Die Bauentwurfslehre von Neufert

Konstruktionen für die Wirklichkeit oder Konstruktion einer Wirklichkeit?


Hausarbeit, 2006

12 Seiten, Note: 1,9


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschlechter
2.1 Die Geschlechterbilder in der Bauentwurfslehre
2.2 Die Geschlechter in der Wirklichkeit

3. „Der Mensch als Maß und Ziel“
3.1 Wer ist das Maß?
3.2. Wer ist das Ziel?

4. Schluss

Literatur

1. Einleitung

„Nach der Bauentwurfslehre von Neufert baut die ganze Welt.“[1] So steht es selbstbewusst auf der letzten Seite der Ausgabe der „Bauentwurfslehre“ von 2000. Es handelt sich dabei um die 36. Auflage eines Handbuchs, das für Baufachpersonen, Lehrende und Lernende gedacht ist und das mit der 38. Auflage in 17 Sprachen[2] übersetzt worden ist. Auf den 650 Seiten zeigen vor allem die mehr als 6400 Abbildungen und Tabellen[3] Baumöglichkeiten und Standards auf und sollen „Anregungen für [die] eigene Phantasie“[4] geben. Dass die vorgestellten „Grundrisse, Schnitte, Formen und Arten [...] Beispiele und lediglich Zahlenträger“[5] seien, das ist einer der wenigen Hinweise auf die Zeichnungen im eigenen Werk und das macht sie interessant: Welche Beispiele wählt das Standardwerk[6], das mit einer Gesamtauflage von 300.000 Exemplaren in Deutschland verbreitet ist[7], um damit Konstruktionen zu veranschaulichen? Welche Aussagen werden mit ihnen getroffen – und welche Wirklichkeit geschaffen?

Diese Arbeit wird einen Schwerpunkt darauf legen, welche Rolle dabei das Geschlecht spielt und wird schließlich anhand des Bildmaterials das zugrundeliegende Menschenbild rekonstruieren. Dabei geht es nicht um den architektonischen Anspruch des Werks, sondern ausschließlich um die Herausarbeitung eines kritischen Blicks auf die Darstellungen.

2. Geschlechter

2.1 Die Geschlechterbilder in der Bauentwurfslehre

In der Bauentwurfslehre werden den Lesenden Geschlechterbilder geboten und das im doppelten Sinne: Zum überwiegenden Teil dienen Illustrationen zur Veranschaulichung von Bauvorschriften und gebräuchlichen Maßen; kommen darin Menschen zum Einsatz, kann man diese meist eindeutig einem Geschlecht zuordnen. Dies steht im Gegensatz zum Text, der grundsätzlich nur vom Menschen redet. Zudem handelt es sich um eine geschlechtsspezifische Sichtweise, die „Frauen in bestimmte Funktionen und damit bestimmte Räume verweist“, wie Kerstin Dörhöfer feststellt.[8] Ein Großteil der bei ihr aus der Ausgabe von 1966 zitierten Abbildungen sind auch im Jahr 2000 enthalten – immer noch werden beispielsweise bei Putztätigkeiten[9] und in der Küche[10] ausschließlich Frauen abgebildet. Für Dörhöfer wird durch Darstellung und Wortwahl die Arbeit im Wirtschaftsraum als „unwert“[11] angesehen, andererseits ist dies der einzige Ort, an dem explizit Wert auf eine „gesunde Handhabung“ gelegt wird und das schon seit der ersten Auflage.[12] Die Küche ist laut Bauentwurfslehre 2000 „Aufenthaltsraum für die Hausfrau für viele Stunden“[13], 1936 war sie immerhin die „Werkstatt der Hausfrau“[14] und offenbar half eine männliche Person in der Küche[15].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neben eindeutig gezeichneten Geschlechtern finden sich auch alternative Darstellungsformen: Während der Querschnitt für einen Aktsaal ein weibliches Modell und männliche Zeichner darstellt, sind die übrigen Hörsäle mit geschlechtslosen Strichmännchen besetzt und in weiteren Bildern sind nur Augenhöhen und Hörerkurven zu sehen.[16] Einige Zeichnungen kommen ohne Beispiel-Personen aus – so auch Teile des Abschnitts über Küchen[17] ; bei Draufsichten werden selten Personen abgebildet. Dass dieses Vorgehen nicht vor geschlechtlicher Zuschreibung schützt, zeigen die Grundrisse der Schlafzimmer: Eine Abbildung eines „üblichen“ Schlafzimmers enthält ein Doppelbett und steht neben einer weiteren Darstellung, in der „mehr Platz für Schminkplatz“ geboten wird.[18]

[...]


[1] Neufert: Bauentwurfslehre (2000), S.650.

[2] www.neufert.de

[3] Neufert: Bauentwurfslehre (2000), S.III.

[4] ebd., S. V.

[5] ebd., S.IX.

[6] ebd., Rückseite.

[7] www.neufert.de

[8] Dörhöfer: Der „männliche“ Blick, S.116.

[9] Neufert: Bauentwurfslehre (2000), S.241.

[10] ebd., S.244.

[11] Dörhöfer: Der „männliche“ Blick, S.120.

[12] Neufert: Bauentwurfslehre (1936), S. 99; Neufert: Bauentwurfslehre (2000), S.242.

[13] Neufert: Bauentwurfslehre (2000), S.247.

[14] Neufert: Bauentwurfslehre (1936), S.102.

[15] ebd., S.56, Abb.9.

[16] Neufert: Bauentwurfslehre (2000), S.316, Abb.2-7.

[17] ebd., S.245.

[18] ebd., S.250, Abb.5-6.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Bauentwurfslehre von Neufert
Untertitel
Konstruktionen für die Wirklichkeit oder Konstruktion einer Wirklichkeit?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Vom Alex bis zum Potsdamer Platz: Mit den Gender Studies durch Berlin
Note
1,9
Autor
Jahr
2006
Seiten
12
Katalognummer
V173798
ISBN (eBook)
9783640942053
ISBN (Buch)
9783640941964
Dateigröße
1513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
architektur, gender, geschlecht, entwurf, normierung
Arbeit zitieren
Silvio Schwartz (Autor), 2006, Die Bauentwurfslehre von Neufert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173798

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