Warum begeht Woyzeck keinen Suizid? Das Begriffstryptichon Himmel, Welt und Hölle in Büchners "Woyzeck"


Hausarbeit, 2011
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. „Nichts, als ein Geschichtsschreiber“ - Einleitung

2. „Die Entdeckung des Geringen“ - Kontext und Intertextualität
2.1 historische Vorlage
2.2 biographischer Hintergrund
2.3 „Der vollkommenste Umsturz in der Literatur“ - Philologische Aspekte

3. Woyzeck als Zwischenwesen? - Himmel, Welt, Hölle
3.1 „Gott“ im „Himmel“
3.2 „Als wär die Welt todt“ - das Wort „Welt“
3.3 „See von brennendem Schwefel“ - das Wort „Hölle“

4. „Ein umgestürzter Hafen“ - eine Interpretation

5. Bibliographie

1. „Nichts, als ein Geschichtsschreiber“ - Einleitung

„Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“1. Büchners Woyzeck kann von beidem nicht leben: Für sein täglich Brot muss er sich Menschen unwürdigen Experimenten hergeben, und von Gottes Wort, das er in ostentativen Monologen immer wieder zitiert, ist er zusehends enttäuscht.

„Die Wunde Woyzeck“2 (Heiner Müller), die perennierende Hoffnungslosigkeit eines modernen Charaktertypus, die Ausweglosigkeit eines aufrichtigen Taugenichts angesichts einer Welt, in die er monadenhaft geworfen wird, zieht sich als Fanal der Schattenseiten neuzeitlichen Lebens durch die letzten zwei Jahrhunderte, und Büchner war es als erster, der dieses stürmende Zeitbild literarisch bannte. Das (ungewollt) Fragmentarische passt einmal mehr zu dieser Ansammlung von Bildern „unter so hohem Gefühlsdruck, dass die Worte notwendigerweise die Geste unmittelbar in sich tragen“3, wie die Fatalität des ebenso getriebenen Büchners, und schließlich die Reminiszenz ans Romantische Erbe der unabgeschlossenen Form, durch die ein Vorschein des Ewigen vom Künstler in die Welt buchstabiert werden sollte. Aber Georg Büchner war kein sentimentaler Spiritualist: „Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt.“4.

Ausgehend von einer kurzen biographischen, historischen und literatur - und editionsgeschichtlichen Einordnung des Werkes, soll es Ziel der Arbeit sein, anhand der semantischen Analyse der Termini Himmel, Welt und Hölle und ihrer Komplemente Gott, Mensch und Teufel eine Interpretation des Werkes als Ganzes vorzubereiten, die den zweiten Teil der Arbeit umfassen soll.

2. „Die Entdeckung des Geringen“ - Kontext und Intertextualität

2.1 historische Vorlage

Eine für Büchner charakteristische Vorgehensweise ist es, reale Stoffe nach differenziertem Quellenstudium in poetische Form zu bringen, eine bestimmte Zeit also zu fiktionalisieren, um so ein divinatorisches Verständnis (Schleiermacher) zu evozieren.

So studiert er intensiv die Prozess-Unterlagen des Leipziger Hofrates Dr. med. Johann August Clarus, der die Gutachten zur Verurteilung des Leipzigers Johann Christian Woyzeck anfertigte, der am 2.6.1821 seine ehemalige Geliebte Johanna Christiane Woost umgebracht hatte.

Zentrales Element des Prozesses, der in der Hinrichtung des Angeklagten mündet, ist die Frage nach der Schuldfähigkeit Woyzecks, da dieser offensichtlich von geistigen Anomalien geplagt war. Büchner mag wohl gerade die öffentliche Kontroverse um die Zurechnungsfähigkeit Woyzecks, wie dessen von Emphase geprägtes Portfolio an Zeugenaussagen, angezogen haben. Im Rahmen der Fiktionalisierung des Stoffes nimmt er aber einige Änderungen für sein Dramenprojekt vor, so heißt sein Woyzeck mit Vornamen ‚Franz’, seine Geliebte ‚Marie’ und nicht Johanna und er siedelt die Tat in seiner Darmstädter Umgebung an.

2.2. biographischer Hintergrund

Georg Büchner ist auch darin literaturhistorischer Innovator, dass sich bei ihm regionale Wendungen und Dialekt im Schriftbild finden; die Sprachprägung deutet auf den Hessischen Raum, wo er 1813 geboren wird. Seine Jugend erlebt der talentierte Büchner als Ära der Restauration, einhergehend mit Zensur, Vielstaaterei, politischer Gewalt und anti-aufklärerischen Tendenzen, die ihn politisieren und die ein Podium für seine sprachliche Begabung liefern: So verfasst Büchner gemeinsam mit dem gemäßigteren Pfarrer Weidig den „Hessischen Landboten“, dessen Formel „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ schnell allgemeines Kulturgut wurde und eine steckbriefliche Verfolgung Büchners nach sich zog. Ebenso gründet er 1834 eine „Gesellschaft für Menschenrechte“, die ihn einmal mehr als realistischen Humanisten ausweist, der die gärende Spannung des Vormärz durch Zielen auf den blinden Fleck der Gesellschaft revolutionär vorantreiben will. Lässt er seinen St.Just in „Dantons Tod“ (I/2) „vom Mord durch Arbeit“5 sprechen, so trifft dies nicht nur auf Büchners Sicht auf den Fall Woyzeck zu, sondern klingt auch stark nach dem Credo der französischen Frühsozialisten, mit denen er in seiner Straßburger Zeit 1831-33 in Berührung kommt. So antwortet Proudhon auf die Frage, was Eigentum sei: „Diebstahl!“6 und kondensiert in diesem einen Wort die Botschaft des ‚Hessischen Landboten’.

1835 fährt die erste Eisenbahn der Geschichte auf der Stecke von Nürnberg nach Fürth, der Imperialismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bahnt sich an und einer Regression der Aufklärungsideale seit dem Wiener Kongress und den Karlsbader Beschlüssen steht die Bewegung des Vormärz und des ‚Jungen Deutschlands’ entgegen, sowie der politische Aktivismus des Hambacher - und Wartburgfestes, und der nicht mehr zu beschönigende Pauperismus, der in Europa grassiert. Büchner pointiert über die obsolete Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, der von Gott gegebenen Herrschaft des Adels: „Was nennt Ihr denn gesetzlicher Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum frohnenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen?“7.

2.3 „Der vollkommenste Umsturz in der Literatur“ - Philologische Aspekte

Woyzeck ist der erste wirkliche ‚negative Held’ eines deutschen dramatischen Versuches. Sehr kontextsensitiv zeichnet Büchner eine Figur, deren Repräsentanten erst einige Zeit später die Berliner Mietskasernen überfluten werden.

Das Konglomerat aus Shakespeares und Lenzens offener Dramenform, der kurzatmigen Atmosphäre, dem Fallenlassen der bienséance-Regel und der ausgleichende klassische Einfluss Goethes machen die anachronistische Eigenständigkeit dieses Werkes aus, was ihm Canettis Zuspruch einbringt: „mit dem ‚Woyzeck’ ist Büchner der vollkommenste Umsturz in der Literatur gelungen: die Entdeckung des Geringsten.“8. Und Heiner Müller betont die Relevanz des Stückes für die Gegenwart, wenn er sagt: „Immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann.“9, ebenso wie Büchner-Preis-Träger Durs Grünbein von einem „Wendepunkt in der Literatur“10 spricht. Natürlich darf auch Alban Bergs bahnbrechende Oper „Wozzeck“ aus den 1920er-Jahren nicht unerwähnt bleiben, zumal man sie als die Artikulation der stummen Stimmen in Woyzecks Kopf bezeichnen könnte („ich hör die Geigen, immer zu“11 ).

„Wozzeck“, der Name deutet auf die editionsgeschichtlichen Schwierigkeiten hin, die das Werk durchlaufen hat, denn erst Büchners Brüder Ludwig und Alexander entzifferten im Jahre 1850 die losen Blätter schwerleserlicher Schrift, die der junge Büchner in Windeseile hinuntergeschrieben hatte, und machten dabei als Hauptfigur einen gewissen „Wozzuck“ aus, der dann von Karl Emil Franzos in „Wozzeck“ umbenannt wurde, um schließlich nach Erscheinen eines Artikels von Hugo Bieber, der auf den historischen Kriminalfall verwies, endgültig in „Woyzeck“ emendiert zu werden.

Sicherlich erschwerend hinzu kam wohl die Unklarheit bezüglich der Szenenfolge und die Unentzifferbarkeit einzelner Wörter, die teilweise willkürlich von Franzos in seiner 1880er-Ausgabe ergänzt wurden, heute aber immer noch als ungewollte Aposiopesen Raum für Spekulationen bieten. Büchner konnte auch schuljungengleich schreiben12, aber die Woyzeck-Manuskripte lassen sich aus der Eile der Entstehungsgeschichte leicht ableiten: So hatte Büchner die Aufgabe zu bewältigen, während er Spinoza und Descartes für seine Vorlesungen studieren musste, um sie sich später, wie er sagt, „auf dem Papier todtschlagen […] zu lassen“, den „Woyzeck“ als zweites Drama neben „Leonce und Lena“ für einen Sammelband schnellstens abzufassen, nachdem er etwas zeitlichen Raum gefunden hatte, nach der Verteidigung seiner Doktor-Arbeit im Mai 1936.

Nun verfasst er einige Entwürfe des Textes, deren fortgeschrittenster (H4) zumindest noch im Oktober 1836 begonnen worden sein muss, bevor er am 19. Februar 1837 stirbt.

Die folgende Untersuchung orientiert sich an der Leseausgabe, die ein Potpourri aller Entwürfe darstellt, erweitert um das ]Quartblatt (H3), da es nicht unwahrscheinlich ist, dass zumindest (H3.2) den Schluss des Dramas markieren sollte, und da ein offenes Drama der Form eines „Woyzeck“ treffendsterweise als Montage einzelner Szenen interpretiert werden sollte.

3. Woyzeck als Zwischenwesen? Himmel, Welt, Hölle

3.1 »Gott« im »Himmel«

Bei der genauen semantischen Analyse der Termini „Gott“, „Herrgott“, „lieber Gott“ fällt ins Auge, dass es ausnahmslos Marie und Woyzeck sind, die derlei Termini in ernsten, bedeutungsschwangeren Kontexten gebrauchen, wohingegen die übrigen Erwähnungen in rein floskelhaftem Gebrauch bestehen. Zwar gebrauchen sowohl Marie („Gott vergelt’s Franz“13 ), als auch Woyzeck ([Christian dreht sich weg] „Herrgott!“14 ) das göttliche Nomen einmal in Redewendungen, aber die anderen Sprecher dieses Ausdrucks (Ausrufer, Doktor, Handwerksbursche, Andres, Major) lassen ihm ausnahmslos eine floskelhafte (Doktor: „und wenn Gott will“15 ), bzw. ironische Bedeutung zukommen (Andres: „Gott behüt uns, Amen“16 ), oder benutzen ihn in nicht adäquaten Kontexten (Ausrufer auf dem Jahrmarkt17, Tambourmajor und Handwerksbursche im Vollrausch18 ).

Bis auf die Großmutter in ihrem Märchen19 finden lediglich wiederum Woyzeck und Marie Verwendung für den Terminus „Himmel“. Nur im Moment des Mordes ein „Um des Himmels Willen20 von Marie und kurz davor Woyzecks Wunsch, sie noch einmal zu küssen, auch wenn er dafür „den Himmel geben“21 müsste, sind die einzigen kolloquialen Äußerungen.

Hieran wird deutlich, dass die eigentlichen Anti-Helden des Stückes, diejenigen sind, die vermehrt reflektieren, und aufrichtige, existentielle Sentenzen mit Bezug auf Gott artikulieren, wobei sie ja beide eigentlich die moralischen Verlierer, Sünder der Handlung sind.

Besonders deutlich wird dies an folgender Textstelle, an der Woyzeck auf den Kommentar des Hauptmanns, dass Christian ein uneheliches Kind sei, erwidert: „der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist“22 und anschließend Markus 10,14 zitiert: „Der Herr sprach: lasset die Kinder zu mir kommen.“23. Hier spricht Woyzeck, obwohl in ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen zum Hauptmann, im Gestus der Aufklärung, und beweist außerordentlichen Realitätssinn: „ich glaub’ wenn wir in Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen“24.

Einblick in die charakterliche Disposition der Bibel lesenden Marie, gewährt ihr elegisches: „Herrgott, sieh mich nicht an. […] gieb mir nur soviel, dass ich beten kann.“25.

Auffallend in diesem semantischen Sektor sind vor allem Woyzecks apokalyptische Deutungen im Zusammenhang mit Gott, wenn er auf die Offenbarung des Johannes anspielt („Ein Feuer fährt um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen“26 ) oder voller innerer Spannung paradox in den „schönen, festen grauen Himmel […] hinein[…]schlagen“27 will und sich schließlich angesichts des dionysischen Trinkgelages fragt: „Warum bläßt Gott nicht die Sonn aus [?]“28.

[...]


1 Matthäus 4,4.

2 Müller, Heiner: Die Wunde Woyzeck. In: Insel-Almanach auf das Jahr 1987, S.160f.

3 Steiner, George: Der Tod der Tragödie. Ein kritischer Essay, München/Wien, Langen Müller, 1962, S.227-29.

4 Brief Büchners an die Eltern vom 6.4. 1833. In: Büchner, Woyzeck. Erläuterungen und Dokumente, reclam Stuttgart 2000, S.201.

5 Büchner, Woyzeck. Erläuterungen und Dokumente, reclam Stuttgart 200, S.210f.

6 Röd, Wolfgang: Der Weg der Philosophie Bd.II, Beck 2000, S.135.

7 Brief Büchners an die Eltern vom 6.4. 1833. In: Büchner, Woyzeck. Erläuterungen und Dokumente, reclam Stuttgart 2000, S.202.

8 Büchner, Woyzeck. Erläuterungen und Dokumente, reclam Stuttgart 2000, S.276.

9 Müller, Heiner: Die Wunde Woyzeck. In: Insel-Almanach auf das Jahr 1987, S.160f.

10 Büchner, Woyzeck. Erläuterungen und Dokumente, reclam Stuttgart 2000, S.283.

11 Büchner, Georg:Woyzeck, Studienausgabe reclam Stuttgart 2000, S.30.

12 Büchner, Georg:Woyzeck, Studienausgabe reclam Stuttgart 2000, S.190-195.

13 Büchner, Georg:Woyzeck, Studienausgabe reclam Stuttgart 2000, S.16.

14 Ebd. S.82.

15 Ebd. S.26.

16 Ebd. S.30.

17 Ebd. S.13.

18 Ebd. S.31 bzw. S.29.

19 Ebd. S.35.

20 Ebd. S.36.

21 Ebd. S.36.

22 Ebd. S.18.

23 Ebd. S.18.

24 Ebd. S.18.

25 Ebd. S.32.

26 Ebd. S.9.

27 Ebd. S.26.

28 Ebd. S.29.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Warum begeht Woyzeck keinen Suizid? Das Begriffstryptichon Himmel, Welt und Hölle in Büchners "Woyzeck"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V173911
ISBN (eBook)
9783640941780
ISBN (Buch)
9783640941797
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, woyzeck, suizid, begriffstryptichon, himmel, welt, hölle, büchners
Arbeit zitieren
Alexander Skrzipczyk (Autor), 2011, Warum begeht Woyzeck keinen Suizid? Das Begriffstryptichon Himmel, Welt und Hölle in Büchners "Woyzeck", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173911

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