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Das Sterben des guten Kapitalismus

Zusammenfassung Leseprobe Details

Der koordinierte, wohlfahrtsstaatlich geprägte Kapitalismus befindet sich in einer tiefen Krise. Wie kam es dazu? Was sind die Gründe für die Erosion eines Kapitalismusmodells, das einst von vielen Leuten als gut und gerecht empfunden wurde? Welche Art von Kapitalismus tritt an seine Stelle? Und was bedeutet das Sterben des "guten Kapitalismus" für die politischen Kräfteverhältnisse und die Kapitalismuskritik? Diesen Fragen widmet sich dieser Essay.

Leseprobe


Das Sterben des „guten Kapitalismus“

von Geert Naber (Juni 2026)

1. Einleitung

Dass der Kapitalismus mit demokratischen Mitteln eingebettet und „gut“ gemacht werden könne, galt in Westeuropa einige Jahrzehnte als selbstverständlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es hier zu einem Ausbau des Sozialstaates und der Arbeitsgesetzgebung. Damit einher ging ein starker Machtzuwachs der Gewerkschaften. Sie konnten in vielen west- und nordeuropäischen Ländern erhebliche Reallohnsteigerungen erkämpfen. Zugute kamen ihnen dabei staatliche Wirtschaftspolitiken, die sich orientierten an keynesianischen Konzepten (makroökonomische Rahmenplanung, staatliche Investitionslenkung, Mixed Economy) und dadurch eine enge Verflechtung von Markt und Staat herbeiführten. Vielerorts entstand ein „koordinierter Kapitalismus“ mit einem weit verzweigten sozialreformerisch-wohlfahrtsstaatlichen Institutionengefüge. Besonders ausgeprägt in Frankreich und Skandinavien. Etwas gemäßigter, aber ebenfalls unübersehbar in der alten Bundesrepublik, wo sich eine gemeinhin als „soziale Marktwirtschaft“ titulierte Variante des koordinierten Kapitalismus herauskristallisierte.

Was in Westeuropa über längere Zeit als normal und zukunftsfest galt, ist es heutzutage nicht mehr. Der koordinierte Kapitalismus befindet sich in einer existenzbedrohenden Krise. Wie kam es dazu? Was sind Gründe für die Erosion eines Kapitalismusmodells, das einst von vielen Leuten als gut und gerecht empfunden wurde? Welche Art von Kapitalismus tritt an seine Stelle? Und was bedeutet das Sterben des „guten Kapitalismus“ für die politischen Kräfteverhältnisse und die Kapitalismuskritik? Diesen Fragen widmen sich die folgenden Ausführungen.

2. Der „gute Kapitalismus“

Blickt man mit einer systemtheoretischen Brille auf den koordinierten Kapitalismus, muss sein realgeschichtliches Entstehen und Funktionieren erstaunen. Dieser Kapitalismustyp mit seiner engen Verflechtung von ökonomischen und politischen System beruhte nämlich auf eher unwahrscheinlichen Voraussetzungen. Eher unwahrscheinlich, weil Markt und staatliches Handeln unterschiedlichen Logiken gehorchen. Besonders dann, wenn das politische System demokratisch verfasst ist und alle Bürgerinnen und Bürger die gleichen Rechte besitzen. Diesem egalitären Prinzip stehen die ungleich verteilten Eigentumsrechte in einer kapitalistischen Marktwirtschaft gegenüber. Folglich kann ein fundamental demokratischer Kapitalismus ebenso wenig funktionieren wie eine demokratische Politik, die allzu betriebswirtschaftlich agiert und einem profitorientierten Unternehmen gleicht: „Eine Demokratie lebt von politischer Gleichheit und Freiheit sowie dem Versprechen, mittels demokratischer Politik die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Bürgerschaft des Gemeinwesens lebt, auch im Sinne des Gemeinwohls kontrollieren und gestalten zu können. In der Demokratie sollen sich die Bürger als Gleiche begegnen. Der kapitalistische Markt hingegen macht zwar keinen Unterschied zwischen den Marktteilnehmern, aber er setzt Zahlungskraft voraus. Wählen darf, wer Bürger ist; kaufen darf nur, wer auch zahlen kann. Im kapitalistischen Betrieb und den dortigen Entscheidungs- und Herrschaftsstrukturen kommen demokratische Entscheidungsfindung und Herrschaftslegitimation nicht zur Geltung. Die 'privaten Regierungen' der 'freien Wirtschaft' sind fast ausschließlich undemokratisch.“ (Selk 2023, S. 66)

Trotz des Spannungsverhältnisses zwischen Kapitalismus und Demokratie setzte sich aber bekanntlich in Westeuropa, Australien, Kanada und Neuseeland nach 1945 mit dem koordinierten Kapitalismus ein keynesianisch und sozialstaatlich geprägtes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell durch. Warum? Weil offenbar beide Seiten trotz ihrer unterschiedlichen Funktionslogiken den Eindruck hatten, aufeinander angewiesen zu sein: „Denn einerseits tut sich der Kapitalismus schwer ohne eine im Grundsatz berechenbare staatliche Ordnung, die auf Dauer am ehesten demokratisch gewährleistet werden kann. Andererseits gilt, dass ein sozial eingebetteter Kapitalismus am ehesten ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum hervorzubringen vermag, was im Gegenzug in den Augen der Bürger auch die demokratischen Institutionen legitimiert und stärkt.“ (Merkel 2023, S. 166 f.)

Der koordinierte Kapitalismus schien empirisch zu bestätigen, dass Demokratie und Kapitalismus letztlich doch zusammenpassen. Dass ökonomisches und politisches System sich mithin arrangieren können – im Sinne eines „guten Kapitalismus“, der klassengesellschaftliche Ungleichheiten abfedert und für die materiellen und politischen Belange der Arbeiterklasse besonders empfänglich ist. Daher träumten viele „den Traum immerwährender Prosperität“. Dem koordinierten Kapitalismus schien die Zukunft zu gehören. (Vgl. Lutz 1989)

Kritik am vermeintlich guten Kapitalismus gab es freilich auch. Ende der 1960er Jahre vor allem aus den Reihen der Studentenbewegung. Und in deren Gefolge dann ebenfalls verstärkt aus der sozialwissenschaftlichen Forschung. Ein Beispiel dafür ist die in Habermas-Zirkeln erarbeitete „Politische Krisentheorie“. Deren Diagnose in arg geraffter Form: Politik im Kapitalismus westeuropäischer Prägung fällt es immer schwerer, eine Balance hinzubekommen. Zwischen den Systemerfordernissen eines Kapitalismus, der trotz aller keynesianischen Steuerungsversuche eigensinnig und krisenbehaftet geblieben ist, auf der einen Seite. Den sozialkulturell inspirierten Wünschen der Wählerinnen und Wähler nach mehr Lohn, Sozialstaat und Freizeit auf der anderen Seite. Politik im entwickelten Kapitalismus besteht aus einem prekären Krisenmanagement. Sie läuft ständig Gefahr, es sich mit beiden Seiten (Wirtschaft und Wahlvolk) zu verscherzen und an Handlungs- und Durchsetzungsfähigkeit einzubüßen. (Vgl. Selk 2023, S. 69)

3. Der neoliberale Kapitalismus

Was immer man von der Politischen Krisentheorie halten mag: mit ihrem Insistieren auf dem Widersprüchlichen und Fragilen des koordinierten Kapitalismus lag sie richtig. Er geriet nämlich seit den späten 1970er Jahren unter Druck. So stark, dass auch vorsichtige Zeitdiagnosen vom Niedergang dieses Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells zu sprechen begannen. Und im selben Atemzug eine Revitalisierung des Marktkapitalismus vorhersagten.

Solche Prognosen fußten auf einer Fülle von Beobachtungen. Etwa auf den unübersehbaren Deindustrialisierungstendenzen in den alten Industriestaaten. Hier verlor der sekundäre Wirtschaftssektor stark an Bedeutung. Ablesbar an seinem sinkenden Anteil am gesamtwirtschaftlichen Produktionsergebnis (Bruttoinlandsprodukt). Oder am Rückgang der Arbeitskräftezahlen im Bereich der Industriebetriebe. Immer mehr Beschäftigte sind im Tertiärsektor tätig. Folglich ist oft von einem Wandel zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft die Rede.

Die Deindustrialisierung macht allen Kapitalismusvarianten zu schaffen. Dem koordinierten Kapitalismus aber offenbar in besonderer Weise: „Der Koordinierte Kapitalismus ist mit seinem Fokus auf spezifische berufliche Fertigkeiten, kooperative Beziehungen von (industriellen) Gewerkschaften und Arbeitgebern und inkrementelle Verbesserung industrieller Produktion viel fundamentaler durch die Deindustrialisierung herausgefordert als der Liberale Kapitalismus mit seinem Fokus auf generelle Fähigkeiten, radikale Innovation und flexible Arbeitsmärkte. So fällt Ländern wie den USA die Verschiebung zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft deutlich leichter als Deutschland, wo industrielle Produktion viel stärker in die 'DNA' des Kapitalismustyps eingebrannt ist.“ (Garritzmann 2023, S. 221)

Der liberale Kapitalismus scheint auch besser umgehen zu können mit einem weiteren Trend: der Finanzialisierung. Hiermit gemeint ist die wachsende wirtschaftliche Relevanz des Finanzsektors. In den kapitalistischen Kernländern schossen Investmentbanken, Investitionsfonds und neuartige Kapitalbeteiligungsgesellschaften wie Pilze aus dem Boden. Was die ökonomische Globalisierung und den weltweiten Konkurrenzdruck intensivierte. Weshalb wiederum klassische Unternehmen, nicht zuletzt die Vorzeigefirmen des koordinierten Kapitalismus, ihre Geschäftsstrategien folgenreich modifizierten: „Der shareholder value wurde zum regierenden Erfolgsmaßstab. Geschäftsstrategien wurden zunehmend auf Kurzfristigkeit ausgerichtet. Zentrale Elemente der Koordinierung und Regulierung des Marktes, die den organisierten Kapitalismus noch stabilisiert hatten, wurden ausgehöhlt.“ (Merkel 2023, S. 170 f.)

Zu den weiteren Faktoren, die das Erodieren des koordinierten Kapitalismus begünstigten, gehörte die Krise des Keynesianismus. Die Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre führten zum Doppelproblem von Massenarbeitslosigkeit und Geldwertschwund („Stagflation“). Das Steuerungsinstrumentarium des keynesianischen Wohlfahrtsstaates war mit dieser Situation überfordert. Der betont antikeynesianische Neoliberalismus fand immer mehr Zuspruch. Das Resultat waren politökonomische Paradigmenwechsel und „geistig-moralische Wenden“: „Im Gefolge von Friedrich von Hayeks neoklassischem fiskalischen Konservatismus und Milton Friedmans Monetarismus plus minimalem Staat gewannen neoliberale Theorien zunächst in der Wissenschaft dann in Publizistik und Politik an Popularität. Repräsentanten schätzten die Selbstregulierungskräfte des Marktes und verachteten die Interventionsmöglichkeiten des Staates. Mit diesem wirtschaftstheoretischen Paradigmenwechsel schlug die Stimmung zu Beginn der 1980er Jahre um: weg von den Leitwerten Organisation, Intervention und Solidarität, hin zum Lob freier Märkte, produktiver Ungleichheit und des gierigen Individualismus.“ (ebd., S. 169)

Versuche, die Wirtschaftskrisen im Sinne linker Politikkonzepte zu lösen, liefen ins Leere. Sowohl an den Wahlurnen als auch in der arbeitsweltlichen Arena. Das hatte zweifelsohne viel zu tun mit dem Ende der „Systemkonkurrenz“: „Der Zusammenbruch des Ostblocks wurde als Beleg für die Überlegenheit der Marktkräfte gedeutet. Er beseitigte überdies die große Herausforderung einer nichtkapitalistischen Alternative, die während des Kalten Kriegs bei manchem Vertreter der Kapitalseite und vielen politischen Akteuren die Bereitschaft erhöht hatte, auf Arbeiterforderungen stärker einzugehen und die Entwicklung hin zu einer sozialeren Marktwirtschaft mitzutragen, um gegen radikalere Veränderungen vorzubauen.“ (Kocka 2017, S. 117 f.)

4. Die Gewerkschaften

Solche Veränderungen ökonomisch-politischer Konstellationen wirkten sich – wenig überraschend – auch auf die Gewerkschaften aus. In vielen Weltgegenden verzeichneten sie in den letzten Jahrzehnten einen kontinuierlichen Mitgliederschwund. Was speziell in den Ländern, wo lange ein koordinierter Kapitalismus mit großem Gewerkschaftseinfluss vorgeherrscht hatte, eine Art Teufelskreis auslöste: „Verlieren die Gewerkschaften an Rückhalt, kann dies auch dazu führen, dass zentrale Elemente des Koordinierten Kapitalismus (wie die Art der sozialen Sicherung oder des Ausbildungssystems) an Rückhalt verlieren und nicht mehr aufrechtzuerhalten sind.“ (Garritzmann 2023, S. 228)

Beim Versuch, die Ursachen für den Mitgliederschwund der Gewerkschaften genauer zu erfassen, kommt man an einem Phänomen nicht vorbei: der Niedergang des „guten Kapitalismus“ korrespondiert mit einem Niedergang der klassischen Arbeiterbewegung. Diese war beileibe nicht in jeder Hinsicht emanzipatorisch, wies aber etliche Beispiele für solidarische Lebensformen und selbstbewusst-klassenkämpferische Mentalitäten auf. Man arbeitete gemeinsam in großen Fabriken mit hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad, kehrte in denselben Kneipen ein und betätigte sich kollektiv in proletarischen Kultur- und Sportvereinen. Und man grenzte sich mehr oder weniger stimmig von den Chefs und „denen da oben“ ab.

Davon ist nicht viel übrig geblieben. Es kam zu einem wirtschafts- und betriebsstrukturellen Wandel, der die Arbeitsverhältnisse durcheinander wirbelte: „Die großen Fabriken sind vielerorts abgerissen worden, an ihrer Stelle findet sich ein undurchschaubares Netz aus Zulieferern, Subunternehmen und Leiharbeitsfirmen. Jeder ist irgendwie anders angestellt und bezahlt, erfährt eine ganz praktische Form der Diversität. Während die einen zu geisttötendem Knopfdrücken, Hochheben, Knopfdrücken, Hochheben verdammt sind, beschäftigen sich die anderen ganztägig mit dem Hin- und Herschieben von Zahlen oder Herumtelefonieren.“ (Rudolph 2021, S. 9)

Die Ausdifferenzierung der Arbeitsverhältnisse geht mit einer Fragmentierung der „arbeitenden Mitte“ einher. Typisch für sie ist heutzutage ein hohes Maß an politischer, kultureller und biographischer Verschiedenheit. Was aber keinesfalls bedeutet, dass die Lohnabhängigen in komplett voneinander entkoppelten Welten lebten und nichts mehr gemeinsam hätten. Die meisten Mitglieder der ansonsten zutiefst heterogenen Arbeiterklasse sind – mehr denn je – dem kapitalistischen Konkurrenz- und Leistungsdruck ausgeliefert. Darauf wird aber zumeist nicht mit einem Gewerkschaftsbeitritt reagiert, sondern mit einer Strategie des einzelkämpferischen Durchwurstelns.

Darunter leidet zuvorderst der Gewerkschaftstypus mit engen Bindungen an die Arbeiterparteien, die in der Ära des koordinierten Kapitalismus über viel parlamentarische und politisch-administrative Macht verfügten. Eher ständisch orientierten Gewerkschaften, die sich auf die partikulare Vertretung einzelner Berufsgruppen konzentrieren, macht der betriebs- und wirtschaftsstrukturelle Wandel oftmals weniger zu schaffen. Mitunter verzeichnen sie gar Mitgliederzuwächse, weil die Fragmentierung der Belegschaften gruppenzentrierte Einstellungen stärkt – zu Lasten des berufsgruppenübergreifenden Prinzips „Ein Betrieb – eine Gewerkschaft“.

Deutlich radikaler als die gerade angesprochenen Gewerkschaftstypen präsentieren sich basisgewerkschaftliche Zusammenschlüsse. Von Bedeutung sind sie insbesondere in Italien und Frankreich. Ihr klassenkämpferisches Auftreten verschafft ihnen Sympathien bei vielen, die den „sozialpartnerschaftlichen Kuschelkurs” der Großgewerkschaften beargwöhnen. Diese Sympathien werden allerdings dadurch getrübt, dass die Basisgewerkschaften allzu oft für eine fragwürdige Form des Antikapitalismus stehen. Für einen Antikapitalismus mit einer gehörigen Portion an Antiimperialismus/Antizionismus und islamismusfreundlicher „Palästina-Solidarität“.

Rechtspopulistisch motivierte Neugründungen von Gewerkschaften blieben bisher in den einstigen Kernländern des koordinierten Kapitalismus offenbar ohne größere Erfolge. Daraus sollte freilich nicht gefolgert werden, die „arbeitende Mitte“ habe mit Parteien wie der AfD, dem RN oder der FPÖ nichts am Hut.

5. Die Arbeiterinnen und Arbeiter

Was lässt sich über das derzeitige Arbeiterbewusstsein sagen? Wo stehen die Lohnabhängigen gegenwärtig politisch? Die Antworten müssen, was auch eigene berufliche Erfahrungen nahelegen, differenziert ausfallen. Die Arbeiterschaft ist bekanntlich weniger denn je ein homogenes Gebilde. In den heutigen Belegschaften lassen sich – mit Blick auf habituelle Merkmale, kulturelle Praxen und politische Vorlieben – mindestens drei Milieus unterscheiden.

Eine der drei Gruppen ist eher links der politischen Mitte angesiedelt. Deren Mitglieder sind in der großen Mehrzahl nicht sozialrevolutionär gesinnt, aber interessiert an einem „guten“, also sozialstaatlich und gewerkschaftlich zivilisierten Kapitalismus. Eine wichtige Rolle in diesem Milieu spielt sozialdemokratisches Gedankengut, ergänzt um Ideen von „1968“. Was für eine faire und ausgewogene Bewertung der Studentenbewegung spricht: So manches von dem, was von dort ertönte, wirkt befremdlich. Zum Beispiel die antiimperialistische Revolutionsromantik oder die antizionistische Delegitimierung Israels. Darüber dürfen aber nicht die begrüßenswerten Effekte der „1968er“ vergessen werden. Die Studentenbewegung löste einen kulturellen Wandel aus, der obrigkeitsstaatliche Verhältnisse erschütterte. Konservativ-traditionalistische Denkmuster nahmen ab, die Kindererziehung wurde weniger autoritär und die Geschlechterbeziehungen egalitärer. Das alles ließ sich nicht nur im studentischen und bildungsbürgerlichen Milieus beobachten, sondern eben auch unter den „kleinen Leuten“.

Die zweite Gruppe eint eine große Skepsis gegenüber allen Spielarten politischen Handelns. Auch die Gewerkschaften sind in diesem Segment der Lohnabhängigen nicht wohlgelitten. So manche „Unpolitische“ praktizieren aber durchaus eine Solidarität im Kleinen und legen Empathie mit sozial Schwachen und Hilfsbedürftigen an den Tag. Es gibt aber auch solche, die von einer rechtslastigen Ellenbogenmentalität geleitet werden. Hier sind die Grenzen zur dritten Gruppe fließend.

Bei der dritten Gruppe handelt es sich um kein neuartiges Phänomen. Es gab immer schon etliche Arbeiterinnen und Arbeiter, die politisch weit rechts standen. Für Aufsehen sorgt aktuell: Diese Gruppe ist in den letzten Jahren deutlich angewachsen. Zu Ungunsten der eher linken Gruppe. In den betrieblichen Arbeitsstätten hat eine „Klimaveränderung“ stattgefunden. Rechtspopulistische Gesinnung wird in Teilen der Belegschaften enttabuisiert nach dem Motto: „Man wird ja schon noch mal sagen dürfen“. Vor allem in ausgewählten Social Media verbreitet sich eine ressentimentgeladene, teilweise hassdurchtränkte Kommunikation. (Vgl. Detje u. a. 2024, S. 45)

Es gibt mittlerweile eine Fülle an Literatur, die sich mit dieser Rechtsverschiebung befasst. Oft wird dabei festgestellt, dass in der dritten Gruppe durchaus Gewerkschaftsmitglieder und Sympathien für den „guten Kapitalismus“ anzutreffen seien. Zugleich werden dort aber politische Kräfte bevorzugt, die eine Mischung aus Neoliberalismus und Volksgemeinschaftsideologien postulieren und folgerichtig die linksliberalen und linken Milieus, die zu den Stützen des „guten Kapitalismus“ zählten, verächtlich machen. Wer rechts wählt, wählt mithin keine Sozialdemokraten vom Schlage eines Willy Brandt oder Helmut Schmidt. AfD und Co. wollen keine sozialere Marktwirtschaft, sondern eine rechtsintellektuellen Maximen folgende Elitenherrschaft. (Vgl. Naber 2024)

Ob sich dadurch die materielle und politische Lage der Leute mit kleinen und mittleren Einkommen verbessern würde, erscheint mehr als fraglich. Man kann viele gute Gründe dafür anführen, dass der Rechtspopulismus ein falscher Freund der kleinen Leute ist (vgl. Misik 2023). Es ist wichtig, dies in der politischen Auseinandersetzung mit Parteien wie der AfD zu tun. Schnelle Erfolge sind freilich nicht zu erwarten, denn viele, die ihr Kreuz bei den Rechten machen, machen dies nicht „nur mal so“, sondern weil sie überzeugte Rechte sind: „Wer AfD wählt, ist sich durchaus darüber im Klaren, dass es sich um eine rechtsradikale, in Teilen völkisch-neofaschistische Partei handelt. Doch dieses Wissen schreckt nicht ab. Mehr als vier Fünftel der AfD-Wähler*innen geben kund, dass es ihnen 'egal' sei, die extreme Rechte zu stärken.“ (Detje u.a. 2024, S. 40)

Diese Haltung zurückzudrängen, dürfte schwierig werden. Und sollte, wie gesagt, tunlichst nicht mit Erwartungen überfrachtet werden. Ein Schrumpfen der dritten Gruppe wäre nicht gleichbedeutend mit der Renaissance einer progressiven Ideen zugeneigten Arbeiterbewegung. Für deren Niedergang gibt es viele Gründe. Zum Beispiel, dass die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter ein Auto besitzen und sich vorrangig mit diesem Verkehrsmittel fortbewegen.

6. Das Autofahren

Der „gute Kapitalismus“ verdankte seine Entstehung unter anderem einer organisations- und konfliktfähigen Arbeiterbewegung. Die gibt es heute bekanntlich nur noch in rudimentären Formen. Folgt man Günther Anders’ Antiquiertheit des Menschen, ist dafür an erster Stelle das Auto verantwortlich: „So sieht, wer etwas Phantasie besitzt, den Autos an, dass diese ihre Fahrer in (im Vergleich mit Buspassagieren) skrupellose, wettrennsüchtige Wesen verwandeln, in Wesen, die für den Appell der Solidarität taub werden. Es gibt wohl kein Ding, das der Arbeiterbewegung einen so unrevidierbaren Schaden zugefügt hat wie das Auto.“ (Anders 2018, S. 526)

Dieses technikphilosophische Diktum mutet plakativ an, passt aber durchaus zu realhistorischen Entwicklungen. Man schaue nur auf empirisch fundierte Studien zur Geschichte des koordinierten Kapitalismus. Sie belegen, dass er nicht zuletzt durch seine symbiotische Verklammerung mit dem Auto dem proletarischen Milieu, also einem Wegbereiter des koordinierten Kapitalismus, den Boden entzog.

Gerade Westdeutschland lieferte dafür reichlich Anschauungsmaterial, gehörte doch die „Volksmotorisierung“ per Pkw zu den Wahrzeichen eines Klassengegensätze überformenden „Wirtschaftswunders“: „Steigende Beschäftigungszahlen und eine wachsende Bevölkerung mit steigendem Durchschnittseinkommen und einer langsam wachsenden Erwerbstätigkeit von Ehefrauen schufen neuen Spielraum für private Haushaltsabgaben; neue (Raten-) Zahlungs- und Konsumentenkreditmodelle erlaubten es einer wachsenden Zahl privater Haushalte mit staatlicher Unterstützung ein Auto anzuschaffen, was wiederum den Umstieg vom öffentlichen Verkehr und vom Motorrad auf das Auto nach sich zog. Die Infrastruktur stand bereit, Straßen waren bereits vorhanden oder wurden vorausschauend gebaut. Die Verbreitung des privaten Autos schaffte auch die Grundlage für das Wachstum der deutschen Autoindustrie. Sie wurde zu einem Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft und Ausdruck des Fortschrittes schlechthin. Kaum ein Politiker konnte oder wollte sich dem Druck entziehen, diese zu fördern. Das bereits unter den Nazis deklarierte Ziel der Volksmotorisierung erschien nach den ersten zwei Jahrzehnten der Bundesrepublik nunmehr realistisch. Jetzt bekamen die Deutschen wirklich, was ihnen zuvor nur verheißen wurde.“ (Canzler u. a. 2018, S. 54 f.)

Das Auto brannte sich tief ein in die mentalen und emotionalen Strukturen der westeuropäischen „nivellierten Mittelschichtsgesellschaften“ (H. Schelsky). Siehe Bundesrepublik: Hier entbrannte eine regelrechte Liebe zum Pkw, während die DDR wegen ihres „kollektivistischen“ Verkehrssystems von den Westdeutschen belächelt wurde.

Das Zerbröckeln des koordinierten Kapitalismus konnte dem Vernarrtsein ins Auto wenig anhaben. Nach wie vor wächst trotz aller autobedingten Umweltprobleme der Pkw-Bestand. Nach wie vor werden politische Kräfte bevorzugt, die sich für Straßenbau und „Freie Fahrt für freie Bürger“ stark machen. Und nach wie vor erfreut sich die Autolobby großen Zuspruchs. So leidet der riesige Autoclub ADAC nicht unter Mitgliederschwund. Im Gegensatz zu anderen Großorganisationen. Etwa den Gewerkschaften (siehe Kap. 4). Oder der eng mit diesen verbundenen SPD.

7. Die Sozialdemokratie

Der koordinierte Kapitalismus wird auch gern mal als sozialdemokratischer Kapitalismus bezeichnet. Nicht ohne Grund: Parteien wie die SPD lebten von diesem und für dieses Wirtschaftsmodell. Als es in die Krise geriet, ging es mit der Sozialdemokratie in Deutschland und einer Reihe ähnlicher Länder ebenfalls bergab.

Weshalb identifizierte sich die SPD so stark mit dem koordinierten Kapitalismus? Dessen Existenz schien zu belegen, dass ein marktökonomisches System durch das politische System gesteuert werden kann. So genau gesteuert, dass der Kapitalismus im Sinne der „sozialdemokratischen Utopie“ bis zur Unkenntlichkeit zivilisiert werden kann: „Die Gesetzgebungs- und Regierungsgewalt, in der sich die jeweils vorherrschenden Auffassungen von sozialer Gerechtigkeit spiegeln, beansprucht einen Vorrang gegenüber der Marktdynamik und darf die Verteilung wirtschaftlicher Ressourcen steuern, nicht jedoch umgekehrt. Genauer gesagt: Wann immer ein Kompromiss zwischen wirtschaftlicher Effizienz bzw. Wachstum einerseits und sozialen Rechten andererseits zu finden ist, liegt die Entscheidung in den Händen demokratisch gewählter und verantwortlicher Akteure, nicht bei wirtschaftlichen Akteuren. Es ist die Politik, die die Marktkräfte in Gang setzt, sanktioniert und reguliert und ihnen auf diese Weise einen institutionellen Rahmen gibt, mit dessen Hilfe dann der demokratische Staat den Wirtschaftsprozess so steuern kann, dass die doppelte Gefahr tiefer wirtschaftlicher Krisen und zerstörerischer sozialer Konflikte zuverlässig gebannt wird.“ (Offe 2013, S. 2)

Neben den wohlfahrtsstaatlichen Steuerungsoptimismus trat in der sozialdemokratischen Gedankenwelt eine von politkulturellem Optimismus getragene Gerechtigkeits- und Partizipationsphilosophie: „Sie besagt, dass es angesichts eines eingespielten Vertrauens in die regulatorischen und finanzpolitischen Fähigkeiten des Staates auf der einen Seite und der ungleichen Verteilung der Lebenschancen in kapitalistischen Gesellschaftsstrukturen andererseits ein 'natürliches' Bestreben aller Teile der Bevölkerung, vor allem auch der weniger privilegierten, gibt, von ihren politischen Rechten (zu wählen, Interessengruppen zu bilden, am öffentlichen Meinungsstreit teilzunehmen usw.) tatsächlich Gebrauch zu machen. Das institutionelle Arrangement der liberalen Demokratie bietet demnach einen dauernden Anreiz für Bürger, ihre politischen Rechte auch in Anspruch zu nehmen, weil ihr Gebrauch Aussichten auf eine 'gerechtere' Gestaltung von wirtschaftlicher Verteilung und sozialer Sicherheit als Ergebnis staatlicher Investitionen verspricht.“ (ebd.)

Folgerichtig begreift sich die SPD seit jeher als Partei der „sozialen Gerechtigkeit“. Das funktionierte, solange es eine Arbeiterbewegung gab, die diese Botschaft durch ihre politischen Ansprüche konkretisierte. Als dies, bedingt durch wirtschafts- und gesellschaftsstrukturelle Umbrüche, nicht mehr der Fall war, verlor der Gerechtigkeitsimperativ seine Bodenhaftung. Er verkümmerte zu einem politisch sterilen Containerbegriff, beliebig auffüllbar und nicht mehr zur Mobilisierung für die „sozialdemokratische Utopie“ geeignet: „In den demoskopischen Umfragen positioniert sich kaum jemand gegen Gerechtigkeit, aber jeder versteht darunter etwas anderes. Eine politisch mobilisierende Kraft kommt dem Begriff nicht zu. Er ruft die paternalistische Fürsorge hervor, aber nicht die eines großen Projekts, für das es sich zu engagieren lohnt.“ (Münkler 2025, S. 19)

Solcherart Passivität lässt sich heutzutage in vielen Segmenten der ansonsten heterogenen Arbeiter- und Angestelltenschaft feststellen. Insbesondere die „ganz unten“, also die Marginalisierten und die in prekären Verhältnissen Steckenden, neigen zur politischen Apathie und gehen zumeist überhaupt nicht mehr wählen. Viele Facharbeiterinnen und Facharbeiter machen das hingegen nach wie vor. Ebenso das Gros der kleinen und mittleren Angestellten. Aber diese „arbeitende Mitte“, einst die Kernklientel der Sozialdemokratie, wählt immer seltener die SPD.

Warum? Offenkundig haben zahlreiche ehemalige Wählerinnen und Wähler der SPD den Eindruck, vom sozialdemokratischen Gerechtigkeitsbegriff nicht mehr zu profitieren. So förderten Meinungsumfragen zutage, “dass viele von ihnen unter dem Aspekt der Gerechtigkeit das Ausmaß der Unterstützung für Marginalisierte und Prekarisierte als deutlich zu hoch empfanden, zumal für jene, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst erarbeiteten, sondern die alimentiert wurden: Ob das gerecht sei, wenn sie hart arbeiten müssten, während andere fast denselben Lebensstandard hätten, indem sie staatliche Transfers in Anspruch nähmen, welche auch noch von den Arbeitenden durch Steuern finanziert würden – so die immer wieder zu hörende Kritik“ (ebd.).

Die SPD reagiert darauf, indem sie sich wieder stärker als Partei derjenigen definiert, die „den Laden am Laufen halten“. Bisher allerdings ohne Erfolg. Der Effekt: Eine sichtbar gestresste Parteiführung, die im Übrigen nicht bloß ihr Gerechtigkeitsverständnis hinterfragen, sondern auch bei anderen diffizilen Themen wie Migration/Zuwanderung und Krieg/Frieden nach zeitgemäßen Antworten suchen muss.

Die Krise der Sozialdemokratie bewirkt einen Rechtsruck. Viele ehemalige SPD-Wähler wandern zur CDU oder – mittlerweile noch mehr – zur AfD. Nur wenige zu den Grünen, zur Linkspartei oder zum BSW. Was auf ein grundsätzliches Problem des linken Politspektrums hinweist: Offenbar können selbst Lohnabhängige, die nicht dem Rechtsruck folgen, mit den gerade genannten Parteien wenig anfangen. Möglicherweise wegen eines Zuviels an Wankelmut und Selbstgerechtigkeit (Grüne), an Antizionismus und Islamismusverharmlosung (Linkspartei) oder an grob vereinfachendem Populismus (BSW).

8. Ausblick

Das Sterben des „guten Kapitalismus“ muss nicht zwangsläufig das Sterben der SPD bedeuten. Es bedeutet aber, dass sich der wirtschafts- und sozialpolitische Einflussverlust dieser Partei erst einmal fortsetzen wird. Den Ton angeben werden bis auf Weiteres politische Kräfte, die mehr Neoliberalismus und Kapitalismus anstreben. Und das dürfte die Widersprüche und Pathologien dieser Wirtschaftsform noch deutlicher hervortreten lassen. Für den Kapitalismus nach dem „guten Kapitalismus“ wird wohl mehr denn je gelten:

– „Wer hat, dem wird gegeben“. Mit der Folge einer weiter zunehmenden Einkommens- und Vermögensungleichheit. Dieser Trend wiederum hat bedenkliche Auswirkungen auf zwei demokratische Teilregime, nämlich auf Wahlen und die allgemeine politische Partizipation: Sozioökonomische Exklusion und Ungleichheit übersetzt sich in einem hohen Maße in politische Exklusion und Ungleichheit, von denen vor allem das untere Drittel der sozialen Schichten negativ betroffen ist. (Vgl. Merkel 2023, S. 181 f.)

– Erfolgs- und Leistungsprinzip klaffen auseinander. Viel zu leisten, fleißig zu sein und sich im Beruf anzustrengen, wird nicht gleichsam automatisch Erfolg (mehr Lohn, sozialen Aufstieg) mit sich bringen. Umgekehrt werden die Möglichkeiten ohnehin finanzstarker Bevölkerungsteile, mit wenig Leistung viel Erfolg zu erzielen, weiter zunehmen.

– Das Haben (Kapitaleigentum) wird gegenüber dem Tun (Arbeit) privilegiert. Die, die viel Sach- oder Geldkapital haben, können sich zukünftig noch leichter überproportionale Anteile des gesamtgesellschaftlich erzeugten Reichtums aneignen. Und in dem Zusammenhang auch ihre Macht über den „Produktionsfaktor Arbeit“ stärken. Herrschaftsstrukturen in den Betrieben dürften wieder unverblümter zur Geltung gelangen. Härten, Hierarchien und Missachtungserfahrungen deshalb in der Arbeitswelt wieder spürbarer werden.

– Außerökonomische Voraussetzungen des Wirtschaftens werden gefährdet. Die konstitutionelle Abhängigkeit des Kapitalismus von permanentem Wachstum und dauernder Expansion dürfte sich noch ungehemmter zeigen. Eine Abhängigkeit, „die natürliche Ressourcen (Umwelt, Klima) und kulturelle Ressourcen (Solidarität, Sinn) zu zerstören droht, Ressourcen übrigens, die auch der Kapitalismus zum Überleben braucht.“ (Kocka 2017, S. 127)

Sich kritisch mit dem Kapitalismus auseinanderzusetzen, ist also notwendiger denn je. Gleichzeitig muss man sich allerdings eingestehen, dass viele antikapitalistische Gewissheiten zerstört wurden. Das sollte Anlass sein, einen differenzierten Blick auf den Kapitalismus zu werfen. Ihn nicht hypermoralisch als das Böse schlechthin abzuqualifizieren. Ihn jedoch zugleich nicht zum unumstößlichen Dogma zu erklären, sondern gestützt auf die besten Traditionen der Kapitalismuskritik nach neuen Wegen zu suchen, wie der Kapitalismus bis zur Unkenntlichkeit zivilisiert werden kann: „Die furchtbaren Erfahrungen, die die Menschheit mit allen Versuchen, den Kapitalismus zu überwinden, gemacht hat, erlauben es uns nicht mehr, blauäugig an einer großen Alternative zu basteln, obwohl sie natürlich denkmöglich wäre. Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz, auch wenn das manche seiner Apologeten gerne so sähen, und sich wegen des Scheiterns realsozialistischer Experimente die Lektüre von Marx zu ersparen, ist nicht besonders klug. Aber am historischen Horizont zeichnet sich keine Perspektive einer Überwindung des Kapitalismus ab. Realistischer wäre wohl der Versuch, jene Balancen zwischen Markt und Staat, zwischen individueller Freiheit und sozialer Sicherheit, zwischen schrankenloser Gier und verantwortungsbewusster Mäßigung, zwischen Naturbeherrschung und ökologischer Sensibilität, an denen es offenbar mangelt, wiederzufinden oder überhaupt erst herzustellen. Dazu aber gehört auch ein Bewusstsein von Grenzen und Differenzen, von Unterschieden und ihrer Bedeutung jenseits aller wohlfeilen Moral.“ (Liessmann 2025, S. 19 f.)

Davon ist das linke Politspektrum aktuell weit entfernt. Nicht nur wegen der programmatischen und elektoralen Krise der Sozialdemokratie. Andere Strömungen haben in puncto reflektierter Kapitalismuskritik zumeist noch weniger zu bieten. Etwa die Degrowth-Bewegung, deren Wachstums- und Konsumkritik auf eine neoromantische Verklärung vorindustrieller Zustände hinausläuft. Oder, um ein weiteres Beispiel zu nennen, die Strömungen der Linken, die aus lauter Enttäuschung über das mangelnde Klassenbewusstsein der Arbeiterklasse ihr Herz für den „postkolonialen Widerstand“ entdecken, in dem Zusammenhang Einverständnis mit dem politischen Islam an den Tag legen und den Antisemitismus verharmlosen.

Der Antisemitismus war einmal ein Kennzeichen vieler Strömungen der politischen Rechten. Heutzutage hat man den Eindruck, dass diese Ideologie zur Linken gewandert ist. Im politischen Spektrum rechts der Mitte ist die Devise „Gegen jeden Antisemitismus“ weit verbreitet. Siehe CDU/CSU. Was gleichwohl kein Grund sein sollte, sich mit diesen Parteien zu verbrüdern. Friedrich Merz und Co. haben offensichtlich kein Interesse daran, dem Sterben des „guten Kapitalismus“ Einhalt zu gebieten. Im Gegenteil: In CDU/CSU wächst anscheinend das Bedürfnis nach einem „disruptiven Konservativismus“.

Dafür gibt es allerlei Indizien: Unübersehbar ist zum Beispiel, dass die „Brandmauer“ zur AfD immer stärker infrage gestellt wird. Dass Eckpfeiler des Sozialstaates demontiert werden sollen. Dass gewerkschaftliche Errungenschaften (Achtstundentag, Streikrecht) angegriffen werden. Und dass den zivilgesellschaftlichen Akteuren mit eher linkem Profil das Agieren durch disruptive Konservative mit kulturkämpferischer Attitüde zunehmend schwerer gemacht wird.

Mit einer sozialökologischen Modernisierung des Kapitalismus hat der disruptive Konservativismus nichts am Hut. Energiewenden, Verkehrswenden und Green New Deals sind ihm nicht geheuer. Außerdem ist beobachtbar, dass der keynesianische Wohlfahrtsstaat in der christdemokratischen Bundestagsfraktion kaum noch Fürsprecher hat. Das Sagen haben dort Wirtschaftsliberale, die besitzegoistische Orientierungen stärken wollen, aber keiner rechtslibertären Antistaatlichkeit frönen. Angesagt ist eher ein Rechtskeynesianismus, der weniger Soziales will, aber einen deutlich größeren militärisch-industriellen Komplex anstrebt. Staatliche Politik soll das Soldatische stärken und grundsätzlich dafür sorgen, dass patriarchalische und machtbetonte Hierarchien („Herr im eigenen Haus sein“) alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche wieder mehr durchdringen.

Die Revitalisierung sozioökonomischer Ungleichheiten und Hierarchien birgt die Gefahr, ohnehin schon feststellbare Tendenzen zu verstärken. Und zwar die Tendenzen hin zu einer Verhärtung und Verrohung gesellschaftlicher Umgangsformen. Nachdenklich gewordene Wirtschaftsliberale wie etwa Martin Wolf, Chefkommentator der Financial Times, ahnen diese Gefahr und appellieren an die ökonomisch und politisch Mächtigen, die Entsozialdemokratisierung des Kapitalismus nicht zu weit zu treiben (vgl. Wolf 2024). Nichts deutet allerdings darauf hin, dass dieser Appell auf nennenswerte Resonanz stößt. Viel schonungsloser und realistischer schätzt wohl der milliardenschwere Finanzinvestor Warren Buffett die Lage ein. Er äußerte mehrfach: „Es ist ein Klassenkrieg. Meine Klasse gewinnt, aber das sollte sie nicht.“

Warren Buffett kennt seine Klasse. Ihn dürfte es deshalb nicht überraschen, dass die besitzbürgerlichen Kräfte momentan nach rechts abdriften. Das gilt fürs schillernde Großkapitalisten aus dem Silicon Valley, aber auch für ganz gewöhnliche deutsche Mittelständler. Was mit Blick auf die derzeitigen wirtschafts- und gesellschaftsstrukturellen Umbrüche nichts Gutes verheißt. Im Kapitalismus nach dem „guten Kapitalismus“ erhöht sich die Gefahr, dass etwas eintritt, vor dem Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eindringlich gewarnt haben: dass die sozialökonomischen Verhältnisse nicht der Emanzipation den Weg ebnen, sondern ins Gegenteil umschlagen und neue Formen des Autoritarismus und der Barbarei in einst „gutkapitalistischen“ Weltregionen hervorbringen.

Eine progressive Alternative zu diesen regressiven Tendenzen ist derzeit nirgendwo in Sicht. Der faschistoide Autoritarismus droht sich zu verstetigen. Die Linke flüchtet sich derweil in identitätspolitische Grabenkämpfe und eine maßlos überzogene Abneigung gegen die Aufklärungsphilosophie und „den Westen“. Sie müsste den Universalismus wieder lernen, in einer reflektierten und behutsamen Form, ohne hegemoniale Allüren.

Sollte der Linken das nicht gelingen, drohen düstere Zeiten: „Wenn das progressive Lager diesen Turn nicht vollzieht, nicht 'Ja' sagt zur Idee eines freien Individuums und zur Idee des solidarischen Gemeinwesens, wenn sie hinter den Liberalismus zurück, anstatt über ihn heraustreten möchte, wenn sie es nicht schafft, eine breite Bewegung jenseits esoterischer Bubbles zu formen, die mehr um ihr eigenes Rechthaben bemüht sind als darum, für gerechte Verhältnisse zu kämpfen, eine Bewegung, die den progressiven Wandel von der Straße in Parteien und Parlamente befördert, wenn sie den größten ihrer vielen blinden Flecken, den Antisemitismus, nicht ausgeleuchtet kriegt, wenn sie nicht zurückkehrt zum Universalismus, könnten die morbiden Phänomene unserer Zeit sich als eine Krankheit zum Tode erweisen. Denn es braucht eine starke und vereinigte Linke gegen die Internationale des Autoritarismus.“ (Piorkowski 2024, S. 123)

9. Literatur

Anders 2018: Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band 2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München (4. Aufl.) 2018.

Canzler u. a. 2018: Weert Canzler, Andreas Knie, Lisa Ruhrort, Christian Scherf: Erloschene Liebe? Das Auto in der Verkehrswende. Soziologische Deutungen. Bielefeld 2018.

Detje u. a. 2024: Richard Detje, Dieter Sauer, Ursula Stöger, Hilde Wagner: Der Siegeszug der radikalen Rechten und seine Hintergründe. Daten, Erklärungsansätze, empirische Befunde aus der Arbeitswelt. In: Hans-Jürgen Urban (Hg.): Gute Arbeit gegen Rechts. Arbeitspolitik: Theorie, Praxis, Strategie (Ausgabe 2024). Hamburg 2024, S. 37-56.

Garritzmann 2023: Julian L. Garritzmann: Kapitalismus zur Einführung. Hamburg 2023.

Kocka 2017: Jürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus. München (3. Aufl.) 2017.

Liessmann 2025: Konrad Paul Liessmann: Was nun? Eine Philosophie der Krise. Wien 2025.

Lutz 1989: Burkart Lutz: Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa des 20. Jahrhunderts (Reihe Campus). Frankfurt/New York 1989.

Merkel 2023: Wolfgang Merkel: Im Zwielicht. Zerbrechlichkeit und Resilienz der Demokratie im 21. Jahrhundert. Frankfurt/New York 2023.

Misik 2023: Robert Misik: Die falschen Freunde der einfachen Leute. Berlin (3. Aufl.) 2023.

Münkler 2025: Herfried Münkler: In der Gerechtigkeitsfalle. In: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, 72. Jg. (2025) Heft 11, S. 18-23 .

Naber 2024: Geert Naber: Ein falscher Freund. Zum neuen Buch des rechtslastigen Thilo Sarrazin. In: www.geertnaber.wordpress.com vom 29. Oktober 2024.

Offe 2013: Claus Offe: Zweieinhalb Theorien über den demokratischen Kapitalismus. In: Eurozine vom 22. November 2013.

Piorkowski 2024: Christoph David Piorkowski: Demokratie im Kreuzfeuer. Die Krise der liberalen Ordnung und die Internationale des Autoritarismus. Berlin 2024.

Rudolph 2021: Lucas Rudolph: Trauriger Ismus. In: Dschungel (Beilage zur Jungle World) vom 30. September 2021, S. 9.

Selk 2023: Veith Selk: Demokratiedämmerung. Eine Kritik der Demokratietheorie. Berlin 2023.

Wolf 2024: Martin Wolf: The Crisis of Democratic Capitalism. London 2024.

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Titel: Das Sterben des guten Kapitalismus

Essay , 2026 , 17 Seiten

Autor:in: Geert Naber (Autor:in)

BWL - Wirtschaftspolitik
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Details

Titel
Das Sterben des guten Kapitalismus
Autor
Geert Naber (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2026
Seiten
17
Katalognummer
V1737287
ISBN (PDF)
9783389195956
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kapitalismus Arbeiterbewegung Gewerkschaften Sozialdemokratie Kapitalismuskritik
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Geert Naber (Autor:in), 2026, Das Sterben des guten Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1737287
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Leseprobe aus  17  Seiten
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