Im 18. Jahrhundert zeigte die Aufklärung auf, dass die Geschlechterbilder als sozial konstruiert und damit veränderbar anzusehen sind; Frauen wurden daraufhin außerhalb des häuslichen Bereichs aktiv und waren journalistisch, künstlerisch und wissenschaftlich tätig. Als Gegenbewegung suchten Philosophen und Pädagogen die männliche Machtposition wieder zu stärken – ihre Vorstellung „einer 'natürlichen Bestimmung des Weibes' zur 'Gattin, Hausfrau und Mutter' erlangte im Laufe des 19. Jahrhundert eine fast allgemein anerkannte Gültigkeit und korrespondierte mit der juristischen Schlechterstellung der Frauen“.
Anfang des 19. Jahrhunderts erlangte außerdem die Idee der Nation eine neue Popularität: Die antinapoleonischen Freiheitskämpfen 1813-15 wurden als „Volkskrieg“ deklariert und damit unter das Zeichen der Nation gestellt. 1813 waren mehr als zehn Prozent der männlichen Einwohner Preußens im Einsatz. Karen Hagemann hat aufgezeigt, dass die Vorstellung der Nation und der Natürlichkeit der Geschlechter im Denken der Zeitgenossen eine Einheit bildeten: „Die nationale Identität wurde von den Zeitgenossen geschlechtsspezifisch und die Geschlechtsidentität in ihrer konkreten kulturellen Ausformung stets national gedacht.“
In den antinapoleonischen Kämpfen wurden von Frauen Vereine gegründet, mit denen sie die eigenen Kämpfer unterstützten. Dies erscheint im Sinne der nationalistischen Vorstellungen, doch die Frauen erlebten Widerstand – während des Krieges und besonders danach, der Großteil der Vereine beendete seine Existenz. Die Beteiligung des ganzen Volkes wurde im Namen der Nation gefordert und gleichzeitig wurden Frauen direkt und strukturell aus der Gesamtheit der Bürger ausgeschlossen. In der aktuellen Forschung wird der emanzipative Anspruch der Frauenvereine betont, da sie eine Ausweitung der Handlungsmöglichkeiten von Frauen angestrebt und teilweise erreicht hätten.
In dieser Arbeit soll überprüft werden, inwieweit die praktische Arbeit der Frauenvereine als politische Bewegung gesehen werden kann: Auf welche Weise stellten sie ihre Arbeit unter das Schlagwort der Nation und welche Aspekte umfassten ihre Tätigkeiten? Welchen Stellenwert hatte dabei die „Nation“ als Antriebskraft, wie wichtig war ihnen eine Ausweitung ihrer Handlungsspielräume? Ein Blick auf die Zeitgenossen schließlich soll deren Motivation für Unterstützung und Kritik beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Nation und Krieg im Handeln der Frauenvereine
Nation
Kriegsbezogene Fürsorge
Allgemeine Fürsorge
Ausweitung des Handlungsspielraums?
Zusammensetzung und Organisation
Zeitgenössische Kritik
Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Rolle und Bedeutung patriotischer Frauenvereine während der antinapoleonischen Kämpfe (1813–1815) unter dem Aspekt von Nation und gesellschaftlicher Emanzipation, um zu klären, inwieweit deren Handeln als politische Bewegung gewertet werden kann.
- Die Rolle der Nation als Integrationskonzept für weibliches Engagement im öffentlichen Raum.
- Strukturen und Organisationsformen der Frauenvereine während der Befreiungskriege.
- Die Spannung zwischen kriegsbedingter Fürsorgearbeit und gesellschaftlichen Geschlechterrollen.
- Die kritische Wahrnehmung der Frauenvereine durch Zeitgenossen und die Folgen für deren Fortbestand.
Auszug aus dem Buch
Nation und Krieg im Handeln der Frauenvereine
Der Gedanke, dass die Frauen im Krieg ihre Männer aktiv unterstützen sollten, ist keine Erfindung der Frauenvereine, sondern lässt sich bereits in der patriotisch-nationalen Lyrik finden. Hier formulierten die vorwiegend männlichen Verfasser Verhaltensweisen, die sie von patriotisch handelnden Frauen verlangten. So dürften sie ihre Söhne, Ehemänner und Verlobte nicht davon abhalten, sich freiwillig für den Krieg zu melden, sondern sollten sie motivieren, wodurch sie als „Heldenmutter“ oder „Kriegerbraut“ gelten würden. Neben der Trauerarbeit bei einem „Heldentod“ des Angehörigen wurden auch materielle Opfer der Frauen als patriotische Tat gewertet. Hierzu zählten das Spenden von Geld sowie von „Putz und Schmuck“.
Dies ist eine deutliche Erweiterung der „vateländischen Frauentugenden und -pflichten“, wie sie von Männern aus dem preußischen Bildungsbürgertum im Luisenkult geprägt worden sind. Darin wurde das Ideal einer deutsch gesinnten Gattin, Hausfrau und Mutter auf die verstorbene Königin Luise projiziert – als „vaterländische Frauentugend“ schlechthin galt ihre Leidens- und Opferfähigkeit. Nach den Kämpfen 1806/07 wurde die Rückkehr der Frauen zu ihrem „wahren, hohen Berufe“ als „Hausmutter“ propagiert. In diesen bürgerlichen Vorstellungen patriotischer Frauen wurde jedoch ausgeblendet, dass die Integration von Frauen in die Kriegsmachinerie an der Front und in der Heimat als notwendig für die „Produktion und Reproduktion der 'Nation in Waffen'“ gelten muss.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Kontext der antinapoleonischen Kämpfe, die veränderten Geschlechterbilder der Epoche und die Forschungsfrage nach der politischen Bedeutung der Frauenvereine.
Nation und Krieg im Handeln der Frauenvereine: Dieses Kapitel analysiert, wie Frauen durch patriotische Rhetorik in die Kriegsanstrengungen einbezogen wurden und welche Rolle die „Nation“ als Konstrukt für ihre öffentliche Betätigung spielte.
Zusammensetzung und Organisation: Hier wird untersucht, wie sich tausende Frauen aller Schichten nach demokratischen Prinzipien organisierten, um trotz patriarchaler Strukturen gemeinsam zu agieren.
Zeitgenössische Kritik: Das Kapitel thematisiert den Widerstand gegen die Frauenvereine, der sich aus der biologistischen Begründung von Geschlechterdifferenzen und der Furcht vor Machtverschiebungen speiste.
Schluss: Das Fazit stellt fest, dass die Vereine zwar als „beinahe revolutionär“ gelten können, ihr Wirken jedoch stets innerhalb eines von Männern geprägten Rahmens blieb und „Nation“ primär als soziales Solidaritätskonzept fungierte.
Schlüsselwörter
Frauenvereine, antinapoleonische Kämpfe, Befreiungskriege, Nation, Geschlechterordnung, Patriotismus, Fürsorge, Emanzipation, Volksfamilie, Luisenkult, Preußen, Bürgerliche Öffentlichkeit, Armenfürsorge, Frauenbewegung, Geschlechtergeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Gründung und Tätigkeit von Frauenvereinen in den Jahren 1813 bis 1815 und untersucht deren Beziehung zum aufkommenden Nationalgedanken sowie zur gesellschaftlichen Rolle der Frau.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Instrumentalisierung von Frauen für patriotische Zwecke, die Struktur der Frauenvereine, die Wahrnehmung durch die männlich dominierte Öffentlichkeit und die Frage nach emanzipatorischen Ansätzen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu überprüfen, ob die Arbeit der Frauenvereine als genuine politische Bewegung betrachtet werden kann oder lediglich als Ergänzung zu den männlichen Kriegsanstrengungen zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung von zeitgenössischen Aufrufen, Berichten und einschlägiger Forschungsliteratur basiert.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil beleuchtet die nationale Rhetorik, die verschiedenen Formen der Fürsorge, die demokratische Organisationsstruktur der Vereine sowie die zeitgenössische Kritik an den Aktivitäten der Frauen.
Was sind die charakteristischen Schlüsselwörter dieser Untersuchung?
Wichtige Schlagworte sind Frauenvereine, Geschlechterordnung, Patriotismus, Emanzipation, Nation und Fürsorge.
Welche Rolle spielte die „Nation“ für die Frauenvereine?
Die „Nation“ diente den Frauen als Integrationskonzept, das es ihnen ermöglichte, einen öffentlichen Handlungsspielraum außerhalb des privaten Bereichs zu besetzen.
Warum lösten sich die meisten Vereine nach Kriegsende auf?
Das Legitimationsmuster des Krieges entfiel, und die Vereine gerieten unter wachsenden gesellschaftlichen Druck, der die Rückkehr zum traditionellen Familienbild forderte.
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- Silvio Schwartz (Author), 2008, Patriotische Frauenvereine in den antinapoleonischen Kämpfen 1813-1815, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173809