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Die Konstitution von Gegenexpertise

Eine dekolonial-reflexive Dokumentenanalyse am Beispiel der besetzten Westsahara

Zusammenfassung Leseprobe Details

Die globale Energiewende gilt als eines der zentralen Projekte zur Bewältigung der Klimakrise. Überall auf der Welt entstehen Windparks, Solaranlagen und Wasserstofffabriken – scheinbar neutrale technologische Entwicklungen im Dienste des Klimaschutzes. Doch die Energiewende findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie ist geprägt von tiefen globalen Ungleichheiten, kolonialen Kontinuitäten und geopolitischen Machtinteressen.

Ein besonders prägnantes Beispiel hierfür ist die besetzte Westsahara. Seit 1975 hält das Königreich Marokko große Teile dieses Gebiets völkerrechtswidrig besetzt, während die ursprüngliche Bevölkerung, die Sahrauis, seit fünfzig Jahren überwiegend in Flüchtlingscamps in der algerischen Wüste lebt. Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes errichtet Marokko derzeit in der Westsahara Windparks, Solaranlagen und Fabriken zur Produktion von als ‚grün‘ vermarktetem Wasserstoff – unter Beteiligung deutscher Konzerne wie Siemens Energy. Das Königreich inszeniert sich damit als Vorreiter der Energiewende und erhält international Anerkennung. Die Sahrauis, denen dieses Land gehört, profitieren jedoch nicht davon.

Farhana Sultana hat für dieses Phänomen den Begriff der Climate Coloniality geprägt: Die Klimakrise ist demnach keine historisch neue Herausforderung, sondern die Fortschreibung kolonialer Ausbeutungsverhältnisse unter ökologischen Vorzeichen. Diese strukturelle Diagnose konkretisierte sich im Herbst 2025 und Winter 2026 auf dramatische Weise: So verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am 31. Oktober 2025 die Resolution 2797, die den marokkanischen Autonomieplan zur alleinigen Grundlage weiterer Verhandlungen erklärt und feststellt, „dass wahre Autonomie unter marokkanischer Souveränität die praktikabelste Lösung darstellen könnte“ (UNSC 2025). Drei Monate später, am 30. Januar 2026, folgte die EU mit einer gemeinsamen Pressemitteilung. Darin übernahm sie diese Position und bekräftigte den marokkanischen Autonomieplan als Grundlage für alle Gespräche (EU 2026). Damit folgten jene Institutionen, an die sich die sahrauische Zivilgesellschaft noch appellativ gewandt hatte, offiziell der Sprachregelung der Besatzungsmacht.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wer dieses Unrecht überhaupt benennen und sichtbar machen kann.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Gegenexpertise als kritische Wissenspraxis.

2. Theoretischer Rahmen: Climate Coloniality, situiertes Wissen und die Frage nach einer dekolonialen Analysepraxis
2.1 Climate Coloniality als struktureller Meta-Rahmen
2.2 Situiertes Wissen als epistemologische Grundlage
2.3 Dekoloniale Feministische Politische Ökologie als reflexiver Orientierungsrahmen
2.4 Methode: Qualitative theoriegeleitete Dokumentenanalyse..

3. Die Einleitung von WIDERWORTE: Selbstreflexion und Grenzen eines solidarischen Projekts.
3.1 Die Diagnose epistemischer Gewalt
3.2 Selbstreflexion der Herausgeberinnen-Position.
3.3 Anerkennung der Einschränkungen
3.4 Die rahmende Funktion der Einleitung von WIDERWORTE..

4. WSRW-Report: Forensische Evidenz als Außenperspektive
4.1 Positionalitätund Ressourcen..
4.2 Wissensregime und Adressierung..
4.3 Beitrag zur Kritik der Climate Coloniality.

5. Innenperspektiven: Strategische Praxis und gelebte Utopie
5.1 M'Barek: StrategischeAllianzbildung aus der Diaspora..
5.2 Lehbib: Alltagspraxis und Utopie in den Camps

6. Synthese: Das Feld derGegenexpertise- Komplementarität, Spannungen, Grenzen
6.1 KomplementäreArbeitsteilung: Vier Formen situierten Wissens..
6.2 Climate Coloniality als mehrdimensionale Wirklichkeit
6.3 Spannungen und Machtasymmetrien im Feld.
6.4 Dekoloniale Bewertung: Annäherungen und Grenzen.

7 Fazit und Ausblick
7.1 Beantwortung der Forschungsfrage und Einordnung in den aktuellen Kontext
7.2 Grenzen derArbeit und Forschungsausblick
7.3 Reflexion der eigenen Positionalität und Schlussbetrachtung.

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Gegenexpertise als kritische Wissenspraxis

Die globale Energiewende gilt als eines der zentralen Projekte zur Bewältigung der Klimakrise. Überall auf der Welt entstehen Windparks, Solaranlagen und Wasserstofffabriken - scheinbar neutrale technologische Entwicklungen im Dienste des Klimaschutzes. Doch die Energiewende findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie ist geprägt von tiefen globalen Ungleichheiten, kolonialen Kontinuitäten und geopolitischen Machtinteressen.

Ein besonders prägnantes Beispiel hierfür ist die besetzte Westsahara. Seit 1975 hält das Königreich Marokko große Teile dieses Gebiets völkerrechtswidrig besetzt, während die ursprüngliche Bevölkerung, die Sahrauis, seit fünfzig Jahren überwiegend in Flüchtlingscamps in der algerischen Wüste lebt. Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes errichtet Marokko derzeit in der Westsahara Windparks, Solaranlagen und Fabriken zur Produktion von als ,grün‘ vermarktetem Wasserstoff - unter Beteiligung deutscher Konzerne wie Siemens Energy (Koos et al. 2025: 57-61). Das Königreich inszeniert sich damit als Vorreiter der Energiewende und erhält international Anerkennung. Die Sahrauis, denen dieses Land gehört, profitieren jedoch nicht davon.

Farhana Sultana hat für dieses Phänomen den Begriff der Climate Coloniality geprägt: Die Klimakrise ist demnach keine historisch neue Herausforderung, sondern die Fortschreibung kolonialer Ausbeutungsverhältnisse unter ökologischen Vorzeichen (Sultana 2022). Diese strukturelle Diagnose konkretisierte sich im Herbst 2025 und Winter 2026 auf dramatische Weise: So verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am 31. Oktober 2025 die Resolution 2797, die den marokkanischen Autonomieplan zur alleinigen Grundlage weiterer Verhandlungen erklärt und feststellt, „dass wahre Autonomie unter marokkanischer Souveränität die praktikabelste Lösung darstellen könnte“ (UNSC 2025: 1). Drei Monate später, am 30. Januar 2026, folgte die EU mit einer gemeinsamen Pressemitteilung. Darin übernahm sie diese Position und bekräftigte den marokkanischen Autonomieplan als Grundlage für alle Gespräche (EU 2026). Damit folgten jene Institutionen, an die sich die sahrauische Zivilgesellschaft noch appellativ gewandt hatte, offiziell der Sprachregelung der Besatzungsmacht.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wer dieses Unrecht überhaupt benennen und sichtbar machen kann. In deutschsprachigen Medien und politischen Debatten finden sahrauische Stimmen kaum Platz. Die Herausgeberinnen des Sammelbandes WIDERWORTE sprechen deshalb von einem System, das Kritik an kolonialen Machtverhältnissen systematisch ausblendet (Klenner und Koos 2025: 1). An dieser kritischen Leerstelle setzt meine Arbeit an. Ich untersuche, wie sich ein Feld zivilgesellschaftlicher Gegenexpertise konstituiert, das gegen das hegemoniale Narrativ vom .grünen Fortschritt' anschreibt. Der Begriff „Gegenexpertise“ bezeichnet in dieser Arbeit Formen wissensbasierter Kritik, die sich in Auseinandersetzung mit staatlichen und institutionell anerkannten Wissensproduktionen formieren. Entscheidend ist nicht die binäre Unterscheidung zwischen „innen“ und „außen“, sondern das relationale Verhältnis zu hegemonialen Wissensregimen: Eine Gegenexpertise kann auch von institutionell verorteten Akteur*innen (wie Nichtregierungsorganisationen) stammen, sofern sie die Legitimität dominanterWissensordnungen infrage stellt.

Den Korpus meiner Analyse bilden vier Schlüsseltexte: der investigative Report Greenwashing Occupation von Western Sahara Resource Watch (Dezember 2025) sowie drei Beiträge aus dem Sammelband WIDERWORTE (Anfang Oktober 2025): die Einleitung der Herausgeberinnen als reflexive Meta-Perspektive, Ahmedna Abdi M'Bareks strategischbewegungspraktische Reflexion und Emma Lehbibs autoethnografisch-lebensweltlicher Text über das Leben in den Flüchtlingscamps.

Ich treffe die Auswahl nach einer strategischen, gegenstandsbezogenen Logik: Die vier Texte repräsentieren unterschiedliche Positionen im Feld der Gegenexpertise - eine reflexive Meta-Perspektive, eine forensisch-dokumentarische Außenperspektive, eine strategisch-bewegungspraktische Perspektive und eine autoethnografisch-lebensweltliche Innenperspektive. Gemeinsam ermöglichen sie eine mehrdimensionale Analyse der Climate Coloniality, die keine Einzelperspektive für sich allein leisten könnte.

Alle drei Texte von WIDERWORTE wurden Anfang Oktober 2025 veröffentlicht, also vor der UN-Resolution 2797 vom 31.10.2025 und der EU-Pressemitteilung vom 29.01.2026. Daher werden sie hier als historische Dokumente gelesen: als Zeugnisse eines Moments, bevor die internationale Ordnung offiziell auf die Seite der Besatzungsmachtwechselte.

Die Forschungsfrage lautet: Welche unterschiedlichen und zugleich ergänzenden Wissensformen bringen diese Akteur*innen hervor, und wie konstituieren sie gemeinsam ein Feld der Gegenexpertise, das Climate Coloniality sichtbar macht und herausfordert?

Methodisch führe ich die Arbeit als qualitative, theoriegeleitete Dokumentenanalyse durch. Die vier Primärtexte werden entlang eines heuristischen Rasters untersucht, das aus dem theoretischen Rahmen abgeleitet ist: (1) Positionalität und Ressourcen, (2) Wissensregime und Adressierung, (3) Beitrag zur Kritik der Climate Coloniality, (4) Reflexion eigener Grenzen.

Um die Forschungsfrage zu beantworten, entfalte ich im kommenden Kapitel zunächst den theoretischen Rahmen der Arbeit. Es werden drei miteinander verschränkte Perspektiven vorgestellt: Sultanas Konzept der Climate Coloniality als struktureller Metarahmen, Haraways Konzept der Situated Knowledges als erkenntnistheoretische Grundlage sowie Sultanas Dekoloniale Feministische Politische Ökologie als reflexiver Orientierungsrahmen. In Kapitel 3 wird die Einleitung der Herausgeberinnen als methodologisches Manifest des gesamten Sammelbandes WIDERWORTE analysiert. Kapitel 4 untersucht die Außenperspektive von Western Sahara Resource Watch (WSRW). Kapitel 5 befasst sich mit den Innenperspektiven von M'Barek und Lehbib. In Kapitel 6 werden die Ergebnisse zu einem Feld der Gegenexpertise zusammengeführt und es wird nach Gemeinsamkeiten, Konflikten und Einschränkungen gefragt. Das Schlusskapitel reflektiert meine eigene Positionalität als forschende Person im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Analyse und solidarischer Praxis.

2. Theoretischer Rahmen: Climate Coloniality, situiertes Wissen und die Frage nach einer dekolonialen Analysepraxis

Um die Texte angemessen analysieren zu können, braucht es einen theoretischen Rahmen, der drei unterschiedliche, aber aufeinander bezogene Funktionen erfüllt. Climate Coloniality dient dabei als struktureller Metarahmen, der die analysierten Phänomene als Ausdruck eines übergreifenden Unrechtssystems lesbar macht. Das Konzept der Situated Knowledges begründet, warum die partikularen, positionierten Wissensformen der Gegenexpertise erkenntnistheoretisch ernst zu nehmen sind. Die Dekoloniale Feministische Politische Ökologie schließlich fungiert als reflexiver Orientierungsrahmen, der für interne Machtasymmetrien sensibilisiert und die eigene Position der forschenden Person im Blick behält.

2.1 Climate Coloniality als struktureller Meta-Rahmen

Das von Farhana Sultana im Jahr 2022 entwickelte Konzept der Climate Coloniality dient als übergeordneter Bezugsrahmen für diese Arbeit. Die Klimakrise ist diesem Konzept zufolge keine neue, historisch beispiellose Herausforderung, sondern eine Zuspitzung und Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse unter ökologischen Vorzeichen. Dabei verschränken sich kolonial geprägte Muster der Ressourcenextraktion, der territorialen Kontrolle und der epistemischen Marginalisierung - also der Abwertung und Unsichtbarmachung bestimmter Wissensformen - mit neuen Formen ,grüner‘ Ausbeutung.

So externalisiert der Globale Norden die Kosten seiner Energiewende in den Globalen Süden, während er sich zugleich als moralischer Vorreiter inszeniert (Sultana 2022: 3-5). Für den Fall der Westsahara eröffnet dieses Konzept eine doppelte Perspektive: Erstens lässt es die konkreten Praktiken der Ressourcenextraktion - Phosphatabbau, Fischerei, erneuerbare Energien - als Fortsetzung einer kolonialen Ökonomie erkennen, die das Land und seine Bewohnerinnen als verfügbare Ressourcen behandelt. Zweitens wird sichtbar, wie internationale Institutionen diese Verhältnisse legitimieren. Sultanas Diagnose, dass internationale Institutionen koloniale Machtverhältnisse reproduzieren, lässt sich am Fall der besetzten Westsahara eindrücklich zeigen: Mit der Resolution 2797 des UN-Sicherheitsrates vom 31.10.2025 und der EU-Pressemitteilung vom 29.01.2026 haben zentrale Institutionen der internationalen Gemeinschaft diese Logik übernommen (Sultana 2022; UNSC 2025; EU 2026). Diese koloniale Ordnung wirkt jedoch nicht nur über Ressourcenextraktion und politische Kontrolle, sondern auch über die Regulierung dessen, was als legitimes Wissen gilt - etwa wenn die UN-Klimarahmenkonvention Marokkos nationale Klimabeiträge akzeptiert, obwohl sie Projekte in der besetzten Westsahara einschließen (WSRW2025: 9).

2.2 Situiertes Wissen als epistemologische Grundlage

Genau an dieser epistemischen Dimension setzt Donna Haraways Konzept des Situierten Wissens an. Der Begriff ist eine Übersetzung ihres einflussreichen Aufsatzes Situated Knowledges (1988). Der englische Plural Knowledges ist dabei programmatisch zu verstehen: Haraway betont, dass es nicht ein objektives Wissen gibt, sondern stets vielfältige, partiale und positionierte Wissensformen, die nebeneinander existieren. Diese Perspektive bietet die erkenntnistheoretische Grundlage, um zu verstehen, von welcher Position aus das durch Climate Coloniality strukturierte Unrecht überhaupt angemessen kritisiert werden kann. Haraway wendet sich gegen das Ideal eines .objektiven', von allen Standpunkten losgelösten Wissens - den "god trick of seeing from nowhere" (Haraway 1988:589), also den Versuch, so zu tun, als könne eine Person von einem neutralen Ort aus die Wahrheit erkennen. Alles Wissen ist demnach partial, positioniert und relational. Es gewinnt seine Stärke nicht aus der Behauptung universeller Gültigkeit, sondern aus der reflexiven Anerkennung der eigenen Positionalität (Haraway 1988: 583, 589). Aus Haraways Perspektive folgt: Wenn alles Wissen partial ist, dann ist die Behauptung universeller Gültigkeit bestimmter Wissensformen nichts anderes als die gewaltsame Durchsetzung einer partikularen Perspektive.

Für die Analyse der Gegenexpertise bedeutet dies: Die untersuchten Texte sind nicht defizitär, weil sie .bloß aktivistisch' oder .subjektiv' wären. Vielmehr produzieren sie notwendiges Wissen aus spezifischen Positionen heraus: etwa aus der Perspektive einer transnationalen Nichtregierungsorganisation (englisch non-governmental organization, NGO) mit investigativem Zugang, aus der Sicht solidarischer Intellektueller mit analytischem Werkzeug, aus der Perspektive von Bewegungsorganisatorinnen mit strategischem Überblick oder schließlich aus der Position von Betroffenen mit autoethnografischer Tiefe. Haraways Ansatz ermöglicht es, diese Unterschiede nicht als hierarchisches Gefälle, sondern als sich ergänzende Perspektiven zu verstehen. Zugleich verpflichtet er dazu, die eigene Position als forschende Person stets mitzureflektieren. Eine Aufhebung der Asymmetrie zwischen Wissenschaft und Aktivismus ist damitjedoch nicht verbunden.

2.3 Dekoloniale Feministische Politische Ökologie als reflexiver Orientierungsrahmen

Die dritte theoretische Säule der Arbeit bildet Farhana Sultanas Beitrag zur Dekolonialen Feministischen Politischen Ökologie (2025). Dieser Text ist weniger eine weitere Analysekategorie als vielmehr ein reflexiver Orientierungsrahmen, der die gesamte Untersuchung begleitet. Sultana dekonstruiert die Politische Ökologie selbst als ein Feld, das trotz seines kritischen Anspruchs in kolonialen Wissensproduktionsräumen verhaftet bleibt. Ihr Konzept der Marginalitäten innerhalb der Marginalität macht deutlich: Auch solidarische Projekte reproduzieren Machtasymmetrien, beispielsweise zwischen westlichen NGOs und Basisgruppen, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Generationen oder zwischen verschiedenen Diaspora-Positionen (Sultana 2025: 52).

Aus diesem Ansatz leitet Sultana methodologische Forderungen ab, die für die vorliegende Arbeit leitend sind: die Einheit von Analyse und Handlung, die bewusste Verschiebung epistemischer Autorität zu Betroffenen, die Anerkennung emotionaler und alltäglicher Dimensionen von Widerstand und Ausbeutung sowie die Infragestellung hegemonialer politischer Räume (ebd.: 49-50). Diese Kriterien dienen im Folgenden nicht als starres Raster, sondern als sensibilisierende Fragen: Inwiefern gelingt es den analysierten Texten, epistemische Autorität zu verschieben? Welche emotionalen und alltäglichen Dimensionen werden sichtbar? Wo reproduzieren sie ihrerseits Marginalitäten?

Die drei Perspektiven ergänzen sich auf unterschiedlichen Analyseebenen: Climate Coloniality erschließt die makroanalytischen Ausbeutungsverhältnisse. Situiertes Wissen begründet, warum die partikularen Positionen der Gegenexpertise ernst zu nehmen sind. Die Dekoloniale Feministische Politische Ökologie schließlich sensibilisiert für interne Machtasymmetrien und zwingt zur Reflexion der eigenen Positionalität.

2.4 Methode: Qualitative theoriegeleitete Dokumentenanalyse

Ich führe die Analyse als qualitative, theoriegeleitete Dokumentenanalyse durch. Die vier Primärtexte werden als soziale Artefakte betrachtet, also als Dokumente, die unter spezifischen Bedingungen entstanden sind, bestimmte Funktionen erfüllen und selbst Teil des Diskurses um Climate Coloniality sind. Dabei wird nicht nur gefragt, was gesagt wird, sondern vor allem, von wem, fürwen und mit welchen Effekten.

Die Untersuchung erfolgt entlang eines heuristischen Rasters mit vier Dimensionen: (1) Positionalität und Ressourcen: Von wo aus spricht der Text und über welche Mittel verfügt er? (2) Wissensregime und Adressierung: Welche Art von Wissen produziert er und wen will er erreichen? (3) Beitrag zur Kritik der Climate Coloniality: Welche Dimensionen des Unrechts macht er sichtbar? (4) Reflexion eigener Grenzen: Reflektiert der Text die Grenzen der eigenen Perspektive?

Die Analyse gliedert sich in drei Schritte: (1) Einordnung in den Entstehungskontext, (2) Einzelanalyse entlang des Rasters und (3) Synthese, in der nach relationalen Dynamiken des Feldes gefragt wird: In welchem Verhältnis stehen die Wissensproduktionen zueinander? Wo ergänzen, widersprechen oder spannen sie sich? Ziel ist es, die Gegenexpertisen als Elemente eines diskursiven Feldes zu verstehen, das durch Machtverhältnisse und Solidaritätsbeziehungen strukturiert wird.

3. Die Einleitung von WIDERWORTE: Selbstreflexion und Grenzen eines solidarischen Projekts

Maria Klenner und Alida Koos eröffnen den Sammelband WIDERWORTE mit einer Einleitung, die als methodologisches Manifest fungiert: Sie reflektiert die Entstehungsbedingungen, thematisiert die eigene Positionalität und benennt die Grenzen des Projekts.

3.1 Die Diagnose epistemischer Gewalt

Der Text der Herausgeberinnen beginnt mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme: „Nach zahlreichen gescheiterten Versuchen, die Westsahara und den sahrauischen Kampf für Unabhängigkeit in deutschsprachigen Medien zu platzieren, wurde deutlich: Für sahrauische Stimmen ist dort kaum Platz. Weder als Randnotiz, noch als Betroffene und schon gar nicht als Autorinnen“ (Klenner und Koos 2025: 1). Mit dieser Diagnose formulieren die Herausgeberinnen eine Analyse, die unmittelbar an Sultanas Konzept der Climate Coloniality anschließt: Die Unsichtbarmachung sahrauischen Wissens sei die epistemische Dimension eines materiellen Ausbeutungssystems.

3.2 Selbstreflexion der Herausgeberinnen-Position

An diese Diagnose schließt sich eine Selbstreflexion an: „Wir - zwei weiße, nicht- sahrauische Herausgeberinnen - verstehen uns nicht als Stellvertreterinnen für andere, sondern als Menschen mit Zugang zu bestimmten Ressourcen und Plattformen und mit der Verantwortung, diese zugänglich zu machen“ (Klenner und Koos 2025: 1). Dieser Satz führt vor, was Haraway als situiertes Wissen fordert: nämlich die explizite Reflexion der eigenen Positionalität und der damit verbundenen Privilegien. Die Herausgeberinnen beanspruchen nicht, für Sahrauis zu sprechen, sondern verstehen ihre Rolle als Ermöglichung: Sie wollen einen Raum schaffen, „in dem sahrauische Stimmen in ihren eigenen Worten sprechen und gehört werden können“ (Klenner und Koos 2025: 1). Diese Haltung unterscheidet sich von wohlmeinenden Stellvertretungsgesten, die oft ungewollt die Hierarchien reproduzieren, die sie zu überwinden vorgeben. Zugleich thematisiert der Text hier seine eigenen Grenzen - den vierten Punkt des Rasters, der im nächsten Kapitel aufgreifen wird.

3.3 Anerkennung der Einschränkungen

Die Einleitung von WIDERWORTE benennt explizit die Einschränkungen des eigenen Projekts: „Manche Beiträge konnten nicht realisiert werden. Wichtige Perspektiven fehlen, etwa queere Stimmen. Aufgrund prekärer Finanzierung gibt es keine Sahrauis in der Redaktion, ein Defizit und eine Reproduktion von Ausschlüssen, die wir gern überwunden hätten“ (Klenner und Koos 2025: 1). Diese Passage führt vor, was Sultana als Marginalitäten innerhalb der Marginalität bezeichnet (Sultana 2025: 52): Selbst ein explizit solidarisches, dekolonial orientiertes Projekt ist nicht frei von Machtasymmetrien und Ausschlüssen. Die Einleitung verleugnet diese Spannungen nicht, sondern macht sie zum Gegenstand der Reflexion. Die Einleitung stellt den Sammelband als „ein Ausschnitt und eine Annäherung, ein Versuch“ dar-nicht als vollständige Repräsentation (Klenner und Koos 2025: 1).

3.4 Die rahmende Funktion der Einleitung von WIDERWORTE

Für meine Arbeit ist die Einleitung der Herausgeberinnen von zentraler Bedeutung, da sie den Rahmen absteckt, innerhalb dessen die anderen Beiträge erst verständlich werden (Klenner und Koos 2025: 1). Somit ist sie der Schlüssel zum Verständnis des gesamten Feldes der Gegenexpertise.

Kritisch ließe sich jedoch fragen, ob die Einleitung mit ihrer Selbstreflexion nicht zugleich eine Form der epistemischen Selbstprivilegierung betreibt, indem sie die Deutungshoheit über die Grenzen des Projekts bei den Herausgeberinnen belässt, die selbst keine Sahrauis sind.

4. WSRW-Report: Forensische Evidenz als Außenperspektive

Die Herausgeberinnen-Einleitung definiert den Rahmen des gesamten Projekts, während der am 11. Dezember 2025 erschienene Report Greenwashing Occupation von Western Sahara Resource Watch (WSRW) die besetzte Westsahara vor allem von außen in den Blick nimmt. Der WSRW-Report wurde nicht von Sahrauis verfasst, sondern von einer solidarischen NGO. Damit repräsentiert er eine spezifische Form des Wissens, die für das Feld der Gegenexpertise unverzichtbar ist - umso mehr vor dem Hintergrund der UN-Resolution 2797 vom 31.10.2025 und der EU-Pressemitteilung vom 29.01.2026, die genau die Ausbeutungsverhältnisse politisch legitimieren sollten, die der WSRW-Report dokumentiert.

Der Report wird daher entlang der Fragen nach seiner Positionalität und seinen Ressourcen (4.1), seinem Wissensregime und seinerAdressierung (4.2) und seinem Beitrag zur Kritik der Climate Coloniality (4.3) untersucht.

4.1 Positionalitätund Ressourcen

Der WSRW-Report ist ein umfangreiches Dokument, das auf langjähriger Recherchearbeit basiert. WSRW ist eine internationale NGO mit Sitz in Brüssel, die sich seit vielen Jahren mit der Ressourcenausbeutung in der besetzten Westsahara befasst. Aus Haraways Perspektive des situierten Wissens (1988) wird deutlich: Auch dieser forensische Blick von außen produziert eine spezifische Form partialer Erkenntnis. Seine Stärke, die akribische Dokumentation von Verträgen und Finanzströmen, ist zugleich eine Grenze: Das situierte Wissen der Betroffenen, das Haraway als notwendige Ergänzung fordert, bleibt hier notwendig ausgeblendet. Der Report kann dokumentieren, dass und wie ausgebeutet wird, aber nicht, wie es sich anfühlt, unter diesen Bedingungen zu leben.

4.2 Wissensregime und Adressierung

Aus Haraways Perspektive ist auch der WSRW-Report situiertes Wissen - allerdings eines, das seine Erkenntniskraft nicht aus geteilter Erfahrung, sondern aus professioneller Distanz gewinnt: aus methodischer Systematik, investigativer Expertise und spezifischen Ressourcen wie Dokumentenzugang, juristischem Wissen und internationalen Netzwerken. Seine Partialität liegt im Blick von außen, der Evidenz dort produzieren kann, wo Innensicht an Grenzen stößt - und umgekehrt.

4.3 Beitrag zur Kritik der Climate Coloniality

Im Sinne von Sultanas Climate Coloniality (2022) leistet der Report einen unverzichtbaren Beitrag zur materiellen Dimension kolonialer Ausbeutung: Er übersetzt das abstrakte Konzept in konkrete Verträge, Finanzströme und Profiteurinnen. Zur epistemischen Dimension der Climate Coloniality - der Frage, wer gehört wird und wessen Wissen zählt - kann er hingegen wenig beitragen. Diese Leerstelle markiert keine Schwäche des Reports, sondern den Ort, an dem die Innenperspektiven in Kapitel 5 anschließen: M'Bareks strategische Reflexion und Lehbibs autoethnografische Erfahrung werden das füllen, was der forensische Blick notwendig übersehen muss.

5. Innenperspektiven: Strategische Praxis und gelebte Utopie

Während der bisher analysierte Text die besetzte Westsahara vor allem von außen beleuchtet - als Fall für forensische Evidenz -, rücken die beiden folgenden Beiträge die Perspektive derjenigen ins Zentrum, die den Kampf um Selbstbestimmung täglich erleben. Ahmedna Abdi M'Barek und Emma Lehbib sprechen nicht über die Sahrauis, sondern als Sahrauis. Ihre Texte sind situiertes Wissen im Sinne Haraways (1988): Sie gewinnen ihre Erkenntniskraft aus der expliziten Reflexion der eigenen Positionalität und der Verflechtung von Erfahrung, Emotion und politischer Praxis. In der Analyse dieser beiden Texte frage ich daher nach ihrer spezifischen Positionalität (Punkt 1 meines Rasters) und nach ihrem Wissensregime (Punkt 2) - also danach, wie sie ihre Erfahrung in strategisches und lebensweltliches Wissen übersetzen.

5.1 M'Barek: Strategische Allianzbildung aus der Diaspora

Ahmedna Abdi M'Bareks Text „Klimagerechtigkeit und transnationale Solidarität“ (2025: 62-66) repräsentiert eine Position, die in der deutschsprachigen Debatte über die besetzte Westsahara selten zu Wort kommt.

M'Barek ist Sprecher der Organisation Juventud Activa Saharaui (Aktive Sahrauische Jugend, Übers. d. Verf.). Seine Biografie verkörpert die sahrauische Diaspora-Erfahrung: Er wurde in den Flüchtlingscamps geboren, ging in Algerien und Spanien zur Schule und lebt heute in Frankreich. Seine Ressourcen erwachsen aus der Verwobenheit mit dem Kampf seines Volkes, aus der Arbeit in transnationalen Netzwerken und der Fähigkeit, Erfahrungen in strategisches Bewegungswissen zu übersetzen. Diese Fähigkeit zeigt sich exemplarisch in seiner Schilderung des Turiner Klimacamps 2022. Dort heißt es:

Zu unserer Überraschung stellte Fridays for Future (FFF) den sahrauischen Kampf bei allen Aktivitäten des Camps in den Vordergrund und bot uns die Gelegenheit, ausführlich über unsere Geschichte, unser Volk, unsere Ressourcen und die Auswirkungen des Konflikts auf den internationalen Frieden und die internationale Sicherheitzu sprechen. (M'Barek2025:63)

An diesem Beispiel zeigt sich: Solidarität entsteht nicht durch bloße Appelle, sondern durch konkrete Begegnung und die Bereitschaft, Raum zu geben. Seine Positionalität - geprägt durch Diaspora-Erfahrung, Mehrsprachigkeit und transnationale Netzwerke - ist die Grundlage fürjenes strategische Wissen, das ich im Folgenden analysiere.

M'Bareks Text ist reflexiv-strategisch angelegt. Er analysiert transnationale Bündnisse als Metareflexion diskursiver Zugangsbedingungen: Wer darf wo sprechen und unter welchen Voraussetzungen wird man gehört? M'Barek zeigt, dass Sahrauis nicht nur Objekte der Ausbeutung sind, sondern handelnde Subjekte. Sie eignen sich internationale Foren strategisch an - etwa UN-Klimakonferenzen (englisch Conferences of the Parties, COPs) oder den UN-Menschenrechtsrat. Sie „infiltrieren“ diese Räume, wie M'Barek es nennt (M'Barek 2025:64): Räume, die nicht ohne weiteres zugänglich sind, aber durch langfristige Netzwerkarbeit und solidarische Unterstützung erschlossen werden können.

Ein besonderer Wert liegt in seiner selbstkritischen Reflexion: Er thematisiert Spannungen in der globalen Klimabewegung (etwa die umstrittene Haltung des deutschen Ablegers von Fridays for Future zu Palästina) und fragt nach den Bedingungen glaubwürdiger Solidarität (M'Barek 2025: 66). Für ihn ist Solidarität keine naive Einforderung, sondern eine prekäre, stets zu erneuernde Praxis.

5.2 Lehbib: Alltagspraxis und Utopie in den Camps

Emma Lehbibs Essay „Heimkommen im Exil und das Erschaffen einer anderen Welt“ (2025: 4-13) ist die radikalste Verkörperung situierten Wissens im Korpus.

Lehbib wurde in Deutschland als Tochter sahrauischer Eltern geboren, die vor der Besatzung emigrierten. Fünf Monate verbrachte sie in den Flüchtlingscamps - eine bewusste Rückkehr an einen Ort, den sie als Kind nur aus Ferienbesuchen kannte.

Sie beschreibt keine Held*innentaten, sondern Alltagsszenen „Wenn meine Tante und ihr Mann morgens aufstehen, die eine das Frühstück zubereitet, während der andere die Kinder anzieht, um sie zur Schule zu bringen, dann ist das gelebter Widerstand.“ (Lehbib 2025: 6). Indem sie das Alltägliche als Widerstand begreift, dezentriert sie den hegemonialen Diskurs, der Protest auf Spektakel verengt.

Damit leistet Lehbib einen doppelten Beitrag: Erstens macht sie die lebensweltlichen Kosten sichtbar - verfaulendes Gemüse aus humanitärer Hilfe, die Abgeschnittenheit vom Meer. Sie übersetzt abstrakte Zahlen in Erfahrung: „Jedes Jahr rund eine halbe Milliarde Profit gegen eine Handvoll Almosen. Das ist politisch verwaltete Ungerechtigkeit“ (ebd.). Zweitens beschreibt sie, was dieser Ungerechtigkeit entgegengesetzt wird: die Camps als Utopie.

Lehbib zeigt ein System ohne Polizei und Gefängnisse - nicht konfliktfrei, aber mit Mechanismen kollektiver Konfliktbearbeitung. Ein Beispiel istdie Ärifä (weiblich) bzw. der Arif (männlich) - wörtlich „die Wissende“/„der Wissende“. Diese Nachbarschaftsvertreterinnen organisieren jeweils fünfzehn Personen und leiten Informationen an höhere Ebenen weiter (ebd.: 10). Die Strukturen sind komplex, aber sie zeigen: Eine andere soziale Ordnung ist möglich.

Diesen Geist verkörpert Lehbibs Großmutter. Sie bleibt in den Camps, obwohl sie die Befreiung möglicherweise nicht mehr erleben wird. Sie ist eine Munadilin, eine „Kämpferin, Verteidigerin“. Munadilin zu sein bedeutet, sich im Alltag für die Würde der Gemeinschaft einzusetzen, die kollektive Erinnerung und Kultur zu bewahren und an der Utopie einer befreiten Westsahara festzuhalten, auch wenn diese Utopie von der eigenen Generation nicht mehr erlebt werden wird (ebd.: 6, 11-12).

Eine methodische Selbstreflexion ist an dieser Stelle notwendig. M'Bareks und Lehbibs Texte repräsentieren spezifische Positionen innerhalb der sahrauischen Gesellschaft - sie sind nicht „die Sahrauis“ schlechthin. Ob ihre Perspektiven andere Stimmen überdecken - etwa die von Frauen in den Camps, älteren Generationen oder queeren Sahrauis -, lässt sich anhand des Materials nicht beurteilen. Diese Einschränkung ist keine Kritik an den Texten, sondern eine Erinnerung daran, dass auch Gegendiskurse interne Hierarchien aufweisen können.

6. Synthese: Das Feld der Gegenexpertise - Komplementarität, Spannungen, Grenzen

Nach der Analyse der vier Einzeltexte führt die Synthese diese Perspektiven nun zusammen. Ziel ist es, die Konturen des Feldes zivilgesellschaftlicher Gegenexpertise sichtbar zu machen, das diese Texte konstituieren - als Dokumente eines spezifischen historischen Moments. Ich frage nach der inneren Logik und Arbeitsteilung dieses Feldes, nach den komplementären Beiträgen der einzelnen Positionen zur Kritik der Climate Coloniality, aber auch nach den Spannungen, Machtasymmetrien und Grenzen, die das Feld durchziehen. Die Synthese versteht sich dabei nicht als abschließende Harmonisierung, sondern als Rekonstruktion einer produktiven Differenz.

6.1 Komplementäre Arbeitsteilung: Vier Formen situierten Wissens

Wie in den Kapiteln 3 bis 5 gezeigt, weisen die vier analysierten Texte eine funktionale Arbeitsteilung auf, die sich entlang unterschiedlicher Formen situierten Wissens (Haraway 1988) ordnet: reflexive Rahmung (Herausgeberinnen), forensische Evidenz (WSRW), strategische Bewegungsperspektive (M'Barek) sowie autoethnografische Erfahrung (Lehbib). Erst im Zusammenspiel dieser Perspektiven entsteht ein mehrdimensionales GegenNarrativ, das die Einzelanalysen jeweils für sich allein nicht leisten könnten.

6.2 Climate Coloniality als mehrdimensionale Wirklichkeit

Die vier Texte erschließen Climate Coloniality in unterschiedlichen Dimensionen. Der WSRW-Report dokumentiert die materielle Ausbeutung. M'Barek analysiert die strategische Gegenmacht. Lehbib verankert beides in der Erfahrung. Die Herausgeberinnen-Einleitung reflektiert die Grenzen der eigenen Kritik.

Entscheidend ist nicht die Komplementarität dieser Perspektiven, sondern ihre konstitutive Spannung. Aus meiner Analyse folgt: Der WSRW-Report kann nicht fragen, wie sich die dokumentierte Ausbeutung anfühlt - und ist dazu auch nicht verpflichtet. M'Barek kann nicht dokumentieren, was er nicht recherchieren kann. Lehbib kann nicht strategisch analysieren, was sie nicht strategisch überblickt. Und die Einleitung kann nicht für andere sprechen, die sie nicht erreicht.

Dass diese Spannungen nicht aufgelöst werden, ist keine Schwäche. Sie sind die Bedingung dafür, dass das Feld der Gegenexpertise überhaupt existiert. Keine der Perspektiven könnte die anderen ersetzen. Und keine könnte ohne die anderen das leisten, was sie gemeinsam leisten: Climate Coloniality nicht nur zu beschreiben, sondern als gelebte Wirklichkeit sichtbarzu machen - in all ihren Widersprüchen.

6.3 Spannungen und Machtasymmetrien im Feld

Die Synthese darfjedoch nicht bei einer harmonisierenden Darstellung der Komplementarität stehenbleiben. Aus der Perspektive der Dekolonialen Feministischen Politischen Ökologie (Sultana 2025) lassen sich die Spannungen und Machtasymmetrien erkennen, die das Feld der Gegenexpertise durchziehen.

Die in den Einzelanalysen bereits sichtbaren Machtasymmetrien (siehe Kap. 4.1, 5.2) verdichten sich zu einer strukturellen Hierarchie zwischen Außen- und Innenperspektiven. Während WSRW aus einer institutionell gesicherten Position heraus spricht, sind M'Barek und Lehbib auf solidarische Einladungen angewiesen, um Gehör zu finden. Dass das forensische Wissensregime in politischen Arenen eine höhere Legitimität genießt als autoethnografische Erfahrung, wiederholt auf der Ebene der Wissensformen jene epistemische Gewalt, die die Herausgeberinnen von WIDERWORTE diagnostizieren (siehe Kap. 3.1).

Auch zwischen den Innenperspektiven gibt es Unterschiede. M'Bareks Perspektive ist geprägt durch seine Arbeit in internationalen Netzwerken und seinen Zugang zu COPs, während Lehbibs Blick durch die Rückkehr in die Camps und das Eintauchen in den Alltag geschärft wird. Beide Perspektiven sind notwendig, aber sie repräsentieren unterschiedliche Erfahrungen. Der Einleitungstext schließlich benennt das zentrale Defizit des gesamten Projekts. Dort heißt es: „Aufgrund prekärer Finanzierung gibt es keine Sahrauis in der Redaktion“ (Klenner und Koos 2025: 1). Dieser Satz zeigt: Auch ein explizit solidarisches Projekt kann die Machtasymmetrien, die es kritisiert, nicht einfach hinter sich lassen.

6.4 Dekoloniale Bewertung: Annäherungen und Grenzen

Das Feld der Gegenexpertise lässt sich an den Kriterien messen, die Sultana (2025) für eine dekoloniale feministische Politische Ökologie formuliert. Demnach sind die Texte nicht nur Analyse, sondern selbst politische Praxis: Sie intervenieren in öffentliche Debatten, schaffen Fakten, ermöglichen Allianzen. Besonders M'Barek und Lehbib verkörpern diese Einheit von Analyse und Handlung. Der Sammelband als Ganzes verschiebt Autorität hin zu sahrauischen Stimmen - wenn auch unvollständig, wie die Einleitung einräumt. M'Barek und Lehbib sprechen nicht über ihre Community, sondern aus ihr heraus. Lehbibs Text erkennt emotionale und alltägliche Dimensionen an und zeigt, dass Widerstand nicht nur in spektakulären Aktionen, sondern in Alltagspraktiken: Teetrinken, Kindererziehung und Nachbarschaftshilfe. M'Barek zeigt, wie internationale Foren strategisch angeeignet und „infiltriert“ werden können. Lehbib erläutert, wie in den Camps soziale Strukturen entstehen, die nach den Prinzipien kollektiver Fürsorge und Selbstorganisation funktionieren (Lehbib 2025: 6-7, 10). Der Text der Herausgeberinnen leistet schließlich die Reflexion eigener Marginalitäten: Er benennt die Grenzen des Projekts und macht sie zum Gegenstand der Diskussion, anstatt sie zu verleugnen.

Das Feld der Gegenexpertise nähert sich den von Sultana formulierten Kriterien an, löst sie aber nicht vollständig ein. Denn es bleibt durchzogen von globalen Wissens- und Ressourcenungleichheiten, von Hierarchien zwischen verschiedenen Positionen und von Ausschlüssen, die es selbst kritisiert. Genau diese Spannungen zu benennen, istjedoch kein Defizit. Es ist vielmehr Ausdruck einer Haltung, die sich ihrer eigenen Bedingtheit bewusst ist. Die Stärke des analysierten Feldes liegt nicht in einer einzelnen Position, sondern in der produktiven Spannung zwischen diesen Positionen - einer Spannung, die das Feld zusammenhält, ohne seine inneren Machtasymmetrien aufzuheben. Das Ineinandergreifen von Evidenz, Strategie und Erfahrung erzeugt jene Dichte des Gegen-Narrativs, die das hegemoniale Fortschritts-Narrativ herausfordert. Die Spannungen und Machtasymmetrien, die dieses Feld durchziehen, sind nicht zu leugnen - aber sie sind auch nicht als Scheitern zu deuten. Sie sind vielmehr Ausdruck der Komplexität jedes Versuchs, unter Bedingungen extremer Ungleichheit gegen diese Ungleichheit anzuschreiben. Das Feld der Gegenexpertise ist kein idealer Ort jenseits der Macht - aber ein Ort, an dem Macht sichtbar, kritisierbar und herausforderbarwird.

7. Fazit und Ausblick

7.1 Beantwortung der Forschungsfrage und Einordnung in den aktuellen Kontext

Die vier analysierten Texte erschließen Climate Coloniality aus vier komplementären Perspektiven: reflexiv (Herausgeberinnen-Einleitung), materiell (WSRW), strategisch (M'Barek) und lebensweltlich (Lehbib). Keine dieser Perspektiven könnte für sich allein das leisten, was das Feld gemeinsam leistet: Climate Coloniality nicht nur zu beschreiben, sondern auch als gelebte Wirklichkeit sichtbar zu machen. Gegenexpertise konstituiert sich nicht als homogene Position, sondern als relationales Gefüge unterschiedlicher Wissensformen, deren kritische Kraft aus der produktiven Spannung zwischen ihnen erwächst.

Diese Einsicht gewinnt vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Entwicklungen an Dringlichkeit. Mit der UN-Resolution 2797 vom 31. Oktober 2025 und der EU- Pressemitteilung vom 29. Januar 2026 haben jene Institutionen, an die sich die Gegenexpertise appellativ wandte, offiziell die Sprachregelung der Besatzungsmacht übernommen (UNSC 2025; EU 2026). Die Herausgeberinnen von WIDERWORTE hatten formuliert, das Verdrängen sahrauischer Stimmen sei „kein Zufall“, sondern „Teil eines Systems“ (Klenner und Koos 2025: 1). Dass alle 27 EU-Staaten diese Logik übernahmen, lässt sich als Ausdruck jener institutionellen Schieflage lesen, die die Gegenexpertise diagnostiziert. Durch die Übernahme der marokkanischen Sprachregelung durch UN und EU sind die Foren, in denen M'Barek um Gehör kämpft, für sahrauische Stimmen weniger zugänglich geworden. Die Gegenexpertise operiert somit unter erschwerten Bedingungen, ihre Relevanz bleibt angesichts der institutionellen Entwicklungen jedoch unverändert.

7.2 Grenzen derArbeit und Forschungsausblick

Die vorliegende Arbeit unterliegt mehreren Einschränkungen, die zugleich Perspektiven für die zukünftige Forschung eröffnen. Für die hier geleistete Analyse war es notwendig, den Fokus auf die Funktion des WSRW-Reports im Bereich der Gegenexpertise zu legen. Eine vertiefte Untersuchung seiner Geschichte und seiner spezifischen Erkenntnisse über deutsche Unternehmen bleibt ein Desiderat. Gleiches gilt für die Frage, wie die anderen Texte des Sammelbandes WIDERWORTE (über die hier analysierten hinaus) das Feld der Gegenexpertise ergänzen oder kontrastieren. Schließlich wäre eine Rezeptionsanalyse wünschenswert, die untersucht, ob und wie die Gegenexpertise tatsächlich in politischen Arenen Gehör findet.

7.3 Reflexion der eigenen Positionalität und Schlussbetrachtung

Ich verstehe diese Arbeit als Teil des Projektes, das untersucht wird und in diesem Sinne als Teil einer solidarischen Wissenschaft. Das Wissen der Bewegungen muss ernst genommen werden, denn bei der Rekonstruktion der zugrundeliegenden Logik werden dessen Stärken sichtbar. Die Rekonstruktion des Feldes der Gegenexpertise ist dabei nicht nur Analyse, sondern selbst ein Akt der Sichtbarmachung - und damit bereits Teil der Auseinandersetzung.

Dass ich die UN/EU-Dokumente als Bestätigung der Gegenexpertise lese, ist eine bewusste Entscheidung - sie folgt keiner neutralen Position, sondern einer normativen Haltung. Aus Sicht einer Dekolonialen Feministischen Politischen Ökologie ist diese Positionalität reflexiv einzuholen: Solidarität mit dem Gegenstand darf nicht bedeuten, dessen interne Spannungen und Ausschlüsse zu übersehen.

In der Arbeit wurden diese Spannungen benannt: zwischen Außen- und Innenperspektiven sowie zwischen Evidenz und Erfahrung. Diese Arbeit ist selbst in die Machtasymmetrien verstrickt, die sie analysiert. Indem ich die Texte von M'Barek und Lehbib als Quellen analysiere, sie aber nicht als eigenständige theoretische Beiträge in die eigene Argumentation einbeziehe, reproduziere ich die Hierarchie zwischen wissenschaftlicher Analyse und aktivistischem Wissen - auch wenn ich sie kritisiere. Diese Spannung produktiv zu machen, ohne sie aufzulösen, ist das Anliegen dieserArbeit.

Die Einsicht von Klenner und Koos, dass auch solidarische Projekte nicht frei von Ausschlüssen sind und das Fehlen sahrauischer Stimmen in der Redaktion „kein Zufall“, sondern Ausdruck „einer Reproduktion von Ausschlüssen“ ist, gilt auch für die vorliegende Arbeit (Klenner und Koos 2025: 1). Indem die Arbeit sahrauische Stimmen analysiert, sie aber nicht selbst zu Wort kommen lässt, bleibt sie in jene Machtasymmetrien verstrickt, die sie kritisiert.

Diese Verstrickung ist doppelt: Einerseits kritisiert die Arbeit epistemische Gewalt, andererseits ist sie auf eben jene akademischen Räume angewiesen, die solche Gewalt (mit)produzieren. Diese Spannung produktiv zu machen, sie also nicht zu leugnen, sondern als Ausgangspunkt weiterer Reflexion zu nutzen, war das Anliegen dieser Arbeit. In diesem Sinne versteht sie sich nicht als abschließende Repräsentation, sondern als Beitrag zu einem fortzuführenden Gespräch.

Diese Spannung lässt sich nicht auflösen, wohl aber an den Worten jener konkretisieren, die im Zentrum dieser Arbeit stehen. Emma Lehbib zitiert ihre Großmutter: „Wir alle sind Munadilin [...], Kämpferinnen und Verteidigerinnen“ (Lehbib 2025: 6). Die Großmutter bleibt in den Camps, obwohl sie Spanien erreichen könnte - und obwohl sie die Befreiung vielleicht nicht mehr erleben wird. Sie bleibt, weil in den Camps ein System entstanden ist, „das das Überleben unseres Volkes gesichert und seinen Freiheitskampf jahrzehntelang getragen hat - und dies auch in Zukunft tun wird“ (Lehbib 2025: 12). Dieses System zu verstehen - nicht als romantische Utopie, sondern als prekäre, mühevolle, immer wieder neu zu erkämpfende Praxis - ist die Aufgabe einer Wissenschaft, die sich nicht mit der Kritik des Bestehenden begnügt, sondern nach den Konturen einer anderen Welt fragt. Dass Lehbibs Großmutter dennoch bleibt, trotzdem Tee kocht und Nachbarinnen empfängt, trotzdem an der Befreiung festhält - das ist keine politische Naivität. Es ist ihre Antwort auf die Welt, die das Recht der Sahrauis auf Selbstbestimmung missachtet.

Literaturverzeichnis

Europäische Union und Königreich Marokko. 2026. „Gemeinsames Kommunique der Hohen Vertreterin Kaja Kallas und des marokkanischen Ministers für auswärtige Angelegenheiten Nasser Bourita im Anschluss an den 15. Assoziierungsrat EU-Marokko.“ Pressemitteilung. Brüssel: Rat der Europäischen Union.

https://www.consilium.europa.eu/de/press/press-releases/2026/01/29/communique- conjoint-de-la-haute-representante-kaja-kallas-et-du-ministre-des-affaires-etrangeres- du-maroc-nasser-bourita-suite-a-la-tenue-du-quinzieme-conseil-d-association-ue-ma- roc/ (Zugriff am 25. März 2026).

Haraway, Donna. 1988. „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective.“ Feminist Studies 14(3):575-599. https://doi.org/10.2307/3178066.

Klenner, Maria und Alida Koos (Hg.). 2025. WIDERWORTE. Berlin: Selbstverlag.

Klenner, Maria und Alida Koos. 2025. „Einleitung.“ In WIDERWORTE, (Hg.) Maria Klenner und Alida Koos, 1. Berlin: Selbstverlag.

Koos, Alida, Nina Matzik und Tim Sauer. 2025. „Komplizen der Besatzung: Deutsche Unternehmen in derWestsahara.“ In WIDERWORTE, (Hg.) Maria Klenner und Alida Koos, 57-61. Berlin: Selbstverlag.

Lehbib, Emma. 2025. „Heimkommen im Exil und das Erschaffen einer anderen Welt.“ In WIDERWORTE, (Hg.) Maria Klenner und Alida Koos, 4-13. Berlin: Selbstverlag.

M'Barek, Ahmedna Abdi. 2025. „Klimagerechtigkeit und transnationale Solidarität.“

In WIDERWORTE, (Hg.) Maria Klenner und Alida Koos, 62-66. Berlin: Selbstverlag.

Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNSC). 2025. „Resolution 2797“. Verabschiedet auf der 10030. Sitzung, 31. Oktober. S/RES/2797. NewYork: Vereinte Nationen.

Sultana, Farhana. 2022. „The Unbearable Heaviness ofClimate Coloniality.“ Political Geography 99:102638. https://doi.org/10.1016/j.polgeo.2022.102638.

Sultana, Farhana. 2025. „Decolonial Thought and Political Ecology: Coexistence and Divergence.“ In The New Routledge Handbook ofPolitical Ecology, (Hg.) Jessica Hope, Elia Apostolopoulou und Yolanda Ariadne Collins, 48-56. London: Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003430995.

Western Sahara Resource Watch. 2025. Greenwashing Occupation: Wie Marokkos Erneuer- bare-Energien-Projekte in derbesetzten Westsahara den Konflikt um die letzte KolonieAfrikas verlängern. [Report]. Brüssel: WSRW.

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https://wsrw.org/de/nachrichten/eu-erklarung-zu-marokko-autonomie-ohne-selbstbe- stimmung-recht-ohne-rechtmassigkeit (Zugriffam 25. März 2026).

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Titel: Die Konstitution von Gegenexpertise

Hausarbeit , 2026 , 18 Seiten , Note: 1,3

Autor:in: Leo Rheinsberg (Autor:in)

Soziologie - Sonstiges
Blick ins Buch

Details

Titel
Die Konstitution von Gegenexpertise
Untertitel
Eine dekolonial-reflexive Dokumentenanalyse am Beispiel der besetzten Westsahara
Note
1,3
Autor
Leo Rheinsberg (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2026
Seiten
18
Katalognummer
V1737983
ISBN (PDF)
9783389196380
ISBN (Buch)
9783389196397
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Climate Coloniality Western Sahara Dekoloniale Feministische Politische Ökologie Besetzte Westsahara
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Leo Rheinsberg (Autor:in), 2026, Die Konstitution von Gegenexpertise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1737983
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Leseprobe aus  18  Seiten
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