Neuere hirnphysiologische und kognitionspsychologische Forschungen weisen nach, dass das Gehirn von Geburt an „domänenspezifisch“ „vorbereitet“ ist, auf das Erlernen z. B. des aufrechten Gangs, das Erkennen von Mustern, das Erfassen von Mengen, das Kommunizieren mittels Sprache. Mädchen und Jungen lernen in diesen Bereichen schneller als Erwachsene. In einer (sozial-) pädagogischen Betrachtung kindlicher Lernstrategien sind zwei Begriffe herausstechend, die sich als spezifisch für kindliche Entwicklung darstellen und sich im deutschen Gebrauch des lateinischen Wortes Dominium als „Herrschaftsgebiete“, also Domänen kindlicher Entwicklung, bezeichnen lassen und damit den frühkindlichen Bildungsprozess, als das „Werk des Kindes, das sich selbst schafft“, in besonderer Weise beschreiben und kennzeichnen.
Dies ist zum einen der Begriff der Konstruktion als konstruktivistisch geprägte begriffliche Verdichtung der selbsttätigen „Aneignung von Welt“ durch Mädchen und Jungen.
Des Weiteren geht es um den Begriff der Kompetenz als begriffliche Verdichtung des Paradigmas von sozialkompetenten Mädchen und Jungen, die diese von Geburt an besitzen.
Daraus erwachsen Forderungen und Konsequenzen für Erzieherinnen in der täglichen Arbeit mit den Adressatinnen. Diese werden bislang im Rahmen eines Professionalisierungsdiskurses vor allen Dingen die Ausbildung der Fachkräfte betreffend verhandelt.
Daraus erwachsen Forderungen und Konsequenzen für Erzieherinnen in der täglichen Arbeit mit den Adressatinnen. Diese werden bislang im Rahmen eines Professionalisierungsdiskurses vor allen Dingen die Ausbildung der Fachkräfte betreffend verhandelt. Diese Diskussion muss in den Kontext von curricularen Rahmenbedingungen transferiert werden. Lehrende befinden sich an den Ausbildungs- und Lernorten, den Fachschulen und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik in diesen Rahmenbedingungen und haben diese formal und konzeptionell, sowie konkret im Unterricht auszugestalten. Wie ein Rückbezug aus den Lehrplänen der Fachschulen hin zu den für die erzieherische Praxis als prozessualer, struktureller und normativ-philosophischer Orientierungsrahmen gedachten Bildungsplänen für die Arbeit im Elementarbereich gestaltet werden soll, wird bislang nicht hinreichend diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Konstruktion“ als Begriff kindlicher Entwicklung
3. „Kompetenz“ als pädagogische Perspektive
4. Die Bildungspläne
4.1 Der Sächsische Bildungsplan – ein Leitfaden für pädagogische Fachkräfte in Kinderkrippen und Kindergärten
4.2 Der Bayrische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung (bayrBEP)
5. Die Lehrpläne
5.1 Die „Lehrpläne für die Fachschule Fachbereich Sozialwesen, Fachrichtung Sozialpädagogik“ in Sachsen
5.2. Der „Lehrplan für die Fachakademie für Sozialpädagogik“ in Bayern
6. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von frühkindlichen Bildungskonzepten und der curricularen Ausgestaltung der Ausbildung von Erzieherinnen. Ziel ist es, kritisch zu analysieren, ob und wie die Paradigmen „Konstruktion“ und „Kompetenz“ in den Bildungsplänen und den daraus abgeleiteten Lehrplänen der Bundesländer Sachsen und Bayern verankert sind und welche Konsequenzen sich daraus für das professionelle Selbstverständnis und die pädagogische Praxis der Fachkräfte ergeben.
- Konstruktivistische Sichtweisen auf die kindliche Entwicklung
- Kompetenzbegriff in der frühkindlichen Bildung
- Analyse und Vergleich der Bildungspläne von Sachsen und Bayern
- Übertragbarkeit frühkindlicher Bildungsansätze auf die Erzieherinnenausbildung
- Professionalisierungsdebatte im Kontext der sozialpädagogischen Ausbildung
Auszug aus dem Buch
2. „Konstruktion“ als Begriff kindlicher Entwicklung
Als früher Vertreter einer konstruktivistischen Sicht auf die kindliche Entwicklung gilt Jean Piaget und seine empirisch begründete Theorie der kognitiven Entwicklung von Mädchen und Jungen (vgl. VÖLKEL 2008, S. 103 f.). Im Folgenden sollen Ausschnitte elementarer Erkenntnisse Piagets dargestellt werden und als Grundsteine einer konstruktivistischen Sicht auf die kindliche Entwicklung analysiert werden.
Völkel legt dar, dass Piaget vier Hauptstufen der Entwicklung des Denkens unterscheidet, in deren Verlauf Mädchen und Jungen mehr und mehr dazu in der Lage seien, Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen: die sensomotorische Entwicklung (vgl. hier PIAGET / INHELDER 2009, S. 15 f.), das voroperatorische Denken, die Stufe der konkreten Operation und das Denken auf der formaloperatorischen Stufe (vgl. VÖLKEL 2008, S. 104; MONTADA 2002, S. 418-436). Piaget sah die geistige Entwicklung von Mädchen und Jungen als logische Entwicklungsfolge, die jeweils durch spezifische Strukturen des Denkens gekennzeichnet seien. Danach baue jedes höhere Stadium auf dem vorausgehenden auf (vgl. MONTADA 2002, S. 419). Vereinfacht dargestellt entwickele sich im Verlauf dieser vier Stufen das Denken des Kindes vom konkreten, handlungsnahen und egozentrischen Denken hin zum abstrakten, theoretischen, mehrperspektivischen Denken. Das Kind entwickele zunächst einfache handlungsnahe Schemata, die in komplexere, mehr und mehr symbolische Strukturen integriert würden (vgl. VÖLKEL 2008, S. 104 f.).
In seiner ganzen Komplexität kann Piagets Modell der kognitiven Entwicklung hier nur stark verkürzt dargestellt werden. Wichtig im Zusammenhang mit der Darstellung einer konstruktivistisch-ressourcenorientierten Sicht auf kindliche Entwicklung im Kontext des Themas der vorliegenden Arbeit erscheint jedoch die Erkenntnis Piagets über die präverbale sensomotorische Intelligenz von Säuglingen, die diese von Geburt an besitzen: „Diese Intelligenz ist in ihrem Wesen auf das Praktische ausgerichtet […] sie erstrebt Erfolge und will nicht Wahrheiten aussprechen, […] es gelingt ihr doch schon, eine Gesamtheit von Aktionsproblemen zu lösen, indem sie ein komplexes System von Assimilationsschemata konstruiert, und die Wirklichkeit gemäß einem System von raumzeitlichen und kausalen Strukturen zu organisieren [versucht]“ (PIAGET / INHELDER 2009, S. 15).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der Begriffe Konstruktion und Kompetenz für das Verständnis kindlicher Entwicklung ein und leitet die Forschungsfrage hinsichtlich deren curriculare Relevanz in der Erzieherinnenausbildung ab.
2. „Konstruktion“ als Begriff kindlicher Entwicklung: Dieses Kapitel erläutert Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung als konstruktivistisches Grundmodell und diskutiert dessen Bedeutung für ein ressourcenorientiertes Bild von Kindheit.
3. „Kompetenz“ als pädagogische Perspektive: Hier wird der Kompetenzbegriff kritisch reflektiert, wobei insbesondere das Konzept der Ko-Konstruktion und die Abgrenzung zu einer defizitorientierten Pädagogik im Zentrum stehen.
4. Die Bildungspläne: Dieses Kapitel analysiert die bildungspolitische Entstehung von Bildungsplänen und vergleicht exemplarisch die Ansätze in Sachsen und Bayern hinsichtlich ihrer elementarpädagogischen Bildungsauffassung.
5. Die Lehrpläne: Im Fokus steht hier die Verzahnung von Bildungsplänen und beruflicher Ausbildung, wobei die curriculare Umsetzung des Lernfeldkonzepts und des Bildungsbegriffs in den Fachschulen kritisch untersucht wird.
6. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Bildung in der frühen Kindheit ein ganzheitlicher Prozess ist, und fordert eine stärkere didaktische Kontextualisierung in der Ausbildung, die Persönlichkeitsentwicklung und fachliches Wissen integriert.
Schlüsselwörter
Konstruktion, Kompetenz, frühkindliche Bildung, Erzieherinnenausbildung, Bildungsplan, Lehrplan, Ko-Konstruktion, Selbstbildung, Professionalisierung, Sozialdidaktik, Elementarpädagogik, Kindliche Entwicklung, Theorie-Praxis-Verzahnung, Lernfeldkonzept, Frühpädagogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Schnittstelle zwischen frühkindlichen Bildungsplänen und der curricularen Gestaltung der Ausbildung zur Erzieherin unter Einbeziehung der Paradigmen „Konstruktion“ und „Kompetenz“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die konstruktivistische Entwicklungspsychologie, die Analyse frühkindlicher Bildungspläne (Sachsen/Bayern), die Didaktik der Erzieherinnenausbildung und die Professionalisierungsdebatte im Erzieherinnenberuf.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob und wie die Paradigmen der „Konstruktion“ und „Kompetenz“ in den Bildungsplänen der Länder existieren und welche Konsequenzen diese für die didaktische Ausgestaltung der Ausbildung an Fachschulen haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf einer Literaturanalyse sowie der exemplarischen Untersuchung spezifischer Bildungs- und Lehrpläne der Bundesländer Sachsen und Bayern basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Konstruktion/Kompetenz), die Analyse der sächsischen und bayerischen Bildungspläne sowie eine kritische Untersuchung der korrespondierenden Lehrpläne für Fachschulen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Konstruktion, Kompetenz, frühkindliche Bildung, Erzieherinnenausbildung, Bildungsplan, Lehrplan und Professionalisierung.
Inwiefern unterscheiden sich die Bildungspläne von Sachsen und Bayern laut Autor?
Der Autor zeigt auf, dass der sächsische Bildungsplan stärker konstruktivistisch ausgerichtet ist, während der bayerische Plan das Modell der Ko-Konstruktion stärker mit dem Erwerb institutionalisierter Basiskompetenzen und Instruktionsansätzen verknüpft.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Ausbildung von Erzieherinnen?
Der Autor schließt, dass die Lehrpläne die notwendige pädagogische und didaktische Kontextualität bisher nur in Ansätzen ausweisen und fordert eine stärkere integrale Persönlichkeitsentwicklung als Teil der professionellen Identitätsbildung.
- Quote paper
- Ole Norhausen (Author), 2011, Konstruktion und Kompetenz: Domänen kindlicher Entwicklung als curriculare Bedingungen der Ausbildung von Erzieherinnen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173728