Warum setzte sich die Frauenbewegung in Deutschland nicht stärker für ihr Wahlrecht ein?


Essay, 2011
9 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

In der heutigen Demokratie leben viele Bürger mit einer unpolitischen Einstellung und ohne Motivation, ihr Wahlrecht zu nutzen. Dabei ist das Recht zu wählen für einen großen Teil der Bevölkerung in Deutschland noch nicht alt. Das weibliche Geschlecht durfte bis 1918 in Deutschland nicht wählen, geschweige denn gewählt werden. Als ein gleichberechtigtes Wahlrecht eingeführt wurde, wurde es zwar von großen Teilen der Frauen aber bei Weitem nicht von allen gefordert. Die Frage ist, warum sich die Frauen nicht stärker für ein Wahlrecht eingesetzt haben, obwohl ihnen dieses große Vorteile beim Vertreten ihrer Meinung bietet.

Eine Erklärung dafür könnte sein, dass es ihnen logisch vorkam, dass sie nicht wählen durften, schließlich hatten sie auch auf vielen anderen Gebieten nicht die gleichen Möglichkeiten, wie die männliche Bevölkerung. Seit Jahrtausenden bevormundet musste sich erst ein neues Selbstbild der Frau durchsetzen, das eine Gleichberechtigung als selbstverständlich verstand. Dieses Umdenken setzte erst im 19. Jahrhundert in weiten Teilen der weiblichen Bevölkerung ein.

„Die Frau des 19. Jahrhunderts erkannte, dass sie in einer Männerwelt lebte; sie sah, dass die Familie, der Beruf, die Bildungsmöglichkeiten, die Stadt, der Staat, die innere und die äußere Politik, ja auch die Kirche von Männern nach Männerbedürfnissen und –wünschen ausgerichtet waren; und sie sah weiter, dass alle diese Bildungen mit schweren Männern behaftet waren.“[1]

In vier Bereichen kämpften die Frauen um ihre Emanzipation: Gleichheit auf dem Gebiet der Bildung, des Erwerbslebens, der Ehe und Familie und des öffentlichen Lebens in Gemeinde und Staat.[2] Das Frauenwahlrecht wurde von der, in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstehenden Frauenbewegung als die „Grundbedingung allen Frauenfortschritts“[3] angesehen.

Doch die Meinungen gingen auseinander, als es darum ging, wie man an das Frauenwahlrecht gelangen kann und wie schnell das passieren sollte. Viele Frauen des 19. Jahrhunderts hatten das Bedürfnis ihre Lebensumstände zu ändern. Dazu gehörte für sie zwar auch, jedoch nicht in erster Linie, die Forderung nach einem gleichen Wahlrecht für Männer und Frauen.

Doch warum forderten sie dieses Wahlrecht nicht resoluter sondern blieben so lange in ihrer angeblich natürlichen Rolle des schwächeren Geschlechts? Ein Grund war sicherlich, dass Frauen es nicht leicht hatten, sich als selbstdenkende Wesen zu beweisen, denn sie genossen fast keine Schulbildung, da dies als unnötig eingestuft wurde. Deshalb forderte die noch junge Frauenbewegung zuerst ihr Recht auf Bildung als Qualifikation um ins Berufsleben einzutreten. Es erscheint heute klar, dass sie nicht für ein Wahlrecht kämpfen konnten, wenn sie zu Recht als ungebildet galten. Das bestätigt ein Zitat von Oskar Poensgen der 1909 schrieb:

„Richtig ist aber, daß in den größeren Kulturnationen heute die Frauen durchschnittlich wohl zur Ausübung politischer Rechte nicht so wie der Mann befähigt sind. Zunächst hat bei uns in allen Ständen die Frau geringere Kenntnisse in Bezug auf politische und staatliche Angelegenheiten als die Männer derselben Stände. Bei den sogenannten gebildeten Klassen ist die Schulbildung der Frauen eine ganz andere, mehr auf die ästhetische Seite gerichtet, und auch in den arbeitenden Ständen pflegt sich die Frau meist nicht oder doch weniger als der Mann mit staatlichen und politischen Dingen zu beschäftigen.“[4]

Der Mangel an Bildung führte weiterhin dazu, dass die Frauen im Berufsleben keine große Rolle spielten. Für die Männerwelt, die die Verantwortung für den Fortschritt der Gesellschaft an sich gerissen hatte, wirkten ihre Frauen also als nicht wichtig genug, um politische Entscheidungen zu treffen. Der Anteil an arbeitenden Frauen war zu dieser Zeit zwar schon sehr groß, da durch die Industrialisierung so viele Arbeitsplätze entstanden, dass auch Frauen in den Betrieben arbeiten konnten und mussten. Doch die bürgerlichen Frauen wollten mehr Auswahl als nur den Beruf der Lehrerin, der ihnen damals zustand. Sie wollten die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen und nicht von einer Heirat abhängig zu sein. Aus diesem Zusammenhang wurde 1865 der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ gegründet. Mit diesem Ereignis beginnt die organisierte Frauenbewegung in Deutschland.[5]

[...]


[1] Nave-Herz R.: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Weener/Ems 1982. p.12.

[2] Heinz, M.: Politisches Bewusstsein der Frauen, Empirische Sekundäranalyse empirischer Materialien, München 1971. p.15.

[3] Zahn-Harnack, A.: Die Frauenbewegung, Geschichte, Probleme, Ziele, Berlin 1928, p.272.

[4] Poensgen, O: Das Wahlrecht, Leipzig 1909. p.29–31.

[5] Nave-Herz R.: Geschichte der Frauenbewegung. p.15.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Warum setzte sich die Frauenbewegung in Deutschland nicht stärker für ihr Wahlrecht ein?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
9
Katalognummer
V174001
ISBN (eBook)
9783640943418
ISBN (Buch)
9783640943173
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenwahllrecht, Gender, Emanzipation, Wahlrecht, 19. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Antonia Wilmes (Autor), 2011, Warum setzte sich die Frauenbewegung in Deutschland nicht stärker für ihr Wahlrecht ein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174001

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Warum setzte sich die Frauenbewegung in Deutschland nicht stärker für ihr Wahlrecht ein?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden