Gottfried Benn: Die Gedichte der "Morgue" und das dionysische Prinzip nach Friedrich Nietzsche


Seminararbeit, 1999

18 Seiten

Anja Meisner (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorverständigung

2. Das Dionysische

3. „Morgue“
3.1. „Kleine Aster“/ „Schöne Jugend“
3.2. „Kreislauf“
3.3. „Negerbraut“
3.4. „Requiem“

4. Schlußbemerkungen

5. Literatur

1. Vorverständigung

Gottfried Benn schreibt über Nietzsche: „Eigentlich hat alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinanderdachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen: breittrat - alles das hatte sich bereits bei Nietzsche ausgesprochen und erschöpft, definitive Formulierung gefunden, alles Weitere war Exegese.[ ] Er ist, wie sich immer deutlicher zeigt, der weitreichende Gigant der nachgoetheschen Epoche.[ ] Er als Mensch war arm, makellos, rein - ein großer Märtyrer und Mann. Ich könnte hinzufügen, für meine Generation war er das Erdbeben der Epoche und seit Luther das größte deutsche Sprachgenie.“1 Dieses Zitat verdeutlicht die Bewunderung Benns für Nietzsche, und deutet auf eine starke Identifikation mit seinen Gedanken hin, auch wenn sie als Identifikation „seiner“ Generation genannt ist. Dadurch erlangt das Zitat allerdings auch eine absolutere Bedeutung.

Auf diese Aussage gestützt, die Benn nicht nur in dem Aufsatz „Nietzsche - nach 50 Jahren“ trifft, und die Benn-Rezipienten immer wieder bestätigten2, Aschheim schreibt sogar, daß Nietzsche für Benn „..seit jeher eine Berufungsinstanz...“3 war und Nietzsche ihn während seiner ganzen Entwicklung begleitete, möchte ich den Gedichtszyklus „Morgue“ unter dem Aspekt eines dionysischen Lebensgefühls betrachten. Ich möchte versuchen, einen Schritt weiter in eine Interpretationsweise der Gedichte zu gehen, die nur selten bei „Morgue“ vollzogen wurde, wie auch Sahlberg4 beschreibt. In diesem Zyklus, der von der Kritik „...als Ausdruck des Ekels, des Hasses, des Zerstörungswillens...“5 verstanden wurde, findet sich „ eine Reihe von Bildern, die sich nicht unter diese Begriffe subsumieren lassen.“6 Auf diese Bilder, die man wertend positiv und schön nennen könnte, möchte ich eingehen und den Widerspruch untersuchen, den sie zu den Bildern darstellen, die man moralisch - oder überhaupt wertend - negativ oder häßlich benennen könnte. Dabei steht am Anfang erst einmal die Frage, ob diese beiden „Seiten“ oder die zwei Arten von Bildern überhaupt einen Widerspruch darstellen.

Methode der Untersuchung wird weder eine (reine) psychoanalytische, noch eine hermeneutische sein. Die Fülle an Analysemethoden und die eigene Sicht auf die Welt machen es schwer, sich eine Methode auszuwählen, und diese konsequent durchzuführen. Dennoch möchte ich die Gedichte hauptsächlich semantisch (aber auch strukturell) untersuchen. In diesem Fall scheint mir diese Methode eher angebracht, da psychoanalytische Untersuchungen, wie sie Sahlberg vollzogen hat, mir nicht vollständig logisch erscheinen und einen Aspekt vernachlässigen, den ich für sehr wichtig halte: ein Autor wird zwar wie jeder Mensch von seiner Kindheit und seinem bisherigen Leben stark beeinflußt, aber der „philosophische Aspekt“ wird dabei vernachlässigt. Damit meine ich, daß ein Mensch, der sich mit Philosophie beschäftigt genauso darüber in Gedichten oder Texten reflektieren kann, zwar auch unter Beeinflussung seiner eigenen Entwicklung und Geschichte steht, aber nicht nur. Ich unterscheide zwischen Philosophie und Poesie in der Hinsicht, als das sie sich auf unterschiedliche Art und Weise mit der Welt auseinandersetzen, mit unterschiedlicher Intention und Intensität. Zumindest erscheint mir in Hinblick auf die anzuwendende Methode bei der Analyse der Morgue diese Differenzierung sehr wichtig, da es ja hier auch eher um eine philosophische Auseinandersetzung gehen soll, und mit der Psychoanalyse dieses nicht möglich wäre. Andererseits beanspruche ich auch nicht, die eine und einzige Wahrheit zu erschließen oder verlange keinem Text dieses ab, weshalb die hermeneutische Analyse auch unangebracht wäre. Zuletzt möchte ich die Gedichte auch nicht nur als ein Zeugnis der Zeit, in denen sie entstanden, verstehen, also auch keine produktionsästhetische Analyse vollziehen. So, wie ich die Gedichte gelesen habe bzw. was ich aus ihnen las, verstehe ich nicht als eine „zeitabhängige Aussage“. Das was, in ihnen besprochen und auseinander gedacht wird, ist eine allgemeine, immer bestehende Frage und Auseinandersetzung nach/mit dem Leben und den Menschen.

2. Das Dionysische

Die Frage nach dem Dionysischen in den Gedichten Gottfried Benns wird nicht nur wegen seiner Begeisterung für den Philosophen den Blick auf Nietzsche nach sich ziehen, sondern auch, weil wie Ruth Ewertowski schreibt, das „...Phänomen des Dionysischen mit Nietzsches Name enger verbunden ist als mit anderen...“7. Das deutet daraufhin, daß schon vor ihm eine Auseinandersetzung mit diesem Thema stattfand. Nietzsche selber behauptete, daß er der erste war, der dieses Phänomen ernst nahm8. Um die Bedeutung dieses Prinzips für den Philosophen zu beschreiben, lassen sich am besten Ewertowskis Worte wiederholen, die das Dionysische als das beschrieb, worin alles Denken Nietzsches mündete9.

Ursprünglich stammt der Begriff Dionysos aus der griechischen Mythologie10, und bezeichnet Zeus’ Sohn mit Semele. Im Wahnsinn zieht er über das Land und verleitet die Menschen zu Exzessen und dazu, an seine Göttlichkeit zu glauben und ihm zu huldigen. Rhea, Erdgöttin und seine Großmutter, reinigt ihn von seinen Mordtaten, die er im Wahnsinn zahlreich beging und weiht ihn in ihre Mysterien ein. Ihm wurde die Entdeckung des Weins zugeschrieben, weshalb wahrscheinlich die neuen Riten, die die alten, unzivilisierteren, religiösen Riten ersetzten, ihm geweiht wurden. In unserem heutigen Verständnis waren die dionysischen Feste, deren Name auch für Ausschweifung steht, moralisch verwerflich, obwohl sie dies wohl weit weniger waren, als die Feste und Riten die vorher stattfanden und bei denen Knabenopfer gebracht worden sein sollen, die man nach ihrer Tötung roh verschlang.

Mit seinem Namen wird auch ein Vorfall verbunden, der sich ereignet haben soll, als auf Heras Befehl Dionysos von den Titanen zerrissen wurde: an der Stelle, wo sein Blut hingetropft war, wuchs der Sage nach ein Granatapfelbaum11. Neben diesem Symbol wäre die metaphorische Bedeutung des fünfgliedrigen Blattes von Wein (wieder ein Hinweis auf Dionysos) und Efeu zu nennen, die die schöpferische Hand der Erdgöttin Rhea (Großmutter des Dionysos) darstellen. Diese Bilder deuten auf das Wesen der Figur „Dionysos“ und die Verwendung dieses Namens. Nietzsche versteht das Dionysische als etwas Außermoralisches, in dem alle Widersprüche vereinigt sind und wo sich die Gegensätze treffen. Das meint nach Ewertowski etwas, das außerhalb der moralischen Wertung liegt. Die menschliche Wertung von Dingen kann hier nicht greifen, daß Geschehen oder eine Sache können weder als positiv noch als negativ, weder moralisch gut noch als moralisch schlecht oder unmoralisch bezeichnet werden. Für Nietzsche, der den Nihilismus und den „Hinfall der kosmologischen Werte“ heraufbeschwor und dem Leben jeglichen Sinn absprach12 außer das Leben selbst, ist das Dionysische die einzige Konsequenz. Leben und Welt als feste Größe, die weder Anfang noch Ende kennt und ewige Wiederkunft ist, bedeutet auch Schmerz und „.. alles Werden und Wachsen, alles Zukunfts-Verbürgende bedingt den Schmerz... Damit es die ewige Lust des Schaffens gibt, damit der Wille zum Leben sich ewig selbst bejaht, muß es auch ewig die ªQual der Gebärin« geben...“13 Und hier ist wieder der Punkt, wo sich die Gegensätze treffen - Schmerz und Lebenswille, Qual und Genuß fallen zusammen - im dionysischen Prinzip. „Dionysos ist die Heiligkeit des Seins selbst.“14

3. „Morgue“

„Als ich die ,Morgue’ schrieb, mit der ich begann und die später in so viele Sprachen übersetzt wurde, war es abends, ich wohnte im Nordwesten von Berlin und hatte im Moabiter Krankenhaus einen Sektionskurs gehabt. Es war ein Zyklus von 615 Gedichten, die alle in der gleichen Stunde aufstiegen, sich herauswarfen, da waren, vorher nichts von ihnen da; als der Dämmerzustand endete, war ich leer, hungernd, taumelnd und stieg schwierig hervor aus dem großen Verfall.“16

Der Titel des 1912 erschienenen Gedichtzykluses erinnert an die berühmte Pariser Leichenhalle, während der Inhalt sich nicht auf diese eine besondere festlegt und die Autopsien auch in einer anderen Leichenhalle stattfinden könnten. Der Ort der etwas ungewöhnlichen „In-Augenschein-Nahme“ der vorgeführten Menschen und die dabei gemachten Beobachtungen, sowie überhaupt die Art und Weise, wie uns die gestorbenen Personen vorgestellt werden - mit einer (später noch zu zeigenden) Teilnahmslosigkeit dem Menschen gegenüber - haben etwas gemeinsam: eine Geschichte und eine Beobachtung wird erzählt, die nicht einer gewissen Tragik entbehrt - am offensichtlichsten erscheint dies, bei der Negerbraut („am Saume ihres Glücks“ verstorben) und des Mädchens, das jung gestorben lange im Schilf lag - aber die Erzählweise ist wenig emotional dem Tragischen gegenüber. Wir werden auf eine Art und Weise mit den Beobachtungen konfrontiert, die uns zu „Voyeuren“ macht und die Leichen zu einem „unfreiwilligen Exhibitionismus“ zwingt. Genau dieses passierte auch Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, als zur Identifikation unbekannter Toter diese in Leichenhallen „zur Schau“ gestellt wurden. Jeder hatte täglich die Möglichkeit, durch die Schauhallen zu gehen, und Vermißte zu suchen. Aber nicht nur zu diesem Zweck kamen die Besucher. So soll es in Berlin, wo zwischen 1884 und 1886 eine Leichenhalle nach dem Vorbild der Pariser Morgue gebaut wurde, sogar zu so turbulenten Szenen der meist neugierigen und sensationslustigen Gäste gekommen sein, daß die Schauhalle mit Gewalt geräumt werden mußte.17 Benn, Berliner und Arzt („Der das geschrieben hatte, kam nicht von der Theorie, sondern aus den Erlebnissen des ärztlichen Berufs.“18 )

[...]


1 Zitiert aus: Benn (1986): 198/199.

2 Willems beschreibt Nietzsche als „ den großen Anreger der Generation Benns “ und bezeichnet ihn als denjenigen, der immer wieder der Schlüssel zu Benn war (Willems (1981): 6f.).

3 Zitiert aus: Aschheim (1996): 267.

4 Sahlberg (1977): 27.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Zitiert aus: Ewertowski (1994): 193.

8 Ebd.

9 Ebd.: 17.

10 Bis auf weitere Angaben stammen folgende Aussagen aus: Ranke-Graves (1984).

11 Man vermutet heute, daß der Apfel, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte, ein Granatapfel war. Er dient aber auch als Symbol für Weisheit, ewiges Leben und Ranke-Graves beschreibt: die „...reife Frucht springt wie eine Wunde auf und zeigt im Innern rote Kerne.“(Ranke-Graves (1984): 97)

12 Vietta (1997): 136.

13 Zitiert aus: Nietzsche (1994), Bd. 3: 382.

14 Zitiert aus: Fink (1992): 176.

15 Anm. d. Verf.: soweit mir bekannt, umfaßt der Zyklus 5 Gedichte, so wurde Benn aber zitiert.

16 Benn, zitiert in: Liewerscheidt (1980): 18.

17 Wirth (1988): 191ff.

18 Meyer zitiert in: Raabe (1965): 57.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gottfried Benn: Die Gedichte der "Morgue" und das dionysische Prinzip nach Friedrich Nietzsche
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Leben im Kristall - Gehirne, Gottfried Benn
Autor
Jahr
1999
Seiten
18
Katalognummer
V174026
ISBN (eBook)
9783640943890
ISBN (Buch)
9783640943913
Dateigröße
913 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried Benn, Lyrik, Gedichte, Morgue, Leichenschauhaus, Nietzsche, dionysisches Prinzip, Analyse
Arbeit zitieren
Anja Meisner (Autor), 1999, Gottfried Benn: Die Gedichte der "Morgue" und das dionysische Prinzip nach Friedrich Nietzsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174026

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