Die soziale Plastik - Kunst und Gesellschaft bei Joseph Beuys


Seminararbeit, 2001
19 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

1. THEMA UND ABGRENZUNG

Die Frage nach der Bedeutung der Kunst für eine Gesellschaft findet schon seit längerer Zeit nicht mehr nur in Künstlerkreisen, sondern auch in der So-ziologie und anderen Wissenschaften größere Beachtung. In diesem Kontext entstanden einige Theorien, die den Zusammenhang von Kunst und Gesell-schaft zu erfassen versuchen, bzw. widerlegen möchten.

Eine besonders interessante Theorie innerhalb dieses Themenkomplexes ist die des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys. Er betrachtet das Ver-hältnis zwischen Gesellschaft und Kunst aus anthropologischer Sicht, aus-gehend von der Annahme, daß der ganzheitliche Mensch in der Moderne verlorengegangen sei.

Gerade in unserer heutigen, von der Wissenschaft völlig vereinnahmten, technisierten Gesellschaft scheine die Bedeutung der Kunst, laut Beuys, nur noch auf einige periphere Lebensbereiche reduziert zu sein. Die so organi-sierte Welt jedoch weise gleichzeitig immer mehr unübersehbare Schwä-chen auf. Das Individuum trete immer häufiger zugunsten materieller u.ä. Interessen in den Hintergrund. Da nicht nur das gesellschaftliche Zusam-menleben unter diesem, durch wissenschaftlichen Fortschritt verursachten Zustand leide, sondern dieses System auch unter ökologischen Gesichts-punkten über kurz oder lang zum totalen Zusammenbruch führe, ist, laut Beuys, eine Besinnung auf die künstlerischen Wesenszüge des Menschen unerläßlich. Ein allein auf wissenschaftlichen Grundlagen basierendes Ge-sellschaftssystem reicht seiner Meinung nach nicht aus, um ein ideales Zu-sammenleben innerhalb einer Gesellschaft zu ermöglichen. Bei Joseph Beuys steht das gesellschaftspolitische Engagement in engem Zusammen-hang mit der Kunst, denn „die Kunst ist die einzige evolutionäre Kraft. Das heißt, nur aus der Kreativität des Menschen heraus können sich die Verhält-nisse ändern.“[1]

Diese Überlegungen Beuys näher auszuformulieren und in die komplexen Theorien dieses vielbeachteten und oft mißverstandenen Künstlers weiter

einzudringen, soll ein Ziel der hier vorliegenden Arbeit sein. Dazu möchte ich zunächst auf einige allgemeine, soziologische und historische Ansätze zu dieser Thematik eingehen, damit der gedankliche Hintergrund ver-ständlicher wird. Nach eingehender Behandlung des Beuysschen Kunst- und Gesellschaftsbegriffs werde ich abschließend etwas näher auf die soziologi-schen Aspekte dieser Theorien eingehen.

Eine relative Vereinfachung dieses vielschichtigen und facettenreichen The-mas kann im Rahmen dieser Hausarbeit leider nicht vermieden werden. Aus diesem Grund sollen die wichtigsten Aspekte, die auch die Stützpfeiler des erweiterten Kunstbegriffs darstellen, hier besondere Beachtung finden.

2. KUNST UND GESELLSCHAFT

Beuys betonte sowohl in seiner künstlerischen als auch in seiner gesell-schaftspolitischen Arbeit stets die historischen und soziologischen Zusam-menhänge, auf denen seine Theorien aufbauen. Eine knappe Zusammenfas-sung dieser Hintergründe ist für das allgemeine Verständnis der Beuysschen Gedankenkomplexe folglich unumgänglich.

2.1. Eine historische Betrachtung

Der ursprüngliche Kunstbegriff basierte noch auf einem engen Zusammen-hang zwischen Kunst- und Gebrauchsfunktion. Kunst hatte im Rahmen kul-tischer Handlungen immer auch einen religiösen oder schmückenden As-pekt. Sie war in das Alltagsleben der Menschen integriert. Erst allmählich löste sich die Kunst von dieser Betrachtungsweise: Immanuel Kant z.B. ging bei der Kunstbetrachtung schon von einem „interesselosen Wohlgefal-len“ aus. Ende des 18. Jahrhunderts schließlich vollzog sich die Unterschei-dung von Kunst und Handwerk, bzw. Kunst und Wissenschaft. Mit diesen historischen und sozialen Voraussetzungen einhergehend, wandelte sich auch die Vorstellung davon, welche spezifischen Fähigkeiten des Menschen zur Kunstproduktion notwendig seien. Kant z.B. betrachtete ästhetisches Vermögen, also eine Verstandesleistung, als Voraussetzung für den Schöpf-ungsakt, während im 18. Jahrhundert ein auf Intuition basierender Genie-begriff vorherrschte, demzufolge sich dem Künstler die Form des zu Schaf-fenden in einem Moment göttlicher Inspiration offenbart (Sturm und Drang)[2].

[...]


[1] Beuys, Joseph zitiert in: Harlan / Rappmann / Schata: „Soziale Plastik. Materialien zu

Joseph Beuys.“, S. 32. Künftig zitiert als „SP“.

[2] Meine Ausführungen basieren hauptsächlich auf den Darstellungen von HAUSKELLER, Michael: „Was ist Kunst? Positionen der Ästhetik von Platon bis Dante“.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die soziale Plastik - Kunst und Gesellschaft bei Joseph Beuys
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Soziologie)
Note
1,5
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V17388
ISBN (eBook)
9783638219754
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Plastik, Kunst, Gesellschaft, Joseph, Beuys
Arbeit zitieren
Birgit Michels (Autor), 2001, Die soziale Plastik - Kunst und Gesellschaft bei Joseph Beuys, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17388

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