Als Thomas seinen Zivildienst an der Heilpädagogischen Sonderschule (HPS) antritt, betritt er eine Welt, die ihm zunächst fremd erscheint. Die HPS ist ein Ort voller Gegensätze: Hier treffen Idealismus und Bürokratie, Lebensfreude und Leid, Hoffnung und Scheitern aufeinander. Lehrkräfte, Therapeutinnen, Eltern und Schüler stellen sich täglich neuen Herausforderungen – und Thomas findet sich mitten in einem Mikrokosmos wieder, der seine Vorstellungen von Normalität grundlegend verändert.
Während er den Kindern näherkommt, Freundschaften schließt und seine erste große Liebe erlebt, beginnt er auch sein eigenes Leben neu zu betrachten. Er ringt mit seiner Herkunft, den Konflikten mit seiner Mutter und der Frage, wer er eigentlich sein möchte.
Mit großer Empathie, feinem Humor und einem unbestechlichen Blick auf gesellschaftliche Realität erzählt dieses Buch von Menschen, die oft übersehen werden – und von einem jungen Mann, der gerade durch sie zu sich selbst findet.
Ein bewegender Roman über Menschlichkeit, Zugehörigkeit und die Kunst, das Leben anzunehmen, wie es ist.
Auszüge aus dem Buch
1. Die Heilpädagogische Sonderschule
Die HPS, also die Heilpädagogische Sonderschule liegt an einem Hügel, etwas ausserhalb der grossen Stadt. Es ist eine staatliche Bildungsinstitution für Kinder und Jugendliche von vier bis achtzehn Jahre. Alle Schüler und Schülerinnen haben eine starke Lernbehinderung oder sind, gemäss der offiziellen Lesart kognitiv beeinträchtigt, also geistig behindert. Dabei weiss niemand so genau, was ‘geistig’ eigentlich bedeutet. Aber der Begriff hält sich in der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit hartnäckig. Von der Wissenschaft, die sich mit diesem Personenkreis beschäftigt, also der Sonderpädagogik, wurden in der Vergangenheit, immer mal wieder Alternativvorschläge gemacht, die sich aber, was die Gesellschaft anbelangt, nie haben durchsetzen können. Da war dann eine Zeitlang von einem kognitiven Anderssein die Rede, oder man sprach von einer intellektuellen Beeinträchtigung. Was verschwunden ist, ist die Begrifflichkeit des Mongoloismus, der durch Down-Syndrom oder Trisomie 21 ersetzt wurde. Dabei denken viele Leute, dass der Begriff ‘Down’ mit einer tiefen gesetzten Intelligenz zu tun habe, was aber überhaupt nicht stimmt, sondern es war der englische Arzt Langdon-Down, der als einer ersten im 19. Jahrhundert, diese Chromosomen-Aberration beschrieb. Die 21 ist auch nicht ganz korrekt, weil es auch Schädigungen bzw. Mehrfach-Schenkel beim 13 oder 17 Chromosom gibt, die ebenfalls als Down-Syndrom bezeichnet werden. Aber weil die 21 am häufigsten auftritt, gilt sie nun eben für alle Formen dieser Behinderung.
Kehren wir zur Institution der HPS zurück.
Es ist eine Tagesschule und die Kinder und Jugendlichen werden mit Sammeltaxis jeden Morgen gebracht und ab 16 Uhr wieder zu ihren Eltern nach Hause gefahren. Einige dieser Kinder leben nicht bei den Eltern, sondern sind in einer sozialpädagogischen Institution untergebracht und leben dort, wenn sie nicht in der Schule sind. Einige werden dann an den Wochenenden zu ihren Bezugspersonen gebracht, andere vielleicht nur alle 14 Tage und andere gar nicht. Die Gründe hierfür sind vielfältiger Natur. Oft sind es traurige Gründe. Das ist nicht ganz korrekt. Es sind im Grunde immer traurige Gründe.
In der Schule, die sechs Klassen hat, arbeiten in etwa 35 Personen für die 42 Kinder und Jugendlichen. Der 1:1-Schlüssel wird somit leicht unter- oder überboten, je nach dem, wie man es sehen will. Die Berufsgruppen, die an dieser Schule Lohn und Brot erhalten, weisen ein breites Spektrum auf. Es gibt die Leitung, also den Schulleiter Marco, dann seine Sekretärin Siglinde sowie eine kaufmännische Lehrtochter Marina. Jede Klasse wird von einer Heilpädagogischen Lehrkraft geführt, dies sind zumeist Frauen und diese werden von zwei Sozialpädagoginnen unterstützt. Dann sind noch drei Lehrlinge, die die Ausbildung zur Fachperson im Behindertenbereich absolvieren und zwei Sozialpädagoginnen in Ausbildung, die eine Höhere Fachschule besuchen an der HPS. Damit diese Auszubildenden ihren Horizont erweitern können, wechseln sie, ja nach Bedürfnislage der Klassen, dieselben immer wieder mal. Hierfür besteht kein fixer Einsatzplan. Die Lernenden haben aber so die Möglichkeit unterschiedliche heilpädagogische und didaktische Stile kennen zu lernen. Einigen Auszubildenden gefällt das nicht immer, denn wenn sie sich einmal in einer Klasse, bei einer Heilpädagogin eingelebt haben, mögen sie diese nicht nach einigen Monaten wieder verlassen. Andere Auszubildende sind aber für diese Wechsel jeweils auch froh. Warum auch immer. Immer wieder werden auch Zivildienstleistende, für einige Monate, eingestellt. Diese werden je nach Bedarf, teilweise von einem Tag auf den anderen, ein- und umgeteilt. Eine Köchin richtet das tägliche Mittagessen von Montag bis Freitag. Eine eigene Abteilung innerhalb der Schule stellen die Therapeutinnen dar. Diese arbeiten natürlich eng mit den Schulischen Heilpädagoginnen zusammen, aber sie sind keine Lehrkräfte und halten sich kaum in den Klassenzimmern auf, sondern haben ihre eigenen Räume. Es sind dies drei Physiotherapeutinnen, zwei Ergotherapeutinnen und zwei Logopädinnen. Diese müssen natürlich über ein spezifisches Wissen bei Menschen, Kindern mit einer geistigen und oft auch körperlichen Behinderung verfügen. Zumeist bringen sie dies bei der Bewerbung nicht oder kaum mit. Das Wissen darum, wie diese Therapien bei diesem Personenkreis anzuwenden sind, wären, wird ihnen in der Ausbildung, in allen drei Ausbildungen nicht oder nur rudimentär vermittelt. Sie müssen es sich durch Kurse oder durch die Praxis selber aneignen. Es ist Aufgabe des Schulleiters, diese Prozesse zu begleiten, neu angefangene Therapeuten zu unterstützen bzw. zu überwachen.
Es ist möglich, dass Schüler und Schülerinnen 14 Jahre an der Schule verbleiben können. Will sagen, dass sie mit 18 Jahren die Schule verlassen müssen, weil sie dann als volljährig gelten. Dies ist per Gesetz so geregelt, obwohl es nicht ganz logisch ist, weil quasi alle Schüler bevormundet sind. Sei es durch ihre Eltern, eine Tante oder durch eine Person des Amtes. In der Regel treten diese jungen Erwachsenen mit einer kognitiven Beeinträchtigung in eine sogenannte geschützte Werkstatt ein. Diese Werkstätten, die nur ca. 10 % ihrer Aufwendungen selber finanzieren müssen, sind ebenfalls, wie die HPS, Teil des sozialen Systems im Staate. Kein Schüler, keine Schülerin, die in der HPS war, ist in der Lage, eine Arbeitsstelle auf dem (sogenannten) freien Arbeitsmarkt zu erfüllen. Dies muss man sich klar und eindeutig vor Augen halten. Stimmen, vor allem aus der politisch linken Ecke, die von Zeit zu Zeit, je nach dem, wenn keine anderen geo-politischen Probleme zu bewirtschaften sind, dies fordern, sind entweder betriebsblind und/oder kennen die kognitiven Kompetenzen dieser Menschen nicht.
Einige Jugendliche dieser HPS leben nach ihrem 18. Altersjahr noch eine Zeit lang bei ihren Eltern und ziehen, früher oder später, in ein Wohnheim oder in eine betreute Wohngruppe oder in eine Wohnung, in der sie dann, mehr oder weniger, alleine leben und nur ab und an betreut werden. Es hängt schlicht und einfach von der Kompetenz der betreffenden Person ab, wie autonom sich diese ihr Leben zu gestalten in der Lage ist. Es sind auch Fälle bekannt geworden, wo der Wunsch der behinderten Person, es alleine in einer Wohnung versuchen zu wollen, unbändig war und diese dann nach einiger Zeit, wenn auch sehr traurig, feststellen musste, dass sie durch die Komplexität des Alltags nun eben doch überfordert waren und man eine Begleitung eingerichtet hat. Es ist auch ein Fall bekannt geworden, wo ein junger Mann, der es ebenfalls alleine versuchen wollte und auf monatlich abgemachte Besuche jeweils äusserst ungehalten reagiert hatte, nach einem Jahr dann selber den Wunsch äusserte in ein Wohnheim eintreten zu wollen. Beides, sowohl das Alleine-leben-Wollen wie nun das Gegenteil, in einem Wohnheim zu sein, wurde von den Fachkräften als jeweils übertrieben angesehen. Möglich, dass er nach einiger Zeit dann vielleicht doch der Mittelweg einer betreuten Wohngruppe von ihm anvisiert werden würde. Zum jetzigen Zeitpunkt weiss man es eben nicht. Ein Fall, der es bis in die Zeitungen geschafft hatte, war der einer kognitiv beeinträchtigten Frau. Diese hatte ebenfalls den Wunsch alleine leben zu wollen. Nach einigen Monaten ging dann aber doch das Gerücht herum, dass hierbei nicht alles in Ordnung war. Die Frau hatte sich nämlich dem Fan-Club eines Eishockey-Clubs angeschlossen und wurde auch immer wieder zu allen Spielen mitgenommen begleitet. Erst durch Zufall erfuhr man dann, es war eine Sozialpädagogin, die ebenfalls in diesem Fan-Club Mitglied war, dass die betreffende Frau von den Männern des Fan-Clubs regelmässig-unregelmässig aber dauernd sexuell missbraucht worden war. Um dazu zu gehören, hatte sich die behinderte Frau dem Missbrauch hingegeben. Dieser Vorfall gab an der HPS längere Zeit Gesprächsstoff.
Die Ziele der Heilpädagogischen Schule sind klar, schriftlich niedergelegt und Eltern erhalten jeweils, wenn sie sich um einen Schulplatz für ihr behindertes Kind interessieren, postalisch oder per mail ein Exemplar. Es geht um die Förderung der Kinder und Jugendlichen, gemäss ihren individuellen Möglichkeiten. Diese sind extrem unterschiedlich. Es sind Kinder an dieser Schule, die schwerst- geistig und mehrfach behindert sind. Sie sind zumeist im Rollstuhl, verfügen über keine Sprech-Sprache und sind auch nicht in der Lage, Blickkontakt zu ihren umgebenden Personen aufzunehmen. Auf der anderen Seite, wenn man so will, gibt es Kinder, die über Sprache verfügen, dauernd herumrennen, kaum für einige Minuten stillsitzen, denen man aber Aufgaben zuweisen kann. Sie sind auch in der Lage, nach einigem Training, alleine die Toilette aufzusuchen bzw. mit mehr oder weniger Unterstützung selbständig zu essen. Zwischen diesen, hier plakativ dargestellten Extremen, gibt es dann die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen. Wir sprechen deshalb von einer extrem heterogenen Schülerpopulation. Diese hier angesprochene Heterogenität wird aber in der Praxis vielfach immer wieder durchbrochen, weil ein Kind in einem Bereich schwach und in einem anderen Bereich erstaunlicherweise sehr stark ist. Bei einem anderen Kind, das, wenn es mit einem, wie es heute von den Bildungsdirektionen gefordert wird, Kompetenz-Fragebogen eingestuft, bewertet werden sollen, genau in umgekehrter Art und Weise eingestuft wird. Will sagen, dort wo das erste Kind schwach ist, ist das zweite stark und umgekehrt. Der Bericht weist am Ende die gleiche Punktzahl aus, was natürlich der alltäglichen heilpädagogischen Arbeit in keiner Art und Weise gerecht wird. Mit Fug und Recht darf gesagt werden, dass in der Heilpädagogischen «Szene» diese im Grunde dilettantische Annahme, dass man in der Heilpädagogik mit Pseudo-Pisa-artigen Vergleichen nirgends hinkommt und dem behinderten Kind keinen Dienst, im Sinne dieses Wortes, erweist. Heilpädagoginnen füllen diese Blätter, elektronisch natürlich, aus, aus dem einzigen Grund, weil sie es tun müssen. Also tut man es eben, contre-coeur, was soll’s. Heilpädagogische Förderung, soviel sei zum jetzigen Zeitpunkt bereits gesagt, lässt sich mit der Förderung einer Sprachkompetenz, z. B. in Französisch oder den Fortschritten in Mathematik (hat die Grundregeln der Algebra verstanden und kann Klammern auflösen) vergleichen. Jedes Kind mit einer Behinderung, wie wir sie an dieser Schule finden, muss immer individualisiert, individuell betrachtet und bewertet werden. Dass eine Bewertung stattfindet, d.h., dass man interessiert ist, ob das Kind in den betreffenden Feldern Fortschritte gemacht hat, ist unwidersprochen. Aber es geht um eine individuell ausgerichtete Förder-Diagnostik und nicht darum, Daten für eine Statistik zu sammeln, bei der man das Leseverständnis norwegischer Schüler und Schülerinnen mit demjenigen von Frankreich vergleichen kann. Auch Ansätze in einem kleineren Rahmen, die dieser Denkrichtung, einer Verallgemeinerung sich verpflichtet fühlen, zielen ins Sinnlose und sind zum Scheitern verurteilt. Das so tun ‘als-ob’, wie es an vielen Heilpädagogischen Schulen zu beobachten ist, hat mehr mit einem Druck von-oben zu tun, als dass er heilpädagogischem Denken (z. B. der Leitfiguren Moor, Kobi etc.) gerecht zu werden vermag.
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24. Bernd
Bernd ist ein kleiner Junge mit einem Down-Syndrom und ist viereinhalb Jahre alt. Er isst im Grunde nichts, oder kaum etwas. So ist er, was sowohl seine Behinderung anbelangt wie auch für sein Alter zu klein. Es hatten sich auch schon im Blutbild, laut Frau Arnold, einige Auffälligkeiten gezeigt. Die Lage wurde langsam lebensbedrohlich. Die Schulärztin hatte anlässlich ihres regelmässigen Schulbesuches im Vorfeld gemeint, dass sie bei ihrem nächsten Besuch auch die Eltern oder die Mutter wenigstens gerne dabeihätte. Dem wurde entsprochen und so waren die Eltern anwesend. Frau Arnold erläuterte eingangs die Sachlage. Neben den Eltern war auch Marco und die Ergotherapeutin Sophie anwesend.
Mutter: «Er isst eben nichts anderes als ab und zu ein kleines Häppchen. Wenn ich ihm mehr geben möchte, verweigert er das, schreit rum oder schmeisst das Essen sogar auf den Boden. Ich weiss nicht, was ich da noch tun soll. Wir sind verzweifelt.»
Marco: «Das ist verständlich und eine sehr schwierige Situation. Haben sie denn, Frau Arnold, eine Idee, warum das so ist, sein könnte?»
Dr. Arnold: «Nein, habe ich nicht. Ich habe aber schon von solchen Fällen gehört. Sie sind selten, kommen aber vor und niemand weiss, woran es liegt. Gibt es nicht eben selten in der Medizin. Aber wir lassen den Kopf nicht hängen. Ich habe zwei andere Ideen. Bernd war ja auch schon zur Abklärung im Kinderspital und auch da sind die Kollegen nicht weitergekommen. Er hat kaum gegessen und wenn er sollte, lauthals protestiert.»
Vater: «Dann lassen sie mal von ihren Ideen hören.»
Dr. Arnold: «Gerne. Die eine Idee ist die, dass man ihm eine Sonde legt, eine PEG-Sonde. Da wird ihm dann die flüssige Nahrung über eine Spritze direkt in den Magen eingeflösst. Das ist ja heute eine einfache Sache und wird hier an der Schule bei einigen anderen Kindern professionell gehandhabt.» Sie schaute zu Marco.
Marco nickte: «Wir haben sechs Kinder, die täglich mit dieser Sonde ernährt werden und die Eltern machen es auch zu Hause. Das funktioniert prima.»
Mutter: «Nein, das will ich nicht. Ist ja schrecklich.» Sie schaut ihren Mann an, der aber nur zur Ärztin sieht.
Vater: «Die zweite Idee, bitte.»
Dr. Arnold: «Ich habe letzthin in einem Fachblatt davon gelesen, dass es in Deutschland einen Therapeuten gibt, der sich auf solche Fälle spezialisiert hat. Es ist also gar nicht so aussergewöhnlich, dass Kinder mit einer kognitiven Beeinträchtigung nicht oder zu wenig essen.»
Vater: «Sie können ruhig ‘geistig behindert’ sagen. Über diese Phase sind wir schon hinaus.»
Marco: «Gut. Danke. Also wir könnten ja diesen Therapeuten mal an unsere Schule kommen lassen. Ich kann das dann gleich als Weiterbildung deklarieren und abrechnen und der sagt uns dann was wir zu tun haben. Was hätten wir denn zu tun, Frau Doktor.»
Dr. Arnold: «Nicht viel. Bernd müsste am Tisch sitzen und bekommt ein Joghurt vorgesetzt. Es ist doch richtig, dass er davon ab und zu mal etwas isst.»
Mutter nickt. Der Vater fragt: «Und was passiert dann?»
«Also, er sitzt da und eine erwachsene Person aus dem Team, sitzt vis-a-vis und fordert ihn immer wieder, sehr freundlich, ich betone, ausserordentlich freundlich, auffordert doch zu essen. Er tut es natürlich nicht. Die beiden sitzen dort von morgens, wenn er in die Schule kommt bis zum Feierabend, wenn er wieder nach Hause geht. Zu Hause und das ist jetzt auch wichtig, wird mit ihm nicht über Essen gesprochen. Sollte er essen wollen, dann kriegt er natürlich, was er will. Er isst dann so viel, wie er möchte. Am anderen Tag kommt er wieder in das spezielle Zimmer, es sollte wieder die gleiche Person sein, die im vis-a-vis sitzt und ihn zum Essen auffordert.»
Mutter: «Das ist auch schrecklich.»
Vater: «Ja wie man es nimmt, mich überzeugt das und es ist auch klar, dass wir so etwas nicht leisten können. Wir wären der Schule wirklich sehr dankbar, wenn sie so ein Setting durchführen würden. Könnten Sie das denn?»
Marco: «Natürlich können wir das. Ich habe auch schon eine Idee, wer das tun könnte. Aber noch einmal: Diese Person sitzt einfach die ganze Zeit vis-a-vis und wartet ab und muss sehen, dass sich Bernd nicht entfernt und vielleicht dann doch noch zum Löffel greift. Welche Zeiträume kennen sie da, Frau Arnold.»
Dr. Arnold: «In dem Bericht stand, das Längste was ein geistig behindertes Mädchen durchgehalten hat, waren drei Tage. Sie isst heute problemlos, normal. Die Sperre wurde durchbrochen.»
Vater: «Wen haben sie denn im Auge gehabt, Chef?»
Marco: «Ich denke, dass Thomas dafür sehr geeignet wäre. Das ist unser Zivildienstleistender, ein sehr guter Zivi, im Übrigen, ruhig, ausgeglichen und äusserst zuverlässig. Ich kann ja auch nicht den ganzen Betrieb oder die Klasse, was das Betreuungspersonal anbelangt, für eine unbestimmte Zeit dezimieren.»
Vater: «Habe vollstes Verständnis. Dann versuchen wir diese Methode mal und sehen, ob Bernd mal klein beigibt und reinhaut, wie ein Scheunendrescher.»
Dr. Arnold: «So weit wird es vermutlich nicht kommen. Aber auch ich meine, wir sollten es versuchen, bevor wir dann zu weiteren lebenserhaltenden Massnahmen greifen, greifen müssen. Sind sie auch damit einverstanden?» Sie wendet sich an die Mutter. Diese nickt, wischt sich eine Träne weg.
Marco: «Dann werde ich Thomas einweisen und briefen, instruieren, damit diese Geschichte zum Klappen kommt. Ich bin da optimistisch.»
Sophie: «Ich glaube auch, dass das funktionieren könnte». Sagt sie, direkt an die Mutter gerichtet, diese nickt. Die Gruppe löst sich auf.
Marco holt sich dann Thomas zu sich ins Büro und klärt ihn über das Gespräch und seine wichtige Aufgabe auf.
Thomas: «Ich muss wirklich nichts tun. Ihm helfen oder so.»
«Nein, eben gerade gar nicht. Er kann ja mit dem Löffel selbständig essen. Das ist ja nicht die Frage. Er muss ihn nur in die Hand nehmen WOLLEN. Das ist das Thema.»
«So im Sinne, der Hunger treibts rein.»
«Du hast es erfasst. Du beginnst morgen mit dem Bernd und dann sehen wir, wie lange er durchhält und ob der den Rekord bricht von diesem Mädchen aus Deutschland, die ja drei Tage gewartet hat und dann hat sie gegessen und sie isst heute noch.»
«Na ja, Rekorde sind Bernd vermutlich völlig egal. Aber ich bin froh, wenn ich da meinen Beitrag leisten kann.»
«Davon bin ich überzeugt, ansonsten hätte ich dich nicht vorgeschlagen. Aber du darfst auch nicht lesen oder ständig aufs Handy schauen. Deine Aufmerksamkeit gilt Bernd. Du bist für ihn da, das muss ihm ständig klar sein, aber du tust einfach nichts Aktives und forderst ihn auch nicht auf zu essen. Denn damit würden sofort wieder seine Abwehrimpulse aktiviert und das darf nicht sein. Es geht um eine aktive Passivität, die aber zielgerichtet sein muss.»
«Verstehe.»
«Erstaunlich», meinte Marco nur. «Ich habe es nämlich nicht so ganz verstanden. Vielleicht bin ich auch schon zu alt dafür.»
Am anderen Morgen ging es los. Die Kinder kamen, Bernd wollte, nachdem er sich an der Garderobe vor seinem Klassenzimmer die Jacke aufgehangen, seine Hausschuhe angezogen hatte, in den Klassenraum gehen. Aber Paul zeigte ihm mittels Gesten ein ‘Nein’ und sagte auch betont: «Nein.» Er führte ihn dann in eine Ecke des Esssaals, wo bereits Thomas sass. Bernd schaute erstaunt, setzte sich aber problemlos vis-a-vis von Thomas und machte ein erwartungsvolles Gesicht. Thomas sagte: «Guten Morgen, Bernd. Du kannst das essen, das Joghurt ist für dich.»
Bernd schob das Joghurt auf Thomasens Tischhälfte rüber.
Danach passierte nichts mehr. Der Betrieb an der Schule nahm seinen Lauf, nach dem Morgenkreis, an dem jeweils alle Schüler teilnahmen, ging es mit Gerenne und Geschrei, von den Kindern, die dazu in der Lage waren, in die Klassenzimmer oder Therapieräume und das Tageswerk nahm seinen gewohnten Lauf. Am Frühabend fuhren alle wieder mit den Sammeltaxis, die Angestellten eher mit dem ÖV, nach Hause oder wohin auch immer.
Am nächsten Tag spielte sich wieder die gleiche Szenerie ab, Bernd schaute schon weniger erstaunt, dass er nicht zum Morgenkreis durfte und so sass er auch da und wieder verging ein ganzer Tag. Dann brach der dritte Tag an und es war eine gewisse Spannung an der ganzen Schule spürbar. Wie lange hält dieser kleine Knirps seine Essverweigerung, die, so vermutet man, ja nicht eine willentliche Entscheidung ist, durch. Thomas erhielt von Nevenka, der Schulköchin, jeweils ein Sandwich, das Thomas, ohne hierzu eine Bemerkung zu machen, ass. Bernd schaute jeweils interessiert zu. Thomas schwieg eisern. Aber dann, gegen Mittag des dritten Tages, griff Bernd zu dem Löffel, holte sich das Joghurt heran und löffelte dieses bis zum letzten Rest aus. Thomas lachte lauthals und lobte Bernd: «Hey, super, spitze, du isst ja selbständig, einfach Klasse.»
Das hatte man natürlich auch auf dem Flur gehört und einige Erwachsene liefen in den Esssaal und jubelten.
Marco rief die Mutter an und teilte ihr das Ereignis mit. Sie weinte und schluchzte.
Bernd wurde kein Vielfrass. Aber seine Blutwerte stabilisierten sich und er ass nun regelmässig in der Schule, wie auch zu Hause. Der Vater rief ca. zwei Wochen später Marco an und bedankte sich in allen Tönen, für diese exzellente Arbeit. Marco meinte nur: «Dafür sind wir da. Aber, Danke für die Rückmeldung.»
An der nächsten Sitzung wurde von Marco die besondere Leistung von Thomas gewürdigt. Befriedigt ging Thomas an diesem Tag nach Hause.
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- Riccardo Bonfranchi (Author), 2026, HPS - Turbulenzen an einer Heilpädagogischen Sonderschule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1738464