Richard Wagners Verhältnis zur Musikkritik

Am Beispiel Eduard Hanslicks


Seminararbeit, 2011

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Allgemeines zum Thema Kritik – insbesondere Musikkritik

2. Hanslicks Auffassung als Musikkritiker

3. Wagners Forderungen nach einer neuen Musikkritik

4. Kritik über Wagner

5. Chronologie der Ereignisse zwischen Wagner und Hanslick
5.1 Erstes Treffen und anfängliche Begeisterung
5.2 Zwei Begegnungen 1862 –allmähliche Verfeindung
5.3 Wagners „Beckmesser“
5.4 Weitere Entwicklung

6. Schlussbetrachtungen

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Verhältnis Wagners zu seinen Kritikern. Kaum ein anderer ist dafür beispielhafter zu nennen als Eduard Hanslick. Liest man wissenschaftliche Texte über jenen, so bleibt es selten nur bei seiner Leistung als Musikkritiker und Autor des Werkes „Vom Musikalisch-Schönen“, denn das komplizierte Verhältnis zum Komponisten Richard Wagner ist ebenso präsent. Neben den musikkritischen Äußerungen Hanslicks über die Werke Wagners, ist es vor allem die persönliche Abneigung, die den Konflikt beider Männer im Laufe ihres Lebens immer mehr verschärft hat. In der Arbeit wird diese Entwicklung aufgezeigt und von verschiedenen Sichtweisen aus dargestellt.

1. Allgemeines zum Thema Kritik – insbesondere Musikkritik

Das Wort Kritik stammt vom griechischen κριτική [τέχνη] ab und bedeutet so viel wie: unterscheiden, sichten, urteilen.[1] Als „die auswählende oder die beurteilende Tätigkeit eines Subjekts in Beziehung auf ein oder mehrere Objekte“[2] bezeichnet Friedrich Mahling die Hauptaufgabe der Kritik.

Um vereinzelte, bis in die Hochkulturen zurückreichende kritische Äußerungen über Musik aus dem Untersuchungsbereich auszuklammern, hat man sich in der Forschung auf den periodischen Charakter von Musikkritik[3] festgelegt.[4] Corbinian Lachner hat in seiner Dissertation von 1955 versucht, die Musikkritik nach ihren Tendenzen zu periodisieren. Demnach gibt es fünf verschiedene Zeitabschnitte:[5]

1. Etwa um 1722-1770: „pädagogische“ Musikkritik, mit Vertretern wie J. Mattheson, J.A. Scheibe und F.W. Marpurg
2. 1760-1800: „volkserzieherische“ Musikkritik, vertreten von J.A. Hiller und J. F. Reichardt
3. 1790-1840: „romantische“ Musikkritik, durch J.F. Rochlitz und E.T.A. Hoffmann repräsentiert
4. 1850-1920: „wissenschaftliche“ Musikkritik mit E. Hanslick als zentraler Persönlichkeit
5. ab 1920 bis in die Gegenwart: „intellektuelle“ Musikkritik

Arnold Schering bezeichnet drei verschiedene Arten von Kritik, der man in Musikzeitschriften begegnen kann: Werkkritik, Leistungskritik und Organisationskritik. Werkkritik untersucht das musikalische Werk auf seinen künstlerischen Gehalt und wird also nur bei Neuerscheinungen gebraucht, Leistungskritik fragt nach der Interpretation der Ausführung und Organisationskritik befasst sich darüber hinaus noch mit dem Publikumsgeschmack und der Stellung des Künstlers.[6]

Das Verdienst der romantischen Epoche für die Musikkritik ist die Öffnung des Blicks zur Gegenwart und zum Schöpfer selbst; sie war nun nicht mehr nur theoretisch fixiert. Ebenso wurde ihr Kreis durch die Einbeziehung anderer Künste erheblich erweitert. Dabei wurde die sprachliche Ausdrucksskala malerischer, anschaulicher, aber eben auch unsachlicher. Die Kunst war nun bürgerlich geworden und so ebenfalls die Kritik über sie. Der Anspruch der Leser wandelte sich und die Tageszeitungen verlangten eine geistreiche aber unterhaltsame Art des Lesens, denn das Publikum wollte nicht mehr nur vom Verstand, sondern auch vom Gefühl angesprochen werden.[7] Romantische Musikkritik heißt auch: Wer den Künstler versteht, kann auch sein Werk verstehen. Daher führt das „Nachempfinden“ zu einer sehr bildhaften Sprache, die man poetische Kritik[8] nennt.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich eine neue Art der Musikkritik durch, denn der Kritiker wird durch das öffentliche Konzert mehr und mehr geprägt. Es werden nun keine eigentlichen Analysen mehr verfasst; das Objekt ist das zum Klingen gebrachte Werk.[9] Man will mit konstruktiver Kritik einen Fortschritt erlangen und das Einzelne im Zusammenhang mit dem Ganzen betrachten. Unzählige Quellen aus dieser Zeit bestätigen diese Tendenz, wovon eine zur Veranschaulichung hier eingefügt wird. Es handelt sich dabei um den Auszug eines Artikels von Franz Brendel aus der Neuen Zeitschrift für Musik:[10]

Wie die Kritik sich heutzutage nicht mehr, so wie früher, auf Besprechung einzelner Werke beschränken kann, ohne den Zusammenhang derselben mit dem Entwicklungsgang der Kunst überhaupt zu erforschen, wie bei der Beurtheilung einzelner Erscheinungen, wenn Principfragen in Anregung kommen, sich das Ungenügende zeigt, dass jene allgemeinen kunsthistorischen und philosophischen Fragen noch gar nicht erörtert sind, wie gerade der in diesen Blättern versuchte Fortschritt, das Ziel unseres Strebens, darin besteht, das Einzelne in seinem Zusammenhange mit dem Allgemeinen zu fassen, und der Tonkunst der Gegenwart jene ästhetische Basis, jene bewusste Orientierung zu geben, welche unserer Ansicht nach die wesentlichste Bedingung eines Fortschrittes ist, wie überhaupt die Kritik nicht mehr allein im Negativen verweilen darf, sondern sich selbst möglichst productiv gestalten muss, …[11]

2. Hanslicks als Musikkritiker

Schumann und Hanslick[12] sind die bedeutendsten Musikkritiker des 19. Jahrhunderts; interessant ist daher deren erste Begegnung, die 1845 stattfand und zugleich mit dem Thema Wagner anfing. Kurioserweise ging es im selben Jahr beim ersten Zusammentreffen Wagners mit Hanslick, um dessen Verhältnis zu Schumann. Beide Männer lehnten einander ab, der eine redet zu viel, der andere zu wenig.[13]

Hanslick repräsentiert im Gegensatz zu Schumann einen neuen, kritischen Musikreferenten, der diese Tätigkeit auch als Beruf ausführt und für den musikalischen Teil einer Zeitung verantwortlich ist. Er schreibt ebenso mit künstlerischem Anspruch, aber hat auch feste Normen und eine sehr kritische Herangehensweise, gewürzt mit viel Ironie. Hanslick verteidigt die konservative Richtung der Musik und ihrer Anhänger wie Schumann, Mendelssohn und Brahms vehement als eigener Anhänger der absoluten Musik. Er sagt Wichtiges in seinen Kritiken eher unauffällig und benutzt boshafte Vergleiche, die jedoch geistreich vorgebracht werden und den Leser amüsieren[14]. Genauso auch Hanslicks kurze, knappe Randbemerkungen, anstelle von komplizierten Satzgebilden im wagnerschem Stil. Jede seiner Kritiken erfordern aber auch sehr gründliche Partiturstudien, jede Schrift ist weitestgehend sachlich aber nicht trocken. So werden bei Opernbesprechungen peinlich genau zuerst Libretto, Musik, das Werk als Ganzes und dann die Leistung des Ensembles untersucht.[15]

Hanslick sieht es als notwendig an, dass der Musikkritiker sich auch im Komponieren probiert hat, wenn auch nicht unbedingt mit großem Erfolg, aber wenigstens so, dass dieser die Schwierigkeiten darin selbst erlebt hat:

Richtig sehen, richtig hören können ist gewiss die erste Bedingung für den Kritiker; aber volle Sicherheit erlangt er doch erst, wenn das Machen-Können, sei es auch mit bescheidenem Erfolg, hinzutritt.[16]

Neben Klavier und Geige hält er den gesanglichen Unterricht für unentbehrlich. Dies betrifft aber nicht nur den Musikkritiker, sondern oftmals auch Komponisten, deren Lieder „dramatisch, stimmungsvoll, geistreich, kurz alles Mögliche sind, nur nicht – sangbar“[17].

Als Hanslick 1867 zur Weltsaustellung nach Paris fährt, fällt ihm eine zu höfliche Kritikerpresse dort auf. Seine Vorstellungen sehen da anders aus:

Kritik ist doch nicht da, um alles zu rühmen, sondern um die Wahrheit zu sagen.[18]

Im zehnten Buch seiner Autobiographie gibt Hanslick ein langes interviewähnlich geführtes Gespräch zwischen ihm und seinem guten Freund Theodor Billroth (1829-1894, bedeutender Mediziner des 19. Jahrhunderts) wieder. Billroth wünschte sich für Hanslicks Memoiren ein Kapitel zur Musikkritik und den Stoff dafür nahm Hanslick aus diesem Gespräch. Hanslick beschreibt hierbei auch die Kehrseite des nie mangelnden Materials für den Kritiker. Jedes Jahr wachse die Anzahl von mittelmäßigen Künstlern, welche eine Kritik eigentlich überhaupt nicht verdient hätten. Noch dazu gäbe es in Wien sechs lange Monate lang jeden Tag ein Konzert, manchmal auch zwei oder drei und es sei unmöglich, alle davon zu besprechen.[19]

Zum Thema des Einflusses als Musikkritiker auf den Künstler sagt Hanslick:

Dieser Einfluss ist mehr als zweifelhaft. Ich habe stets an dem Grundsatz festgehalten, nur zu dem Publikum zu sprechen, nicht zum Künstler.[20]

Diese Macht betrachtet Hanslick durchaus kritisch, denn wenn man denken würde, eine erzieherische Funktion erfüllen zu können, lebe man in einer Täuschung, da doch meist nur Lob für richtig geachtet werde, Tadel jedoch nicht. Den Nutzen seiner langjährigen kritischen Tätigkeit sieht Hanslick eher in dem sich allmählich bildenden Einfluss auf das Publikum. Dabei sei die Kritik aber gegen den wirklichen Wert oder Unwert des Künstlers nicht allmächtig. Von tatsächlichem Einfluss ist die Musikkritik nur, wenn sie Recht hat. Außerdem sei der Unterhaltungswert des Publikums der ausschlaggebende Punkt, der letztendlich über Erfolg oder Misserfolg bestimmt und dies entspräche dann eben nicht zwangsläufig auch dem ästhetischen Wert. Machtlos sei Musikkritik deswegen aber trotzdem nicht, denn gerade bei neuen Erscheinungen, denen das Publikum noch sehr zaghaft gegenübertritt, könne der Kritiker dem Publikum mit passenden Worten auf die Sprünge helfen und dessen Meinung festigen. Nur was genau die Meinung des Publikums sei, ließe sich mittlerweile durch den „Lärm geschlossener Parteien oder durch bezahltem [sic] Applaus“[21] nur schwer erkennen. Hanslick beklagt zudem auch noch den schwierigen Umgang mit negativer Kritik, die leider häufiger in persönlicher Abneigung gegen ihn heraustrat, wie sich im Falle Wagners auch noch deutlich zeigen wird.

[...]


[1] Vgl.: Braun, Werner: Musikkritik, Köln: Gerig 1972, S. 13.

[2] Mahling, Friedrich: Musikkritik. Eine Studie, Münster i.W.: Helios 1929, S. 3.

[3] Zum Thema Musikkritik siehe auch: Taddy, Ulrich: Artikel Musikkritik, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., hrsg. von Ludwig Fischer, Sachteil, Bd. 6, Kassel 1997, Sp. 1362-1378.

[4] S.: Braun, Werner: Musikkritik, S. 14.

[5] Folgende Aufzählung Vgl.: Lachner, Corbinian: Die Musikkritik, Diss., Phil. Fak. München 1955, S. 4-27.

[6] Schering, Arnold: Aus der Geschichte der musikalischen Kritik in Deutschland (Jahrbuch der Musikbibliothek Peters), Jahrgang 1928, S. 9.

[7] Vgl., Ebd. S. 19.

[8] Vgl.: Bause, Renate: Probleme der Musikkritik bei Richard Wagner, Diss., Universität Münster 1951, S. 6.

[9] Vgl.: Braun, Werner: Musikkritik, S. 29f.

[10] Quelle: Brendel, Franz: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Oper. Dritter Artikel, Neue Zeitschrift für Musik XXIV./15, 19.2.1846, S. 57a.

[11] Zit. nach: Kirchmeyer, Helmut: Situationsgeschichte der Musikkritik und des musikalischen Pressewesens in Deutschland, II. Teil: System- und Methodengeschichte, 3. Bd.: Quellentexte 1834-1846, Regensburg: Bosse 1990, Sp. 563f.

[12] Einführende Informationen zu Eduard Hanslick: Abegg, Werner: Artikel Hanslick, Eduard, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., hrsg. von Ludwig Fischer, Personenteil, Bd. 8, Kassel 2002, Sp. 667-672.

[13] Vgl. Hanslick, Eduard: Aus meinem Leben, Kassel: Bärenreiter 1987, S. 48f.

[14] Einige Beispiele dazu werden im Laufe der Hausarbeit noch zitiert werden.

[15] Bause, Renate: Probleme der Musikkritik bei Richard Wagner, 11-18.

[16] Hanslick, Eduard: Aus meinem Leben, S. 51.

[17] Ebd.: S. 52.

[18] Ebd.: S. 244.

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Vgl.: Ebd., S. 400.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Richard Wagners Verhältnis zur Musikkritik
Untertitel
Am Beispiel Eduard Hanslicks
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Richard Wagner
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V173647
ISBN (eBook)
9783640938339
ISBN (Buch)
9783640938353
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
richard, wagners, verhältnis, musikkritik, beispiel, eduard, hanslicks
Arbeit zitieren
Marie-Christin Heene (Autor), 2011, Richard Wagners Verhältnis zur Musikkritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173647

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Richard Wagners Verhältnis zur Musikkritik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden