Augustins Friedensbegriff und die Lehre vom gerechten Krieg


Seminararbeit, 1981
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Disposition

2. Augustins Friedensbegriff

3. Die Lehre vom gerechten Krieg

4. Literaturangaben

1. Disposition

Die vorliegende Arbeit besteht aus zwei Hauptteilen. Im ersten Hauptteil (Kapitel 2) wird Augustins[1] Friedensbegriff näher erörtert. Die Grundlage bildete im Wesentlichen das 12. und 13. Kapitel[2] des XIX. Buches von Augustins „De Civitate Dei“ (Vom Gottesstaat). Im zweiten Hauptteil (Kapitel 3) wird über die Lehre des gerechten Krieges, der sich durch die ganze Geschichte zieht, berichtet. Es wird dabei bei Aristoteles begonnen und mit Augustin geendet. Die Fülle der nicht-christlichen wie auch der christlichen Denker machte dabei eine Auswahl notwendig. Augustins Lehre vom gerechten Krieg ist gerade deswegen so wichtig, weil sie fast unverändert ins Decretum Gratiani[3] aufgenommen wurde und damit für das ganze Mittelalter bestimmend war. Doch auch für die neuere Zeit und selbst für heute sind die in dieser Arbeit angeschnittenen Fragen ähnlich virulent wie sie früher waren.

2. Augustins Friedensbegriff

Das Ende des 11. Kapitels schließt damit, dass Augustin sagt, dass Friede allen Menschen teuer ist („pax omnibus cara est“).[4]

Im 12. Kapitel beginnt er diese Aussage zu beweisen: „Quod mecum quisquis res humanas naturamque communem utcumque intuetur agnoscit.“ Daran schließt sich gleich die Erläuterung an: „sicut enim nemo est qui gaudere nolit, ita nemo est qui pacem habere nolit.“[5] Ausgangspunkt sind also die res humanae und die natura communis. Es liegt in der Natur des Menschen verankert, dass ihm Frieden teuer ist und es gibt niemanden, der nicht Frieden haben will. Frieden haben zu wollen ist genauso ein Grundbedürfnis des Menschen wie sich zu freuen. Augustin stellt beides auf eine Stufe.

Aber warum gibt es überhaupt Kriege, was ja nicht abzustreiten ist? „Quando quidem et ipsi, qui bella uolunt, nihil aliud quam uincere uolunt; ad gloriosam ergo pacem bellando cupiunt peruenire“.[6] Krieg ist also nur Mittel zum Zweck, niemals Zweck selbst. Krieg ist mitunter notwendig, um zum Frieden zu gelangen. Kriege werden aus Beweggründen des Friedens geführt. Ausgangspunkt und Ziel ist somit immer der Friede.

„Vnde pacem constat belli esse optabilem finem. Omnis enim homo etiam bellegerando pacem requirit; nemo autem bellum pacificando“.[7] Selbst die scheinbaren Gegner des Friedens, die oben erwähnten Friedensstörer, wollen den Frieden; sie wollen den Sieg und Sieg ist ruhmreicher Friede. Diejenigen, die mit dem jetzigen Zustand des Friedens nicht zufrieden sind und dessen Beseitigung wünschen, sind friedensliebend und möchten doch letztendlich Frieden, allerdings einen solchen Frieden, wie sie sich ihn vorstellen: „Nam et illi qui pacem, in qua sunt, perturbari uolunt, non pacem oderunt, sed eam pro arbitrio suo cupiunt commutari. Non ergo ut sit pax nolunt, sed ut ea sit quam uolunt.”[8]

Somit ist selbst für die Friedensstörer und die Aufständischen die Aussage „nemo est, qui pacem habere nolit“ bewiesen. Denn auch wenn sie sich zur Verwirklichung ihrer Ziele von der großen Gemeinschaft getrennt haben, müssen sie doch untereinander Frieden halten, sonst könnten sie ihre Ziele nicht erreichen.

Und sogar die ruchlosen Räuber möchten untereinander Frieden haben. „Proinde latrones ipsi, ut uehementius et tutius infesti sint paci ceterorum pacem uolunt habere sociorum.”[9] Und sei es nur zur Durchsetzung seiner schlechten Absichten, Frieden hat der Räuber mit seinesgleichen notwendig, auch wenn dies nur ein „qualemcumque umbram pacis“[10] sein mag. Wenn der Räuber nach außen hin nur einen Schatten von Frieden aufrechterhält, so will er wenigstens zu Hause in wahrem Frieden leben (pax domus): „In domo autem sua cum uxore et cum filiis, et si quos alios illic habet, studet profecto esse pacatus; eis quippe ad nutum obtemperantibus sine dubios delectatur. Nam si non fiat, indignatur corripit uindicat et domus suae pacem, si ita necesse sit, etiam saeuiendo componit, quam sentit esse non posse, nisi cuidam principio, quod ipsi in domo sua est, cetera in cadem domestica societate subiecta sint.”[11]

Den Frieden mit den Seinen wünscht also jeder zu haben. Sogar Räu­ber können ohne Frieden nicht leben. „Odit ergo iustam pacem Dei et amat iniquam pacem suam ... Non amare qualemcumque pacem nullo modo potest.”[12]

Augustin führt in diesem Zusammenhang die Natur der Tiere an. Selbst die wildesten Raubtiere würden in ihrer Art Frieden halten und liebevoll ihre Jungen aufziehen. Hierzu würden sogar die ungeselligsten nach societas streben, beispielsweise würde ein Geier mit einem Weibchen in Frieden eine häusliche Gemeinschaft halten. Augustin möchte damit ausdrücken, dass die Tiere friedlicher mit ihren Artgenossen zusammenleben als die unerlösten gottfernen Menschen, da sie innerhalb ihrer Art keine Kriege führen, also keine gewaltsame Unterwerfung der Artgenossen unter ein principium kennen.

Von diesem Friedenszustand in der Natur der Tiere kehrt er dann zum Menschen zurück: „Quanto magis homo fertur quodam modo naturae suae legibus ad ineundam societatem pacemque cum hominibus quantum in ipso est, omnibus obtinendam, cum etiam mali pro suorum pace belligerent omnesque, si possint, suos facere uelint, ut uni cuncti et cuncta deseruiant.“[13]

[...]


[1] Augustin oder Augustinus Aurelius, Heiliger und Kirchenlehrer, geb. 354 im Gebiet Numidien, gest. 430 in Hippo Regius. Sein Vater war Heide, während hingegen seine Mutter Christin war (fromme Monika genannt). Augustin wurde von seiner Mutter im christlichen Glauben erzogen, aber Christ konnte und wollte er nicht sein. Er studierte Rhetorik, führte ein exzentrisches Leben und wurde schließlich Lehrer der Rhetorik in Mailand. Vor allem in seiner Suche um das wahre Glück, um die vita beata, war er von der Hl. Schrift enttäuscht. In Mailand lehrte auch Ambrosius, der ihn durch seine Predigten dem christlichen Glauben wieder näher brachte. 386 kam es bei ihm zu einer völligen religiösen Lebensumwandlung, zu einer Bekehrung. 387 ließ er sich taufen, 391 wurde er Priester und 395 Bischof von Hippo Regius. – Vgl. Brechter, Artikel: Augustinus, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 1, Sp. 1094-1102; Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. 2, Sp. 85-86.

[2] Ob Augustin eine Vorlage hierfür benützte oder nicht, ist Gegenstand einer Kontroverse geworden. Harald Fuchs ist der Meinung, dass Augustin in diesen Kapiteln „sich auf weite Strecken von einer ihm unmittelbar vorliegenden Schrift bestimmen lässt“ (Fuchs, Augustin und der antike Friedensgedanke, S. 17). Diese Schrift sei Varros nicht erhaltener logistoricus „pius aut de pace“. Joachim Laufs hingegen bestreitet dies energisch: „Augustins Aussage über den Frieden, die von keiner Vorlage abhängen, sind einem Gedankengang zugeordnet, der in Augustins eigener Gedankenwelt gründet.“ (Laufs, Der Friedensgedanke bei Augustinus, S. 2).

[3] Das Decretum Gratiani wurde 1142 abgeschlossen und ist eine Quellensammlung des zu dieser Zeit geltenden Rechts. Es wurde von Gratian (geb. anfangs des 12. Jahrhunderts, gest. vor 1179) zusammengestellt und durch ihn durch Zwischentexte ergänzt. Das Decretum Gratiani hatte keinen offiziellen Charakter, wurde aber als Hauptteil in das Corpus iuris canonici aufgenommen. – Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 7, Sp. 573-574; Stickler, Artikel: Gratian, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 4, Sp. 1168-1169.

[4] Augustin, De Civitate Dei, in: Corpus Christianorum, Series Latina, XLVIII, 1955, 19. Buch, 11. Kapitel, Seite 675, Zeile 32-33. Künftig zitiert in der Kurzform: Augustin, De Civitate Dei, XIX, 11, S. 675, Z. 32-33.

[5] Augustin, De Civitate Dei, XIX, 12, S. 675, Z. 1-3.

[6] Augustin, De Civitate Dei, XIX, 12, S. 675, Z. 3-5.

[7] Augustin, De Civitate Dei, XIX, 12, S. 675, Z. 9-11.

[8] Augustin, De Civitate Dei, XIX, 12, S. 675, Z. 11-14.

[9] Augustin, De Civitate Dei, XIX, 12, S. 676, Z. 17-19.

[10] Augustin, De Civitate Dei, XIX, 12, S. 676, Z. 23.

[11] Augustin, De Civitate Dei, XIX, 12, S. 676, Z. 24-30.

[12] Augustin, De Civitate Dei, XIX, 12, S. 676, Z. 89-91.

[13] Augustin, De Civitate Dei, XIX, 12, S. 677, Z. 81-86.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Augustins Friedensbegriff und die Lehre vom gerechten Krieg
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Historisches Seminar, Abteilung für mittelalterliche Geschichte)
Veranstaltung
Fehde und Krieg, Gottes- und Landfrieden im hohen Mittelalter
Note
2,0
Autor
Jahr
1981
Seiten
17
Katalognummer
V173690
ISBN (eBook)
9783640939732
ISBN (Buch)
9783640939596
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustin, Augustinus, Friedensbegriff, Gerechter Krieg, Kriegsdienst, Gottesstaat, De Civitate Dei
Arbeit zitieren
Dr., M.A. Roland Engelhart (Autor), 1981, Augustins Friedensbegriff und die Lehre vom gerechten Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173690

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