Die Anhängerschaft des Iupiter Dolichenus in den germanischen Provinzen

Eine Rekonstruktion anhand erhaltener Denkmäler


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Jupiter Dolichenus
Ursprung, Verbreitung und Ende des Kultes
Darstellung
Kult
Anhängerschaft

II Germanische Provinzen
Germania Superior
Fundorte
Funde
Germania Inferior
Gegenüberstellung der Provinzen

III Folgerungen

Schluss

Literatur

Einleitung

Die römische Religion war eine pragmatische Religion, am deutlichsten wird dies in der Formel do ut des – ein System von Geben und Nehmen zwischen Menschen und Göttern. Auch der formalisierte Ablauf der religiösen Handlungen konnte den Menschen Sicherheit geben; es war stets sicher, wer welche Funktion auf welche Weise zu erfüllen hatte.[1] Jedoch war „die Beziehung des römischen Menschen zu seinen Göttern [...] recht arm [...] an Gefühlsmomenten, Innigkeit und Wärme.“[2] Die römische Religion kam den Menschen dadurch entgegen, dass sie fremde Götter und ihren Kult assimilieren konnte. Ein Blick in das 3. Jahrhundert v. Chr. zeigt, dass in dieser „katastrophalen Kriegs- und Seuchenperiode“[3] nach neuen Sicherheiten gesucht wurde, die der eigene Glauben nicht erfüllen konnte. Orientalische Religionen waren beliebt, vor allem bei Angehörigen unterster Bevölkerungsschichten[4] und ab dem ersten vorchristlichen Jahrhundert öffnete sich Rom vermehrt für fremde Kulte.[5]

Die Zeit nach Christus bietet ein großes Angebot an Kulten, eine nicht zu unterschätzende Verbreitung erfuhren erneut orientalische Religionen. Der Kult des Iupiter Dolichenus ist eine von ihnen und die Gottheit konnte von ihrer syrischen Heimat bis nach Britannien und Afrika Anhänger finden. Neben dieser Leistung fasziniert aus heutiger Perspektive vor allem die Unergründlichkeit: Die Inhalte des Kultes sind uns aufgrund fehlender literarischer Quellen unbekannt und die archäologischen Überreste bieten somit Raum für Ausdeutungen. Ein Aspekt für die Anhänger dürfte gewesen sein, dass er sich den Menschen nahe zeigte als die römischen Götter, vielleicht auch emotionaler.[6] An dem „Himmelsgott auf dem Stier“[7] zeigen sich aus unserer Rückschau zudem zwei Pole: Auf der einen Seite der erfolgreiche lokale Wettergott, der schließlich auch in Rom als Beschützer des Erdkreises verehrt wurde und auf der anderen Seite ein Gott, dessen Kult plötzlich verschwand und von dem weder römische noch christliche Autoren Notiz nahmen.

Diese Arbeit wirft einen Blick auf Funde des Kultes in den germanischen Provinzen. Interessant für die Beschäftigung mit Iupiter Dolichenus ist dieses Gebiet deshalb, da sich an den nördlichen Militärgrenzen des Reiches die Hauptstätten der Funde befinden.[8] Hier wurde ein Gott verehrt, der fern seiner Heimat war, ebenso versahen hier Armeeangehörige ihren Dienst jenseits ihrer lokalen Bindungen. Kann dies als verbindendes Element fungiert haben? Monika Hörig sieht zudem eine „nicht unbeträchtliche Attraktivität auf die im Bereich der Garnisonen ansässige Bevölkerung.“[9] Inwieweit kann für die germanischen Provinzen davon ausgegangen werden, dass die zivile Bevölkerung der Provinzen den Kult angenommen hat? Und schließlich: Welche Rolle spielten die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen bei Ausbreitung und Praktizierung des Kultes und was führte zu seinem Ende?

Im Folgenden werden die Erkenntnisse der Forschung zum Kult und seinen Anhängern knapp skizziert. Danach werden die Funde der Provinzen Germania Superior und Inferior betrachtet, wobei die Gültigkeit des Forschungsstandes für diese spezifische Region geprüft wird. Abschließend wird versucht, der Zusammensetzung und Motivation der Anhängerschaft in diesen Provinzen näher zu kommen.

I Jupiter Dolichenus

Ursprung, Verbreitung und Ende des Kultes

Bei Iupiter Dolichenus[10] handelt es sich um eine ursprünglich lokale Gottheit, die in der kommagenischen Stadt Doliche, dem heutigen Dülük, und ihrer Umgebung verehrt worden ist. Nach der Eingliederung des kommagenischen Königreichs in die römische Provinz Syria 72 v. Chr. kamen römische Soldaten, Händler und Reisende in das Land und wohl auch mit dem Kult des Jupiter Dolichenus in Berührung.[11] „[D]ie Integration der Stadt in das Imperium Romanum und dessen Lage an strategisch und handelspolitisch wichtigen Verkehrswegen“ begünstigte die schnelle Verbreitung des Kultes in andere Gebiete des Römischen Reiches:[12] Ab dem frühen 2. Jahrhundert finden sich Denkmäler dieser orientalischen Religion in anderen Gebieten des Römischen Reichs.[13] Das Ende der Verehrung des Gottes fällt mit der Eroberung Doliches durch die Sassaniden 253 oder 256 zusammen.[14] Ob dabei das Heiligtum tatsächlich zerstört worden ist und in wieweit ein kausaler Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen besteht, konnte durch die aktuellen archäologischen Ausgrabungen noch nicht ermittelt werden.[15]

Darstellung

Trotz der jahrhundertelangen Existenz und der weiten Ausbreitung des Kultes blieben die grundlegenden Attribute des Gottes in den bildlichen Darstellungen bestehen.[16] Grundsätzlich wird eine bärtige Männergestalt gezeigt, die auf einem Stier stehend ein Blitzbündel in der linken und eine Doppelaxt in der rechten Hand hält. In römischer Zeit kam es zu einer „Gleichsetzung mit dem Iupiter Optimus Maximus in Wort und Bild.“[17] Die Insignien des Gottes wurden nun römisch gestaltet und statt Hörnerkröne trägt Iupiter Dolichenus eine phrygische Mütze, mit der in Rom östliche Barbaren gekennzeichnet wurden. Durch diese Metamorphose in Wort und Bild näherte er sich dem römischen Iupiter an, „ohne daß er diesem jedoch seine Stellung streitig zu machen beabsichtigte oder gar zum 'Reichsgott' erhoben worden wäre“[18], wie Hörig feststellt. Nach Speidel bedeutete die Bezeichnung nur „Der Himmelsgott von Doliche.“[19]

Ein Pantheon ist nicht in den Inschriften, dafür aber häufig in den bildlichen Darstellungen zu finden – mehrmals ist eine Gefährtin zu finden, auch römische Gottheiten und ägyptische Einflüsse sind zu beobachten.[20] Oft geschieht dies auf Votivdreiecken. Die häufig versilberten oder vergoldeten Bronzetafeln stellen eine Besonderheit unter den Weihegeschenken dar – sie sind nur von diesem Kult bekannt. Mit Iupiter Dolichenus im Zentrum stellen sie verschiedene Gottheiten dar, die Bedeutung der Form ist unklar. Hörig nimmt an, dass sie als Kultstandarten genutzt worden sind.[21]

Kult

Die Lücken in den Informationen über Kult und Gottesdienst werden häufig in der Forschung benannt.[22] Somit kann es oft nur Spekulationen über eine Religion geben, von der es ausschließlich archäologische Überreste gibt. Die genaue Funktion vieler Gegenstände ist nicht bekannt, nicht einmal, ob es sich bei ihnen um Standard-Ausstattung oder Grabbeigaben handelt.[23] Bei den erhaltenen Heiligtümern lässt sich keine kanonische Bauweise feststellen, wodurch nicht auf Funktionen und Bedeutungen einzelner Räume geschlossen werden kann.[24]

Bekannt ist, dass in den Gemeinden eine Hierarchie herrschte. An der Spitze stand ein sacerdos, der eine priesterliche Funktion inne hatte. Dieses Amt wurde vor allem von Orientalen bekleidet, „als wären besondere Kenntnissse oder Fähigkeiten erfordert gewesen, die man nur in Doliche selbst erwerben konnte, oder die sich gar nur vererbten.“[25] Auch von den übrigen Ämtern sind verschiedene Bezeichnungen überliefert, die diverse Aufgabenbereiche und Ränge benennen.[26]

Als Wettergott wurde Iupiter Dolichenus in seiner Heimat verehrt, unter römischem Einfluss lassen sich zwei Aufgabenstränge nachvollziehen: Einerseits wurde er bei privaten Sorgen seiner Anhänger angerufen, andererseits galt er als Erhalter der Welt und als Unterstützer der römischen Herrschaft.[27]

Anhängerschaft

Die städtischen Siegel Doliches aus der Zeit des Pompeius oder Augustus zeigen einen Handschlag zwischen einem römischen Feldherrn und dem Gott. Speidel sieht darin „eine der Voraussetzungen für seine spätere Verbreitung im römischen Heere und im römischen Reiche.“[28] Der Gott – bzw. seine Priester – hatte die römischen Truppen unterstützt. Doch wird in der Forschung nicht mehr angenommen, dass es sich bei Iupiter Dolichenus hauptsächlich um einen „Soldatengott“ gehandelt hat – inzwischen wird die Anhängerschaft als weitaus vielfältiger begriffen.[29] So seien nach Berechnungen Speidels nur vierzig Prozent der Stiftungen durch Soldaten, Offiziere, Veteranen und militärische Einheiten erfolgt.[30] Weitere Anhängergruppen bildeten demnach Händler, Sklaven, Soldaten und Aristokraten im imperialen Dienst, also vor allem die mobile Bevölkerung. Die lokal ansässigen Einwohner waren der Gottheit gegenüber wohl eher skeptisch eingestellt.[31] Bei den Anhängern selbst finden sich schließlich alle Bevölkerungsteile; neben den bereits genannten zählen dazu unter anderem hohe Beamte in Rom, Handwerker und Frauen. An den Heiligtümern lässt sich diese Zusammensetzung gut nachvollziehen.[32] Auch unter Senatoren und Rittern hatte Iupiter Dolichenus Anhänger gefunden, weshalb Hörig meint, dass der Kult einen halboffiziellen Charakter besessen habe.[33]

[...]


[1] Vgl. zu den Grundcharakteristika der römischen Religion: Versnel, S. 42-47.

[2] Versnel, S. 44.

[3] Versnel, S. 49.

[4] Vgl. Versnel, S. 55.

[5] Vgl. Versnel, S. 59.

[6] Vgl. Kan, S. 49.

[7] So die Kurzcharakterisierung Speidels für die Gottheit in seinem gleichnamigen Heft.

[8] Vgl. Speidel (1978), S. 38.

[9] Hörig, S. 2164.

[10] Es existieren unterschiedliche Schreibweisen in Inschriften und Forschungsliteratur, ich halte mich im Folgenden an die jüngste Literatur. Vgl. zu den unterschiedlichen Namen auf Inschriften: Kan, S. 1, Fußnote 1.

[11] Vgl. Schwertheim (1981), S. 195.

[12] Blömer/Winter, S. 194.

[13] Vgl. Schwertheim (1981), S. 194f.

[14] Vgl. Speidel (1980), S. 20.

[15] Vgl. http://www.asiaminor.de/Doliche%202006.htm. (überprüft am 31.10.2007)

[16] Die Wandlung der Darstellung über die Zeit fasst Speidel (1980), S. 7ff. zusammen.

[17] Schwertheim (1974), S. 313.

[18] Hörig, S. 2165.

[19] Speidel (1980), S. 6.

[20] Vgl. Schwertheim (1974), S. 313; Speidel (1980), S. 12.

[21] Vgl. Speidel (1980), S. 17; Hörig, S. 2170f.

[22] Vgl. z.B. Kan, S. 36; Schwertheim (1974), S. 311f., Hörig, S. 2172; Speidel (1980), S. 17.

[23] Vgl. Schwertheim (1974), S. 312.

[24] Vgl. Hörig, S. 2169.

[25] Speidel (1980), S. 17.

[26] Vgl. ebd.

[27] Vgl. Speidel (1980), S. 18.; Hörig, S. 2165.

[28] Speidel (1980), S. 7.

[29] Vgl. v.a. Speidel (1978).

[30] Speidel (1978), S. 39.

[31] Vgl. Speidel (1978), S. 76.

[32] Vgl. Schwertheim (1981), S. 196. Kan, S. 22 stellt fest, dass Iupiter Dolichenus „niemals die höheren, gebildeteren Schichten [...] angezogen“ hätte.

[33] Vgl. Hörig, S. 2164 und Speidel (1978), S. 60.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Anhängerschaft des Iupiter Dolichenus in den germanischen Provinzen
Untertitel
Eine Rekonstruktion anhand erhaltener Denkmäler
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Die Germanen und das römische Reich
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V173805
ISBN (eBook)
9783640940639
ISBN (Buch)
9783640940271
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gottheit, römisches reich, kult, religion
Arbeit zitieren
Silvio Schwartz (Autor:in), 2007, Die Anhängerschaft des Iupiter Dolichenus in den germanischen Provinzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173805

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