Der dunkle Saal, das flimmernde Bild, die tickende Uhr. Verraucht, verrucht, und heutzutage fast vergessen: Das Bahnhofskino ist über 30 Jahre nach seinem Niedergang nunmehr ein mythischer Ort, über den lieber geschwiegen wird. Eine kleine, skurrile Fußnote in der Geschichte des Kinos, das mit immer größeren Leinwänden und immer höheren Budgets dem schmuddeligen Image der „Nonstop“-Aktualitätenkinos (AKIs) längst entflohen ist. Diese Bachelorarbeit aus dem Jahre 2022 beschäftigt sich mit dem Zeitstrahl der Bahnhofskinos in der BRD und Zeitkinos in der DDR, setzt diese in Verbindung mit Theorien von Michel Foucault und Jean-Louis Baudry und analysiert kulturell sowie ästhetisch Funktion und Wirkung dieses besonderen Medienortes. Am Ende soll folgende Frage beantwortet werden: Was machte das Bahnhofskino so besonders?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Willkommen im Bahnhofskino!
2. Definition „Bahnhofskino“ und dessen Geschichte in der BRD und der DDR
3. Die kulturelle Faszination: Ambiente, Klientel, Programm
4. Das Bahnhofskino in der Medientheorie
4.1. Als (Medien-)Heterotopie
4.2. Als Raum im Dispositiv
5. Das Bahnhofskino: Umkehrung oder Bestätigung bürgerlicher Vorstellungen?
6. Das Aufkommen und die Bedeutung von Videotheken
7. Retrospektive: Was machte das Bahnhofskino so besonders?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Bahnhofskinos (AKI) in der BRD und der DDR als medienkulturellen Ort. Ziel ist es, die spezifischen Eigenschaften dieses „Unortes“ zu analysieren, seine historische Entwicklung nachzuzeichnen und zu beantworten, was das Bahnhofskino in seiner Blütezeit und seinem späteren Niedergang so besonders machte.
- Kulturhistorische Einordnung des Bahnhofskinos als Medienort
- Analyse des Bahnhofskinos als Heterotopie nach Michel Foucault
- Untersuchung des Dispositivs und der Abgrenzung zum klassischen Kinobetrieb
- Der Einfluss von Videotheken als Ablösung des Bahnhofskinos
Auszug aus dem Buch
Das Bahnhofskino in der Medientheorie
Aus all den Beschreibungen des Bahnhofskinos geht hervor, dass es ein Ort der Andersartigkeit ist – eine mögliche Heterotopie nach Michel Foucault. Auszugehen ist dabei zuerst von der Theorie der Utopien, menschlichen Sehnsuchtsorten, die das Kino seit seinem Anbeginn auf die Leinwände bringt: Im Kino ist es möglich, weit entfernte oder fantastische Orte zu besuchen, immersiert in einem dunklen, zentralisierten Raum mit gewaltigen Bildern und einer imposanten Soundlandschaft. So war auch das Bahnhofskino anfangs ein Ort, in dem Sehnsüchte wahr werden konnten: „Man hat zum ersten Mal, weiß ich, den Strand von Florida gesehen, wo Leute Wasserski liefen oder … also Bilder, die man gar nicht kannte.“
Anders als beim herkömmlichen Kino fehlte beim Bahnhofskino jedoch allein durch die neben jeder Leinwand hängende Uhr die Immersion, das Loslösen von der Realität, das Entfliehen aus dem Alltagsstress in einen Raum, der das Publikum in andere Welten transportiert. Das Bahnhofskino war kein Medium zur Alltagsflucht, sondern maximal eine in den Alltag eingebundene kurze Verschnaufspause bzw. ein Wartezeitvertreib. Laut Foucault gehört das Kino zu den „offene[n] Ruheplätze[n]“, unter denen es jedoch auch Orte gibt, „die vollkommen anders sind als die übrigen. Orte, die sich allen anderen widersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, ersetzen, neutralisieren oder reinigen sollen.“
Ein Ruheplatz war das Bahnhofskino gewiss nicht – das anfangs auf 50 Minuten beschränkte Programm, das sich schließlich immer wiederholte, war darauf ausgelegt, hohe Fluktuation zu betreiben und auch „verpassbar“ zu sein, so dass die sich dort aufhaltenden Menschen gar nicht erst zur Ruhe kommen konnten. Innerhalb dieser 50 Minuten hätte sich theoretisch das Publikum mehrmals komplett auswechseln können. Hier fand also ein „Entzauberungsprozess“ des Kinos statt: Der Zufluchtsort Kino, die Immersion in verschiedene Welten, wurde schlichtweg rationalisiert – äußerlich durch sein Dasein innerhalb der Bahnhofshalle, dem Symbol der Industrialisierung, innerlich durch seinen Fokus auf kurzweiligen Zeitvertreib, der die Kunstform „Film“ ad absurdum führte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Willkommen im Bahnhofskino!: Einführung in das Thema und Problemstellung der wissenschaftlichen Aufarbeitung eines vergessenen Kinophänomens.
2. Definition „Bahnhofskino“ und dessen Geschichte in der BRD und der DDR: Historische Herleitung des Begriffs und Vergleich der Entwicklung in Ost und West.
3. Die kulturelle Faszination: Ambiente, Klientel, Programm: Analyse der soziologischen und atmosphärischen Aspekte, die das Bahnhofskino als „Unort“ prägten.
4. Das Bahnhofskino in der Medientheorie: Theoretische Untersuchung unter Anwendung von Foucaults Heterotopie-Konzept und Baudrys Dispositivtheorie.
5. Das Bahnhofskino: Umkehrung oder Bestätigung bürgerlicher Vorstellungen?: Diskussion darüber, ob das Bahnhofskino eine Rebellion oder eine Bestätigung gesellschaftlicher Normen darstellte.
6. Das Aufkommen und die Bedeutung von Videotheken: Darstellung des medientechnologischen Wandels, der das Ende des Bahnhofskinos einleitete.
7. Retrospektive: Was machte das Bahnhofskino so besonders?: Zusammenfassende Betrachtung der Alleinstellungsmerkmale und der Einzigartigkeit des Bahnhofskinos als historisches Novum.
Schlüsselwörter
Bahnhofskino, AKI, Zeitkino, Medientheorie, Heterotopie, Dispositiv, Kinogeschichte, Videothek, Schmuddelkino, Popkultur, Medienort, Apparat, Alltagsflucht, Genre-Film, Schaulust
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte, Funktion und medialen Bedeutung der sogenannten Bahnhofskinos (AKIs) in der BRD und der DDR.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung, die raumtheoretische Einordnung als „Unort“, die Programmgestaltung sowie die Verdrängung durch das Fernsehen und Videotheken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, die Frage zu beantworten, was das Bahnhofskino in seiner spezifischen Form und Zeit so besonders und zu einem kulturwissenschaftlich relevanten Objekt machte.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es erfolgt eine kulturwissenschaftliche und medientheoretische Analyse, insbesondere unter Anwendung der Heterotopie-Theorie von Michel Foucault und der Dispositivtheorie von Jean-Louis Baudry.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die räumliche und mediale Beschaffenheit des Bahnhofskinos, seine Funktion als Transitraum und den Wandel von der „Familienunterhaltung“ hin zum „Schmuddelkino“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Bahnhofskino, Heterotopie, Dispositiv, Kinogeschichte und mediale Transformation charakterisieren.
Warum wird das Bahnhofskino als „Unort“ bezeichnet?
Aufgrund seiner Lage an einem Durchgangsort und seiner Funktion als Transitraum entzieht es sich der klassischen Definition eines „Kinos“ als Ort der Immersion und bildet stattdessen einen hybriden Zwischenraum.
Inwiefern beeinflussten Videotheken den Niedergang der Kinos?
Videotheken boten die gleiche „harte Kost“ (z.B. Horror oder Erotik) wie Bahnhofskinos, jedoch in einem privaten, diskreten und technisch bequemeren Rahmen, wodurch die Daseinsberechtigung der öffentlichen Bahnhofskinos entfiel.
- Arbeit zitieren
- Elias Schäfer (Autor:in), 2022, Bahnhofskinos in der BRD und der DDR. Ein Medienort zwischen Kult, Schund und Verfall, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1736129