Videoanalyse von Madonnas Song "What it feels like for a girl" aus feministischer Perspektive


Essay, 2011
13 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. ‚What it feels like for a girl‘ – Analyse
2.1 Intro – Das erniedrigte Geschlecht
2.2 Hauptteil – Das rächende Geschlecht
2.3 Finale – Symbolische Vernichtung des traditionellen Verständnisses von Männlichkeit oder Niederlage der Weiblichkeit?

3. Bewertung aus feministischer Perspektive

4. Zusammenfassung/ Abschließende Frage

1. Einleitung

Die Bandbreite Madonnas bisherigen Schaffens im Bereich der Musikvideokunst ist enorm. Um den Rahmen dieser Hausarbeit nicht zu sprengen, musste ich mich jedoch einschränken. Doch mit welchem Video sollte ich mich näher beschäftigen? Ich entschied mich für ‚What it feels like for a girl’ aus mehreren Gründen. Einmal handelt es sich hierbei um ein, blickt man auf die schon lange anwährende Karriere Madonnas zurück, relativ neues Video, welches vergleichsweise wenig rezipiert und analysiert wurde, sieht man sich all die Literatur zu Madonnas bekanntesten Hitvideos wie z.B. ‚Express Yourself’ an. Des Weiteren geht es mir auf den folgenden Seiten besonders um eine Analyse des Videos aus feministischer Perspektive und schon der Songtitel liest sich wie eine Ansage Madonnas an die Frauen dieser Welt. Zu guter Letzt erhält das Video eine besondere Brisanz, da es von MTV direkt nach der ersten Ausstrahlung aus dem Programm genommen wurde. Angesichts der Tatsache, dass die Kauf-DVD für Jugendliche ab 12 Jahren erwerbbar ist, eine Praxis die Fragen aufwirft.

In einem ersten Schritt soll das Video ‚What it feels like for a girl‘ auf inhaltlicher und visueller Ebene analysiert werden. Die Ebene des Textes kann vernachlässigt werden (abgesehen vom Intro), da es sich bei dem Video um die Visualisierung eines Remixes von Above & Beyond handelt und lediglich der Refrain des Originals ‚Do you know what it feels like for a girl? Do you know what it feels like in this world for a girl?‘ mehrfach wiederholt wird. Die Analyse ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Intro des Videos von ca. 30 Sekunden Länge. Dieses fällt auf textueller Ebene heraus, da hierbei ein längeres Zitat aus dem Off zu hören ist. Das eigentliche Lied setzt erst danach ein und soll in einem zweiten Teil näher untersucht werden. Den Abschluss bildet das inhaltliche Finale, welches gesondert betrachtet werden soll, da ich auf zwei Möglichkeiten eingehen werde, wie man dieses Ende interpretieren kann.

In einem anschließenden Schritt will ich das Video unter Zuhilfenahme der Theorien Judith Butlers näher betrachten und die These, dass Madonna in ‚What it feels like for a girl’ eine Dekonstruktion von Geschlechtern vornimmt, untermauern.

2. ‚What it feels like for a girl‘ – Analyse

‚What it feels like for a girl’ erschien im Jahr 2001 und ist Madonnas 68. Musikvideo.[1] Regie führte ihr Ehemann Guy Ritchie - bekannt geworden durch schwarzhumorige Gangsterfilme wie ‚Lock, Stock, Two Barrels and a Gun’ - der ein Jahr später den Spielfilm ‚Swept Away’ mit Madonna in der Hauptrolle drehte.[2]

Jan-Oliver Decker zählt dieses Video zur Integrationsphase in Madonnas Videogesamtwerk, in dem sie eine Figur spielt, die „ nicht unmittelbar identisch mit der konkreten Person[3] Madonna ist. Da diese Figur jedoch keinen Namen besitzt, bezeichne ich sie der Einfachheit halber weiterhin als Madonna. Damit kann dann sowohl die Protagonistin im Video gemeint sein, als auch die real existierende Person.

2.1 Intro – Das erniedrigte Geschlecht

„Girls can wear jeans and cut their hair short, wear shirts and boots, ‘cause it’s okay to be a boy, but for a boy to look like a girl is degrading, ‘cause you think, that being a girl is degrading. But secretly you’d love to know what it’s like, wouldn’t you? What it feels like for a girl.”[4]

Diese ersten Worte des Videos werden nicht von Madonna gesprochen, sondern von der französischen Schauspielerin Charlotte Gainsbourg im Film ‚The Cement Garden’ nach dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan. Gainsbourgs Filmzeilen bilden eine Art Prolog zu ‚What it feels like for girl’. Sie erklingen die erste halbe Minute aus dem Off. Inhaltlich ist der Beginn weniger relevant. Man sieht Madonna in einem Zimmer (vermutlich in einem Hotel), gerade im Begriff aufzubrechen. Interessant erscheint nur die Betonung von typisch weiblichen Accessoires, die im Kontrast zum unförmigen blauen Ganzkörperoverall stehen. Sie trägt Lippenstift auf, legt einen Ohrring an, der aus der Buchstabenkette ‚Lady‘ besteht und zieht sich hochhackige Schuhe an. Im Gegenschnitt ist eine alte Frau in einem Altersheim zu erkennen.

Eine besondere Qualität erhält das Intro erst durch Gainsbourgs Filmzeilen. Zum einen wird hier Madonnas Zitatpraxis deutlich: War es beispielsweise in „Express Yourself“ mit Fritz Langs „Metropolis“ der expressionistische Film oder in „Bedtime Story“ die surrealistische Malerei,[5] ist es nun ein britischer Gegenwartsroman bzw. dessen Verfilmung, welcher zitiert wird. Zum anderen lässt sich das Zitat als eine Art Leitmotiv für das gesamte Video lesen. In der Szene, welcher das Zitat entnommen ist, beobachtet der jugendliche Protagonist Jack, wie seine Schwestern Julie (Gainsbourg) und Sue seinem jüngeren Bruder Tom ein Kleid und eine blonde, langhaarige Perücke anziehen, worauf Jack mit Unverständnis und Missfallen reagiert. Julie wendet sich daraufhin mit obigen Worten an ihn, denen zufolge es aus Männersicht erniedrigend sei, wie eine Frau gekleidet zu sein, während Frauen in Männerkleidung etwas ganz Alltägliches und Normales darstellten. Demnach bedeutet weibliche Kleidung also per se eine Abwertung ganz im Gegensatz zu männlicher. Denkt man das Ganze konsequent zu Ende, bedeutet die Geringschätzung von weiblicher Kleidung nichts anderes als die Geringschätzung von Weiblichkeit an sich, die selbst bei so etwas scheinbar banalem wie der Kleidung schon anfängt. Im Umkehrschluss kommt es somit nicht nur zu einer Aufwertung von männlicher Kleidung, sondern damit auch zu einer Aufwertung von Männlichkeit. Diese Schlussfolgerungen lassen sich zumindest aus der Aussage Julies ziehen und indem Madonna ihre Worte dem Video voranstellt, schließt sie sich ihnen an. Aber wie sieht es in der Realität aus? „Weiblich ist noch immer schlechter‘ als männlich“[6] konstatierte Ekkehard Kloehn 1979. Sah es über 20 Jahre später zur Entstehungszeit des Videos noch genauso aus? Die klare Antwort lautet: ja. Selbst im Jahr 2007 erfahren Frauen Benachteiligungen und Geringschätzung, wie die Zeitschrift ‚Der Spiegel’ jüngst belegte. Bestes Beispiel ist die Berufswelt: Zwar machen in Deutschland mehr Frauen Abitur (56,8 %), trotzdem sind nur 14,3 % von allen Professoren weiblich.[7] „Schon beim Einstiegsgehalt herrscht Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: In fast allen Fachrichtungen verdienen männliche Absolventen mehr als ihre Kommilitoninnen“[8].

Die Frage, die man sich stellen muss, ist, warum Weiblichkeit immer noch als unzulänglich und erniedrigend gilt. Dass Madonna da ganz anderer Meinung ist, hat sie in vielen ihrer Videos gezeigt, in denen sie sich selbst als Herrin von Männern darstellt, die Opfer ihrer eigenen sexuellen Gier sind, und von Madonna in ihren verschiedenen Rollen nach Lust und Laune dominiert werden. In ‚What it feels like for a girl‘ geht es allerdings weniger um das lustvolle denn um das aggressive Ausleben von weiblicher Macht. Der Hauptteil des Videos gestaltet sich als Rache- und Zerstörungsorgie einer Frau, die das Herrschaftsgebäude des Patriachats einreißen will.

2.2 Hauptteil – Das rächende Geschlecht

„[Madonna] vermittelte die sexgeladene Atmosphäre der Tanzfläche und wirkte […] gleichzeitig, als ob sie keinen Moment zögern würde, jemanden zu verprügeln.“[9]

Der zweite Teil dieser Aussage Marcia Zellers zu Madonnas ersten Musikvideos lässt sich auch treffend auf ‚What it feels like for a girl‘ beziehen. Der erste Teil des Zitats ist zwar auf visueller Ebene nicht wieder zu finden, da Madonna in diesem Video weder tanzt noch singt, doch auf auditiver Ebene handelt es sich hier um einen Club-Song, der eindeutig zum Tanzen animieren soll oder anders ausgedrückt „ein elementares Vergnügen an der Bewegung des eigenen Körpers und an der Beherrschung des umgebenden Raums“ ausdrückt und dadurch das Ausleben einer „unverdrängte[n] Sexualität“ propagiert.[10] Nichtsdestotrotz ist es auffällig, dass Madonna in ‚What it feels like for a girl‘ auf visueller und inhaltlicher Ebene diesem Aufruf nach befreiter Körperlichkeit nicht entspricht. Nicht nur, dass sie auf Gesang und Tanz verzichtet, ihre Kleidung ist zudem alles andere als erotisch oder aufreizend (abgesehen von den in Kapitel 2.1 erwähnten Accessoires) und ihr Verhalten ist nur als gewalttätig zu bezeichnen ohne eine sexuelle Konnotation zuzulassen (wie es z.B. bei SM-Handlungen der Fall wäre).

Das Video gestaltet sich als eine einzige Destruktionsorgie und das im doppelten Sinne. Zunächst einmal im materiellen Sinne. Zu Beginn schließt Madonna einen Sportwagen kurz und fährt zum ‚Ol Kuntz Guest Home‘, ein Altersheim, in dem sie eine alte, scheinbar lethargische Frau abholt. Schon der Name des Heims lässt sich als ein zynischer Kommentar lesen. ‚Kuntz‘ erinnert sowohl von der Orthographie als auch von der Phonetik an das englische Wort ‚cunt‘, ein vulgärer und abwertend gebrauchter Begriff für das weibliche Geschlecht. Ist ein Altersheim negativ betrachtet schon nur ein Heim, in dem die Gesellschaft, die für sie unnütz gewordenen Menschen abschiebt, wird es im Video zum Auffangbecken alter Frauen, die sexuell nicht mehr attraktiv und leistungsfähig sind. Diese Attribute machen dieser Logik zufolge in einer von Männern dominierten Welt eine Frau aus und reduzieren sie somit auf ihre Funktion als Gebärmaschine und Lustobjekt des Mannes. Madonna rebelliert gegen diese Vorstellung, indem sie die Frau aus dem Altenheim herausholt und an ihrer Amokfahrt teilhaben lässt.

Gemeinsam mit der alten Frau, deren Identität nie gelüftet wird,[11] fährt Madonna in die namenlose nächtliche Stadt. Ihr erstes Opfer sind drei junge Männer in einem Auto, neben dem sie an einer roten Ampel anhält. Mit vermutlich zu Hip Hop Musik[12] nickenden Köpfen blicken sie zu ihr herüber, der Fahrer anzüglich grinsend und die Lippen kurz zu einem Kussmund formend. Madonna reagiert darauf mit einem langsamen Augenzwinkern, fährt über die rote Ampel, wendet und fährt den Männern mit Vollgas in die Seite, schiebt ihr Auto förmlich aus dem Bild, das die Kamera einfängt heraus. Ohne eine Reaktion zu zeigen, fährt sie weiter und hält anschließend am Straßenrand an, von dem aus ein Mann mittleren Alters an einem Bankautomaten zu sehen ist. Elegant schlägt sie ihre Tür zu, den rechten Arm nach oben gestreckt, das linke Bein vor dem rechten verschränkt, die Oberlippe über die Unterlippe geschoben, das Haar in die Stirn gefallen – eine erotische Pose, wie zu einem Fotoshooting. Konterkariert wird diese Haltung allerdings durch den Elektroschocker in ihrer Linken, den sie kurz aufblitzen lässt. Die aufreizende Erotik der Pose wird somit zur gefährlichen, gewissenlosen Erotik der Zerstörerin Madonna. Sie demonstriert damit nicht nur die Macht über ihre eigene Sexualität, sondern damit verbunden auch ihre Macht über Männer. Das zeigt sich drastisch in der folgenden Sequenz, in der sie den Mann am Geldautomaten mit dem Elektroschocker angreift und sein Geld raubt. Zwar wird diese Szene nicht explizit gezeigt, aber eine andere Schlussfolgerung kann ausgeschlossen werden. Dass es ihr allerdings gar nicht um das Geld ging, wird schon dadurch deutlich, dass sie achtlos einen Schein fallen lässt. Es geht ihr ganz allein um die Zerstörung dessen, was die Vormachtstellung des Mannes zementiert - in diesem Fall Geld. Die Beute steckt sie einer Kellnerin - als Vertreterin eines typisch mit Frauen besetzten Berufsbildes der unteren sozialen Schicht - in einem Drive-In in die Schürze. Die Macht des Mannes soll also nicht nur gebrochen, sondern die Position der Frau im Gegenzug gestärkt werden. Dass dieser Weg selbstredend nicht der richtige ist, zeigt sich an der völlig konsternierten Bedienung, die das horrende Trinkgeld irritiert annimmt, vermutlich ahnend, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Trotzdem es sich um einen kriminelles Vorgehen Madonnas handelt, darf der emanzipatorische Akt darin nicht vergessen werden und auch wenn die Reaktion der Kellnerin normal erscheint, lässt sich ihr Verhalten auch als Angst vor dem Patriarchat lesen, vertreten durch die anwesende Polizei, die das Geschehen argwöhnisch beobachtet. Konsequent weitergedacht hieße das, dass man als Frau durchaus bereit sein sollte Grenzen zu überschreiten, um der eigenen Selbstbestimmung ihr Recht zu verschaffen. ‚What it feels like for a girl’ zeigt dies mit drastischen Mitteln. So drastisch, dass sich MTV gezwungen sah, den Clip nicht auszustrahlen. Ilse Kögler fragt sich in ihrem Artikel zu Madonnas Video, warum dann aber ähnlich brutale Videos von Eminem oder Limp Bizkit ohne Beanstandung ausgestrahlt wurden und ob es vielleicht an dem Umstand läge, dass in ‚What it feels like for a girl’ eine Frau Ausgang von Aggression ist und die Männer ihre Opfer?[13] Eine interessante Perspektive auf die ich in meiner abschließenden Betrachtung noch einmal zurückkommen werde. Zunächst lässt sich festhalten, dass es sich bei dem Video sicherlich um ein gewalttätiges Werk handelt, aber im Vergleich zu anderen Videos die im Fernsehen gezeigt werden nimmt es sich als geradezu harmlos aus, zumal es durch ironische Brechung immer wieder entschärft wird. So z.B. das Aufeinandertreffen mit den Polizisten. Zunächst touchiert Madonna den Wagen der Polizisten mit ihrem eigenen, während diese nur ungläubig zusehen. Dann setzt sie zurück und zielt mit einer echt aussehenden Pistole auf die beiden. Wie sich herausstellt handelt es sich hierbei nur um eine Wasserpistole, die sie ins Gesicht der irritierten Polizisten abfeuert. Einer Verfolgung entzieht sich Madonna, indem sie durch einen provozierten Auffahrunfall die Airbags in dem Streifenwagen auslöst. Die gesamte Sequenz ist ungeheuer provokativ: Wiederstand gegen die Staatsgewalt, tätlicher Angriff auf Polizisten - schlicht und einfach kriminelles und nicht nachahmenswertes Verhalten. Aber so ernst darf man Madonna hier nicht nehmen. Indem sie die Polizisten als tumbe Straßencowboys darstellt, die ihre Arbeitszeit anscheinend mit dem vertilgen von Fast Food verbringen, gewinnt das Ganze ironische Züge. Es geht ihr darum, ein typisch von Männern dominiertes Berufsbild zu karikieren. Ihr Charakter lässt sich im Video von niemandem aufhalten, auch nicht von der vermeintlichen Staats macht. Es geht ihr aber nicht nur um die Zerstörung der von Männern dominierten Welt, von einer Welt, die von Männern regiert wird, da sie das Kapital besitzen und die Exekutive beherrschen, sondern auch darum diese patriarchalische Welt der Lächerlichkeit preiszugeben. Das Video ist also durchaus mit einem Augenzwinkern zu lesen.[14]

Aber es geht nicht nur um die Demontage von Männermacht. Auch klassisch männliches Rollenverhalten wird hier umgekehrt. Mit Madonna ist es eine Frau, die ein typisch männliches Statussymbol übernimmt - das Auto. Die Männer erhalten nur negative Zuschreibungen. Sie werden durchgehend als sexistisch (Fahrer des ersten Autos), körperlich (dickleibiger Mann am Geldautomaten) und geistig unterlegen (Polizisten) dargestellt. Alle Bereiche, in denen sich Männer in einer Vormachtstellung befinden, werden nach und nach angegriffen. So auch der Sport. Nach ihrem Zusammentreffen mit den Polizisten sprengt Madonna ein Streethockeyspiel mit ausschließlich männlichen Mitspielern, fährt mitten durch ihre Reihen. Der Gewaltexzess hat damit aber noch nicht sein Ende gefunden. In der folgenden Sequenz stiehlt Madonna einen weiteren Sportwagen und steckt eine Tankstelle in Brand.

Inhaltlich springt das Video dann einen Schritt zurück. Wir sehen erneut Madonna in ihrem Zimmer kurz vor dem Aufbruch zu ihrer Vernichtungsorgie. Hier zeigen sich interessante neue Facetten ihrer Figur. Die Tätowierung ‚Loved‘ in ihrem Nacken lässt den Schluss zu, dass sie von irgendwem verlassen worden ist von dem sie einst geliebt wurde. Ob es sich dabei um einen Mann, vielleicht sogar ihren Ehemann gehandelt hat, bleibt im Dunkeln, würde aber ihrem offensichtlichen Hass auf die Männerwelt eine persönliche Motivation hinzufügen. Auf ihren Unterarmen sind Tätowierungen zu erkennen, die ihren Status, als Widerstandskämpferin unterstreichen. Eine Waffe, der noch der Qualm entströmt und ein Kreuz mit dem Schriftzug ‚no surrender’ – keine Kapitulation. Dies lässt sich nicht nur als Ansage in Richtung der Männer verstehen, sondern auch als Durchhalteparole an alle Frauen, die es Madonna gleichtun wollen, eine Aufforderung nicht zurückzustecken. Eine ganze Sammlung von Pässen zeugt davon, dass die bevorstehende Zerstörungsfahrt nicht ihre erste ist. Ein Hämatom auf den Rippen und eine Nachtkonsole voller Medikamente spiegeln aber auch ihre verletzliche Seite wieder. Sie selbst scheint nicht ausschließlich die starke Frau zu sein, als welche sie sich hier präsentiert. Inwiefern das Finale diese Vermutung unterstützt soll im folgenden Kapitel untersucht werden.

2.3 Finale – Symbolische Vernichtung des traditionellen Verständnisses von Männlichkeit oder Niederlage der Weiblichkeit?

Nach dem kurzen Rückblick springt das Video wieder in die Gegenwart von Madonnas Amokfahrt. Zu sehen ist nur der rote Sportwagen, der mit voller Wucht gegen einen Pfahl am Straßenrand fährt. Dieser Unfall wird von Ritchie visuell höchst beeindruckend in Zeitlupe eingefangen. Doch viel interessanter ist die Frage, was dieses Finale inhaltlich zu bedeuten hat. Hier gibt es verschiedene Interpretationsansätze.

Andrew Morton geht davon aus, dass sich Madonna nebst Beifahrerin vermutlich umbringt[15] und Jan-Oliver Decker spricht von einem „ selbstzerstörerischen Kampf gegen die Männer[16]. Diese Sichtweise lässt die Schlussfolgerung zu, dass es sich bei der vorangegangenen Destruktionsorgie um ein von vorneherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen gehandelt haben muss. Ein letztes Aufbäumen einer Frau gegen die Männer im vollen Bewusstsein, dass sie dies früher oder später wird bezahlen müssen und somit lieber den selbstbestimmten Freitod wählt. Handelt es sich also bei dem Ende um ein resigniertes Einknicken angesichts einer übermächtigen Männerwelt, in der sich eine Frau, wie sie Madonna im Video verkörpert, nur für kurze Zeit zur Herrscherin über das maskuline Geschlecht aufschwingen kann und lediglich die Macht über ihren eigenen Tod behält? Handelt es sich also letztlich doch um eine Niederlage der Weiblichkeit? Die Frage lässt sich nicht vollends verneinen, aber es gibt Überlegungen, die dagegen sprechen.

Zunächst einmal suggerieren die zahlreichen Pässe, die Madonna in ihrem Zimmer hortet, dass sie eine solche Vernichtungsfahrt nicht zum ersten Mal durchführt. Es scheint sich vielmehr um eine Destruktions reise durch die Vereinigten Staaten zu handeln.[17] Warum sollte sie also gerade jetzt aufhören? Was aber viel schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass nicht explizit gezeigt wird, ob sich zum Zeitpunkt des Aufpralls noch jemand im Auto befindet.[18] Wie ist das Ende aber dann zu interpretieren? Eine mögliche Erklärung wäre, dass es nicht um den Tod der beiden weiblichen Insassen geht, sondern um die Vernichtung des Autos, denn diese wird von Ritchie mit der finalen Einstellung betont langsam und auf spektakuläre Art und Weise eingefangen. Das Auto ist das klassische Statussymbol des Mannes und so nimmt es denn auch nicht Wunder, dass Madonna ausschließlich frisierte Sportwagen stiehlt, die alle Eigenschaften, die Männer an Autos so faszinieren, in Reinkultur darstellen: Schnelligkeit, Eleganz, Lautstärke. Diese Attribute eines Autos, mit denen sich Männer identifizieren wollen, werden durch den Finalen Crash vernichtet und damit auch ein Stück weit die Männerwelt, die sie repräsentieren. Dieser Interpretation zufolge wäre das Ende eine symbolische Zerstörung des traditionellen Verständnisses von Männlichkeit.

[...]


[1] Decker, Jan-Oliver: Madonna: Where’s that girl. Starimage und Erotik im medialen Raum. Ludwig: Kiel 2005. S. 542

[2] Decker, Jan-Oliver: Madonna: Where’s that girl. Starimage und Erotik im medialen Raum. Ludwig: Kiel 2005. S. 544

[3] ebd. S. 518

[4] ‚The Cement Garden’ R: Andrew Birkin

[5] Vgl. u.a. Schuhen: Hybride Pop-Welten.Madonna und die Avantgarde(n). S.128 und S. 136

[6] Kloehn: Typisch weiblich?- Typisch männlich?, S.94

[7] Der Spiegel, S.62

[8] Der Spiegel, S.63

[9] Zellers, Marcia: Die Verwegenen und die Schönen. MTV läßt Frauen alles zeiegn, in: Anette Baldauf, Katharina Weingartner (Hrsg.): Lips, Tits, Hits, Power. Popkultur und Feminismus. Wien: Folio 1998. S. 129

[10] VIVA MTV S. 179

[11] Jan-Oliver Decker spekuliert in ‚Madonna: Where’s that girl‘, dass es sich hierbei um die Mutter von der von Madonna verkörperten Protagonistin handeln könnte. Decker, Jan-Oliver: Madonna: Where’s that girl. Starimage und Erotik im medialen Raum. Ludwig: Kiel 2005. S. 518

[12] “Fast alle Rapper sind Männer. Die meisten Fans sind Männer.“ (Der Spiegel, S. 66) Die Männer versuchen also schon durch ihre Musik eine abgeschlossene Welt zu kreieren, zu der Frauen keinen Zutritt haben.

[13] Kögler, Ilse: Madonna: ‚What it feels like for a girl‘ in: Katechetische Blätter S. 441

[14] So hält sie z.B. extra an, um eine Portion Pommes Frites korrekt in einen Mülleimer am Straßenrand zu entsorgen.

[15] Morton, Andrew: Madonna. S. 409

[16] Jan-Oliver Decker: ‚Madonna: Where’s that girl‘, S. 518

[17] Es lassen sich Pässe der US-Staaten Ohio, Wyoming und Idaho identifizieren.

[18] In Zeitlupe kann man sogar genau sehen, dass sich niemand im Auto befindet. Es ist allerdings nicht nachzuweisen, ob das Absicht ist, da es bei normaler Abspielgeschwindigkeit, d.h. so, wie man es im Fernsehen präsentiert bekommt, kaum zu sehen ist.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Videoanalyse von Madonnas Song "What it feels like for a girl" aus feministischer Perspektive
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V173629
ISBN (eBook)
9783668766969
ISBN (Buch)
9783668766976
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
videoanalyse, madonnas, song, what, perspektive
Arbeit zitieren
Sebastian Schürmann (Autor), 2011, Videoanalyse von Madonnas Song "What it feels like for a girl" aus feministischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173629

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