Homosexualität und Leistungssport

Lässt sich eine steigende Toleranz gegenüber Homosexualität in Deutschland feststellen?


Seminararbeit, 2010
28 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Gesellschaft und Homosexualität

3. Sport und Gesellschaft

4. Homosexualität und Leistungssport

5. Schlussbetrachtungen

6. Bildmaterial
6.1. Asexuelle Körperlichkeit
6.2. Sportler in der Werbung

7. Quellen

1. Einleitung

“Es gibt immer mehr Menschen, die schwul sind. Ganz sicher auch Spieler der Bundesliga.” (Arne Friedrich, Deutscher Fußballnationalspieler, 2004)

„Ich würde keinem Profi raten, sich zu outen. Der soziale Druck wäre nicht auszuhalten.“ (Corny Littmann, Ex-Präsident FC St. Pauli, 2004)

Das Thema Homosexualität erregt ein immer größer werdendes Medieninteresse. Politiker, Schauspieler oder andere Künstler haben sich zu ihrer sexuellen Neigung bekannt und ihre Karrieren sind dadurch nicht beeinträchtigt worden. Filme wie „Brokeback Mountain“ oder Serien wie „Queer as folk“ beschäftigen sich mit dem Thema. Durch diese öffentliche Präsenz von Homosexuellen scheint es, als sei deren Anzahl gestiegen. So vermutet auch Nationalspieler Arne Friedrich, es gäbe „(…) immer mehr Menschen, die schwul sind."1

Sport ist ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft. Er bezieht alle Altersgruppen ein und fesselt sowohl im aktiven als auch im passiven Bereich Millionen Menschen in Deutschland. Zehntausende von Fans sehen sich jedes Wochenende die Spiele ihrer Mannschaften in den Ligen Deutschlands an, egal ob im Handball, Basketball, Eishockey, Volleyball oder dem beliebtesten Sport Deutschlands, Fußball. Der Deutsche Fußball Bund ist mit mehr als 6 ½ Millionen Mitgliedern der größte Sportverein der Welt. Dennoch gibt es bis heute keinen einzigen geouteten aktiven Profi-Fußballer.

Outings in den gesellschaftlichen Bereichen wie Kunst, Politik oder auch Showbusiness sind nicht selten. Coming-Outs im Bereich des Sports lassen sich im Vergleich dazu nur in geringer Zahl anfinden und geschehen meist erst nach dem Karriereende des Athleten.

Corny Littmann spricht vom „soziale[n] Druck“2, den ein Profi aushalten müsste, wenn er sich outen würde. Littmann, der von Februar 2003 bis zum Mai 2010 Präsident des Fußballvereins FC St. Pauli war und offen zu seiner Homosexualität steht, spricht damit die Beziehung zwischen Gesellschaft, Sport und Homosexualität an. Einem Outing eines Profi-Sportlers steht also der große soziale Druck entgegen, dem sich augenscheinlich andere Personen des öffentlichen Lebens nicht auszusetzen haben. Um also die Beziehung zwischen den drei Schwerpunkten Sport, Gesellschaft und Homosexualität gründlich durchleuchten zu können, muss die Aufgabenstellung lauten: „Lässt sich eine steigende Toleranz gegenüber Homosexualität in Deutschland feststellen? Wie sind, im Hinblick auf die Fragestellung, die Auswirkungen auf die Akzeptanz von Homosexualität im Leistungssport und in welchen Bereichen lassen sich Veränderungen verzeichnen?"

Zur Prüfung der von Arne Friedrich festgestellten Häufung von homosexuellen Menschen im öffentlichen Leben die eventuell der steigenden Akzeptanz der Homosexualität gegenüber gestundet ist, betrachte ich zuerst die Zusammenhänge zwischen der Gesellschaft und Homosexualität. In diesem Zusammenhang sei zu erwähnen, dass es keine vertrauenswürdigen Statistiken gibt, die eine klare Aussage darüber geben, wie viele Homosexuelle Menschen in Deutschland leben. Dies ist sowohl der Tatsache, dass eine allumfassende Erfassung kaum möglich ist, geschuldet, als auch der Tatsache, dass nicht alle Befragten die Wahrheit sagen und die „Dunkelziffer“ höher sein könnte, als das endgültige Ergebnis. Im Internet kursieren Gerüchte, denen zufolge es sich um 10% handelt. Da sich aber kein sicherer Beleg dafür finden ließ, arbeite ich nicht mit diesem Wert.

Um zu verstehen, was die Basis für die Homosexualität im Sport, und besonders im Spitzensport, ist, muss der Stellenwert vom Sport in der Gesellschaft untersucht werden. Daher ist die Arbeit gegliedert in die drei Unterpunkte

- Gesellschaft und Homosexualität
- Sport und Gesellschaft
- Homosexualität und Leistungssport.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Untersuchungen sich auf die Bundesrepublik Deutschland beziehen. Wenn sich die Aussagen oder Untersuchungen auf andere Länder oder Regionen beziehen, dann ist das explizit erwähnt.

Um den Einstieg in die jeweiligen Kapitel möglichst leseleicht zu gestalten, wird an den Anfang der Einleitung, des Schlussteils und eines jeden Unterpunktes (Gesellschaft und Homosexualität, Sport und Gesellschaft, Homosexualität und Leistungssport) ein Zitat gestellt, dass im weiteren Verlauf des Kapitels erläutert wird.

Jeder Unterpunkt wird für sich genommen am Ende des Kapitels noch einmal zusammengefasst. Eine generelle Zusammenfassung gibt es im Anschluss an die Ausführungen zu Gesellschaft, Homosexualität und Sport. Neben dieser Zusammenfassung spielen auch die Zukunftsprognosen eine wichtige Rolle und sind daher teilweise auch schon in den Kapiteln enthalten, kommen aber spätestens im Schlussteil zur Sprache.

2. Gesellschaft und Homosexualität

"Gleichgeschlechtliche Betätigung verstößt eindeutig gegen das Sittengesetz"3. So lautete das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe am 10. Mai 1957. Damit wurden, festgelegt im § 175, gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen vor dem Gesetz als rechtswidrig angesehen und bestraft. 50.000 Männer wurden aufgrund dieses Gesetzes in der Bundesrepublik Deutschland zu Gefängnis- oder Zuchthausstrafen verurteilt. Abgeschafft wurde der § 175 erst im Jahr 1994. Das war ein weiterer Erfolg für die Homosexuellenbewegung, die bereits in den 60er und 70er Jahren eine Aufweichung der vorherrschenden antihomosexuellen Diskriminierung erreicht hatte.4 Nachdem viele ihrer Mitgliedsstaaten Strafgesetze, die gegen männliche Homosexuelle gerichtet waren, abgeschafft hatten, verbot auch die Europäische Union antihomosexuelle Gesetze. Doch trotz aller Erfolge wurde „(…) die dominante heterosexuelle Kultur nicht grundlegend verändert.“5

Ursache dafür ist die Heteronormativität unserer Gesellschaft. Laut Dieter Haller, Professor für Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität Bochum, bezeichnet „Heteronormativität (…) im weitesten Sinne all jene Betrachtungsweisen, die wie selbstverständlich davon ausgehen, dass das heterosexuelle Paar die Chiffre für Menschsein an sich bildet.“6 Die Basis für die Annahme, dass Heteronormativität der Zustand des Normalen ist, bildet die Heterosexualität. In diesem Fall ist damit jedoch nicht nur das sexuelle Verhalten der Heterosexualität gemeint, sondern auch das soziale Verhalten und die Identität des Einzelnen. Denn die Beziehung zwischen der Identität oder auch dem Selbst des Einzelnen und der gesamten Gesellschaft ist eine wechselseitige. „Das Selbst projiziert sich (…) auf die kulturellen Identitäten und internalisiert gleichzeitig deren Bedeutung, Normen und Werte.“7 Diese Verinnerlichung der Werte und Normen der Gesellschaft führt dazu, dass bereits bei Kindern das Bild einer heterosexuellen Welt entsteht und diese Welt Gültigkeit besitzt. Heteronormativität ist eine Norm der Gesellschaft, die nicht hinterfragt werden muss. Sie ist von dauerhafter und gleichbleibender Gültigkeit. Da sie die gültige Norm ist und damit unanfechtbar, wird alles, was ihr nicht entspricht als Abweichung angesehen.8 Diese Abweichung kann nicht hingenommen werden, entspricht sie doch nicht dem gängigen Weltbild. Daher bedarf sie einer Rechtfertigung oder Erklärung. Auch werden ihr die Rechte, die die Heteronormativität für sich beansprucht nicht einfach gewährt. Die Ursachen dafür, dass Heterosexualität die Grundannahme ist, sind vielfältig.

Als einer der schwerwiegendsten Gründe kann die Religion genannt werden. Die christliche Religion sieht das Paar, bestehend aus Mann und Frau, als die einzig richtige Form des Zusammenlebens an. Adam und Eva als Prototyp dieser Vorstellung und als Vorlage für die Art und Weise, wie Partnerschaften auszusehen haben. Um eben dieser religiösen und der daraus resultierenden sozialen Tradition zu entsprechen, hat die Gesellschaft die Heterosexualität als Norm festgelegt. „Die meisten Menschen begreifen ihre heterosexuelle Prägung als angeboren, sie sehen sie als automatisch an. Ausgebildete Beobachter verstehen jedoch, dass Menschen deshalb heterosexuell sind, weil sie so erzogen wurden und weil man ihnen beigebracht hat, so sein zu wollen.“9

Diese Grundlage der Heteronormativität macht es Homosexuellen schwer, ihr Leben mit der gleichen Selbstverständlichkeit und Offenheit zu führen, wie heterosexuelle Menschen, da sie sich in die Defensive gedrän]gt fühlen und sich für ihr Dasein und die Art dieses Daseins rechtfertigen müssen. Dass dies, gerade in der Phase der Pubertät, nicht leicht ist, beweist die viermal höhere Suizidrate bei homosexuellen Jugendlichen.10

Neben der Andersartigkeit der Homosexualität im Sinne der gleichgeschlechtlichen Liebe, stellt auch die Andersartigkeit der Homosexualität im Ausleben ihrer Selbst ein Problem für die heteronormative Gesellschaft dar. Während gleichgeschlechtliche Partnerschaften in eheähnlichem Verhältnis und die damit verbundene Monogamie den gültigen Werten der Heteronormativität entsprechen, stoßen andere „alternative Beziehungs- und Sexualverhaltensformen“11 eher weniger auf Verständnis und behindern das Fortschreiten von Akzeptanz der Homosexualität. Die Homosexuellenbewegung der 1970er Jahre hatte andere Ansichten, was Beziehungen anging. So wurden offene Beziehungen geführt, die „(…) ein Netzwerk (…) schufen, das auf Sex, Liebe und Freundschaft beruhte.“12 Diese Freiheit, die ein Lebensgefühl war und über das rein Sexuelle hinausging, steht in Widerspruch zu der vorgegebenen Monogamie und Familienstruktur (Mutter, Vater, Kind) der Heteronormativität.

Neben diesem Unterschied in dem Ausleben der sexuellen Neigungen und dem damit verbundenen sozialen Gefüge des Bekanntenkreises, stört ein weiterer Faktor das selbstverständliche Dasein der Homosexuellen: Die Öffentlichkeit. Zwar gibt es Personen des öffentlichen Lebens, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen, dennoch wird auch von ihnen erwartet, ihre Homosexualität im privaten Bereich ihres Lebens stattfinden zu lassen. „Man erwartet von Schwulen einerseits, dass sie sich zu ihrem Schwulsein bekennen, aber wenn sie es tun, wird moniert, dass ihre sexuelle Orientierung öffentlich nicht interessiert.“13 Diese Zwickmühle schafft Probleme für das öffentliche Ausleben der Homosexualität, denn das öffentliche Leben ist heterosexuell geblieben und Homosexuelle befinden sich damit in dem Dilemma,

„(…) ein im Grunde nicht mögliches Gleichgewicht zwischen Verschweigen und lautem Verkünden ihrer sexuellen Interessen zu finden“14. Somit ist die Homosexualität auf „Schlafzimmer, Kneipen und die Medien“15 begrenzt.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Homosexuellenbewegung der 1960er und 1970er Jahre viel verändert hat. Homosexuelle Handlungen sind nicht mehr unter Strafe gestellt, die Gesetzgebung macht Fortschritte, was die Gleichstellung von Homosexuellen mit Heterosexuellen angeht und die Medien zeigen sich größtenteils tolerant gegenüber den bereits geouteten Personen des öffentlichen Lebens. Dem gegenüber steht jedoch das Leben im Alltag, in dem Homosexuelle immer noch diskriminiert werden, verbalen und körperlichen Übergriffen aufgrund eben jener Homosexualität ausgesetzt sind und viele Regelungen, die für heterosexuelle Paare gelten (Versicherungen, Pensionen, Wohnen), nicht für gleichgeschlechtliche Paare Gültigkeit haben.

Die Gesellschaft mag Homosexualität in manchen Bereichen tolerieren, aber von einer gesamtgesellschaftlichen Toleranz oder gar einer Akzeptanz ist im Moment nicht auszugehen.

[...]


1 Walther, Tanja: KICK IT OUT, Homophobie im Fußball

2 ebenda

3 http://www.gruene-bundestag.de/cms/archiv/dok/181/181984.sittengesetz_grundrechte_und_homosexuali.html besucht am 22. Mai 2010 um 19:08 Uhr

4 Vgl: Aldrich (Hrsg.), 2007

5 ebenda

6 Haller: Die Entdeckung des Selbstverständlichen: Heteronormativität im Blick. In: Haller (Hrsg.): Heteronormativität. Sonderband der ethnologischen Zeitschrift kea 2002, (14), 1-28

7 ebenda

8 ebenda

9 Haller: Die Entdeckung des Selbstverständlichen: Heteronormativität im Blick.In: Haller (Hrsg.): Heteronormativität. Sonderband der ethnologischen Zeitschrift kea 2002, (14), 1-28

10 http://www.zeit.de/online/2007/25/schwul-jugendliche-internet besucht am 02. Juni 2010 um 22:21 Uhr

11 Hekma: Die schwul-lesbische Welt: 1980 bis zur Gegenwart. In: Aldrich (Hrsg.): Gleich und anders; Eine globale Geschichte der Homosexualität, Murmann Verlag GmbH, Hamburg, 2007

12 ebenda

13 ebenda

14 Hekma: Die schwul-lesbische Welt: 1980 bis zur Gegenwart. In: Aldrich (Hrsg.): Gleich und anders; Eine globale Geschichte der Homosexualität, Murmann Verlag GmbH, Hamburg, 2007

15 ebenda

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Homosexualität und Leistungssport
Untertitel
Lässt sich eine steigende Toleranz gegenüber Homosexualität in Deutschland feststellen?
Hochschule
Mediadesign Hochschule für Design und Informatik GmbH Berlin
Note
1,2
Autor
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V173389
ISBN (eBook)
9783640936366
ISBN (Buch)
9783640936694
Dateigröße
1048 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wie sind, im Hinblick auf die Fragestellung, die Auswirkungen auf die Akzeptanz von Homosexualität im Leistungssport und in welchen Bereichen lassen sich Veränderungen verzeichnen?
Schlagworte
Homosexualität, Leistungssport, Sport, Sportsoziologie, Gesellschaft, Heteronormativität, Psychologie, Sportpsychologie, Fußball, Toleranz, Akzeptanz, Diskriminierung, Ronaldo
Arbeit zitieren
Anne Baumann (Autor), 2010, Homosexualität und Leistungssport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173389

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