Gottfried Benn schreibt über Nietzsche: „Eigentlich hat alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinanderdachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen: breittrat - alles das hatte sich bereits bei Nietzsche ausgesprochen und erschöpft, definitive Formulierung gefunden, alles Weitere war Exegese.[...] Er ist, wie sich immer deutlicher zeigt, der weitreichende Gigant der nachgoetheschen Epoche.[...] Er als Mensch war arm, makellos, rein - ein großer Märtyrer und Mann. Ich könnte hinzufügen, für meine Generation war er das Erdbeben der Epoche und seit Luther das größte deutsche Sprachgenie.“ Dieses Zitat verdeutlicht die Bewunderung Benns für Nietzsche, und deutet auf eine starke Identifikation mit seinen Gedanken hin, auch wenn sie als Identifikation „seiner“ Generation genannt ist. Auf diese Aussage gestützt, wird der Gedichtszyklus „Morgue“ unter dem Aspekt eines dionysischen Lebensgefühls betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorverständigung
2. Das Dionysische
3. „Morgue“
3.1. „Kleine Aster“/ „Schöne Jugend“
3.2. „Kreislauf“
3.3. „Negerbraut“
3.4. „Requiem“
4. Schlußbemerkungen
5. Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Gedichtzyklus „Morgue“ von Gottfried Benn unter dem spezifischen Aspekt eines dionysischen Lebensgefühls in Anlehnung an die Philosophie von Friedrich Nietzsche, um dabei über rein ekelerregende Interpretationen hinauszugehen und die zugrunde liegende philosophische Reflexion freizulegen.
- Analyse des Einflusses von Friedrich Nietzsches Philosophie auf Gottfried Benn
- Untersuchung der dionysischen Elemente in ausgewählten Gedichten des Zyklus „Morgue“
- Semantische und strukturelle Interpretation der Gedichte unter dem Aspekt der „ewigen Wiederkunft“
- Herausarbeitung der Paradoxie von Ekel und Ästhetik in Benns Darstellung
- Differenzierung zwischen einer rein psychoanalytischen Betrachtungsweise und einer philosophischen Lesart
Auszug aus dem Buch
3.2. „Kreislauf“
Der Titel deutet schon an, daß wir auch hier das Motiv der ewigen Wiederkunft finden. Der grauenvolle Sachverhalt ist hier die Leichenschändung, die betrieben wird, als der Leichendiener den letzten Zahn ausschlägt. Hier wird er in den Hintergrund gedrängt, indem Verwirrung gestiftet wird und von dem Sachverhalt abgelenkt wird: erst wird der letzte Zahn mit der Goldplombe beschrieben, dann wird plötzlich von den anderen gesprochen - die nicht mehr da sind, und in der sechsten Zeile taucht der letzte Zahn wieder auf, den man in diesem Moment nicht „erwartet“ hätte.
Auch hier findet man wieder sprachliche Auffälligkeiten, die aber weniger offensichtlich sind. Dazu sei zum Beispiel die fünfte Zeile zu nennen. Dieses einzelne Wort, daß verschiedene Bedeutungen haben kann (hier würde man im Normalfall von ausgehen im Sinne von ausfallen der Zähne sprechen). Durch die Trennung des Wortes von der vorherigen Zeile, zu der es gehört, wird das Wort für den Leser auffälliger und wenn es so alleine da steht (in dieser Zeile) - ergibt sich im Zusammenhang mit dem Ausgehen des Leichendieners: die Zähne sind ausgegangen, im Sinne von weg gehen, leben. Die übrigen Zähne sind also nicht einfach „gestorben“, sondern auch sie gehen einen Weg weiter. Dabei ist egal welcher dieser Weg ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorverständigung: Dieses Kapitel beleuchtet Benns Bewunderung für Nietzsche und legt die methodische Grundlage für die Analyse der „Morgue“-Gedichte unter einem dionysischen Blickwinkel.
2. Das Dionysische: Es wird die philosophische Herkunft des Begriffs Dionysos bei Nietzsche dargelegt, insbesondere in Bezug auf die Vereinigung von Gegensätzen und die Bejahung des Lebens trotz Schmerz.
3. „Morgue“: Das Kapitel bietet eine Einführung in den Zyklus und dessen Entstehungsgeschichte sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Rezeption und dem biographischen Kontext.
3.1. „Kleine Aster“/ „Schöne Jugend“: Diese Analyse arbeitet heraus, wie Benn den Tod als Ausgangspunkt für neues Leben inszeniert und dabei eine melancholisch-ästhetische Stimmung erzeugt.
3.2. „Kreislauf“: Hier wird das Motiv der ewigen Wiederkunft durch die Analyse von Leichenschändung und sprachlicher Mehrdeutigkeit im Gedicht verdeutlicht.
3.3. „Negerbraut“: Das Kapitel untersucht, wie der Tod als Initiation für einen im Leben nicht vollzogenen Akt verstanden wird und wie dies den dionysischen Kreislauf schließt.
3.4. „Requiem“: Abschließend wird das Gedicht als „Totenmesse“ gedeutet, die die Bedeutungslosigkeit individueller Schicksale in der Rückkehr zur Natur auflöst.
4. Schlußbemerkungen: Die Autorin reflektiert den Schwierigkeitsgrad der Interpretation und betont das noch ungenutzte Potential einer weitergehenden Beschäftigung mit Benn.
5. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Gottfried Benn, Morgue, Friedrich Nietzsche, Dionysisches Prinzip, Lyrik, Interpretation, Ewige Wiederkunft, Nihilismus, Lebensbejahung, Tod, Natur, Expressionismus, Semantik, Philosophie, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Gedichtzyklus „Morgue“ von Gottfried Benn durch eine philosophische Brille, wobei der Fokus auf dem dionysischen Prinzip nach Friedrich Nietzsche liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Tod und Leben, die Natur als gewaltige Kraft, das Motiv der ewigen Wiederkunft und die philosophische Ambivalenz zwischen Ekel und Schönheit in der Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Benns „Morgue“-Gedichte nicht bloß als Ausdruck von Ekel oder Zerstörungswillen zu begreifen, sondern die tiefere, philosophisch begründete Lebensbejahung innerhalb des Zyklus aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin wählt eine semantische und strukturelle Analysemethode, wobei sie explizit eine rein psychoanalytische oder rein hermeneutische Betrachtungsweise ablehnt, um den philosophischen Aspekt nicht zu vernachlässigen.
Was wird im Hauptteil des Buches behandelt?
Im Hauptteil werden die einzelnen Gedichte des Zyklus („Kleine Aster“, „Schöne Jugend“, „Kreislauf“, „Negerbraut“ und „Requiem“) detailliert auf ihre sprachliche Gestaltung und ihre philosophischen Implikationen hin untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist charakterisiert durch Begriffe wie Gottfried Benn, Dionysisches Prinzip, Ewige Wiederkunft, Nihilismus, Expressionismus und Literaturinterpretation.
Wie deutet die Autorin den „Kreislauf“ in den Gedichten?
Sie interpretiert den Kreislauf als ein metaphysisches Prinzip, bei dem der Tod kein endgültiges Ende darstellt, sondern als notwendiger Bestandteil des Lebensprozesses und der ständigen Erneuerung fungiert.
Warum spielt das „Dionysische“ eine so wichtige Rolle für das Verständnis von „Morgue“?
Das dionysische Prinzip dient als Schlüssel, um die in den Gedichten enthaltenen Widersprüche – wie etwa Schmerz und Lust oder Hässlichkeit und Schönheit – als eine Einheit zu begreifen, die das Sein an sich bejaht.
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- Anja Meisner (Author), 1999, Gottfried Benn: Die Gedichte der "Morgue" und das dionysische Prinzip nach Friedrich Nietzsche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174026