregelt wurde, ergänzt durch die Domestizierung von Tieren, der Jagd und dem Fischfang. Neben ihren Wandmalereien hinterließen die Moche Motive in einer ganzen Reihe von Materialien und sind bekannt durch die hohe Qualität und Ästhetik ihrer Textil-, Metall- und vor allem Töpferarbeiten. Sie bearbeiteten aber auch Holz, Muschelschalen, Stein und mates Kürbisgefäße. (Vergara 2007: 31-64)

Nachdem Perus Norden zwischen 1460 und 1470 zunächst durch die Inka erobert wurde, brachte insbesondere die Ankunft der Spanier 1532 mit dem Beginn der Kolonialzeit einen extremen Einschnitt in gesamt Lateinamerika mit sich. An der Konsolidierung der spanischen Besetzung hatte auch die Einführung des Encomienda -Systems einen erheblichen Anteil. Im Tal von Chicama mussten die Indigenen dabei Zwangsarbeit unter dem Kapitän Diego de Mora leisten. Obwohl zum Beispiel auf dem Wappen oder dem Willkommensbogen von Magdalena de Cao 1538 als Gründungsjahr des Dorfes genannt wird, wird dieses Datum von Jeffrey Quilter, der das Kapitel zum kolonialen Sektor im Ausgrabungskomplex in dem Buch El Brujo Huaca Cao verfasste, als äußerst früh angesehen, unter anderem weil Trujillo erst 1534 errichtet wurde (Quilter 2007: 292; vgl. Castañeda 2006). Insgesamt ist über die Anfangsphase der Siedlung wenig bekannt, das Datum der Gründung ist vermutlich 1566 anzusetzen, da in diesem Jahr die Reduktion (reducci ó n) Santa María Magdalena de Cao geschaffen wurde. Man weiß nicht genau, wo diese erste Siedlung existierte, aber es wird angenommen, dass sie sich in der Nähe der Mündung des Chicama-Flusses befand. Auch das Reduktionssystem, welches im Chicama-Tal von Dominikaner-Mönchen geleitet wurde3, basierte auf der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung mit der Absicht der Etablierung des katholischen Glaubens. Wahrscheinlich veranlassten heftige Regenfälle und Fluten, ausgelöst durch den El Niño von 1578, die Bewohner der ersten Siedlung von Magdalena de Cao zum Umzug auf die acht Meter höher gelegene Terrasse, wo sich der Complejo Arqueológico El Brujo befindet. Jeffrey Quilter, der zwischen 2004 und 2008 auch Ausgrabungen im kolonialen Teil des Komplexes leitete, geht davon aus, dass hier von Magdalena de Cao Viejo die Rede ist. Die archäologischen Untersuchungen ergaben, dass es sich um eine schachbrettartige Siedlung mit zentraler plaza und einem Kirchenkomplex an der Nordseite der Huaca Cao Viejo handelt, wobei indigene Konstruktionstechniken zu erkennen sind. Außerdem lassen Porzellanfunde im asiatischen Stil darauf schließen, dass die kleine Gemeinde Anschluss an das globale System des spanischen Kolonialreichs hatte. Bei seinem Besuch von 1593 zählte der Erzbischof Don Alfonso Toribio de Mogrovejo 715 Bewohner, vermutlich reduzierte sich die Einwohnerzahl aber in den folgenden Jahren beispielsweise durch von den Spaniern eingeschleppte Epidemien und Abwanderung.4

Wohl gegen Ende des 18. Jahrhunderts fand ein erneuter Umzug statt und die Bewohner von Magdalena de Cao Viejo zogen zum heutigen Standort des Dorfes (auch wenn die Kirche im El-Brujo-Komplex wahrscheinlich schon vorher durch ein Erdbeben oder den El Niño von 1701 zerstört wurde). Die genauen Gründe für den Ortswechsel sind nicht bekannt, aber möglicherweise lag es am Wassermangel oder die Bevölkerung versprach sich ein einfacheres Leben im Innenland (Castañeda 2006; Quilter 2007). Magdalena de Cao wird nun vor allem durch die landwirtschaftliche Produktion und dem wirtschaftlichen System geprägt, in dem die Produktion stattfand. Das Hacienda -System der Spanier markiert den Übergang zur industriellen Landwirtschaft. Ende des 19. Jahrhunderts kamen ausländische Unternehmer in das Chicama-Tal, die eine starke wirtschaftliche Macht darstellten. Dies änderte sich ab 1968 mit der Agrarreform von General Juan Velasco Alvarado. Der Großgrundbesitz wurde enteignet und es kam zur Gründung von landwirtschaftlichen Genossenschaften (cooperativas). Anfang der neunziger Jahre gab es durch die Umwandlung der Genossenschaften in private Unternehmen erneut eine Änderung. Es war auch in dieser Zeit, genauer am 4. August 1990, dass das archäologische Ausgrabungsprojekt El Brujo ins Leben gerufen wurde, nachdem zuvor abgesehen von wenigen, zeitlich begrenzten wissenschaftlichen Ausgrabungen vor allem huaqueros (Grabräuber) im archäologischen Komplex aktiv waren. Die archäologischen Untersuchungen in El Brujo werden nun von der Fundación Wiese in Zusammenarbeit mit dem Instituto Nacional de Cultura (INC) und der Universidad Nacional de Trujillo ausgeführt. Eine wirkliche Öffnung des Ausgrabungskomplexes für den Tourismus fand jedoch erst ab dem 12. Mai 2006 statt. An diesem Tag wurde die 2500 m² umfassende Dachkonstruktion zum Schutz der Reliefarbeiten der Nordseite der Huaca Cao Viejo mit einer Zeremonie, die Szenen der Reliefs nachstellte, eingeweiht. Am 2. April 2009 fand die Eröffnung des im Ausgrabungskomplex gelegenen Museo de Sitio Cao statt, das Fundstücke der Ausgrabungen El Brujos in sechs Sälen zeigt und auf die Ausstellung der Señora de Cao zugeschnitten ist. Die Señora de Cao oder auch Dama de Cao wurde 2005 in der Huaca Cao Viejo entdeckt und war eine Würdenträgerin aus der anfänglichen Moche-Zeit. Um das Jahr 300 unserer Zeitrechnung muss sie in einem Alter von 20 bis 25 Jahren gestorben sein. Der Fund ist wegen der sehr guten Erhaltung der Mumie mit Tätowierungen an Armen und Füßen im Kontext der umfangreichen Grabbeilagen und drei weiteren Individuen, die in ihren eigenen Gräbern beigesetzt wurden, von Bedeutung. Es war das erste Mal, dass an der peruanischen Nordküste die Mumie einer Frau dieser Epoche von hohem Rang freigelegt werden konnte und es lässt Rückschlüsse auf die Bedeutungen der Frau in der anfänglichen Moche-Phase im Chicama-Tal zu, dass sie nämlich eine wichtige Rolle haben und Macht ausüben konnte (Mujica 2007: 209-243).

2.2 Initiativen der Tourismusentwicklung und ihre Akteure

Der Tourismus in Magdalena de Cao ist also rezenter Natur und befindet sich in seiner Anfangsphase. In Zusammenarbeit verschiedener Institutionen wurde seitdem einiges unternommen um den Ausgrabungskomplex El Brujo und Magdalena de Cao als touristisches Ausflugsziel zu etablieren. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Ruta Moche. Orientiert an ähnlichen Initiativen wie zum Beispiel der Ruta del Sur im Süden Perus wird hier nicht nur für eine Destination geworben, sondern gleich für mehrere Reiseziele, die einen inhaltlichen Zusammenhang haben. Im Proyecto Turismo Arqueológico Ruta Moche5 betrifft das die archäologischen Stätten Huaca Rajada (Sipán), Sicán, Huacas de Moche (de la Luna und del Sol) sowie El Brujo in den departamentos Lambayeque und La Libertad. Neben den archäologischen Projekten, richtet sich die Aufmerksamkeit aber auch auf ihre Umgebung, die Natur und die angrenzenden Dörfer mit ihrer Gastronomie, ihrem Kunsthandwerk und ihren Menschen, wie in unserem Fall Magdalena de Cao. Die Führung des Tourismusprojekts übernimmt auch hierbei die Fundación Wiese mit einer Co-Finanzierung der Banco Interamericano de Desarrollo (BID) in Zusammenarbeit mit den Regional- und Lokalregierungen, dem Ministerio de Comercio Exterior y Turismo (MINCETUR), dem Consorcio de Organizaciones Privadas de Promoción al Desarrollo de la Micro y Pequeña Empresa (COPEME), der Reiseagentur InkaNatura Travel sowie weiteren Institutionen. Um das touristische Angebot zu verbessern und für einen harmonischen Gesamteindruck Magdalena de Caos kam es 2009 zur Unterzeichnung eines Abkommens zwischen der Regionalregierung von La Libertad und der Corporación Andina de Fomento (CAF), eine Entwicklungsbank. Die Prozesse in der Gemeinde Magdalena de Cao werden als Pilotprojekt für nachhaltigen Tourismus und regionaler wirtschaftlicher Entwicklung gesehen, sodass eine Geldmenge von 65000 US-Dollar zur Verfügung gestellt wird, damit die Infrastruktur im Dorf verbessert werden kann. Ebenso sollen die nötigen Einrichtungen und Standards geschaffen werden, um Touristen zu empfangen. Dies geschieht im Bereich Unterkunft, Gastronomie, Verkauf von Kunsthandwerk und allgemein im öffentlichen Raum des Dorfes. Es beinhaltet unter anderem das Pflanzen von Bäumen, die Beschilderung, den Straßenausbau, die Schaffung adäquater sanitärer Einrichtungen sowie die Aus- und Fortbildung von lokalen Touristenführern und Kunsthandwerkern. Auch in Magdalena de Cao kam es 2007 zur Gründung eines Comité de Fomento y Promoción Turística del Pueblo de Magdalena de Cao, das sich für die Förderung des Tourismus einsetzt und aus dem Bürgermeister, der Fundación Wiese, der Lutherischen Kirche, der Peruanischen Armee in Chocope, der Policía Nacional und Minka einer Nichtregierungsorganisation neben weiteren Einrichtungen besteht. Ziel ist es ebenfalls das Bild Magdalena de Caos aufzuwerten und für Touristen attraktiver zu gestalten sowie für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Dazu gehören die Wandmalereien der Restaurants und Kunsthandwerkerläden, die Errichtung des Willkommensbogens und des Pavillons, aber auch architektonische Richtlinien, nach welchen zum Beispiel keine Häuserfassaden an der plaza gefliest werden sollen. Es gibt Pläne, einen Brunnen auf der plaza zu errichten, den es früher einmal gegeben hat. Insgesamt soll Magdalena de Cao auf den Besucher den Eindruck eines traditionellen Dorfes erwecken, so wie es dem Touristen gefällt und wie er es sehen möchte (persönliches Interview mit Régulo Franco vom 24. März 2010). Bei vielen Einwohnern kommt hier der Widerspruch zutage, dass man durch den Tourismus eine wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben möchte, dies jedoch bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf etwas „Ursprüngliches“ oder „Traditionelles“ geschieht. Ein Beispiel verdeutlicht dies: Ein Restaurantbesitzer erzählte mir, dass er sich im Zuge einer Modernisierung seiner Gaststätte gern einen Betonfußboden zugelegt hätte, man ihm aber sagte, dass Touristen hier lieber einen einfachen Lehmfußboden bevorzugen würden und er deshalb besser diesen Fußboden beibehalten solle, was er auch getan hat (persönliches Interview vom 30. März 2010).

Eines der Projekte von Minka, im Verbund mit dem Programa de Apoyo a la Micro y Pequeña Empresa en el Perú (APOMIPE), ein Programm zur Förderung von Mikrounternehmen, ist die Bildung des Kunsthandwerkernetzwerks Cao Viejo, welches sich vor allem auf die Bearbeitung von Holz spezialisiert hat und seine Produkte auch außerhalb von Magdalena de Cao verkauft. Des Weiteren wurde im Jahr 2007 der Aktionsplan „Destino Turístico Complejo El Brujo“ von dem Proyecto de Desarrollo Integral La Libertad (PRODELICA), den Gemeindeverwaltungen Chocope und Magdalena de Cao, der Fundación Wiese, dem Instituto Nacional de Cultura und weiteren Nichtregierungsorganisationen ins Leben gerufen. Auch dieser Plan sieht den Ausbau der touristischen Infrastruktur vor, indem Kunsthandwerker und Personal in der Gastronomie ausgebildet werden und der Weg von Chocope nach Magdalena de Cao (etwa siebzehn Kilometer) touristisch ausgebaut wird. Beim Bau der asphaltierten Straße von Chocope bis zum Complejo Arqueológico El Brujo übernimmt der peruanische Staat die Finanzierung. Wiederum ab dem Jahr 2007 ist auch die Japanische Agentur für Internationale Zusammenarbeit (JICA) durch Aktivitäten involviert, die zur Verschönerung des Dorfes beitragen.

[...]


1 Mit dieser Schreibweise sind im gesamten Text, soweit nicht anders vermerkt, alle Geschlechter gemeint. 1

2 Da es sich beim „Wert“ wie auch bei der „Ware“ um recht abstrakte Ausdrücke handeln kann, möchte ich im Folgenden die Anführungszeichen beibehalten.

3 Außerdem gab es Kaziken (indigene Anführer), die in sozialer Hinsicht hohen Einfluss ausübten.

4 Dieser Absatz basiert vor allen Dingen auf den unveröffentlichten Forschungsbericht Etnohistoria de Magdalena de Cao von Juan Castañeda Murga (2006) und dem von Jeffrey Quilter geschriebenen Kapitel El Sector Colonial en el Complejo Arqueol ó gico de El Brujo aus El Brujo Huaca Cao des Jahres 2007 (S. 288- 309).

5 Im Anhang 1 findet sich eine Übersicht der für diese Arbeit relevanten Institutionen mit einer deutschen Übersetzung.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Vienen y se van. Neuinterpretationen einer Moche-Ikonographie und der Tourismus in Magdalena de Cao, Nordperu
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerika-Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
44
Katalognummer
V173310
ISBN (eBook)
9783640935284
ISBN (Buch)
9783640935222
Dateigröße
2244 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moche, Tourismus, Peru, Wandmalerei
Arbeit zitieren
Christian Mader (Autor), 2010, Vienen y se van. Neuinterpretationen einer Moche-Ikonographie und der Tourismus in Magdalena de Cao, Nordperu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173310

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