Wachstum ohne Ende?

Zu den natürlichen und sozialen Grenzen des Wachstums - eine integrative Analyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Zur Einführung: Im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie

2. Wachstumstheorie
2.1 Neoklassische Produktionsfunktion und ihre Grenzen
2.2 Grenzen der Geldschöpfung
2.3 Grenzen des Fortschritts
2.4 Lösungen ökologischer Marktwirtschaft

3. Soziale Grenzen des Wachstums
3.1 Konservative Wachstumskritik
3.2 Soziale Komponenten der Wachstumskritik
3.3 Relative Präferenzen individueller Wohlfahrt
3.4 Weil wir es wollen
3 Wachstumsethik
3.1 Wachstum und Verantwortung
3.2 Wachstum und Gerechtigkeit
3.3 Wachstum und Freiheit
3.4 Wachstumsbewusstsein

4. Zwischenfazit oder die Notwendigkeit alternativer Wachstumskonzepte

5. Qualitatives Wachstum
5.1 Konzept
5.2 Umsetzung

6. Nachhaltigkeit
6.1 Starke vs. schwache Nachhaltigkeit
6.2 Modifizierte starke Nachhaltigkeit

7. Alternative Wachstumsmessung
7.1 Bruttoinlandsprodukt
7.2 Umweltökonomische Gesamtrechnung
7.3 Genuine Progress Indicator, Human Development Index und Nationaler Wohlfahrtsindex

8. Für eine neue Lebenswelt
8.1 Corporate Social Responsibilty
8.2 Postmaterialismus
8.3 Suffizienz

9. Fazit und Ausblick

Bibliographie

1. Zur Einführung:

Im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie

Lange konnte der Mensch als homo oeconimcus als Teil der Wirtschaft und als homo oecologicus als Teil der Natur behandelt werden ohne dass beide Betrachtungen großartig in Konflikt geraten wären. Dies war so lange möglich, wie die wirtschaftliche Tätigkeit nur am Rande in den Naturhaushalt eingriff. Heute ist die Trennung des Wirtschafts- vom Naturhaushalt nicht mehr möglich. Die wirtschaftliche Produktion belastet die Ökosphäre mehrfach: natürliche Ressourcen werden entnommen, Abfälle an sie abgeliefert und durch Ausbreitung der Wirtschaftssphäre verdrängt. Als die Reichtümer der Natur noch unendlich groß waren, hatten jene Belastungen keine Rolle gespielt, zumal der Grenznutzen des wirtschaftlichen Wachstums relativ hoch, der Grenznutzen der Umwelt gleichzeitig relativ gering war. Heute hat sich jenes Verhältnis umgekehrt. Der Grenznutzen der Umwelt nimmt in dem Ausmaße zu, wie die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen voranschreitet. Letztendlich ist es jene ökonomische Sichtweise, die die Ökologie wieder in das Bewusstsein der Menschen zurück holte (Meadows et al. 2009: 152, Binswanger 2010: 98ff). Bereits in den 50er Jahren wurden wachstumskritische Stimmen laut, die von einer ͣGesellschaft im Überfluss“ (Galbraith 1958) sprachen, um nur wenige Jahre später eine ͣRückkehr zum menschlichen Maß“ (Schumacher 1974) forderten. Der Club of Rome schaffte es dann endgültig mit seinen ͣGrenzen des Wachstums“ (Meadows et al. 1972) den Startschuss für einen wachstumskritischen Diskurs abzufeuern, der bis heute in Zeiten des Klimawandels, der Rohstoffverknappung und des Bevölkerungswachstums nicht verklungen ist. Vorläufigen Schlusspunkt setzte Nicholas Stern, der das Umweltdilemma als das ͣgrößte Marktversagen der Geschichte“ entlarvte (Stern 2007: 1). Die alles entscheidende Frage lautet seit nunmehr, wie ein marktorientiertes Wirtschaftssystem die ökologisches Wende schafft.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es daher sein, ein ökologisch-integratives Denkangebot im ökonomischen Feld bereit zu stellen. Die Geistes- und Sozialwissenschaften bedienen sich dabei außeruniversitärer Kriterien um als Diskursfeld naturwissenschaftlicher Problemstellungen geeignete Lösungskonzepte zu finden (Stehr 2007: 133, Schröder 1992: 66, Diekmann 2001: 14). In diesem Sinne wird das urökonomische Prinzip des Wachstums aufgegriffen und mithilfe soziologischer, ökologischer wie ethischer Kriterien analysiert. Es stellt sich letztendlich die Frage, ob zwischen Ökologie und Ökonomie ein vereinbarendes Konzept zu denken ist, oder ob sich beide Paradigmen unweigerlich ausschließen. Denn die ökologische Ökonomie steckt in einem Dilemma. Zum einen ist aus wirtschaftsliberaler Sicht, Wirtschaftswachstum die Lösung sozialer wie ökologischer Probleme. Technischer Fortschritt und Effizienzsteigerungen wirtschaftlicher Prozesse würden demnach dazu führen, dass knappe Ressourcen vollständig substituierbar und negative Externalitäten der Produktion kompensierbar wären (Binder 1999: 9). Andererseits kann das Wirtschaftssystem als eben jene Ursache der ökologischen wie sozialen Krisen betrachtet werden. Kurzum: Produktion wird hier als Konsum erachtet - als nicht verantwortbarer Raubbau an der Natur (Gabriel 2007: 19). Neue Wohlstandsmodelle stellen dagegen grundsätzlich drei Wege dar, die einen Konsens statt jenem Dilemma zwischen Ökonomie und Ökologie betonen: Technische Effizienz oder das Besser, Konsistenz oder das Anders, Suffizienz oder das Weniger (von Winterfeld 2007: 47f). Hier wird die ökonomisch-soziologische zur sozialphilosophischen Frage. Führt der Kampf um eine lebenswerte Zukunft letztendlich in eine postmaterielle Epoche des Rückzugs? Bedarf es einer neuen Wirtschaftsethik, einer ͣMoralisierung der Märkte“ (Stehr 2007)? Wachstum steht im Verdacht nicht nur vor ökologischen, sondern auch vor sozialen Grenzen zu stehen. Mit anderen Worten: Zur natürlich begrenzten Sinnhaftigkeit des Wachstums gesellt sich die sozial begrenzte Sinnhaftigkeit.

Am Anfang steht daher eine Kritik der neoklassischen Wachstumstheorie, um anschließend soziale Grenzen des Wachstums aufzeigen zu können. Die natürlichen und sozialen Grenzen von Wachstum machen eine grundlegende, ethische Neuerörterung des Wachstumsparadigmas nötig. Auf Grundlage dessen, werden alternative Wachstumskonzepte im Sinne einer ökosozialen Marktwirtschaft1 vorgestellt. Wie kann es also gelingen, der Natur einen Wert in der Gesellschaft zuzuweisen, um eine Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlage zu verhindern? Welche Kriterien und Grundsätze sind notwendig zu implementieren, um ein neues Wachstumsparadigma zu schaffen - nicht nur für das ökonomische System, sondern für die ganze Gesellschaft?

2. Wachstumstheorie

Nur der erste Schöpfer schuf ex nihilo. Der zweite schafft ex aliquo: der Mensch ist nach Emil Egli der ͣGroße Verwandler“ (Egli in Binswanger 2010: 98). Wir sind im Begriff, durch unsere wirtschaftliche Tätigkeit den Schöpfungsprozess, bei dem Energie in Substanz verwandelt wurde, rückgängig zu machen, indem Substanz wieder in Energie (Abwärme) aufgelöst wird. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Entwicklung schließlich auch den ökonomischen Kapitalisierungsprozess zu einem Ende bringen wird, indem die für diesen Prozess notwendigen Regenerationsmöglichkeiten erschöpft sein werden. Thermodynamische und entropische Naturgesetze machen ein unendliches (materielles!) Wachstum in einer endlichen

Welt unmöglich (Meadows et al. 2009: 45, Miegel 2010: 67). Wachstum verkommt zu einem ͣmathematischen rtefakt“ (Hinterberger et al. 2009: 35) der Ökonomie.

Woher rührt aber nun jener Wachstumsglaube, der bis heute ungebrochen scheint? Dazu bedarf es der Erörterung historischer wie kultureller Grundlagen der ökonomischen Theorie. Die Neoklassik ist unbestreitbar die dominante Theorieströmung. Daneben stellt die Regulationstheorie eine willkommene theoretische Alternative, die ökonomische Prozesse in ihren sozialen und kulturellen Hintergrund einbettet, um Transformationen des Kapitalismus besser zu verstehen. Regulation bedient sich dabei nicht nur ökonomischer, sondern auch politischer, historischer und soziologischer Perspektiven. Während die Neoklassik ad hoc Analysen für makroökonomische Phänomene zu liefern versucht, blickt die Regulationstheorie auf die historische und kulturelle Entwicklung gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen und zeigt sich dabei erstaunlich konsistent in ihren Analysen (Boyer und Saillard 2002: 5f). Im Folgenden soll daher die klassische Ökonomie im Zeichen ihrer historisch-kulturellen Grundlagen erörtert werden.

2.1 Neoklassische Produktionsfunktion und ihre Grenzen

Die makroökonomische Produktionsfunktion sah ursprünglich nur zwei Produktionsfaktoren vor: Arbeit und Kapital. Da aber nun ertragsgesetzlich ein Wachstum nicht unendlich fortzuführen ist, wurde ein dritter Produktionsfaktor eingeführt, der ein unendlich exponentielles Wachstum sicherstellen konnte: das Wissen oder der technische Fortschritt. Je mehr man weiß, desto mehr wird man wissen. Für den Produktionsfaktor Wissen gilt anscheinend kein abnehmender Grenznutzen. Nur durch diesen Wachstumsoptimismus ist überhaupt an ein Wachstum ohne Grenzen zu denken (Schmidt 2005: 12). Mit der Einführung des Wissens bzw. des technischen Fortschritts wurde letztendlich der wachstumsbeschränkende Faktor Boden aus der klassischen Produ]ktionsfunktion der eliminiert2.

Im neoklassischen Wirtschaftsmodell ist der Input also gegeben und kein Faktor, von dem Produktion abhängig wäre. Infolge zunehmender Knappheit der Ressourcen wird es allerdings unumgänglich, aufzuzeigen, wie der Regenerationsprozess, d.h. die Wiederherstellung der ökologischen Inputs zu einer ökonomisch-ökologischen Gesamtbetrachtung ausgeweitet wird (Binswanger 2010: 74f).

2.2 Grenzen der Geldschöpfung

Boden und andere natürliche Ressourcen werden also in der neoklassischen Produktionstechnik unter Kapital subsumiert und somit nicht nur entnaturalisiert, sondern auch so behandelt, als könne der Mensch Ressourcen ebenso schöpfen wie Geld(kapital). Dies entspricht einer theoretischen Fehleinschätzung innerhalb der Wirtschaftswissenschaften, in dem der natürliche Reproduktionsprozess aus der ökonomischen Betrachtung ausgeklammert wird. Denn angenommen, natürliche Ressourcen sind als Inputfaktor der Produktion nicht unendlich schöpfbar, so ist Geld als monetärer Gegenwart ebenso endlich. Die Illusion der Geldschöpfung (Miegel 2010: 163ff) begründet somit den Glauben vom unendlichen Wachstum.

Adam Smith betrachtete Geldkapital ursprünglich als nicht ausgegebenes Erspartes. Heute startet ein Unternehmen aber in der Regel nicht nur mit Erspartem, sondern hauptsächlich mit Kapital über die Aufnahme von Krediten. Also nicht mit realen Produktionsgütern, die als Neuinvestition über erspartes Kapital aufgebracht werden. Weder das Geld noch die Produktionsmittel, noch die konsumierte Nahrung seiner Angestellten müssen von der Natur abgespart werden. Auf Konsum zu verzichten, um Neuinvestitionen zu tätigen, wie es Smith sah, ist daher nur sehr beschränkt nötig, um den Markt zu erweitern (Binswanger 2010: 92f).

2.3 Grenzen des Fortschritts

Neben dem Irrglauben der Geldschöpfung ist die Illusion vom heilenden Fortschritt zur Begründung unendlichen Wachstums zu nennen (Fromm 1976: 12). Weber erkannte bereits die Unvermeidlichkeit der Negativität im Verbesserungsstreben des modernen okzidentalen Weltbildes. Jener Widerspruch zwischen formaler und materialer Rationalität ist tief verwurzelt im westlichen Rationalitätsverständnis (Weber 2008: 48). Nichts anderes beschreibt Beck in seiner Risikogesellschaft. Risiken werden hier als latente Nebenfolgen beschrieben, die weder gewollt noch gesehen werden. Demnach werden Risiken in einer reflexiven Moderne in dubio pro Fortschritt legitimiert, sozusagen als zivilisatorisches Naturschicksal in Kauf genommen (Beck 1986: 44).

Eine Auflösung des Widerspruches beschreibt Weber in der weltimmanenten Thoedizee und außerweltlichen Askese des asiatischen Weltbildes. Hier wird menschliches Handeln als Teil eines Ganzen begriffen. Zeichnen sich Eingriffe des Menschen durch Zerstörung und Aufhebung eines weltimmanenten Gleichgewichts aus, so verlangt jenes holistische Rationalitätskonzept die Vermeidung von weltlichen Tätigkeiten, um das Gleichgewicht im Ganzen wieder herzustellen (Weber 2008: 424ff, Fromm 1976: 159). Wenn Wachstum also nicht ohne negative Effekte zu denken ist, welche Instrumente stellt die ökonomische Theorie den Marktwirtschaften zur Verfügung?

2.4 Lösungen ökologischer Marktwirtschaft

In der neoklassischen Ökonomie kann Natur nur einen Wert erhalten, wenn ihr ein Tauschwert zugesprochen werden kann. Also nur, wenn Natur einen Nutzen, einen Gebrauchswert und damit einen Marktpreis aufgrund einer Nachfrage erzielen kann. Deshalb ist Natur ohne Wert und kann als kostenlos verwertbar betrachtet werden (Immler 1989: 234). Genau hier liegt das Problem. Der Schlüssel, so Luhmann, liegt in der Sprache der Preise. Auf Störungen, die sich nicht durch Preise ausdrücken lassen, kann die Wirtschaft nicht reagieren (Luhmann 1990: 122f). Die Natur besitzt aber keinen Marktpreis, da keine Verfügungsrechte vorliegen.

Das Coase-Theorem3 sieht ein Marktversagen vor allem in nicht vorhandenen Verfügungsrechten. Die meisten Umweltprobleme entstehen durch Übernutzung. Die Spezifizierung von Verfügungsrechten tragen zur Preisbildung bei und die kostenlose Nutzung sogenannter freier, öffentlicher Güter wäre reguliert4. Verfügungsrechte wie Emissionszertifikate sind neoklassischer Natur, die aufgrund von Nutzungsrechten die Probleme auf mikroökonomischer Ebene durch den Preismechanismus zu lösen versuchen. In diesem Zusammenhang ist auch die Privatisierung öffentlicher Güter und entsprechende Preisbildung auf dem Markt für diese Güter zu nennen (Jens 1998: 33f).

Die Pigou-Steuer dagegen erreicht über die Internalisierung der Kosten beim Verursacher einen Preis für die Naturnutzung. Natur wird so zum ganz normalen Produktionsfaktor. Steuern wie die Ökosteuer sind fiskalpolitischer und daher keynesianischer Natur. Generell sollen nach Keynes auf Grundlage eines Vorsorge- und Gemeinlastprinzips Steuern die Entwicklung von ökologischen Innovationen finanziert werden (Jens 1998: 33f). So forderte schon Weizsäcker et al. (1995) die Einführung einer Ökosteuer, um höhere Energieeffizienz attraktiver zu gestalten.

Bei Pigou wie bei Coase stellt sich allerdings die Frage, wer der Verursacher ist. Bei Luftverunreinigung ist nahezu ausgeschlossen, den Verursacher zu lokalisieren. Das macht die Kompensationszahlungen bei Coase wie die Steuer bei Pigou zu einem theoretisch attraktiven Paket, aber politisch nur eingeschränkt umsetzbar (Schmidt 2005: 15ff, Jens 1998: 28ff).

Letztendlich erkennt auch Coase, dass jenes institutionenökonomische Problem der Allmende5 in einer Studie zur Moral aufgelöst werden muss (Coase 1960: 14). Auch die Regulationstheorie erkennt, dass Institutionstheoretiker wie Coase implizit auf die Perspektive der Regulationstheorie zurückgreifen. Ökonomische Probleme sind nicht allein im ökonomischen System zu lösen, sondern bedürfen der Neudefinition der Institutionen aufgrund struktureller Irritationen. Regulation beruht daher auf der Dynamik und Stabilität von Kultur, in der sich die Ökonomie zwar als dominantes Feld auszeichnet, ihre Transformation aber keinesfalls im ökonomischen Feld alleine zu verorten ist (Boyer und Saillard 2002: 17f).

3. Soziale Grenzen des Wachstums

Den sozialen Grenzen von Wachstum kommt hierbei eine entscheidende Rolle zu, belegen sie die Notwendigkeit eines außerökonomischen Diskurses über die Vorstellung von Wachstum in der Ökonomie. Die Grenzen natürlicher Ressourcen sind in den Naturwissenschaften breit diskutiert worden. Die Wirtschaftswissenschaften erkannten die Problematik externer Effekte der industriellen Produktion früh, woraus sich ein zugegeben rudimentärer wirtschaftskritischer Diskurs ergab. Die Sozial- und Geisteswissenschaften haben ihren Beitrag erst spät angefangen zu erbringen. Im Zentrum jenes Diskurses haben dabei vor allem die soziale Grenzen des Wachstums und die Kritik eines quantitativen Wachstumsglaubens zu stehen, der im Sinne der Regulationstheorie, kulturelle und soziale Strukturen berücksichtigt, da das ökonomische System nichts anderes, als das Produkt seiner sozialen und kulturellen Strukturen darstellt (Boyer und Saillard 2002: 15).

3.1 Konservative Wachstumskritik

Jener Diskurs geht auf eine konservative Wirtschaftskritik zurück, die mehr als Universalismus einer reaktionären Auffassung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen und somit als wohl älteste Form der Wirtschaftskritik anzusehen ist.

Im Weiteren ist von einer näheren Ausführung der konservativen Wirtschaftskritik abzusehen, dennoch finden sich einige prinzipielle, kritische Äußerungen in postmaterialistischer Wirtschaftskritik wieder (siehe Kap. 8.2 und Mishan 1980: 140ff). Demnach stellt industrialisiertes Wachstum keineswegs ein nachahmenswertes Entwicklungsmuster dar, da der Wohlstand keineswegs zugenommen, sondern abgenommen habe, wenn man negative Auswirkungen des Wachstums in die Bilanzrechnung aufnimmt (Mishan 1980: 89f). Nach Leopold Kohr (1986) bedeute Wachstum zwar Gütervermehrung, doch keineswegs gleichzeitig Wohlstandsvergrößerung (Kohr in Steurer 2002). Ab einem gewissen Wohlstandsniveau scheint weiterer materieller Wohlstand keine erhöhte Lebenszufriedenheit hervorzurufen (Miegel 2010: 32). Kohr und Miegel sehen das Problem der Wirtschaft in seiner Überdimensionierung und ihre Lösung in der Beschränkung ihres Wachstums (Steurer 2002: 125f, Miegel 2010: 234ff).

Galbraith (1958) konstatierte, dass vermehrt das Angebot die Nachfrage bestimme. Demnach werden Bedürfnisse erst geschaffen, die befriedigt werden sollen, wobei gleich einer Art Spirale, bestehende Bedürfnisse neue erzeugen (Galbraith 1958: 153ff). Bezieht man heute einen steigenden Aufwand der Marketingindustrie in die Überlegungen mit ein, so hat sich jener Umstand nicht nur bestätigt, sondern verschärft. An Stelle der Bedürfnisbefriedigung unter einer optimalen Allokation der Güter wie es die neoklassische Theorie vorsieht, tritt vermehrt ein kapitalistisches Streben nach Wachstum und Profit.

3.2 Soziale Komponenten der Wachstumskritik

Hirsch (1976) hat die Erkenntnisse aus den frühen Nachkriegsjahren in seinen "sozialen Grenzen des Wachstums" zusammengefasst und erkennt prinzipiell 2 soziale Komponenten, die bei zunehmenden Wohlstand die Bedürfnisbefriedigung erschweren. Zum einen nimmt der Nutzen ab einem bestimmten Verbreitungsgrad ab. Nicht nur, weil der relative Nutzen einer Ausbildung oder eines weiteren Autos bei allgemeiner Verbreitung abnimmt, sondern weil auch ganz konkret bei höherem Bildungsniveau die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zunimmt oder die Dichte des Straßenverkehrs den Nutzen entsprechend vermindern. Zum anderen nimmt der symbolische Wert am Positionsgütermarkt ab. Der Wert der Differenzierung und Distinktion wird außer Kraft gesetzt, sobald die breite Bevölkerung in der Lage ist jene Positionsgüter zu erwerben. Die Folge ist nicht etwa eine willkommene Angleichung der Möglichkeiten, sondern lediglich eine erhöhte Konkurrenz auf dem Gütermarkt aufgrund höheren Lebensstandards. Das Verhältnis von Gewinnern und Verlierern bleibt bei erhöhtem Aufwand gleich.

Summierungsproblem als auch Positionsgüter verschlechtern also die individuelle Wohlfahrt bei steigendem Lebensstandard. Hirsch zieht hieraus den Schluss, dass trotz steigendem Wohlstand die Unzufriedenheit in reichen Gesellschaften wächst (Steurer 2002: 128f).

3.3 Relative Präferenzen individueller Wohlfahrt

In Ergänzung besagt die relative Einkommenshypothese, dass die individuelle Zufriedenheit bei einem zunehmenden Wohlstand nicht vom absoluten Niveau des Lebensstandards, sondern vom relativen Status in der Gesellschaft abhängt. Ab einem relativ hohen Wohlstandsniveau in der Gesellschaft würde man bspw. eine eigene Einkommensverminderung um 5% bei gleichzeitiger Verminderung der Einkommen aller anderen um 10% einer allgemeinen Erhöhung des Einkommens um 19% vorziehen. In diesem Sinne bringt Wachstum zwar eine Erhöhung des materiellen Wohlstands, der aber nicht zu einer Erhöhung der Lebenszufriedenheit beiträgt. In Anlehnung an die englische Redensart "keeping up with the Joneses" spricht Mishan auch vom "Joneses-Effekt" (Mishan 1980: 112).

Den wahrscheinlich klarsten Nachweis für sogenannte relative Präferenzen geben Solnick und Hemenway (1998). In ihrer Befragung von 257 Studenten und Wissenschaftlern wollten mehr als die Hälfte der Befragten lieber ein relativ hohes Einkommen oder einen relativ hohen IQ im Vergleich zu einem absolut höheren IQ und Einkommen. Ob man mehr hat als andere, scheint demnach genauso wichtig zu sein wie die Frage, wie viel man hat (Schwarz 2007: 110).

3.4 Weil wir es wollen

Gegen die Theorie relativer Präferenzen spricht gerade ein ökologischer Aspekt. Beckerman (1974) spricht sich gegen die relative Bedeutung von Wohlstand aus, sieht er gerade im Umweltschutz eine absolute Qualität, die nicht von der relativen Position des einzelnen in der Gesellschaft abhängt. Wirtschaftswachstum bedarf der Differenzierung ob es zur Aufrechterhaltung und Erweiterung absoluter Qualitäten beiträgt oder nicht. Im Gegensatz zu Galbraith erkennt Beckerman (1974) die Zunahme der Bedürfnisse als ein zutiefst menschliches Charakteristikum. "*…+ the more needs man has the 'better' he is a man“ (Beckerman 1974: 90). Denn ob Glückseligkeit der Sinn des Lebens sei, ist keineswegs belegt. Mensch sein, unterscheide sich von Tier sein ausschließlich in der Kontrolle seiner Umgebung. Nach diesem Maßstab sei die Zunahme der Bedürfnisse als zivilisatorischer Fortschritt anzuerkennen (Beckerman 1974: 89).

Auch Robert B. Laughlin6 antwortet 2010 auf die Frage, warum es in 200 Jahren noch große Autos und Fernreisen geben sollte mit einem einfachen ͣweil wir es wollen“ (Laughlin in Leggewie 2010: 44).

[...]


1 Eine ökosoziale Marktwirtschaft soll das Leitbild der sozialen Marktwirtschaft um die ökologische Komponente erweitern, die ihr bis dato fehlt (Jens 1998: 15, Radermacher 2004: 46).

2 Die klassische Ökonomie nach Ricardo (1772-1823), Malthus (1766-1834) aber auch Smith (1723-1790) degradierte das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag zum ertragsgesetzlichen Verlauf. Die Neoklassik subsumierte wiederum den abnehmenden Bodenertrag unter die Marginalbetrachtung und spricht nunmehr vom Grenznutzen des Kapitaleinsatzes (Heertje und Wenzel 2002: 50ff).

3 Wenn Eigentumsrechte wohl definiert und keine Transaktionskosten vorliegen, werden die

betroffenen Parteien immer einen Vertrag aushandeln, der zu einer effizienten Allokation führt (Coase 1960). Coase Annahmen sind in Hinblick auf eine globale Umweltproblematik zu optimistisch. Die Nutzungsrechte länderübergreifender Ressourcen sind weitgehend unbestimmt und intergouvernementale Verhandlungen (COPs) zeigen hohe Transaktionskosten.

4 Natürliche Ressourcen wie Luft und Wasser werden als freie Güter oder Kollektivgüter erachtet. D.h. es existiert keine Rivalität im Konsum, sodass niemand vom Konsum ausgeschlossen werden kann (Heertje und Wenzel 2002: 541).

5 Die Tragödie der Allmende, besser bekannt unter der Tragedy of the Commons beschreibt die ineffiziente Ausbeutung einer gemeinsamen, aber rivalen, also knappen Ressource. In diesem Zusammenhang wird auch häufig vom Widerspruch der individuellen und kollektiven Rationalität und negativen externen Effekten gesprochen (Heertje und Wenzel 2002: 546).

6 Robert Betts Laughlin ist amerikanischer Quantenphysiker und Nobelpreisträger. Das Zitat stammt aus seinem Vortrag ͣCoal is Gone“ im Rahmen einer Expertenrunde zur ͣEnergieKulturEuropa“ vom 1. Juli 2010.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Wachstum ohne Ende?
Untertitel
Zu den natürlichen und sozialen Grenzen des Wachstums - eine integrative Analyse
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Soziologie II)
Veranstaltung
Umweltsoziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
36
Katalognummer
V173945
ISBN (eBook)
9783640942626
ISBN (Buch)
9783640942718
Dateigröße
966 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Umfangreiche Hauptseminarsarbeit zur Ersetzung der mündlichen Diplomprüfung im Fach Soziologie.
Schlagworte
Ökologie, Wachstum, Nachhaltigkeit, Wohlstandsmodelle
Arbeit zitieren
Johannes Buhl (Autor), 2010, Wachstum ohne Ende?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173945

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