Michel Foucaults Nachwort zur „Geburt der Klinik" präsentiert sich dem linearen Leser als eine Art Belohnung. Foucaults Technik einer „Archäologie des Wissens“ besteht praktisch aus einer Aneinanderreihung historischer Zitate eines zeitlich und thematisch schmal begrenzten Fachgebietes, hier: der Medizin am Ausgang des 18. Jahrhunderts. Das Nachwort erscheint daraufhin als eine „Explosion“ der Bezüge und der Relevanz des Dargestellten.
Die Entstehung der pathologischen Anatomie wird präsentiert als entscheidend prägender Faktor für die Entstehung der Humanwissenschaften und hiermit der Diskurse über das Individuum und der philosophischen Selbstverortung des Menschen, die Entstehung der modernen Identitätsvorstellungen und hiermit der Festlegung von individuellen wie gesamtkulturellen Grenzen, die Vorstellungen und Manifestationen von Wahrheit und Objektivität, die Organisation von Wahrnehmung und Sprache sowie letztendlich auch für die moderne Literatur, explizit des 19. Jahrhunderts. Während die „Geburt der Klinik“ eine sehr genaue, explizite und strukturelle Beschreibung der klinischen Diskurse vornimmt, ist das (fünfseitige) Nachwort eine esoterische Verdichtung, weniger ein abschließendes Resümee, mehr ein Feld, das Spuren des Vorherigen aufnimmt und gleichzeitig Verweise andeutet. Es stellt die Behauptung auf, daß aus dem Vorhergesagten diese gesamtkulturelle Dimension ersichtlich ist, ohne die Wege explizit zu erläutern. Es handelt sich um eine provokative Technik, welche den Leser herausfordert, die Bezüge selbst herzustellen.
Wie wird eine sich zum Ende des 18. Jahrhunderts rapide verändernde medizinische Praxis zum (geheimen) Paradigma moderner Literatur? Wie läßt sich der Transformationsweg vom einen zum anderen verstehen.
In Georg Büchners „Woyzeck“ befinden sich zu den Ansätzen in der „Geburt der Klinik“ Absätze, welche verschiedene Weisen und Formen der Beeinflussung von Literatur durch den medizinischen Diskurs verdeutlichen. "Absatz" als die Beeinflussung und Interdependenz, als etwas, das sich von einem vermeintlich anderen Ort, hier, in einem literarischen Text, absetzt, seine Spuren läßt. Es geht um Absätze, welche die subtilen Wege von einer wissenschaftlichen Praxis und einem wissenschaftlichen Diskurs zu einem literarischen Text verdeutlichen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Erkenne dich selbst - Experimente am Körper
Bannung der Kinesis - Fixierung und Flucht
Organe und Diskurse - Tod und Individualität
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen medizinischen Diskursen des 18. Jahrhunderts und der modernen Literatur, mit einem besonderen Fokus auf Michel Foucaults „Die Geburt der Klinik“ und Georg Büchners „Woyzeck“. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie medizinische Praktiken – insbesondere die anatomische Pathologie – als Paradigma für den Umgang mit dem Individuum in der Literatur fungieren und inwieweit Woyzeck als Figur an diesen Mechanismen und deren Zwängen leidet.
- Analyse der medizinischen Körper-Ästhetik und des „Theatrum Anatomicum“
- Untersuchung der Fixierung des Individuums durch den klinisch-pathologischen Blick
- Interpretation von Woyzeck als Opfer und Subjekt medizinisch-wissenschaftlicher Experimente
- Vergleich der Konzepte von Bewegung, Kinesis und deren Bannung in Wissenschaft und Literatur
Auszug aus dem Buch
Bannung der Kinesis - Fixierung und Flucht
Das Theater war der ideale Ort, um den Tabubruch der Leichenöffnungen zu vollziehen. Es bot nämlich neben der beschriebenen rituellen Legitimationsmöglichkeit die entscheidende Organisation für eine konstante Beobachtung wie Präsentation. Im „Theatrum Anatomicum" von Padua waren die Zuschauer in der Weise eines Amphitheaters um die Bühne plaziert. Auf dieser befand sich der Anatom und seine Gehilfen und in der Mitte der Seziertisch mit dem Leichnam. Somit steht der Mensch, der Mensch als totes Objekt, im Mittelpunkt. Seine Veränderungen, seine Unberechenbarkeiten, seine äußeren wie körperlich-inneren Bewegungen sind ausgeschaltet, subtrahiert. Gleichzeitig ist die Perspektive des Wahrnehmenden fixiert und die Position des Präsentanten definiert.
Die Tragweite dieser Fixierung möchte ich anhand eines Hauptgedankens des Buches „Karneval des Denkens" von Helmar Schramm verdeutlichen. Dieser untersucht philosophische Texte des 16. und 17. Jahrhunderts (Paracelsus, Descartes, Hobbes u.a.) nach ihrem Umgang mit Bewegung und ihrer Metaphern. Er beschreibt eine permanente Auseinandersetzung mit der Bewegungsproblematik und beobachtet hier Versuche, durch das Theaterdispositiv die Wechselwirkungen von Sprache, Wahrnehmung und Bewegung zu ordnen.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Der Autor erläutert die methodische Herangehensweise und die Verknüpfung von Foucaults Archäologie des Wissens mit der literarischen Analyse von Georg Büchners „Woyzeck“.
Erkenne dich selbst - Experimente am Körper: Dieses Kapitel thematisiert die historische Verbindung von Kunst und Anatomie sowie die Rolle des Opfers bei der Gewinnung von medizinischer Erkenntnis.
Bannung der Kinesis - Fixierung und Flucht: Der Fokus liegt auf der räumlichen und diskursiven Fixierung des menschlichen Körpers im „Theatrum Anatomicum“ und deren Spiegelung im dramatischen Handlungsverlauf des „Woyzeck“.
Organe und Diskurse - Tod und Individualität: Der Abschluss untersucht die Transformation von der mechanistischen Medizin hin zur individuellen Differenzierung und die Konsequenzen für die moderne Subjektkonstitution.
Schlüsselwörter
Medizin, Literatur, Foucault, Woyzeck, Georg Büchner, Anatomie, Körper, Pathologie, Diskurs, Individuum, Kinesis, Fixierung, Theatrum Anatomicum, Wissenschaftsgeschichte, Subjektivierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Einflüsse medizinischer Praktiken und Diskurse – insbesondere der pathologischen Anatomie – auf die Konstituierung von Individualität in der Literatur, am Beispiel von Georg Büchners „Woyzeck“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Wechselwirkungen zwischen dem klinischen Blick, den Mechanismen der anatomischen Sezierung und der literarischen Darstellung eines Individuums, das sich den wissenschaftlichen Fixierungen zu entziehen versucht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, Foucaults theoretische Konzepte zur „Geburt der Klinik“ auf Büchners „Woyzeck“ anzuwenden, um aufzuzeigen, wie das Individuum zum Objekt wissenschaftlicher Vermessung und gesellschaftlicher Organisation wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt eine interdisziplinäre Methode, die literaturwissenschaftliche Textanalyse mit diskursanalytischen und kulturgeschichtlichen Ansätzen der Medizingeschichte verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der Anatomie, die räumliche Inszenierung im „Theatrum Anatomicum“ sowie die daraus abgeleiteten Macht- und Wissensstrukturen, die sich im Handlungsverlauf von Büchners „Woyzeck“ manifestieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören Medizin, Anatomie, Woyzeck, Michel Foucault, Diskurs, Körper-Ästhetik und die Konstitution von Individualität.
Inwieweit spielt der „Doktor“ im „Woyzeck“ eine zentrale Rolle?
Die Figur des Doktors fungiert im Drama als Repräsentant des analytisch-empirischen, positivistischen Wissens, der den Protagonisten Woyzeck zum Schauobjekt degradiert und sein Leiden instrumentell vermisst.
Wie lässt sich die „Kinesis“ im Kontext der Arbeit verstehen?
Die Kinesis bezeichnet hier die unberechenbare Bewegung des Lebendigen, die durch den klinischen Blick, der auf das „tote, beweglose Organ“ als Paradigma fixiert ist, gezielt „gebändigt“ und geordnet werden soll.
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- Magister Heiko Michels (Author), 2003, Der Einfluss von Medizin auf Literatur anhand von Foucaults Theorie in „Die Geburt der Klinik“ und Büchners „Woyzeck“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17342