Diese Arbeit stellt einen Versuch dar, sich dem komplexen Thema des Verhältnisses zwischen Missionsarbeit, Rassentheorie und Geschlechterbeziehungen anhand der Analyse einiger konkreter Fallbeispiele anzunähern. Dabei wird – nach einem allgemeinen Teil über Rahmenbedingungen der Missionsarbeit – zunächst die theoretische Position dreier Personen aus dem deutschsprachigen Raum untersucht, die im Missionsbereich tätig waren oder ihm nahe standen. Mit einem weiteren Abschnitt ist ein Blick auf die Missionspraxis beabsichtigt, wie sie sich in den Berichten deutschsprachiger Missionsschwestern aus drei verschiedenen Orden widerspiegelt. Bei den Fallbeispielen sowohl aus dem theoretischen wie aus dem praktischen Bereich liegt das Schwergewicht auf dem österreichischen Kon-text.
Weitgehend unbestritten ist, dass enge Zusammenhänge zwischen Missionsarbeit und Kolonialismus existierten und die Missionierung häufig eine verhängnisvolle Rolle spielte, indem sie den Kolonialismus unterstützte. Allerdings dürften die Zusammenhänge weit komplexer sein, als es in einer kurzen Arbeit darzustellen möglich ist.
Die Berichte der Missionsschwestern enthalten eindeutig rassistische Elemente, indem sie je nach Situation deren Bild von der einheimischen Bevölkerung als „Wilde“, „Kinder“ oder „Heiden“ widerspiegeln. Andererseits wird in ihnen auch Hochachtung vor bestimmten (tatsächlichen oder vermeintlichen) guten Eigenschaften dieser Bevölkerung sichtbar wie etwa Freigiebigkeit oder Gastfreundschaft. Die Schwestern beurteilten jedoch die Fremden ausschließlich nach ihren eigenen Kriterien, die sie von Europa mitgebracht hatten. Nach diesen Kriterien wollten sie auch die fremden Völker „erziehen“ und nahmen ihnen dabei oft Unersetzliches. Die Unterdrückung der Frau, die innerhalb der weißen Gesellschaft und insbesondere in der katholischen Kirche verschwiegen und verdrängt wurde, wurde bei den anderen Völkern kritisiert, um stärker als „Heilsbringer“ auftreten zu können.
Eines der Resultate, das sich bei dieser Arbeit gezeigt hat, ist die enge Verknüpfung des Geschehens im Missionsgebiet selbst und in der Heimat der Missionare. Wenn Mission als Beziehungsphänomen zu verstehen ist, wie Faschingeder vorschlägt, mit dem Europa versuchte, sein Verhältnis zum Fremden zu organisieren, dann ist dieser Versuch wohl in erster Linie an seiner Einseitigkeit und der fehlenden Symmetrie in der Beziehung gescheitert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rahmenbedingungen der Missionsarbeit und Verhältnis zur Kolonialmacht
3. Theoretische Positionen
3.1 Wilhelm Schmidt (1868 – 1954)
3.2 Viktor Lebzelter (1889 – 1936)
3.3 Sixta (Maria) Kasbauer (1888 – 1973)
4. Die einheimische Bevölkerung in den Berichten deutscher und österreichischer Missionsschwestern
4.1 Berichte deutscher Franziskanerinnen aus South Dakota 1886 – 1900
4.2 Berichte deutschsprachiger Steyler Missionsschwestern in der Zeitschrift „Missionsgrüße“ 1923 – 1939
4.3 Berichte österreichischer Missionsschwestern der Kongregation „Königin der Apostel“ aus Indien 1927 - 1939
4.3.1 Exkurs: Zur Entstehungsgeschichte der Kongregation
4.3.2 Die Berichte
5. Resümee
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Wechselwirkung zwischen christlicher Missionsarbeit, zeitgenössischen Rassentheorien und Geschlechterbeziehungen im 20. Jahrhundert. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse, wie Missionsschwestern in ihren Berichten die einheimische Bevölkerung wahrnahmen und inwieweit diese Perspektiven durch kolonialistische Ideologien und religiöse Sendungsbewusstsein geprägt waren.
- Verhältnis von Missionsarbeit und Kolonialismus
- Einfluss von Rassentheorien und Eugenik auf das Missionsverständnis
- Rolle der Geschlechterrollen und der Frauen innerhalb der Mission
- Wahrnehmung der „Fremden“ und der einheimischen Bevölkerung
- Historische Analyse österreichischer Missionskontexte und -berichte
Auszug aus dem Buch
Die einheimische Bevölkerung in den Berichten deutscher und österreichischer Missionsschwestern
Es ist mir im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, eine ausführliche Analyse schriftlicher Berichte aus den Missionen vorzunehmen. Trotzdem möchte ich die Darstellung einiger theoretischer Positionen in der Missionsarbeit durch Berichte ergänzen, die von Missionärinnen „vor Ort“ geschrieben wurden. Vor allem geht es dabei um die Art und Weise, wie in diesen Berichten über die einheimische Bevölkerung gesprochen wird. Einer der Hauptgründe dafür, dass ich die Berichte von Frauen ausgewählt habe, liegt darin, dass die Beiträge der Schwestern in den Missionszeitungen eher Erlebnisberichte enthalten, während sich die Männer häufig mit theoretischen Problemen befassen.
Betont muss werden, dass die drei gewählten Beispiele nicht mit einander verglichen werden können, da einerseits die Zeitperioden und die Situationen, in denen sie niedergeschrieben wurden, unterschiedlich sind, es sich andererseits aber auch um verschiedene Literaturgattungen handelt – im ersten Fall um Chroniken und Berichte für den internen Gebrauch, in den beiden anderen Fällen um Beiträge in Zeitschriften, die für ein breiteres Publikum bestimmt waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung steckt das komplexe Forschungsfeld ab und thematisiert die Schwierigkeit, Missionsarbeit, Rassentheorien und Geschlechterbeziehungen in einen gemeinsamen Analyserahmen zu stellen.
2. Rahmenbedingungen der Missionsarbeit und Verhältnis zur Kolonialmacht: Dieses Kapitel beleuchtet die historischen Phasen des Kolonialismus und zeigt auf, wie Missionare und Kolonialmächte wechselseitig voneinander profitierten, oft zum Nachteil der indigenen Bevölkerung.
3. Theoretische Positionen: Hier werden die Ansätze von Wilhelm Schmidt, Viktor Lebzelter und Sixta Kasbauer untersucht, um den theoretischen Hintergrund der untersuchten Missionspraxis zu erhellen.
4. Die einheimische Bevölkerung in den Berichten deutscher und österreichischer Missionsschwestern: Dieser Hauptteil analysiert konkrete Berichte von Missionsschwestern aus verschiedenen Regionen und zeigt die oft rassistisch geprägten Wahrnehmungsmuster der Ordensfrauen auf.
5. Resümee: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, Mission als ein hochkomplexes, oft widersprüchliches Beziehungsphänomen zwischen Europa und dem Fremden zu verstehen.
Schlüsselwörter
Mission, Kolonialismus, Rassentheorie, Geschlechterbeziehungen, Missionsschwestern, Anthropologie, Eugenik, Kulturkreislehre, Indigene Bevölkerung, Österreich, Christentum, Nordamerika, Indien, Missionsgeschichte, Religionsethnologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Zusammenspiel von christlicher Missionierung, rassentheoretischen Vorstellungen und geschlechtsspezifischen Rollenbildern im 20. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die zentralen Felder sind die Verbindung von Kolonialismus und Mission, die Rolle der Anthropologie in dieser Zeit sowie die spezifische Perspektive weiblicher Missionare auf die Bevölkerung in den Missionsgebieten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die ideologischen Hintergründe der Missionsarbeit zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie Missionare und Missionsschwestern ihr Gegenüber wahrgenommen und beurteilt haben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche und historische Analyse, die sowohl theoretische Schriften als auch primäre Erlebnisberichte aus Missionszeitschriften und Chroniken auswertet.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert die Berichte von Missionsschwestern aus verschiedenen Regionen wie South Dakota, Paraguay und Indien und vergleicht diese mit den theoretischen Ansätzen zeitgenössischer Ethnologen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe umfassen Missionsgeschichte, Kolonialismus, Rassentheorie, Ethnologie, Geschlechterbeziehungen und das Verhältnis von Mission und Moderne.
Welche Rolle spielten die österreichischen Akteure in diesem Kontext?
Die Arbeit beleuchtet spezifisch den österreichischen Kontext, etwa den Einfluss des Wiener „Anthropos-Instituts“ und die Rolle der Kongregation „Königin der Apostel“ in Indien.
Wie unterscheidet sich die Perspektive der Missionsschwestern von der der männlichen Missionare?
Die Arbeit zeigt auf, dass Missionsschwestern in ihren Texten vermehrt Erlebnisberichte und alltagsnahe Beschreibungen lieferten, während männliche Missionare sich häufig stärker auf theoretische und systemische Probleme fokussierten.
Was lässt sich über die Einstellung zu Frauen innerhalb der Missionsarbeit sagen?
Die Arbeit verdeutlicht die Ambivalenz: Während Ordensschwestern ihre eigenen Aufgaben durch eine bürgerliche Frauenbewegung beeinflusst sahen, blieb die strukturelle Diskriminierung der Frau in der katholischen Kirche ein tabuisiertes oder ausgeblendetes Thema.
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- Ilsemarie Walter (Author), 2003, Missionsarbeit, Rassentheorie und Geschlechterbeziehungen; Eine Annäherung an das Thema, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17386