Neue Politische Ökonomie

Theorien und Ansätze


Seminararbeit, 2011

40 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang und Aufbau der Arbeit

2 Begriffsbestimmung - Neue Politische Ökonomie

3 Historische Einordnung und Entwicklung

4 Ökonomische Theorie der Demokratie
4.1 Anthony Downs
4.1.1 Analogie von Politik und Wirtschaft
4.1.2 Grundgedanken und Annahmen des Modells
4.1.3 Das Zwei- und Mehrparteiensystem
4.1.3.1 Das Zweiparteiensystem
4.1.3.2 Das Mehrparteiensystem
4.1.4 Koalitionsregierungen
4.1.5 Rationales Verhalten der Wähler
4.1.5.1 Rationales Verhalten bei vollständiger Information
4.1.5.2 Rationales Verhalten bei Ungewissheit
4.1.5.3 Informationen und deren Kosten
4.1.5.4 Möglichkeiten Informationskosten zu senken
4.1.5.5 Rationale Stimmenthaltung
4.2 Philipp Herder-Dorneich
4.2.1 Grundmodell
4.2.2 Erweitertes Modell
4.3 Kritik

5 Ökonomische Theorie der Bürokratie
5.1 Anthony Downs
5.2 William A. Niskanen
5.3 Kritik

6 Ökonomische Theorie der Interessengruppen
6.1 Mancur Olson
6.1.1 Grundgedanken und Annahmen des Modells
6.1.2 Gruppengröße
6.1.2.1 Kleine Gruppen
6.1.2.2 Große Gruppen
6.1.2.3 Mittelgroße Gruppen
6.1.3 Selektive Anreize
6.1.4 Inklusive und Exklusive Gruppen
6.2 Claus Offe
6.3 Peter Bernholz
6.4 Albert O. Hirschman
6.5 Kritik

7 Quellen- und Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

9 Anhang

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Im Rahmen des wirtschaftspolitischen Seminars widmet sich diese Arbeit ausgewählten Ansätzen und Modellen der Neuen Politischen Ökonomie. In dieser Arbeit soll versuchen werden die internen Prozesse und externen Verhaltensweisen von Parteien und Organisationen übersichtlich und in verständlicher Form abzubilden. Aufgrund der Weite des Themas werden die beschriebenen Inhalte bewusst stark vereinfacht und komprimiert dargestellt. Hierbei sind die unserer Meinung nach wichtigsten, aufschlussreichsten und für die Neue Politische Ökonomie richtungsweisensten Theorien und Ansichten vertreten, um dem Leser einen ersten, tieferen Einblick in die Materie zu ermöglichen.

1.2 Gang und Aufbau der Arbeit

Zu Beginn der Arbeit soll der Begriff der Neuen Politischen Ökonomie definiert und von synonym verwendeten Begriffen abgegrenzt werden. Anschließend wird die Neue Politische Ökonomie in einen historischen Rahmen eingeordnet.

Der Hauptteil dieser Arbeit ist in drei Teile untergliedert. Im ersten Teil wird auf das Feld der Ökonomischen Theorie der Demokratie, mit seinem Vorreiter Anthony Downs, eingegangen. Es wird versucht das Verhalten der Parteien und der Wähler, sowie die Dynamik des Parteiensystems abzubilden. Der zweite Teil befasst sich mit der Ökonomischen Theorie der Bürokratie. In diesem Abschnitt stehen das Verhalten der Staatsbürokraten und der Einfluss der Bürokratie auf Parteien und Wähler im Mittelpunkt. Im letzten Teil gehen wir auf die Ökonomische Theorie der Interessengruppen ein. Hier spielt Olsons Theorie des kollektiven Handelns die entscheidende Rolle. Es wird beschrieben warum Interessengruppen existieren und wie diese funktionieren.

Nach jedem Teil folgen ergänzende Theorien und Ansätze, sowie kritische Bemerkungen, um dem Leser einen erweiterten und differenzierteren Einblick zu ermöglichen.

2 Begriffsbestimmung - Neue Politische Ökonomie

“The model of public choice insists that the same rational, self-interest- seeking motives that animates human action in ordinary markets be

applied to decision making in the public sector as well. The assumption

that all individuals, in or out of government, pursue their own self-

interests in the fundamental tenet of public choice. Just as consumers

want to maximize their utility and firms want to maximize their profits,

public policy makers want to maximize their welfare.”[1]

Waller verdeutlicht, dass dem Public Choice Ansatz dieselben Annahmen zugrunde liegen, wie dem Rational Choice Ansatz. Beide Ansätze sehen den Menschen als homo oeconomicus, der individuellen Entscheidungen in allen Gesellschaftsbereichen ausgesetzt ist und seinen Nutzen zu maximieren versucht. Diese Entscheidungen bestehen aus zwei oder mehreren Alternativen, von denen er eine nach einer Kosten-Nutzen-Analyse auswählt. Der Unterschied zwischen den beiden Ansätzen ist, dass sich der Rational Choice Ansatz auf den Privatgütermarkt bezieht, während sich der Public Choice Ansatz auf Kollektivgüter konzentriert.[2] Allerdings werden die beiden Begriffe – Rational Choice und Public Choice – heute oftmals synonym zueinander und zum Begriff der Neuen Politischen Ökonomie (NPÖ) verwendet. Nach Behrends ist die NPÖ ein Oberbegriff für verschiedene Theorien und Modelle, die sich neoklassischen Instrumenten, wie dem Rationalverhalten oder dem Eigennutzenaxiom, bedient. So wie die „Alte Politische Ökonomie“ (APÖ) sich mit dem Wechselspiel zwischen Politik und Wirtschaft beschäftigt, so widmet sich die NPÖ derselben Materie, betrachtet sie jedoch auf eine neoklassische Sichtweise.[3] Hierzu gehören fünf wesentliche Instrumente:

1. Methodologischer Individualismus
2. Systematische Reaktion auf Anreize
3. Trennung zwischen Präferenzen und Einschränkungen
4. Eigennutzorientierung
5. Möglichkeitsraum und Institutionen[4]

Während in der APÖ Faktoren wie die Eigennutzenorientierung bekannt waren, jedoch keine Berücksichtigung in der Untersuchung der Abhängigkeit von Wirtschaft und Politik fanden, bezieht die NPÖ diese mit ein. Deshalb können ökonomische Verhaltensmodelle nun auch auf nicht wirtschaftliche Lebensbereiche angewendet werden. Hierzu zählen zum Beispiel die Analyse von Umwelt, Familie, Religion oder Geschichte.[5]

„Die Neue Politische Ökonomie redet [also] nicht über etwas Neues,

sondern sie redet auf neue Art über etwas, über das auch schon andere

etwas gesagt haben. Aber: Indem die Neue Politische Ökonomie neu

über etwas Altes redet, sagt sie auch etwas Neues.“[6]

3 Historische Einordnung und Entwicklung

Die Demokratie, wie wir sie heute kennen, hatte ihre Anfänge im antiken Griechenland. Schon Aristoteles und Plato haben sich Gedanken über Politik, politische Kommunikation und deren Umsetzung gemacht.[7] Während es sich in der Antike jedoch um eine Form der direkten Demokratie handelte, so ist heute zumeist die indirekte Demokratie vorherrschend. In jener wird zumeist eine Volksvertretung – ein Parlament – von den Bürgern gewählt, welche im Namen des Volkes Entscheidungen treffen. Die direkte Demokratie wiederum funktioniert nur durch die unmittelbare, aktive Partizipation des Volkes. Diese ist gleichwohl mit Kosten für das Volk verbunden, weshalb heutzutage, aufgrund der „Zahl der Kollektivmitglieder (…) der Heterogenität der Kollektivmitglieder (…) [und] der Komplexität der Entscheidungsgegenstände“[8], die indirekte Demokratie vorteilhafter ist, da die Kosten gesenkt werden und somit der Nutzen überwiegt. Dennoch darf die vom Volk gewählte Vertretung nicht gänzlich unabhängig sein, da sonst kaum Entscheidungen im Sinne der Bürger getroffen werden würden (Principal Agent Problematik).

Die Abhängigkeit der Politiker vom Wähler besteht in periodisch abgehaltenen Wahlen, in denen die vergangene Legislaturperiode beurteilt wird. Das bedeutet, dass die Politiker gezwungen sind nicht nur ihre eigene Wohlfahrt zu maximieren, sondern auch die der Wähler, ergo das Allgemeinwohl.

Schon Jean-Jaques Rousseau (1712-1778)[9] ging 1762 in seinem Werk Du Contrat social auf den allgemeinen Willen des Volkes, das sog. volonté générale, ein. Rousseau besagt „daß der allgemeine Wille beständig der richtige ist und immer auf das allgemeine Beste abzielt; daraus folgt jedoch nicht, daß Volksbeschlüsse immer gleich richtig sind.“[10] Für Rousseau gibt es drei Arten von Bürgern: Die Bourgeois (gehobenes Bürgertum), die Citoyen (stimm- und wahlberechtigter Staatsbürger)[11] sowie die É trangers au corps politique (Fremdkörper im Gemeinwesen)[12].

Die Bourgeois machen sich die Eigenschaft der Kollektivgüter – die Nicht-Ausschließbarkeit – zunutze, indem sie als Trittbrettfahrer (Free-rider) auftreten.

Die Citoyen hingegen erkennen die Gefahr, dass u.U. das Kollektivgut nicht erstellt wird, wenn jeder eine Free-rider-Position einnimmt. Rousseau schlägt nun vor ausgewählten Bürgervertretern die politischen Entscheidungen zu übertragen, da diese den Bourgeois in sich unterdrücken können, um ausschließlich als Citoyen zu handeln. Diese sollen zugunsten des volonté générale wirken.

Das würde bedeuten, dass alle Bürger das Gleiche wollen und eine homogene Gruppe darstellen. Außerdem ist es abwegig anzunehmen, dass Menschen ihre Eigeninteressen vollständig aufgeben, um ausschließlich dem volonté générale zu dienen, weshalb die Realisierung der Annahmen Rousseaus misslingt.

Im Gegensatz zu Rousseau bemühte sich Joseph Alois Schumpeter (1883-1950)[13] um eine wahrheitsgetreuere Theorie der Demokratie. Nach seiner Auffassung stehen die zu wählenden Volksvertreter im Konkurrenzkampf um die Regierungsgewalt. Nach Schumpeter bedeutet „das Prinzip der Demokratie (..) dann einfach, daß die Zügel der Regierung jenen übergeben werden sollten, die über mehr Unterstützung verfügen als die anderen in Konkurrenz stehenden Individuen oder Teams.“[14] Abweichend von Rousseau erkennt Schumpeter an, dass durchaus verschiedene Meinungen und somit auch Konflikte über Politik existieren können. Daraus folgt, dass in einer Demokratie mit heterogenem Bürgertum kein volonté générale existieren kann, sondern lediglich Mehrheiten, nach denen die Politik ausgerichtet wird.

Einen noch tiefer gehenden Einblick in diese Thematik liefert Anthony Downs in seiner 1957 erschienenen Ökonomischen Theorie der Demokratie. Basierend auf Schumpeters Ausführungen geht Downs näher auf die Konkurrenzproblematik, sowie auf das Verhalten von politischen Parteien und Wählern in verschiedenen Situationen, ein.

Ähnlich wie Downs sieht es auch Herder-Dorneich, der ebenfalls von der Idee des volonté générale Abstand nimmt und stattdessen davon ausgeht, dass Mehrheiten ausschlaggebend für die Ausrichtung der Politik sind.

Auch heute noch werden Ausführungen und Abwandlungen dieser Modelle entwickelt und erweitert, welche jedoch Anthony Downs Theorien als Grundlage verwenden.[15]

4 Ökonomische Theorie der Demokratie

4.1 Anthony Downs

4.1.1 Analogie von Politik und Wirtschaft

Wie bereits in Kapitel 2 erwähnt betrachtet die NPÖ die wirtschaftspolitischen Prozesse aus neoklassischer Sicht. Dies ist größtenteils den Leistungen von Downs und Schumpeter zu verdanken, da diese eine Analogie zwischen dem neoklassischen Marktmodell und dem poltischen Markt erkannt haben.

So entspricht dem Nachfrager auf dem wirtschaftlichen Markt (=Konsument), der Nachfrager auf dem politischen Markt (=Wähler). Auf der Angebotsseite ergibt sich dasselbe Bild. Hier sind der Anbieter auf dem wirtschaftlichen Markt (=Produzent) und der Anbieter auf dem politischen Markt (=Politiker) gleichzusetzen.

Vervollständigt wird diese Analogie durch Übertragungen in Bezug auf Strukturen, Güter, den Ort und die Transparenz (siehe Abb. 1).[16]

4.1.2 Grundgedanken und Annahmen des Modells

Mittels der von Downs entwickelten Analogie wird den neoklassischen Auffassungen die Tür zur Politik geöffnet. Dadurch gelangen allen voran das rationale Verhalten von Menschen (hier: Wählern und Politikern), sowie individuelle Einzelinteressen und Eigennutzorientierung (Nutzen- und Stimmenmaximierung) in die Politik und verleihen dieser eine neue Dynamik.

Dies ermöglicht es Downs ein Modell zu konstruieren, welches die Interaktion zwischen Regierung bzw. den Parteien auf der einen Seite und dem Wähler auf der anderen Seite darstellt.[17] In diesem Modell versuchen alle Akteure konsequent ihren eigenen Nutzen (Output) zu maximieren und die Kosten (Input) zu minimieren. Nach Downs ist dies die Definition von Rationalität.[18] Dies bedeutet ein Politiker lässt sich zur Wahl aufstellen, um die Vorzüge (Prestige, Geld, Macht) eines politischen Amtes zu genießen. Ebenso wird ein Wähler seine Stimme abgeben, wenn er sich von dem Ausgang der Wahl eine Verbesserung seiner eigenen Position verspricht.[19] Beide Akteure wollen ihre Ziele unter kleinstmöglichen Anstrengungen erreichen. Für die Seite der Regierung bedeutet das ihren Stimmenanteil immer weiter zu maximieren, um ihre Wiederwahl zu sichern. Für die Opposition gilt es auf Kosten der Regierungspartei Stimmen hinzuzugewinnen. Downs Grundvoraussetzung dafür ist, dass in einer Demokratie in periodischen Abständen Wahlen stattfinden.[20]

4.1.3 Das Zwei- und Mehrparteiensystem

4.1.3.1 Das Zweiparteiensystem

In Abbildung 2 ist eine Skala mit gleichen Abständen von 0 bis 100 zu sehen. Anthony Downs bezieht sich in seinem Zweiparteienmodell auf Harold Hotellings Modell der räumlichen Konkurrenz, bei dem angenommen wird, dass die Skala eine Straße darstellt, auf der sich zwei homogene Einkaufsmärkte ansiedeln. Fraglich ist, an welcher Stelle der Straße sich die Märkte ansiedeln, um möglichst viele Kunden für sich zu gewinnen. In der Ausgangsposition mit einer 100 Meter langen Straße positionieren sich die beiden Märkte an den Punkten 25 (Markt A) und 75 (Markt B). Angenommen Markt A bewegt sich in Richtung der Mitte (50), so muss sich Markt B zwangsläufig ebenfalls auf die Mitte zubewegen, um gegenüber Markt A keine Kunden zu verlieren. Würde er dies nicht tun, würde sich der Mittelpunkt zwischen Markt A und B nach rechts auf der Straße verschieben, wodurch Markt A auf Kosten von Markt B Kunden gewinnen würde.

Da beide Märkte versuchen ihre Kundenquote zu erhöhen, werden sie sich permanent weiter auf den Mittelpunkt der Straße zu bewegen, bis am Ende beide Märkte nebeneinander am Mittelpunkt der Straße platziert sind.[21]

Downs überträgt das wirtschaftliche Modell der beiden Märkte auf die Politik. In diesem Fall ist die Skala keine Straße, sondern das politische Parteienspektrum von links nach rechts. Genau wie Hotelling kommt auch Downs zu dem Ergebnis, dass sich beide Parteien – vorausgesetzt die Wählerschaft ist normalverteilt – gen Mitte bewegen und einander angleichen. Sie versuchen hierdurch ihre Wählerstimmen zu maximieren. Mögliche Verluste an den Rändern werden, bedingt durch die Normalverteilung, durch die Vielzahl der Wähler im Bereich der Mitte kompensiert. (Siehe Abb. 3)

In Abbildung 4 ist die Wählerschaft nicht normalverteilt, sondern zum größten Teil am linken und rechten Rand des Spektrums anzutreffen. Hier würde es für die Parteien keinen Sinn ergeben sich auf die Mitte zuzubewegen, da sie sonst zu viele extreme Wähler am Rand verlieren würden.

Wie an den gezeigten Beispielen deutlich wird, hängt das Verhalten der politischen Parteien stark von der Verteilung der Wähler ab.[22]

4.1.3.2 Das Mehrparteiensystem

Sollte sich eine gegebene Verteilung einmal ändern, so bietet sich die Chance der Entstehung neuer Parteien, welche sich an einer für sie attraktiven Stelle ansiedeln und dadurch ein relativ großes Wählerpotential gewinnen können. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn es zuvor nur zwei Parteien gegeben hat, die eher an den Extremen angesiedelt waren (siehe Abb. 5).

Wenn nun die Wähler wie in Abbildung 6 verteilt sind, wird sich ein Mehrparteiensystem bilden, da aufgrund dieser polymodalen Verteilung viele verschiedene politische Richtungen parallel angesprochen werden können. In diesem Fall können die Parteien auch versuchen Wählerstimmen durch eine Links- oder Rechtsbewegung zu gewinnen. Jedoch sind diese Bewegungen auf der Skala begrenzt, weil eine zu starke Verschiebung der politischen Ausrichtung die Parteien unglaubwürdig erscheinen ließe. Die gewonnen Stimmen auf der einen Seite würden einer Partei keinen Nutzen bringen, denn sie würde diese auf der anderen Seite wieder verlieren. Auch eine große Anzahl an Parteien ist unwahrscheinlich, da das Wahlsystem nur einer bestimmten Anzahl an Parteien ermöglicht, sich um die Regierungsverantwortung zu bemühen.

Im realen Leben ist eine gleichmäßige polymodale Verteilung der Wähler jedoch unwahrscheinlich (siehe Abb. 7).

Zumeist werden sich ein bis zwei politische Meinungsbilder hervorheben. Parteien, welche von weniger Wählern vertreten sind, werden versuchen eine Koalition mit einer größeren Partei einzugehen, um die Regierung zu erlangen.[23]

4.1.4 Koalitionsregierungen

Eine Koalition mit einer kleineren Partei (stimmenschwächere Partei) werden größere Parteien jedoch nur dann eingehen, wenn diese selbst keine absolute Mehrheit der Stimmen erlangen konnten. Nach Lehner ist eine Koalition „ein Zusammenschluß von (…) (z.B. Parteien) zur Durchsetzung ihrer Interessen.“[24] Um den demokratischen Grundsätzen gerecht zu werden, d.h. einen mehrheitlichen Willen des Volkes zu repräsentieren, muss die größere Partei eine Koalitionsregierung mit einer anderen Partei eingehen, um mindestens 50% der Wähler zu repräsentieren.[25] Auch nach Riker muss eine Koalition mindestens 50 % der Wählerstimmen auf sich vereinen, um regierungsfähig zu sein. Sie sollte allerdings auch nicht größer sein, als sie muss. Dies erklärt er damit, dass die Kosten (Zeit, Kompromisse) im Falle einer unnötig großen Koalition steigen würden. Riker nennt eine Koalition, die gerade genug Wähler vertritt, eine „minimale Gewinn-Koalition.“[26]

Wenn sich eine Koalition herausgebildet hat, steht diese jedoch vor neuen Problemen, da sie zwei unterschiedlichen Kräften (Zentripetal-, Zentrifugalkraft) ausgesetzt ist. In Abbildung 7 lassen sich diese Kräfte unmittelbar aufzeigen. Angenommen eine Koalition besteht aus Partei B, C und D, so stehen die Parteien B und D vor einem Problem. Einerseits möchten B und D sich der politischen Ausrichtung von C annähern, um erstens eine gute Zusammenarbeit zu gewährleisten und zweitens Wählerstimmen von C abzuwerben (Zentripetalkraft). Sollte diese Neuausrichtung stattfinden, besteht für B und D andererseits die Gefahr, dass sich Wähler, welche zwischen A und B bzw. D und E stehen, eher zu A bzw. E orientieren werden. Diese Tatsache verhindert eine zu starke Annährung an Partei C (Zentrifugalkraft). Insgesamt erschwert eine Koalitionsregierung den einzelnen Parteien die Verwirklichung ihrer politischen Vorstellungen und verlangt ihnen eine hohe Kompromissbereitschaft ab.[27]

4.1.5 Rationales Verhalten der Wähler

4.1.5.1 Rationales Verhalten bei vollständiger Information

Bei vollständiger Information – d.h. der Wähler weiß genau was die einzelnen Parteien durchsetzen werden bzw. können und welchen Nutzen er für sich erwarten darf – wird der Wähler nach Downs seine Entscheidungen folgendermaßen treffen: In einen Zweiparteiensystem wird der Wähler sich für jene Partei entscheiden, von der er sich einen größeren Nutzen verspricht. Dabei stellt der Wähler die regierende Partei der Oppositionspartei gegenüber und bildet auf Grundlage der vergangenen Legislaturperiode sein Parteiendifferential. In einem Mehrparteiensystem hingegen stimmt er nur dann für die von ihm bevorzugte Partei, wenn diese eine realistische Siegchance hat. Ist dies nicht der Fall, wird er sich folglich für eine Partei entscheiden, die seiner eigentlich favorisierten Partei am ähnlichsten ist, um damit der von ihm am wenigsten geschätzten Partei zu schaden.

Sollte es bei der Bildung des Parteiendifferentials vorkommen, dass die ihm zur Wahl stehenden Parteien trotz unterschiedlicher Programme denselben Nutzen versprechen, so enthält sich der Wähler seiner Stimme, da das Parteiendifferential gleich Null ist. Sollten auch die Programme gleich sein, so entscheidet der Wähler danach, inwiefern die bis jetzt regierende Partei gute Arbeit geleistet hat. Kann er damit übereinstimmen wählt er die Regierungspartei, ansonsten entscheidet er sich für eine Oppositionspartei.[28]

4.1.5.2 Rationales Verhalten bei Ungewissheit

Im realen Leben entspricht die Annahme der vollkommenen Information jedoch einer Utopie. Auch Downs widmet sich daher dem Wahlverhalten bei Ungewissheit. Lehner beschreibt den Begriff der Ungewissheit als „nicht (..) ausreichende Informationen über ihre Verhaltensalternativen und deren Konsequenzen.“[29] Für Downs ist Ungewissheit „jeder Mangel an sicherem Wissen“[30], der jedoch durch den Erwerb von Informationen beseitigt werden kann.[31]

Um eine Entscheidung unter Ungewissheit zu treffen orientiert sich der Wähler an drei Kriterien. Zum einen spielt die Größe des Parteiendifferentials, sowie die Einflussstärke der Stimme auf das Wahlergebnis, als auch der Nutzen den der Wähler aus der Wahl zieht, eine Rolle. Doch diesen drei Kriterien müssen zwangsläufig Informationen zugrunde liegen, die jedoch immer mit Kosten verbunden sind. Deshalb nehmen die Kosten, die bei der Beschaffung von Informationen anfallen, in Downs‘ Modell eine zentrale Stellung ein. Genau aus jenem Grund kann es für einen Wähler rational sein, sich nicht vollständig zu informieren, da die Kosten ab einem gewissen Punkt den Nutzen übersteigen.[32]

[...]


[1] Waller, Spencer Webber, 2003, S. 431.

[2] Vgl. Kirsch, Guy, 1997, S. 3ff..

[3] Vgl. Behrends, Sylke, 2001, S. 1f..

[4] Diese Aufzählung ist übernommen aus: Frey, Bruno S., 1990, Ökonomie ist Sozialwissenschaft.

Die Anwendung der Ökonomie auf neue Gebiete, München zitiert nach Behrends, Sylke, 2001,

S. 6.

[5] Vgl. Behrends, Sylke, 2001, S. 2ff..

[6] Kirsch, Guy, 1997, S. 2.

[7] Vgl. Kirsch, Guy, 1997, S. 1.

[8] Kirsch, Guy, 1997, S. 182.

[9] Oppermann, Klaus (2009): Biografie: Jean-Jaques Rousseau.

[10] Rousseau, Jean-Jaques, 1762, Du Contrat social zitiert nach Weinstock, Heinrich, 1966, S. 58.

[11] Vgl. Götz, Frank, 2004, Die zögerliche Annäherung des Bürgers an den Citoyen, S. 15.

[12] Kirsch, Guy, 1997, S. 185.

[13] Schumpeter, Joseph A., Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 2005, S. 6,11.

[14] Schumpeter, Joseph A., Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 2005, S. 433.

[15] Vgl. Kirsch, Guy, 1997, S. 183ff..

[16] Vgl. Behrends, Sylke, 2001, S. 27.

[17] Vgl. Behrends, Sylke, 2001, S. 29.

[18] Vgl. Downs, Anthony, 1968, S. 5.

[19] Vgl. Downs, Anthony, 1968, S. 26.

[20] Vgl. Downs, Anthony, 1968, S. 11.

[21] Vgl. Barry, Brian M., 1975, S. 112.

[22] Vgl. Downs, Anthony, 1968, S. 112ff..

[23] Vgl. Downs, Anthony, 1968, S. 118ff..

[24] Lehner, Franz, 1981, S. 166.

[25] Vgl. Downs, Anthony, 1968, S. 139.

[26] Vgl. Lehner, Franz, 1981, S. 62.

[27] Vgl. Downs, Anthony, 1968, S. 153ff..

[28] Vgl. Downs, Anthony, 1968, S. 48f..

[29] Lehner, Franz, 1981, S. 169.

[30] Downs, Anthony, 1968, S. 75.

[31] Vgl. Downs, Anthony, 1968, S. 75.

[32] Vgl. Lehner, Franz, 1981, S. 25.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Neue Politische Ökonomie
Untertitel
Theorien und Ansätze
Hochschule
Hochschule Pforzheim
Note
1,0
Autoren
Jahr
2011
Seiten
40
Katalognummer
V173319
ISBN (eBook)
9783640934645
ISBN (Buch)
9783640934904
Dateigröße
975 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
neue, politische, theorien, ansätze, Anthony Downs, Herder-Dorneich, Joseph Schumpeter, Mancur Olson, Gruppentheorie, Politische Theorie der Demokratie, kollektives Handeln, Kollektivgut, Parteiendifferential, Medianwähler, Rousseau, Seleketive Anreize, Gruppen, Bürokratie, free-rider, trittbrettfahrer
Arbeit zitieren
Sebastian Ertelt (Autor)Jens Boscheinen (Autor), 2011, Neue Politische Ökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173319

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