Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Texte veröffentlichen, Rundum-Service genießen
Zur Shop-Startseite › PureBiography: Biographien

Turmwächters Lied

Eine Romanbiografie über die Komponistin Erna Becker-Ernst (1885-1945)

Titel: Turmwächters Lied

Roman , 2026 , 506 Seiten

Autor:in: Carl Ferdinand Ernst (Autor:in)

PureBiography: Biographien
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Die Komponistin Erna Becker-Ernst (1885–1945) wächst an der Nordsee auf, geprägt von Musik, Natur und einem unbändigen Drang nach Freiheit. Früh zeigt sich ihre außergewöhnliche Begabung. Als Komponistin musste sie in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und der Erschütterung zweier Weltkriege ihren Weg finden. Durch eine übermächtige Männerlobby gab es für Frauen in der Kunst nur begrenzte Möglichkeiten der öffentlichen Wahrnehmung.

Von der Kindheit im Pfarrhaus über die Ausbildung fern der Heimat bis hin zu Liebe, Enttäuschung und Selbstbehauptung begleitet dieser biografische Roman eine Frau, die trotz aller Widrigkeiten unbeirrt ihrer inneren Stimme folgt. Immer wieder ist es die Musik, die ihr Halt gibt – als Ausdruck von Sehnsucht, Trost und schöpferischer Kraft.

Das Besondere an diesem Buch:
Erstmals werden 22 originale Kompositionen Erna Becker-Ernsts hörbar gemacht. Aufwendig neu vertont und eingesungen, sind sie integraler Bestandteil der Erzählung. Über QR-Codes im Buch (bzw. direkt eingebunden im EPUB) werden die Lieder unmittelbar erlebbar – als klingende Erweiterung der Geschichte.
So entsteht ein außergewöhnliches Leseerlebnis: eine bewegende Lebensgeschichte, verwoben mit Musik, die tief berührt.

Leseprobe

Titelseite

Impressum

Zitate

Inhalt

Prolog

Groden – Kindheit an der Nordsee

Der erste große Verlust

Spiele, Streit und Fantasie

Erste Töne – erste Schöpfung

Sondershausen – Aufbruch, Liebe, Ernüchterung

Begegnung am Brunnen und erste Liebe

Untreue

Kunst als Rettung

Ein zweites Versprechen

Naumburg und Konservatorium – Entscheidung für die Musik

Nächte am Klavier

Die Wahl des eigenen Weges

Die Welt des Konservatoriums

Münstereifel – Ehe, Familie, Forstschule

Ein Neuanfang im Rheinland

Krieg, Besatzung und Sinfonie

Besatzungszeit

Köln: Handwerk, Fuge, erste Sinfonie

Konzerte, Radio, Trauer und ein neuer Krieg

Trauer

Im Zweiten Weltkrieg

Heimat in Trümmern

Epilog – Épilogue

Anhang A

Track 2: Liebe

Track 3: Der erste Kuß!

Track 4: Auf dem Kirchhof

Track 5: Untreue!

Track 6: Was der Wind sang …

Track 7: Und die Rosen verblühn…

Track 8: Phantasie über ein eigenes Thema

Track 9: Gebet der Elfriede a. D. „Kampf mit dem Drachen“

Track 10: Elfenliedchen

Track 11: O Bonna

Track 12: Drei feurige Dinge

Track 13: Fuge in As-Dur

Track 14: 1. Sinfonie in c-Moll

Track 15: Du feuchter Frühlingsabend

Track 16: Bibel-Psalm 73, Vers 25-26

Track 17: Dunkler Falter

Track 18: Zarathustras Lied

Track 19: Nebel im Tal

Track 20: Bi uns an’n Diek (Bei uns am Deich)

Track 21: Heimat

Track 22: Wenn ich der Himmel wär!

Anhang B

2. Der Mönch, der seinen Neffen Arnold von Winkelried aus dem Verlies retten will

3. Auf Vorposten am Weihnachtsabend

4. Poesiealbum von Erna Becker aus dem Jahr 1905

5. Abschrift von originalen Aufzeichnungen von Erna Becker-Ernst aus dem Jahr 1921

6. Wie der Wald erwacht

7. Was meint Friedrich Nietzsche (1844-1900) mit dem Begriff des Übermenschen?

8. Mystische Erzählung zum Tod der schwedischen Königin Ulrike

Anhang C

Anhang D

Bildanhang und Bildnachweise

2. Kammermusik-Konzert von Erna Becker-Ernst am 24. September 1933 im Kneipp-Kurhaus in Münstereifel

3. Flugblatt der Weißen Rose in Originalgröße (Vorder- und Rückseite)

Dank


 

 

 

Turmwächters Lied –
Chanson de gare de la tour

- Romanbiografie -

 

 

für die Musik

- pour la musique -

für die deutsch-französische Freundschaft

- pour l´amitié franco-allemande -

 

 

von

Carl Ferdinand Ernst

 

 

 

 

Im Gedenken an meine Großmutter,
die Komponistin Erna Becker-Ernst
(1885–1945)

 

Bibliografische Information der
Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de
abrufbar.

 

 

Impressum:

Copyright © PureBiography 2026

Ein Imprint der GRIN Publishing GmbH, München, Germany

ISBN: 9783389196847

 

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung
des Verlags wiedergegeben werden.

Dies ist ein biografischer Roman.
Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind real und nicht fiktiv.

 

Druck und Bindung: Libri Plureos GmbH,
Friedensallee 273, 22763 Hamburg

Text: © 2026 Copyright by Carl Ferdinand Ernst

Umschlaggestaltung: GRIN, Leuchtturm aus ilham | stock.adobe.com mit
Foto von Erna Becker-Ernst im Hintergrund

 

Herstelleradresse: info@bod.de

 

> Kriege kennen keine Gewinner,
sondern nur Verlierer <

 

 

Es lebe

die Liebe – die Freiheit – der Friede

 

 

„Die Musik stellt keine Welt für sich dar, ohne jeden Bezug zu den Realitäten des Lebens, wenngleich sie ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten verpflichtet ist, über die man sich nicht ungestraft hinwegsetzen darf.“

(Reinhard Kapp, Musikwissenschaftler, in: Vom Ideal des guten Musikers, S. 58, 2007)

Inhalt

Prolog

Groden – Kindheit an der Nordsee

Der Klang des Pfarrhauses

Der erste große Verlust

Spiele, Streit und Fantasie

Erste Töne – erste Schöpfung

Sondershausen – Aufbruch, Liebe, Ernüchterung

Abschied von der Heimat

Begegnung am Brunnen und erste Liebe

Untreue

Kunst als Rettung

Ein zweites Versprechen

Naumburg und Konservatorium –  Entscheidung für die Musik

Lehrerin zwischen Pflicht und Berufung

Nächte am Klavier

Die Wahl des eigenen Weges

Die Welt des Konservatoriums

Münstereifel – Ehe, Familie, Forstschule

Der Oberförster

Ein Neuanfang im Rheinland

Krieg, Besatzung und Sinfonie

Der Beginn des Ersten Weltkriegs

Besatzungszeit

Köln: Handwerk, Fuge, erste Sinfonie

Konzerte, Radio, Trauer und ein neuer Krieg

Ein unerwartetes Konzert

Trauer

Im Zweiten Weltkrieg

Heimat in Trümmern

Epilog – Épilogue

Anhang A

Musik-Texte

Komposition: Erna Becker-Ernst, Track 1–22

Track 1: Turmwächters Lied

Track 2: Liebe

Track 3: Der erste Kuß!

Track 4: Auf dem Kirchhof

Track 5: Untreue!

Track 6: Was der Wind sang …

Track 7: Und die Rosen verblühn …

Track 8: Phantasie über ein eigenes Thema

Track 9: Gebet der Elfriede a. D. „Kampf mit dem Drachen“

Track 10: Elfenliedchen

Track 11: O Bonna

Track 12: Drei feurige Dinge

Track 13: Fuge in As-Dur

Track 14: 1. Sinfonie in c-Moll

Track 15: Du feuchter Frühlingsabend

Track 16: Bibel-Psalm 73, Vers 25-26

Track 17: Dunkler Falter

Track 18: Zarathustras Lied

Track 19: Nebel im Tal

Track 20: Bi uns an’n Diek (Bei uns am Deich)

Track 21: Heimat

Track 22: Wenn ich der Himmel wär!

Anhang B

Sach-Erklärungen

1. Die alte Waschfrau

2. Der Mönch, der seinen Neffen Arnold von Winkelried aus dem Verlies retten will

3. Auf Vorposten am Weihnachtsabend

4. Poesiealbum von Erna Becker aus dem Jahr 1905

5. Abschrift von originalen Aufzeichnungen von Erna Becker-Ernst aus dem Jahr 1921

6. Wie der Wald erwacht

7. Was meint Friedrich Nietzsche (1844-1900) mit dem Begriff des Übermenschen?

8. Mystische Erzählung zum Tod der schwedischen Königin Ulrike

Anhang C

Wort-Erklärungen

Anhang D

Literaturverzeichnis

Bildanhang und Bildnachweise

1. Erna Becker-Ernst im Jahre 1906, Naumburg a.d. Saale

2. Kammermusik-Konzert von Erna Becker-Ernst am 24. September 1933 im Kneipp-Kurhaus in Münstereifel

3. Flugblatt der Weißen Rose in Originalgröße  (Vorder- und Rückseite)

4. Louis und Marie Luise Derocle mit Nachkommen der Familie Becker (ca. 1845)

Dank

 

 

 

 

Prolog

1916 – Münstereifel /i. Rheinland

Arktische Kaltluft aus dem Norden und feucht-warme Luftmassen aus westlicher Richtung treffen aufeinander. Im Laufe des Tages entsteht eine instabile und explosive Schichtung der Atmosphäre. Die dichte Wolkendecke verdunkelt den Himmel. Ein leises Grollen aus der Ferne ist der Vorbote eines Wintergewitters.

Der Tag ist für die Försterfamilie Ernst harmonisch verlaufen. Der königlich-preußische Oberförster im Ruhestand, Wilhelm Ernst, hat vor 5 Jahren in Münstereifel eine Privatforstschule gegründet. Heute hält er vor seinen Forstschülern ein Referat über die wichtigsten Forstschädlinge und deren Bekämpfung. Seine Frau Erna gibt am Nachmittag Klavierunterricht. Den Vormittag hat sie mit aller Energie versucht ein Gedicht zu vertonen. Es gelingt ihr nur mit Mühe sich auf die Arbeit am Klavier zu konzentrieren. Im Laufe des Vormittags geht es einfach nicht weiter. Also gut, zumindest kann die Haushaltshilfe ein wenig unterstützt werden. Auch für die Betreuung ihres dreijährigen Sohns Wolfgang bleibt noch ein wenig Zeit.

Schon den ganzen Tag ist sie erfasst von einer inneren Unruhe, die sie sich selbst nicht erklären kann. Im Gegensatz zu ihrem Mann geht sie auch an diesem Abend frühzeitig zu Bett, um wie gewöhnlich am anderen Tag früh aufzustehen. Es geht auf Mitternacht zu. Ein Gewitter zieht über die Stadt. Grelle Blitze durchziehen die Finsternis, begleitet von starken Donnerschlägen. Ein heftiger Sturm aus nordwestlicher Richtung zieht herauf und es entwickelt sich ein Hagelschlag, der mit brachialer Gewalt auf Häuser und Straßen prasselt. Vom Schlafzimmer ist in einem gedämpften Ton das Stakkato der Hagelkörner zu hören, die unaufhörlich auf das Dach prasseln. Dann ändert sich die unwirkliche Wetterlage. Ein unheimliches Rauschen und Brausen setzt ein, das von orkanartigen Böen und Regenschauern begleitet wird. Das Wetter spielt verrückt, heute am Donnerstag, dem 16. November 1916. Der Regen, der durch die starken Auf- und Abwinde unaufhörlich gegen die Fensterscheiben prasselt, wird noch bis zum frühen Morgen anhalten.

 

Menschen fürchten sich oft vor Gewitter mit Blitz und Donner. Erna hat keine Angst. Im Gegenteil. In ihren Gedanken fühlt sie sich an ihre Jugendzeit erinnert. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, geht sie auch bei stürmischem Wetter an den Strand der Nordsee. Die mahnenden Worte der Eltern werden einfach ignoriert. Sie liebt die stürmische See und verdrängt alle Gefahren. Hier fühlt sie sich alleine mit der Natur zutiefst verbunden. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl zu sehen, mit welcher Gewalt die Wellen gegen den Deich prallen. Der Geräuschpegel ist durch das permanente Tosen der See so hoch, dass man in den Bann der alles verschlingenden See gezogen wird, ob man will oder nicht. Die Gegensätze von Gut und Böse, der Unbeschwertheit und Gefahr nehmen ihre Psyche zunehmend in Besitz.

Sie liegt wach im warmen Bett und lauscht den gedämpften Geräuschen von Wind und Regen. Durch die schweren, roten Brokatvorhänge der beiden Fenster dringt kein Licht in das Schlafzimmer. Es ist kurz vor Mitternacht. Ihr Mann arbeitet bestimmt noch in seinem Arbeitszimmer, das sich im Erdgeschoss befindet. Sicherlich muss er den Unterricht für den morgigen Tag für seine Forstschüler vorbereiten.

Jetzt ist nicht Schlafenszeit. Von dem inneren Drang der Neugier getrieben, will sie Kontakt zu den Naturgewalten aufnehmen.

Sie fingert nach der Streichholzschachtel und zündet eine kleine Kerze an. Der dafür vorgesehene Kerzenständer aus Messing befindet sich auf dem Nachttisch. Mit ausreichend Licht steht sie hastig auf. Ein Blick in das Kinderbettchen. Von ihrem Kind sind gleichmäßige, ruhige Atemzüge zu hören. Ihr Sohn Wolfgang schläft, Gott sei Dank.

Ohne sich weiter um Äußerlichkeiten zu kümmern, geht sie in ihrem Nachthemd leise aus dem Schlafzimmer in den kalten Flur im ersten Stock. Auf halbem Wege zum nebenliegenden Wohnzimmer ist ein leises Knarzen der verbauten Holzdielen zu hören, die sich bei Druck aneinander reiben. Der Lichtschein der Kerze wirft einen dunklen Schatten. Eine Gestalt, allein auf dem Flur, einfach schaurig.

Vorsichtig öffnet sie die Wohnzimmertür. Die Fenster vibrieren leicht von der Wucht des Windes. Die Tempe­ratur im Wohnzimmer ist noch erträglich. Sämtliche Briketts im Kohleofen sind heruntergebrannt, geben aber durch die Glut noch ein wenig Wärme in den Raum ab. Sie betätigt den Lichtschalter. Langsam geht sie zur Balkontür. Es hat kurzzeitig aufgehört zu regnen. Kurz entschlossen öffnet sie die Tür, geht einen kleinen Schritt über die Türschwelle. Schon steht sie im Nachthemd auf dem kleinen Balkon. Der Wind umflutet warm ihren Körper und das mitten im November. Ist das schön. Ihre Haare werden durcheinandergewirbelt. Bestimmt setzt bald wieder der Regen ein.    

Ihr Haus steht am Hang. Von dort hat man einen schönen Blick über das Tal der Stadt. Auf der gegenüberliegenden Hangseite befindet sich ein Wald. Über den Silhouetten der Baumwipfel ist ein streifenförmiger, heller Horizont zu sehen, der sich von dem dunklen Wald und dem bedeckten Himmel abhebt. Der warme Wind umschmeichelt ihren Körper. Andächtig lauscht sie den alles übertönenden, tiefen Geräuschen des Windes. Sie würde sich für eine tiefe Oktavierung eines „f“ entscheiden, wenn der Ton auf dem Klavier nachempfunden werden müsste. Aber nein, die Natur lässt sich nicht kopieren.

Sie fühlt sich frei. Hier in der Gegenwart, dem Unwetter ausgesetzt, nur von einem dünnen Stoff geschützt. Sie muss an die großen und alles zerstörerischen Wellen denken, die von weit draußen mit Urgewalt über den Strand schwappen. Alles Schwache wird hinweggefegt und in die unergründliche Tiefe gerissen. Der Deich, von Menschenhand gebaut, empfängt die Wasserflut und leitet sie sanft in die Höhe. Das Wasser verliert seine Kraft. Es fließt langsam wieder zurück in die See.

Es mag vielleicht eine Minute vergangen sein. Langsam kommt sie wieder zurück in die Gegenwart, kann sich von den schönen Stunden in der Jugendzeit gedanklich wieder lösen. Ihr wird plötzlich bewusst:

Ich kann hier nicht weiter im Nachthemd stehen bleiben! Die Verantwortung für meine Familie hat Vorrang. Eine Erkältung zu bekommen, durch meinen Leichtsinn … nein, das geht nicht.  

Ein kleiner Schritt zurück. Das Rauschen des Windes ist durch die geschlossene Tür noch schwach zu hören.

Die Deckenbeleuchtung braucht sie nicht mehr. Das Licht von der Stehlampe reicht vollkommen aus. Das schwarz lackierte Klavier steht hinten im Wohnzimmer. Neben dem Klavier steht eine kleine Kommode für die Noten. Sie blickt auf die große Standuhr. Schon zu spät. Ungeachtet der leichten Bekleidung setzt sie sich an ihr Klavier. Sie spürt keine Kälte, weder an den Beinen noch am übrigen Körper. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen ein Gedicht zu vertonen. Ein Gedicht von Friedrich de La Motte Fouqué.

Ein stiller Beobachter sieht eine jung verheiratete, 31-jährige Frau auf dem Klavierhocker mit ungekämmtem Haar und leicht geöffnetem Nachthemd.

Umgeben von den gedämpften Hintergrundgeräuschen baut sie eine emotionale Verbindung zu den Liedversen des Gedichts auf. 

Zuerst wird die Singstimme auf die Notenblätter geschrieben. Danach entsteht die ausdrucksstarke Vertonung.  

In dem Gedicht von Fouqué wird auf emotionale und dramatische Weise ein Mann beschrieben, der als Leuchtturmwärter bei Sturmflut für die Sicherheit der Schiffe an der Küste sorgt. Der starke Glaube an Gott gibt ihm Mut und Kraft, als Mensch den Naturgewalten zu trotzen.

Erna ist so in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht bemerkt, wie die Tür aufgeht. Ihr Mann steht im Türrahmen. Mit einem lauten Räuspern macht er auf sich aufmerksam. „Das ist schon sehr ungewöhnlich, dass du in der Nacht komponierst“, brummt er mit tiefer Stimme in den Raum hinein. Er bekommt keine Antwort und wird ungeduldig. „Chérie …, es ist kurz nach zwei Uhr.“ Erna dreht ihm langsam den Kopf zu. „Ja, ich kann nicht anders. Kannst du das verstehen? Ich brauche hier nicht mehr lange, dann komme ich zu dir ins Bett.“ Wilhelm, ihr Mann, nickt zustimmend mit dem Kopf. Leise schließt er die Wohnzimmertür. Noch bevor er das Wohnzimmer verlässt, ist sie in Gedanken bereits wieder bei der See, den Sturmgewalten und dem Leuchtturmwächter.

 

Track 1

Titel: Turmwächters Lied

Liedtext: Friedrich de La Motte Fouqué

Komposition: Erna Becker-Ernst


01 Turmwächters Lied

Hier im Browser anhören: Turmwächters Lied

Groden – Kindheit an der Nordsee

Der Klang des Pfarrhauses

1891 – Groden – Ortsteil von Cuxhaven (seit 1935)

Die Glocken der Grodener St. Abundus Kirche läuten das Ende des Gottesdienstes ein. Der Pastor Carl August Becker spricht für die Kirchenbesucher den Segen. Anschließend singt die Gemeinde in Begleitung der Orgel das Abschlusslied. Der sonntägliche Gemeindegottesdienst ist zu Ende und die Kirchenbesucher streben langsam dem Ausgang zu. Ihr Pastor ist nicht mehr zu sehen. 

Die Zeit drängt. Heute bekommt er Besuch von Freunden aus Cuxhaven. Die übliche Verabschiedung der Gläubigen am Kirchenausgang muss heute ausnahmsweise entfallen.

Herr Becker verlässt die Kirche schnellen Schrittes durch den Hinterausgang. Der Weg ist kurz. Das Pfarrhaus ist nur ein paar Schritte von der Kirche entfernt. Lediglich die Hauptstraße muss er überqueren. Das Pfarrhaus ist sein Amtssitz. Für die Zeit der Berufung als Pastor darf er hier mit seiner Familie wohnen.

Seit sieben Jahren begleitet Wilhelm Quietmeyer den Gottesdienst in Groden mit der Orgel. Bei Krankheit und Urlaub wird er durch einen Kollegen aus Cuxhaven vertreten.  

Das Dorf hat großes Vertrauen zu ihrem Hauptlehrer, Kantor und Organisten. Sein markantes, nordisches Profil und sein strenger Blick sind Teil seiner Persönlichkeit. Das äußere Erscheinungsbild täuscht. Seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wird im Dorf geschätzt.  

Das Schlusslied ist verklungen. Jetzt wartet er noch eine Weile auf der Empore. Die Noten kommen in seine abgetragene Ledertasche. Bedächtig geht er die Holztreppe herunter. Am Treppenaufgang sieht er Frau Becker, die offensichtlich auf ihn wartet. Christine Becker ist Anfang dreißig. Ihre weichen Gesichtszüge verdecken ihre Ernsthaftigkeit.

Sie nimmt Blickkontakt zu dem Freund der Pastorenfamilie auf und beginnt das Gespräch mit einem schmeichelhaften Lob:

„Herr Quietmeyer, Sie haben heute wieder so schön auf der Orgel gespielt.“

„Ja, vielen Dank Frau Pastor für die gutgemeinte Anerkennung.“ Er hakt aber sofort nach: „Ich könnte mir vorstellen, dass dies nicht der einzige Grund ist, mich hier anzusprechen.“

„Nein, Herr Quietmeyer, das ist es nicht. Ich habe eine Frage zu unserer jüngsten Tochter Erna.“

„Ja?“

Der Organist runzelt die Stirn. Er spürt ihre Unruhe. Sie kommt sofort zur Sache.

„Erna bekommt bei Ihnen seit gut einem Vierteljahr Klavierunterricht. Und da …“

Herr Quietmeyer fällt ihr ins Wort:

„Und da wollen Sie mich fragen, wie es so bei ihr läuft?  Nun, ich halte Ihre Tochter für sehr talentiert. Das kann ich schon nach der kurzen Zeit sagen. Im Gegensatz zu den anderen Schülern, die ich bisher unterrichten durfte, ist sie nicht nur zielstrebig und gewissenhaft, sondern sie hat eine Gabe, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe … Erna feiert in zwei Wochen ihren sechsten Geburtstag, nicht wahr?“

„Ja, das stimmt!“

„Nun, es reicht natürlich nicht aus nur zielstrebig zu sein. Nach meiner Meinung ist es erforderlich Musik emotional zu erleben. Erna ist ein empfindsames Kind, hat eine schnelle Auffassungsgabe. Einmal von mir erklärt und schon hat sie es im Kopf gespeichert. Ja, liebe Frau Becker, das ist erst einmal alles, was ich in der kurzen Zeit über Ihre Tochter Erna sagen kann. Wenn sie so weitermacht, dann…“

Ihm fehlen die Worte, er muss lächeln. 

„Das ist schön zu hören und freut mich.“ Die Erleichterung ist ihr anzumerken. Sie hält inne. „Entschuldigung, dass ich so kurz angebunden bin, aber ich muss nach Hause, das Mittagessen für meine Familie vorbereiten. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag und grüßen Sie bitte Ihre Frau von mir.“

Bevor der Organist etwas entgegnen kann, ist sie schon auf dem Weg in Richtung Pfarrhaus.

 

*

 

Wie war das? … Zuerst ein Ton … dann vier schnelle hintereinander, dann zwei Töne etwas langsamer … und das, das nennt man einen „Pralltriller“. Mozart hat den in einer Sonate, die meine Schwester üben soll. 

Schön ist diese Sonate, sehr schön! Ganz anders als die Sonatinen von Clementi oder Kuhlau, die ich spielen muss, weil mein sechsjähriges Gehirn und die Hände für einen Mozart noch nicht reif und tauglich sind … Und – überhaupt „Sonatinen!“. Unerhört! Weshalb nicht auch Sonaten? Voller Neid und in meinem Ehrgeiz gekränkt schleiche ich mich ins Musikzimmer, wo gerade meine Schwester diesen interessanten Pralltriller übt. Ich setze mich auf einen Stuhl, dem Klavier gegenüber, und beschatte mein armes, sich mit dem Pralltriller abquälendes Schwesterlein, deren Kopf rot und immer roter wird vor Erregung und verhaltenem Groll über diese Mozartsche Verzierung. 

Also – wie ist das doch noch: zuerst ein Ton! Peng! Der sitzt – So! Nun die vier anderen Töne schnell hinterher. Hoppla! … Naa – naa! So geht das nicht. Das purzelt alles durcheinander. – Carlas Finger ballen sich zur Faust. Sie sausen weit ausholend auf die Tastatur herab. Peng! Gab das einen Ton – Scheußlich. Ich wippe auf dem Stuhl hin und her. Kaum noch zum Aushalten… Aufspringen und Vormachen. Ich habe ja längst kapiert. – Aber der schuldige Respekt vor der Älteren gebietet mir Mäßigung. Also noch einmal. Zuerst ein Ton: Ja. Der war immer gut und klar. Nun die vier anderen schneller hinterher … halt! Halt! Nein! Das ist schon wieder missglückt. So geht das nicht. Die Fingerchen schaffen es nicht. Alles geht über- und untereinander… und morgen ist Klavierstunde … „Was muss dieser Mozart auch so’n Zeug schreiben, was man doch nicht spielen kann …“ Und noch einmal. Nur Mut! Erfolglos, ganz und gar falsch. 

Carlas Köpfchen ist nunmehr wie in Glut getaucht; sie atmet nicht mehr, sie faucht vor Wut. Nun halte ich es nicht mehr aus. Ich stehe auf, schiebe mich vorsichtig ans Klavier und sage sanft: „So musst du das machen.“ Meine rechte Hand liegt noch nicht auf den Tasten, da saust auch schon eine Faust auf mich herab, trifft mich irgendwo, und zwar ziemlich schmerzhaft. Dann rast schemenhaft jemand an mir vorbei zur Tür hinaus. Als diese krachend ins Schloss fällt, wird mir bewusst, dass ich allein bin. Jetzt erst komme ich zu mir. Wozu die Wut ? Ich hab noch nur helfen wollen! Ich fühle, wie mir heiße Tränen über die Wangen rollen. Oh, Mozart!

 

*

 

Zu unserem Pfarrhaus gehört ein großer Garten, in dem es für uns Kinder immer etwas zu entdecken gibt. Ein schmaler Sandweg teilt den Garten in zwei Teile. Eine hohe Hecke grenzt das Grundstück von der dahinterliegenden Hauptstraße ab. Auf der anderen Seite befindet sich ein breiter Graben, der die Grenze zum Nachbarn bildet. Im vorderen Teil gibt es eine Holzbank, über der sich ein Eisengitter für Rankpflanzen befindet. Nicht weit davon entfernt duften im Sommer verschiedene Strauchrosen in einem längsgezogenen Beet. Herrlich! Unweit vom rückwärtigen Hauseingang befindet sich eine kleine Wiese. Hier wird die Wäsche zum Trocknen aufgehängt oder zum Bleichen ausgelegt. Nicht weit vom Haus entfernt steht am Grabenrand die Villa, oder besser noch ein gewisses Häuschen. Es ist mit Pfählen über dem Graben gebaut … der wonnigste Aufenthalt für uns Kinder. Dort gibt es drei Sitze; davon zwei größere für Erwachsene und einen kleineren für Kinder. Wir haben aber reichlich Platz in unserem Häuschen. Die Tür ziert zwar kein eingeschnittenes Herz, erfreut aber die Familienmitglieder. Zwei Fensterchen gestatten die Aussicht auf die Umgebung und den in allen Farben schillernden Graben. Und hier hinein fallen viele der kostbaren gelben, rotbackigen Birnen. Ach, alle Birnensorten in unserem Garten sind für uns Kinder nicht mit dieser Sorte zu vergleichen. Die Früchte des Birnbaums schmecken mir besonders gut, vielleicht weil der auf der anderen Seite des Grabens steht und dem Nachbarn gehört. 

An der rückwärtigen Grenze ist mein Lieblingsbaum, eine Blutbuche. Auf Schulterhöhe ragen die Äste herunter, so kann ich leicht bis in die Baumkrone hinaufklettern.

Zwischen zwei Weidenbäumen ist eine Schaukel aufgehängt. Sie schwingt mich hoch in die Lüfte. Morgens früh, wenn die Sonne aufgeht und alles umher duftet, dann stürme ich aus dem Haus hinaus, auf die Schaukel. Nach ein paar Schwüngen bin ich schon hoch in den Lüften und singe Choräle. Ich singe die ersten drei Strophen von „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, recht laut, aus frohem Herzen. Der liebe Gott da oben im Himmel wird bestimmt seine Freude daran haben.

Dass Mutter uns beinahe jeden Morgen beim Haare machen etwas aus irgendeiner der vielen Flaschen auf dem Waschtisch in die Kopfhaut einreibt ist interessant! Aber – was kann das sein? Unserer Ansicht nach sind wir alt und erfahren genug diese Prozedur an uns selber auszuprobieren.  

An einem Wochenende, am frühen Morgen, ist es spruchreif. Carla opfert ihren Kopf. Ich beschaffe das probate Mittel und reibe es ihr auf dem Kopf ein … Die Eltern schlafen fest. … Die Tür zu ihrem Zimmer hin steht halb offen. … Ich hinein. … Leise, leise zum Waschtisch. … Fühlen, tasten. Nur vorsichtig. … Die Finger greifen ins Leere. … Weiter. … Ach! Da! Flaschenköpfe, … ich fühle deutlich die Korken. … Sie haben alle verschiedene Größen. Welche von ihnen ist es? Ach was, nur nicht bange werden. Hier, diese dicke große Flasche! Gewiss, die ist es, jawohl! … Die fühlt sich auch so klebrig an … fest zupacken, sonst fällt sie noch aus der Hand. … So! … Ich hab sie. … Leise, leise wieder ins Nebenzimmer.

Carla schlüpft zum Bettchen heraus. Genau wie bei Mutter werden die Haare gelöst. Sie setzt sich feierlich auf einen Stuhl. Prachtvolle, lange, goldblonde Haare – Friesenhaar. – So … „Du musst den Kopf etwas mehr nach hinten tun…“ Nun gieße ich in meine linke hohle Handfläche das herrliche, gelbe Öl; es ist so dickflüssig. Jawohl, das muss das Haaröl sein! 

So, nun rauf den Kopf. Das glückt. Und nun einreiben. Feste, feste, immer tüchtig einreiben…. aber … mh, mh, wie riecht denn das nur?

„Du Carla, … mh mh puh! … Du, das … das stinkt aber fürchterlich. Was mag das sein? Wenn das nur nicht … Ach was, das sind die Haare, die so duften. Das verfliegt wieder…“

In meinem Eifer gieße ich noch einmal eine tüchtige Portion in die hohle Hand.

„Du, wenn du fertig bist, musst du mich aber auch …“

„Natürlich, mach man … Es ist genug! Nun auskämmen … Au! Mensch! Du reißt mir ja die Haare vom Kopf!“

„Ja, das geht nicht anders, das Haar klebt so aneinander!  Mh, mh! Und … das … stinkt!“

„Au, hör auf. Das kann man nicht aushalten.“

Ich lasse den Kamm sinken.

„Ja du! Wir müssen das Haar glatt kriegen, sonst gibt es Haue. Mh, mh, riech wie das stinkt!“

Ich versuche ihr Haar wieder zu striegeln, umsonst. Carla springt auf.

„Lass, ich kann das nicht aushalten! Was denkst du denn!“

„Ja, – aber Mama!“

„Ich gehe wieder ins Bett“, erwidert Carla kurz und knapp. Mit diesen Worten setzt sie sich die Nachthaube auf und kriecht wieder ins Bett. Und da steht die Flasche. Die Flasche mit dem gelben Öl, das so dick durch die Finger rinnt und das Haar verklebt, so stark, dass der Kamm nicht mehr hindurchkommen kann. Ich blicke auf meine Hände. „Mh, mh… bah!“ Wie das stinkt, regelrecht zum Himmel stinkt das. Es geht nicht anders, einfach abwischen und ins Handtuch damit! Dann auch ins Bett. Aber meine Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer. Was wohl Carla jetzt denkt?

„Du, Carla?“

Keine Antwort. Wer schläft, sündigt nicht. Die schläft immer. Der ist es egal, dass ich nun mit klopfendem Herzen an die bevorstehenden Prügel denke.

„Du, Carla?“

„Was denn?“, bekomme ich als Reaktion in einem äußerst ärgerlichen und ungeduldigen Ton zu hören.

„Aber ich möchte doch nur der Sache auf den Grund gehen und wissen was schiefgelaufen ist.“

„Kannst du nicht lesen, was auf der Flasche steht?“

„Ich bin noch nicht so weit, alle Buchstaben kann ich noch nicht.“

„Ich auch nicht. Lass mich in Ruhe, ich will schlafen.“

Und schon sägt sie wieder los. Undankbare Kreatur! Ich habe mich abgequält … und nun? „… Mh, mh!“  Nun stinkt auch noch das ganze Zimmer.   

Doch, mal sehen … Ich schleiche zur Flasche. Da stehen die Buchstaben e, zweimal, auch das a und das n ist mir geläufig, aber die anderen? Mal riechen …

Aus der Stille werde ich mit den Launen meiner Schwester konfrontiert. „Du mach dich jetzt ins Bett!“ Offensichtlich wird Carla mir gegenüber böse. Schon klar, ich störe sie bei ihrer albernen Schlaferei. Welch ein Gegensatz! Bei mir ist an Schlafen nicht zu denken. Aber was kann ich jetzt machen, außer meine klebrigen, stinkenden Hände unter die Bettdecke zu legen? 

Nach meinem Gefühl vergeht die Zeit nur langsam, viel zu langsam. Aber nun ist es so weit. Wir müssen endlich aufstehen. Und nun? Mama kommt zum Haare machen … Du lieber Himmel. Sie steckt die Nase in die Luft und schnüffelt. „Mh! Mh! Wie riecht es denn hier?“ Schweigen auf allen Seiten. Da kommt mir der rettende Gedanke. Ich dränge mich vor, lasse mir zuerst die Haare machen. Dann schleunigst durch die Binsen. Nach mir die Sintflut. Mochte Carla sehen, was wird.  

Ich habe nicht erfahren, was Mama nach der Kopfwäsche gesagt hat. Das Rätsel des Flascheninhalts hat sich für mich sozusagen über den Tag aufgelöst. Vor dem Morgenkaffee und dann noch zwei Mal am Tag bekamen wir aus der betreffenden Flasche mit dem gelben vorzüglichen Haaröl je einen Löffel „Lebertran“.

 

*

 

Weihnachtszeit.

„Erna?“

Keine Antwort. Jetzt kommt ein energisches „Erna!“ mit Ausrufezeichen. „Wo steckst du?“.

Aus dem Flur kommt ein leises „Ja?“.

Meine Mutter kommt mir aus der Küche entgegen.

„Ich habe einen Gugelhopf gebacken für unsere Dorfälteste, damit sie eine kleine Freude hat. Du kennst sie ja und weißt, wo sie wohnt. Es ist ja nicht weit von hier. Nimm das und sage ihr einen schönen Gruß.“  

Ich mache mich auf den Weg zur Papenstraße. Die Haustür ist nicht verschlossen. Über den Flur gelange ich in das Wohnzimmer. Die Frau sitzt friedlich in ihrem Lehnstuhl und schläft. Das Päckchen lege ich vorsichtig auf den Tisch, murmele einen Gruß, schließe vorsichtig die Tür und verlasse leise das Haus.

Wie sonst üblich laufe ich nicht nach Hause, sondern ich gehe. – Tick – tack – Tick – tack. Die Zeiger der alten Uhr gehen mit. Und da – da fallen mir plötzlich die letzten Worte eines Gedichts vom Schulunterricht ein. Es endet mit den Worten: „Ich wollt’, ich hätte so gewusst am Kelch des Lebens mich zu laben und könnte am Ende gleiche Lust an meinem Sterbehemde haben.“[1] – Diese Worte habe ich nie recht verstanden. Sollten sie hier Wahrheit und Erklärung bringen? In meinem Kopf ergibt sich spontan eine Verbindung zwischen den Versen des Gedichts zu meinem Besuch. Aber das Mütterchen ist doch keine Waschfrau! Das nicht, aber sie hat ihr Leben lang gearbeitet und arbeitet immer noch hochbetagt für ihre Lieben. Trotz vieler Entbehrungen meistert sie mit Würde und Fleiß ihr Schicksal.

Daheim werden Weihnachtslieder gesungen… Ich höre die Uhr und ich sehe die alte Frau und leise klingt es in mir. „Ich wollt’, ich hätte so gewusst …“

 

Der erste große Verlust

Meine Mutter liegt im Sterben. Die Ärzte können ihr nicht mehr helfen. In ihren letzten Stunden auf ihrem Weg in die Ewigkeit wird sie von der Familie begleitet. Wir Kinder, Edgar, Hellmuth, Carla und ich gehen noch zur Schule.

Ich frage mich, warum gerade jetzt. Wir sind noch so jung. Warum trifft es unsere Familie? Fragen, die unbeantwortet bleiben.    

Ich trete an ihr Bett. Geräuschlos weicht meine Schwester zur Seite. Seit meine Mutter das Bett nicht mehr verlassen hat, kümmert sich meine ältere Schwester aufopfernd um die Pflege. In ihren letzten Stunden sind die weißen Kissen schon zurechtgelegt. Der Tod steht freundlich wartend an der Tür. Bestimmt sind deine Träume schon da drüben, nicht hier – nicht hier.

Im Kindesalter von acht Jahren ist der Tod der Mutter nicht begreifbar. Es entsteht ein Chaos im Kopf. Bei mir jedenfalls. Normales Denken ist nicht möglich. Man fühlt sich hilflos und alleingelassen. Der innere Schmerz breitet sich langsam aus. Was bleibt, ist eine große Traurigkeit und Leere. So ist das bei mir am Dienstag, dem 13. Februar 1894, als meine Mutter stirbt.  

Unter großer Anteilnahme der Dorfbewohner erfolgt drei Tage später die Beisetzung. Am Grab laufen mir dicke, heiße Tränen über das Gesicht. Woran ist sie gestorben? Später habe ich erfahren, dass es eine Infektionskrankheit war.  

Im Alter von 14 Jahren, also sechs Jahre später, habe ich meine Gefühle in eigener Musik ausdrücken können. Das Gedicht „Das Kind am Grabe meiner Mutter“ ist ein nachträglicher Ausdruck des unersetzlichen Verlustes meiner Mutter. Den Verfasser des Gedichts kenne ich nicht, konnte ihn nicht ermitteln.

Der Verlust eines lieben Menschen ist unwiederbringlich. Es ist Schicksal und schmerzliche Erkenntnis zugleich. Zugleich ist es aber auch der unausgesprochene Appell, sich den täglichen Anforderungen des Lebens zu stellen, mit dem eigenen Leben sorgsam umzugehen und das eigene Glück im Leben nicht zu vergessen. 

 

*

 

Oh, diese Carla! – Diese Carla mit ihrer Vorliebe zum Schlafen! Wer beizeiten zu Bett geht, kann doch am anderen Morgen auch beizeiten wieder aufstehen. Aber Carla denkt anders darüber … Sie geht zwar beizeiten zu Bett, steht aber nicht beizeiten wieder auf, sondern sogar sehr spät. Ich bin Frühaufsteher und daran ist die Sonne schuld. Sobald ich durchs Fenster sehe, kann ich nicht mehr im Bett bleiben. Dann hinaus in den Garten, in all die Pracht und spielen. Aber das geht nicht, denn aus dem gegenüberliegenden Bett knurrt eine schläfrige Stimme:

„Wenn du aufstehst, bin ich dir böse.“ – Dieses Bösesein!… Diese furchtbaren Worte: Ich bin dir böse! … Carla bringt es fertig, mich den ganzen Tag einfach nicht zu sehen … Ich bin Luft für sie – Luft! Wer soll da mit mir spielen? Wer mit mir in die Blutbuche klettern und singen und lachen? Wer soll mit mir auf den ausgehöhlten Stamm einer alten Kopfweide sitzen, die schräg überm Wasser steht? Es ist uns schon so oft verboten worden, uns dorthin zu setzen, weil der Stamm von der Last befreit abbrechen und in den Graben fallen könnte … Aber das ist ja gerade so anziehend und reizvoll; deshalb sitzen wir sogar sehr oft da. 

Wir sitzen oft am Grabenrand, angeln mit einem Kescher die Früchte von der gegenüberliegenden Grabenseite zu uns heran und beißen sofort gierig hinein. Und wer soll diese Birnen mit mir zusammen einsammeln, wenn Carla mir böse ist? Zwei Personen braucht man dazu. Vor nichts habe ich solche Angst, wie vor diesem „Bösesein“; und keiner versteht es so gut wie Carla! Ich kann es nicht … Dieses „Immer-dran-denken-müssen“ ist mir zu langweilig und zu unbequem.

Um diesem Strafgericht zu umgehen, ziehe ich den schon unter der Bettdecke herausgestreckten Fuß dann doch lieber wieder ins Bett zurück, wenn Carla knurrt. Und heute ist es schon 9 Uhr. Wenn doch – ja, was, wenn doch? Carla schläft noch fest. Wenn ich doch irgendetwas hätte, sie zu stören. Ich sehe mich um. Aha! Da, ein Fetzchen Papier. Leise, leise zum Bett hinaus. Ich habe kaum die Hand danach ausgestreckt, da kommt’s auch schon:

„Gehste ins Bett?!“

Also wieder in die Kiste! Ich forme nun Papierkügelchen und werfe sie mit dem Geschick, dem Übung vorausging, der schon wieder Schlafenden ins Gesicht. Die zuckt einige Male mit dem Näschen, dreht sich aber dann, als es ihr lästig wird, mit dem Gesicht der Wand zu – und schläft einfach weiter. Damit ist es also nichts mehr. Was nun? Jetzt nur nicht aufgeben!

Ich schleiche mich wieder aus dem Bett, hinter das Kopfende der Ahnungslosen und versuche, mit einem Wollfaden in ihre Nasenlöcher einzudringen. Da wird sie aber wild. Sie kommt mit dem Oberkörper hoch und schwört bei nochmaliger Störung ein „Bösesein den ganzen Tag“.

Ich steige also wieder ins Bett. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass alles noch viel schlimmer kommt als gedacht. Carla, nun vollends munter, hat sich ein Buch geschnappt und fängt in aller Seelenruhe an darin zu lesen. Jetzt ist alle Aussicht, endlich aufstehen zu können, dahin, denn wenn Carla einmal angefangen hat zu lesen, dann kann es Stunden dauern! Aber da draußen lacht die Sonne, die Schwalben fliegen vorm Fenster hin und her. Ich sehe ihre Schatten, ich höre die Hühner gackern. Die Stimmen der Kinder auf der Straße sind nicht zu überhören – und ich? Ich muss hier im Bett liegen. Hm! 

Nachdenklich und der Verzweiflung nahe, setze ich die Zähne in die Unterlippe und ziehe die Luft durch … Das gibt einen leisen, zirpenden Ton – das gefällt mir. Ich zirpe also weiter in allen möglichen Lautstärken … Jetzt lässt Carla das Buch sinken und hebt den Kopf. Ich höre auf – will sie nun aufstehen? Gedankenvoll sieht sie zu meinem Fenster hin – und liest weiter. Ich zirpe wieder. Nach einer Weile geschieht dasselbe. Carla legt das Buch wieder auf die Decke und sieht aufmerksam zu mir herüber. Schließlich frage ich sie:

„Hörst du was?“

Ein Brummen ist die Antwort, dann liest sie weiter. Und ich zirpe weiter – mit demselben Erfolg. Wieder frage ich sie mit einem scheinheiligen Unterton:

„Was hörst du eigentlich?“

„Nichts!“

In der Tat nichts, ich zirpe ja auch nicht mehr.

Unten im Flur schlägt die große Standuhr gerade zehn Uhr. Ich lege mich nun auf den Bauch, stütze den Kopf in beide Hände und zirpe wieder. Jetzt wird Carla grundsätzlich.

„Du! Sieh doch mal nach! Da, an deinem Fenster, da muss irgendwo eine Fliege in ein Spinnennetz geraten sein. Das arme Tier!“

Nun lausche ich auch.

„Ich höre nichts!“

„Ja, nun ist’s wieder still!“

Carla liest wieder, und ich zirpe wieder. … Es dauert nicht lange, dann schaut sie wieder von ihrem Buch auf und meint lakonisch:

„Nee – nun ist’s wieder still. Die Fliege kann wohl nicht mehr. Vielleicht ist sie tot.“   

Ich kann auch nichts hören, so sehr ich mich auch anstrenge. Also kehren wir beide zu unserer Beschäftigung zurück. Carla wird unruhig.

„Da! Da ist sie wieder. Sie lebt noch. Ganz laut höre ich sie jetzt.“

Jetzt habe ich begriffen! Diese Fliege war ich! Das muss unbedingt ausgenutzt werden, zu meinem Vorteil. Unbedingt muss ich jetzt weiter zirpen. Mit Erfolg! Carla ist von dem Geräusch ganz aufgeregt. Sie versucht das Geheimnis zu ergründen mit der Aufforderung an mich:

„Hörst du? Hörst du? Das ist sie wieder. Steh doch mal schnell auf und sieh nach. An deinem Fenster, da muss sie sitzen, daher kommt der Ton. Sie mal zu, vielleicht kannst du sie noch retten.“

Nichts lieber als das. Husch aus dem Bett heraus und kräftig dabei zirpen. Gar nicht so einfach, denn meine Lippen fangen an zu schmerzen. Der Ton leidet auch darunter. In der Not versuche ich es nun mit der Zunge. Ei, sieh mal an, wie prächtig das gelingt. Das klingt ja noch natürlicher. Und dann kommt noch mein Bemühen hinzu, die arme Fliege zu finden und aus der vermeintlichen Notlage zu befreien. Eifrig suche ich nun mal oben, mal unten, mal in der Breite, mal in der Länge, an der Fensterbank, dem Heizkörper und auf dem Teppich. Leider vergebens, ich kann die Fliege natürlich nicht finden. Und Carla sieht zu, ist ganz in Erwartung und wartet auf ein Ergebnis. Scheinbar hilflos sehe ich zu ihr herüber.

„Ich kann hier nichts finden, leider.“

Nun ist die Ungeduld und Neugier in ihr geweckt und sie will der Sache selbst auf den Grund gehen. Kurz entschlossen steht sie aus dem Bett auf und beginnt mit der Suche. Ich stehe hinter ihr. Das Geräusch der Fliege kommt über meine Lippen, aber nur kurz. Nur jetzt nicht anfangen zu lachen! Die Aufmerksamkeit meiner Schwester darf nicht nachlassen!  

Also führe ich sie bewusst auf eine falsche Fährte.

„Da ist es, da – gerade wo du stehst! Sieh doch mal hin!“

Mein rechter Arm zeigt in die untere Ecke am Fenster. Auf meinen Hinweis sucht sie eifrig die Stelle an der Heizung ab.

„Ich kann nichts finden, auch kein Spinnennetz!“

„Das ist doch eigenartig! Wir haben es doch beide gehört, nicht wahr?“, ist meine scheinheilige Antwort. Zu meinem Erstaunen werden meine Worte unvoreingenommen bestätigt.

„Jawohl! Ich habe es auch gehört! Nun ist alles wieder still. Sie ist wohl tot.“

Nun bücke ich mich tief zum Fußboden herunter und zirpe wieder.

„Da ist sie wieder. Da, dicht bei dir … merkwürdig, wie der Schall sich ändert. Mal hier, mal dort.“

Voller Elan suchen wir weiter, und ich zirpe von Zeit zu Zeit. Leider ohne Ergebnis, gefunden haben wir nichts. Aber Carla ist aus dem Bett. Wenn sie aber einmal heraus ist, dann geht sie auch nicht wieder hinein Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass ich an diesem Vormittag keine Fliege gesehen habe, die ins Spinnennetz geraten ist.

 

*

 

Die private Einquartierung von Soldaten ist i ein Ausdruck von menschlicher Hilfsbereitschaft und Anteilnahme. Mit Erlaubnis meines Vaters haben sich bei uns zwei Soldaten für mehrere Wochen im Pfarrhaus einquartiert. Eine größere Militärübung soll im Raum Cuxhaven stattfinden. Die Unterbringung für diese Zeit muss aufgrund der begrenzten Unterkünfte in der Kaserne anderweitig organisiert werden. In Absprache mit dem Militär stellen ausgewählte Familien die erforderlichen Räume für die Übernachtung mit teilweiser Verpflegung den auswärtigen Soldaten zur Verfügung.

Manchmal ergibt sich so für meinen Vater die Gelegenheit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Für uns Kinder ist es ein besonderes Erlebnis, Menschen kennenzulernen mit all ihren Geschichten und Eigenarten. 

Einquartierung! Au fein! – Unsere beiden heißen Himbuck und Burgmann. Der eine schmal und lang, der andere schmal und klein. Unten im Souterrain, in der Plettstube, haben sie ihr Quartier … Ach, ist das eine Wonne, da immer mal wieder hinunterzuschleichen … da, gleich neben der Tür, stehen gewöhnlich die beiden Gewehre! Wir stehen andächtig davor und gucken. Nicht anfassen. Also damit … hm, damit schießt man Menschen tot. – Furchtbare Dinger, die. Aber blitzblank sind sie und das Leder riecht so schön. Und da liegen die Tornister! Mal untersuchen? Lieber nicht!  

Carla sympathisiert mit Himbuck. Wenn er morgens aufsteht, ertönt es lauthals aus dem Keller: „So, nun aber raus mit dem Mix-Pickel!“ Dieser fröhliche Ausruf am Morgen gefällt ihr gut und wird bei passender Gelegenheit wiederholt. Ich mag Burgmann lieber, obgleich er mich oft auf die Schulter heben und mit mir weglaufen will.

Und unser Vater, der sitzt gern mit ihnen zusammen und erzählt von dem Krieg 1870/71, bei dem er als Freiwilliger teilgenommen hat. Alles lauscht … alles ist ganz Ohr.

Himbuck und Burgmann haben nach zwei Wochen das Haus wieder verlassen, tief betrauert von uns. Zum Abschied haben wir den beiden ein Blümchen geschenkt.

 

*

 

Der freie Blick über Groden ist immer wieder schön. Ich sitze im Kirschbaum hoch oben in der Spitze. Da wachsen die dicksten und reifsten Früchte in unserem Garten. Vor mir die hohe Hecke, dahinter die Straße. Mein zehnjähriger Magen hat Hunger. Also essen, essen, Kirschen essen, so lange bis … Ja, was ist denn da los? Was ist denn? … Die Menschen, alles strömt mit Entsetzensrufen die Straße entlang an mir vorbei.

„Was ist los?“ frage ich vom Baum herab.

„Da hat sich einer aufgehängt … Da am Weg rechts – im Gebüsch.“

Vorbei ist der Sprecher. Jetzt schnell herunter von meinem Hochsitz, mit kühnem Sprung auf die Straße springen und den Kindern folgen.  

Eben schlägt die Turmuhr des Dorfes ein Uhr am Mittag. Die Sonne brütet heiß. Die Füße brennen. Ich laufe schneller.

„Wo, wo ist die Stelle?“, frage ich aufgeregt die Kinder.

„Da!“

Links von mir stehen mehrere Jungen und Mädchen, eifrig gestikulierend. Wie ein weißes Band hebt sich die Straße mit dem grünen Randstreifen und dem Gebüsch rechter Hand ab. 

Dann sehe ich Fußspuren im hohen Gras. Ich nehme allen Mut zusammen und gehe als einzige dorthin, langsam, bedächtig, meine Augen sind halb geschlossen. Ich versuche in meinem Kopf alles zu ordnen, was aufgewühlt ist, was wie Angst und Schrecken aussieht. Und dann? Dann stehe ich vor ihm. Ich stehe vor dem jungen Burschen, der seinen breiten, ledernen Gürtel um einen kurzen Ast des Buschwerks geschlungen und seinen Hals hineingehängt hat. Die Füße berühren kaum die Erde, die Knie hängen wohl einen halben Meter über dem Boden.

Ich blicke auf den Unbekannten. Seine dunklen Haare stehen zu Berge. Der Hut ist am Gebüsch etwas emporgehoben. Die Fäuste sind geballt. Sein Gesicht ist noch wie lebend, die Backen noch rot. Ich empfinde kein Grauen mehr, trotz des warnenden Gemurmels von der linken Seite. Ich höre Worte wie „Polizei“, „Verbrechen“, „Gefängnis“. Mit der rechten Hand befühle ich die Stirn des armen Burschen. Sie ist noch warm. Sein Leben ist noch nicht zu Ende. Ich drehe mich ruckartig herum. Ich sehe nur in ratlose Gesichter. Mit lauter Stimme versuche ich die Lethargie zu durchbrechen.

„Kommt, helft mir, wir können ihn noch retten, er ist noch warm, er lebt noch!“

Zu meiner Enttäuschung sehe ich nur abwehrende Handbewegungen und höre Entsetzenslaute. Ich trete ein paar Schritte zurück, muss einsehen, dass ich ohne Hilfe nichts weiter machen kann. Ich sehe noch einmal in das junge Gesicht … und gehe traurig nach Hause. Armer Bursche – armer junger Mann – am Wege, am Wege musstest zu sterben.  

Als die Kirchturmuhr die sechste Abendstunde schlägt, gehe ich mit meinem Vater noch einmal an die Stelle. Der Ort wirkt einsam und verlassen. Kein Neugieriger hat mehr Interesse. Im grünen Gras aber liegt die Leiche des jungen Mannes … auf dem Gesicht. Mein Vater ist erschüttert vom Anblick des Toten. Vor ihm liegt ein Mensch! Er stellt sich vor den Unbekannten und segnet ihn mit einem Kreuzzeichen, als sichtbare christliche Geste.

„Ich werde veranlassen, dass er so schnell wie möglich nach Cuxhaven gebracht wird. Komm, lass uns gehen“.

 

*

 

Man sagt, dass die Zeit seelische Wunden heilen kann. Das sagt sich so leicht dahin. Der Verlust der Mutter ist für die ganze Familie endgültig und schmerzlich, hallt lange nach. So gut wie jeden Tag stehe ich am Grab meiner geliebten Mutter und spreche mit ihr. Ich bekomme keine Antwort, doch mein Vertrauen und meine Zuversicht in die Zukunft wird zunehmend gestärkt. Oft ist es nur ein Gruß der Verbundenheit am Grab, manchmal auch ein Blumenstrauß. Meine Geschwister und mein Vater trauern auf ihre Weise und versuchen den Tod zu begreifen, der nicht begreifbar ist.

 

*

 

Beethoven … ist für mich der Ausgangspunkt der Welt! Er ist mein Ein und Alles. Seine Sonaten, vor allen Dingen die erhabenen langsamen Sätze darin, vereinnahmen meine Gefühle, versetzen mich in eine ganz andere Welt. Alles um mich her versinkt, alles. Da ist nur noch Beethoven …

Sein Trauermarsch, ja, der! Den hat mein Musiklehrer mir einmal vorgespielt, zur Erholung, als ich besonders gut geübt habe. Schon das Wort hat so einen schweren Klang. – Trauermarsch – Grab … Also herrscht der Tod … Der Tod. Und was sich mein Köpfchen alles darunter vorstellt, unter dem Begriff Tod.

Beethovens Bild steht auf dem Schreibtisch unserer Erzieherin. Hm! Wie der nur aussieht. So finster, so … Ach was! Das ist ja gerade interessant, so muss er aussehen.     

Ich bin jetzt zehn Jahre alt und spiele schon die leichtesten seiner Sonaten am liebsten die langsamen Sätze, die berühren mich immer ganz eigen. Und mein Herz ist so weich, so leicht empfänglich … Da ist eine Sonate, die hat einen Trauermarsch. Dieser Trauermarsch hat es mir angetan. Abgesehen davon, dass gerade das Wort Trauermarsch einen ganz eigenartigen Zauber auf mich ausübt, ist die Musik noch ergreifender. Zudem hat mein Vater mir in spannendster Weise erzählt, dass er diesen Trauermarsch von einer Militärkapelle hat spielen hören, damals in Frankreich 1870, bei der Beisetzung eines deutschen gefallenen Offiziers, der mit ihm dort als Kriegsfreiwilliger gekämpft hatte. Das schlägt aus meinen Adern! Diesen Marsch muss ich spielen, koste es was es wolle.

Bevor ich starte, gehe ich durchs Haus mit durchfurchter Stirn und gesenktem Kopf – gedankenschwer – ungeachtet dessen, dass mein Vater und meine Geschwister mich kopfschüttelnd und achselzuckend beobachten.

Manchmal wird es mir aber zu viel. Wäre es Sommer gewesen, da hätte ich mich in unseren großen Garten seitwärts in die Büsche geschlagen, oder wäre in die höchsten Äste unserer großen Blutbuche geklettert. Aber es ist tiefster Winter im Dezember. Genauer gesagt ist heute der 24. Dezember!

Ich halte es nicht mehr aus. Eigentlich soll ich mein Weihnachtslied üben – aber das kann ich doch schon längst. Was ist denn bei den großen Heftvorlagen für Klavier im Schrank dabei?

Also hole ich mir den ersten Band Beethoven-Sonaten. Uff! Tief aufseufzend wie nach schwerer Arbeit lasse ich mich auf den Klaviersessel fallen, ich, mit meinen würdigen zehn Jahren.

Ich blättere … Ah – hier ist der Marche funèbre. In der deutschen Übersetzung steht darunter „Trauermarsch“. Welche Vorzeichen sind vorgegeben? Doch sicher b – Beethoven schreibt meistens in b-Tonarten. Ich mag sie auch viel lieber als die Kreuztonarten, denn sie führen mehr in die Tiefe. Also los – wie viel Bes sind es? 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7! Au weia, sieben Bes! Ja, die kenne ich doch noch gar nicht. Gibt es denn so viele, oder hat sich Beethoven verschrieben? Unsinn, der verschreibt sich doch nicht. Ich überlege hin und her – ohne Resultat. Was nun?, Na, 5 Bes kenne ich allenfalls. Hm! Die Oktaven, die sind kaum zu greifen, erst recht nicht die Akkorde. – Ach was ! Es muss gehen! Und es geht, wenn auch sehr mangelhaft. Kleine Finger können Oktaven mit den Zwischentönen nicht greifen. Es muss aber gelingen. Ich versuche, ich probiere, ich räkele, reiße, strecke die Finger nach allen Richtungen hin. Es hilft nur wenig. Mir genügt es. Nun übe ich den Trauermarsch mit einer eigentümlichen Beharrlichkeit, was Musik angeht; lasse mich von den Tönen treiben, gehe versunken in Gedanken hinter einem Sarg her, arbeite mich Ton für Ton weiter und schaffe tatsächlich, was kein Müssen fertigbringt. Jeglicher Zwang ist mir zuwider und löst nur meinen Widerstand aus. 

Und ich bin selig – ich habe in meiner Seligkeit ganz vergessen, dass doch heute der 24. Dezember ist. Bereits am Nachmittag beginnt die Abenddämmerung. In anderen Häusern singt und spielt man Weihnachtslieder. Bald werden die Weihnachtsglocken die Heilige Nacht einläuten, doch das Allerschlimmste ist, dass über mir das Arbeitszimmer meines Vaters liegt und er den Trauermarsch hört und – und – und dass… Und schon galoppiert es zu mir, das Unheil!

Trapp, trapp, trapp kommt er die Treppe herunter, geht schnellen Schrittes über den Flur, kommt näher, näher – ohne, dass ich es merke – ich bin ja der Welt entrückt

Und da wird auch schon die Tür aufgerissen, weit – oh, so weit – der eiskalte Hauch vom Flur dringt mir entgegen. – Ich schrecke zusammen, ich sehe auf. Da steht im Türrahmen mein Vater – wie der Erzengel Michael – derselbe, den ich eben noch in voller Uniform hinter einem Sarg gehen sah – weit fort, in Feindesland – in Frankreich. Und in seinem Gesicht dieser Ausdruck.

„Sag mal, was fällt dir eigentlich ein? Jetzt! Heute am Heiligen Abend den Trauermarsch?! Schämst du dich denn gar nicht? Spiele Weihnachtslieder, aber den Trauermarsch lege fort! Verstanden?“

Die Tür schließt sich …. mit einem lauten Knall. Ich bin allein. Ein würgendes Gefühl kriecht mir in die Kehle. Eben noch Trauermarsch – jetzt Weihnachtslieder? Nein! Heute Abend – in zwei Stunden kommt das Christkind hierher! Ich stütze den Kopf in beide Hände. Heute Abend … Lichterbaum, Freude, Jubel, Weihnachtsglocken … Und ich? … Ich gehe in Frankreich hinter einem Sarg her, darin liegt ein gefallener Offizier – Trauermarschklänge … Beethoven ... Ich sehe den Krieg; sehe den Tod! 

Es wird dunkler und dunkler – Ohne Beleuchtung kann ich im Klavierzimmer nichts mehr sehen. Langsam stehe ich auf, schließe den Klavierdeckel. Leicht, behutsam nehme ich den Sonatenband und lege ihn ins Fach. Dann schleiche ich mich heraus, den schweren Rhythmus des Trauermarsches mit mir nehmend. Ich komme mir vor wie ein geprügelter Hund. Im Wohnzimmer sitzen meine drei Geschwister und empfangen mich singend: „Da liegt es, das Kindlein auf Heu und Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh, die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor“. Ich setze mich mit etwas Abstand zu ihnen und versuche mitzusingen, leise – ganz leise … Bald werden die Weihnachtsglocken läuten …

Als die Weihnachtstage vorüber sind und erst einmal Ruhe im Haus einkehrt, frage ich mich, wo mein innerer Kompass zwischen Realität und Phantasie geblieben ist …

 

Spiele, Streit und Fantasie

1896. Zwei Jahre sind seit dem Tod meiner Mutter vergangen. Mein Vater versucht als Witwer möglichst allen Ansprüchen und Wünschen seiner vier Kinder gerecht zu werden, die tagtäglich volle Aufmerksamkeit verlangen. Neben den beruflichen Anforderungen als Pfarrer ist dies auf lange Zeit kaum leistbar. Da ist es schön und hilfreich, wenn unsere Familie unterstützt wird. Bei der Aufsicht und Hilfestellung der Schularbeiten ist unsere Erzieherin nach wie vor eine große Entlastung für meinen Vater. Zuerst an ein oder zwei Tagen in der Woche, dann immer häufiger, unterstützt uns Anna, die 21-jährige Nichte unseres Vaters, im Haushalt. Es verwundert nicht, dass sich bei uns Kindern durch die Fürsorge und menschliche Zuwendung mit der Zeit ein Vertrauen entwickelt hat. Die positive Wirkung ist nicht nur bei uns, sondern auch bei meinem Vater zu spüren. 

An einem Sommertag sucht mein Vater mit uns ein Gespräch.

„Hört mal, Hellmuth, Edgar, Carla und Erna. So kann es nicht weitergehen. Ich habe das Alleinsein satt. Kurzum, ich habe vor, unsere Anna zu heiraten … Was sagt ihr dazu? Für euch wird es keine Veränderungen geben.“

Wir sind alle überrascht, können erst einmal nichts dazu sagen. Was sollen wir auch dazu sagen? Nach einer Woche können wir uns mit seiner Entscheidung anfreunden und freuen uns mit ihm.   

Am 6. Oktober 1896 ist die standesamtliche Trauung zwischen meiner zukünftigen Stiefmutter Anna und meinem Vater. Anna Thiele und Carl August Becker gehen die Ehe miteinander ein. Im Standesamt des Stadtteils Barmbeck-Uhlenhorst in Hamburg wird die formelle Beurkundung vorgenommen. Nach der Trauung lassen wir den Tag in einem Lokal harmonisch ausklingen. Wir Kinder wünschen meinem Vater und Anna eine glückliche Zukunft ohne Sorgen. In meiner Erinnerung an diesen Tag bleibt die Zuversicht.

 

*

 

Trübe Gedanken sind nichts für mich. Sommerferien sind nicht nur zur Erholung wichtig, sondern auch nützlich für Unternehmungen. Ein Ausritt mit Pferden, ja, das wäre schön. Kurzum, meine Stiefmutter organisiert einen Ausritt nach Dobrock, einem kleinen, reizvoll gelegenen Örtchen gen Süden. Das alte Forsthaus, ein umgebautes Waldcafé, ist unser Ziel. Mit dem Pferd sind knapp 40 Kilometer zu bewältigen. Meine Schwester Carla hat keine Lust auszureiten. Auch gut, dann eben zu dritt. Die Pferde Cerberus, Monno und Asto stehen uns zur Verfügung. Begleitet werden wir von Herrn Mehren, einem guten Freund der Familie. 

Der Himmel ist grau in grau, kein Sonnenstrahl, kein Stückchen blau zu sehen. Wind kommt auf. Regenwolken ziehen durch das Land. So ein Pech! Die letzten Häuser liegen hinter uns, da sind auch schon die dicken Regentropfen auf der Haut zu spüren. Dass uns das Wetter gerade jetzt einen Strich durch die Rechnung macht!  

Wir sind vielleicht eine halbe Stunde unterwegs, da ändert sich unsere Laune schlagartig. Der Wind treibt die Regenwolken auf das weite Meer hinaus. Nun ist der blaue Himmel zu sehen. Bei strahlendem Sonnenschein geht es im Trab über die freie Landschaft dahin. Man fühlt sich frei! Selbst Cerberus, der gebeugte Gesell, hebt freudig das Haupt und wiehert hell vor Freude. Vorbei an Feldern mit wogendem Korn geht es ohne Rast über die steile Höhe in den schattigen Wald. Sonnenstrahlen lassen die grünen Blätter der Laubbäume hell erscheinen. Säuselnd zieht der Wind durch die Kronen.

Schon bald erreichen wir unser Ziel. Unsere Pferde geleiten wir in eine kleine Koppel, wo sie mit Heu bestens versorgt werden. Im schönen Waldcafé lassen wir es uns gut gehen. Ein Kaffee für Herrn Mehren, für uns gibt es heiße Schokolade.   

Auf dem Gelände vom Försterhaus werden Schaukel und ein Drehkarussell in Beschlag genommen. Im Sonnenschein locken Kornblumen auf der angrenzenden Wiese. Aus den Blumen flechten wir einen hübschen Kranz.

Angelockt von dem Gesang eines Männerchors geht es in den Tanzsaal. Zu herrlichen Liedern tanzen junge Damen. Auf dem Podium steht ein Klavier. In mir wächst das Bedürfnis gute Laune mit einem Musikstück zu verbreiten. Zu dem fröhlichen Tanzen passt unbedingt eine Rhapsodie! In der Tanzpause darf ich auf dem Klavier spielen. Meine Finger fliegen nur so über die Tasten dahin. Die anwesenden Gäste sind von meinem Spiel begeistert und ich bekomme viel Beifall und Lob. Ein netter Herr, etwas korpulent, klatscht sich seine dicken Hände fast wund.   

Nicht weit entfernt vom Waldcafé liegt in einer Senke ein kleiner See. Einige Boote laden zu einem Ausflug auf glänzender Wasserfläche bei herrlichem Wetter ein. Leider vergeht die Zeit viel zu schnell. Die Sonne geht langsam am Horizont unter. Wir müssen uns mit den Pferden auf den Rückweg machen. Die Eisenbahn wartet nicht auf uns. Mit einem Zettelchen versehen kommen die Pferde in einen geeigneten Güterwagen für den Transport lebender Tiere. 

Der Zug fährt in Altenbruch ein. Gut angekommen! Den Pferden ist die Erleichterung anzumerken, endlich aus der Enge des Waggons herauszukommen. Es ist sternklare Nacht. Wir reiten mit unseren Pferden durch die stille Landschaft. Tausend Sterne sind an dem Himmelszelt zu sehen. Wind geht säuselnd durch die Bäume, es raunt und flüstert im Schilf am Rain. Im Schein des Mondes ist die Kirche schemenhaft zu erkennen. Hier und dort brennt noch Licht in den Häusern. Glasscheiben glänzen im Lichtschein matt und bleich, flackern auf und verlöschen.

In den Stall mit euch tapferen Pferden Monno, Asto und Cerberus und gute Nacht. Auch uns packt die Müdigkeit. Ein schöner Tag geht zu Ende. Möchte auch uns Ruhe und Frieden beschieden sein…

 

*

 

Im Jahr 1890 wird die neue Grodener Gemeindeschule eingeweiht. Die Schule liegt in Sichtweite gegenüber der Kirche, in der Seitenstraße „im Gatzen“. Nur ein paar Häuser weiter steht das Pfarrhaus. Unser Hauptlehrer, Herr Quietmeyer, unterrichtet die Fächer Deutsch, Rechnen, Erdkunde und Geschichte. Mit unermüdlichem Engagement und viel Hinwendung zu seinen Schülern ist es ihm gelungen, die Schule zu Geltung und Ansehen zu bringen. Sogar Kinder aus den Nachbargemeinden melden sich für den Unterricht an, vor allem die Jungen. Es ist verblüffend, zu welcher Leistung er seine Klasse im Kopfrechnen bringt.

Nicht nur das Rechnen weckt mein Interesse. Die Stunden im Fach Geschichte kann ich kaum erwarten. Im Unterricht stellt sich oft bei mir das Gefühl ein, als hätte ich die vergangenen Zeiten miterlebt, so bildhaft und ausdrucksvoll wird die Geschichte von ihm beschrieben. Besonders die altdeutsche fesselt mich und zieht mich in den Bann. Nur Frauen spielen keine Rolle in den Erzählungen.

 

*

 

Wir Kinder müssen schon um sechs Uhr abends ins Bett. Von den Erwachsenen wird behauptet, dass dies der Gesundheit zuträglich sei. Dem Übermut und Temperament von uns Gören aber gewiss nicht. Wir müssen uns die Zeit vertreiben. Carla möchte, dass ich ihr spannende Geschichten erzähle, bevor sie einschläft. In der Winterzeit gedeiht diese unterhaltsame Abendruhe am prächtigsten. Es ist kalt … Man hüllt sich warm in den Federdecken ein und ich erzähle … erzähle … erzähle. Wenn es spannend wird, kann man doch nicht aufhören eine Fortsetzung zu erfinden.

In meiner Phantasie lebten Hermann der Cherusker, Karl der Große und Arnold von Winkelried zur gleichen Zeit und waren Vater, Sohn und Neffe.

„Carla, kannst du mir sagen, wo wir gestern stehen geblieben sind?“

„Schwesterlein, das weiß ich nicht mehr so genau. Bin ja irgendwann eingeschlafen. Aber warte, ich glaube du hast über Karl den Großen erzählt. An Details kann ich mich nicht mehr so genau erinnern.“

„Ich habe dir gestern von Karl dem Großen erzählt, im Zusammenhang mit seinem Sohn Hermann, dem Cherusker. Die Römer nennen ihn „Arminius“. Die Geschichte unserer Vorfahren, den Germanen, ist ja geprägt von deutscher Treue und dem Kampf für ihre Freiheit. Ich erzähle dir jetzt von einem Gespräch zwischen Vater und Sohn. Hör zu!

Aus Erfahrung weiß Hermann, dass sein Vater Karl erst dann einlenken wird, wenn er glaubt, die Situation im Griff zu haben. Es ist schwierig in diesen unruhigen Zeiten. Als Alleinherrscher im Frankenreich steht der Kampf gegen die Sachsen im Norden an. Nach einem Gruß setzt sich Hermann in einen Lehnstuhl, der gegenüber dem engsten Berater seines Vaters steht. Sein Vater versucht offensichtlich seine Nervosität zu beherrschen. Er, der vorzugsweise nachts arbeitet, lässt sich nicht gerne im Satz unterbrechen. Karl beugt sich wieder über den Schreibtisch und zieht die Landkarte zu sich heran. Sein Ziel ist es, das Frankenreich zu vergrößern. Er denkt schon an die kommenden Schlachten und hat über das intensive Kartenstudium vollkommen seinen Sohn vergessen.

Hermann betrachtet seinen Vater. Ja, die letzten Jahre haben ihn noch härter gemacht. Immerhin, er ist der mächtigste Mann in Europa! In ihm erwacht plötzlich der Wunsch nach Ruhe, nach Frieden, nach Einsamkeit! Bei seinem Vater geht es nur darum, Lösungen für politische Probleme zu finden. Offensichtlich unterliegt er einem inneren Zwang, zu arbeiten, zu denken, zu planen … bis zur Erschöpfung. Der Staat, den er lenkt, verlangt seine ganze Kraft.“

 

Carla ist inzwischen eingeschlafen. Ob sie sich die letzten Sätze gemerkt hat?

Am nächsten Abend geht meine Erzählung weiter. Carla ist schon sehr gespannt auf die Fortsetzung, die kein Ende hat.

Eindringlich frage ich meine Schwester, was ich am vergangenen Abend zum Schluss erzählt habe. Carla erinnert sich nur vage an das Treffen zwischen Vater und Sohn, also zwischen Karl dem Großen und Hermann der Cherusker. Das genügt, um mich heute auf Hermann und seinen Neffen Arnold von Winkelried zu konzentrieren.

„Zwei-, dreimal schleicht Hermann um die Burg. In seinen Augen liegt Entschlossenheit. Seine Zähne knirschen, aber nicht vor Angst. In einem plötzlichen Entschluss geht er auf das eisenbeschlagene Tor zu und hebt den schweren Klopfer, um ihn dann auf das Tor zu schlagen. Einmal, zweimal, dreimal… Nach einer Weile öffnet der Torwärter. Als er die Person mit der Kutte sieht, die vor ihm steht, glättet sich sein faltiges Gesicht. ‚Was ist Euer Begehren, Hochwürden? Ein Gefangener sitzt in der Burg im Loch, den möchte ich gerne sprechen, bevor es mit ihm zu Ende geht.‘ Der Wärter stutzt, will aber den Wunsch des Mönchs nicht abschlagen. Jeder Mensch hat schließlich das Recht auf einen würdevollen Abschied von dieser Welt in das Reich der Toten. Durch die schmalen, vergitterten Schießscharten seines Kerkers, die als Fenster dienen, kann der Gefangene das Tageslicht beobachten und den allmählichen Übergang zur Nacht. Aber durch das Sitzen und Liegen auf dem harten Holz schmerzen seine Glieder, die so viel Bewegung in frischer, freier Luft gewohnt sind. So geht er lieber auf und ab, auf und ab. Seine Gedanken wandern in die Vergangenheit und die Zukunft. Er war an der Schlacht von Sempach beteiligt, hat eine Heldentat vollbracht. Das ist der Grund, dass seine Schweizer Eidgenossen den Sieg über die Habsburger feiern konnten. Aber jetzt sitzt er hier, hilflos im Verlies. Durch eine List, eine Täuschung hat man ihn hierhergelockt. In gutem Glauben ist er auf die Burg seines Erzfeindes gekommen. Zuvor hat man ihm freies Geleit zugesichert, offensichtlich ein völlig gefahrloses Treffen. Gespräche über Frieden und Freiheit mit dem Nachbarn Österreich sollen jeglichem Zwist in der Vergangenheit ein Ende setzen.

Soll hier wirklich schon der Schlussstein seines Lebens gesetzt sein? Unerbittlich? Und er hat doch gemeint, noch so viel zu tun zu haben in seinem Leben! Jene Bindungen, die wir eingegangen sind in diesem Leben. Jene Bindungen an geliebte Menschen, von denen wir meinen, dass wir sie niemals entbehren können, dass sie uns noch so bitter nötig haben auf dieser Erde …“

Von Zeit zu Zeit frage ich schüchtern in den Raum hinein „Carla, schläfst du schon?“. Oft kommt ein Schnarchlaut aus dem gegenüberliegenden Bett. Dann schweige ich und schlafe auch langsam ein.

Am nächsten Abend geht es weiter mit dem verkleideten Mönch, der seinen Neffen Arnold von Winkelried aus dem Verließ retten will…

„Das Schlüsselbund rasselt an der schweren Eisentür…[2] – 5 Minuten später –Er hat den letzten Satz noch nicht ganz ausgesprochen, als der Schlüssel draußen wieder rasselt. Schnell zieht er die Kapuze über den Kopf, senkt seinen Kopf. ‚Zu spät‘, murmelt er leise, ‚mein Gott, zu spät!‘ …“

Gefangen von der eigenen Phantasie und der leidenschaftlichen Begeisterung, merke ich erst jetzt, dass meine Schwester eingeschlafen ist. 

Ob Arnold von Winkelried sich noch aus seiner scheinbar aussichtslosen Lage im Verlies retten kann? Am nächsten Abend wird mir sicher etwas dazu einfallen. Aber jetzt heißt es erst einmal den Schlaf zu finden, um mit neuer Kraft in den morgigen Tag gehen zu können.  

Wochen und Monate vergehen. Je länger sie ihrer Schwester vor dem Einschlafen ihre erfundenen Geschichten erzählt, desto mehr ist sie davon überzeugt, dass sich alles so zugetragen hat. Sätze über Tapferkeit, Treue, Kameradschaft, Seelennot, Blut und Tränen sind eng verknüpft mit dem Geschichtsunterricht.

 

*

 

Dass wir um sechs Uhr abends ins Bett müssen, das ist recht, recht hässlich. Das herrlichste Frühlingswetter. Kinderlachen auf der Straße. Und wir im Bett … Was anfangen?

Aus dem Fenster gucken … Ja, wie denn? Wir dürfen doch den Vorhang nicht zur Seite ziehen! Wenn das von meinen Eltern gesehen wird, gibt es Hiebe. Es ist aber doch so spannend dahinterzugucken.

Carla schiebt den Vorhang vorsichtig einen Spalt auseinander.…

„Du! Erna! Du!“ Sie kichert. „Da geht unser Fräulein mit einem … mit einem … der hat einen langen Säbel um, das ist ein Leutnant“

„Lass sehen! Wahrhaftig!“

Unser Fräulein ist unsere Erzieherin Janna Lohse. Es ist kaum vorstellbar, ein Mädchen zu sein, bei dem das Tête-à-Tête kein Interesse hervorruft. Es wird gekichert, gequietscht, getuschelt.

„Da! Ganz dicht aneinander gehen sie, ganz dicht. Der Säbel schleift nebenher!“.

Der Lauschposten wird auf die Dauer zu unbequem. Da kommt Carla auf den Gedanken, mit der Schere ein Guckloch in den Stoff zu schneiden, gerade so groß wie ein Auge. Gesagt, getan. Vorsichtig schnippelt und schneidet sie an dem Vorhang herum. Das Loch ist fertig. Großartig. Nun kann man alles gut sehen. Ich weiß nicht, wie lange wir die beiden noch beobachtet haben. Ich verliere zuerst die Lust dazu. Was ist schon dabei, dass „unser Fräulein“ mit einem Leutnant im Garten die Wege auf und ab geht.

 

Am nächsten Morgen. Das Unglück lässt nicht lange auf sich warten. Anna, meine Stiefmutter, sieht sofort das Loch…

„Wer hat das hineingeschnitten?“, fragt sie mich mit zorniger Stimme. Völlig überfordert kann ich gerade noch mit leiser Stimme antworten:

„Weiß nicht!“, dann gibt es für mich nur noch die Flucht aus dem Zimmer. 

Eine Stunde später erzählt mir meine Schwester schluchzend:

„Ja, ich soll das Loch wieder zumachen … mit demselben Flicken, aber ich habe doch gar keinen Flicken, ich habe doch lauter kleine Schnibbelchen gemacht. Wie soll ich die denn …!“

Das Loch ist geblieben. Keiner hat es wieder heil gemacht, dies einzige Löchlein, eben nur für ein Auge bestimmt..., aber gut für jenen Beobachtungsposten. Den Leutnant haben wir nicht wieder gesehen. Das Löchlein im Vorhang hat uns noch oft zum Lachen gebracht.

 

*

 

Mein Vater ist seit über zwanzig Jahren ein beliebter und geachteter Pastor in unserem Groden. Er hat vielerlei Talente. Neben zwei Erfindungen, mit urkundlich bestätigten Patenten aus Berlin, kann er auch richtig gut schreiben. In der Reihe der „Neuen Volksbücher“ werden zwei kleine Jugendbücher zum Verkauf angeboten. Die spannenden Geschichten mit dem Titel „Gebrüder Saus und Braus und Hüll und Füll“ (1885) und „Zwei Naseweise auf der Ferienreise“ (1886) sind mit anschaulichen Illustrationen versehen.  

Wohl aufgrund der eigenen Erlebnisse, als freiwilliger Soldat im deutsch-französischen Krieg 1870/71, hat er ein dramatisches Schauspiel mit fünf lebenden Bildern geschrieben. Das Bühnenstück trägt den Titel: „Auf Vorposten am Weihnachtsabend.“[3] 

Im großen Saal „Zur Linde“ soll die Uraufführung stattfinden. Der Gasthof liegt direkt hinter der Kirche. Der Saal wird oft für Tanzveranstaltungen der Dorfbewohner genutzt, auch zu Theateraufführungen. Im hinteren Teil des Saals befindet sich ein großes, ovales Podest, das für Theateraufführungen sehr gut geeignet ist. Dieser Bereich ist durch einen Vorhang abgetrennt.

Mein Vater hat mich bei der Vorbereitung mitgenommen und mir erklärt, wie ein Bühnenstück anschaulich dargestellt und aufgebaut wird. Gleich im ersten Bild wird auch bengalisches Feuer verwendet. Es ist eine außerordentlich hellrote Flamme, die die Gegenstände vorne taghell beleuchtet und die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Bühne lenken soll. Aber Vorsicht, der Dampf kann Beschwerden im Hals verursachen. Für das Abbrennen eignen sich am besten ovale oder längliche viereckige Schüsseln aus Eisenblech. In diese wird in langen, schmalen Streifen, die gemischte und trockene Masse aus verschiedenen Teilen von Strontium, Kali, Schwefel, Schießpulver und Kohlenstaub gelegt. Die Streifen werden an einem Ende mit einem Zündfaden versehen. Was für ein Unterfangen!

Neben diesen eher schaurigen Effekten ist aber auch der Bühnenbeleuchtung eine große Aufmerksamkeit zu schenken. Die Handlung des Schauspiels spielt sich im Wald bei Nacht ab. Also muss in der Theatersprache „Nacht gemacht werden“. Nur auf den wirklich nötigen Punkten werden Lampen mit Öl angezündet. Für die gewollt abgeschwächte Beleuchtung sind mit weißem Putz überzogene Schirme gut geeignet. So hat es mir mein Vater gezeigt. Es soll aber auch ein Mondschein nachgeahmt werden. Das Bühnenbild soll in gedämpftem Licht erscheinen. Die Darsteller befinden sich in einem Halbdunkel. Für diesen Effekt eignet sich eine mattgeschliffene Glaskugel mit einer Flamme. Mittels einer dünnen Stange und einem kleinen Wagen wird die Kugel in die Höhe geschoben. Das schräge Aufsteigen des Mondes wird dadurch nachgeahmt. Welch ein Aufwand!

Bei der Darstellung von Wald sind die bemalten Kulissen meist fest verankert. Für das vierte Bild kann aber die Rückwand der Bühne angehoben werden. Auf Anweisung meines Vaters werden auf beiden Seiten der Bühne noch feststehende Ständer installiert, um Struktur in die Kulisse zu bekommen. Der Phantasie des Zuschauers ist es überlassen, sich das Fehlende hinzuzudenken.  

Die Spielszenen müssen natürlich vor der Aufführung im Detail eingeübt werden. Freunde und Bekannte haben sich als Schauspieler zur Verfügung gestellt. Eine detaillierte Beschreibung ist für ein Theaterstück unerlässlich. 

1898. An einem trüben Novembertag findet die Aufführung statt. Es ist ein Samstag.

In einem Wald wird das Zusammentreffen zwischen deutschen und französischen Soldaten in Frankreich am Weihnachtsabend szenisch dargestellt. Wir schreiben das Jahr 1870 während des deutsch-französischen Krieges.

Im Schauspiel geht es um eine Frau kurz vor ihrer Hochzeit. Vor der geplanten Heirat wird der Bräutigam vom Militär eingezogen und muss als Soldat für den König und sein Vaterland kämpfen. Die starke innere Beziehung zur Religion, zu Gott, gibt ihm und den anderen Soldaten die innere Kraft und Stärke, das eigene Leben für Freiheit und Frieden zu opfern. Auch mir geben der Glaube an Gott und der Glaube an Gerechtigkeit und Freiheit eine lebensbejahende Kraft!

Der Vorhang hebt sich ….

„Als Kind hat man eine andere Vorstellung und Empfindung über Krieg und Frieden als ein Erwachsener. Die kriegerische Auseinandersetzung im Jahr 1870/71, zwischen Deutschland und Frankreich, bringt auf beiden Seiten viel menschliches Leid mit sich … auch am Weihnachtsabend! Der Krieg trägt dazu bei, dass Menschen hilflos mitansehen müssen, wie ihre Ziele, Wünsche und Träume zerstört werden.“

Am 28. Januar 1871 kommt es zu einem Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich.

 

*

 

Das Meer – oder wie wir „Eingeborenen“ sagen: die See! Weiße Möwen über eine fast schwarze, vom Sturm zerwühlte See fliegen zu sehen ist erhaben. „Sehne dich nicht nach ihr, sie ist grausam, sie hat uns unseren Jungen genommen.“ So hat das Schicksal eine Familie in unserem Dorf getroffen.

Ja! Es ist wahr. Die See macht keine Kompromisse. Sie ist auch kein Automat, in den man oben das Geld hineinsteckt, dann zieht, und die gefallene Überraschung in der Schale zufrieden einsteckt. Die See ist ein Titan, ist Gottes Riesenfaust, die dem Menschen zeigt, wie nichtig er ist. Oh weh, ist er’s denn? Nichtig? Der Mensch, Gottes Ebenbild? Die Krone der Schöpfung? Nichtig? Wohl doch nur in seinem Hochmut.

Meine Eltern warnen mich immer wieder vor den Tücken und Untiefen der See. Und doch befolge ich die Ratschläge nicht, aus Übermut und purem jugendlichen Leichtsinn.  

Unser Gartenzaun ist an einigen Stellen in die Jahre gekommen. Einige Latten müssen ausgetauscht werden. In der stürmischen Herbstzeit wird bei uns häufig Strandgut angespült. Also, was liegt näher, als von Zeit zu Zeit zum Strand zu gehen und Ausschau zu halten nach brauchbarem, hölzernem Ersatz für den Gartenzaun. Oft habe ich Glück und kann so einiges Material nach Hause schaffen.

 

An einem schönen Julitag gehe ich am Strand entlang. Das weite Watt liegt vor mir. Immer wieder beeindruckt mich die unendliche Weite dieses wie silbern schimmernden Wattenmeeres. In vielleicht einem halben Kilometer Entfernung sehe ich undeutlich Gestalten im Schlick, die um etwas herum stehen, was ich vom Strand aus nicht erkennen kann. Es ist Ebbe. Also nichts wie hin. Aber Vorsicht! Die Gezeiten sind an der Nordsee besonders stark ausgeprägt. Sie bestimmen das Leben im und am Wattenmeer. Nach gut zehn Minuten komme ich in die Nähe der schreienden und johlenden Leute. Mein Erstaunen ist groß. Es sind an die zwanzig Männer, meist alte Küstenbewohner aus der Umgebung. Einige sind mir bekannt. Alle sind duhn. Rasch bemerken die Männer meine Anwesenheit. In ihrer Ausgelassenheit und Fröhlichkeit schreien und grölen sie in meine Richtung.

„Sueh, du kommst just torecht. Glieks ward de Tiede kommen, un dann ist’s ut. Sup man duechtig to, hei laed sick drinken as Wooter. Un so fein duhn wirst davon, huchdiiiii …“

Die hingeworfenen Worte bringen mich vollkommen aus der Fassung. Die Männer sind völlig außer Rand und Band. Kein Wunder. Einen Fuß tief im harten Tonschlick steht aufrecht ein riesiges Fass Portwein mit abgeschlagenem Deckel. Der unverkennbare Geruch steigt mir in die Nase. Mit alten Filzhüten, Tabakdosen, selbst mit den Händen, schöpfen sie den kostbaren Inhalt aus dem Fass.

Spätestens als mir einige Männer zuwinken, doch näher zu kommen, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Eindringlich versuche ich noch auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen

„Bald kommt die Flut zurück, ihr müsst sehen, dass ihr von hier wegkommt.“

„Ach min Deern, wir kennen das Meer. Lass das mal unsere Sorge sein. Wir kommen schon wieder weg.“

„Man muss das Leben feiern, solange es möglich ist.“ Dies wird von den anderen lauthals bekräftigt. „Hurra auf das Leben, auf die Liebe“, schreien sie mir entgegen.

Die Worte kommen aber nur noch gedämpft bei mir an. Ich habe mich bereits umgedreht. Nur schnell wieder zurück über den Schlick, zum Strand – nach Hause. Ob die Männer vor der Flut noch das rettende Ufer erreicht haben, weiß ich nicht.

 

*

 

Seit meinem vierzehnten Lebensjahr besuche ich mit meiner Schwester Carla die Höhere Töchterschule im Grünen Weg in Cuxhaven. Die zweijährige Privatschule wird von Fräulein Marie Cochius geleitet. Ziel und Zweck ist die Stärkung der Eigenständigkeit von Mädchen für den weiteren Lebensweg im Beruf. Die Kosten für den Schulbesuch sind nicht unerheblich. Überwiegend kommen die Mädchen aus Familien von Kaufleuten oder Beamten. Wir sind unseren Eltern dankbar, dass sie uns den Schulbesuch ermöglichen können.

 

Carla, meine Schwester, hat schon die nächste und damit auch die letzte Jahrgangsstufe erreicht. Im Gegensatz zu dem Frontalunterricht in der Gemeindeschule Groden sind nun Diskussionen zu bestimmten Sachverhalten erwünscht und werden von der Schulleitung gefördert. Im Geschichtsunterricht wird die wechselhafte Völkergeschichte aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert. Im Ergebnis ist es für mich ein trauriges Resümee. Seitdem fühle ich mich den nicht vorhersehbaren Wendungen des Lebens regelrecht ausgeliefert. Nun aber fort mit dem trüben Gedanken …

 

*

 

In Groden gibt es keinen Bahnhof. Jeden Tag geht es zu Fuß vier Kilometer nach Cuxhaven. Das macht mir nichts aus. Im Gegenteil. Ich liebe es draußen in der Natur zu sein, ob im Sommer oder Winter. Auf dem Rückweg laufe ich gerne auf der Deichkrone entlang. Einfach herrlich, die See mit dem endlosen Horizont zu sehen und bei Flut das stetige Rauschen der Wellen zu hören!  

Spontan habe ich mich entschlossen, eine Schulfreundin zu uns zum Mittagessen einzuladen. Ich kann davon ausgehen, dass mein Vater gegen den unerwarteten Besuch keine Einwände hat. Er unterhält sich gerne mit Freunden und Bekannten. Der Mittagstisch ist heute nicht vollzählig. Meine beiden Brüder gehen auf das Gymnasium in Cuxhaven. Sie werden heute wohl verspätet eintreffen. Bevor wir anfangen zu essen, wird immer ein kurzes Tischgebet gesprochen. Dieses Mal von meinem Vater: „Herr, wir danken Dir für Speise und Trank. Bitte segne alle an diesem Tisch, Amen.“

Heute gibt es Gulasch, Möhren und Kartoffeln und als Nachtisch eingemachte Pflaumen. Nach dem vorzüglichen Mittagessen zieht es mich in unser Klavierzimmer. Ich muss meiner Freundin unbedingt Lieder von Beethoven vorspielen. Das Klavier steht am Fenster, mit Blick zum Garten.

Mimi Schuback setzt sich auf einen Stuhl. Sie bemerkt, dass mir eine Strähne des blonden Zopfes ins Gesicht hängt.

„Damit siehst du irgendwie künstlerisch aus“, stellt sie fest.

Zuerst hört sie die Mondscheinsonate von Beethoven. Bei mir treten jetzt die Stirnfalten stark hervor. Mit voller Konzentration und Leidenschaft spiele ich auf dem Klavier. Mimi lässt sich von den Tönen verzaubern. Danach kommt das Stück vom „verlorenen Groschen“ von Beethoven dran. Ein sehr lebendiges Stück mit schnellen Passagen.  

Nach dem letzten Ton drehte ich mich auf dem Klavierhocker um und frage:

„Na, was denkst du, wie hört sich das an?“

„Du spielst sehr gut“, erwidert sie versonnen, noch gefangen im Bann der Musik. Ich sehe meine Freundin an und muss lächeln.

„Das ist es nicht. Für mich geht die Musik von Beethoven sehr tief. Seine Kompositionen hören sich an wie das urwüchsige und unbändige Rauschen der See und die Urgewalten der Natur. So empfinde ich Beethoven in meinem Herzen. Seine Töne sind schmeichelnd, mild, oft brausend, gleich den Meereswogen.“

Mimi nickt, kann dem nur zustimmen.

 

*

 

Mein Vater ist manchmal etwas unkonventionell. Die Leute im Dorf lieben und verehren ihn. Manchmal aber steht er mit ihnen auf Kriegsfuß. Da bricht es mit ihm durch, ohne jegliches Verständnis. Ich kann mich noch gut an einen Sonntag im Herbst erinnern. Oft ist es die Jahreszeit mit ihrem tristen regnerischen Grau in Grau. Bei schlechtem Wetter leidet hin und wieder auch der sonntägliche Kirchenbesuch. 

Die Glocken läuten. Heute machen sich nur sehr wenige Dorfbewohner auf den Weg zur Kirche. Die Glocken verstummen. Nur eine Hand voll gläubiger Menschen sitzt in der Kirche. Ich sitze allein auf der breiten Kirchenbank. Zu meiner Überraschung findet heute kein Gottesdienst statt. Unter Anleitung von unserem Organisten und Küster Herrn Quietmeyer werden nur ein paar Lieder aus dem Gesangbuch gesungen. Mit dem Orgelspiel ist seine kräftige Stimme von der Empore zu hören. Nach vielleicht zwanzig Minuten kommt er herunter, wünscht uns noch einen schönen Sonntag und verlässt mit seiner Aktentasche die Kirche. Alle sind völlig verdutzt. Wir haben auf einen Gottesdienst mit meinem Vater gehofft.

Später habe ich erfahren, dass mein Vater an diesem Sonntag völlig enttäuscht war, als er die leeren Kirchenbänke sah. Er hat mir im Detail erzählt, was er gemacht hat und wie es ihm ergangen ist.

Während wir noch unter Begleitung von Herrn Quietmeyer verschiedene Kirchenlieder gesungen haben, ist er durch die Sakristei gehastet und hat die Kirche durch den Hintereingang verlassen. In seinem Zorn ist er dann zur gegenüberliegenden Gaststätte „Zum Krug“ gegangen. Dort angekommen hat er sich an seinen Stammtisch gesetzt. Nach seiner Meinung konnte die Wirtin seine gedrückte Stimmung regelrecht fühlen! 

Jedenfalls kam Käthe Bösch schnellen Schrittes vom Schankraum zu ihm an den Stammtisch. Mit besorgter Stimme hat sie sich sofort nach seinem Befinden erkundigt:

„Na, Herr Pastor, Ihnen geht es wohl nicht gut?“

„Da haben Sie wohl recht. Schon seit einiger Zeit stelle ich fest, dass sich die innere Haltung zu Gott bei unseren Bürgern verändert hat. Ich kann es mir nur so erklären, dass die christliche Seite der Kirche nicht mehr im Vordergrund steht, sondern die menschlich-bürgerlichen Ansprüche.“

Damit aber noch nicht genug. Seine Enttäuschung musste heraus.

„Wissen Sie, was ein Kollege, ein witziger Theologe aus Essen, zum Thema Kirchenbesuch gesagt hat?“

„Nein, Herr Pastor, aber ich bin ganz Ohr.“

„Er ist der Meinung, dass das kirchliche Band mit geringen Ausnahmen in Kraft geblieben ist, und zwar für die Taufe, Konfirmation, Trauung und der christlichen Bestattungsfeier. Ich sage Ihnen, die innere Haltung geht verloren. Gott ist uns wohl noch verpflichtet, aber wir ihm nicht mehr.“

In seiner Verärgerung und Unzufriedenheit hat er die Wirtin dann gebeten, ihm etwas zu trinken zu geben.

„Ich brauche jetzt einen Grog, bitte nördlich.“

„Aber Herr Pastor, das ist nicht nötig, der ist schon schier“, war die Antwort.

„Ja, dann ist ja alles gut“, hat er gesagt.

Frau Bösch, die Gute, hatte großes Verständnis für seine schlechte Laune.

„Herr Pastor, nichts ist gut. Ich verstehe Ihren Ärger … aber den Grog sollen Sie bekommen.“

 

Erste Töne – erste Schöpfung

Mit meinem dreizehnten Lebensjahr beginne ich, einfache Kompositionen zu schreiben. Mir kommen die Töne einfach so in den Kopf. Es fällt mir dann leicht, die Noten auf das Papier zu bringen. Nach ein paar hoffnungsvollen Ergebnissen macht mein Vater den Vorschlag, doch ein Märchen zu vertonen. Mein erster Gedanke ist, es mit Rotkäppchen der Gebrüder Grimm zu versuchen.

„Aber wie soll ich es anfangen?“, frage ich meinen Vater.

„Ich helfe dir. Zuerst brauchen wir den Text. Den schreibe ich dir. Dann brauchen wir Personen für eine Aufführung. Ich habe mir schon ein paar Gedanken gemacht …. Wir haben doch einen großen Bekanntenkreis. Für das Rotkäppchen im Sopran könnte ich mir gut Hanna Steinmetz vorstellen. Die Mutter von Rotkäppchen könnte Gertrud Strohsahl im Mezzosopran spielen. Für die Großmutter im Alt ist die Ilse Steinmetz genau richtig. Hartwig Steinmetz kann als Tenor den Jäger spielen und Gustav Behr den Wolf im Bariton. Was meinst du?“

„Ja, warum nicht. Deine Vorschläge finde ich gut. Wir müssen mit ihnen reden und fragen, ob sie mitmachen wollen.“

„Da mach dir mal keine Sorgen. Durch unseren gemischten Kirchenchor unter Leitung von Johann Steinmetz haben wir gute Chancen.“

Gesagt, getan. Die einaktige Oper wird im November 1899 fertig. Nur wenige Wochen später kommt das Märchen in Groden zur Erstaufführung. Zuspruch und Beifall entschädigen mich für die Anstrengungen.

 

*

 

Oft bin ich am Strand. Auf einer hohen Düne sitze ich dann alleine und mir gehen in der gewollten Einsamkeit viele Gedanken durch den Kopf. Ich schaue auf die unendliche Weite bis zum Horizont und habe ein Bild vor Augen und denke, Die Berge sind schön, die Wälder sind schön! Sie aber kann der Mensch sprengen und fällen, aber die See kann er nicht ausschöpfen.  

An einem herrlichen Julitag liege ich in den Sommerferien mit meinen fünfzehn Jahren am Strand. Die Nordseewellen umspülen sanft meine nackten Füße. Ich bin guter Laune, denn das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite. Aus meiner heiteren Stimmung entsteht das Lied „Ich bin ein Kind vom Nordseestrand“. Die Melodie habe ich auch schon im Kopf.

Die Zugehörigkeit zu meiner Heimat ist schon in den beiden ersten Liedzeilen zu erkennen. „Ich bin ein Kind vom Nordseestrand, den wilden Stürmen wohlbekannt.“ Die dritte und letzte Strophe bezieht sich auf die Zukunft: „Und sterb ich einst im fremden Land, so will ich doch am Nordseestrand einstmals begraben sein.“ Ich gebe zu, der Text ist etwas pathetisch. Das Schicksal lässt sich nicht in die Karten schauen. Trotzdem! Mit meinen fünfzehn Jahren sind doch Wünsche für mein Leben nicht verboten?! 

 

*

 

Wieder bin ich allein unterwegs. Vom Pfarrhaus bis zum Strand ist es nicht weit, vielleicht etwas mehr als ein Kilometer. An diesem Sommertag gehe ich träumend am Strand entlang. Durch den Sonneneinfall glitzert das Wasser bei strahlend blauem Himmel. Die See rauscht, leichter Wind geht. Ab und zu ziehen Schreimöwen über das Wasser. In der Ferne ist ein Schiff zu erkennen. Ja, das ist meine Heimat. Hier bin ich zu Hause. Hier kann ich meinen Gedanken in aller Ruhe und Beschaulichkeit nachgehen.

 

*

 

Wir Kinder bekommen immer mehr Freiraum, je älter wir werden. Das kommt meinem Naturell mit dem Drang nach Freiheit und Gerechtigkeit sehr entgegen.

Meine Schwester Carla kann diese stillen, schönen Momente nicht mit mir teilen.

Nach Abschluss der höheren Töchterschule in Cuxhaven besucht sie seit zwei Wochen auf eigenen Wunsch eine Haushaltsschule in der Schweiz, weit weg von Cuxhaven. Mein Vater hat mich schon im Frühjahr gefragt, wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Ich konnte ihm keine eindeutige Antwort geben und vertröstete ihn auf später. Was ist aber später? Kann ich mich nicht heute, an diesem schönen Tag, für mich entscheiden? Doch, das muss möglich sein. Im letzten Jahr habe ich mich mit Carla über die Zukunft unterhalten. Sie hat eine klare Vorstellung für ihr weiteres Leben. Nach einer Ausbildung in der Hauswirtschaft will sie sich auf eine mögliche Mutterrolle vorbereiten, was das auch sein soll. Bei mir sieht das anders aus. Ich bin neugierig und will andere Menschen kennenlernen. Voll Hoffnung und mit Begeisterung will ich in die Welt hinausziehen, um mir das Glück zu erjagen!

Im Gespräch mit Carla habe ich meine Gefühle schlecht unter Kontrolle. Was will ich eigentlich? Ich empfinde eine starke Verbundenheit zur Heimat. Dann wieder nimmt bei mir die Neugier auf die Fremde, auf das Unbekannte stetig zu.

„Carla, mich hält hier nichts mehr, da könnt ich mir ebenso einen Strick um mein Hälschen legen und dann aufhängen an den nächsten Baum. Das wär mir lieber, als das Leben hier.“

„Carla?“

…

„Ja?“

„Du sagst ja nichts.“

„Was soll ich dazu sagen? Du sehnst dich nach der Großstadt und denkst, dass dort Wunder geschehen. Dort gibt es den Staub, das Getriebe, den höllischen Lärm, Theater und sonst noch vielerlei. Wenn ich mir vorstelle, tagaus und tagein in Eile und Hast leben zu müssen … Nein, das ist nichts für mich. Ich glaube, dass dieses Leben auf das Gemüt schlägt. Man jagt dem Vergnügen hinterher und vergisst dabei, dass es noch was Besseres auf Erden gibt.“

Damit war das Thema zwischen mir und Carla beendet.

 

Jetzt, wo ich alleine am Strand spazieren gehe und Wellen und Vögel um mich herum sind, denke ich, schön ist das Leben, schön die Natur!  

Es ist Ebbe. Ich gehe die schmalen Stacks entlang. Weit vor mir plätschern die Wellen und es gibt viel zu sehen. Schöne, bunte Muscheln aller Arten, Seetang, der, wenn ich drauftrete, beim Zerplatzen laut knallt …

Ich brauche meine Freiheit! Ich frage mich: Was könnte mir Cuxhaven bieten? Wäre die Entscheidung, hierzubleiben vielleicht gar nicht so schlecht? Es ist kaum auszuhalten.

Meine Meinung zu Männern ist auch nicht die beste. Wen habe ich bisher in meinem Bekanntenkreis kennen gelernt? Klug … oder dumm wie Bohnenstroh, im Charakter Pantoffelheld oder Tyrann? Wenn ich hierbleibe, was passiert dann mit mir? Meine Lebensbilder reihen sich aneinander in folgender Reihenfolge: Freund - Frau – Hausfrau – Kinder!

Da fällt mir ein Gedicht von Wilhelm Busch ein: „Doch Hausfraun woll’n behütet sein, am besten sperrt man sie ganz ein. Ein jeder Jüngling hat nun mal ’nen Hang zum Küchenpersonal.“ Das sind die Verse von der frommen Helene. Ich muss bei diesen Gedanken lauthals lachen. Mein Lachen hallt wie ein Echo über das Watt hinaus.

Einen kurzen Moment erschrecke ich mich über mich selbst. Doch halt, es kann ja keiner hören. Ich sehe keine Menschenseele weit und breit. Jetzt muss ich unwillkürlich an eine Freundin denken. Ja, die Anna und der Julius. Wie kam Fräulein Behrens zu Juliussen? Es war bei einer Konzertveranstaltung. Gegenüber unserem Tisch saß ein hübsches Männlein. Und es kam, wie man es oft hört. Zwei Herzen sind schnell in heißer Liebe entflammt und sind bald ein Pärchen. Der Beruf als Fotograf ist seine Kunst. Anna hat sich in den Musensohn verliebt. Den Fotografen hat sie dem Grafen vorgezogen. „Ecco Fama! – Hier ist Ruhm! Seht welch eine Frau!“ Mit Fräulein Behrens verbindet er sich und verlebt mit ihr eine glückliche Ehe. Sie ist herzensfroh, den Mann gefunden zu haben, der ihrem Ideal entspricht. Schon wieder Wilhelm Busch, der hat es irgendwie auf den Punkt gebracht!

 

Ja, die See! Eine strenge Erzieherin des Menschen, die nicht mit sich spaßen lässt. Ich glaube, mich trotzdem behaupten zu können und gehe bei Ebbe weit … immer weiter. Von der rechten und linken Seite plätschern verführerisch die Wellen.

Wenn ich so dahingehe, immer weiter hinaus, sind es oft zwei gegensätzliche Dinge, die mir durch den Kopf gehen. Einerseits schmeichelt die See. Betörend sind die Wellen. Andererseits ist sie tückisch! Jetzt kann ich sie hören. Sie ruft:

„Du! Umkehren! Die Flut kommt. Zurück mit dir! Sonst nehmen meine Wellen dich mit. Du kommst vom Weg ab. In den Schlamm hinein. Keiner kann dir mehr helfen, weil keiner da ist. Du bist allein! Kehre um – jawohl!“

Noch in Gedanken höre ich Geräusche, die von Pferden stammen müssen. Ich bleibe stehen, halte inne. Tatsächlich, da kommen zwei Reiter im Galopp daher. Sie haben mich wohl bemerkt und reiten direkt auf mich zu. Kurz vor mir kommen sie mit ihren Pferden zum Stehen. Die Männer starren mich an, als ob ich ein Geist wäre. Dann poltert es aus ihnen heraus. Der eine, offensichtlich ein Seemann, ein hagerer Mann mit stark gebräuntem und von der See gegerbtem Gesicht, spricht mich in vorwurfsvollem Ton an:

„Was suchst du hier in drei Teufels Namen ganz allein, weit weg vom sicheren Land?“

Ehe ich antworten kann, spricht mich auch der andere Mann in einem warnenden Ton an. Er ist von kräftiger, fülliger Gestalt.

„Weißt du, dass du heute unheimlich viel Glück hast? Nur durch Zufall haben wir dich gesehen. Wir kommen von Duhnen und organisieren Wattfahrten für Touristen. Jetzt sind wir auf dem Rückweg nach Altenbruch. Die Flut muss gleich kommen! Wenn dir dein Leben lieb ist, dann kehre sofort um, sonst schluckt dich die See! Verstanden?“

Ich nicke den beiden zu. Sie haben ja recht. Aber die Gefahr! Gerade die lockt, ja, gerade die …, geht es mir durch den Kopf. Der Widerstreit, die Blockade in mir löst sich langsam auf und ich kann wieder klar denken. Mit leiser Stimme sage ich zu den Männern:

„Ich gehe nicht weiter hinaus. Ich gehe jetzt nach Hause.“

„Recht so“, meint der Hagere. „Du bist noch viel zu jung, um zu sterben. Also, pass auf dich auf.“  

Die Zügel der Pferde werden kurz angezogen, ein Kommando an die Pferde. Nach kurzer Zeit verliere ich die Männer aus den Augen. Schnellen Schrittes trete ich jetzt den Rückweg an. Die Flut muss bald einsetzen. Das Watt wird wieder unter Wasser gesetzt. In meinem Dickkopf ist kein Platz für Niederlagen. Ich muss eingestehen, dass diese Situation, in der ich mich befinde, keine Niederlage ist, sondern eher ein Kampf ums Überleben. Im Leben geht es doch darum, Herausforderungen anzunehmen um… zu siegen oder zu resignieren? Nein, das darf der Mensch nicht …

Mit Mühe und Not erreiche ich schließlich den rettenden Strand und bin dankbar für die schicksalhafte Begegnung mit den Fremden aus dem kleinen Örtchen Duhnen.

 

*

 

Die Entscheidung für meinen weiteren Lebensweg fällt schneller als mir lieb ist. Die vertrauten Orte soll ich nun hinter mir lassen? Freude und Traurigkeit wechseln sich bei mir immer schneller ab. Es muss sich etwas ändern in meinem Leben, aber was? Ein wenig Angst bekomme ich schon bei den Gedanken, bald von Groden und Cuxhaven Abschied nehmen zu müssen. Aber es muss sein!

Als ob ich es geahnt hätte! Mein Vater spricht an einem Montagnachmittag mit mir, denn er hat Neuigkeiten. Sein Dienstzimmer im Pfarrhaus liegt im ersten Stock, neben dem Konfirmandenraum. Ich klopfe zaghaft an die Tür. Es ertönt ein „Herein“. Mein Vater sitzt hinter seinem wuchtigen Schreibtisch. Er erwartet mich schon.

„Hör mal Erna, ich habe mir in den letzten Wochen überlegt, wie es mit dir weitergehen kann. Du bist jetzt im letzten Schuljahr bei Fräulein Cochius. Ich muss sehen, was für Möglichkeiten du hast.“

„Wir“, kommt es aus meinem Mund.

„Du weißt schon, wie ich es meine. Carla besucht derzeit eine privat geführte Hauswirtschaftsschule in der Schweiz. Aber dies ist wohl nichts für dich, denke ich.“

„Ja, da hast du recht, Papa. Ich möchte weiter die Schule besuchen. In Cuxhaven ist dies aber nicht möglich.“

„So ist es“, antwortet mein Vater prompt. „Es gibt aber die Möglichkeit, in Thüringen weiter auf die Schule zu gehen. Dort könntest du dein Abitur machen. Es ist zwar weit weg von hier, aber mit dem Abschluss der Reife ergeben sich für dich gute berufliche Aussichten.“

„Ja, und wo ist das genau?“

„Im Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen gibt es ein Oberlyzeum.“

„Wie weit ist das von hier?“, will ich jetzt wissen.

„Nun, es sind schon 400 Kilometer. Ein Studienfreund von mir war dort lange Jahre Pastor. Er ist leider schon früh verstorben. Seine Witwe, Klara Grosser, betreibt seit einigen Jahren eine Pension für Schülerinnen in Sondershausen. Die Unterkunft befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Schule. Dort könntest du für die nächsten drei Jahre unterkommen. Ich habe vor zwei Wochen einen Brief an die Schulleitung geschrieben und mich nach den Bedingungen für eine mögliche Aufnahme erkundigt. Letzte Woche habe ich schon eine Antwort bekommen.“

Mit diesen Worten hält er kurz einen Brief hoch.

 

Bei guten Zensuren in der Abschlussklasse bestehen keine Probleme, in die weiterführende Schule aufgenommen zu werden. Die Kosten für Unterbringung und Verpflegung müssen von den Eltern übernommen werden.

 

„Was meinst du?“

Jetzt ist es heraus! Ich kann erst einmal nichts sagen. Mir bleibt eine Weile die Spucke weg. Es geht mir alles viel zu schnell. Mein Vater spürt, dass ich überfordert bin. Im väterlichen Ton versucht er mich zu beruhigen.

„Es ist noch Zeit. Du kannst dir das noch überlegen.“

Damit ist das Gespräch zu Ende. Ich gehe langsam aus seinem Zimmer. Meine Füße sind schwer wie Blei.

Sichtlich benommen bleibe ich im Flur stehen. Ich muss erst einmal nachdenken. Wie in einem Karussell gehen mir Bilder durch den Kopf. Mein Zuhause, meine Freudinnen und der Strand. Auf unbestimmte Zeit der vertrauten Umwelt Lebewohl sagen zu müssen. Mit fünfzehn Jahren in eine vollkommen unbekannte Welt zu gehen. Hier habe ich keine Möglichkeit, einen besseren Schulabschluss zu bekommen. Im Gegensatz zu meinen Brüdern. Sie dürfen ab der sechsten Klasse das Gymnasium in Cuxhaven besuchen. Die haben es gut. Für Mädchen ist dieser Weg nicht vorgesehen. Spätestens nach der höheren Töchterschule ist Schluss mit der Schule. Der weitere Lebensweg als Hausfrau und Mutter ist vorgezeichnet. So eine Ungerechtigkeit!

In einer Fragestunde hat unsere Schulleiterin, Fräulein Cochius, über die eingeschränkten beruflichen Möglichkeiten für Mädchen gesprochen. Bei ihren Ausführungen habe ich ihre Anspannung gespürt. Ihre Worte liegen mir jetzt noch in den Ohren.

„In einem knappen Jahr ist eure Schulzeit erst einmal zu Ende. Und wie geht es dann für euch weiter? Nun, es bieten sich verschiedene Ausbildungen im sozialen Bereich an. Die Bezahlung ist allerdings gering. Dann gibt es die Möglichkeit über mehrjährige Seminare den Beruf einer Lehrerin zu ergreifen. Der Abschluss eines Abiturs wird nur sehr wenigen von euch vergönnt sein. Da gibt es noch viele Hürden und kaum Schulen, die einen qualifizierten Abschluss anbieten. Ein Studium an einer Universität ist für Mädchen nicht möglich. Leider …, ich bedauere das sehr! Vielleicht ändert sich das irgendwann einmal. Ich sage euch, verzweifelt nicht, sondern kämpft für eure Rechte! Es hat sich in den letzten Jahrzehnten für Frauen schon vieles verbessert. Wir dürfen uns trotz der Schwierigkeiten nicht entmutigen lassen. Meinen Optimismus will ich euch für euren weiteren Lebensweg unbedingt noch mitgeben.“

Es waren wohlgemeinte Worte. 

Weiter ging es mit dem Unterricht im Fach Deutsch. Ich spürte, wie die emotionale Stimmung unserer Lehrerin langsam nachließ.

 

Sondershausen – Aufbruch, Liebe, Ernüchterung

Abschied von der Heimat

Mittwoch, der 2. April 1902. Die Räder der Kutsche rollen gemächlich über den Sandweg der Alten Marsch in Groden. Meine Stimmung ist trübe, genau wie das Wetter. Die Sicht auf die Landschaft ist eingeschränkt. Nebelschwaden geben den Blick auf Wiesen und Felder nur bruchstückhaft frei.

Ich sitze mit meinem Vater auf der Sitzbank des Fuhrwerks. In aller Frühe geht es erst nach Altenbruch und von dort mit dem Zug nach Cuxhaven. Die befreundete Familie Steinmetz hat ein Pferdegespann für die Fahrt zur Verfügung gestellt. Mit Zuversicht und einem großen Koffer geht es auf die Reise nach Thüringen.  

Das letzte Halbjahr war geprägt von vielen schönen Erlebnissen. Umso schwerer fällt der Abschied von der geliebten Heimat. Dazu kommt noch die morgendliche Kälte, die der Nebel mit sich trägt. Nach dem Nebel kommt der Sonnenschein, versuche ich mich aufzumuntern. Abschied ist auch so ein Wort, das eine Endgültigkeit in sich birgt. Ach was, spätestens in den Sommerferien bin ich wieder hier in Groden. Verschiedene Lieder gehen mir durch den Kopf. Letztes Jahr im Sommer war ich Gast auf einem Gartenfest in Altenbruch. Die Familie Waller hatte zu einem kleinen Konzert eingeladen. Der gemischte Chor aus Groden, unter Leitung von Johann Steinmetz, hat mit frischem Ausdruck ein Lied von Wilhelm Baumgartner vorgetragen. Die gesangliche Einleitung des Liedes beginnt mit einem „Agitato“ (unruhiger und bewegter Vortrag). Baumgartner, ein Komponist aus der Schweiz, lebt seit über 30 Jahren nicht mehr. Sein Lied „Noch sind die Tage der Rosen“ ist sehr einfühlsam.

Meine Stimmung verbessert sich zusehends, als ich mich an den Textanfang erinnere: „Noch ist die blühende, goldene Zeit, o du schöne Welt, wie bist du so weit!“. Das passt doch gut für die nächsten Ziele in meinem Leben.

Es ist noch immer so kalt! Von wegen Frühling! Meine Finger fühlen sich nicht nur kalt, sondern auch nass an. Ach was, denke ich mir. Ich ändere das jetzt, indem ich die Finger gegen die Kälte bewege. Dann werden sie schon wieder warm. Durch die ruckartigen Schüttelbewegungen der Arme wird mein Vater, der neben mir sitzt, auf mich aufmerksam. Er spricht mich aber nicht an, sondern sieht demonstrativ in die entgegengesetzte Richtung.

Während der Kutschfahrt nach Altenbruch beschäftige ich mich in Gedanken noch einmal mit dem schönen Gartenfest. Die Familie Waller hatte natürlich auch ein Klavier. Mit Muskelkraft ist das Klavier auf ein kleines Podest mitten im Garten gewuchtet worden.

Im Freundes- und Bekanntenkreis hat sich herumgesprochen, dass die jüngste Tochter des Pastors eigene Lieder komponiert. Auf Wunsch der Gastfamilie wurde ich aufgefordert irgendetwas zu spielen. Erst zögerlich, dann mit Stolz, spielte ich aus dem Kopf mein neuestes Lied. Es heißt „Die Idealisten“. Der Verfasser des Textes ist mir nicht bekannt. Die Melodie entstand vor vielleicht zwei Wochen, spontan, aus einem innerlichen Bedürfnis.

Die musikalische Eigenwilligkeit des fünfzehnjährigen Mädchens in Rhythmik und Harmonie ist bei der gekonnten Darbietung schon zu spüren. Nachdem die letzten Töne auf dem Klavier verklungen waren, bekam ich von den Gästen viel Applaus. Es wurde sogar um eine Zugabe gebeten! Es war ein schönes Gartenfest.    

 

Die Musik hilft mir, nicht in Trübsal oder Depression zu verfallen. Die Musik gibt mir Zuversicht und Sicherheit. Es stellt sich bei mir ein Lebensgefühl ein, das kaum zu beschreiben ist. Im Überschwang der Gefühle spricht eine innere Stimme zu mir. Es ist schön, wie du deine Lieder spielst! Mach weiter so! Du siehst doch, wie sich die Leute über deine Musik freuen!. Ich bemerke, wie mein Körper zunehmend aus der Balance gerät, je mehr ich mich dem Publikum öffne. Wenn der Applaus vorbei ist, stellt sich eine nicht zu beschreibende Einsamkeit ein. Es sind Gefühle, die aus einer anderen Welt kommen und für außenstehende Menschen nicht vermittelbar sind. Die gegensätzlichen Stimmungen sind kaum auszuhalten.

 

Die Kutsche erreicht endlich das kleine Bahnhofsgebäude in Altenbruch. Wir sind am Ziel. „Wir sind da, alle bitte aussteigen“, kommt es aus dem Mund des Kutschers. Ich werde abrupt aus meinen Gedanken gerissen. Die Gegenwart hat mich wieder eingeholt.

Kaum am Bahnhof angekommen, geht es zum Schalter für die Abfertigung. Alles geht zu schnell. Der Koffer landet bei der Gepäckabgabe. Die Fahrkarten nach Cuxhaven werden gelöst. Den Abgabeschein für das Gepäck gibt mir mein der Vater in die Hand. „Nicht verlieren“, sagt er kurz. Ich brauche mich um mein Gepäck nicht mehr zu kümmern. An den Umsteigebahnhöfen wird es durch Bedienstete der Bahn umgeladen.

Auf dem Bahnsteig. Der Zug von Stade nach Cuxhaven muss jeden Augenblick eintreffen. Es ist genau acht Uhr. Früher Morgen im Nebel. Ich bin Frühaufsteher, doch diese Hast und Eile bin ich nicht gewohnt. Zu Hause geht alles seinen Gang. Immer mit Ruhe und Bedacht. Aber hier?

Von Ferne ist schon die Dampflokomotive zu hören. Gleich wird der Zug anhalten. Ich zähle sechs Waggons. Der Zug kommt zum Stillstand. Es steigen nur wenige Personen aus. Ein älteres Ehepaar geht langsam zum vorletzten Waggon. Mein Vater entscheidet sich für den ersten Waggon, direkt hinter der Lokomotive. Das Abteil ist kaum besetzt. Es gibt noch freie Sitzplätze am Fenster. Es dauert nicht lange. Da ertönt ein heller Pfiff des Schaffners. Er gibt das Zeichen für freie Fahrt. Ein mächtiges Stampfen der Lokomotive ist zu hören. Große und kleine Wolken aus Wasserdampf kommen aus dem riesigen Schornstein der Lokomotive. Der Zug setzt sich in Bewegung und nimmt langsam Fahrt auf. Im Abteil sitzen wir uns gegenüber, Vater und Tochter. Beide schweigen wir. Keiner vermag ein Wort zu sagen. Jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt. Die Stille wird unterbrochen durch Geräusche der Waggonräder. Ich sehe gedankenverloren aus dem Fenster. Die Landschaft, meine Heimat, zieht an meinen Augen vorbei. Erinnerungen an vergangene Zeiten werden wach. Was für eine schöne Jugendzeit ich doch hier in Cuxhaven hatte. Und jetzt? Was erwartet mich in der Fremde? Meine Gedanken werden unterbrochen. Schon erreichen wir Cuxhaven. So schnell geht das!

Auf dem Nachbargleis steht bereits der Anschlusszug nach Bremerhaven. Von dort geht es über Bremen, Hannover, Göttingen, Halle und Erfurt nach Sondershausen. Vor mir liegen gut sieben Stunden Fahrtzeit. Es ist wenig hilfreich zu wissen, dass zwischen Cuxhaven und Sondershausen gut 400 Kilometer liegen. 

Mein Vater kann sehr einfühlsam sein. Kurz vor Antritt der Reise hat er versucht mich zu beruhigen:

„In drei Monaten beginnen die Sommerferien. Die Betonung liegt auf dem Wort drei. Dann gibt es für uns ein Wiedersehen!“

Ein gut gemeinter Trost, der mir jetzt wenig hilft. Ich kenne meinen Vater. Er hat einen harten Kern. Wer ihn aber näher kennt, weiß seine Hilfsbereitschaft und Fürsorge zu schätzen.

Der Abschied naht! Ohne Worte verabschiede ich mich mit einem zarten Wangenkuss von meinem Vater. Jetzt nur keine Schwäche zeigen! Wortlos umarmt mich mein Vater, ehe es in den Zug geht. Der Zug setzt sich mit einem kleinen, kaum wahrnehmbaren Ruckeln in Bewegung. Ich kann mich jetzt nicht mehr zurückhalten! Ich muss bitterlich weinen.

Für einen kurzen Moment sehe ich meinen Vater noch. Er winkt mir zum Abschied zu, wendet sich dann ab. Sicher wird er den nächsten Zug nach Altenbruch nehmen.  

 

Mein Vater hat für mich die erste Klasse im Zug ausgewählt. Sie bietet den größten Komfort. Für lange Reisen sind die großen Sitze ideal. Die Züge verfügen mindestens über einen Waggon der ersten Klasse. Der separierte Teil im Zug ist mit einer Schiebetür versehen. Dahinter befinden sich mehrere Abteile. Pro Abteil ist Platz für sechs Personen. Drei Personen auf der linken, drei Personen auf der rechten Seite. 

Ein Abteil ist noch leer. Ich kann mir den Platz aussuchen. Natürlich am Fenster. Die Sitze haben einen Plüschüberzug. Ich bin überrascht. Das sind ja richtige Sessel. Sie besitzen eine Ähnlichkeit zu dem großen Ohrensessel bei uns zu Hause. Nach der Meinung meines Vaters ist die preiswertere zweite Klasse für die anstrengende Reise seiner Tochter nicht so gut geeignet. Im Zug gibt es noch Waggons mit der dritten Klasse als billigste Variante. Im Volksmund wird sie auch Holzklasse genannt. Die Reisenden sitzen hier komfortlos auf leicht geschwungenen Bänken aus Holz.

 

Der Zug nimmt langsam Fahrt auf, der Bahnhof entschwindet aus meinem Blickfeld. Bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof ist der Nebel verschwunden. Bestimmt wird es ein schöner Tag.

Mit der Zeit lässt die innere Anspannung bei mir nach. Wiesen und Felder wechseln sich ab. Ich höre ein beruhigendes, sonores Geräusch. Es entsteht durch den Kontakt der Waggonräder, die auf den Schienen dahingleiten. 

Mein leichter Sommermantel mit aufgedruckten, gelben Blümchen hängt sicher an einem Haken in der oberen Ecke von meinem Sitzplatz. Ich habe meine kleine braune Umhängetasche aus Rindsleder dabei. Drei schmale Riemchen mit seitlich eingestanzten Schnallen geben der Tasche ein modisches Aussehen. Praktisch ist die Tasche auch. Kleine Fächer bieten ausreichend Platz für einen kleinen Spiegel und Utensilien für die Gesichtspflege. Sogar der Reiseproviant passt noch hinein. Im Gepäckwagen steht der große Koffer. Nur ein paar Kleider, ein wenig Unterwäsche und Schreibzeug für die Schule habe ich auf die lange Reise mitgenommen. Für die nächste Zeit muss das reichen.  

 

Endlich zeigt sich die Sonne. Der blaue Himmel ist nahezu wolkenlos. Langsam verbessert sich meine Stimmung. Wenn nur das Umsteigen in die Anschlusszüge nicht wäre. Nur gut, dass die Wartezeiten auf den Bahnhöfen nicht allzu lang sind.

Vom diensthabenden Kontrolleur wird meine Fahrkarte jetzt schon zum dritten Mal gelocht. Eine überdimensionale Zange macht hässliche Löcher in das Papier.

Ja, es muss alles seine Ordnung haben! Im Abteil liest ein älterer Mann aufmerksam die Tageszeitung. Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, vielleicht 6 und 8 Jahre alt, bringen kurzfristig etwas Trubel und Bewegung in das Abteil. Langsam bricht der Nachmittag an. Ein letztes Umsteigen in Erfurt! Nach Auskunft des Schaffners braucht der Zug noch eine gute Stunde bis nach Sondershausen. Ich werde von einer angenehmen Müdigkeit erfasst. Zuerst kämpfe ich noch dagegen an. Aber nein, ein kleines Schläfchen wird mir jetzt bestimmt guttun. Eine Frage beschäftigt mich die ganze Zeit: Wo wohnt das Glück? Bei meinen Überlegungen versinke ich in einen Tagtraum. Ich sehe mich urplötzlich an der See, gehe alleine an einem Strand entlang. Unter meinen nackten Füßen erspüre ich kleine Steine, die an Land gespült worden sind. Schön fühlt sich das an. Einem inneren Bedürfnis folgend geht mein Blick geradeaus auf die See. In die weite Ferne, dort will ich hin. Milchiger Nebel zieht über das Wasser. Wie von Zauberhand teilt sich das Wasser links und rechts von mir. Ja, wie von Zauberhand ist der Weg für mich jetzt frei. An den Seiten, die nicht von Wasser umspült werden, erkenne ich Rosen in den verschiedensten Farben. Der Duft ist betörend. Das sind meine Lieblingsblumen. Wie schön ist das! Ich sehe mich in einer Welt voll von Glück. Aus eigenem Antrieb renne ich nun kreuz und quer in dieser unwirklichen Welt umher. Alle Hindernisse werden wie von Zauberhand zur Seite geschoben. Aber wo ist das Meeresrauschen geblieben? Um mich herum hat sich eine bedrückende Stille ausgebreitet. Nun bleibe ich stehen. Aus der Ferne höre ich vertraute Musik. Es ist mein eigenes Lied: „Die Idealisten“. Das habe ich doch im letzten Jahr auf dem Sommerfest in Altenbruch gespielt! Doch jetzt, eine raue Stimme weckt mich aus meinem Traum:

„Fräulein! … Fräulein, wir erreichen in Kürze Sondershausen.“

Wenn man so unsanft geweckt wird, ist das Aufwachen eine Qual. Aber gut und aufmerksam vom Schaffner, dass er mich hier im Zug nicht sitzen lässt.

Wenige Minuten später bin ich am Ziel. Der Bahnhof liegt südlich von Sondershausen. Das durchdringend laute Quietschen der Bremsklötze geht mir auf die Ohren. Endlich kommt der Zug zum Stehen. Ein wenig benommen von der langen Fahrt, steige ich langsam aus dem Waggon. Ich sehe mich in der fremden Umgebung um. Es ist später Nach­mittag. Die Bahnhofsuhr zeigt halb fünf Uhr. Fahrgäste hasten an mir vorbei in Richtung Ausgang. Erst einmal Ruhe bewahren, das ist wichtig. Während ich versuche mich zu orientieren, höre ich eine laute Stimme.

„Hallooooo“, ertönt es auf dem Bahnsteig. Eine ältere, untersetzte Frau läuft mit wedelnden Armen geradewegs auf mich zu. Schon steht sie vor mir. Sie trägt einen bunten Rock, darüber eine weiße Bluse. Die Haare sind aufgesteckt. Ihre freundliche und offene Art ist in ihrem Gesicht abzulesen. Die unbekannte Frau nimmt sofort Blickkontakt zu mir auf, als wäre ich ihre beste Freundin. Schüchtern gebe ich ihr die Hand. Nur ein paar Worte kommen aus meinem Mund:

„Guten Tag, ich bin Erna Becker.“

Stoßweise, leicht außer Atem, sagt sie zu mir:

„Kind, du bist ja ganz blass im Gesicht und dann ganz allein hier. Hat dich denn keiner auf der langen Fahrt begleitet?“

Eine Antwort bleibt aus.

„Entschuldige, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Ich bin Klara Grosser. Mein Mann war Theologe, er ist verstorben. Aber das wird dir dein Vater bestimmt schon erzählt haben. Seitdem ich allein bin, vermiete ich unser Haus als Pension für Mädchen wie dich. Irgendwie muss ich ja über die Runden kommen. Übrigens, du kannst mich Klara nennen, das tun alle hier, die mich kennen.“

Durch die freundliche Zuwendung der Frau verliere ich meine anfängliche Zurückhaltung. Ich räuspere mich kurz, nehme all meinen Mut zusammen.

„Frau Grosser, Entschuldigung, Klara, ich freue mich in Sondershausen zu sein und bin sehr gespannt darauf, was mich hier erwartet.“

Prompt folgt die Antwort.

„Erwartung ist gut. Wir sind hier in Sondershausen und haben unseren Gästen schon einiges zu bieten.“

Frau Grosser hat offensichtlich ein großes Mitteilungsbedürfnis. Ich bin ihrem Redeschwall gnadenlos ausgesetzt.

„Unser kleines Städtchen hat ein richtiges Schloss. Siehst du, da liegt es … auf der anderen Seite.“ Damit zeigt ihre ausgestreckte rechte Hand auf die Anhöhe von Sondershausen. „Siehst du das Schloss? Es ragt aus dem Talkessel heraus. Siehst du? Ja, unser Fürst Karl Günther von Schwarzburg-Sondershausen sorgt gut für uns kleine Leute. Wir erleben hier seit vielen Jahren eine Blütezeit, wie man hier sagt. In die Schulen und die Kultur wird viel Geld investiert. Hast du von den vorzüglichen Konzerten im Loh gehört?“

In ihrer emotionalen Stimmung beantwortet sie die Frage gleich selbst:

„Wahrscheinlich nicht. Die Theateraufführungen in Sondershausen sind über die Landesgrenzen bekannt. Die Musik kommt auch nicht zu kurz. Unterhalb des Schlosses befindet sich unser Kon.“

„Was ist das Kon?“, frage ich neugierig.

„Ja, das Kon, liebe Erna, ist unser Konservatorium. Eine Musikanstalt, die über die Grenzen hinaus bekannt ist. Für Musikliebhaber jedenfalls … Nun gehen wir aber erst einmal zusammen nach Hause, sonst wird alles zu viel für dich.“

Bevor sie sich mit mir auf den Weg zur Pension macht, geht ihr Blick über den Bahnsteig, als ob sie nach jemandem Ausschau hält.

„Dahinten ist bestimmt dein Gepäck. Ich sehe schon, unser Hausmeister Otto hat den Koffer gefunden“, murmelt sie den letzten Satz leise vor sich hin. „Dann können wir gehen. Von hier ist es nicht weit. Das ist für mich und vor allen Dingen für Otto ein großer Vorteil.“

Ohne weitere Worte zu verlieren, verlässt sie schnellen Schrittes mit mir die Bahnstation.

Den Sommermantel in der linken Hand haltend, die Umhängetasche auf der anderen Seite, folge ich der fürsorglichen Frau. Ich fühle mich hier jetzt schon gut aufgehoben. Meine Anspannung lässt langsam nach. Vom Bahnhof bis zur Karlstraße ist es wirklich nicht weit, vielleicht 200 Meter.

Vor dem Haus angekommen bleibe ich andächtig stehen. Das Gebäude hat eine kompakte, quadratische Form. Ein kleines Mäuerchen mit Einlass zum Treppenaufgang umschließt das Grundstück. Vor dem Haus gibt es einen schmalen Vorgarten. Über dem ersten Stock befindet sich mittig ein quadratischer Turm mit einem zwiebelförmigen Dach.

Ich zähle sieben Fenster im Parterre. Die Fenster im ersten Stock sind baugleich zum Parterre angeordnet. Die vielen Fenster geben dem Gebäude eine unausgesprochene Leichtigkeit.

Hier wohnen die Töchter von wohlhabenden Familien. Schon ist die Stimme von Frau Grosser wieder zu hören:

„Es ist ein großes Haus, nicht wahr? Es gibt immer viel zu tun, aber es macht mir Spaß mit den jungen Leuten. Erna, du bekommst das Turmzimmer, siehst du?“ Damit zeigt sie mit dem Zeigefinger auf das oberste Fenster. „Ich kann dir leider kein anderes Zimmer anbieten. Der Brief deines Vaters hat mich zeitlich sehr spät erreicht. Du bist doch gut zu Fuß? Die paar Stufen wirst du ohne Probleme schaffen. Die Anstrengung wird auch belohnt. Von oben hast du einen schönen Blick auf Sondershausen. Das entschädigt alle Mühe.“

Sie wendet sich kurz von mir ab und gibt Otto ein paar Anweisungen.

„Otto, den Koffer von Fräulein Becker bringe bitte in das Giebelzimmer.“ Frau Grosser wendet sich nun wieder mir zu. „Dein Zimmer ist schon gerichtet. Das Bett ist bezogen. Du brauchst dort nichts weiter zu machen. Im Zimmer gibt es einen kleinen Tisch und einen Kleiderschrank. Die Toilette für das Stockwerk befindet sich separat auf dem Gang…  Du, ich kenne das Gefühl, alleine und bei fremden Menschen weit weg von der Heimat zu sein. Richte dich erst einmal in Ruhe in deinem Zimmer ein. Abendbrot gibt es ab sieben Uhr unten im großen Saal. Dort wirst du auch andere Mädchen treffen und dich vielleicht anfreunden. Das geht oft sehr schnell. Wenn du Fragen hast, bin ich jederzeit für dich ansprechbar. Auch Herr Hübsch, unser Otto, ist sehr hilfsbereit. Ich glaube, dass du dich hier mit der Zeit wohlfühlen wirst.“  

Sechs Stufen sind es bis zur Haustür. Im Hausflur zeigt sie mir mit einer Handbewegung den Weg in das Dachgeschoss und verschwindet danach in Richtung Küche. Sie muss dem Küchenpersonal für das Abendbrot noch ein paar Anweisungen geben. Der Weg zum Giebelzimmer ist für mich weniger beschwerlich als anfangs gedacht. Ich mache mir Mut: „Es wird bestimmt eine gute Zeit werden. Ich werde bestimmt andere Menschen kennenlernen. Jawohl. Langeweile werde ich hier bestimmt nicht haben.“

Die letzten Sätze spreche ich zu mir selbst.

 

Am nächsten Tag. Zeit, sich bei der der höheren Mädchenschule persönlich vorzustellen. Das wird von der Schulleitung vor Beginn der Schulzeit auch erwartet.

Von der Karlstraße geht es abwärts über eine Seitenstraße auf die Promenade, eine Parallelstraße am unteren Hang. In gut zehn Minuten habe ich die Mädchenschule erreicht. Hinweisschilder im Schulgebäude lenken die Neuzugänge zum Sekretariat. Bei der formellen Registrierung gibt es keine Probleme. In der vorläufigen Aufnahmeliste steht mein Name: Erna Becker. Die Unterlagen für die Anmeldung wurden bereits an die Schule verschickt.  

Für die Aufnahme muss das Abgangszeugnis der Höheren Töchterschule Cuxhaven, der Lebenslauf und ein ärztliches Gesundheitszeugnis vorliegen. Das Sekretariat bestätigt, dass die erbetenen Unterlagen angekommen sind.

Nach kurzer Prüfung wird mir mitgeteilt, dass einer ordnungsgemäßen Aufnahme in das Oberlyzeum nichts mehr im Wege steht.

„Ach ja, das vierteljährlich im Voraus zu zahlende Schulgeld in Höhe von 160 Mark ist bei der städtischen Kämmereikasse eingegangen. Vielen Dank dafür! Und wichtig: Am kommenden Freitag findet in der Aula der Schule eine kleine Feier statt. Jedes Jahr werden die Neuankömmlinge von der Schulleitung begrüßt. Man rechnet mit gut 100 Mädchen. Zum großen Teil sind es Schülerinnen der Klassen des Lyzeums. Nur wenige Schülerinnen besuchen das Oberlyzeum. Nach drei Schuljahren endet die Schulzeit mit dem Reifezeugnis. Schülerinnen der höheren Töchterschule mit Abschluss der mittleren Reife haben alternativ die Möglichkeit, durch den Besuch der dreijährigen Seminarklasse ebenfalls den Beruf als Lehrerin ergreifen zu können. Vorrangig die Angehörigen, deren Kinder aus Sondershausen und aus der Umgebung kommen, sind eingeladen, an der Einschulungsfeier teilzunehmen.“

Bei der Frage, ob meine Eltern an der Feier teilnehmen würden, werde ich unruhig.

„Nein, meine Eltern sind am Freitag nicht dabei“, antworte ich mechanisch. Die Problematik ist der Schulleitung bekannt. Eine Kollegin des Sekretariats versucht mich zu beruhigen.

„Fräulein Becker, machen Sie sich keine Sorgen. Unsere Lehrer haben es sich zur Aufgabe gemacht, ein freund­schaftliches Verhältnis zu ihren Schülerinnen aufzubauen. Sie sind in diesen Mauern also von der größtmöglichen Fürsorge umgeben. Einigen Mädchen geht es bestimmt genauso wie ihnen.“

Sichtlich erleichtert mache ich mich auf den Rückweg zu meiner Pension.

 

*

 

Am Freitagvormittag sitze ich mitten unter Mädchen, Eltern und Gästen, die ich nicht kenne. Im hinteren Teil der Aula habe ich einen Platz gefunden. Zu Beginn der Feier tragen Schülerinnen der dritten Klasse des Lyzeums verschiedene Volks- und Heimatlieder vor. Im Anschluss hält der Schuldirektor vor den Gästen die Begrüßungsrede. Auf einem Stehpult vor ihm liegt die ausgearbeitete Ansprache.     

„Liebe Eltern und Gäste, vor allem aber liebe Schülerinnen, ich heiße Sie und euch herzlich willkommen. Es ist mir ein großes Bedürfnis, Ihnen allen zu sagen, wie sehr es mich freut, dass sich unsere Schule seit vielen Jahren eines großen Zuspruchs erfreut. Unsere Studienanstalt bietet für die weitergehende Schulbildung außerordentlich viele Vorteile. Dabei denke ich nicht nur an unsere Seminarklasse für die Ausbildung der künftigen Lehrerinnen. Der Besuch des Lyzeums ist der Garant für eine solide schulische Ausbildung. In diesem Jahr möchte ich kurz auf die schulische Einrichtung des Oberlyzeums eingehen. In Sondershausen haben wir durch die erweiterten Möglichkeiten mit Hinführung zum wissenschaftlichen Abitur einen gewaltigen Vorteil. Über unsere Landesgrenzen hinweg haben viele Städte ein Lyzeum, aber keine Studienanstalt zur Erlangung eines Abiturs. Das wird leider auch noch lange so bleiben. Begabte junge Mädchen mit dem Wunsch nach weitergehender Bildung sind leider oft gezwungen, fernab der Heimat die geeignete Schulausbildung zu finden. Die Stadt Sondershausen stellt die Studienanstalt in erster Linie für die lernbegierigen Töchter der eigenen Bürgerschaft zur Verfügung.

Zur Gewährleistung der Auslastung unserer Anstalt ist jedoch die Besetzung der freien Schulplätze durch Zuzug von außerhalb erforderlich. Unsere Studienanstalt folgt nach Lehrplan und Lehreinrichtungen den Richtlinien des Königreichs Sachsen. Durch Bundesratsbeschluss sind den Reifezeugnissen derartiger Anstalten bereits alle Berechtigungen zuerkannt, welche von Reichswegen verliehen werden können. Dies betrifft vor allem den Zugang zum Studium. Das gesamte Schulwesen unseres Fürstentums ist dem Fürstlichen Ministerium, Abteilung für Kirchen- und Schulsachen, unterstellt. Nachgeordnete Aufsichtsbehörden sind die Kreisschulämter, die aus dem Landrat des Kreises als Vorsitzenden und dem Kreisschulinspektor bestehen. Die Aufrechterhaltung unseres vielgliedrigen Schulsystems kostet jedes Jahr viel Geld.

Nicht vergessen möchte ich unser altehrwürdiges humanistisches Gymnasium mit angegliederter Realschule für unsere Schüler. Wir können uns in Sondershausen glücklich schätzen, mit unserem fürsorglichen Fürsten Karl Günther von Schwarzburg-Sondershausen und seiner verehrten Gattin Fürstin Marie, geborene Prinzessin von Sachsen-Altenburg, einen nicht zu unterschätzenden finanziellen Rückhalt zu haben. Nicht zu vergessen unser fürstliches Konservatorium der Musik, das national und international einen enormen Bekanntheitsgrad genießt. Das alles verdanken wir unserem Fürstenhaus.

Ich komme zum Schluss und konstatiere, dass unsere Stadt Sondershausen mit aktuell etwas über 7.000 Einwohnern anerkannte Vorzüge besitzt. Mit meinen Worten sage ich es ganz offen. Sondershausen ist eine Musenstadt, wie geschaffen für die weibliche Jugend.

Seine landschaftlich so außerordentlich reizvolle Lage inmitten von Berg und Wald machen es zu einem gesunden und anmutigen Wohnort. Mit seinem regen Musikleben, seinem Hoftheater, seiner feinen Geselligkeit und geistigen Anregung ist Sondershausen über die Landesgrenzen bekannt. Im Vergleich mit weit größeren Städten wird hier allen an Kunst und Kultur interessierten Bürgern und Gästen überproportional viel geboten. Möge darum unsere Residenz durch die etablierte Studienanstalt in noch viel höherem Maße werden, was sie schon bisher durch ihr Oberlyzeum war. Sondershausen ist ein Sammelplatz für die bildungs- und lernbegierige weibliche Jugend Thüringens und der umliegenden Landesteile der Provinz Sachsen. Quod bonum felix faustumque sit (was gut und glücklich sein möge)!“  

Die Erleichterung über die gelungenen Worte ist dem Schuldirektor sichtlich anzumerken. Für seine engagierte und emotionale Rede gibt es langanhaltenden Applaus.

Noch einmal ergreift er das Wort.

„Liebe Eltern und Gäste, ich darf sie jetzt zu einem kleinen Imbiss einladen. Wenn Sie Fragen haben, wird Ihnen das Lehrerkollegium zur Verfügung stehen. Unser Schulgebäude steht Ihnen heute zur Verfügung. Wenn Sie noch Zeit haben, dann machen Sie sich mit unserer Schule vertraut. Sie können sich gerne die Klassenräume ansehen, unsere opulente Schulbibliothek begutachten oder die große Turnhalle besichtigen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“

 

*

 

Das Wochenende in der Pension verläuft für mich trostlos. Meine gedrückte Stimmung wird durch das trübe Wetter noch verstärkt. Ich weiß kaum etwas mit mir anzufangen. In Groden steht mein Klavier, weit entfernt und unerreichbar. Das Meeresrauschen fehlt mir schon jetzt. Ich fühle mich einsam unter den fremden, wenn auch freundlichen Menschen. Ich bin ein geselliger Mensch, habe viele Freundinnen in Groden und Cuxhaven. Die Freundschaften sind über die Jahre gewachsen. Hier in Sondershausen wird es Zeit brauchen. Das geht nicht von heute auf morgen, wie auf Knopfdruck.

 

Montagmorgen. Schulbeginn. Endlich. Zu Fuß sind es knapp zehn Minuten bis zu meiner Schule. Bereits am vergangenen Freitag, dem Tag der Begrüßung, konnte ich mir einen ersten Eindruck verschaffen. Im hinteren Teil des zweiten Stocks befindet sich mein Klassenraum für die elfte Schulstufe. Am Fenster, im hinteren Teil der Klasse, möchte ich gerne sitzen. Von dort hat man den freien Blick auf die Landschaft. Vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit der freien Platzwahl. Wer weiß.

Pünktlich um acht Uhr beginnt die Schulstunde. Zu Beginn stellt sich das Lehrerkollegium vor. Fünf Pädagogen teilen sich die Schulstunden. Vier sind anwesend. Der Direktor lässt sich entschuldigen. Dringliche Termine haben leider Vorrang.

Die Oberlehrer Herr Baldewein und Herr Merten stellen sich zuerst vor, dann Herr Hammer und Fräulein Seidler, meine Französischlehrerin. Danach wird der wöchentliche Stundenplan gemeinsam mit den anderen neun Mädchen besprochen.

„Das wöchentliche Pensum liegt bei 26 Schulstunden. Die Schwerpunkte liegen auf Pädagogik, Deutsch, Mathematik und den Naturwissenschaften. Dazu kommen noch Stunden in Geschichte, Erdkunde, Religion, Französisch und Englisch. Wissenschaftliche Übungen für Pädagogik, Deutsch und Mathematik sind Pflicht. Zusätzlich kann freiwillig noch ein Kurs im Fach Latein belegt werden. Informationen zur Organi­sation der Schule gibt es zum Schluss. Gibt es noch Fragen? … Nein?“

Oberlehrer Merten wendet sich noch einmal an die Klasse. Seine freundschaftliche Hinwendung zur Klasse ist deutlich zu spüren.

„Es ist mir ein Bedürfnis, euch zu sagen, dass unsere Fürsorge für euch ein wichtiges Anliegen ist. Die Ansprüche unserer Schule sind nicht ungebührlich groß. Nach den uns auferlegten Bestimmungen für die höheren Klassen soll das tägliche Pensum für Hausaufgaben höchstens zwei Stunden betragen. Ich glaube fest daran, dass ihr das ohne Probleme schafft.“ Sein Lächeln ist unübersehbar. „Dieses Maß müssen wir bei den gesteigerten Anforderungen der Lehrpläne in Anspruch nehmen. Mehr aber dürfen und wollen wir nicht. Sollten sich dauernd Überschreitungen dieses Maßes einstellen, so besteht die Möglichkeit der unbedingten Rücksprache mit dem Klassenlehrer oder dem Schuldirektor. In diesem Fall gilt es festzustellen, wo der Fehler liegt.“

Uns Mädchen wird ausnahmsweise gestattet, früher nach Hause gehen zu dürfen. Am morgigen Dienstag soll dann der planmäßige Schulunterricht beginnen.

 

Die erste Zeit in der Schule verläuft ohne Probleme. Ich gewöhne mich schnell an den neuen Rhythmus. Während des Unterrichts bin ich voll konzentriert. In den Fächern Mathematik und Pädagogik kann ich Zusammenhänge schnell erfassen und verarbeiten. Die Anforderungen in der Schule machen mir sogar Spaß.

Zunehmend Probleme bereiten mir jedoch die vielen Vorschriften. Angefangen bei der Schulordnung bis hin zur Hausordnung bei Frau Grosser. Reglementierungen mögen sinnvoll sein. Nur durch klare Regeln ist ein reibungsloser Ablauf in der Schule möglich. Aber, …Verbote bedeuten ein Verzicht … auf Freiheiten.

Bereits in der Woche nach Schulbeginn möchte Frau Grosser unbedingt mit mir sprechen. Den Monolog empfinde ich als eine Zumutung. Frau Grosser lässt mich nicht zu Wort kommen.

„Erna, ich bin davon überzeugt, dass du dich bei uns gut eingelebt hast. Ich sehe das an deinem Verhalten. Zu Beginn der Zeit hier in Sondershausen möchte ich mit dir ein paar wichtige Dinge besprechen. Alle Mädchen, die hier einquartiert sind, kommen von außerhalb. Die Eltern wohnen weit entfernt. Der elterliche Einfluss auf ihre Kinder ist nicht möglich. Soweit es mir möglich ist, muss ich diese Aufgabe in Vertretung übernehmen. Es geht hier um ein großes Vertrauen, das alle Eltern in mich setzen. Ich habe sozusagen den Auftrag, ihre Kinder vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Da ich meine Augen nicht überall haben kann, setze ich in euch auch ein Vertrauen. Meine Bitte ist, mich nicht zu enttäuschen. Wenn du beispielsweise am Wochenende in die Stadt gehen willst, um dir den Park am Schloss anzusehen, oder Interesse an anderen Sehens­würdigkeiten in der Stadt hast, dann ist von meiner Seite nichts dagegen einzuwenden. Für Mädchen ab dem sechszehnten Lebensjahr toleriere ich diese Freiheiten. Allerdings muss ich darauf bestehen, dass du spätestens zum Abendbrot wieder in der Pension bist. Aus meiner Verantwortung heraus ist es strikt verboten, Jungs mit auf das Zimmer zu nehmen. Das Rauchen ist weder in der Pension noch außerhalb gestattet, schon der Gesundheit wegen. Ich bitte dich, die im Hausflur ausgelegte Hausordnung durchzulesen, wenn du es nicht schon getan hast. Wenn sich Fragen oder Wünsche ergeben, bin ich jederzeit ansprechbar.“

Offensichtlich ist Frau Grosser in Eile.

„Es tut mir leid. Wir können später darüber reden, wenn du willst. Ich muss mich jetzt um die Küche kümmern.“

Schon ist sie entschwunden. Ich sitze allein im Vorraum. Auf dem Weg zu meinem Turmzimmer presse ich die Lippen leicht aufeinander und singe leise vor mich hin: „verboten, verboten, verboten“; sogar mit ansteigender Tonleiter.

 

*

 

Endlich ist Wochenende. In der Pension geht es jetzt gemächlich zu, Ruhe kehrt ein. Am Samstagmorgen sitze ich an meinem kleinen Tisch und sehe mir die ausgegebenen Schulbücher an. In Mathematik werde ich auch in der kommenden Zeit keine Probleme bekommen. Im Lehrbuch der Pädagogik sind mir einige Begriffe noch fremd, dennoch bin ich zuversichtlich. Mit Fleiß und Konzentration habe ich bisher noch alle Aufgaben bewältigen können. Ein kleiner Seufzer entweicht meinem Mund. Ach was, bisher ist alles gut gelaufen. Die Leute sind nett. Zu den Schülerinnen in der Klasse werden im Laufe der Zeit bestimmt Kontakte, vielleicht auch Freundschaften entstehen. Mal sehen, wie es weitergeht. Für den Samstag habe ich keine großen Pläne. Vorsorglich habe ich mir von zu Hause ein paar Romane eingepackt. Die kann ich in meiner Freizeit lesen. Vielleicht ist heute auch ein kleiner Rundgang in Sondershausen möglich. Bei diesem guten Aprilwetter ist es ratsam, nicht nur im Zimmer zu hocken. Selbst Frau Grosser hat mir empfohlen, die Umgebung zu erkunden.

Aber wie sieht es für den Sonntag aus? Grübelnd gehe ich aus meinem Turmstübchen. Ein kleiner Rundgang in die Innenstadt von Sondershausen wird mir jetzt gut tun. Ich überlege. Die Teilnahme am Gottesdienst ist bestimmt möglich. In unmittelbarer Nähe zur Kirche befindet sich auf einer Anhöhe das Residenzschloss. Im Anschluss an den Kirchenbesuch könnte ich mir das Schloss aus nächster Nähe ansehen. Bürger können sich sonntags den Schlossinnenhof meist ohne Einschränkungen ansehen. Das ist mir bekannt.

 

Begegnung am Brunnen und erste Liebe

Der Gottesdienst der St. Trinitatis-Kirche beginnt sonntags um zehn Uhr. Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg. Für unterwegs nehme ich ein kleines Brot für mit. In der Umhängetasche ist noch genug Platz dafür. Es kann gut sein, dass ich erst am Nachmittag wieder zurückkehre. Dann gibt es in der Pension kein Mittagessen mehr.

 

Der Himmel ist wolkenlos. Auf meinen Armen spüre ich die Wärme der Sonne. Bei den angenehmen Temperaturen trage ich unter dem leichten Sommermantel ein weißes Sommerkleid mit kleinen, blauen Stickereien an den Ärmeln. 

Frohgelaunt und leichtfüßig geht es bergab in Richtung Stadtkern. Schon stehe ich vor der St. Trinitatis-Kirche. Der Gottesdienst beginnt aber erst in einer halben Stunde. Neugierig betrete ich den Innenraum der imposanten Kirche. Es sind noch keine Besucher im Gotteshaus. Alle Bänke sind noch frei. Andächtig suche ich mir einen Platz in der Mitte.

Der Gottesdienst dauert eine gute Stunde.

Benommen von den stimmungsvollen Liedern und den Tönen der Orgel gehe ich aus der Kirche. Helles Sonnenlicht empfängt mich vor dem Kirchenportal. Vor mir liegt das aufragende Schloss. Es befindet sich am äußeren Stadtkern von Sondershausen. Auf der Hangseite ist die gewaltige Außenmauer zu erkennen.  

Über den Marktplatz führt der Weg über eine Freitreppe in den dreieckigen Schlosshof. Bedächtig und voller Ehrfurcht erkunde ich den riesigen Innenhof. Was sind das für großartige Baumeister gewesen! Hier blicken über 600 Jahre auf mich herab. Dekorative Gebäude aus der Barockzeit vermitteln dem Besucher ein Gefühl der Unvergänglichkeit. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt der Schlossturm, gut integriert in die großartige Schlossanlage.

In der Mitte des halboffenen Schlosshofes befindet sich ein Brunnen. Durch die stilvolle und filigrane Figur in der Brunnenmitte und das leise Plätschern fühlt ich mich von dem Brunnen magisch angezogen. Das Wasser im Brunnen wird durch eine Umlaufpumpe in Bewegung gehalten. Kurz entschlossen setze ich mich auf den Brunnenrand und genieße den Augenblick. Nun beuge ich mich leicht nach vorne. Mein Gesicht und der halbe Oberkörper spiegeln sich im Brunnenwasser. Die seitliche Sonneneinstrahlung verstärkt die Konturen. Das gespiegelte Gesicht wird von den wellenförmigen Wasserbewegungen leicht verzerrt.

Mein Spiegelbild zieht mich geradezu magisch in seinen Bann. Ich schaue in ein Gesicht mit weichen, anmutigen Gesichtszügen, Seitenscheitel und einer herunterhängenden Haarlocke. Der Kragen meines Sommermantels bedeckt den Hals. Ein Gefühl der Zufriedenheit stellt sich bei mir ein.

Abrupt wird meine Welt der Reflexion gestört. Eine Hand taucht seitlich von mir in das Brunnenwasser. Dadurch geht mein Spiegelbild verloren. Überrascht blicke ich auf. Neben mir steht ein junger Mann. Mit einem kraftvollen Blick schaut er mich an. Ein Räuspern verrät seine Aufregung. Offen­sichtlich macht er das nicht oft, auf diese eher plumpe Art ein fremdes Mädchen ansprechen.

„Verehrtes Fräulein, darf ich Ihnen ein paar Blumen überreichen?“

Ich bin vollkommen überrascht und kann nur fragend antworten:

„Mir?“

„Ja, Ihnen!“ Seine Stimme ist jetzt klar und deutlich. „Ich beobachte Sie schon, seit Sie sich hier im Schlosshof befinden. Mein Gefühl sagt mir, dass Windröschen gut zu Ihnen passen. Die Blümchen wachsen ganz in der Nähe.“

Seine Hand zeigt zum Eingang des Schlosshofes.

„Von dort habe ich einen kleinen Blumenstrauß für Sie gepflückt. Verzeihung, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Conrad und besuche das Gymnasium hier in Sondershausen. Ich gehe in die elfte Klasse. Das ewige Lernen. Ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Aber die schöne Natur, gute Musik im Park und Ihre reizende Gegenwart ist das vollkommene Glück für mich an diesem sonnigen Sonntag.“

Ich bin misstrauisch. Sein Redeschwall erzeugt bei mir sofort eine Distanz. Dagegen …. seine Erscheinung ist durchaus attraktiv. Vor mir steht ein junger Mann mit lockigem Haar. Die sichtbaren Wangenknochen und ein kleiner Schnurrbart geben dem Gesicht einen unverwechselbaren Charakter. Mir missfällt die draufgängerische Art und Weise. Andererseits ... auch wenn ich es nicht zugeben würde, imponiert mir sein unkonventionelles Auftreten.

Ein wenig ärgerlich und entrüstet entgegne ich kurz:

„Sie können mich doch hier nicht so einfach ansprechen. Sie kennen mich doch nicht. Ich glaube nicht, dass wir uns hier schon begegnet sind.“

„Aber das ist doch gerade das Abenteuer im Leben“, entgegnet er mit einem süffisanten und charmanten Lächeln. „Darf ich Sie wiedersehen? Ich würde mich sehr freuen.“

Sein Geschenk hält er noch immer in seiner Hand. Mit einem gemurmelten „Entschuldigung, habe ich ganz vergessen“ überreicht er mir feierlich die Blumen, die mangels Wasser schon die Köpfchen hängen lassen. Die unerwartete Begegnung mit dem fremden, jungen Mann überfordert mich vollkommen. In meinem Kopf spuken Wörter hin und her: Abenteuer, Gefühl, Natur. Es fühlt sich an wie ein nicht aufzulösendes Knäuel. Ich kann mich doch nicht einfach mit einem wildfremden Menschen treffen, dazu noch in fremder Umgebung! Meine Gedanken und Gefühle gehen ruhelos hin und her. Dennoch, ein Treffen in Begleitung ist vielleicht die Gelegenheit, Sondershausen und die Umgebung besser kennenzulernen. In der Pension bin ich mit freundlichen Menschen zusammen, fühle mich aber trotzdem einsam und verlassen. Nun gut. Eine kleine Überwindung braucht es. Ich gebe dem jungen Mann mein Einverständnis für ein Treffen am kommenden Wochenende.

„Gut, dann sehen wir uns am Samstagnachmittag um zwei Uhr hier am Schlossbrunnen“, bestätigt Conrad meinen Vorschlag mit leiser Stimme. Er scheint in Eile zu sein. „Ich muss mich verabschieden. Meine Eltern kommen heute aus Hamburg zu Besuch. Entschuldigung für meine Eile.“

Schon dreht er sich um und verlässt eiligen Schrittes den Schlosshof. Nun stehe ich allein am Brunnen. Es dauert eine Weile, bis ich meine Verabredung mit dem unbekannten, jungen Mann realisiere.

 

*

 

Schnell stellt sich eine Routine zwischen Freizeit und Schule ein. Natürlich freue ich mich auf das Treffen mit Conrad. Groden ist weit weg von hier. Von Zeit zu Zeit höre ich im Unterbewusstsein das verführerische Rauschen der See. Und das Klavier, es steht in Groden, nicht hier in Sondershausen. Ich kann mich hier nicht der Musik hingeben. Es wäre schön, jetzt und sofort Klavier spielen zu können, Lieder zu komponieren. Eine belebende Leichtigkeit stellt sich bei mir ein. Ich drifte in eine Traumwelt ab. Einsam, auf einer Düne sehe ich mich am Strand, mit Blick auf die endlose Weite der See.  

Hier in Sondershausen gibt es weder Dünen noch einen Strand. Aber ein Klavier muss es hier doch geben! In der Pension gibt es kein Klavier, aber vielleicht in der Mädchenschule?

Nach Schulschluss halte ich Ausschau nach einem Klavier. Zur Einschulungsfeier gab es keine Klavierbegleitung. Ich betrete den großen Saal der Schule. Die Aula ist ein großer, quadratischer Raum. Nichts von einem Klavier zu sehen. Aber hier vielleicht? An der rechten Seite befindet sich ein dunkelblauer Vorhang. Vorsichtig schiebe ich ihn zur Seite. Und da steht es, ein braunes Klavier. Der Deckel ist von einer dünnen Staubschicht überzogen. Offensichtlich wird es schon seit längerer Zeit nicht mehr genutzt. Vorsichtig klappe ich den Klavierdeckel auf und spiele eine Tonleiter. Aber … das klingt ja scheußlich!

Vor mir steht ein Klavier, das sehr schlecht gestimmt ist. Aber wenn hier ein solch großartiges Instrument steht, kann man es doch auch nutzen, muss es einfach nutzen!  

Ob ich wohl darauf spielen darf? Schon am nächsten Tag frage ich im Sekretariat nach. Nur wenige Tage später habe ich Gewissheit. Mündlich wird mir mitgeteilt, dass die Schuldirektion keine Bedenken hat. Allerdings mit einer Auflage. Der ordnungsgemäße Schulbetrieb hat unbedingten Vorrang. An Schultagen darf ich jetzt jeden Nachmittag in der Aula zwischen 15 und 18 Uhr auf dem verstimmten Klavier spielen.

 

*

 

Früher als verabredet stehe ich im Schlosshof am Brunnen. Blauer Himmel, die Sonne scheint. Noch kein Conrad zu sehen. Ich mag unpünktliche Menschen nicht. Ob er überhaupt kommt? Vielleicht hat er das vereinbarte Treffen vergessen? Meine Zweifel verflüchtigen sich schnell, mit dem zweiten Gong der Schlossuhr sehe ich ihn am Schlosseingang. Eiligen Schrittes kommt er auf mich zu. Er begrüßt mich mit einem freundlichen „Hallo, wie geht es Ihnen?“

„Gut“, entgegne ich.

„Bei so einem schönen Tag können wir die Gegend erkunden. Wir haben doch Zeit.“

Sein Vorschlag findet bei mir Zustimmung:

„Wir können uns zuerst den Park hinter dem Schloss ansehen. Dort gibt es Bänke und wir können die Natur beobachten. Ein Abstecher zum Loh ist anschließend bestimmt noch möglich. Dort finden die Lohkonzerte statt. Bis zum Lohpark ist es nicht weit. Vielleicht zehn Minuten sind es bis dahin zu Fuß. Die Lichtung, wo die Konzerte stattfinden, liegt im Wald.“ Seine Hand zeigt kurz in die nordwestliche Richtung. „Sollen wir?“

„Ja, ich habe nichts dagegen einzuwenden.“

Meine Neugier ist geweckt. Gemeinsam sehen wir uns den Park an. Ich bin von der Schönheit des Parks überrascht. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Alte Bäume mit ihren wuchtigen Kronen sind in die Grünflächen eingebunden. Nach meinem Empfinden ergibt sich durch diese lockere Kombination sogar eine harmonische Einheit mit dem altehrwürdigen Schlosskomplex. Und dann diese Blumenrabatte mit den Farbkombinationen entlang der Wege. Einfach schön, hier zu sein! 

Auf dem Weg zum Lohpark kommen wir an einem markanten Bauwerk vorbei. Conrad kennt das alte Gebäude.

„Das ist das Achteckhaus. Es wurde vor fast 200 Jahren als Gartenpavillon zur Vergnügung des Hofes errichtet. Es hat die Form eines Oktagons und misst 22 Meter im Durchmesser. Den riesigen Saal im Erdgeschoss nennt man Karussell, weil sein scheibenförmiger Holzfußboden von einem Pferde-göpel im Keller in Bewegung gesetzt werden kann.“

Ich finde die Erläuterungen von Conrad sehr aufschlussreich und präzise. Ich höre ihm gern zu.

Es geht den Hang hinauf bis zu einem Plateau. Nun geht es im Wald wieder herunter. Nur wenige Minuten dauert es, dann liegt der Lohpark vor uns. Zum Lohplatz mit der Konzerthalle müssen wir uns nach links orientieren. Schnell haben wir unser Ziel erreicht. Die halboffene, überdachte Bühne für das Orchester steht auf einem gemauerten Sockel. Ein kleiner Anlauf, ein Sprung auf das niedrige Podest, schon stehe ich auf der Musikerbühne. Von hier aus habe ich einen guten Überblick über das Gelände mit dem weitläufigen Park. Spontan stelle ich mir ein Orchester vor. Töne hallen durch den Wald. Es muss ein großartiges Erlebnis sein, hier Musik hören zu dürfen.

Conrad kommt zu mir. Er spult sein Wissen wie ein routinierter Reiseleiter ab:

„Bei gutem Wetter spielt hier die Fürstliche Kapelle Sondershausen. Für die Konzerte im Freien gibt es keine Reglementierungen. Jeder Besucher ist willkommen.“

Auf meine Frage, woher der Name „Loh“ kommt, kann Conrad mir auch eine Antwort geben.

„Jetzt wachsen hier vermehrt Buchen. Früher war dies ein Eichenwald. Aus der Rinde der Bäume wurde Lohe zum Gerben von Tierfellen gewonnen.“

Conrad und ich nehmen uns viel Zeit, den Park zu erkunden. Teiche und Baumgruppen erzeugen einen Wechsel von Licht und Schatten, geben ihm einen unvergleichlichen landschaftlichen Charakter. Wir beide werden von den Wasserflächen magisch angezogen, verweilen dort. Die abwechslungsreiche Landschaft, das schöne Wetter! Ein Gefühl der Ruhe und Harmonie stellt sich ein. Hier wäre ich gerne noch länger geblieben. Aber das geht nicht. Von der Turmuhr sind fünf Schläge zu hören. Wie schnell doch die Zeit vergeht. In einer Stunde gibt es Abendbrot in der Pension. Auch bei Conrad ist eine Unruhe zu spüren.

Wir können uns leider erst in zwei Wochen wieder sehen. Auf Wunsch der Eltern wird Conrad am kommenden Wochenende in Hamburg erwartet. Sein Vater will, dass er bei einer Feier teilnimmt. Vielleicht ergeben sich wichtige Kontakte für seine berufliche Zukunft? Ich glaube, in Conrads Stimme ein Bedauern zu hören. Ich finde es auch schade, ihn für längere Zeit nicht sehen zu können. Aber dann, dann wird es bestimmt ein Wiedersehen geben. Schon frühmorgens um neun Uhr wollen wir uns am Schlossbrunnen treffen … den ganzen Tag. Das dauert mir alles zu lang. Ach, wäre es doch schon so weit.

Schweigend gehen wir wieder zum Schloss zurück. Der Abschied ist kurz. Ein Blick, ein Händedruck, mehr nicht.

 

*

 

Montag in der Früh. Ohne Zweifel, es ist höchste Zeit aufzustehen. Das Frühstück gibt es ab sieben Uhr. Ich habe kein Problem damit, frühmorgens aus dem Bett zu kommen. Im Gegenteil. Ich stehe gerne früh auf. Dann liegt der Tag noch vor den Füßen, wie der Volksmund sagt.

 

Mit einigen Mädchen in meiner Klasse besteht nur ein oberflächlicher Kontakt. Es gibt allerdings eine Ausnahme: Zu Mathilde Schmidt habe ich schon seit den ersten Wochen eine tiefe, emotionale Verbundenheit. Die Musik hat für Mathilde auch eine besondere Bedeutung. Wir sind uns einig: Musik kann uns zum Weinen bringen. Sie kann uns zu Höchstleistungen treiben. Sie beruhigt uns, macht uns glücklich oder ängstlich.  

Meine Freundin Mathilde wohnt bei ihren Eltern in Sondershausen. In ihrem Umfeld fühlt sie sich sicher, ist hier zu Hause. Ein Instrument spielen kann sie nicht. Dafür fehlt das Geld. Seit mindestens zehn Jahren ist sie Mitglied im hiesigen Gesangsverein. Singen macht ihr Spaß. Ich kenne diese Verbundenheit. Seit meinem fünften Lebensjahr liegt mein Schwerpunkt des Musizierens beim Klavier. Zusätzlich war ich aber auch Mitglied im gemischten Chor unter der Leitung von Herrn Steinmetz. Das gemeinsame Singen in Groden ist für mich mit vielen schönen Erinnerungen verbunden. Wenn es die Zeit erlaubt, spielt mein Vater auf dem Klavier im Musikzimmer. Alle Kinder im Haus Becker haben während der Schulzeit ebenfalls Klavierunterricht bekommen.

Das Interesse, neue Dinge auszuprobieren, ist bei meinen Freundinnen groß. Leider musste ich oft mit ansehen, wie sich die anfängliche Euphorie sozusagen in Luft aufgelöst hat. Aber warum geben die so schnell auf? Wer etwas erreichen will, darf doch nicht so einfach aufgeben! Oft habe ich mich gefragt, warum das so ist.   

Ich dagegen kenne nur ein Ziel. Mit ganzer Kraft liefere ich mich der Musik bedingungslos aus. Mein Denken, Tun und Handeln ist geprägt davon, etwas zu schaffen. In schwierigen Zeiten konnte ich mich noch immer auf meinen Willen verlassen.

Meine schnelle Auffassungsgabe in der Schule wird von meinen Freundinnen bewundert. Die eher seltene Kombination von Willen und angeborenem Talent erzeugt bei mir eine Leidenschaft, die für andere Menschen kaum nachvollziehbar ist. Mit der Welt der Töne gilt es sich immer wieder auseinanderzusetzen. Musik ist Können, oft auch harte Arbeit und immer wieder üben, üben und nochmals üben. Die Anstrengungen lohnen sich in jedem Fall. Momente der stillen Freude sind die Belohnung für das Streben nach Perfektion.

 

Nach Schulschluss setze ich mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit an das verstimmte Klavier in der Schule. Schöne Momente klingen anders. Widerwillig spiele ich verschiedene Kompositionen von Brahms und Beethoven. Wie scheußlich das klingt. Das ist kein Spielen, das ist nur ein „Klimpern“. Abhilfe könnte ein Klavierstimmer schaffen. Aber das kostet Geld, das ich nicht habe. Die Schule könnte es stimmen lassen. Aber nein, wenn solch ein Instrument seit längerer Zeit nicht mehr genutzt wird, ist davon auszugehen, dass kein Interesse besteht. Also gilt es, das Beste aus der verkorksten Situation zu machen. Ich muss den miserablen Klang einfach ignorieren. Aber das sagt sich so leicht dahin. Anstrengend und nahezu unmöglich ist das.

 

*

 

Zurzeit kann ich mich nur sehr schwer auf den Schulstoff konzentrieren. Quälende Unruhe plagt mich jeden Tag. Die Leichtigkeit ist dahin.  

Am Wochenende ist es etwas besser auszuhalten. Einsame Spaziergänge geben mir Ruhe und Zuversicht zurück. Zuerst beiläufig, dann aber immer öfter, denke ich an Conrad. Die beiden Ausflüge mit ihm waren schön. Conrad ist für mich ein Getriebener. Bisher hat er Wort gehalten, kam pünktlich zur Verabredung. Sein Wissen zur Schlossgeschichte ist umfassend. Sein draufgängerisches Wesen ist beeindruckend.  

Meine Gedanken schweifen in die Ferne. Alleine sitze ich jetzt auf einer Düne und blicke auf die ruhige See. Als wenn eine unsichtbare Hand einen Hebel umgelegt hätte, stelle ich plötzlich fest, dass ich mich in Conrad verliebt habe. Ich denke an die erste Begegnung am Brunnen. Dabei gehen mir so viele Gedanken durch den Kopf. Worte der Erinnerung entstehen. Mein Notenheft muss her. Schnell habe ich die erste Strophe zu Papier gebracht: „Hier hab ich ihn zum ersten Mal gesehen, wie blickt sein Auge mich so gütig an!“ Ja, das ist schön. So kann es weiter gehen. Die Melodie zum Lied „Erste Begegnung“ bahnt sich ihren Weg wie von selbst. 

Es ist Sonntag. Nach dem Kirchgang geht es wieder zurück in die Pension, in mein stilles Turmzimmer. Ich fühle sich beschwingt und befreit von aller Last, wenn ich an Conrad denke. Warum nicht aussprechen, was ich bisher zurückgehalten habe! Gefühlvolle Worte, verbunden mit einer hingebungsvollen Melodie lassen mein Herz höherschla­gen. Ja, das Lied soll nur aus einem Wort bestehen: Liebe, einfach nur Liebe.

 

Track 2

Titel: Liebe 

Liedtext:  Erna Becker-Ernst

Komposition: Erna Becker-Ernst


02 Liebe

Hier im Browser anhören:Liebe

 

Montag. Es hätte alles so schön sein können. Meine Stimmung ist schlecht. Und wer trägt die Schuld? Natürlich die Schule! Schon am Vormittag zu Wochenbeginn nimmt das Unheil seinen Lauf. Die ersten drei Schulstunden im Fach Pädagogik sind noch erträglich. Bis zu den Sommerferien soll über die großen Systematiker Comenius, Rousseau, Pestalozzi und Herbart ausführlich diskutiert werden. Referate sind erwünscht. Die Wiederholung aller einschlägigen Fragen der Psychologie ist für das zweite Schulhalbjahr geplant.

Kurz bevor die Übungen im Fach Mathematik beginnen, betritt ein Mann aus dem Sekretariat den Klassenraum. Ohne weitere Erklärungen gibt er den festgelegten Termin für den anstehenden Schulausflug bekannt. Wie jedes Jahr steht unter der Führung des Direktors und zweier Oberlehrer eine Wanderung sämtlicher Klassen an. Kurz vor den Sommerferien ist dieses Mal ein Tagesausflug zu den Aussichtspunkten der Umgebung geplant. Die Orte Straußberg, Possen, Graß und der Frauenberg sollen es in diesem Jahr sein. Der Mann ist durch seine Nuschelei kaum zu verstehen. Leise wie ein Geist schließt er die Klassentür hinter sich.

Für mich ist es ein Schock. Schon in der Höheren Töchterschule in Cuxhaven waren mir die Schulausflüge ein Graus. Ich fühlte mich an diesen Tagen unaussprechlich eingeengt. Schlimm genug. Aber zu allem Übel geht mir jetzt noch die Schulordnung durch den Kopf. Erst vor wenigen Tagen hat sich meine Klasse in einer Extrastunde vom Schuldirektor einen Vortrag anhören müssen. Die Bestimmungen der Schule sind für mich eine Katastrophe. Keine Freiheiten, sondern wieder nur Verbote.

„Meine sehr verehrten Damen“, so fing er an. „Es erscheint aus bedauerlichen Erfahrungen der letzten Jahre nicht überflüssig, auf die Gefahren hinzuweisen, die ein unkontrolliertes Umtreiben der Mädchen an Nachmittagen oder Abenden mit sich bringen kann.“

Man traue nicht allzu blind der Harmlosigkeit gewisser Intimitäten und lasse keinesfalls Mädchen mit Jungen unbeaufsichtigt durch Feld und Wald Spaziergänge machen.

„Ausflüge in der Stadt können zu Unfug ausarten und werden nicht geduldet. Nichts schickt sich für junge Mädchen, was auch nur missdeutet werden und zu übler Nachrede führen kann. In der Konsequenz verbietet die Schulordnung, dass Schülerinnen nach Eintritt der Dunkelheit noch auf der Straße sind.“

Der letzte Satz zu diesem Thema ist mir noch immer gegenwärtig.

„Tunlichst sollte es auch vermieden werden, Schülerinnen zu geselligen Vergnügungen bei Nachtzeit mitzunehmen, selbst der Theaterbesuch sollte eine Ausnahme sein.“

So sein Plädoyer in Sachen wissenschaftlicher Studien in der Schule unter Einbeziehung größtmöglicher Freiheiten. Was gibt es denn noch für Freiheiten, frage ich mich. Die bleiben doch alle auf der Strecke!

 

*

 

Das schräge Klavierspiel der Lieder „Erste Verabredung“ und „Liebe“ kann mir nach Schulschluss auch keinen Trost spenden. Am allerwenigsten ist dem Klavier ein Vorwurf zu machen. Es wartet noch immer geduldig auf einen freund­lichen Menschen, der sich fachmännisch seiner Verstimmung annimmt.

 

*

 

Vor dem Treffen mit Conrad mache ich mir Gedanken über mein Aussehen. Passend für die jahreszeitliche Über­gangszeit habe ich ein schönes Kleid dabei. Es hat lange Ärmel und ist auf Taille geschnitten. Das aufgenähte Rosenmuster und der Rüschensaum in Altrosa werden Conrad bestimmt gefallen.

Mit klopfendem Herzen stehe ich am Samstag in der Früh am Schlossbrunnen. Die Uhr schlägt neun Uhr. Noch ist kein Conrad zu sehen. Aber da, auf der anderen Seite des Schlosshofes. Schnelle Schritte. Wenige Augenblicke später geben wir uns die Hände. In seinem Gesicht erkenne ich Wiedersehensfreude. Ich bin erleichtert und freue mich auf den Tag mit ihm.

„Schön, dass wir etwas mehr Zeit füreinander haben“, sind seine ersten Worte. Ich spüre seine intensiven Blicke und bringe kein Wort heraus. „Ihr Kleid ist wunderschön. Das gefällt mir.“

Ich fühle mich geschmeichelt. Conrad ist ein Charmeur. Jetzt habe ich mich wieder unter Kontrolle.

„Wo und wie wollen wir heute gemeinsam den Tag verbringen? Haben Sie einen Plan?“

„Und ob ich den habe. Von hier aus können wir zum Frauenberg gehen. Auf einer Waldlichtung steht eine geräumige Schutzhütte. Dort können wir zu Mittag essen. Ich lade Sie zum Mittagessen ein. Ich war schon einmal dort.“

Es geht los. Schweigend und mit bedächtigen Schritten gehen wir über die Gartenstraße und Backhausstraße aus dem Stadtgebiet bergauf in Richtung Stockhausen. Zuerst ist ein Geräusch von fließendem Wasser zu hören. Dann sehen wir vor uns einen Bach dahin plätschern. Es ist die Wipper. 

Während des Spaziergangs bemerke ich ein leichtes Zucken in seinem Gesicht. Irgendetwas muss ihn beschäftigen. Meine Vorahnung wird bestätigt. Wie aus einem Vulkan bricht es plötzlich aus ihm heraus:

„Habe die Klasse gestern aufgemischt. Sitzen da wie die Heringe. Sprechen nur, wenn sie vom Lehrer aufgefordert werden. Da muss doch mehr Bewegung rein. Wer anderer Meinung ist … das muss man doch sagen dürfen? Oder was denken Sie?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, spricht er weiter vor sich hin: „Dafür gab es einen Eintrag in das Klassenbuch, wegen ungebührlichen Verhaltens. Aber die können mir nichts. Mein Vater ist Konsul. Der hat Beziehungen.“

Das musste raus, wenn auch zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Ich verstehe seine schlechte Laune. Ich bewundere seinen Mut, erwidere aber nichts weiter zu seinem unkontrollierten Wutanfall.

Inzwischen sind wir auf der Anhöhe des Frauenberges angekommen. Am Waldrand, nicht weit vom Hauptweg entfernt, steht eine Bank. Ein herrlicher Blick über Wiesen in die talwärts geneigte Ebene von Sondershausen entschädigt die Mühe der Anstrengungen. 

Meine Hände liegen locker auf der Seite, berühren leicht die Holzbank. Conrads linke Hand berührt nun leicht meine Hand. Ist es Zufall? Wie in Zeitlupe drehe ich meinen Kopf zu Conrad und schaue ihn an. Eine nie erlebte Wärme durchflutet meinen Körper. Das muss die Liebe sein! Mit einer leichten Drehung zueinander geben wir uns die Hände. Conrad zieht mich sachte zu sich heran. So ein intensives Gefühl! Ich schließe die Augen. Conrad berührt mit seinen Lippen zart meinen Mund, gibt mir einen Kuss. Mit belegter Stimme sagt er zu mir die drei Worte, die ich hören will:

„Ich liebe dich.“

Jetzt nur noch Schweigen. Jedes Wort stört jetzt den Zauber der innigen Zweisamkeit. Wir blicken in das Tal, lassen uns von unseren Gefühlen in eine Traumwelt treiben. Nun sind wir ein Liebespaar.

Galant reicht Conrad mir die Hand, als wir uns von der Bank erheben. Wir fassen uns an der Hand, wie verliebte Paare es tun. Auf dem Frauenberg mit dem weitläufigen Wald gibt es viele Wege zum Wandern. Sich ohne Hektik und Lärm an der Natur erfreuen, ja das ist schön.

Es ist später Nachmittag, der Abschied naht. In vertrauter Weise geben wir uns noch einen Kuss. Auf mich wartet das Abendessen in der Pension.

„In meiner Pension kann ich kommen und gehen, wann ich will“, bemerkt Conrad lakonisch, bevor wir auseinander gehen.

Die Gewissheit, von einem Menschen geliebt zu werden, verändert alles. Sie spendet Gelassenheit, Ruhe und Kraft und verändert den Umgang mit Problemen.

Das Klavier ist noch immer verstimmt. Nicht so schlimm. Die Schulordnung schränkt die persönliche Freiheit ein. Bestimmt kommen noch bessere Zeiten. Die vielen Stufen zum Turmzimmer sind überhaupt nicht anstrengend.

Wie von einer unsichtbaren Macht emporgehoben schreibe ich die erlebte Zweisamkeit mit Conrad in Liedform nieder. Es ist ganz einfach, die richtigen Töne für mein Hochgefühl zu finden. So entstehen in kurzer Zeit die beiden Kompositionen „Der erste Kuss“ und „Selige Stunden“. Es ist jetzt alles ganz einfach.

Am Nachmittag nach den Schulstunden ein wenig Klavier spielen. Jeden Samstag mit Conrad unterwegs sein. Am Sonntag zum Gottesdienst gehen.

 

Track 3

Titel: Der erste Kuss

Liedtext:  Erna Becker-Ernst

Komposition: Erna Becker-Ernst


03 Der erste Kuss

Hier im Browser anhören:Der erste Kuß!

 

Probleme können sich auch in Luft auflösen. An einem Nachmittag, eine gute Woche vor Beginn der Sommerferien, sitze ich am Klavier in der Aula. Ohne Notenvorlage spiele ich aus dem Kopf eine Sonate von Brahms. Kaum ist der letzte Ton verklungen, vernehme ich hinter mir ein Räuspern. Ruckartig drehe ich mich auf dem Hocker um. Ich habe ihn nicht bemerkt. Mein Oberlehrer, Herr Merten, steht ein paar Schritte hinter mir. Offensichtlich hat er Interesse an der Musik. Ich gebe mir einen Ruck.

„Hat Ihnen das Stück gefallen?“

„Oh ja, Fräulein Becker, Sie spielen famos Klavier, auch wenn die Verstimmung des Klaviers nicht zu überhören ist. Sie müssen wissen, dass ich klassische Musik, aber auch Volkslieder, sehr mag. Sie sind die erste Schülerin seit langer Zeit, die so gut spielen kann. Hm …, wenn ich so überlege … Vielleicht findet mein Vorschlag Ihren Zuspruch?“

„Was kann ich tun?“

„Oh, die Frage sollte sein, was wir, die Schule, für Sie tun können. Eine Klavierbegleitung bei unseren Schulfeiern könnten wir gut gebrauchen. Über das Jahr sind es vielleicht sechs wichtige Termine. Der Geburtstag des Landesherrn wird nach wie vor in gebührender Weise gefeiert. Zu Kaisers Geburtstag sind es die engen verwandtschaftlichen Kontakte mit dem englischen Königshaus. Im öffentlichen Interesse stehen die deutsch-englischen Beziehungen. Ich erinnere mich gerne an meinen Aufenthalt in Oxford. Dort habe ich den Charakter des University Extension Movement kennen gelernt.

Die Stärkung des Heimatgefühls darf auch nicht vergessen werden. In gebührender Weise wird an die glorreichen Taten der Väter im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 gedacht. Seitdem ist Sedan die Parole für den Sieg und der 2. September ist Anlass, unser Deutschtum in Rede und Lied zu feiern. In einem gebührenden Rahmen werden unsere Einschulungs- und Abschlussfeiern begangen. Es scheint, dass wir aus dem Feiern nicht mehr herauskommen.“

Die Anlässe für die Festakte in Sondershausen sind mir in etwa bekannt. Während der Schulzeit in Groden und Cuxhaven wurde auch an den Geburtstag des Kaisers gedacht. Festliche Tage gab es auch zur Erinnerung an die glorreichen Kämpfer der Völkerschlacht bei Leipzig.  

Von der Stimme meines Klassenlehrers werde ich abrupt in meinen Gedanken unterbrochen.

„Können Sie sich vorstellen, zu den Feierlichkeiten ein paar Lieder auf dem Klavier zu spielen? Vielleicht auch mit Gesang? Die Details müsste die Schulleitung entscheiden.“

„Ja, warum nicht, aber auf einem verstimmten Klavier?“

Weiter kam ich nicht.

 „Lassen Sie das einmal unsere Sorge sein. Wir werden veranlassen, das Klavier von einem Fachmann stimmen zu lassen. Ich kann mir das schon gut vorstellen. Mit ihrem famosen Klavierspiel wird es bestimmt schöne Momente in unserer Schule geben. Ich muss mich jetzt auf den Weg machen. Nach den Sommerferien melden Sie sich bitte im Sekretariat. Entschuldigen Sie, aber ich habe noch einen auswärtigen Termin.“

Mit diesen Worten macht er kehrt und verlässt das Schulgebäude.

 

Ich bin zufrieden. Endlich geht es voran. Ich freue mich jetzt schon auf die Zeit nach den Schulferien. Der Abschied von Conrad kommt rasch. Am Wochenende vor den Sommerferien treffen wir uns noch einmal in vertrauter Weise. Conrad erzählt mir, dass er nicht nach Hause fährt, sondern in Sondershausen bleiben muss. Seine Eltern sind im Ausland unterwegs und haben keine Zeit für ihn. Alleine die Zeit zu Hause zu verbringen, das will er nicht.

 

*

 

Ich kann es kaum erwarten, wieder zu Hause zu sein. Mit dem Zug geht es an die See. Dort werde ich Ruhe und Kraft finden.

In Groden angekommen, gehe ich zuerst an das Grab meiner Mutter. Es liegt auf der Ostseite der Kirche. Einen kleinen Strauß selbstgepflückter Vergissmeinnicht lege ich andächtig an den Grabstein. Dann ist es mir wichtig, das vertraute Meeresrauschen, die anlandenden Wellen der Nordsee zu hören und zu sehen. Zu Fuß, in zwanzig Minuten zum Strand, ist nicht weit. Eine geraume Zeit vergeht, bis ich mich auf den Rückweg mache. Zu Mittag gibt es Hühnersuppe als Vorspeise. Das Hauptgericht besteht aus Kartoffeln, Soße, Gemüse und … Hühnerfleisch. Hm, die Suppe schmeckt gut. Ich überlege, hebe beim Essen den Kopf. Voller Misstrauen frage ich mit lauter Stimme in die Tischrunde:

„Das ist doch bitte nicht meine „Klick“!?“ Ich ziehe die Blicke meiner Familie auf mich. Keiner sagt ein Wort.

Es liegt eine unheimliche Stille im Raum. Ich halte das Schweigen nicht länger aus. In einem energischen Ton stelle ich die alles entscheidende Frage:

„Ihr habt doch nicht etwa meine „Klick“ geschlachtet!?“

Madame Klick, die Henne, ist meine ganze Freude und mein ganzer Stolz, sie gibt mir Trost in schwierigen Zeiten. Mir gehen jetzt die schauerlichsten Geschichten durch den Kopf. Nach Art und Weise von Wilhelm Busch, den ich unnachahmlich finde, spreche ich jetzt folgende Verse leise vor mich hin:

„Mit dem Messer am Genick wollen alle Hühnersuppe essen, von dem Körper meiner Klick. Von der braungebratenen Henne schneiden sie dann Stück für Stück, sprechen lippenleckend, schmunzelnd, ei, wie fein schmeckt Mamsell Klick.“

Gerade sind die letzten Worte heraus, da kann sich mein Vater nicht mehr zurückhalten. Seine Geduld ist zu Ende. Zornig und in scharfem Ton platzt es aus ihm heraus:

„Nun ist aber genug … hier am Tisch. Ich möchte solche Worte nicht mehr hören.“

Stille. Keiner sagt etwas. Alle schauen wieder auf ihre Teller und essen schweigsam weiter.

Kaum ist das Essen beendet und der Tisch abgeräumt, da renne ich auch schon los. Ein Blick in den Hühnerstall, dort sehe ich meine Henne …. sie lebt! Erleichtert spreche ich zu dem Huhn:

„Du im bunten Federkleide, mit dem schmachtend süßen Blick, bist doch meine ganze Freude, meine gute, alte Klick.“

 

 

*

 

Die Sommerferien verlaufen wie gewohnt. Langeweile kenne ich nicht. Natürlich wird jeden Tag Klavier gespielt, Schulfreudinnen aus Cuxhaven und Groden werden besucht. Mit Anna Steinmetz verbindet mich eine besonders enge Freundschaft.

Meine Schwester Carla geht noch auf eine Schweizer Fachschule für Hauswirtschaft. Grund genug, sich im Haushalt nützlich zu machen. Im großen Pfarrhaus gibt es immer etwas zu tun. Das Arbeitszimmer von meinem Vater ist heute an der Reihe. Den Fußboden mit dem Waschtuch zu reinigen ist so was von anstrengend. Danach geht es dem Staub an den Kragen. Ja, sogar Hellmuths Schädel auf dem Bücherregal hat mein Tuch nicht übersehen. Nach Wilhelm Busch fand er es „wenig edel, einerlei – es musst’ geschehn!“     

In der Küche brate ich Klöße mit Fett und lade alle zum Mittagstisch ein. Das ist doch nett. Auch an die Wäsche denke ich. Im Garten wird die Wäsche sorgsam auf die Wäscheleine gehängt.

Der blaue Himmel mit den angenehmen Sommertemperaturen lädt zu einer kleinen Verschnaufpause auf der Wiese ein. Das sind die kleinen Momente der Ruhe, in denen ich an Conrad denke, ganz intensiv. Wie es ihm wohl jetzt geht? Was er wohl in seiner Freizeit macht? Ich weiß es nicht. Vielleicht denkt er jetzt auch an mich?

 

*

 

Drei Wochen sind vergangen. Die Sommerferien gehen zu Ende. Die letzten Nächte wurde ich von wirren Träumen geplagt.  

Schon wieder so eine Nacht. Ich wache auf. Mein Atem geht stoßweise. Seit Tagen geht das schon so. Woran kann das nur liegen? Gibt es vielleicht ein Geheimnis, das mich umgibt? Ich will und muss das herausfinden und zwar  jetzt. Die Turmuhr der Kirche schlägt gerade elf Uhr. Leise und ohne Hast ziehe ich meinen Rock und die Bluse an. Die nächtlichen Temperaturen sind in den Sommernächten angenehm. Wie von einer magischen Kraft angezogen gehe ich schlafwandlerisch aus dem Haus. In unmittelbarer Nähe der Kirche liegt der Friedhof. In der nächtlichen Stille setze ich mich auf eine Bank und beobachte die Umgebung. Der Mond ist sichelförmig zu sehen. Vorbeiziehende Wolken verdecken ihn für kurze Zeit. Da, in der Dunkelheit, bemerke ich kleine fliegende Schatten. Das müssen Fledermäuse sein. Die Tiere fliegen in weitem Bogen an mir vorbei. Hinter der Bank befindet sich ein breiter Wassergraben. Von dort ist ein eigentümliches Glucksen zu hören. Es ist alles so geheimnisvoll. Ich muss an meine Mutter denken. Vor lauter Anspannung vermag ich mich nicht zu bewegen. Was wohl um Mitternacht passiert? Jetzt … die Kirchturmuhr schlägt zwölf Mal. Es ist Mitternacht. Rings um mich herum ist alles still. Die Geräusche am Graben sind verstummt. Ich erinnere mich. Ich war dreizehn Jahre alt. Aus der Vorlage eines französisch-deutschen Liederbuches von Theodor Renaud entstand das Lied „Auf dem Kirchhof“. Der Text ist schaurig … und geheimnisvoll. „Unter der Erde, Schnee auf dem Grab, selig in Nichts verborgen, schlafen die Toten den langen Schlaf, frei von irdischen Sorgen …“

Renaud hat Gedichte unter dem Pseudonym Theodor Vulpinus geschrieben. Ich bin mir sicher: Im Leben braucht man Rettungsanker wie die Musik und die Religion. Nach einer Weile stehe ich auf, gehe die wenigen Schritte über die Straße, über den Hof, in das Pfarrhaus, in mein Bett. Ich schlafe tief und fest bis zum nächsten Morgen.

 

Track 4

Titel: Auf dem Kirchhof

Liedtext:  Theodor Vulpinus

Komposition: Erna Becker-Ernst


04 Auf dem Kirchhof

Hier im Browser anhören:Auf dem Kirchhof

 

Die Sommerferien sind viel zu kurz. Leider muss ich schon wieder weg von hier. Ein kleiner Trost bleibt: In Sondershausen werde ich meinen Freund wiedersehen. Ich freue mich schon darauf, ihn in die Arme zu nehmen.

Mitten in der Woche ist Schulbeginn. Meine Laune verbessert sich sichtlich. Das Klavier in der Schule ist gestimmt. Es hat jetzt einen guten Klang und es macht Spaß darauf zu spielen. Die Musik umflutet meine Sinne. Ich fühle mich frei. Das Leben ist doch so schön.

 

Untreue

Ungeduldig warte ich am Schlossbrunnen. Er ist unpünktlich! Mindestens fünfzehn Minuten ist er zu spät. Noch nicht einmal eine Entschuldigung kommt über seine Lippen. Was ist nur los mit ihm? Hat er vielleicht Sorgen? Hat er Probleme mit der Schule? Ich frage ihn:

„Was ist mir dir? Warum so trüb?“

Ich bekomme keine Antwort.

„Ach, sag nur eines, hast du mich lieb? Liebster, ich habe das Gefühl, dass wir zum letzten Mal zusammen sind.“

Er ist wortkarg.

„Du bist wohl eifersüchtig? Das brauchst du nicht.“

Seine Zurückhaltung macht mir Angst. Das ist nicht mehr mein Conrad.

Gemeinsam gehen wir durch den Schlossgarten. Keiner sagt ein Wort. Das Schweigen ist kaum auszuhalten. Ich fühle mich hilflos. Seine Worte zum Abschied nehme ich nur undeutlich wahr. Wie aus der Ferne kommt es mir vor.

„Ich fühle mich nicht gut, muss wieder in meine Pension“, ist seine dürftige Erklärung. Es gibt keinen Abschiedskuss. Schnell ist er aus meinem Blickfeld entschwunden. Ich sitze noch eine Weile am Brunnen und blicke traurig auf das Wasserspiel des Brunnens. Was soll nun werden? Ich fühle mich einsam.

In der Pension werde ich von Selbstzweifeln geplagt. Ist es vielleicht meine Schuld, dass sich Conrad mir gegenüber so abweisend verhält? So kenne ich ihn nicht. Ich will es nicht wahrhaben. Am nächsten Samstag gibt es ein … Mit Schrecken wird mir bewusst, dass es keine Absprache für das kommende Wochenende gibt. Meine Gefühle wechseln zwischen Wut, Enttäuschung und Hoffnung. Ich kann diesen Zustand nicht länger ertragen. Ein Spaziergang wird mir vielleicht etwas Ruhe verschaffen …

 

*

 

Das Klavier hat einen neuen Platz bekommen. Es steht nicht mehr hinter dem Vorhang, sondern im vorderen Bereich der Aula.       

Am siebten August wird der Geburtstag des Landesherrn, seiner Durchlacht, Fürst Günther, festlich begangen. Für den Festakt sind Gesangsvorführungen mit Klavierbegleitung geplant. Ich werde in die Vorbereitungen einbezogen. Gemeinsam mit anderen Schülerinnen macht das Musizieren große Freude. Ich kann mir gut vorstellen, dass Eltern und Gäste für eine gute Stimmung sorgen.

Meine Laune verändert sich, sobald ich wieder alleine in meinem Dachzimmer sitze. Die quälenden Gedanken lassen sich nicht verdrängen. Ich zweifle und bin verzweifelt. Liebt Conrad mich noch? Es ist die Ungewissheit, die mir das Leben so schwer macht … jeden Tag ein wenig mehr. „Zweifel“, so soll mein neues Lied heißen. Für mich ist das ein Ventil, um diese schwere Zeit zu ertragen.

 

*

 

Sonntagvormittag gehe ich in die Kirche. Nach dem Gottesdienst mache ich mich auf den Weg zum Schloss, um Trost zu finden. Als ich den Eingang zum Schlosshof erreiche, werde ich wie von einem Blitz getroffen! Ich habe es geahnt. Aus der Ferne sehe ich mit Schrecken, dass Conrad sehr vertraulich mit einem Mädchen am Schlossbrunnen steht. Das Mädchen mit den langen, blonden Haaren kenne ich nicht. Mich mit einer anderen zu betrügen! Ich bin fassungslos.    

Conrad hier und jetzt zur Rede stellen, nein, das will und kann ich nicht. Jetzt guckt er auch noch in meine Richtung. Ob er mich gesehen hat? Und wenn schon. Soll er doch. Es ist mir alles egal.

Jetzt nur schnell weg von hier, zurück zur Pension. Mir kommt es so vor, dass ich mehr renne als gehe. Mein Atem geht stoßweise. In voller Lautstärke spreche ich vor mich hin, als wenn er bei mir wäre: „Weißt du, was du getan hast? Weißt du überhaupt, was du getan hast? Zerrissen das Herz, zerstört mein Traum. Treuloser, geh!“

 

*

 

Die Feier zum Geburtstag des Landesherrn, dem Fürsten Günther, ist perfekt organisiert. Der strukturierte Ablauf mit Festrede, Gesangsvorführungen und Klavierspiel erzeugt eine euphorisch-melancholische Stimmung bei den Lehrern und den Gästen. Die wechselnden Darbietungen von Klavierbegleitung und solistischen Einlagen bekommen viel Zuspruch. Ich kann mich über den Beifall, der mir entgegengebracht wird, nicht richtig freuen. Ich lasse es mir aber nicht anmerken. Die Begeisterung der anderen prallt an mir ab, als würde ich einen unsichtbaren Panzer tragen.   

 

Der Kontakt zu Conrad ist vollkommen abgebrochen. Ich habe ihn seit dem unseligen Tag nicht wieder gesehen. Ich merke, wie sich die Spannung in meinem Körper mehr und mehr aufbaut. Das Gefühl von Einsamkeit und von Hoffnungslosigkeit quält mich Tag für Tag. Ich funktioniere jetzt nur noch. Mein Schmerz mündet in dem Lied „Untreue“. Das Klavier hilft, den Schmerz halbwegs zu ertragen.

 

Track 5

Titel: Untreue

Liedtext:  Erna Becker-Ernst

Kompostion: Erna Becker-Ernst


05 Untreue

Hier im Browser anhören:Untreue!

 

Kunst als Rettung

Zu meinem sechzehnten Geburtstag, am zehnten September, erhalte ich Post. Von meiner Familie ist eine bunte Postkarte mit Glückwünschen angekommen. Meine Lehrer und die Schülerinnen meiner Klasse haben auch an meinen Geburtstag gedacht. In der Pension arrangiert Frau Grosser für mich eine kleine Feier mit selbstgebackenem Kuchen. Wenigstens hier erlebe ich eine kleine Freude.

 

*

 

Kurz vor den Herbstferien kommt ein Brief in der Pension an. Mein Name steht in geschwungener Schrift auf dem Adressfeld. Der Brief ist versiegelt und trägt keinen Absender. Kaum auf meinem Zimmer angekommen, reiße ich ihn auf. Der Brief ist von Conrad. Es sind nur wenige Zeilen. Mit großer Aufregung lese ich die folgenden Zeilen:

 

Liebste Erna,

diese Worte habe ich noch nie einem Mädchen geschrieben. Bitte verzeih mir. Darum kann ich Dich nur noch bitten. Ich habe Dich enttäuscht, Dir wehgetan. Und warum? Bin oft alleine. Meine Eltern sind weit weg von zu Hause. Meine Gefühle zu Dir, zu Deinem lieben Wesen, waren echt.

In Liebe, Conrad.

 

Darunter steht noch: Habe kurz nach Schulbeginn einen Schulverweis bekommen. Bin jetzt wieder in Hamburg. Ein Wiedersehen ist nicht möglich.

Ich lese seinen Brief … mehrmals. Stille im Raum. Meine Gefühle brechen aus mir heraus. Ein Weinkrampf schüttelt meinen Körper. Im oberen Flur der Pension ist mein Schmerz zu hören. Ich lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Es sind Momente der Trauer und der Enttäuschung. Vollkommen aufgelöst, mit Tränen in den Augen, setze ich mich auf die Bettkante. Der Brief ist meinen Händen entglitten. 

Als 16-jähriges Mädchen bin ich mit meinen Wünschen und Ängsten vollkommen überfordert. Mein Alleinsein in Sondershausen wird mir jetzt schmerzlich bewusst. Ich kann anderen Menschen mein Leid jetzt nicht mitteilen. Allein, die Kraft fehlt mir dazu. Zuwendung und Liebe, Wut und Verzweiflung lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Am besten ist es, im Zimmer alles kurz und klein zu schlagen. Aber halt! Es war mein sehnlichster Wunsch, die Heimat zu verlassen und neue Herausforderungen anzunehmen. Das Gefühlschaos habe ich mir alleine zuzuschreiben. Aber jetzt einfach aufgeben? Nein, auf keinen Fall. Ich muss schnell versuchen, wieder die Kontrolle über mich zurückzugewinnen, koste es was es wolle!

 

*

 

Wieder ein Nachmittag am Klavier. In meinem Stimmungschaos gewinnt die Nachsicht langsam die Oberhand. Das neue Lied mit dem Titel „Ziehe hin“ habe ich durchgestrichen und durch das Wort „Vergebung“ ersetzt. Ich erinnere mich an den gestrigen Abend mit dem schönen Sonnenuntergang. Es braucht nur wenig, die Melancholie in Worte zu fassen.

„Die Natur ruht, es ist kein Vogel zu hören. Kaum flüstert Zephir, der Gott des Windes, o glänzender Tag, du schwindest dahin, lächelnd friedlich. Auch ich will nicht mehr zürnen, zieh hin, wohin das Glück dich ruft!“

Während ich die Noten setze, rollen Tränen über mein Gesicht und benetzen die Tastatur.

 

*

 

Es sind Herbstferien. Für eine Woche bin ich zu Hause in Groden. Frühmorgens am Strand blicke ich auf die offene See. Nur das Rauschen der Wellen ist zu hören. Der Himmel ist stark bewölkt, leichter Nebel zieht über das Wasser. Möwen lassen sich nicht blicken. Vielleicht liegt es am Wetter? Der Schmerz, das Gefühl von Verlust, lässt sich nicht abschütteln. Die Einsamkeit kann befreiend sein. Auf Dauer kann es so aber nicht weitergehen. Ich habe mir vorgenommen, wieder den Kontakt zu Menschen zu suchen, auch wenn es schwerfällt.

Das Gespräch mit der besorgten Stiefmutter liegt mir in den Ohren.

„Kind, bekommst du in Sondershausen nichts zu essen? Du wirst ja immer dünner. Dein Körper gleicht einem Strich!“

„Ach was, mir geht es gut. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“

„Mache ich mir aber. Du bist so schweigsam geworden. Kann ich dir helfen?“

„Nein, es geht schon. Ich komme zurecht.“

Zum Frühstück gibt es frische Brötchen. Darauf freue ich mich schon. Schön, wieder in der Heimat zu sein.

Die freien Tage gehen dahin. Zahlreiche Aktivitäten vertreiben die trüben Gedanken. Meine Stimmung verbessert sich langsam.

 

*

 

Nur noch gut neun Wochen bis zu den Weihnachtsferien. Die Routine in der Schule gibt mir Halt. So etwas wie Orientierung stellt sich zunehmend wieder in meinem Leben ein.

Auf dem Lehrplan stehen die Fremdsprachen Französisch und Englisch mit je vier Stunden in der Woche. Grundkenntnisse in beiden Sprachen bringe ich mit. Für Schülerinnen, die sich dem Studium der Philologie widmen wollen, wird von der Schulleitung ein Sonderkurs zur Erlernung der lateinischen Sprache angeboten. Ich bin überzeugt, dass Fremdsprachen für das Leben nützlich sind. Mein Entschluss steht fest. Ich werde mich freiwillig für das Fach Latein anmelden.

Besonderes Interesse entwickele ich im Fach Französisch. Das gehobene Niveau der elften Klasse ist im Unterricht spürbar. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt bei dem französischen Schriftsteller und Politiker Victor Hugo. Eines seiner wichtigsten Bühnenwerke ist das Drama „Hernani oder die kastilische Ehre“. Die Romanautoren aus der Zeit des Naturalismus (les romanciers naturalistes) wie Daudet, Zola, Maupassant und Loti stehen ebenfalls auf dem Programm. Darüber hinaus werden ausgewählte Stücke aus Prosa und Poesie der Romantikepoche besprochen und analysiert. Aufsätze über Spezialthemen sind willkommen. Der freie Vortrag vor der Klasse ist eine besondere Herausforderung. Vorträge mit einer logischen Strukturierung werden immer gut benotet.

Neben Lyrik und der Poesie liebe ich besonders Dramen. Während der Schulzeit in Cuxhaven habe ich mich für den englischen Schriftsteller William Shakespeare begeistern können. Im Mittelpunkt stand die berühmte Tragödie „Hamlet“. Die Lebensgeschichte Hamlets, sein Gerechtigkeitssinn, der letztlich alle Beteiligten ins Unglück stürzt, ist für mich bestürzend und faszinierend zugleich.

 

Die Fürsorge der Schule ist umfassend. Mit Hilfe von Spenden und Schenkungen werden Mikroskope für den biologischen Unterricht beschafft. Die Schulleitung legt besonderen Wert auf die Beschaffung aktueller Bücher für die Bibliothek. Viele Bücher dürfen für eine festgelegte Zeit mit nach Hause genommen werden. Die Auswahl ist überwältigend. Wenn es die Zeit erlaubt, stöbere ich in den Bücherregalen. Auf der Suche nach spannenden Geschichten erweckt ein Roman in französischer Sprache mein Interesse. Auf dem Buchumschlag steht „Cinq-Mars“. Der Autor ist Alfred de Vigny, ein bekannter Schriftsteller, der zu den bedeutenden französischen Romantikern zählt. Ich leihe mir das Buch aus. In den nächsten Tagen kann ich mich von der spannenden Geschichte kaum losreißen. Es dauert eine ganze Woche, dann habe ich das dicke Buch durchgelesen und bin beeindruckt von der Erzählung. Da werden Briefe abgefangen und Spione tragen dem Auftraggeber geheime Informationen zu. Liebschaften, Intrigen, Hass und Gewalt begleiten die Antagonisten. Gleich zu Beginn der Geschichte wird der Aufrührer und Verschwörer Cinq-Mars zum Tode verurteilt. Die öffentliche Enthauptung findet am 12. September 1642 auf dem Place des Terreaux in Lyon statt. Ein schreckliches Ende.

Tage später sitze ich am Klavier. Das Schicksal von „Cinq-Mars“ treibt mich an, sein Leben mit allen Höhen und Tiefen musikalisch nachzuempfinden.  

 

*

 

Die Winterzeit hängt wie ein nasses, schweres Tuch über der Landschaft. Die strenge Kälte und der viele Schnee schlagen auf das Gemüt vieler Menschen. Es gibt nur wenige sonnige Tage in diesem Winter. Hoffentlich kommt bald der Frühling.   

Das Weihnachtsfest zu Hause im Kreise der Familie ist schön. Aber die ganze Zeit werde ich von einer unterschwelligen Unruhe geplagt. Irgendetwas fehlt. Bestimmt stellt sich wieder Zuversicht ein, wenn im März die Sonnenstrahlen langsam wieder an Kraft gewinnen.

 

*

 

Die Ferien sind viel zu schnell vorbei. In meinem Dachstübchen sitze ich wieder über meinen Schulbüchern. Ich will mich aber jetzt nicht mit irgendwelchen Formeln oder pädagogischen Richtlinien beschäftigen. Die Traurigkeit muss ein Ende haben. Es ist Zeit, ein Gedicht zu schreiben. Auf ein Blatt Papier schreibe ich folgende Worte:

 

An die Musik

Musik, Du Engel vom Himmel,

vom lieben Gott mir geschenkt,

der liebe himmlische Vater,

hat tief sie ins Herz mir, ins Herz mir gesenkt.

Er hat mir erstens gegeben, eine Perle so schön und rein,

die soll mich durchs Leben geleiten,

die soll mein Schutzengel sein,

die soll mein Schutzengel sein.

Ach, wenn mich nun alle verlassen,

verlasse du mich nur nicht,

oh, stehe mir bei im Leiden,

oh, heile, wenn alles zerbricht, wenn alles zerbricht.

Dann bin ich reich wie kein anderer,

und wünsche mir nichts auf der Welt,

wünsche mir nicht auf der Welt,

und wär ich arm wie ein Bettler,

an irdischem Gut und Geld.

Dann wenn ich einmal soll scheiden

und nichts mit mir nehme hinab,

dann singst du ein Schlummerliedchen mir

und folgest mir mit, folgest mir mit, in mein Grab.

 

Mit dem Text ist das so eine Sache. Mit meinen sechzehn Lebensjahren bin ich noch jung, erwarte noch viel vom Leben. Ich denke angestrengt nach.

Es ist wichtig, den Text als Ganzes zu sehen. Natürlich, nach dem Leben folgt der Tod. Wenn es auch zu meinem Lebensalter nicht passt, so trifft diese Konsequenz auf alle Menschen zu. Die Zeilen spannen gewissermaßen einen Bogen über ein Leben.

 

Ein zweites Versprechen

In der Schule werden von Zeit zu Zeit Broschüren ausgelegt. Es sind überwiegend Informationen des Fürstlichen Konservatoriums der Musik zu geplanten Konzerten der Fürstlichen Hofkapelle. Die öffentlichen Veranstaltungen finden sonntäglich ab Mai bei angenehmen Temperaturen im Loh statt. Eintrittsgeld wird nicht erhoben.  

Es ist früher Nachmittag. Das schöne Wetter am Sonntag lockt zu einem Ausflug. Seit gut einer Stunde bin ich schon hier auf dem Lohplatz. Da gibt es noch freie Sitzplätze. Das ist bereits mein dritter Konzertbesuch in diesem Jahr. 

Das Loh-Orchester ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Werke von berühmten Komponisten wie Brahms, Beethoven, Wagner, Schumann oder Carl Maria von Weber stehen auf dem Programm. Aber auch schöne und einprägsame Musik von weniger bekannten Musikern werden gespielt. Stücke von Bernhard Sekles, Bernhard Molique, Paul Ertel, Paul A. Reim oder Christoph Willibald Gluck gehören dazu. Diese äußerst feinsinnigen, mutigen und eigenwilligen Kompositionen möchte ich mir unbedingt anhören. Aus dem Programm werden zu Beginn der Aufführung betörende Klänge von Smetana, No. II der symphonischen Dichtungen „Mein Vaterland“ und eine Komposition in A-Dur für Violine und Orchester von Christian Sinding zu hören sein.

 

Pünktlich begeben sich die Musiker mit ihren Instrumenten auf eine malerisch-tongebende Reise. Der Schall der Musik breitet sich in der Parkanlage aus, verliert sich mit der Entfernung.

Die letzten Töne sind verklungen und ein überwältigender Applaus für die Musiker bricht los. Eine Zugabe gibt es nicht… leider. Mit einem Ruck erhebe ich mich von meinem Platz. Ich gehe zwischen den Stuhlreihen in Richtung Platzmitte. Da passiert es: Mein langes Sommerkleid muss sich an einem der letzten Stühle verhakt haben. Zu spät reagiere ich auf den Widerstand. Mein Körper wird seitlich weggezogen. Ein Sturz auf den Kiesboden scheint unausweichlich. Es sind zwei kräftige Hände, die mich im letzten Moment auffangen. Da ist er. Ein schlanker, junger Mann. Er hat die brenzlige Situation blitzschnell erfasst. Mit einem Arm umfasst er meine Taille, mit dem anderen meine instinktiv ausgestreckte Hand. Es kommt nicht zum Sturz, der übel hätte ausgehen können. Nur für Sekunden kommen sich unsere Gesichter ganz nah. Nachdem der erste Schreck überwunden ist, sehe ich mir meinen Retter genauer an. Blaue Augen, lockiges Haar, das Gesicht blass, kein Bart und bestimmt zwei Köpfe größer als ich.    

„Das war knapp“, meint der unbekannte Mann.

Ich stehe noch unter Schock.

„Wenn Sie nicht gewesen wären, dann hätte ich mich verletzt und jetzt ein kaputtes Kleid.“

„Ich war ja rechtzeitig zur Stelle. Es ist nicht der Rede wert. Ich bin Heinrich Ohlendorf.“

Sein Lächeln ist sympathisch.

„Ich bin Erna Becker. Vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft.“

„Das hätte jeder getan, um einem hübschen Mädchen zu helfen.“

Zusammen gehen wir schweigend zum Schloss zurück. Verschiedene Gedanken gehen mir durch den Kopf. Seine Gegenwart gibt mir Sicherheit. Ich ergreife die Initiative:

„Ich würde mich gerne bei Ihnen bedanken und Sie auf einen Kaffee oder Kakao einladen?“

Er bleibt stehen und schaut mir erstaunt in die Augen.

„Ihre Einladung nehme ich gerne an. Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.“

Ich muss lächeln. Seine unkomplizierte, direkte Art gefällt mir. Schweigend gehen wir über den Schlosshof in die Stadt. Bis zum Zentrum sind es nur wenige hundert Meter. Unweit vom Marktbrunnen gibt es ein Café. Es ist geöffnet. Gemütlich ist es hier.   

Nach Monaten gefühlter Einsamkeit ist es für mich ein befreiendes Gefühl, ungezwungen mit einem Menschen zu sprechen. Zu Beginn geht es aber erst einmal „Zack, Zack“: Persönliche Daten werden ausgetauscht.

„Heinrich Ohlendorf, neunzehn Jahre, Reifeprüfung vor drei Monaten am Gymnasium Sondershausen in der Güntherstraße, Bewerbung für einen Studienplatz im Fach Theologie. Der Studienort steht noch nicht fest, bestimmt aber weit weg von Sondershausen.“

„Erna Becker, sechzehn Jahre, Oberlyzeum elfte Klasse, Abschluss der Schule in zwei Jahren mit dem Abitur, danach gibt es noch keine konkreten Ziele.“

Je länger die Unterhaltung dauert, desto mehr Vertrautheit entwickelt sich zwischen uns.

 

Die folgenden Wochen sind geprägt durch innige Zweisamkeit. An den Wochenenden und gelegentlich auch in der Woche verabreden wir uns. Gemeinsame Spaziergänge, sonntägliche Kirchenbesuche, Teilnahme an musikalischen Veranstaltungen und Gespräche über Lyrik und Poesie sind unvergessen und verbessern die Stimmung. Zu Begrüßung und Abschied gehört immer ein Kuss.

 

*

 

In der Schule wird mir viel Sympathie und Respekt von der Schulleitung entgegengebracht. Mein Klavierspiel, geprägt von Temperament und Hingabe, wird bei den anstehenden Schulfeiern besonders geschätzt.  

 

Ein Tag im Hochsommer bleibt für immer im Gedächtnis. An diesem Samstag bin ich nach dem Mittagessen mit Heinrich verabredet. Unser Ziel ist das Jagdschloss „Zum Possen“.

Vor der Pension wartet Heinrich bereits ungeduldig auf mich. Die Mittagszeit ist vorbei.

Der Nachmittag beginnt ohne nennenswerte Besonderheiten. Ein verliebtes, händchenhaltendes Paar ist zu sehen. Man neckt sich. Ich verstecke mich hinter einem Baum. Heinrich läuft hinterher. Spielerisch will er mich fangen und in seine Arme schließen. Oft kann ich ihm entwischen.

Das Jagdschloss mit dem Possenturm liegt südlich von Sondershausen im Wald. Seit mehr als 170 Jahren ist es im Besitz der Fürstenfamilie Günther. Das Anwesen ist von Sichtachsen und großflächigen Wiesen umgeben.

Früher müssen Wölfe die Gegend unsicher gemacht haben. Rückschluss auf die Annahme bieten markante Wegbezeichnungen wie „Großes Wolfental“ oder „Wolfshof“. 

Später Nachmittag. Erschöpft von den Aktivitäten beschließen wir eine Rast einzulegen. Unterhalb vom Wald befindet sich eine kleine Wiese. Kein Mensch ist hier weit und breit zu sehen. Nebeneinander liegen wir beide auf dem Rücken und betrachten schweigend den wolkenlosen, blauen Himmel.  

Die Gefühle zu meinem Freund werden immer stärker. Aus der freundschaftlichen Verbundenheit entwickelt sich bei mir ein Wunsch. Ich richte meinen Oberkörper auf und blicke ihn an. Meine Stimme ist sehr leise, Heinrich kann sie gerade noch verstehen.

„Du … ich möchte heute Nacht mit dir den Sternenhimmel sehen.“

Erstaunt stützt sich Heinrich mit den Händen halbhoch auf und blickt in mein erwartungsvolles Gesicht. Er reagiert, wie ich es mir gewünscht habe:

„Es ist schön hier, wir können gerne noch bleiben.“

 

Die Sonne ist untergegangen. Schweigend liegen wir im Gras. Mit einem Schwung richtet sich Heinrich plötzlich auf und kommt zum Sitzen. Spontan fragt er mich:

„Weißt du, dass die Venus unter den Planeten eine Sonderstellung einnimmt?“

„Nein, mein Liebster. Aber du wirst es mir bestimmt erklären.“

„Bei klarem Himmel ist sie als Abendstern als heller Punkt gut zu erkennen. Neben dem Mond ist die Venus das hellste Objekt am Abendhimmel. In der Antike stand für den Planeten Venus auch die Bezeichnung Hesperus.“

„Der Name kommt mir bekannt vor“, erwidere ich. „Du kannst mir gerne mehr davon erzählen.“

„Weißt du, Nikolaus Lenau, ein österreichischer Dichter und Lyriker, hat darüber ein Gedicht geschrieben. Es geht um den unaufhaltsamen Lauf der Zeit, die Unendlichkeit, es geht um Gegenwart und Vergangenheit. Ich kenne das Gedicht auswendig, willst du es von mir hören?“

„Immer wieder beschenkst du mich mit diesen schönen Dingen.“

„Das Gedicht ist kurz und einprägsam. Hesperus, der blasse Funken, blinkt und winkt uns traurig zu. Wieder ist ein Tag gesunken, in die stille Todesruh. Leichte Abendwölkchen schweben hin im sanften Mondenglanz, und aus bleichen Rosen weben sie dem toten Tag den Kranz. Friedhof der entschlafnen Tage, schweigende Vergangenheit! Du begräbst des Herzens Klage, ach, und seine Seligkeit!“   

Wir schweigen. Nur Grillen im Gras sind zu hören. Ich atme langsam ein und aus. 

„Ach, ist das schön, mein Liebster.“ 

Wir beide stehen auf. Heinrich zeigt mit der Hand zum Himmel.

„Dort … heute Abend kann man ihn sehen. Dort ist der Hesperus.“

„Ja, ich sehe den hellen Punkt am Himmel. Das muss er sein…“

Wir blicken uns an und geben uns einen Kuss. Durch die Nähe geraten wir in einen Strudel der Sinnlichkeit. Die innige Umarmung erzeugt ungeahnte Empfindungen bei uns.

„Ich kenne noch ein schönes Gedicht von Adelbert von Chamisso. Es heißt ‚Sterne und Blumen‘. Bei Nacht kommt es aber erst zur Geltung.“

„Wir können doch hierbleiben“, entgegne ich.

„Wird es nicht zu spät für dich? Du hast mir erzählt, dass ab zehn Uhr die Tür der Pension geschlossen wird. Dann kommst du nicht mehr hinein, weil du keinen Schlüssel hast.“

„Ja, das stimmt, mein Liebster. Aber du kommst doch zu jeder Zeit in deine Pension. Ich könnte die Nacht bei dir sein. In der Früh gehe ich zu meiner Pension zurück. Keiner wird meine Abwesenheit bemerken.“

„Wenn du es willst, können wir gerne noch eine Zeit hierbleiben. Wir müssen aber vorsichtig sein. Du kennst die Verbote“, mahnt mein Freund.   

„Ach was, um Mitternacht schlafen die Leute. Um diese Zeit wird uns niemand begegnen.“

 

Die Nacht ist vorüber. Die Sonne geht gerade auf. Alles ist so friedlich und still. Nur mit Mühe kann ich mich auf den Weg zu meiner Pension machen. Ich bin glücklich. Viele schöne Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich bin jetzt so stark mit meinem Heinrich verbunden, dass ich leise zu mir selbst spreche: „Wer bist du, dass ich dich so lieben muss … und dass ich Verlust und Leid vergessen kann, wenn du, du ganz alleine bei mir bist … und dass obgleich der Heimat doch so fern, ich eine zweite Heimat bei dir finde?“ Und da ist sie wieder! Die innere Stimme, die zu mir spricht: Du liebst ihn. Eine gute Gelegenheit. Setze deine Gefühle in Töne um. Wie wäre es mit „Hesperus der blasse Funken“? ….

 

Zwei Wochen vor den Sommerferien steht mein Entschluss fest. In den Ferien werde ich nicht nach Hause an die See fahren, sondern in Sondershausen bleiben. Eine Postkarte an meine Familie muss reichen. Ich begründe meine Entscheidung nicht.   

Langeweile kommt bei mir nicht auf. Vom Sekretariat habe ich einen Schlüssel für die Eingangstür der Schule bekommen. Das ist ein großer Vertrauensbeweis. Ich kann jetzt zu jeder Zeit auf dem Klavier spielen. 

Die langen Spaziergänge und die Zweisamkeit mit Heinrich genieße ich in vollen Zügen. Das Wunder der Natur in all ihren Formen gibt mir das Gefühl der Freiheit und zugleich künstlerische Inspiration. Die Lebenslust muss heraus. Das Gedicht „Lust’ge Vögel in dem Wald“ von dem berühmten Dichter Joseph von Eichendorff handelt von Liebe und Sehnsucht.

Bevor ich mit der Vertonung des Gedichts beginne, scheibe ich auf dem oberen Rand des Notenblatts: „Im glücklichen Jahr 1903“.

 

*

 

Es hätte alles so schön sein können. Ich mache mir Sorgen um Heinrich. In letzter Zeit ist er oft in sich gekehrt, zieht sich zunehmend zurück, wie eine Schnecke in ihr Schneckenhaus. Ich frage mich kritisch: Liegt es an mir? Habe ich etwas falsch gemacht?

Ohne erkennbaren Grund fängt er in meiner Gegenwart zu weinen an. Ich verstehe seine Traurigkeit nicht. Die Gründe für seine Stimmungsschwankungen sind mir ein Rätsel. Ich frage ihn immer wieder, bekomme aber keine Antwort. Dennoch möchte er mit mir zusammen sein. Es ist kaum auszuhalten.

Auch in den Herbstferien bleibe ich in Sondershausen. Ich kann jetzt nicht nach Hause fahren und ihn mit seinen Sorgen allein lassen.

Zwei liebende Menschen klammern sich verzweifelt an einen Strohhalm im Ozean der Liebe. Es gibt keine Lösung, keinen Ausweg.

Es ist eine ausweglose Situation. Sein Studium der Theologie beginnt in wenigen Tagen.

 

*

 

Der Abschied naht. Wir stehen am Bahnsteig in Sondershausen und warten stumm auf den nahenden Zug. Er blickt traurig in mein Gesicht. Ihm scheinen die Worte zu fehlen. Ich habe mir in den letzten Tagen die Augen rot geweint. Ob es ein Wiedersehen gibt? Die Antwort ist Nein. Ich spüre es. Ich fürchte mich vor dem Abschied. Alles fühlt sich unwirklich und schrecklich an. Ein letzter Kuss, ein stummer Gruß, dann steigt Heinrich in den Waggon ein. Als der Zug aus meinem Blick entschwindet, bekomme ich Bauchkrämpfe. Nur weg von hier, denke ich mir. Unerbittlich ist das Leben. Es nimmt keine Rücksicht auf Gefühle. Ich verkrieche mich in mein Turmzimmer.

Am nächsten Tag beginnt die Schule. Der Alltag ist gegenwärtig. Neue Herausforderungen legen sich wie ein unsichtbares Pflaster auf die frische, seelische Wunde.

Ich bin vollkommen aus der Balance. In die Pension kann ich mich zurückziehen vor all dem Leid. Hier gibt es für mich ein stilles Stübchen, wo ich schaffen kann. 

In manchen Nachtstunden ist die Verbundenheit zu Heinrich besonders groß. Melancholie durchströmt meinen Körper. Ich schau hinaus in die stille Welt und denke der Vergangenheit. Auf dem Tisch liegt sein kleines Bild. Ich schaue ihn an und frage leise in den Raum hinein:

„Wer bist du? Sprich! Du hast mich in kurzer Zeit so unendlich glücklich gemacht, obgleich der Heimat doch so fern, fand ich eine zweite Heimat bei dir.“

Eine Antwort auf meine sehnsuchtsvollen Fragen bekomme ich nicht.

 

Am Klavier in der Schule. Ich erinnere mich an das Gedicht „Was der Wind sang“, von Auguste May-Rump. Die gefühlvollen Worte werden mit einer harmonischen Melodie zusammengeführt. Schön hört sich das an.

 

Track 6

Titel: Was der Wind sang

Text: Auguste May-Rump

Komposition: Erna Becker-Ernst


06 Was der Wind sang

Hier im Browser anhören:Was der Wind sang …

 

Später Nachmittag. Ich fühle mich eingeengt. Ich muss raus aus dem Turmzimmer, hinein in die Natur. Nicht weit von meiner Pension beginnt der Wald. Auf einer Moosbank ist mein Lieblingsplatz. Dort kann ich allein träumen. Durch die Baumwipfel scheint die Sonne und gibt mir ein wenig Wärme, die ich so dringend brauche. In einem Halbtraum sehe ich mich mit losen, blonden Haaren. Er gibt mir seine Hand, wenn wir gemeinsam den Waldbach überqueren. Meine Traumwelt macht mich glücklich.

Mein Liebster ist für mich zu einem Gespenst geworden. Wenn ich auf sein Bild sehe, dann steht er lebendig vor mir. Die Fata Morgana verflüchtigt sich leider immer wieder.    

 

*

 

Die Weihnachtstage verbringe ich mit der Familie in Groden. 

Monate vergehen. Endlich ist Frühling. Eine weitere Komposition entsteht. Das Gedicht „Die Einsame“ von Joseph von Eichendorff drückt das Verlangen nach dem Geliebten aus. In den Versen wird deutlich, dass die Liebe trotz ihrer Abwesenheit die Kraft hat, Glück und Erfüllung zu geben …

 

Es sind Sommerferien. Wieder bin ich zu Besuch im heimatlichen Groden. Ich muss immerzu an ihn denken. Vor einem dreiviertel Jahr habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Das war beim traurigen Abschied an den Zuggleisen, die für mich ins Nirgendwo führen. 

Heute ist Sonntag, der 17. Juli 1904. Ich liege auf der Wiese im Garten. Meine Augen sind geschlossen. Gestern war Wäschetag und die Wäsche flattert im Wind. Dieses Bild verbinde ich mit dem Gedicht von Gustav Falke „Wäsche im Wind“. Dabei geht mir ein Reim durch den Kopf: „Das Leben ist wie ein Traum, das Heute, das Morgen, man lebt es kaum.“ Ich bin der festen Überzeugung, dass das Schicksal kein Wiedersehen zulässt. Ich spreche aus, was ich denke: „Eine Hoffnung verbleibt mir. Dort oben sehen wir uns wieder.“

Wenig später sitze ich am Klavier. Es entsteht die Vertonung des Gedichts von Gustav Falke.

 

*

 

Zurück in Sondershausen. Von der Schulleitung werden Informationstermine zur möglichen Berufswahl angeboten. Als einzige beruflich höherwertige Tätigkeit für Frauen mit Abitur kommt der Beruf als Lehrerin infrage. Ein Studium an einer Universität ist für Frauen rechtlich ausgeschlossen. Frauen werden dort bestenfalls als Zuhörer geduldet. Meine Reaktion lässt nicht lange auf sich warten.

„So eine ungerechte, nicht nachvollziehbare Einschränkung der persönlichen Freiheit!“

 

Die angehenden Lehrerinnen müssen ein praktisches Jahr an einer höheren Töchterschule ableisten, bevor sie als vollwertige Kraft in der Beamtenlaufbahn eingestellt werden können.

Meine Schule setzt sich dafür ein, dass die Schülerinnen nach dem Schulabschluss möglichst ohne Wartezeit in das Berufsleben einsteigen können. Für mich liegt ein konkreter Vorschlag schon auf dem Tisch.

Im städtischen Naumburg a. d. Saale wird ab Ostern 1905 eine Stelle für ein Seminarjahr frei. Von Sondershausen bis nach Naumburg ist es nicht weit, nur knapp 100 Kilometer. Nach dem Gespräch hole ich mir die ausgelegten Papiere im Sekretariat wortlos ab. Ich höre noch die Worte von einem Lehrer, die wie Hohn in meinen Ohren klingen:

„Man kann nur froh sein, dass es überhaupt diese Chance für Frauen gibt.“

Ich bringe in Erfahrung, dass dieses „Entgegenkommen“ aus Gründen des Mangels an Lehrkräften entstanden ist. Schon seit 40 Jahren stehen männliche Lehrkräfte für den staatlichen Schulbetrieb nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung. Glänzende Berufsaussichten werden dagegen Studenten im Fach Jura prognostiziert. Der Beruf als Anwalt hat in der Bevölkerung ein hohes Ansehen. Nach dem Referendariat und Staatsexamen ergeben sich beste Möglichkeiten, selbstständig als Anwalt zu arbeiten. Bei guten Abschlussnoten ist die Übernahme in den Staatsdienst möglich. Das gibt eine große Sicherheit für die eigene Lebensplanung. Selbst beim Einstieg in eine bekannte Kanzlei ist ein sorgenfreies Gehalt so gut wie sicher. Die glänzende Karriere ist den angehenden Abiturienten natürlich bekannt.  

Lehrer genießen in der Bevölkerung eine besondere Aufmerksamkeit. Sie haben den Ruf eines Idealisten, da sie ihre Kraft für das Allgemeinwohl einsetzen. Das ist zwar ehrenwert, wenn nur nicht die geringen Gehälter wären. Karriere und Einkommen spielen nur eine untergeordnete Rolle, sind oft übersichtlich und kärglich. Aber damit noch nicht genug. In vertraulichen Gesprächen der Lehrerschaft gibt es manchmal auch Diskussionen über die unterschiedliche Vergütung zwischen Männern und Frauen. Im Vergleich ist das Gehalt von Lehrerinnen noch einmal um ein Drittel niedriger.

 

*

 

Die Freundinnen in meiner Klasse sind besorgt über mein Vorhaben. Die Meinungen gehen in alle Richtungen.

„Denk an die Konsequenzen! Das traust du dich? Nein, so etwas ist nichts für mich!“

Meine Unzufriedenheit mit den eigenen Erwartungen und der Realität, treibt mich dazu, während des Schulunterrichts unbedingt eine Zigarette rauchen zu müssen. Conrad hat seine Klasse aufgemischt. Mädchen können das auch. Ich frage mich, welche Reaktion dieses provokante und verbotene Verhalten in der Schule wohl auslösen wird.

 

Jeden Dienstag steht Pädagogik in der dritten und vierten Schulstunde auf dem Stundenplan. Die Lehrinhalte beschäftigen sich mit der Erziehung, Förderung und Bildung von Kindern und Jugendlichen. Ausgerechnet in diesem Unterrichtsfach soll die gezielte Herausforderung ausgetestet werden.

Auf dem Schulgelände ist das Rauchen strengstens untersagt. Es gibt aber Ausnahmen. „Diskretes Rauchen“ wird für Schüler, die kurz vor dem Abitur stehen, stillschweigend geduldet. Für Schülerinnen ist das Rauchen in der Öffentlichkeit dagegen undenkbar.

 

Einfacher als gedacht komme ich an Zigaretten. Die Schule der Jungs liegt an der Alexanderstraße, nicht weit weg von der Mädchenschule.  Nach Schulschluss geht es für mich jetzt ein paar hundert Meter geradeaus weiter in Richtung Gymnasium. Vom Aufsichtspersonal der Schule nicht einsehbar, steht eine kleine Gruppe von Gymnasiasten in einer kleinen Nische am Straßenrand. Ein paar freundliche Worte und schon bekomme ich zwei Zigaretten als Geschenk. So einfach ist das.

 

Ich sitze in der dritten Reihe an einem Fensterplatz. Im dritten und letzten Jahrgang des Oberlyzeums beginnt der Schulunterricht jeden Dienstag mit den Fächern Religion und Deutsch. Anschließend ist das Fach Pädagogik an der Reihe. Gerade betritt der Direktor mit seiner Aktenmappe den Klassenraum und beginnt seinen Vortrag ohne Begrüßung. Heute geht es um die neuesten pädagogischen Erkenntnisse. Von der Schulbehörde wird der Frontalunterricht nur noch in eingeschränkter Form präferiert. Nach den Vorstellungen der Fachleute hat die aktive Beteiligung am Unterricht für die Schüler und Schülerinnen nur Vorteile. Vorwiegend in den höheren Schulen sollen die Meinungsbildung und das eigenständige Denken auf ein höheres Niveau gehoben werden.

Wie in Watte gepackt nehme ich die Worte des Direktors nur noch bruchstückhaft auf. Es ist nicht einfach, ein flegelhaftes Verhalten in die Tat umzusetzen. Doch es muss sein. Mit meiner jugendlichen Entschlossenheit zünde ich mir während des Vortrags eine Zigarette an. Der Rauch steigt auf und zieht sichtbar durch das halboffene Fenster.

Die Entfernung zwischen Pult und meinem Sitzplatz ist nicht sehr groß. Ohne Zweifel muss der Direktor diese Unverschämtheit doch bemerken! Doch es passiert nichts. Er nimmt meine Provokation einfach nicht zur Kenntnis. Auch nach dem Unterricht bleibt eine Reaktion von ihm aus.

Nach Schulschluss gehe ich mit mir hart ins Gericht. Es ist nichts verlockender, als selber etwas zu tun, was von der Gesellschaft streng verurteilt wird. Als junges Ding kann ich mir in der Schule Dinge erlauben, die anderen Tadel einbringen. Diese Ignoranz ist ja nicht auszuhalten! Keiner versteht mich! Ich murmele vor mich hin: „Meine eigene Unzufriedenheit macht mich unglücklich, aber unglücklich bin ich ja schon.“

 

*

 

Im Turmzimmer blicke ich gedankenverloren zum Fenster heraus. Das Herbstwetter bringt Wolken und Regen über das Land. Ich muss an meinen Liebsten denken, doch der ist weit weg, weit weg von mir. Die Stimmung ist gedrückt. Unerbittlich geht die Zeit dahin. Die Natur legt sich langsam wieder schlafen. Blühende Rosen, die ich so mag, sind in den Gärten kaum noch zu sehen.

Leise summe ich ein paar Verse vor mich hin, die mir gerade einfallen: „Und die Rosen verblühn, und die Vöglein ziehn fort, und Winter wird kommen. Ich harre deiner in Liebe und Treu …“

„Es ist aussichtslos, alles ist für mich so sinnlos geworden ohne dich. Mein Herz sagt mir, komm jetzt zum Schluss“, murmele ich vor mich hin. Ein paar Minuten später ist die letzte Zeile dran. 

… doch wird man mich legen ins kühle Grab, eh ich dich wiedergesehen hab.“

Die passende Melodie zu den traurigen Versen ist schon im Kopf.

 

Track 7

Titel: Und die Rosen verblühn …

Text: Erna Becker-Ernst

Komposition: Erna Becker-Ernst


07 Und die Rosen verblühn

Hier im Browser anhören:Und die Rosen verblühn…

 

Die innere und äußere Enge, alles erdrückt mich. Ich muss jetzt raus aus dem Zimmer und ab in den Wald. Hastig ziehe ich mir eine Jacke an, dann geht es schnell die Treppe herunter. Auf dem Bürgersteig bleibe ich kurz stehen und atme bewusst einmal kurz ein und aus. Ein befreiendes Gefühl ist das.

Am Forsthaus und Friedhof vorbei geht es jetzt schnellen Schrittes den Hang hinauf. Im Wald gibt es auch keine Erlösung. Mein Weg ist einsam, meine Gedanken sind trübe. Ich ziehe die Schuhe aus, verlasse den Weg und gehe über wuchernde Efeuranken. Das Moos ist so kalt! Es ist später Nachmittag. Nur Wolken sind am Himmel zu sehen. Ich bleibe stehen. Diese Stille. Nur das leise Plätschern eines Bachs ist zu hören.

Da plötzlich glaube ich etwas zu erkennen. Schemenhafte Irrlichter huschen am Bach entlang. Ach, sie wollen mich locken und vom rechten Weg abbringen. Sie und die Menschen sind falsch und kalt! Es ist schon spät, ich muss zurück.

Das Ergebnis des Ausflugs in den Wald ist ein durchgefrorener Körper. Im Essraum sind die Tische schon abgeräumt, Abendessen bekomme ich auch nicht mehr. Mit leerem Bauch geht es die Treppen hinauf in mein Turmzimmer.   

Die Musik gibt mir Ruhe und eine Portion Zufriedenheit. Innerhalb einer Stunde liegt das Ergebnis vor. Zuerst schreibe ich den Liedtext auf eine Seite. Dann entsteht die Melodie für das Lied „Einsamer Wanderer“ in einem langsamen Tempo.

 

*

 

Die Wochen bis zu den Weihnachtstagen verlaufen im gewohnten Rahmen. Proben für die Aufführungen des Schulchors finden nach dem Schulunterricht statt. Ich spüre die große Dankbarkeit. Mit meinem Klavierspiel bin ich aber manchmal unzufrieden.

Das eigene Urteil ist vernichtend. In meinem Turmzimmer spreche ich es laut aus: „Ich habe es so satt, dass andere immer alles gut finden, was ich tue, weil ich weiß, dass es längst nicht immer gut ist.“  

In der Stille meldet sich die Stimme im Kopf und flüstert mir eindringlich zu: „Wenn du es weißt, warum machst du nichts dagegen?“ Ach, denke ich mir, das ist es ja. Wer kann schon den Schmeicheleien widerstehen? Ich vermag es nicht, mich aus der Vereinnahmung zu befreien. Andererseits kann ich es mir ja leisten. Warum also nicht? Möchte den sehen, der es anders macht. Da ist sie wieder, die trotzige Erna. Eine Lösung muss her. Voller Missmut murmele ich vor mich hin: „Ich brauche einen Menschen, zu dem ich aufsehen kann, der mir überlegen ist. Ist es denn so schwer einen solchen zu finden? Gibt es denn so wenige?“ Ich schaue mich in meinem kleinen Zimmer um. Eine Antwort auf meine Fragen bekomme ich nicht.  

Die Auseinandersetzung zu meinem aktuellen Befinden bringt auch keine Linderung für meine Bedürfnisse nach Liebe und Zuneigung. Aber darum geht es nicht. Wichtig ist jetzt, meinen Standpunkt zu bestimmen, um wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen.

Für die Weihnachtstage habe ich mir eine Auszeit bei der Familie genommen. Ruhe und Entspannung finde ich mit der Musik.  

 

*

 

Sondershausen, Anfang März 1905

Der sonntägliche Besuch in der Kirche gibt mir Kraft und Orientierung für den Alltag. Im christlichen Glauben wird die Passionszeit gefeiert, verbunden mit den drei Symbolen „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Der Pastor stellt heute die Kernaussagen von Psalm 22 in den Mittelpunkt seiner Predigt. Der Psalm ist ein Gebet, das die ganze Bandbreite menschlichen Leidens widerspiegelt. Gleichzeitig wird den Menschen aber zugesichert, dass sie auch in der tiefsten Not auf Gottes rettende Gegenwart vertrauen können.

 

„Wir wollen den Gottesdienst feiern im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir singen dazu das Lied im Gesangbuch Nr. 455 ‚Gott des Himmels und der Erden, die Verse 1-3+5‘…“

Zum Abschluss des Gottesdienstes spielt der Organist noch ein Postludium von Johann Sebastian Bach. Ich verlasse die Kirche mit einem optimistischen Gefühl. Mein Herz ist nicht mehr bedrückt, nein, ich fühle mich wie befreit von allen Lasten. Meine Gedanken verbinde ich mit einem Herzenswunsch: Ich möchte wieder fröhlich sein, wie einst, als ich noch bei dir war, und küsste deinen Mund …

 

*

 

Die letzten Prüfungen im März erfordern die volle Konzentration. Dann ist es soweit. Die Zeugnisse für das erfolgreich abgelegte Abitur werden ausgehändigt. Im Anschluss gibt es noch eine kleine Feier. Es ist der Schlusspunkt der dreijährigen Schulzeit in Sondershausen.  

Mir bleiben viele schöne, aber auch schmerzhafte Erinnerungen an diese Zeit. Lehrer und Mitschülerinnen sind gerne bereit, Lebensweisheiten und gutgemeinte Ratschläge in mein Poesiealbum[4] einzutragen.

Ende der Leseprobe aus 506 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Turmwächters Lied
Untertitel
Eine Romanbiografie über die Komponistin Erna Becker-Ernst (1885-1945)
Autor
Carl Ferdinand Ernst (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2026
Seiten
506
Katalognummer
V1739138
ISBN (eBook)
9783389196847
ISBN (Buch)
9783389196854
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romanbiografie Biografischer Roman Historischer Roman Künstlerroman Komponistin Musikerbiografie Erna Becker-Ernst Komposition Liedkomposition Sinfonie Musikgeschichte Konservatorium Deutschland um 1900 Kaiserreich Erster Weltkrieg Zweiter Weltkrieg Münstereifel Zeitgeschichte Frauenbiografie Lebensweg Erinnerung Deutsch-französische Freundschaft
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Carl Ferdinand Ernst (Autor:in), 2026, Turmwächters Lied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1739138
Blick ins Buch
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
Leseprobe aus  506  Seiten
Grin logo
  • Grin.com
  • Versand
  • Kontakt
  • Datenschutz
  • AGB
  • Impressum
  • Vertrag widerrufen