Film und Realität

Das Leben in der Favela und der Kampf gegen die Polizei in Rio de Janeiro am Beispiel von „Tropa de Elite“


Bachelorarbeit, 2009
105 Seiten, Note: 1,35

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

A THEORETISCHER TEIL
2. Favelas in Brasilien
2.1. Begriffsbestimmung Favela
2.2. Ursachen für das Entstehen von Favelas
2.3. Lebensbedingungen in den Favelas
2.3.1. Wohnsituation
2.3.2. Probleme technischer Infrastruktur
2.3.3. Probleme sozialer Infrastruktur
2.3.4. Wirtschafts- und Sozialstruktur
2.4. Afrobrasilianer in Favelas
3. Polizei in Brasilien
3.1. Die Struktur der brasilianischen Polizei
3.1.1. Polícia Federal
3.1.2. Polícia Militar
3.1.3. Polícia Civil
3.2. Bope
3.3. Korruption, Gewalt und Folter durch die brasilianische Polizei
3.3.1. Korruption
3.3.2. Polizeigewalt
3.3.3. Folter und Haftbedingungen
3.4. Straflosigkeit
4. Drogenkrieg
4.1. Drogen in Favelas
4.2. Zivilkrieg zwischen Polizei und Drogenbanden

B EMPIRISCHER TEIL
5. Allgemeines zum Film „Tropa de Elite“
5.1. Hintergrund
5.2. Regisseur José Padilha
6. Narrationsanalyse
6.1. Handlungsablauf
6.2. Handlungsphasen
6.2.1. Problementfaltung
6.2.2. Steigerung der Handlung
6.2.3. Krise und Umschwung
6.2.4. Retardierung
6.2.5. Happy End
6.3. Erzählstrategie
6.4. Leitmotive/Themen
7. Figurenanalyse
7.1. Figurenkonstellation
7.1.1. Figurentypisierung
7.1.2. Figurenkategorisierung
7.2. Der BOPE-Capitão Nascimento
7.2.1. Narrative Ebene
7.2.2. Ästhetische Ebene
7.2.3. Diskursive Ebene
7.3. Der mögliche BOPE-Nachfolger Matias
7.3.1. Narrative Ebene
7.3.2. Ästhetische Ebene
7.3.3. Diskursive Ebene
7.4. Der mögliche BOPE-Nachfolger Neto
7.4.1. Narrative Ebene
7.4.2. Ästhetische Ebene
7.4.3. Diskursive Ebene
7.5. Der korrupte Capitão Fábio
7.5.1. Narrative Ebene
7.5.2. Ästhetische Ebene
7.5.3. Diskursive Ebene
7.6. Der Drogenboss Baiano
7.6.1. Narrative Ebene
7.6.2. Ästhetische Ebene
7.6.3. Diskursive Ebene
8. Zusammenfassung und Rückschluss auf die Realität
8.1. Darstellung der Favelados im Film „Tropa de Elite“
8.2. Darstellung der Polizei im Film „Tropa de Elite“
8.3. Darstellung der BOPE im Film „Tropa de Elite“
8.4. Kritik am System im Film „Tropa de Elite“
9. Kritik und Ausblick

III. Literaturverzeichnis

IV. Glossar

Abkürzungsverzeichnis

Begriffsverzeichnis

Zitate

II. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1: Favela Rocinha in Rio de Janeiro (eigene Fotografie)

Abb. 2: Stromkabel in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro (eigene Fotografie)

Abb. 3: BOPE-Mitglied vor Einsatzfahrzeug (aus Artikel in ALMEIDA 2008)

Abb. 4: Kinowerbung: „ Tropa de Elite “ (http://viabrasil.files.wordpress.com/2007/09/postertropa.jpg)

Abb. 5: Capit ã o Nascimento: Screenshot aus „ Tropa de Elite “

Abb. 6: BOPE-Symbol: Screenshot aus „ Tropa de Elite “

Abb. 7: Matias: Screenshot aus „ Tropa de Elite “

Abb. 8: Neto: Screenshot aus „ Tropa de Elite “

Abb. 9: F á bio: Screenshot aus „ Tropa de Elite “

Abb. 10: Baiano: Screenshot aus „ Tropa de Elite “

C1 - C56: Screenshots Nascimento aus „ Tropa de Elite “

M1 - M24: Screenshots Matias aus „ Tropa de Elite “

N1 - N20: Screenshots Neto aus „ Tropa de Elite “

F1 - F10: Screenshots Fábio aus „ Tropa de Elite “

B1 - B12: Screenshots Baiano aus „ Tropa de Elite “ 81 -

Tab. 1: Die Wachstumsrate von Favelas und der Stadtbevölkerung Rio de Janeiros von 1950 bis 2000 nach PERLMAN 2007b, S. 3, zit. nach IBGE

Tab. 2: Die rassische Ungleichheit und Erziehung in Brasilien, 1999 nach THE CHRONIC POVERTY RESEARCH CENTRE 2005, S. 81, zit. nach Henriques PNAD 1999

1. Einleitung

Rio de Janeiro ist eine Stadt mit natürlichen Gegensätzen. Der Besucher bewundert den Kontrast zwischen den Sandstränden und den hohen, steilen Bergen. Die sozialen Gegensätze wiederum werden eher ignoriert, obwohl sich diese geradezu aufdrängen. Die Favelas1 befinden sich auf den Bergen oder direkt hinter luxuriösen Hotels bzw. wohlhabenden Wohnblocks und verdeutlichen das starke Gefälle zwischen Arm und Reich. Favelas werden romantisiert und als etwas typisch Brasilianisches vermarktet: Demnach gelten der Samba und der Karneval als kultureller Ausdruck der Favelas. Alles andere, das aus den Favelas kommt, und die Menschen, die dort eingeschlossen sind, werden als schlecht und gefährlich gesehen (vgl. PFEIFFER 1987). In den Favelas befinden sich scheinbar nur böse Rauschgifthändler, die im brutalen Schusswechsel gegeneinander ankämpfen, so wie dies auch im Film „ City of God “ thematisiert wird. Neben diesen Auseinandersetzungen gibt es außerdem die Kämpfe zwischen der Polizei und den Rauschgifthändlern, die in den Favelas ausgetragen werden und hohe Mordraten zu Folge haben:

„ Last year the police killed more than 1200 [people] in Rio de Janeiro alone - those are the official numbers, real numbers must be much higher than that. [ … ] That's crazy. In the whole of the United States, which has 300 million inhabitants, every year the police kill around 200 people. In Rio de Janeiro alone, with 30 million inhabitants - 30 times less - we killed at least six times more. It's crazy. ” (Interview mit Padilha in WILKINSON 2008)

Der Regisseur Jose Padilha hat den Krieg zwischen den Rauschgifthändlern und der Polizei im Film „ Tropa de Elite “ thematisiert. Er wolle die Polizei und deren Korruption und Brutalität kritisieren. Er betont, dass es sich in seinem Film um einen Auszug der Realität handelt, den er gründlich recherchiert habe. (vgl. WILKINSON 2008). Mit seiner Leistung gewann Padilha den Goldenen Bären 2008.

Die vorliegende Arbeit untergliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Im ersten Teil der Arbeit wird eine Begriffsbestimmung des Wortes Favela vorgenommen. Anschließend gibt es einen Einblick in das Leben der Favelados2 und den Gründen der Armut. Im dritten Kapitel wird die brasilianische Polizei untersucht.

Besonders schockierend sind die Korruption, Folter, Gewalt und Straflosigkeit der Polizei in Brasilien. Das vierte Kapitel thematisiert den Drogenkrieg, in dem die Rauschgifthändler aus den Favelas mit den Polizisten aufeinander treffen. Der empirische Teil dieser Arbeit besteht aus der Analyse des Films „ Tropa de Elite “ . Dabei wird der Film zuerst inhaltlich in der Narrationsanalyse untersucht. Mit der Figurenanalyse soll anschließend ein Rückschluss darauf gezogen werden, wie die brasilianische Polizei und die Favelados im Film dargestellt werden. Im achten Teil der Arbeit werden die Kritiken aus dem Film zusammengefasst und mit der Realität verglichen. Der Leser kann dann erkennen, inwieweit der Film der Realität entspricht und was am Ende schockierender und übertriebener ist: Der Film oder die Realität?

A THEORETISCHER TEIL

2. Favelas in Brasilien

2.1. Begriffsbestimmung Favela

Der Begriff Favela ist seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts bekannt. Nach dem Krieg von Canudos3 erbauten Veteranen Hütten auf einen Hügel in Rio de Janeiro, um ihre Forderungen beim Kriegsministerium durchzusetzen. Die Veteranen benannten den Hügel nach einem Berg bei Canudos, wo das letzte Gefecht begann. Später wurde der Name Favela für ähnliche Siedlungen an Hügeln und Berghängen verwendet (PFEIFER 1987, S. 62 und GOGOLOK 1980, S. 20).

Es wird auch behauptet, dass der Begriff Favela von einer stachligen Pflanze hergeleitet wird, die ihre Wurzeln schnell und weit verbreitet, so wie sich auch die Favelas in Brasilien schnell verbreiteten (MOUNCE, 1977, S. 31).

Im Duden wird das Wort Favela folgendermaßen definiert:

„ Elendsquartiere in Gro ß städten Brasiliens [ … ] Favelas sind soziale Notstandsgebiete, viele verändern durch fortschreitenden Anbau der von Zuwanderern zunächst mit einfachsten Mitteln errichteten Hütten … innerhalb weniger Jahre ihr Gepräge grundlegend. Diese Umgestaltung ist abhängig von den Verdienstmöglichkeiten der Bewohner und der Schaffung einer Infrastruktur. “ (Begriff „ Favela “ in BROCKHAUS ONLINE 2008b)

Doch bei dieser Definition ergeben sich Fragen, die unbeantwortet bleiben. Zum Beispiel, wie genau bestimme ich Elendsquartiere, wie sind die Lebensbedingungen in diesen Favelas und wo befinden sie sich?

Allein die oft verwendete deutsche Bezeichnung „ Elendsviertel “ (vgl. BROCKHAUS ONLINE 2008a) ist p]roblematisch, da sie den enormen Unterschied zwischen den verschiedenen Favelas nicht aufzeigt und eine Situation darstellt, die nur zum Teil der Realität entspricht (PFEIFFER 1987, S.55). Die Unterschiede einer Favela zur Anderen variieren schon in der Lage im Stadtgebiet, der Infrastruktur, den Wohnverhältnissen und der sozioökonomischen Struktur der Bewohner (PERLMAN 1976, S. 13 und PFEIFFER 1987, S. 56).

Selbst die unveränderte Definition für den Bevölkerungszensus von 1950, 1960 und 1970 ist unklar: Demnach seien Favelas menschliche Agglomerationen, die „ ganz oder teilweise “ folgende Charakteristika aufzeigen:

„ 1. Mindestgr öß e: Gruppierungen von Gebäuden oder Häusern, die im allgemeinen ausüber 50 Einheiten bestehen;
2. Art der Behausung: In dieser Gruppierung herrschen rustikale Hütten oder Baracken vor, dieüberwiegend aus Blech- oder Zinkplatten, Brettern oderähnlichen Materialien gebaut sind;
3. Juristische Bedingungen des Bewohnens: Bau ohne Genehmigung und ohne Kontrolle auf Grundstücken von Dritten oder Unbekannten;
4. Öffentliche Versorgung: Völliges oder teilweises Fehlen von Abwassernetz, Strom, Telefon und Wasserleitungen;
5. Urbanisierung: nicht urbanisiertes Gebiet mit Fehlen von Anordnung [ … ] “ (GUIMAR Ã ES 1953, S. 259)

Diese Festlegung charakterisiert die Favela vor allem durch physische und juristische Aspekte der Illegalität. Die sprachlichen Ergänzungen wie „ ganz oder teilweise “ , „ü berwiegend “ und „ im allgemeinen “ zeigen die Zufälligkeit, mit der diese Gebiete „ ganz oder teilweise “ zu einer Favela erklärt werden.

Aufgrund dieser Definitionsprobleme gibt es nur ungenaue Daten zu Favelas. Im Jahr 1980 sind diese Unterschiede zu den Schätzungen extrem groß: Das brasilianische Institut für Geographie und Statistik (IBGE) registrierte 192 Favelas in Rio de Janeiro. Das Bezirksamt von Rio de Janeiro (IPLANRIO) hingegen errechnete 376 Favelas (vgl. PFEIFFER 1987, S. 191f).

Laut dem IBGE seien Favelas besetzte Gebiete auf fremden Anwesen mit ungeordneter Gestalt, dichter Besiedlung von Bedürftigen, und oftmals ohne die notwendigen öffentlichen Dienstleistungen (vgl. Zitat 1 (Z1)4 und Artikel in FOLHA DE SÃO PAULO 2004). Aufgrund vielseitiger Kritiken an der Definition veröffentlichte das IBGE im Jahr 2008 keine erneute Definition von Favelas, da sich diese von Stadt zu Stadt grundlegend unterscheiden. Stattdessen definieren die Stadtverwaltungen jeweils selbst die Favelas und geben die Daten an das IBGE weiter. Problematisch an dieser Regelung ist, dass keine Verwaltung gern zugibt, dass in der eigenen Stadt Favelas vorhanden sind.

Laut den Veröffentlichungen des IBGE vom Dezember 2008 gibt es in jeder dritten Stadt Brasiliens Favelas. In der Süd-Ost-Region führt der Staat Rio de Janeiro mit 68 Prozent Favelas die Liste an, und hat somit mehr als doppelt so viele Favelas wie der brasilianische Durchschnitt. An zweiter Stelle steht der Staat Espírito Santo mit 47 Prozent, anschließend São Paulo mit 31 Prozent. Weiterhin steigt die Anzahl der Favelas mit der Größe der Städte. So gibt es nur zu 27,7 Prozent Favelas in den Städten bis zu 50.000 Einwohnern, aber zu 97,3 Prozent Favelas in den 37 Städten Brasiliens mit mehr als 500.000 Einwohnern (vgl. VASCONCELLOS 2008). Nur die Stadtverwaltung in Cuiabá5 gibt an, keine Favelas zu haben.

Aufgrund der fließenden Grenzen zwischen den Favelas, den gebietsabhängigen Lebenssituationen und Verständnissen lässt der Begriff Favela noch heute viel Raum für Interpretationen und zeigt, wie ungenau die Angaben sind.

2.2. Ursachen für das Entstehen von Favelas

Die Entstehung und Verbreitung von Favelas in Brasilien ist verbunden mit der massiven Urbanisierung. Aufgrund der Abschaffung von Sklaverei, dem Rückgang der Kaffeeproduktion im Hinterland von Rio de Janeiro, den Veränderungen in der landwirtschaftlichen Produktion und den Dürren im Nordosten wurden eine Vielzahl von Arbeitskräften freigesetzt. Die politischen, ökonomischen und ökologischen Veränderungen führten dazu, dass viele Bevölkerungsteile vom Land in die Städte auswanderten, vor allem nach Rio de Janeiro und São Paulo. Während des massiven Verstädterungsprozesses in der Industrialisierung führte die Auswanderung zwischen 1940 und 1980 zu einer Umkehrung des Verhältnisses der Stadt- und Landbevölkerung in Brasilien. 1980 lebten bereits 2/3 der Bevölkerung in Städten (PFEIFFER 1987, S. 208). Das Angebot an Arbeitskräften wuchs in der Stadt, allerdings war deren industrielle Basis noch schwach entwickelt. Weiterhin mussten ländliche Migranten mit Immigranten aus Europa konkurrieren. Diese waren oft besser qualifiziert. Die Zahl derjenigen, deren Einkommen kaum das Existenzminimum sicherte, wuchs. Einigen gelang es, zunächst notdürftige Unterkünfte auf ungenutztem Boden zu errichten. Bis in den dreißiger Jahren blieb die Favela als Wohnform relativ unbedeutend. Doch es zeigte sich bald, dass diese Behausungen nicht vorübergehend waren. Das rapide Wachstum der Städte, insbesondere der Großstädte, wurde vom Wachstum der Favelas übertroffen (PFEIFFER, S. 62f. und S. 208).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Die Wachstumsrate von Favelas und der Stadtbevölkerung Rio de Janeiros von 1950 bis 2000

Die Tabelle 1 zeigt die Wachstumsrate der Favelas und der Stadtbevölkerung in Rio de Janeiro. Dabei hat die Favelabevölkerung jährlich zugenommen. Die größte Wachstumsrate liegt in den 1950er- und 1960er Jahren, während die Stadtimmigration am stärksten war. Dabei übertrifft die Wachstumsrate der Favelas immer das Bevölkerungswachstum der Stadt, außer im Jahr 1980. Dies liegt zum einen daran, dass sich die Migration in dem Jahr stabilisiert und sogar etwas zurückgeht (PERLMAN 2002, S. 6) und zum anderen an der Phase der „Entfavelarisierung“ in Rio de Janeiro. Zwischen 1968 und 1973, in den Jahren des Höhepunktes der Militärdiktatur, fand eine Art geplante „Generalreinigung“ der Stadt Rio de Janeiro statt. Es war die größte AntiFavela-Aktion, die es jemals dort gab. Die Favelas konnten aufgrund ihrer Illegalität vom Staat einfach entfernt werden (VALLADARES 1980, S. 18).

Ein weiterer Grund für das starke Wachstum von Favelas ist die Wirtschaftskrise. Das geringe Einkommen hat in Folge der stark steigenden Inflation als Kaufkraft eingebüßt. In den 80er Jahren erreichte die Inflation die höchsten Raten mit 212 Prozent im Jahr 1983 und einer Inflationsrate von 240 Prozent im Jahr 1984 (vgl. PFEIFFER, S. 209). In zwanzig Jahren Real6 stiegen die Durchschnittspreise für städtische Grundstücke mindestens um das Dreifache an. Auf der Basis 100 für das Jahr 1964 stieg der mittlere Wertindex von Grundstücken in São Paulo bis zum Jahr 1978 auf 435, in Rio auf 376 und in Belo Horizonte stieg er sogar von 100 auf 856 an (vgl. AUGEL 1985, S. 17f.). Schulden beim Hauskauf oder starke Erhöhungen der Miete und das Fehlen einer entsprechenden Lohnanpassung bzw. die zunehmende Arbeitslosigkeit führte zu der Alternative zwischen Essen oder Wohnen. Aufgrund unerfolgter Mietzahlungen kam es im Dezember 1983 zu ca. 60 Zwangsräumungen pro Tag in der Stadt Rio de Janeiro. Diese Diskrepanz zwischen Reallohn- und der Wohnkostenentwicklung führt zu einer innerurbanen Migration in den achtziger Jahren. Viele Bewohner werden in die jeweils schlechteren Stadtviertel verdrängt. Die Favelas, die in Rio de Janeiro oft zentrumsnah an steilen Berghängen, Sumpfgebieten oder Bahndämmen gelegen sind, bieten die Nähe zum Arbeitsplatz. Aufgrund des Fehlens eines adäquaten Transportsystems wurde dieser Vorteil für die industriell beschäftigte Bevölkerung notwendig. Die Verdichtung in den Wohnvierteln und die Verteuerung der Grundstückspreise verdrängte schließlich die untere Mittelschicht in die Favelas. Die Zahl der Obdachlosen und Bettler stieg drastisch an (vgl. PFEIFFER 1987, S. 30, S. 62 u. S. 209ff. und PERLMAN 2002, S. 6).

Der hohe Anstieg der armen Bevölkerung nach der Wirtschaftskrise vergrößerte die Einkommensschere zwischen Arm und Reich. Obwohl Brasilien inzwischen zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt gehört, hat es dennoch eine der unausgeglichensten Einkommensaufteilungen in der Welt (SZWARCWALD 2000, S. 534). Mehr als 35 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut, davon zwölf Prozent in extremer Armut. Die untersten zehn Prozent in Brasilien haben einen Anteil von 0,7 Prozent am Volkseinkommen. Die obersten zehn Prozent dagegen verdienen 48 Prozent vom Volkseinkommen (vgl. FLEMENS & CHOLET 2004, S. 153). Die Situation in der Stadt Rio de Janeiro verdeutlicht diese starke Ungleichheit. Dort haben ein Prozent der Reichen einen Anteil von 11,8 Prozent des Stadteinkommens, wohingegen 58 Prozent der Armen nur 13,1 Prozent des Stadteinkommens verdienen (vgl. PERLMAN 2002, S. 32). Zusammengefasst hat eine Person der reichen Klasse 48-mal so viel Einkommen wie eine Person aus der untersten Schicht.

Der Staat und die Oberschicht profitieren von den Favelados. Sie sind billige Arbeitskräfte in Industrie und Handel. Selbst Busfahrer wohnen in Favelas, da dieser sehr verantwortungsvolle Beruf vom Staat unterbezahlt ist. Die Oberschicht hingegen profitiert von günstigen Dienstleistungen, angefangen von Reinigungskräften und Wäschern über Maniküre und Haarschnitte. Selbst die meisten Repúblicas7 in Brasilien können sich Reinigungskräfte leisten:

„ The favela is a necessity of the Brazilian social structure. It demands relations of economic dependence, which result in temporary or permanent misery of the dependent element for the benefits of society. ” (zitiert nach Jose Artur Rio in PERLMAN 1976, S. 245)

Heute lebt jeder fünfte Bewohner in Rio de Janeiro in einer Favela und es existieren bereits über 750 Favelas in der Stadt (ONLINE FOCUS 2007).

2.3. Lebensbedingungen in den Favelas

Das IBGE fordert für eine angemessene Wohnung eine gute Wasser- und Stromversorgung, sanitäre Installationen, eine Wohndichte von bis zu einer Person pro Raum und eine dauerhafte Bauweise (vgl. GOGOLOK, S. 3 und AUGEL, S. 15). Der Luxus solcher Lebensbedingungen ist in den Favelas zum größten Teil nicht gegeben.

2.3.1. Wohnsituation

Die Verfügung über Boden ist eines der Grundbedürfnisse des Lebens. Bei der Suche nach einer angemessenen Unterkunft spielen vor allem die Lage, die relative Sicherheit vor Vertreibung und der Preis eine wichtige Rolle.

Nach der Land-Stadt Migration suchten viele Arbeiter die Nähe zu Arbeitsplätzen. Sie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Favela Rocinha in Rio de Janeiro siedelten sich auf Berghängen, Feuchtgebieten

oder Müllhalden an. Diese befinden sich oftmals in der Nähe des Stadtzentrums, und infolgedessen näher an den Arbeitsmöglichkeiten. Da diese Gebiete für die normale Bebauung nicht geeignet sind und somit relativ uninteressant für die reichere städtische Besiedlung, sind sie relativ sicher vor Vertreibung. Jedoch handelt es sich bei dieser Lage oft um erosionsgefährdete Hügel, Steilhänge und die von der Überschwemmung bedrohten Flussniederungen. Erdrutsche und Erosionen haben in der Vergangenheit schon ganze Favelagemeinschaften ausgelöscht. Weiterhin hat die Regierung das Recht, jederzeit Räumungen zu veranlassen, da die Favelados fast nie die Möglichkeit haben, ihre Wohnsituation juristisch abzusichern (AUGEL, S. 19).

Die Häuser in den Favelas werden dicht nebeneinander und übereinander aus Blöcken oder rotem Backstein gebaut. Die Bauten direkt an der Straße werden von den „reichsten“ Favelados bewohnt und je tiefer man in die engen Gassen eindringt, desto instabiler sind die Hütten und desto intensiver die Gerüche aufgrund fehlender Sanitäreinrichtungen. Die dort lebenden Menschen müssen oft sehr lange klettern und laufen, um ihre Unterkunft zu erreichen.

2.3.2. Probleme technischer Infrastruktur

Seit dem Entstehen der Favelas haben die Bewohner mit den Problemen technischer Infrastruktur zu kämpfen. Dabei steht die Forderung nach Abwasserbeseitigung an erster Stelle. Im Jahr 1983 entsorgte fast die Hälfte der Favelados das Wasser im offenen Graben, der erhebliche gesundheitliche Gefahren mit sich bringt. Weiterhin hatten in dem Jahr weniger als 30 Prozent Zugang zum Trinkwasser und es gab in über 65 Prozent der Favelas keine öffentliche Beleuchtung (PFEIFFER 1987, S. 200f.).

Laut Perlman ist der kollektive Konsum urbaner Dienstleistungen in den letzten dreißig Jahren stark angestiegen. In den von ihr untersuchten Favelas in Rio de Janeiro8 haben heute 96 Prozent der Favelados Zugang zum Trinkwasser, 96 Prozent verfügen über öffentliche Beleuchtung und in 95 Prozent der Favelas gibt es Abflusskanäle (PERLMAN 2002, S. 29).

Die Stromversorgung in den Favelas ist überwiegend illegal. Privatanschlüsse werden oft mit Nachbarhäusern verzapft und illegal weiterverkauft. Sehr verbreitet ist der Stromdiebstahl. Aus Kostengründen werden Leitungen und Apparate improvisiert und zapfen den Strom von öffentlich zugänglichen Strommasten ab. Noch heute bezahlen 93 Prozent der Favelados in Rio de Janeiro nicht für den Abb. 2: Stromleitungen in der Favela Rocinha Strom (vgl. ONLINE FOCUS 2007). (Rio de Janeiro)

2.3.3. Probleme sozialer Infrastruktur

Trotz der stark verbesserten technischen Infrastruktur, ist in den Favelas die soziale Infrastruktur noch erheblich eingeschränkt. Es mangelt an Bildungseinrichtungen und medizinischer Versorgung. Neben den ökonomischen Problemen, die Kinder zur Schule zu schicken, besteht auch das Problem der Erreichbarkeit.

Bei einer Stichprobe von 447 befragten Personen aus Favelas ergab sich hinsichtlich der Schulbildung, dass 15,2 Prozent niemals eine Schule besuchten und 22,4 Prozent nur die Primärstufe abgeschlossen haben. 20,1 Prozent beendeten die achte Schulklasse und von den zehn Prozent, die die Sekundärstufe fortsetzten, erreichten nur 5,3 Prozent einen Abschluss. Befragte Personen im Alter von über 32 Jahren haben durchschnittlich 3,4 Schulklassen absolviert, während die Personen unter 32 Jahren durchschnittlich sechs Schulklassen besuchten (vgl. BRÜCK et. al. 2004, S. 3f.).

Dieser große Unterschied der absolvierten Klassen bei der Betrachtung des Alters zeigt, dass das Bildungsbewusstsein in den Favelas stark angestiegen ist. Die Eltern versuchen zunehmend alles, um den Kindern eine gute Bildung zu geben. Sie wollen den Nachkommen die Chance geben, der Armut zu entkommen. So haben die Favelas in der Südzone Rio de Janeiros die besten Möglichkeiten, eine gute Arbeit, oft als Haushälter, Putzfrau oder Babysitter in wohlhabenden Familien, zu finden. Wenn ein Elternteil Kontakte mit wohlhabenden Familien hat oder sogar für diese arbeitet, wird die Adresse oft als Anschrift für die Schulen angeben9. Somit wird den Kindern der Zugang zu besseren öffentlichen Schulen gewährt (MACALESTER COLLEGE 1996).

Dieses Glück von guten Kontakten mit wohlhabenden Familien bleibt aber eine Seltenheit. Der Bildungsgedanke drängt sich aufgrund der ökonomischen Situation wieder in den Hintergrund, da immer mehr Kinder die Eltern finanziell unterstützen müssen. Ohne vorhandenes Geld kann der Luxus von Bildung nicht mehr gewährleistet werden, und wer keine Bildung hat verdient nur einen geringen Lohn. Somit geraten die armen Familien in einen Teufelskreis, aus dem es kaum ein Entkommen für die Folgegenerationen gibt. Diese unausweichliche Lebenssituation führt zu Frustration, Stress, Gewalt und anderen sozialen Folgen, die die Gesundheit negativ beeinflussen. Dies führt zum nächsten großen Problem: Der Gesundheitssituation.

Die ökonomische Klasseneinteilung in Ort und Wohnsitz zeigt die unterschiedlichen Formen von Benachteiligungen in Rio de Janeiro auf. Die wohlhabenden Gebiete werden sehr gut von den öffentlichen Gesundheitseinrichtungen versorgt, während über die Hälfte der Favelados nicht mal einen Sanitätsposten in der näheren Umgebung hat (SZWARCWALD 2000 et. al., S. 530 und PFEIFFER 1987, S. 203).

In Rio de Janeiro ist die Gesundheitssituation in den wohlhabenden Regionen wie erwartend am Besten. Die schlimmste gesundheitliche Situation tritt in der Nordzone und im Hafenbereich Rio de Janeiros auf, wo die Konzentration der Favelas am größten ist. Die Mordrate ist in diesem Gebiet mit mehr als 200 getöteten Menschen pro 100.000 höher als im restlichen Teil der Stadt und die Lebenserwartung ist neun Jahre geringer.(vgl. SZWARCWALD et. al. 2000, S. 530). Die Untersuchungen von SZWARCWALD et. al. zeigen durchweg, dass die Menschen mit geringeren sozioökonomischen Status eine schlechtere Gesundheit aufweisen als die Reicheren. Der gesellschaftliche Status ist ein ausschlaggebender Faktor für Krankheiten.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die technischen Defizite in der Infrastruktur sich zum Großteil behoben haben und teilweise auch durch Selbsthilfe ausgeglichen werden können. Im sozialen Bereich ist dies aber fast ausgeschlossen. Die heterogen verteilten Investitionen des Staates in öffentliche Mittel tragen zu einer Verfestigung der sozialen Ungleichheit bei und vergrößern die Schere zwischen Arm und Reich (PFEIFFER 1987, S. 204).

2.3.4. Wirtschafts- und Sozialstruktur

Obwohl die Armut in den Favelas am größten ist, liegt der Gesamtanteil der Beschäftigten dort sogar über dem brasilianischen Gesamtdurchschnitt. Die Favelados sind also nicht eine von der Ökonomie ausgeschlossene Gruppe, wie aufgrund ihrer Armut angenommen werden könnte, sondern sie sind besonderen Ausbeutungsbedingungen unterworfen (PFEIFFER 1987, S.85-88). Laut dem IBGE arbeiten beispielsweise 12,4 Prozent der mittleren Klasse in Fabriken, wohingegen 22,8 Prozent der Favelados Fabrikarbeiter sind. Weiterhin arbeiten 13 Prozent der Mittelklasse Rio de Janeiros in der Elite, allerdings keiner aus den Favelas. Besonders beachtlich sind die Zahlen im Dienstleistungssektor. 23,1 Prozent der Mittelklasse sind darin beschäftigt, aus den Favelas arbeiten 33,5 Prozent in diesem Bereich (vgl. COMCIÊNCIA 2002).

Signifikant sind die Unterschiede der ausgeübten Arbeiten. Die Favelados sind hauptsächlich tätig in den Bereichen der Bauindustrie, im Handel und Dienstleistungen, vor allem als Hausangestellte, Wäscher oder Busfahrer. Diese Berufsfelder sind sehr schlecht bezahlt und waren von Anbeginn dafür verantwortlich, dass die Favelas zunächst als eine Wohnform entstanden und dass es auch später für die Mehrzahl der Favelados keine anderen Perspektiven mehr gab und immer noch nicht gibt. Peter Pfeiffer fasst die Merkmale der von den Favelabewohnern ausgeführten Tätigkeiten treffend zusammen:

„ a) sie haben schlechte Arbeitsbedingungen;
b) ihre juristische Grundlage ist unsicher;
c) sie sind sehr stark konjunkturabhängig;
d) sie erfordern eine geringe formale Ausbildung;
e) sie sind sozial gering eingeschätzt;
f) sie sind sehr schlecht bezahlt. (vgl. PFEIFFER 1987, S. 93)

Die Favela selbst ist nicht nur eine Quelle billiger Arbeitskräfte außerhalb, sie beinhaltet auch einen eigenen Arbeitsmarkt. Jede Favela hat ihre eigene Gemeinschaft mit Mini- Supermärkten, Kleidungsläden, Apotheken, Reparaturläden und anderen kleinen Geschäften. Interne ökonomische Aktivitäten sind vor allem in größeren Favelas präsent. Da die Favela oftmals zur Dauerresidenz wird, steht der Baumarkt an erster Stelle. Des weiteren gibt es in jeder der größeren Favelas so genannte Biroscas, eine Mischung aus Kneipe und Krämerladen. Diese versorgen die Favelados mit alltäglichen Konsumgütern und verstärken die soziale Funktion als Treffpunkt. Außerdem weit verbreitet in den Favelas sind Reparaturwerkstätten, vor allem für Elektrogeräte und Autos.

Die Favelados können den kleinen organisierten Gemeinden in ihrer Umgebung beitreten, zum Beispiel um Druck auf die Regierung auszuüben. Oftmals werden diese Gemeinden aus der Angst heraus gegründet, dass die Stadt die Favelas entfernen könnte (vgl. PFEIFFER 1987, S. 94-96 und MACALESTER COLLEGE 1996).

2.4. Afrobrasilianer in Favelas

Ein Sprichwort in Brasilien lautet: „ Der reiche Schwarze ist wei ß . “ (vgl. Z2). Tatsächlich sind die Gebiete mit einer hohen Population von afrikanisch Abstammenden oftmals die Ärmsten. In Brasilien sind 45 Prozent des ärmsten Zehntels schwarz. Dagegen sind 85 Prozent des reichsten einen Prozents weiß (vgl. THE CHRONIC POVERTY RESEARCH CENTRE 2005, S. 80f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Die rassische Ungleichheit und Erziehung in Brasilien, 1999

Die Tab.2 verdeutlicht die Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen in Brasilien. Mehr als doppelt so viele Schwarze sind Analphabeten. Weiterhin besuchen die schwarzen und gemischten Rassen im Durchschnitt nur 4,4 Jahre die Schule, die Weißen hingegen durchschnittlich 2,2 Jahre länger.

Diese Ungleichheit wirkt sich auch später im Berufsleben aus. So sind heute noch fast alle Hausangestellten Afrobrasilianerinnen. Die Hautfarbe verstärkt die diskriminierende Werteskala in der Gesellschaft und somit auch die ökonomischen und sozialen Unterschiede zwischen der Bevölkerung europäischer Herkunft und den Afrobrasilianern selbst (BRÜCK et.al. 2004, S. 12). Tatsächlich zeigt die Studie von PERLMAN (2002, S. 33f.), dass 88 Prozent der Favelados aussagen, die Hautfarbe sei ein großes Vorurteil der Gesellschaft.

In den von PERLMAN untersuchten Favelas im Jahr 1969 lebten 21 Prozent Schwarze, 30 Prozent Mulatten und 49 Prozent Weiße. Dabei waren die Schwarzen in den Favelas der Teil, der fast alle Schwarzen in Rio de Janeiro repräsentiert und der Teil der Weißen war nur ein kleiner Teil der Weißen in der Stadt. Bis zur erneuten Studie PERLMANS im Jahr 1998 blieben diese Zahlen fast identisch. Dennoch fand PERLMAN (2002, S. 23) Zusammenhänge zwischen der Rasse und der Bildung, dem Arbeitsstatus und der Erfahrung von Vorurteilen. So zog im Vergleich zur originalen Studie nur ein Siebtel der Schwarzen in bessere Viertel, aber ein Drittel der Weißen. Dies zeigt einen gewissen Grad von rassistischer Diskriminierung im Wohnungsmarkt.

3. Polizei in Brasilien

3.1. Die Struktur der brasilianischen Polizei

Die Organisation der Polizeiorgane wurde von der Militärdiktatur geprägt und nicht grundlegend verändert. Die Kompetenzen und Verantwortungsbereiche sind nicht eindeutig zwischen Bundesregierung, Gouverneuren und Gemeinderegierung geregelt und somit problematisch. Es kommt zu institutionellen Konflikten, Rivalitäten, Ineffizienzen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Diesen Unstimmigkeiten folgen negative Konsequenzen bei der Gewaltbekämpfung und Strafverfolgung. Es kam in verschiedenen brasilianischen Großstädten bereits zu tödlichen Schusswechseln zwischen den Polizisten, weil die Einsätze nicht ausreichend abgesprochen wurden (FLEMENS 2004, S. 153).

Obwohl Brasilien eine Polícia Federal (Bundespolizei) hat, sei laut der brasilianischen Verfassung die Innere Sicherheit primär Aufgabe der Bundesstaaten und der ihnen unterstellten Polizeieinheiten. Die Staatspolizei ist unterteilt in zwei fast unabhängige Einheiten: Der Polícia Militar (Militärpolizei) und der Polícia Civil (Zivilpolizei). Diese Einheiten werden getrennt durch ihre Funktionen. Im Folgenden sind die Polizeiebenen näher charakterisiert:

3.1.1. Polícia Federal

Die Polícia Federal ist dem Bundesjustizministerium unterstellt. Sie wird für die Strafverfolgung von Verbrechen gegen den Bund eingesetzt, befasst sich mit der Bekämpfung des Drogenhandels und dient als Luft-, See-, Grenz- und Justizpolizei. Weiterhin erlaubt die Verfassung den Gemeinderegierungen, guardas municipais, so genannte Gemeindewachen, zum Schutz des Staatseigentums, z.B. Krankenhäuser, Schulen und öffentliche Plätze, einzusetzen (vgl. CAVALLARO 1997, S. 18f. und FLEMENS 2004, S. 153f.).

3.1.2. Polícia Militar

Die Polícia Militar in Brasilien entspricht der deutschen Schutzpolizei. Laut Artikel 144 der brasilianischen Verfassung von 1988 ist sie für den Schutz und die Aufrechterhaltung der Öffentlichen Ordnung und der Gewaltprävention verantwortlich. Während der Streifenfahrten ist die Polícia Militar berechtigt, Verdächtigte festzunehmen, wenn sie beim Begehen einer Tat10 erwischt werden. Sobald die Polícia Militar jemanden festgenommen hat, soll dieser für den Prozess in die entsprechende delegacia, den Zivilpolizeibezirk, gebracht werden. Danach sollte die Militärpolizei keine weitere Mitwirkung bei den Ermittlungen haben. Unter besonderen Umständen kann die Polícia Militar vom Heer unterstützt werden. Die Entscheidung über den Einsatz solcher Heereseinheiten obliegt der Bundesregierung in der Hauptstadt Brasília (vgl. CAVALLARO 1997, S. 19 und FLEMENS 2004, S. 153f.).

3.1.3. Polícia Civil

Die Polícia Civil ist verfassungsmäßig für die Ermittlungen bei Straftaten verantwortlich und entspricht der deutschen Kriminalpolizei. Sobald die Ermittlungen eröffnet sind, muss die Polizei so viele Beweise und Fakten wie möglich über das Verbrechen sammeln, alle notwendigen Kontrollen der Verbrecherseite vornehmen und, je nach Beweislage, eine Stellungnahme abgeben (vgl. CAVALLARO 1997, S. 20 und FLEMENS 2004, S. 153f.).

3.2. Bope

Die Batalhão de Operações Policiais Especiais (BOPE) ist eine Sondereinheit der Militärpolizei für außerordentliche Einsätze im Staat Rio de Janeiro. Sie gilt als einer der weltbesten Polizei-Spezialeinheiten. Zur BOPE gehören Freiwillige der Militärpolizei. Sie sind hoch spezialisiert und mit schweren Waffen ausgestattet. FAL11, M16-Gewehr12, M4-Karabiner13 und auch aus Deutschland importiere Waffen von Heckler & Koch, zum Beispiel die Automatikwaffen H&K G3, das Scharfschützengewehr H&K PSG1 und die Maschinenpistole H&K MP5, sind nur einige Instrumente der BOPE (vgl. BOPE 2008). Ähnlich der Antiterrorismuseinheit der deutschen Bundespolizei (BPOL-GSG9) vollzieht sie Sondereinsätze gegen schwer bewaffnete Gegner, organisiertem Verbrechen sowie Gefängnisstürmungen und Invasionen von Favelas (FLEMENS 2004, S. 154).

Die BOPE existiert bereits seit dem 19. Januar 1978. Damals hieß sie noch Núcleo da Companhia de Operações Especiais (NuCOE) und wurde unter dem Kommando des Stabchefs der Militärpolizei in Rio de Janeiro gebildet. Nach mehrfacher Namensänderung wurde sie am ersten März 1991 zur BOPE umbenannt.

Um in die BOPE aufgenommen zu werden, müssen Freiwillige der Polícia Militar einen vierzehnwöchigen Kurs mit dem Namen Curso de Opera çõ es Especiais14 absolvieren. BOPE-Mitglieder leiten den Kurs. Unter harten Bedingungen werden die Teilnehmer getrimmt und wer am Ende übrig bleibt, trainiert Nahkampf- und Schusstechniken, unter anderem im Dschungel oder auf hohen Bergen. Die wenigen, die den Kurs bestehen, werden schließlich in das Team der BOPE aufgenommen.

Besonders signifikant ist das Logo der BOPE. Es ist ein Totenkopf mit zwei Pistolen und einem Messer durchstochen. Das Symbol wird mit einem roten Kreis umrundet (vgl. Abb. 3). Die Polizisten der BOPE selbst tragen nur schwarze Uniformen. Die Einsätze der

BOPE in den Favelas spielen im Film Tropa de Elite eine entscheidende Rolle und werden im Praxisteil dieser Arbeit analysiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: BOPE- Mitglied vor Einsatzfahrzeug

3.3. Korruption, Gewalt und Folter durch die brasilianische Polizei

Die Todesfälle durch die Polizei steigen in jedem Jahr an; Berichte über Folter häufen sich. Befragungen zeigen, dass die Bürger die Polizei in der Regel aus drei Hauptgründen nicht aufsuchen, wenn sie Opfer eines Verbrechens werden:

„ 1. Aus Angst, schlecht von der Polizei behandelt zu werden.
2. Das Ziel der Rache von Kriminellen und seinen Komplizen zu werden.
3. Der Mangel an Vertrauenüber die Fähigkeiten der Polizei. “ (SOARES 2007, S. 79)

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bürger Brasiliens nicht nur Angst vor den Drogenhändlern haben, sondern tatsächlich auch vor der Polizei, die doch eigentlich als Freund und Helfer in Deutschland bekannt ist.

Korruption ist unter den gering verdienenden Polizisten weit verbreitet. Im Folgenden wird auf die negativen Seiten der brasilianischen Polizei eingegangen. Diese spielen auch im sozialkritischen Film „ Tropa de Elite “ eine führende Rolle.

3.3.1. Korruption

Bei dem Begriff Korruption handelt es sich eher um einen sozial- als um einen rechtswissenschaftlichen Ausdruck, da das Wort selbst nicht in den Strafgesetzbüchern zu finden ist. Laut der Definition von SENTURIA15 (vgl. SCHMID 2007, S. 17, zit. nach SENTURIA 1931, S: 449) lässt sich Korruption in Bestechung und Erpressung, Unterschlagung und Veruntreuung sowie Patronage16 unterteilen. Die von der Polizei am leichtesten zu praktizierende Form ist die der Bestechung und Erpressung (vgl. SCHMID 2007, S. 16ff.). Es ist sehr schwer, Fakten über Korruption in der Literatur zu finden, doch ist es im Bewusstsein aller Brasilianer17, dass die Polizei korrupt vorgeht.

Da nur ein Bruchteil der Korruption entdeckt und registriert werden kann, ist es schwierig, Zahlenangaben zu finden. Die nicht staatliche Organisation (NGO)18 Transparency Internacional (TI)19 nimmt eine Messung der Korruption im groß angelegten internationalen Vergleich vor. Die Rangfolge der Länder bildet sich auf der Basis des Corruption Perceptions Index (CPI)20 von 0 als „äußerst korrupt“ bis 10 als „äußerst sauber“. Dabei liegt Brasilien mit einem CPI-Wert von 3,9 auf Rang 49 aus 90 Ländern. Deutschland hat im Vergleich dazu einen CPI-Wert von 7,6 und erreicht Platz 17 (vgl. Tabelle 2 aus SCHMID 2007, S. 27). Der Wert zeigt, dass Korruption noch immer ein großes Problem in Brasilien darstellt. In verschiedenen Literaturen finden sich Beispiele dieser polizeilichen Korruption: Es wird angeführt, dass die Polizisten Geld für Schutz verlangen, unter anderen von Ladenbesitzern oder Anwohnern. So leiden vor allem die ärmsten Brasilianer unter mangelnden staatlichen Schutz und sind somit einem größeren Risiko ausgesetzt, Opfer eines gewaltsamen Todes zu werden. Weiterhin gehen viele Polizisten der offiziell verbotenen, ökonomisch aber notwendigen, Nebenbeschäftigung als Sicherheitsdienst nach (MISSE 2007, S. 154 und WEIS 2000, S. 201f.).

Eine weitere, und weitaus schlimmere Form der Korruption, ist der Verkauf von Waffen an die Drogenhändler in den Favelas. In Rio de Janeiro kämpft die BOPE gegen die schwer bewaffneten Drogenhändler, während korrupte Polizisten Waffen an diese verkaufen. So kann es durchaus passieren, dass die Polizei Waffen in einer Favela konfisziert und in der anderen weiterverkauft. Bei dieser Form von Korruption arbeitet die Polizei gegen sich selbst, nur um mehr Geld zu besitzen. Tatsächlich gehört zu den Hauptklagen der Polizisten die schlechte Bezahlung (PERLMAN 2002, S. 21 und UNIVERSITÄT AUGSBURG 2002). Ein anderes Beispiel für Korruption ist das Glücksspiel „ Jogo do Bicho “ 21. Es ist in Brasilien allgemein bekannt und jeder kann daran teilnehmen, obwohl es illegal ist. Der Grund ist der Schutz der Vertreiber durch die Polizei gegen vierstellige Bezahlung.

Auch im Gefängnis gibt es Korruption. Die Ungleichheit Brasiliens setzt sich dort fort. 95 Prozent (vgl. WEIS, S. 210) der Gefangenen stammen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten. Den anderen fünf Prozent fällt es leicht, das schlecht bezahlte Gefängnispersonal zu bestechen:

„ Die Anführer verfügenüber Privilegien, die von Fernsehapparaten und Restaurantsüber aus mehreren Zellen bestehende eigene „ Apartments “ inklusive Bedienstete bis hin zu Stippvisiten von Prostituierten und regelm äß igem Freigang reichen. “ (FLEMENS & CHOLET 2004, S. 151)

Reiche Drogenbosse können sogar vom Gefängnis aus Anweisungen nach „draußen“ schicken.

3.3.2. Polizeigewalt

Von hoher Gewalt durch Verbrecherbanden oder der Polizei sind vor allem Brasiliens Großstadtgebiete betroffen. In Brasilien geschehen ca. 50.000 Morde jährlich (vgl. HUMAN RIGHTS WATCH (HRW) 2009, S. 1).

Insbesondere in Rio de Janeiro werden Hunderte von Favelas durch Drogenbanden besetzt und kontrolliert. Dies führt vor allem in diesen armen Regionen zu Gewaltverbrechen und illegalem Drogenverkehr. Kämpfe zwischen den Drogenbanden sind häufig, und, aufgrund des illegalen Waffenhandels, gewalttätig (CAVALLARO 1997, S. 33). Folglich kommt es zu Einsätzen der Polizei und der Polizeieinheit BOPE in speziell diesen Gebieten. Die Konfrontationen zwischen der BOPE und den Drogenbanden enden häufig mit rücksichtslosen Schießereien und Tötungen von Unschuldigen.

„ Bei einigen der Toten und bei der Mehrheit der Verletzten handelt es sich jedoch weder um Polizisten noch um Drogenhändler, sondern um offenbar unbeteiligte Bewohner der Favela, die in die Schusslinien gerieten und von Querschlägern getroffen wurden, die man hier „ balas perdidas “ nennt - verirrte Kugeln. “ ( LEHNARTZ 2007: Artikel im FAZ)

Obwohl die BOPE eine der weltbesten Polizeieinheiten ist, kommt es manchmal auch zum Einsatz der Armee in den Favelas. Der Artikel 142 bildet die verfassungsrechtliche Grundlage für die Interventionen der Streitkräfte:

„ Sind die Polizeiinstitutionen nicht mehr in der Lage, dieöffentliche Ordnung zu gewährleisten, können die Streitkräfte zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung (garantia da lei e da ordem) im Inland eingesetzt werden. … Die eingesetzten Soldaten sind während ihres Einsatzes dem Präsidenten unterstellt. “ (FLEMENS & CHOLET 2004, S. 158)

Dabei seien laut FLEMENS und CHOLET (2004, S. 158f.) die Einsätze der schwer bewaffneten Streitkräfte zu vergleichen mit der Durchführung eines chirurgischen Eingriffs mit der Motorsäge. Bei den Einsätzen in den dicht besiedelten Favelas sei nicht zu erwarten, dass die zum Töten ausgebildeten Soldaten Menschenrechtsstandards beachten.

Mit dem so genannten Kampf gegen die Drogen, steigt die Polizeigewalt, vor allem in den armen Gebieten, jährlich an. Laut amtlichen Zahlen tötete die Polizei in Rio de Janeiro allein zwischen Januar und Juni 2007 insgesamt 694 Menschen. Im Jahr zuvor waren es in der gleichen Periode ein Drittel weniger (vgl. HRW 2008, S. 190), im Jahr 2008 wurden dagegen 757 Tötungen in den ersten sechs Monaten (vgl. VARELLA 2009) vorgenommen. Dies entspricht einem Durchschnitt von vier Morden am Tag. Es wird behauptet, dass diese Tötungen während der Konfrontationen mit den Kriminellen geschehen. Die Polizei registriert diese Morde als „ ato de resist ê ncia “22. Weiterhin gibt es viele Berichte von so genannten wahllosen Schießereien, vor allem während der Mega-Operationen in den Favelas. Ein Beispiel ist das Polizei Massaker vom Juni 2007. Bei einer sechsstündigen Razzia gegen die Rauschgifthändler im Favelabezirk Complexo do Alemão in Rio de Janeiro wurden 19 Menschen getötet und Weitere verletzt. Unter den Toten waren drei Jugendliche unter 16 Jahren (SPIEGEL ONLINE 2007). Das Secretaria Especial dos Direitos Humanos (SEDH)23, behauptet sogar, dass es sich um Exekutionen handelt. Der Grund: Die Getöteten wurden im Durchschnitt von 3,84 Kugeln getroffen. 54 der 70 Kugeln trafen tödliche Stellen im Körper (vgl. Artikel in ÚLTIMO SEGUNDO 2007 und FOLHA ONLINE 2007). Die Erschossenen hatten also keine Chance, zu überleben und auf ihre Gerichtsverhandlung zu warten. Der für die Sicherheit zuständige Staatssekretär des Bundesstaates Rio de Janeiro, José Mariano Beltrame, verteidigte die Polizisten. Der Einsatz geschähe in Eile und verletze keine Menschenrechte (vgl. FOLHA ONLINE 2007). Weiterhin wurden während der Einsätze zwischen Mai und Juli 2007 im Complexo do Alemão 60 Granaten, fünf Gewehre, automatische Pistolen sowie rund 30 Luftabwehrwaffen und kiloweise Marihuana und Kokain beschlagnahmt (SPIEGEL ONLINE 2007). In dieser Zeit wurden in diesem Favelakomplex mindestens 48 Menschen bei Polizeieinsätzen getötet.

Weiterhin sind Missbräuche von Polizisten außerhalb der Arbeitszeiten bekannt. So berichten die Medien fast täglich über schlecht bezahlte Polizisten, die an Bankraub, Entführungen oder Drogenhandel beteiligt seien (WEIS 2000, S. 203f.). Außerdem ist in fast allen Jahresberichten von HRW und amnesty international (ai) von so genannten Todesschwadronen die Rede. Die Mitglieder sollen jährlich hunderte illegale Hinrichtungen von Menschen ausführen. Unter ihnen befinden sich sowohl entlassene Polizeibeamte, als auch Wächter, Angehörige privater Sicherheitsdienste und aktive Polizisten, die sich als Todesschwadronen ihren Zweitverdienst sichern (WEIS 2000, S. 204). Im aktuellen Bericht von HRW wird geschätzt, dass 70 Prozent der Morde im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco von den Todesschwadronen begangen wurden (HRW 2009, S. 2).

Bei einer weiteren Kategorie der Polizeigewalt „verschwinden“ Verdächtige aus der Polizeihaft. In diesen Fällen verhaftet die Polizei die Verdächtigen zuerst und bringt sie zur Abfertigung in freie Bezirke, um später zu behaupten, dass die Beschuldigten abgehauen sind. Es wurde aber in manchen Fällen dokumentiert, dass dies zur Vertuschung geschehen ist, um eine außergerichtliche Exekution vollziehen zu können CAVALLARO 1997, S. 18).

In einigen Jahresberichten von HRW wird außerdem von Vorfällen berichtet, in denen die Polizisten außerhalb ihrer Arbeitszeit aufgrund von persönlicher Blutrache oder als Reaktion auf Provokationen oder Belästigungen töten. Diese Fälle wurden mit aufgenommen, da sie die Gefahr von manchen Polizisten in der Öffentlichkeit zeigen (CAVALLARO 1997, S. 16f.). Die UN-Sonderberichterstatterin Asma Jahangir kritisiert die Ausbildung der Polizei und schlägt eine Reform in der Rekrutierung neuer Polizisten vor. Weiterhin sollen diese vorab auf Verbindungen zum organisierten Verbrechen überprüft werden (FLEMENS & CHOLET 2004, S. 155).

3.3.3. Folter und Haftbedingungen

Eine der größten Menschenrechtsverletzungen durch die Polizei in Brasilien sind Misshandlungen und Folter. Obwohl die Folter seit 1997 als gesonderter Strafbestand und nicht mehr nur als Körperverletzung juristisch erfasst wird, praktizieren brasilianische Polizisten diese weiterhin als Routineermittlungsmethode. Schon im Jahr 1990 wird im ai-Bericht geschrieben:

„ Folter ist in Brasilien eine allgegenwärtige Erscheinung. Sie kann jederzeit undüberall vorkommen - in Polizeirevieren und Polizeifahrzeugen, in Gefängnissen und im Verborgenen. “ (WEIS 2000, S. 204f.)

Gefängnisfolter bleibt ein ernsthaftes Problem in Brasilien. Es gibt zuverlässige Reporte über die Polizei und die Gefängnisgarde, die Menschen im Gefängnis als Form von Bestrafung oder Einschüchterung und als Erpressung folterten (vgl. HRW 2008, S. 191). Im Folgenden eine schockierende Aussage eines Überlebenden von Polizeifolter in einem Gefängnis in Bahia:

„ The guy grabbed me and hit me twice, on Friday. … [He] cut my finger here and here. Afterwards he put me standing against the wall and threw a knife to see if it would get stuck on the door. … On Friday I didn ´ t sleep; they kept on giving me showers every twenty minutes, and they kept beating me. On Saturday, policeman Joaquim put me this way and beat me, he broke a nightstick on my back, took another one, and kept beating me. Afterwards he commanded me to spread a cream … over the head of the nightstick. Then he introduced the stick into my [anus] three times, I kept falling down and he kept beating me. I went to the bathroom to defecate … , when he said: ‘ You ’ re not going to defecate in the toilet, you ’ re going to do it on the ground so that you can eat it. ’ Then I defecated on the ground and he made me eat it. Afterwards … I was cleaning the walls which were dirty with blood and he was beating me. Afterwards he put me there, my legs were all washed with blood, he threw alcohol at them and set them afire, I was going to put the fire out and he said: ‘ Don ´ t do it, you son of a bitch! ’” 24 (CAVALLARO 1997, S. 30f.)

Eine weitere verbreitete Foltermethode in brasilianischen Gefängnissen ist die Papageienschaukel25. Dabei wird das Opfer mit zusammengebundenen Beinen und Händen an eine Eisenstange gehängt und durch Schläge, Elektroschocks und Eintauchen unter Wasser gequält (WEIS 2000, S. 204f.).

Der aktuelle Jahresbericht von HRW zeigt, dass sich in den letzten 15 Jahren kaum etwas geändert hat. Das System sei geplagt von „ physical and psychological torture “ (HRW 2009). In mindestens sechs brasilianischen Staaten - Rodônia, Piauí, Mato Grosso, Ceará, Maranhão und Goiás - wurden Narben von Folter an den Gefangenen dokumentiert. Die Schläge seien Routine in den brasilianischen Gefängnissen. Selbst in Jugendhaftanstalten kommt es zu Misshandlungen. Im Januar 2008 wurde der siebzehnjährige Andreu Luís da Silva de Carvalho in Rio de Janeiro bis zum Tod von den Gefängniswärtern gefoltert (HRW 2009, S. 2).

Die Gefängnisse in Brasilien sind überfüllt und die Häftlinge werden unmenschlichen Bedingungen ausgesetzt. Allein in den letzten fünf Jahren sind die Gefängnisinsassen um vierzig Prozent angestiegen auf 440.000 Häftlingen. In den ersten vier Monaten in 2007 wurden 651 Personen in Haft von Mitinsassen oder der Polizei getötet (HRW 2008, S. 191). Der brasilianische Staat investierte im Jahr 2003 R$ 147 Mio. (€ 39,3 Mio.) für den Bau neuer Haftanstalten und der Schaffung neuer Zellen. Problematisch ist der Anstieg neuer Gefängnisinsassen von ca. acht Prozent jährlich (vgl. FLEMENS & CHOLET 2004, S. 151). Diese Überbelegungen führen zu menschenrechtsverletztenden Bedingungen in brasilianischen Gefängnissen, weiterhin zu Gewalt und Folter zwischen den Insassen.

[...]


1 Favelas sind Armenviertel in Brasilien. Zur genauen Begriffsbestimmung vgl. 2.1., S. 6

2 Favelados: Einwohner der Favela

3 Der Krieg von Canudos (Guerra de Canudos, 1896-1897) war die Niederschlagung der religiösen

Bewegung des „Fanatikers“ Antonio de Conselheiro, die mit großem militärischen Aufwand erfolgte.

4 Z1 ist die Abkürzung für Zitat 1. Die Original-Zitate in Portugiesisch befinden sich im Anhang. Die Übersetzungen der Zitate wurden von der Autorin dieser Arbeit vorgenommen.

5 Laut dem Artikel von CASCONCELLOS (2008) im Globo hat auch Cuiabá Favelas. Wahrscheinlich definiert die Stadtverwaltung in Cuiabá Favelas anders als die anderen Stadtverwaltungen. Es kann also geschlussfolgert werden, dass alle Städte in Brasilien mit mehr als 500.000 Einwohnern Favelas haben.

6 Real - brasilianische Währung: 1 Real = 0.34 Euro (Stand: März 2009).

7 Républica: Viele Studenten, die zusammen in einem Haus leben.

8 Die von PERLMAN untersuchten Favelas in Rio de Janeiro aus PERLMAN 2002 sind im Jahr 1968/69: Catacumba, in der Südzone Rios (wurde bis zur Folgestudie entfernt), Nova Brasilia in der Nordzone und acht Armenviertel in Duque de Caixas: In jedem Bereich interviewte sie 200 Frauen und Männer zwischen 16 und 65 Jahren und 50 Gemeindevorsitzende: insgesamt 750 Interviewte (1968/69). In der Folgestudie 1998 wurden 230 der original Interviewten wieder gefunden und interviewt und 130 willkürlich gewählte Nachkommen: insgesamt 360 Interviewte (1998).

9 In Rio de Janeiro ist die Schulausbildung auf die Heimatanschriften aufgeteilt.

10 das so genannte flagrante delicto

11 FAL: Fusil Automatique Léger-Automatikwaffe aus Belgien

12 M 16-Gewehr: US amerikanisches Sturmgewehr

13 M4 Karabiner: Sturmgewehr aus den USA, wird im Krieg gegen Afghanistan und im Irakkrieg benutzt.

14 Curso de Operações Especiais: Pt. Kurs der Spezialoperationen. 14-wöchiger Kurs, um in die BOPE aufgenommen zu werden.

15 Definition von Senturia: Korruption als die „mißbräuchliche Inanspruchnahme eines öffentlichen Amtes für private Zwecke“ (vgl. SCHMID 2007, S. 17).

16 Patronage: Bevorzugung eines bestimmten Personenkreises

17 Laut einer Umfrage von Datafolha, der Forschungsdivision der Zeitung Folha de São Paulo, aus CAVALLARO 1997, S. 47, denken 88 Prozent der Befragten von Rio de Janeiro und São Paulo, dass die Polizei in organisiertem Verbrechen involviert sein

18 NGO: Non-governmental organization (in dt.:Nicht staatliche Organisation)

19 Transparency Internacional (TI): Weltweit agierende nichtstaatliche Organisation mit Sitz in Berlin

20 CPI = Corruption Perceptions Index

21 Jogo do Bicho (Pt. Tierspiel): illegales Lotteriespiel in Brasilien

22 ato de resistência: act of resistance - die Gegenwehrhandlung

23 SEDH: Spezialsekretariat für Menschenrechte

24 Aussage von João Nascimento Santos Filho zur Menschenrechtskommission des Staates Bahia am 6. Mai 1995, Übersetzung ins Englische durch HRW/Americas.

25 pau da arara: Papageienschaukel

Ende der Leseprobe aus 105 Seiten

Details

Titel
Film und Realität
Untertitel
Das Leben in der Favela und der Kampf gegen die Polizei in Rio de Janeiro am Beispiel von „Tropa de Elite“
Hochschule
Universität Augsburg  (Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,35
Autor
Jahr
2009
Seiten
105
Katalognummer
V173353
ISBN (eBook)
9783640935475
ISBN (Buch)
9783640935642
Dateigröße
2815 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tropa de Elite, Filmanalyse, BOPE, Rio de Janeiro, Favela, brasilianische Polizei, Polícia Federal, Polícia Militar, Polícia Civil, Korruption in Braslilien, Korruption, Polizeigewalt, Folter, Haftbedingungen, Drogenkrieg, Drogen, Zivilkrieg, Straflosigkeit, Drogenbanden, José Padilha, Narrationsanalyse, Figurenanalyse, Nascimento, Neto, Tropa de Elite Matias, Tropa de Elite Fábio, Drogenboss Baiano, Favelados, Haft, Gefängnis, Elite Squad, Drogenkrieg Brasilien
Arbeit zitieren
Stefanie Tornow-Godoy (Autor), 2009, Film und Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173353

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