Offene Fragen und Kritik an Louis Althusser, Ideologie und Ideologische Staatsapparate


Seminararbeit, 2010
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ideologie und ideologische Staatsapparate

2. Offene Fragen und Kritik
2.1 Ideologische Subjekt-Determinierung vs. Autonomes Handeln
2.2 Das Gewissen als Bedingung der Interpellation
2.3 Epistemologische Probleme beim Nachweis ideologischer Staatsapparate

3. Fazit

4. Verwendete Literatur

Offene Fragen und Kritik an Ideologie und ideologische Staatsapparate

In seinem erstmals 1969 erschienen Text Ideologie und ideologische Staatsapparate, versucht der franzosische Philosoph Louis Althusser, die Stabilitat der marktwirtschaftlich- kapitalistischen Produktionsweise uber Generation von Kapitalisten und Arbeitern, von nach marxistischem Verstandnis Ausbeutern und Ausgebeuteten, hinweg zu ergrunden.

Dabei orientiert er sich am Begriff der Ideologie, der bereits von Karl Marx behandelt und als wichtige Kategorie in den Gesellschaftswissenschaften sowie der Okonomie erkannt worden war, und untemimmt den Versuch einer allgemeinen Theorie der Ideologie.

Ideologie wird als eine grundlegende Kategorie zum Verstandnis dessen, was die marxistisch gepragte politische Okonomie unter dem Begriff der Reproduktion zusammenfasst, aufgefasst. Es soil im Folgenden ein Uberblick gegeben werden, uber die zentralen Aussagen des Textes. Der Fokus soil insbesondere auf dem in diesem Text entwickelten Ideologiebegriffliegen, der anschlieBend kritisch hinterfragt und anhand einer Auswahl bestimmter offener Fragen und Kritikpunkte diskutiert werden soil. Es soil dabei der losen Fragestellung gefolgt werden, inwieweit der von Althusser vorgelegte Entwurf einer allgemeinen Theorie der Ideologic hilfreich und im Rahmen von empirischer Forschung anwendbar ist. Dabei wird auch die Kritik anderer Autoren an Althussers Folgerungen und Thesen aufgegriffen.

1. Ideologie und ideologische Staatsapparate

(Die Struktur des Textes von Althusser soil hier der Ubersicht halber beibehalten werden. Die im Text enthaltenen Uberschriften entsprechen also denen des Originaltextes.)

Zur Reproduktion im Allgemeinen und zur Wirkung der Ideologie

Jede Gesellschaftsformation beruht auf einer dominierenden Produktionsweise. Um diese kontinuierlich fortzusetzen und dauerhaft aufrechtzuerhalten, bedarf es der Reproduktion.

Der Reproduktionsprozess bezeichnet die Reproduktion der Produktivkrafte (1) zum einen, und der existierenden Produktionsverhaltnisse (2) zum anderen. (S.109)

Zum allgemeinen Verstandnis soil zunachst auf die Schwierigkeit, die Althusser bei der Analyse der Reproduktion sieht, hingewiesen werden.

„Ideologische Evidenzen empirischen Typs vom Standpunkt der Produktion vereinen sich so sehr mit unserem Bewusstsein, dass es aufierst schwierig ist,fast unmoglich, zum Standpunkt derReproduktion aufzusteigen.“ (S.108)

Die Schwierigkeit, die Reproduktion zu denken, liegt also in der Ideologie begrundet. Sie erschwert den Blick auf die Reproduktion, bzw. wie Althusser es nennt, von ihrem Standpunkt aus zu denken.

Die zur Reproduktion der Arbeitskraft (1) notwendige Wertmenge ist ein Ergebnis des Klassenkampfes. (S.lll) Die Arbeitskraft muss in physischem Sinne ausreichend vorhanden sein, und sie muss qualifiziert sein. Diese Qualifikation erfolgt uberwiegend „durch das kapitalistische Schulsystem unddurch andere Instanzen undInstitutionen.“ (S.lll)

In der Schule erlernt man neben Fahigkeiten, die unmittelbar im Produktionsprozess notwendig sind und zum Einsatz kommen sollen auch „Regeln dergesellschaftlich- technischen Arbeitsteilung und letztlich Regeln der durch die Klassenherrschaft etablierten Ordnung.“ (S.112)

Zusammenfassend: Die Reproduktion der Qualifikation der Arbeitskraft erfordet „eine Reproduktion ihrer Unterwerfung unter die herrschende Ideologic undfur die Trager der Ausbeutung und Unterdruckung eine Reproduktion der Fahigkeit, gut mit der herrschenden Ideologic umzugehen, um auch durch das Wort die Herrschaft der herrschenden Klasse zu sichern.“ (S.112)

Schulen lehren „Unterwerfungunter die herrschende Ideologie.“ (S.112) denn „alle Trager der Produktion, der Ausbeutung und der Unterdruckung [..] mussen auf die eine oder andere Weise von dieser Ideologic durchdrungen sein, um bewusst ihre Aufgabe wahrzunehmen - entweder als Ausgebeutete oder als Ausbeuter, als Gehilfen der Ausbeutung, als hohe Priester der herrschenden Ideologic usw. “ (S.112)

Die Reproduktion der Unterwerfung unter die Ideologie ist Bedingung der Reproduktion der Produktionsverhaltnisse.

Wie schon gesehen, gibt es fur Althusser zwei unterschiedliche Standpunkte im Prozess von Produktion und Reproduktion. Er betrachtet vom Standpunkt der Reproduktion aus den Staat sowie die Ideologie. (S.115) Seine Folgerungen sollen im Folgenden kurz wiedergegeben werden. Der Ubersicht halber, werden die von Althusser selbst verwendeten Sub- Uberschriften aus Ideologie und ideologische Staatsapparate beibehalten.

Der Staat

Marxistischer Tradition folgend, wird der Staat begriffen als der repressive Apparat. (S.115) Er dient der herrschenden Klasse zur Sicherung der Mehrwertabpressung im Produktionsprozess.

Die rein beschreibende, deskriptive Staatstheorie Marx' mochte Louis Althusser erweitern, sie „zu einer Theorie im eigentlichen Sinne entwickeln [..] um tiefgreifender dieMechanismen des Staates in ihrer Funktionsweise zu verstehen.“ (S.117)

Es kann unterschieden werden zwischen Staatsapparat und Staatsmacht. Der Staatsapparat kann intakt bleiben, auch wenn der Besitzer der Staatsmacht wechselt. Der gesamte Klassenkampf dreht sich um die Staatsmacht. (S.118) Diese Unterscheidung zwischen Staatsapparat und Staatsmacht ist Teil der gesamten marxistischen Staatstheorie. Was Althusser der marxistischen Staatstheorie hinzufugt, sind die ideologischen Staatsapparate.

Die Ideologischen Staatsapparate

Diese sind nicht identisch mit dem (repressiven) Staatsapparat. Die Institutionen, die in der marxistischen Staatstheorie den Staatsapparat bilden, sind die repressiven Staatsapparate, bzw. in ihrer Gesamtheit der repressive Staatsapparat.

Zu den Institutionen, die ideologische Staatsapparate darstellen, zahlt Althusser den religiosen ideologischen Staatsapparat, den schulischen, den familiaren, denjuristischen, den politischen , den gewerkschaftlichen, den kulturellen, den medialen und andere ideologische Staatsapparate.

Es gibt einen repressiven Staatsapparat und eine Vielzahl von ideologischen, wobei der repressive offentlich und die ideologischen zum GroBteil privat sind. (S.120)

Der repressive Staatsapparat funktioniert auf Grundlage der Gewalt, eben der Repression, wahrend die ideologischen Staatsapparate auf der Grundlage der Ideologic ihre Wirkung entfalten.

Weder gibt esjedoch rein repressive, noch gibt es rein ideologische Staatsapparate. (S.121) Um dauerhaft Staatsmacht zu besitzen, alsojene Macht, um die sich der gesamte Klassenkampf dreht, ist es sowohl notig, den repressiven Staatsapparat zu kontrollieren, als auch gleichzeitig uber Hegemonie in den ideologischen Staatsapparaten zu verfugen.

„Unseres Wissens kann keine herrschende Klasse dauerhaft die Staatsmacht innehaben, ohne gleichzeitig ihre Hegemonie uber und in den Ideologischen Staatsapparaten auszuuben.“ (S.122)

Die ideologischen Staatsapparate sind der Austragungsort des Klassenkampfes. (S.122)

Dabei ist Herrschaft im repressiven Staatsapparat einfacher zu realisieren, als die Herrschaft uberverschiedene, inhaltlich unterschiedlich gepragte ideologische Staatsapparate. (S.122)

Althusser hat nun die (marxistische) Trennung zwischen Staatsapparat und Staastmacht erleutert, sowie den Staatsapparat aufgeteilt in repressive und ideologische Staatsapparate. Daraus entwickelt er seine Fragestellung, die sich auf den Kontext der Reproduktion der Produktionsverhaltnisse bezieht:

„Worin besteht die Funktion dieser Ideologischen Staatsapparate, die nicht auf der Grundlage der Repressionfunktionieren, sondern der Ideologie?“ (S.123)

Uber die Reproduktion der Produktionsverhaltnisse An dieser Stelle greift Althusser zuruck auf die marxistische Metapher, die die Funktionsweise einer Gesellschaftsformation anhand von Basis und Uberbau beschreibt. Die Reproduktion der Produktionsverhaltnisse erfolgt demnach in ersterLinie imjuristisch-politischen, sowie im ideologischen Uberbau. (S.123) Explizit: Die Reproduktion erfolgt „durch die Ausubungder Staatsmacht in den Staatsapparaten, dem repressiven Staatsapparat einerseits, und den ideologischen Staatsapparaten andererseits.“ (S.123)

Die Reproduktion der Produktionsverhaltnisse geschieht in Form einer Arbeitsteilung: Der repressive Staatsapparat stellt die politischen Bedingungen der Reproduktion sicher, namlich die Funktionalitat der ideologischen Staatsapparate. Innnerhalb der und durch die ideologischen Staatsapparte erfolgt schlieBlich die Reproduktion. (S.124)

Fur den in kapitalistischen Gesellschaften dominierenden und entscheidenden ideologischen Staatsapparat halt Althusser den schulischen. (S.126) Die Bourgeoisie hat sich ihm nach den schulischen ideologischen Staatsapparat aufgebaut, um den kirchlichen zu ersetzen. (S.127) „Kein ideologischer Staatsapparat verfugt soviele Jahre uber die obligatorische Zuhorerschaft der Gesamtheit der Kinder der kapitalistischen Gesellschaftsformation - 5 bis 6 Tage die Woche und 8 Stunden am Tag.“ (S.129)

Dabei sieht er die Schule falschlich dargestellt als ein neutrales Milieu, das besonders weltlich sei, und das zur Freiheit der Kinder beitrage.

„Faktisch ist die Kirche heute in ihrer Funktion als dominierender ideologischer Staastapparat durch die Schule ersetzt worden. Diese ist gekoppelt mit der Familie, ebenso wie einst die Kirche mit der Familie gekoppelt 'war. “ (S.130)

Uber die Ideologie

Aufihrer Grundlage erst funktionieren die ideologischen Staatsapparate. Ohne Ideologie- Begriff ist daher der gesamte Mechanismus der Reproduktion der Produktionsverhaltnisse nicht zu verstehen.

Fur Marx ist Ideologie „das System von Ideen und Vorstellungen, das das Bewusstsein eines Menschen oder einergesellschaftlichen Gruppe beherrscht.“ (S.130)

Ausgehend von Hinweisen auf eine Ideologietheorie Marx' fertigt Althusser eine nach eigenem Bekunden „sehr schematische Skizze“ einer marxistischen Ideologietheorie an. (S.131)

Althussers Skizze einer Theorie von der Ideologie ist gegliedert in mehrere kurz gehaltene inhaltliche Abschnitte und Thesen, sowie deren Erlauterungen. Die Gliederung Althussers soil der Ubersicht halber hier weiterhin beibehalten werden.

Die Ideologie hat keine Geschichte

Althussers Versuch einer Ideologietheorie soil keine Theorie besonderer oder bestimmter einzelner Ideologien sein. Einzelne Ideologien wurden ihm nach „immer Klassenpositionen zum Ausdruck bringen.“ (S.131), was er bewusst vermeiden will. Es handelt sich bei seiner Theorie-Skizze um den Versuch einer allgemeinen Theorie der Ideologie, und nicht um eine allgemeine Theorie der Ideologien.

Einzelne Ideologien habenjeweils eine Geschichte, eine regional- u. klassenspezifische Geschichte, wahrend Ideologie im allgemeinen Sinne, verwendet also als Begriff fur eine bestimmte, noch zu erleuternde Kategorie, keine Geschichte hat.

Fur Marx lag die Geschichte der Ideologie auBerhalb derer selbst, da Ideologie fur ihn illusorisch war, lediglich eine Reflexion der konkreten, materiellen Wirklichkeit und Geschichte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Offene Fragen und Kritik an Louis Althusser, Ideologie und Ideologische Staatsapparate
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
SE Diskurs, Ideologie und Politik
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V174067
ISBN (eBook)
9783668175921
ISBN (Buch)
9783668175938
Dateigröße
1034 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Althusser, Ideologie, Ökonomie, Reproduktion
Arbeit zitieren
Thomas Stollenwerk (Autor), 2010, Offene Fragen und Kritik an Louis Althusser, Ideologie und Ideologische Staatsapparate, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174067

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