Die Konstruktion von Wirklichkeit durch Massenmedien

Realität und Fiktion am Beispiel von Barry Levinsons Satire "Wag The Dog"


Seminararbeit, 2008
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

A Einleitung

B Die Konstruktion von Wirklichkeit durch Massenmedien in Realität und Fiktion am Beispiel von Barry Levinsons Satire „Wag the Dog“
1. „Medienrealität“: Begriffsdefinitionen
1.1 Realität aus konstruktivistischer Perspektive
1.2 Die Rolle der Massenmedien
1.3 Das Verhältnis zwischen Massenmedien und Realität
2. Fiktionale Realität: Die Darstellung der „Medienrealität“ in „Wag the Dog“
2.1 Die Akteure
2.2 Die Methoden
2.2.1 Nachrichten und Berichtswesen
2.2.2 Die Werbung
2.2.3 Die perfekte Inszenierung und die Simulation eines Krieges
3. „Publikumsrealität“: Die Welt des Rezipienten
3.1 Genre und Programmbereich
3.2 Schauplätze und Beobachterrolle
3.3 Gestaltungsmittel

C Zusammenfassung

D Literaturverzeichnis

1. Primärliteratur

2. Sekundärliteratur

3. Quellen aus dem Internet

A Einleitung

Irgendwann war das Eine real, und das Andere nicht. Nun fangen wir an, die Grenze zwischen Fakt und Fiktion zu verwischen. Ist die Grenze einmal verwischt, werden wir immer skeptischer und zynischer. Leute werden Nachrichten erfahren und nicht wissen, was sie glauben sollen. Da stehen wir heute.1

Die Frage nach der Realität ist wohl eine der grundlegendsten, die die Menschheit seit jeher beschäftigt hat. Nicht nur Philosophen wie Platon, Descartes oder Kant, sondern auch unzäh- lige Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen wie der Soziologie, der Psychologie und den Medienwissenschaften haben das Thema Wirklichkeit und Wahrnehmung aus den verschiedensten (erkenntnistheoretischen) Blickwinkeln betrachtet. Wirklichkeit ist das, was wahrgenommen wird. Etwas für „wahr nehmen“ heißt: dass das, was man mit seinen Sinnen aufnehmen und verarbeiten kann, als das Wahre annimmt, d.h. man als Wirklichkeit auffasst. Folglich hat die Frage nach der Wirklichkeit viel mit unserer subjektiven Wahrnehmung zu tun. Dass Medien allgemein heute zu einem wichtigen Faktor für unsere Wahrnehmung von Gesellschaft, Alltag und der Welt an sich geworden sind und somit auch starken Einfluss auf unsere Vorstellungen von Wirklichkeit haben, ist unbestritten. Vor diesem Hintergrund erge- ben sich somit folgende Fragen: Was überhaupt ist Realität? Wie wird sie konstruiert? Wie tragen dazu moderne Massenmedien, insbesondere AV-Medien wie TV und Film bei? Wel- che Rolle spielen dabei die Beobachter und wie ist die Trennung zwischen Realität und Fikti- on zu bewerten?

Die vorliegende Arbeit ist der Versuch, sich diesen Fragen über eine philosophischsoziologische Zugangsweise zum Konstruktivismus zu nähern. Dabei werden biologischneurowissenschaftliche und kybernetische Sichtweisen des Konstruktivismus außer Acht gelassen. Nachdem ich mich im ersten Kapitel grundlegenden Definitionen von Realität und Massenmedien, und deren Aufgaben und Funktionen gewidmet habe, möchte ich im zweiten Kapitel darstellen, wie in der fiktiven Realität der Satire „Wag the Dog“ von Berry Levinson Realität generiert wird, um dann im dritten Abschnitt zu untersuchen, in wieweit der Film als Unterhaltungsmedium beim Publikum Realitätsentwürfe erzeugt.

Bei der Behandlung dieses Themas drängt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Me- dien und Krieg zwar förmlich auf, kann aber im Rahmen dieser Proseminarsarbeit nicht be- antwortet werden. Ebenso verhält es sich mit dem Verhältnis Politik und Medien, welches nur am Rande in Bezug auf den Film behandelt wird.

B Das Verhältnis Medien und Wirklichkeit

1. Begriffsdefinitionen

1.1 Realität aus konstruktivistischer Perspektive

Immanuel Kant stellte in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ fest: „[...] dass die Dinge, die wir anschauen, nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen [...] und als Erscheinungen nicht ans sich selbst, sondern nur in uns existieren können“2 und vertritt damit eine radikal subjektive Meinung über Wirklichkeit. Glaserfelds Ansicht in Bezug auf Wirklichkeit ist ebenfalls sehr stark auf das Subjekt ausgerichtet, wenn er behauptet, dass alles, was als solche erzeugt wird, „[...] offensichtlich nie mehr [ist] als die Erlebniswelt des einzelnen Subjekts“.3 Demnach, so argumentiert Siegfried J. Schmidt, gibt es keine „systemunabhängige objekti- vierbare ontologische Realität [...], sondern so viele Wirklichkeiten, wie es Systeme gibt, die zu beobachten in der Lage sind.“4 Aus der Sicht des Konstruktivismus können Menschen die Realität nicht abbilden, sondern nur subjektive Wirklichkeiten konstruieren. Dabei wird Kon- struktion als Prozess verstanden, in dessen Verlauf sich unter den kognitiven, sozialen und biologischen Bedingungen eines Individuums Wirklichkeitsentwürfe herausbilden.5 Voraus- setzung für diese Konstruktion ist Kommunikation, denn Austausch von Informationen er- zeugt Wirklichkeit. Was daraus folgt ist, dass es keine wirkliche Objektivität gibt, sondern bestenfalls eine Intersubjektivität des Wahrnehmens und Handelns. Da sich der Mensch im Grunde im Klaren darüber ist, dass seine Wirklichkeit subjektiv ist, ist er auf die ständige Be- stätigung seiner Wirklichkeitsentwürfe angewiesen. Das erfolgt durch die Orientierung an anderen.

Wirklichkeitskonstruktion widerfährt uns mehr als dass sie uns bewusst wird - weshalb wir die Konstruiertheit unserer Wirklichkeit erst dann bemerken, wenn wir beobachten, wie wir beobachten, handeln und kommunizieren, und weshalb der Konstruktivismus zu Recht als eine Theorie der Beobachtung zweiter Ord- nung bezeichnet werden kann.6

1.2 Die Rolle der Massenmedien

Was genau Massenmedien sind und welche Funktion ihnen zukommt, soll in diesem Kapitel erläutert werden. Dabei ist festzuhalten, dass ich mich im Folgenden weniger auf den Begriff des Mediums an sich, sondern ausschließlich auf Massenmedien konzentriere. Massenmedien sind Kommunikationsmittel, die eine monodirektionale Kommunikation zwi- schen einzelnen Sendeinstanzen und einer großen Anzahl von potentiellen Empfängern er- möglichen. Ein ähnliches Verständnis von Massenmedien hat auch Niklas Luhmann7. Unter ihnen versteht er „alle Einrichtungen der Gesellschaft, [...] die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen [und die darüber hinaus] Produkte in großer Zahl mit noch unbestimmten Adressaten erzeugen.“8 Gemeint sind hiermit sowohl Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, als auch Hörfunk und Fernsehen. Charakteris- tisch und „entscheidend ist auf alle Fälle: daß keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfänger stattfinden kann.“9 Kommunikation findet somit nur indirekt statt. Zu den Funktionen der Massenmedien zählt neben der politischen auch die soziale Funktion. Massenmedien stellen Öffentlichkeit über sozial relevante Themen her und schaffen somit Diskurse, die zu einer intersubjektiven Weltanschauung beitragen. Sie stellen eine Art Orien- tierungswissen über die Welt bereit, um die Anschluss-Kommunikation zwischen Individuen und Gesellschaften zu gewährleisten. Anders gesagt: Massenmedien, vor allem das Fernse- hen, spielen „für unsere Sozialisation, unsere Gefühle und Erfahrungen, unser Wissen, unsere Kommunikation, für Politik und Wirtschaft usw. eine entscheidende Rolle [...]: Sie sind zu Instrumenten der Wirklichkeitskonstruktion geworden.“10 Insofern Massenmedien informie- ren und Wissen über die Welt präsentieren, haben sie eine „Gewissheit herstellende [...] Funk- tion“11, d.h. sie schaffen ein soziales Gedächtnis, auf das sich die Gesellschaft in ihrer gesam- ten Kommunikation stützen kann.

In politischer Hinsicht sind die Massenmedien Vertreter des Volkes und somit Kontrollorgan der Politik. Sie beobachten die Politik und konstruieren somit ein Bild der Parteien für die Gesellschaft, auf das die Politik wiederum reagieren muss. Gleichzeitig dienen die Massen- medien dazu, die Meinung der Öffentlichkeit zu vertreten, um dem Volk das Recht zu gewährleisten, an Politik, Rechtmäßigkeit und Gesetz des Landes mitzuwirken.

1.3 Das Verhältnis zwischen Massenmedien und Realität

Wie sich Medien und Realität zueinander verhalten, ist eine der zentralen Fragen in der Massenkommunikationsforschung und in unzähligen Studien untersucht worden, ohne zu einem eindeutigen Ergebnis geführt zu haben. Bei der Einschätzung, wie das Verhältnis gestaltet werden soll, scheiden sich die Geister heute ebenso, wie damals Ptolemäus und Kopernikus bei der Auffassung ihres Weltbildes.

Aufgrund der oben genannten sozialen und politischen Funktion von Massenmedien tragen Journalisten, Verleger und Herausgeber eine wichtige V]erantwortung gegenüber der Öffentlichkeit. Deshalb werden die Richtlinien für publizistische Arbeit vom Deutschen Presserat im Pressekodex festgelegt und vorgeschrieben. Ziffer 1 besagt:

„Die Achtung vor der Wahrheit [...] und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.“12

Darüber hinaus sind nach Ziffer 2. „Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik [...] mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsge- halt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf [...] weder entstellt noch verfälscht werden.“13 Nicht zuletzt verzichtet die Presse „auf eine unangemessene sensationel- le Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.“14 Demnach sind die Massenmedien bei ihrer Nachrichten- und Berichterstattung den Prinzipien der Wahrhaftigkeit, der Objektivität und der Unparteilichkeit verpflichtet. Doch das faktische Verhalten der Medien scheint in krassem Widerspruch dazu zu stehen. So konstatiert Winfried Schulz beispielsweise das [die] in den Medien dargebotene Wirklichkeit [...]in erster Linie die Stereotype und Vorurteile der Journalisten, ihre professionellen Regeln und politischen Ein- stellungen, die Zwänge der Nachrichtenproduktion und die Erfordernisse medialer Darstellung [repräsentiert]. Sie lässt nur bedingt Rückschlüsse zu auf die physika- lischen Eigenschaften der Welt, die Strukturen der Gesellschaft, den Ablauf von Ereignissen, die Verteilung der öffentlichen Meinung.15

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Funkhouser, der an einer Reihe von Themen belegen konnte, „dass sich die Entwicklung der öffentlichen Meinung nach den Medien richtet, dass aber die Berichterstattung der Medien so gut wie keinen Bezug zur tatsächlichen Aktualität der ihr zugrunde liegenden Themen und Problemen aufweist.“16

Dementsprechend sind sich die ptolemäischen Medienkritiker alle weitgehend darüber einig, dass Massenmedien in der Regel nicht die Wirklichkeit repräsentieren, sondern sie durch ihre Berichte meist ungenau und verzerrt darstellen. Sie spiegeln die öffentliche Meinung nicht wider, sondern prägen sie eher.17 Massenmedien betrachten sie als Fremdkörper mit dem Po- tential, Individuen und soziale Gruppen zu kontrollieren und zu manipulieren18 und vertreten damit die These einer Mediative, die These von der Macht der Medienwirkung19 als vierte Staatsgewalt. Die Aufgabe der Medien sehen sie in der adäquaten Spiegelung der Realität. Sie begreifen die Medien als passive Mittler von Realität und plädieren somit für eine stärke Kon- trolle der Medien.

Demgegenüber steht die Auffassung der Koperniker. Sie begreifen die Massenmedien nicht losgelöst von der Gesellschaft, sondern „als aktives Element in dem sozialen Prozess [...], aus dem eine Vorstellung von Wirklichkeit erst hervorgeht.“20 Medien sollen also nicht nur Reali- tät spiegeln, sondern im Gegenteil, sie sind Weltbildapparate, die zu einer intersubjektiven Wirklichkeit beitragen. Zu ihren Aufgaben zählt es, „die Stimuli und Ereignisse in der sozia- len Umwelt zu selektieren, zu verarbeiten und zu interpretieren.“21 Dabei sind Verzerrungen sogar nützlich um eine kollektive Basis für soziales Handeln zu schaffen, denn „wahres inte- ressiert die Massenmedien nur unter stark limitierenden Bedingungen [...]. Nicht in der Wahr- heit liegt deshalb das Problem, sondern in der unvermeidlichen, aber auch gewollten und ge- regelten Selektivität.“22

[...]


1 Levinson, Barry: Wag the Dog. USA 1997. Bonusmaterial. 02:57.

2 Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Hg. v. Schmidt Raymund. Hamburg. 1993. B59. S. 83.

3 Vgl. Glaserfeld zitiert nach Schmidt, Siegfried J.: Die Wirklichkeit des Beobachters. S. 6.

4 Schmidt, Siegfried J.: Die Wirklichkeit des Beobachters. S. 8.

5 Vgl. Schmidt, Siegfried J.: Die Wirklichkeit des Beobachters. S. 5.

6 Schmidt, Siegfried J.: Die Wirklichkeit des Beobachters. S. 5.

7 Soziologe und Systemtheoretiker; von 1927 - 1998.

8 Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 2., erweiterte Auflage. Opladen 1996. S. 10.

9 Ebd. S. 11.

10 Schmidt, Siegfried J.: Die Wirklichkeit des Beobachters. S. 14.

11 Vgl. Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie. 2.Auflage. Köln 2003. S. 229.

12 Deutscher Presserat. Publizistische Grundsätze. Ziffer 1. Fassung vom 13.September 2006

13 Ebd. Ziffer 2.

14 Ebd. Ziffer 11.

15 Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität. S. 139.

16 Funkouser zitiert nach Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität. S.139.

17 Vgl. McCombs und Gilbert zitiert nach Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität. S.139.

18 Vgl. Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität. S. 140.

19 Beispiele für diese Orientierung: das Modell der Schweigespirale von Noelle-Neumann, die Kultivationshypothese Gerberns und die Theorie der Mediendependenz von Ball-Rokeach und DeFleur

20 Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität. S. 142.

21 Ebd. S. 142.

22 Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. S. 56.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Konstruktion von Wirklichkeit durch Massenmedien
Untertitel
Realität und Fiktion am Beispiel von Barry Levinsons Satire "Wag The Dog"
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Neuere Germanistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V173344
ISBN (eBook)
9783640939268
ISBN (Buch)
9783640939145
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktivismus;, Wirklichkeit;, Realität;, Massenmedien;, Subjekt;, Philosophie;, Soziologie;, Neurowissenschaft;, Kybernetik;, Intersubjektivität;, Wahrnehmung;, Niklas Luhmann;, Winfrried Schulz;, Systemtheorie;, Medienwissenschaft;, Barry Levinson;, Wag the dog;, Fiktion;, Medienrealität;, Publikumsrealität;, Inszenierung;
Arbeit zitieren
B.A. B. Gilbergs (Autor), 2008, Die Konstruktion von Wirklichkeit durch Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173344

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Konstruktion von Wirklichkeit durch Massenmedien


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden