Sprache als Kontroll- und Machtfaktor in George Orwells "1984"


Seminararbeit, 2003

14 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Newspeak – grammatikalische Theorie einer fiktiven Sprache
2.1 A-Vokabular
2.2 B-Vokabular
2.3 C-Vokabular
2.4 Allgemeines

3 Einige Funktionen von Newspeak

4 Vergleich von Newspeak mit Orwells Sprachideologie in „Politics and the English language“

5 Zusammenfassung und Schluß

Literaturangaben

1 Einleitung

“The revolution will be complete when the language is perfect”[1]

Sprache und deren Kontrolle ist der Kern des totalitären Systems, das Orwell in seinem Roman 1984 erschuf. System und Sprache sind voneinander abhängig und entscheiden über den wechselseitigen Erfolg. Die Bedeutung und die Macht von Sprache sind zentrale Themen in 1984 und Orwells Aufsatz Politics and the English Language. Dabei ist anzumerken, daß 1984 nicht als Zukunftsvision, sondern als Parodie der damaligen, vor allem linguistischen Verhältnisse, geschaffen wurde. Orwell wollte und damit auch nicht zum ersten Mal in seiner Schriftstellerkarriere, auf die Missstände in der englischen Sprache aufmerksam machen: Verkürzungen, Entlehnungen aus anderen Sprachen und allgemeinere Stilprobleme. Orwell selbst ist in seinem linguistischen Anliegen vor allem Sprachbewahrer und ist in dieser Eigenschaft bis heute eine Institution für andere Linguisten, die jedoch seine konträren Absichten über Sinn der Grammatik im kreativen Schreiben, gern unter den Tisch fallen lassen. Er sieht vor Sprache vor allem als Träger von Wahrheit. 1984 und Politics and the English Language stellen die beiden Pole in Orwells Sprachverständnis dar. Sie sind vollkommen konträr in ihrer Ausführung, jedoch in ihren Theorien teilweise identisch. Darauf soll in Kapitel 4 noch genauer eingegangen werden.

In vorliegender Hausarbeit wird die fiktive Sprache Newspeak aus George Orwells 1984 untersucht. Dabei sollen zuerst die linguistische Struktur und des weiteren die gesellschafts-politische Funktion dargestellt werden. Abschließend erfolgt ein Vergleich der Funktion von Newspeak mit der Funktion der realen englischen Sprache zur Zeit Orwells, wie sie von ihm in seinem Aufsatz Politics and the English Language erklärt wird.

2 Newspeak – grammatikalische Theorie einer fiktiven Sprache

George Orwell war Anhänger der sogenannten „mechanics“-Theorie. Diese beschäftigt sich mit Sprachäußerung in ihrer physischen Form und den Organen, die sie produzieren. Die mental/ psychischen Prozesse treten dabei in den Hintergrund.[2] Wir finden diese Denkrichtung in seiner Grammatik des Newspeak deutlich wieder.

Im Appendix zu 1984 findet sich eine linguistische Theorie des Newspeak. Sie ist, basierend auf der englischen Sprache, gegliedert in A-, B- und C-Vokabular, das im folgenden dargestellt werden soll.

2.1 A-Vokabular

Das A-Vokabular besteht aus Wörtern, die für den Alltagsgebrauch bestimmt sind. Dabei werden in geringer Zahl Wörter aus dem Oldspeak[3] verwendet, deren Bedeutungen jedoch viel strenger definiert sind. Alle Bedeutungsnuancen werden getilgt. Orwell beschreibt es so:

„So far as it could be achieved, a Newspeak word of this class was simply a staccato sound expressing one clearly understood concept.”[4]

Es ist nicht möglich, sich mit dem A-Vokabular zu politischen oder philosophischen Themen zu äußern, da die Wörter im Geist des Sprechenden nur das Bild eines konkreten Gegenstandes oder einer physischen Handlung hervorrufen sollen.[5]

2.1.1 Grammatikalische Besonderheiten

Alle einzelnen Sprachelemente sind beliebig untereinander austauschbar. Das heißt, daß jedes Wort sowohl als Adjektiv, als auch als Verb, Substantiv oder Adverb nutzbar ist. Bei gleichem Wortstamm gab es zwischen Verb und Substantiv keine Variationen mehr. Beispielsweise ersetzte think die Form thought im Substantiv. Dahinter steht jedoch kein etymologisches Prinzip, es wird in einigen Fällen die frühere Substantivform als allgemeingültige verwendet, bei anderen das ehemalige Verb.

Bei Verben und Substantiven mit verwandter Bedeutung, die jedoch nicht etymologisch verknüpft sind wird eine von den beiden Formen unterdrückt. Als Beispiel dafür ist cut und knife zu nennen: die Bedeutung von cut wird durch knife hinreichend abgedeckt. Die Existenz des Wortes cut wird somit hinfällig.

Adjektive werden gebildet durch das Hinzufügen des Suffixes – ful zum Substantiv/ Verb und Adverbien durch das Hinzufügen des Suffixes – wise. Well wird zum Beispiel ersetzt durch goodwise.

Jedes Wort kann negativiert werden durch das Präfix un-, beziehungsweise durch die Präfixe plus - und doubleplus - verstärkt werden. Uncold bedeutet damit warm, pluscold heißt sehr kalt und doublepluscold ist als extrem kalt zu verstehen.

Durch präpositionale Affixe wie ante-, post-, up-, down- etc. kann jedes Wort modifiziert werden. Dies hat wiederum eine extreme Verkleinerung des Vokabulars zur Folge, da ein Wort wie bad ausreichend durch ungood ausgedrückt wird.

Ein zweites bestimmendes Element ist die Regelmäßigkeit in der Verbformenbildung. Bis auf wenige Ausnahmen enden alle Verben im Präteritum und im Partizip II auf –ed. Die unregelmäßige Form thought wird im Präteritum und im Partizip II durch thinked ersetzt.

Alle Pluralformen werden durch Anhängen des –s gebildet.

Komparativ und Superlativ erhält man durch die Endungen –er, -est. Unregelmäßige Formen wie good, better, best werden durch good, gooder, goodest ersetzt.

Gewisse Unregelmäßigkeiten im Satzbau werden geduldet, um ein schnelles und leichtes Sprechen zu ermöglichen. Auf den psychologischen Aspekt hinter dieser Regel soll später noch eingegangen werden. Wörter mit immanenten Ausspracheproblemen oder der Möglichkeit zur Fehlinterpretation, werden als „schlechte Wörter“ verbannt. Deshalb zieht man es eher vor, zusätzliche Buchstaben einzufügen oder sogar zu archaischen Oldspeak -Formen zurückzukehren, als die oben genannten Probleme zu riskieren. Diese Notwendigkeit tritt aber vorwiegend in Zusammenhang mit dem B-Vokabular auf.

2.2 B-Vokabular

Das B-Vokabular besteht aus Wörtern, die für politische Zwecke konstruiert wurden. Sie sollen nicht nur in jedem Fall eine politische Implikation haben, sondern auch unter allen Umständen eine „desirable mental attitude“[6] herbeiführen soll. Wichtig zu bemerken ist jedoch, daß der ordnungsgemäße Gebrauch des Vokabulars ohne Verständnis der politischen Ideologie schwierig ist

Das B-Vokabular packt in einige Silben eine ganze Bandbreite von Ideen und ist dabei trotzdem genauer als die „normale“ Sprache.

B-Wörter sind in jedem Fall Kompositionen (compounds), die aus zwei oder mehr Wörter in einer einfach auszusprechenden Form bestehen. Die resultierende Form ist ein sogenanntes Substantiv-Verb. Dabei handelt es sich um Wörter, die sowohl substantivische als auch adjektivische Bedeutung haben. Ein Beispiel dafür ist das Wort goodthink, das als Substantiv „Orthodoxie“ und als Verb „in einer orthodoxen Weise denken“ bedeutet.

Das B-Vokabular ist ähnlich wie das A-Vokabular nicht nach einem etymologischen Prinzip konstruiert. B-Wörter können unter anderem deshalb jeder Teil der Rede sein und an jeder beliebigen Stelle im Satz stehen. Um dies besser zu veranschaulichen, wird hier ein typisch lautender Newspeak -Satz zitiert:

times 3.12.83 reporting bb dayorder doubleplusun-

good refs unpersons rewrite fullwise upsub antefilling[7]

[...]


[1] Orwell, George: 1984. London 1949; S. 55

[2] vgl. Bolton, W. F.: The Language of 1984. Orwell´s English and Ours. Knoxville 1984

[3] Oldspeak ist das „normale“ Englisch, auf das sich Orwells Theorien beziehen, siehe Orwell, a.a.O.; S.

[4] siehe Orwell, a.a.O.; S. 314

[5] vgl. Orwell, a.a.O.; S. 314

[6] siehe Orwell, a.a.O.; S. 316

[7] siehe Orwell; a.a.O.; S. 46

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sprache als Kontroll- und Machtfaktor in George Orwells "1984"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Linguistik)
Veranstaltung
Öffentlich-politischer Sprachgebrauch
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V17379
ISBN (eBook)
9783638219662
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache, Kontroll-, Machtfaktor, George, Orwells, Sprachgebrauch
Arbeit zitieren
Albertine Selunka (Autor), 2003, Sprache als Kontroll- und Machtfaktor in George Orwells "1984", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17379

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