"Heiner Müller: Germania 3" - Geschichtsphilosophische Betrachtungen: "Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind", Suche nach einem Sozialismus mit "menschlichem Antlitz"?


Seminararbeit, 2001

36 Seiten

Anja Meisner (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 VORAB
2.1 Hintergrund und Entstehung von .Germania 3‘
2.2 „MÜLLERHALDE“ UND „SCHALES, HILFLOSES ENDE“ - DIE REZEPTION

3 STRUKTURELLE ANALYSE

4 ANALYSE UNTER GESCHICHTSPHILOSOPHISCHEN GESICHTSPUNKTEN
4.1 Walter Benjamin: Der Engel der Geschichte
4.2 Zum Geschichtsbegriff bei Heiner Müller
4.2.1 Was bleibt nach dem Ende des Sozialismus?
4.3 Der Blick auf die Vergangenheit mit .Germania 3‘
4.3.1 Der erste ÄUßERE Rahmen: T itel und ,Vampir‘
4.3.2 Der zweite ÄUßERE Rahmen: Die erste und die neunte Szene
4.3.3 Stalin und Stalinismus
4.3.4 Hitler und sein Deutschland
4.3.5 Die DDR als fehlgeschlagene Hoffnung
4.3.6 Das .Neue Deutschland’ als neue Hoffnung?

5 ZUSAMMENFASSUNG: „ES IST EIN IRRTUM, DAß DIE TOTEN TOT SIND“

6 LITERATUR UND MATERIALIEN
6.1 Primärliteratur
6.1.1 Interviews
6.2 SEKUNDÄRLITERATUR
6.1 Sammelbände
6.2 Presse (Zeitungen)

1 Einleitung

Die Komplexität des letzten Müller-Stücks .Germania 3 Gespenster am Toten Mann“ (im Folgenden .Germania 3‘) stellt für eine Hausarbeit eine große Heraus­forderung dar. Die Darstellung eines großen Teils der Deutschen Geschichte gleich Müller in .Germania 3‘ kann nicht an dieser Stelle geschehen. Genauso­wenig kann eine Analyse aller intertextuellen Elemente erfolgen. Doch was hier geschehen soll, ist eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Geschichte in .Germania 3‘ dargestellt ist und wie Müller Geschichte am Ende seines Lebens verstand. Das geschieht unter der Überschrift: „Es ist ein Irrtum das die Toten tot sind“, .Germania 3‘ als die Suche nach einem Sozialismus mit menschlichem Ant­litz?

Endgültig kann diese Frage sicher nur in der Zusammenfassung beantwortet werden, doch die einzelnen Kapitel bereiten den Weg und begründen das, was am Ende auf wenigen Seiten komprimiert dargestellt ist. Und dieser Weg, da er ein so schwieriger und so geladen von Inhalt ist, soll schlicht beginnen, mit dem Kapitel ,Vorab‘, in dem Hintergründe und Entstehung von .Germania 3‘ dargestellt werden genauso wie die Rezeption des Stücks. Die .Strukturelle Analyse“, Kapitel 3, wird .Germania 3‘ als ein ausgeklügeltes Netz von Szenen zeigen und befaßt sich, weitgehend ohne Sekundärliteratur, mit der detaillierten Beschreibung des Dramas. Die Struktur des Stücks, so wie sie im dritten Kapitel dieser Arbeit dar­gestellt wird, ist auch in Schemen faßbar. Diese sind als Anhang im Kapitel 7 untergebracht und erleichtern hoffentlich das Verständnis.

Die .Strukturelle Analyse“ bildet die Grundlage für die weiteren geschichtsphilo­sophischen Betrachtungen. Da mir Walter Benjamin, als Oberthema des Semi­nars, eher bekannt war, als Stücke von Heiner Müller, erfolgte meine Betrachtung immer aus dieser Ausgangsposition. Deshalb wird Kapitel 4.1 einen Überblick über das Verständnis von Geschichte bei Benjamin liefern, der dieses in das Bild vom Engel der Geschichte packte. Gleichzeitig beeinflußten die geschichtsphilo­sophischen Betrachtungen Benjamins Müller, wie man später erkennen wird. Da für das weitere Verständnis eine Darstellung des Geschichtsbegriffs bei Müller nicht fehlen darf, folgt darauf auch die Frage nach dem, was nach dem Sozialis­mus bleibt, denn beides ist bei Müller eng verknüpft.

Leider kann an dieser Stelle ein Vergleich von .Germania 3‘ mit anderen Stücken Müllers, die sich mit Themen gleich denen in .Germania 3‘ beschäftigt haben, nicht erfolgen. Mir ist durchaus die Verbindung zwischen diesen Stücken bewußt - so zum Beispiel der ,Rosa Riese“ in .Germania 3‘ und die ,rote Rosa“ in der letz­ten Szene von .Germania Tod in Berlin“ von 1971. Dennoch erschien es mir für meine Beweisführung und Fragestellung auch nicht unbedingt relevant.

2 Vorab

2.1 Hintergrund und Entstehung von .Germania 3‘

.Germania 3‘ ist das letzte Stück von Heiner Müller. Es wurde im März 1996, nach seinem Tod (Dezember 1995) veröffentlicht (Clauß 1997: 37). Entstanden zwischen Dezember 1994 und März 1995, thematisiert es erneut, worüber Müller schon in zahlreichen Stücken reflektiert hat: die (deutsche) Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg. Neu ist der Blickwinkel aus dem .Neuen Deutschland“, bedingt durch den Fall der Mauer und die sogenannte ,Wende“ (Clauß 1997: 37).

Bis zur Veröffentlichung von ,Der Findling“ brachte Heiner Müller fast jedes Jahr ein neues Stück heraus (Clauß 1997). Doch bedingt durch die politischen Um­brüche und Veränderungen in Deutschland seit 1989 und Müllers Krankheit seit 1994 wartete das Publikum vergebens auf ein neues Drama (Tschapke 1996). Neben unzähligen Interviews, die Grund für Spott und Anfeindungen von vielen Seiten waren, erschien nur Lyrik von Müller. obwohl er oft das neue Stück (.Germania 3‘) angekündigt hatte (Clauß 1997: 42), fehlte ihm anscheinend die Sprache um die Dinge in einem neuen Drama zu benennen (Tschapke 1996). Und genau dieses Fehlen der Worte erklärt Müller als einen Grund für seine Er­krankung am Krebs: es ist für ihn eine Lebensfunktion, Stücke zu schreiben. Und daß er jahrelang keine Möglichkeit sah, ein Drama zu verfassen, führte zur Stö­rung eben dieser .Lebensfunktion“ (Müller in Tschapke 1996: 75).

Mit ungebrochenem Lebenswillen nimmt er dann, mit der Sprache als Waffe, er­neut den Kampf gegen die Verzweiflung auf (Tschapke 1996: 75/76). Wieder be­schäftigt er sich mit der Vergangenheit, diesmal mit oben genanntem Blickwinkel und mit der DDR als Bezugspunkt der Reflexion über Geschichte“ (Clauß 1997: 42). Er beschreibt wie in anderen Stücken zuvor Defizite, Niederlagen und Schwächen der Geschichte exemplarisch an ihren Führern, den .großen Perso­nen der Geschichte“ wie Hitler und Stalin. Doch diesmal scheint die Verzweiflung und Ausweglosigkeit größer als zuvor (vgl. Clauß 1997, Clewing 1996 u.a.). Aber Tschapke (1996) gibt auch zu bedenken, daß gerade diese Art und Weise der Darstellung - als Gegenutopie - gerade auf eine nicht erloschene Hoffnung und Sehnsucht nach einer .besseren Welt“ deutet. Müllers Wunsch war immereine radikal veränderte Welt, frei von Angst, Schmerz, Gewalt‘ (Tschapke 1996: 89). Den Sozialismus sah er als eine Möglichkeit des Wegs zu diesem Traumziel. Müllers Kritik bezog sich nur auf den real existierenden Sozialismus, wobei ,,... permanent die Enttäuschung über eine ausbleibende oder verratene Revolution ..." mit schwang (Tschapke 1996: 86).

Nicht zuletzt bleibt zu sagen, daß für Müllers letztes wie auch für die anderen Stücke immer eine Vorsicht in der Interpretation angebracht ist. Immer wieder wurde das maskenhafte an Müller deutlich (vgl. Clauß 1997, Tschapke 1996 u.a.), der ein Schauspieler in der Welt sein wollte (Tschapke 1996: 77). Und wäh­rend andere ihn für .apokalyptisch“ erklärten, sagte er, daß er sich eher für ko­misch hielte und nicht wisse, was seine Texte bedeuten (Tschapke 1996: 85ff.). Reinhard Tschapke (1996: 85) resümierte:,,Bei Heiner Müller kann man sich wohl nur sicher sein, daß man sich nie sicher sein kann.“

2.2 „Müllerhalde“ und „schales, hilfloses Ende“ - Die Rezeption von .Germania 3‘

Ein anscheinend beträchtlicher Teil der Kritiker bzw. Journalisten sieht .Germania 3‘ als schwache Leistung, die dem früheren Heiner Müller nicht mehr gerecht wird. Das wurde auch in der Seminardiskussion deutlich. Mit entsprechenden Aussagen schwingt eine Enttäuschung über das letztes Stück des Dramatikers, aber auch eine gewisse Verzweiflung und Hilflosigkeit dem Text gegenüber.

Clauß (1997: 48) beschreibt .Germania 3‘ als ein Stück in ,,schwarz und grau“, in dem die ,,... noch Lebenden ins Reich der Toten in Stalingrad ..." verbannt werden aber,,... im Gegensatz zu früher [daraus, Anm. d. Verf.] keine Zukunft, sondern nur das Nichts entspringt.

Ein Grund für diese Meinungen ist, daß Müller in .Germania 3‘ auf den ersten Blick gleich den Texten .Schlacht“ und .Germania Tod in Berlin“ die Geschichte seit 1919 darstellt. Doch den Kritikern erscheint es nun, als wäre Müller die Uto- pie gänzlich abhanden gekommen einher gehend mit dem Verlust der Spannung und Macht seiner Sprache. So sagt Dieter Hacker, Bühnenbilder der .Germania 3‘-Inszenierung am Wiener Akademietheater 1996, im Interview mit Ulrich Cle­wing (taz 21.09.1996), daß Teile des Dramas früher von Müller,,... schon präziser und poetischer formuliert wurden“, daß es „uferlos“, „offen“ und nicht so ,,... ver­ankert wie Müllers frühere Stücke ..." ist. Er sagt weiter: „Müller hat... ,Germania 3‘ gewissermaßen als ratloser Kommunist geschrieben. Der Sozialismus ist zu­sammengebrochen, eine neue Welt ent]steht, und Müller sitzt da und fragt sich, ja Scheiße, wie konnte das passieren“. Und mit diesen Aussagen als Hintergrund erklärt der Journalist nun in der Überschrift des Interviews .Germania 3‘ zur “Mül­lerhalde der Geschichte“. Eine ähnliche Abwertung des Dramas nehmen auch Thomas Rossi (.Skellettierung der Geschichte“, taz 06.03.1996) und Martin Wutt­ke (Interview von Petra Kohse, taz 29.06.1996) vor. Wuttke bezeichnet .Germa­nia 3‘ als ,,... eine Art Zombieparade ..." und ,,... Sehnsucht nach einem Unter­gang“.

Im Vergleich zu anderen Stücken mag es dem einen oder anderen tatsächlich erscheinen, Spannung und Kraft der Sprache seien verloren gegangen. Zu be­denken bleibt, daß das Stück unvollendet war bzw. nur für eine Theaterinszenie­rung veröffentlicht wurde und eigentlich vom Autoren nachträglich noch bearbei­tet werden sollte (Welzel 1998: 131). Müller aber, bevor ihm eine Überarbeitung möglich war, starb.

3 Strukturelle Analyse

Einen ersten Rahmen für das Drama liefert das Äußere der Veröffentlichung (sie­he auch Abb. 1 und 2, Anhang). Der Umschlag scheint einfach nur Umschlag zu sein, doch auf der Rückseite befindet sich ein Gedicht. Es ist kein Zitat aus dem Text, wie man später feststellt. Es sind auch keine Meinungen von bekannten Persönlichkeiten oder aus Zeitungen, die den Verkauf des Buches steigern sol­len. Sondern am Ende, wenn das Buch ausgelesen und wieder geschlossen ist, findet der Leser ein Gedicht. Da aber der Umschlag das Erste ist, was man von einem Buch erfährt bzw. erfahren kann, kann man sagen, daß es hier nicht das Finale des Dramas, sondern der erste, äußere Rahmen ist. Da dem eine erhöhte Bedeutung beigemessen wird, darf auch eine eingehende Betrachtung des Deckblatts nicht fehlen.

Dieser Rahmen besteht nun also aus genanntem Gedicht (,Vampir“) auf der Rückseite und dem Titelblatt. Der Titel .Germania 3 Gespenster am Toten Mann“ ist selbst schon vielschichtig, wie später noch zu sehen sein wird. Diese Komple­xität entsteht u.a. durch die Struktur. .Gespenster am Toten Mann“ erscheint wie eine Erläuterung zu .Germania 3‘, ist aber nicht durch ein Satzzeichen davon ab­getrennt. So steht es gleichwertig - zumindest in der Bedeutung - .nebeneinan­der“. Durch unsere Erfahrung mit der deutschen Sprache bleibt es aber dennoch getrennt und bildet keine komplette Einheit, d.h. .Gespenster Am Toten Mann“ bleibt eine Erläuterung.

Zwischen Autor und Titel befindet sich ein Bild. Es ist .Asmodea“ von Francisco José de Goya'1 Wir sehen zwei schwebende Gestalten über einer Schlacht an einer Erhebung der Landschaft. Das Bild, 1820 entstanden, spiegelt wider, was Paul Ettighofer 1931 in .Gespenster am Toten Mann“ beschreibt und woran Müller offensichtlich mit dem Titel erinnert. Ettighofer beschreibt in seinem Roman die Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg, und wie die Gefallenen als Gespenster den Ort weiter heimsuchen.

Das Gedicht ,Vampir‘ auf der Rückseite ist wie eine Vorankündigung oder Vorbe­reitung des Lesers auf den Text.,, Willkommen in Workuta“ in der siebten Zeile ist gleichzeitig der Titel des zweiten Teils der sechsten Szene (,Die zweite Epipha­nie“). In seiner Form als Gedicht hebt es sich vom Rest des Textes (dramatische Struktur) ab. Aber auch inhaltlich hat es wenig mit dem Text gemein. Während in den Szenen konkrete Personen sprechen (auch wenn sie tot sind), gehen sie doch auf die bzw. eine mögliche Realität zurück. Ein Vampir ist ein Fabelwesen, dessen Existenz, soweit mir bekannt, nie nachgewiesen werden konnte. Und eben diesem Wesen fehlen direkte geschichtliche Bezüge, es spricht chiffriert und global. Die Figuren im Drama hingegen sprechen zwar auch in Metaphern und intertextuell, aber sie haben meist direkte Bezüge auf geschichtliche oder gesellschaftliche Ereignisse.

Die erste Szene .Nächtliche Heerschau“ ist erneut Auftakt und Prolog. Thälmann und Ulbricht bewachen die Berliner Mauer und resümieren über den Sozialismus. Dieser ist tot („Das Mausoleum des deutschen Sozialismus. Hier liegt er begra­ben.“,[2] [1] ]: 7) und es gibt keine Lösung für die verfahrene Situation ( „Ulbricht Weisst du was Bessres.“, „Thälmann Nein.“,[2]2: 7). Was folgt, ist eine abfällige Zustandsbeschreibung der DDR-Bevölkerung: „Ulbricht Wenn du das Ohr an den Boden legst, kannst du sie schnarchen hören, unsre Menschen, Fickzellen mit Fernheizung ..., den Bildschirm vorm Schädel, den Kleinwagen vor der Tür.“ ([2]: 7) und „Ulbricht ... Was sollen wir noch in euch hineinstopfen.“ ([2]: 8). Am Ende der Szene kommen Leutnant Vogel und Feldjäger Runge, die an ihrer Hin­richtung beteiligt waren, mit Rosa Luxemburg vorbei und erinnern damit an ihre Ermordung 1919. Alles dieser Szene deutet auf die Niederlage des Sozialismus (Thälmann und Ulbricht) und des Kommunismus (Rosa Luxemburg). Ein Zeit- punkt, an dem sie stattfindet, wird nicht klar. Da die Berliner Mauer aber erst 1961 gebaut wurde (dtv 19: 25) und Thälmann 1944 im Konzentrationslager starb (dtv 18: 162) ist ein tatsächliches Auftreten Thälmanns an der Mauer unwahr­scheinlich. Weiterhin muß die Szene weit nach dem Bau der Neubaugebiete bzw. Plattenbauten liegen. Mit ,,Fickzellen mit Fernheizung“ ist der typische DDR- Neubau gemeint, der allen Bürgern einen gewissen Komfort und Wohlstand brin­gen sollte, aber auch zu extremer Bequemlichkeit führte3. Da aber dieser Zustand erst einige Zeit nach dem Bau der Neubaugebiete einsetzen konnte, und massi­ver Wohnungsbau erst nach 1973 beschlossen wurde (Judt 1998: 571), kann der Zeitpunkt der Szene auch erst nach diesem Jahr liegen.

,Panzerschlacht“, die zweite Szene, findet im Kreml statt. Stalin, trinkend, redet mit sich selbst bzw. drei Erscheinungen: Lenin, Trotzki, Hitler. Er ist paranoid, vermutet hinter jedem einen Verräter und hat sie alle umgebracht. Hinweise auf die Zeit der Handlung gibt der Monolog Stalins: (zur Erscheinung Hitler) „Jag dei­ne Panzer in den Schnee Der sie begraben wird, wenn seine Zeit kommt.“ ([2]: 13). Er spricht von der Schlacht bei Stalingrad 1942 und Hitlers Angriff auf Ruß­land (Schlaglichter der Weltgeschichte: 428ff.). Stalin spricht von der Zukunft, also ist die Szene 1942 bzw. kurz davor datiert.

Während in den ersten beiden Szenen ,große‘ politische Führer (wie Stalin, Ul­bricht, Hitler) der Geschichte zu Wort kommen bzw. genannt werden kann man in der nun folgenden Szene .Siegfried eine Jüdin aus Polen“ sozusagen von .Volkes Stimme“ sprechen. D.h. hier reden Soldaten bzw. namenlose4 Offiziere und ihre Befindlichkeiten werden herausgearbeitet. .Siegfried eine Jüdin aus Polen“ ist unterteilt in ,1 Stalingrad. Zwei russische Soldaten“, ,2 Zwei deutsche Offiziere finden eine Verpflegungsbombe“ und ,3 Drei deutsche Soldaten nagen an einem Knochen“. Die gesamte Szene spielt im .Kessel“ von (d.h. in der Schlacht bei)

Stalingrad. Es ist wieder 1942: „Die Russen greifen an. Die Wolga brennt.“ ([2]: 28). Im ersten Teil der Szene ,1 Stalingrad. Zwei russische Soldaten“ sprechen die im Titel angekündigten zwei Soldaten. Sie sagen, was auch schon Stalin in der zweiten Szene wußte: Hitler ist mit dem Angriff auf Rußland der Wegbereiter für Stalin in Rußland. Aber Stalins Härte gegenüber dem Volk wird deutlich ,,Sta­lin bricht Hitler das Genick mit unsern Dreimal von ihm gebrochnen Knochen“ ([2]: 16). Und doch ist Stalin Ihr „Vater1 ([2]: 16), sie kämpfen für ihn und Rußland. Im zweiten Teil der dritten Szene sprechen zwei deutsche Offiziere. Sie haben eine Verpflegungsbombe gefunden, die zur Versorgung der hungernden Sol­in Stalingrad aus der Luft abgeworfen wurden (Schlaglichter der Weltgeschichte: 428ff.). Diese Verpflegungsration sollte für eine Kompanie („Ist sieben Mann stark.“[2]: 19) reichen. Aber die zwei Offiziere vertilgen sie alleine und erschie­ßen sich am Ende aus schlechtem Gewissen (,, 1 Unsre Soldaten hungern 2 Wir sind Schweine (Gehen jeder in seinen Bunker rasieren sich bzw. lassen sich ra­sieren sie erschiessen sich)“[2]: 21). Ob es die Auswirkungen des Verhaltens der zwei deutschen Offiziere sind, die im nun Folgenden in ,3 Drei deutsche Soldaten nagen an einem Knochen“ beschrieben werden, wird nicht bis zum letzten deut­lich. Es ist aber vorstellbar. Diese Drei Soldaten sind auch im ,Kessel von Stalin­grad“ und ernähren sich vor lauter Hunger von dem, was sie gerade finden - Pferde- oder Menschenknochen. Vor dem Angriff der Russen („Die Russen grei­fen an. Die Wolga brennt.“[2]: 28) ertönt wieder jenes Lied, daß schon in .Nächt­liche Heerschau“ die Erscheinung von „Leutnant Vogel und Feldjäger Runge mit Rosa Luxemburg“ ([2]: 8) begleitete und im Titel der darauf folgenden Szene wiederkehrt: „ES BLIES EIN JÄGER WOHL IN SEIN HORN UND ALLES WAS ER BLIES DAS WAR VERLORN“ ([2]: 28). So entsteht ein Bezug zwischen den genannten Szenen, der später näher zu untersuchen ist. Der Zeitpunkt dieser Szene ist zwischen dem 19. November 1942 und dem 31. Januar/2. Februar 1943 anzusiedeln. Mit zuerst genanntem Datum begann die Einkesselung der deutschen Truppen durch die Sowjetarmee und im Januar/Februar 1943 kapitu­lierten die Reste der deutschen Armee (Schlaglichter der Weltgeschichte 429). Daß die Offiziere in der Szene eine Verpflegungsbombe finden, was nur in die­sem Zeitraum hätte stattfinden können, belegt diese Feststellung.

[...]


1 Goya (1746 bis 1828): Spanischer Maler, der vor allem in seinem späten Werk zeit­ kritisch Not und Elend darstellte und unerbitterlich die Schwächen seiner Zeit aufdeckte (dtv, Bd.7: 121). Das genannte Gemälde stammt aus dem Zyklus der .schwarzen Gemäl­de', die aufgrund seiner schweren Erkrankung und damit einhergehender Todeserfah­rung entsprangen und Visionen seines Ringens mit dem Tod darstellen (Gas­sier/Wilson/Lachenal 1994: 317).

2 Um bei der Häufigkeit der Nennung trotzdem Platz zu sparen und auch die Übersicht­ lichkeit weiterhin zu wahren, kürze ich die Quellenangabe von .Germania 3' aufseine Position im Literaturverzeichnis:[2].

3 Sicher übertrieben, aber mit Wahrheit vermischt, kursierten die Klischees vom Neubau­ bewohner, der eher das Fenster aufmacht, um die Raumtemperatur zu verringern, als die Hei­zung herunter zu drehen.

4 Unter namenlos verstehe ich nicht unbedeutende oder unwichtige Offiziere, sondern sie werden nicht beim Namen genannt. Somit stehen sie auch für die Masse der Offiziere, deren einzelne Namen in der Geschichte keine Bedeutung erlangt haben.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
"Heiner Müller: Germania 3" - Geschichtsphilosophische Betrachtungen: "Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind", Suche nach einem Sozialismus mit "menschlichem Antlitz"?
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Engel der Geschichte, Texte von Autorinnen des 20. Jahrhunderts im poetischen und geschichtsphilosophischen Diskurs
Autor
Jahr
2001
Seiten
36
Katalognummer
V173890
ISBN (eBook)
9783640941681
ISBN (Buch)
9783640941735
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heiner Müller, Germania 3, Theaterstück, Philosophie, Geschichtsphilosophischer Diskurs, Sozialismus, Hitler, Rosa Riese, 20. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Anja Meisner (Autor), 2001, "Heiner Müller: Germania 3" - Geschichtsphilosophische Betrachtungen: "Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind", Suche nach einem Sozialismus mit "menschlichem Antlitz"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173890

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