Patriotische Frauenvereine in den antinapoleonischen Kämpfen 1813-1815

Die Bedeutung von Nation und gesellschaftlicher Emanzipation als Grundlage ihres Handelns


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Nation und Krieg im Handeln der Frauenvereine
Nation
Kriegsbezogene Fürsorge
Allgemeine Fürsorge
Ausweitung des Handlungsspielraums?

Zusammensetzung und Organisation

Zeitgenössische Kritik

Schluss

Literatur

Einleitung

Im 18. Jahrhundert zeigte die Aufklärung auf, dass die Geschlechterbilder als sozial konstruiert und damit veränderbar anzusehen sind; Frauen wurden daraufhin außerhalb des häuslichen Bereichs aktiv und waren journalistisch, künstlerisch und wissenschaftlich tätig. Als Gegenbewegung suchten Philosophen und Pädagogen die männliche Machtposition wieder zu stärken – ihre Vorstellung „einer 'natürlichen Bestimmung des Weibes' zur 'Gattin, Hausfrau und Mutter' erlangte im Laufe des 19. Jahrhundert eine fast allgemein anerkannte Gültigkeit und korrespondierte mit der juristischen Schlechterstellung der Frauen“.[1]

Anfang des 19. Jahrhunderts erlangte außerdem die Idee der Nation eine neue Popularität: Die antinapoleonischen Freiheitskämpfen 1813-15 wurden als „Volkskrieg“ deklariert und damit unter das Zeichen der Nation gestellt. 1813 waren mehr als zehn Prozent der männlichen Einwohner Preußens im Einsatz.[2] Karen Hagemann hat aufgezeigt, dass die Vorstellung der Nation und der Natürlichkeit der Geschlechter im Denken der Zeitgenossen eine Einheit bildeten: „Die nationale Identität wurde von den Zeitgenossen geschlechtsspezifisch und die Geschlechtsidentität in ihrer konkreten kulturellen Ausformung stets national gedacht.“[3]

In den antinapoleonischen Kämpfen wurden von Frauen Vereine gegründet, mit denen sie die eigenen Kämpfer unterstützten. Dies erscheint im Sinne der nationalistischen Vorstellungen, doch die Frauen erlebten Widerstand – während des Krieges und besonders danach, der Großteil der Vereine beendete seine Existenz. Die Beteiligung des ganzen Volkes wurde im Namen der Nation gefordert und gleichzeitig wurden Frauen direkt und strukturell aus der Gesamtheit der Bürger ausgeschlossen. In der aktuellen Forschung wird der emanzipative Anspruch der Frauenvereine betont, da sie eine Ausweitung der Handlungsmöglichkeiten von Frauen angestrebt und teilweise erreicht hätten.

In dieser Arbeit soll überprüft werden, inwieweit die praktische Arbeit der Frauenvereine als politische Bewegung gesehen werden kann: Auf welche Weise stellten sie ihre Arbeit unter das Schlagwort der Nation und welche Aspekte umfassten ihre Tätigkeiten? Welchen Stellenwert hatte dabei die „Nation“ als Antriebskraft, wie wichtig war ihnen eine Ausweitung ihrer Handlungsspielräume? Ein Blick auf die Zeitgenossen schließlich soll deren Motivation für Unterstützung und Kritik beleuchten.

Nation und Krieg im Handeln der Frauenvereine

Nation

Der Gedanke, dass die Frauen im Krieg ihre Männer aktiv unterstützen sollten, ist keine Erfindung der Frauenvereine, sondern lässt sich bereits in der patriotisch-nationalen Lyrik finden. Hier formulierten die vorwiegend männlichen Verfasser Verhaltensweisen, die sie von patriotisch handelnden Frauen verlangten. So dürften sie ihre Söhne, Ehemänner und Verlobte nicht davon abhalten, sich freiwillig für den Krieg zu melden, sondern sollten sie motivieren, wodurch sie als „Heldenmutter“ oder „Kriegerbraut“ gelten würden. Neben der Trauerarbeit bei einem „Heldentod“ des Angehörigen wurden auch materielle Opfer der Frauen als patriotische Tat gewertet. Hierzu zählten das Spenden von Geld sowie von „Putz und Schmuck“.[4] Dies ist eine deutliche Erweiterung der „vaterländischen Frauentugenden und -pflichten“, wie sie von Männern aus dem preußischen Bildungsbürgertum im Luisenkult geprägt worden sind. Darin wurde das Ideal einer deutsch gesinnten Gattin, Hausfrau und Mutter auf die verstorbene Königin Luise projiziert – als „vaterländische Frauentugend“ schlechthin galt ihre Leidens- und Opferfähigkeit. Nach den Kämpfen 1806/07 wurde die Rückkehr der Frauen zu ihrem „wahren, hohen Berufe“ als „Hausmutter“ propagiert.[5] In diesen bürgerlichen Vorstellungen patriotischer Frauen wurde jedoch ausgeblendet, dass die Integration von Frauen in die Kriegsmachinerie an der Front und in der Heimat als notwendig für die „Produktion und Reproduktion der 'Nation in Waffen'“ gelten muss.[6]

Am 23. März 1813 veröffentlichte Prinzessin Marianne von Preußen einen „Aufruf an die Frauen im Preußischen Staate“, der dem königlichen Aufruf „An mein Volk“ – gemeint waren die männlichen Einwohner Preußens – folgte und die Frauen Preußens zur Mithilfe an den antinapoleonischen Kämpfen in einem „Frauenverein“ aufforderte. In mehreren deutschen Ländern kam in der Folgezeit zu Gründungen von Frauenvereinen. Als akzeptierte patriotische Handlungen von Frauen galten nun das Spenden und Sammeln von Geld, die Herstellung von Verbandsmaterial und Kleidung, die Pflege verwundeter Soldaten und die Betreuung der Familien invalider und gefallener Männer.[7] Auch an anderen Orten wurde zur Teilnahme an Frauenvereinen aufgerufen. In Hamm/Westfalen wurde ein Verein „zur Beförderung des Wohl vaterländischer Krieger“ eingerichtet, in dessen Aufruf deutlich wird, in welchem Zwiespalt sich die beteiligten Frauen bewegt haben müssen: Einerseits gehöre es sich nicht für Frauen „unmittelbaren Antheil am blutigen Kampf zu nehmen“, andererseits zeigten sie „wenig Gemeinsinn und Theilnahme [...], wenn sie nur müßige Zuschauerinnen blieben.“ Daher wollten die Frauen dieses Vereins „aus reiner Liebe zu Gott, für den König und das Vaterland [...] das Elend des Krieges mildern.“[8] Ein Aufruf des Kreuznacher Frauenvereins argumentiert ähnlich: „Wir müßten die Ehre nicht zu würdigen wissen, Gattinnen, Mütter oder Schwester der tapferen Krieger zu heißen, wenn wir unthätig Zuschauerinnen bei diesem heiligen Kampfe blieben, während unsere Gatten, Söhne und Brüder dem Vaterlande Heil, Freiheit, Ehre und Ruhm mit ihrem Blute erringen“[9] Deutlich wird hierbei die (Selbst-)Zuschreibung natürlicher Geschlechterrollen, die die Aufgaben der Frauen in Abhängigkeit zu ihren Männern konstruiert. Ein eigenständiger Beitrag zu den Kämpfen oder zur Nation ohne einen Rückbezug auf Männer war offenbar nicht denkbar, vielmehr scheint kein unmittelbarer Bezug zur Nation hergestellt worden zu sein, sondern zu den Männern, die ihrerseits für die Nation agierten.

Mit dem Modell der „Nation als Volksfamilie“ wurde nach Hagemann die Nation „als patriarchalisch-hierarchisch organisierte Familie mit komplementär geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung imaginiert“, in der jedes Mitglied seine standes-, geschlechts- und alterspezifischen Pflichten zu erfüllen hatte.[10] Diese Arbeitsteilung wurde Dirk Alexander Reder zufolge „aber nur auf den ersten Blick problemlos auf den Krieg übertragen.“ Vielmehr gab es Brechungen im Verhältnis der Geschlechter: „angesichts von verletzten, kranken oder invaliden Männern kehrten sich die Machtverhältnisse und Abhängigkeiten zwischen den Geschlechtern zumindest im familiären Alltag partiell um.“[11] Wenn aus individuellen Verwandtschaftsbeziehungen kollektive Fürsorgebeziehungen konstruiert werden, ist außerdem fraglich, ob die Sorge von Frauen für die Nation als ebenso privat gelten konnte wie ihre Tätigkeiten in der Familie.

Neu an den antinapoleonischen Kriegen war, dass sich Frauen massenhaft und organisiert für einen Krieg einsetzten – bei keinem Krieg in der deutschen Geschichte war dies zuvor der Fall gewesen. Reder vermutet, dass das „Zusammentreffen nationaler Mobilisierung und ein Krieg unter besonderen Bedingungen des Jahres 1813 [...] Frauen und ihre patriotische Selbstorganisation“ aktiviert habe.[12] Die Frauenvereine sahen sich Reder zufolge als Teil der nationalen Bewegung zur Befreiung Deutschlands und nationalistische Gedanken und Terminologien wie „Vaterland“, „Patriotismus“ und „Vaterlandsliebe“ waren ein wichtiger Bestandteil ihrer Texte.[13] Das Konzept der Nation erhielt in der praktischen Aneignung auch von Frauen eine größere Allgemeingültigkeit: „Erst indem der Kampf nicht nur Angelegenheit der Männer blieb, sondern auch die Frauen sich engagierten, wurde er wirklich zur Sache der ganzen Nation.“[14] Zuvor wurde die „Nation in Waffen“ als männlich dominierter Raum konstruiert, nun fanden die Frauen einen Platz darin, der ohne die Kopplung an Bürgerrechte und die Wehrpflicht offen stand und notwendig für den Kriegsverlauf war:[15] „Die Frauenvereine beschrieben ihre Arbeit als einen geschlechtsspezifisch-arbeitsteiligen, aber durchaus gleichwertigen Beitrag zur Befreiung zur Nation.“[16] „Nation“, das war für die Frauenvereine somit als „Integrationskonzept“[17] interessant, durch das sie in der Öffentlichkeit agieren konnten.

[...]


[1] Reder 2003, S.100f.

[2] Vgl. Hagemann 2002, S.28ff.

[3] Hagemann 1996, S.572. Zum Zusammenhang zwischen Militär und Geschlechterbilder in der Neuzeit vgl. auch Hagemann, Karen; Pröve, Ralf (Hg.): Landsknechte, Soldatenfrauen und Nationalkrieger. Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel. Frankfurt a.M., New York 1998.

[4] Vgl. Hagemann 2002, S.377-379.

[5] Vgl. Hagemann 2002, S.374.

[6] Vgl. Hagemann 1998, S.36.

[7] Vgl. Hagemann 2002, S.380f.

[8] Zitiert nach: Reder 1998a, S.199.

[9] Landeshauptarchiv Koblenz, 354-461, Amtsblatt für das Saardepartement vom 13.07.1815, zitiert nach Reder 2003, S.99.

[10] Hagemann 1998, S.24.

[11] Reder 1998a, S.213.

[12] Reder 1998a, S.200.

[13] Vgl. Reder 2003, S.117.

[14] Reder 2003, S.117.

[15] Vgl. Reder 2003, S.117

[16] Hagemann 1998, S.24.

[17] Reder 2003, S.102.

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Details

Titel
Patriotische Frauenvereine in den antinapoleonischen Kämpfen 1813-1815
Untertitel
Die Bedeutung von Nation und gesellschaftlicher Emanzipation als Grundlage ihres Handelns
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Nationsbildung in Deutschland vor der Reichsgründung 1750 – 1870
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V173809
ISBN (eBook)
9783640940011
ISBN (Buch)
9783640940172
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nationalismus, patriotismus, aufklärung, fürsorge
Arbeit zitieren
Silvio Schwartz (Autor), 2008, Patriotische Frauenvereine in den antinapoleonischen Kämpfen 1813-1815, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173809

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