Ein psychologischer Thriller über Manipulation, verdrängte Erinnerungen und die Frage, wem wir wirklich vertrauen können.
Laura Fink ist überzeugt, verfolgt zu werden. Nachrichten verschwinden spurlos, fremde Blicke begleiten sie durch den Alltag, und immer wieder taucht ein Mann auf, der sich Ben nennt. Verzweifelt sucht sie Hilfe bei der Amsterdamer Psychotherapeutin Katharina van der Valk.
Zunächst scheint Laura eine Patientin wie viele andere zu sein. Doch je tiefer Katharina in ihre Geschichte eintaucht, desto mehr Widersprüche treten zutage. Schon bald führen die Spuren weit über die Grenzen ihrer Praxis hinaus – zurück nach Aachen, zu alten Klinikakten, einem geheim gehaltenen Forschungsprojekt und dunklen Geheimnissen, die nie ans Licht kommen sollten.
Was als therapeutisches Gespräch beginnt, entwickelt sich zu einer erschütternden Suche nach der Wahrheit. Denn was geschieht, wenn Menschen im Namen der Wissenschaft beobachtet, bewertet und manipuliert werden? Und was bleibt von einem Menschen übrig, wenn Erinnerungen, Wahrnehmungen und Gewissheiten plötzlich nicht mehr verlässlich sind?
„Die Psychotherapeutin, Band 1: Ben“ ist ein atmosphärischer Psychothriller voller psychologischer Spannung, subtiler Bedrohung und beklemmender Fragen über Identität, Kontrolle und Macht.
Der fesselnde Auftakt der Katharina-van-der-Valk-Reihe. Für Leserinnen und Leser von intelligenten Thrillern, die den wahren Abgrund nicht im Blutvergießen suchen, sondern im Zerbrechen der menschlichen Psyche.
Auszüge aus dem Buch
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Prolog
Aachen, November 2019
Das Licht flackerte nur ein einziges Mal, ein kurzes, fast zögerliches Zittern, als müsse selbst die Elektrizität einen Moment innehalten, bevor sie diesen Raum dem grellen Weiß preisgab, und dann kehrte es zurück, unerbittlich, scharf, ein Licht, das keine Schatten duldete und doch jede Unebenheit sichtbar machte, jede Naht der Metallliege, jede Fuge zwischen den Fliesen, jede Pore menschlicher Haut.
In der Mitte dieses sterilen Scheins saß ein Mädchen, kaum älter als zehn Jahre, schmal, beinahe verloren auf der harten Untersuchungsliege, mit eingefallenen Schultern und Füßen, die kraftlos über den Rand baumelten.
Ihre Hände lagen ineinander verschränkt, wie ein instinktiver Versuch, sich selbst festzuhalten, als könne sie verhindern, dass noch mehr von ihr verloren ging.
Ihr Gesicht war blass, von jener durchscheinenden Blässe, die nicht nur Müdigkeit verrät, sondern Erschöpfung auf tiefster Ebene, und ihre Augen waren weit geöffnet, ohne zu blinzeln, ohne zu suchen, ohne irgendwo Halt zu finden.
Auf dem Tisch neben der Liege lag eine beige Akte, prall gefüllt mit Formularen, Beobachtungsprotokollen, Einverständniserklärungen und Genehmigungsvermerken, deren Stempel und Unterschriften in nüchternen Linien bezeugten, dass alles seine Ordnung hatte.
Zwischen den Seiten stand sachlich vermerkt: „Probandin 17-A, weiblich, geboren in Kleve, zehn Jahre.“
Kein Hinweis auf Lieblingsfarben, auf Angst vor der Dunkelheit oder auf das Geräusch, das sie früher zum Lachen brachte. Nur Daten, reduziert auf das, was für das hier relevant war.
Man hatte sie in der Wohnung gefunden, nachdem Jugendamt und Polizei die Tür geöffnet hatten, eine Intervention, die in den Protokollen als koordiniert und notwendig beschrieben wurde.
Die Mutter lag im Schlafzimmer, seit Tagen kaum ansprechbar, in einem Zustand langanhaltender depressiver Erstarrung mit katatonen Zügen, unfähig aufzustehen oder Blickkontakt herzustellen.
Der Vater war im Wohnzimmer aufgefunden worden, tot, der Geruch von Alkohol lag schwer im Raum. Sein Körper verblieb regungslos in einer Haltung, die mehr über die letzten Jahre erzählte als jede Aussage.
Im Nebenzimmer hatte das Kind gesessen, zusammengesunken auf dem Boden, ohne sichtbare Verletzung, ohne Weinen, ohne einen Laut, als sei ein Teil von ihr bereits weitergegangen, dorthin, wo sie das aktuelle Geschehen nicht mehr erreichen konnte.
Nun saß sie hier, im Licht der Neonröhren, und reagierte nicht.
Keine Spontansprache, kein Zusammenzucken bei Berührung, keine Abwehrbewegung, nicht einmal ein flüchtiger Blick zur Tür.
Sie fixierte einen Punkt in der Luft mit einer Hartnäckigkeit, die die Beobachter unruhig machte, weil sie nicht wirkte wie Ablenkung, sondern wie ein Verschließen von innen, ein Rückzug in einen Raum, der keinem Zugang mehr offenstand.
„Probandin 17-A“, sagte der leitende Arzt mit ruhiger, sachlicher Stimme, als benenne er eine Versuchsreihe, und blätterte durch die Unterlagen, während das Klemmbrett unter seinem Arm leise gegen den Tischrand stieß.
Er trug Schutzkleidung, Handschuhe, sein Gesicht war halb hinter einer Maske verborgen, und doch wirkte sein Blick frei von jeder erkennbaren Regung.
Ein jüngerer Kollege stellte eine Kunststoffkiste auf dem Tisch ab und öffnete sie mit routinierter Bewegung.
Darin lagen sterile Einmalspritzen, eine klare Ampulle, EEG-Kabel und ein vorbereiteter Infusionsschlauch, alles in sorgfältiger Ordnung.
Seine Finger glitten über die Seiten der Akte, kontrollierten Namen, Zeiten, gerichtliche Bestätigungen, und verweilten einen Augenblick auf dem geprägten Siegel der internen Forschungseinheit, als müsse er sich vergewissern, dass das Zahnradsystem, in dem sie arbeiteten, vollständig ineinandergreife.
„Die Einwilligung liegt vor“, stellte er fest, ohne dass jemand aufblickte.
„Die Amtsvormundschaft des Jugendamtes ist gerichtlich bestätigt. Keine handlungsfähigen Sorgeberechtigten, keine Sperrvermerke.“
Die Frau in blauer Schutzkleidung neben der Liege öffnete eine kleine Metallkassette und entnahm eine Ampulle, klar wie Wasser, auf deren Etikett handschriftlich „N-4 B/47“ vermerkt war.
Sie hielt sie kurz gegen das Licht, prüfte die Transparenz der Flüssigkeit, während der jüngere Kollege leise ergänzte, fast wie eine Randnotiz: „Modifizierte GABA-Struktur, neue Rezeptorkombination, bislang keine dokumentierten Nebenwirkungen.“
Es wurde notiert, nicht diskutiert, als handle es sich um eine technische Feinjustierung, nicht um einen Eingriff in ein kindliches Nervensystem.
Die Spritze wurde vorbereitet, die Luft sorgfältig herausgedrückt, die Nadel aufgesetzt, und als sie die Haut des Mädchens durchdrang, blieb ihr Körper unbewegt. Kein Zucken, kein Zusammenziehen der Finger, nicht einmal ein veränderter Atemrhythmus; nur ein winziger, fast unsichtbarer Einstich, während die klare Flüssigkeit langsam in ihre Vene floss.
Auf dem Monitor flimmerte eine gleichmäßige Herzfrequenz, ruhig, stabil, ein Takt, der äußerlich Sicherheit signalisierte, während im Inneren etwas begann, das sich keiner unmittelbaren Messung entzog.
„Phase eins beginnt jetzt“, sagte der leitende Arzt und notierte die Uhrzeit mit gleichmäßiger Handschrift, bevor er einen Schritt zurücktrat und das Licht dimmen ließ.
Einer nach dem anderen verließen die drei Fachpersonen den Raum, ihre Schritte gedämpft, ihre Stimmen verstummt, bis die Tür sich leise schloss und nur noch das Summen der Geräte blieb.
Das Mädchen lag nun allein im flachen Restlicht, reglos, mit jenem starren Blick, der nichts preisgab, und doch schien unter dieser unbewegten Oberfläche etwas in Bewegung zu geraten, eine kaum wahrnehmbare innere Reaktion, ein Aufwallen, das niemand in diesem Moment hätte benennen können.
Der Raum wirkte ruhig, fast unscheinbar, und doch war in dieser Stille etwas in Gang gesetzt worden, dessen Folgen nicht in den Protokollen standen und sich erst Jahre später zeigen würden.
[...]
Laura Fink
Laura blinzelte und versuchte, die flackernden Lichtblitze zu ignorieren, die wie Geister über die Wände tanzten. Es fühlte sich an wie Gewicht.
Etwas Unsichtbares lastete auf ihrem Körper, als hätte die Angst selbst sich wie ein Mantel über sie gelegt und jede Bewegung erstickt.
Ihr Brustkorb hob und senkte sich hastig, als ob die Luft um sie herum zu dick wäre, um sie vollständig einzuatmen.
Das metallische Echo eines tropfenden Wasserhahns hallte durch den Raum und verstärkte die bedrückende Stille.
Sie drehte den Kopf langsam zur Seite, ihr Nacken schmerzte bei der Bewegung. Zwischen den Schatten erkannte sie Umrisse von alten Maschinen, verrosteten Werkzeugen und Kisten, die schief übereinandergestapelt waren. Es war, als hätte die Zeit diese Halle längst vergessen – aber nicht, wer auch immer sie hierhergebracht hatte.
Ihr Atem beschleunigte sich weiter, als sie bemerkte, dass ihre Fingerspitzen leicht über den Boden kratzten und feinen Staub hinterließen. Sie musste herausfinden, wo sie war. Aber jedes Mal, wenn sie es wagte, den Kopf zu heben und in die Dunkelheit zu spähen, schien ihr Körper schwerer zu werden, als hielte ihn etwas Unsichtbares am Boden fest.
Plötzlich hörte sie ein leises Quietschen. Es klang, als würde eine Tür irgendwo in der Ferne geöffnet – oder geschlossen. Der Hall des Geräusches prallte von den Wänden ab und verlor sich in der Tiefe des Gebäudes. Sie hielt den Atem an und lauschte, aber das einzige Geräusch, das zurückkehrte, war das kontinuierliche Tropfen des Wassers.
„Hallo?“ Ihre eigene Stimme klang fremd, schwach und zitternd. Sie wurde von der Leere des Raumes verschluckt und verschwand in der Ferne.
Laura schloss die Augen und zwang sich, tief durchzuatmen. Das Gewicht – dieses unsichtbare, drückende Gefühl – schien sich nur tiefer in ihre Brust zu graben.
Du musst dich bewegen, Laura! Der Gedanke schoss wie ein Befehl durch ihren Kopf, aber ihr Körper gehorchte nur widerwillig.
Sie schob sich mit den Händen über den Boden vorwärts und spürte, wie die raue Oberfläche ihre Handflächen aufriss, wie sich der Schmerz in die Haut brannte, ohne dass er die Panik dämpfen konnte.
Ihr Herz schlug so heftig, dass es sich anfühlte, als würde es gegen ihre Rippen hämmern, als wolle es sich aus ihrem Körper befreien.
Dann hörte sie ein lautes, dumpfes Geräusch, metallisch und schwer, als sei irgendwo etwas umgestürzt, und Laura erstarrte augenblicklich, während ihre Muskeln unter der plötzlichen Anspannung zuckten.
Das Geräusch war nah.
Sie presste sich an die Wand aus kaltem Beton, schob sich seitlich, bis ihr Rücken dagegen stieß, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde das Gewicht auf ihrer Brust zunehmen, als drücke nicht nur die Angst, sondern der Raum selbst auf sie ein.
Sie wagte kaum zu atmen, hielt die Luft an, so leise sie konnte, während das Gefühl, beobachtet zu werden, sich wie eine kalte Schlange ihre Wirbelsäule hinaufwand.
Doch sie sah niemanden.
Nur die Schatten bewegten sich im flackernden Licht der Neonröhre, tanzten über die Wände, verzerrt und unruhig, als trügen sie etwas mit sich, das nicht sichtbar werden durfte.
Ihre Finger glitten tastend über den Beton, suchten Halt, Orientierung, irgendetwas Verlässliches, und sie berührte etwas Kaltes, Feuchtes, vielleicht ein Rohr, vielleicht ein Stück Metall, das aus der Wand ragte. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie hierhergekommen war.
Die Erinnerung war wie ausgelöscht. Alles, was blieb, war die Gewissheit, dass sie hier wegmusste. So schnell wie möglich.
Dann ein weiteres Geräusch. Diesmal hinter ihr. Schritte. Langsam, schwer, mit einer Bedächtigkeit, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ, wie die Schritte eines Jägers, der wusste, dass seine Beute keine Fluchtmöglichkeit mehr hatte und sich Zeit lassen konnte.
Laura drehte den Kopf ein Stück, gerade genug, um in die Dunkelheit zu starren, ohne wirklich etwas zu erkennen.
„Wer ist da?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein raues Krächzen, ein Flüstern, das sich im Raum verlor.
Keine Antwort.
Sie schloss die Augen und zwang sich, durch die Nase zu atmen, tief, langsam, auch wenn sich ihre Lunge gegen den Druck wehrte. Ihre Finger krallten sich fester um das Rohr, das sie gefunden hatte, und obwohl sie nicht wusste, ob es ihr im Ernstfall helfen konnte, hielt sie sich daran fest, als wäre es ihre einzige Verbindung zur Wirklichkeit.
Ein weiterer Schritt. Noch näher.
Tränen stiegen ihr in die Augen, als die Panik ihren Verstand übernahm, alles andere verdrängte. Sie war gefangen, eingekesselt von Dunkelheit und Angst, und das Gewicht auf ihrer Brust drückte sie weiter nach unten, während ihre Lunge verzweifelt gegen den unsichtbaren Druck ankämpfte, der sie zu ersticken drohte.
Doch dann hörte sie etwas, das sie innehalten ließ – ein weiteres Geräusch, aber diesmal kein Schritt. Es klang wie ein Atemzug, schwer und tief, fast animalisch. Ihr Verstand spielte ihr Streiche. Oder etwa nicht?
Das Flackern des Lichts setzte plötzlich für einen Moment aus, und der Raum wurde vollständig in Dunkelheit getaucht. In diesem Moment war alles still, bis auf das rasende Klopfen ihres Herzens. Sie konnte nicht sehen, konnte nicht hören, ob sich etwas bewegte.
Doch sie spürte es – etwas war da.
Als das Licht wieder anging, war sie sich sicher, dass sich die Schatten verändert hatten. Der Raum fühlte sich enger an, als wäre er geschrumpft. Und plötzlich fiel es ihr schwer, den Unterschied zwischen Realität und Einbildung zu erkennen.
„Du musst dich bewegen“, flüsterte sie sich selbst zu, während sie die Füße unter ihren Körper zog und versuchte aufzustehen.
Ihre Knie fühlten sich weich an, als wären sie aus Gummi, und ihre Beine drohten unter ihr nachzugeben.
Sie lehnte sich gegen die kalte Wand und drückte sich mit aller Kraft nach oben, bis sie schließlich stand.
Das Flackern des Neonlichts über ihr war jetzt fast rhythmisch – ein Wimpernschlag der Dunkelheit, gefolgt von kurzen Momenten des blendenden Lichts.
Sie machte einen Schritt nach vorn, dann noch einen. Ihre Schritte hallten in der Halle wider, als wären es tausendfach mehr, und jeder Klang bohrte sich wie ein Nagel in ihren Kopf. Das Gefühl, beobachtet zu werden, hatte sich nicht gelegt – im Gegenteil, es wurde intensiver, mit jedem Schritt schwerer.
Dann, aus dem Augenwinkel, sah sie eine Bewegung. Sie fuhr herum, die Hand fest an die Brust gepresst. Im Schatten zwischen zwei alten Maschinen erkannte sie eine Silhouette – groß, breitschultrig, mit einer Haltung, die sie sofort wiedererkannte.
Ihr Atem stockte, ihr Körper wurde eiskalt. „Ben?“
Er stand da, wie eine Statue, vollkommen regungslos. Doch seine Präsenz war überwältigend, als würde er mit seinen Augen direkt in ihre Seele greifen und sie festhalten. Laura keuchte und taumelte rückwärts, stolperte fast über ein Stück Metall, das auf dem Boden lag.
„Ben?“, flüsterte sie, ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
Ihr ganzer Körper schrie danach, wegzulaufen, aber sie konnte sich nicht rühren. Sie war wie gelähmt, gefangen zwischen der Realität und der Vorstellung, dass er hier war – dass er ihr Gesicht studierte.
Das Neonlicht flackerte erneut, und als es wieder ansprang, war die Silhouette verschwunden. Laura schlug sich die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken.
Ihre Lungen brannten, als sie versuchte, ruhig zu atmen, doch ihr Atem ging unkontrolliert stoßweise. Sie wirbelte herum, ihre Augen huschten durch die Halle, suchten die Schatten ab, aber da war nichts mehr. War er wirklich hier gewesen? Oder bildete sie sich das ein?
„Das ist nicht real“, flüsterte sie zu sich selbst, aber ihre eigenen Worte klangen schwach und unglaubwürdig.
Ihre Finger gruben sich in die Haut ihrer Oberarme, als ob der Schmerz sie zurück in die Realität holen könnte. Das ist nicht real!
Doch die Erinnerung an sein Gesicht, an seinen ruhigen, durchdringenden Blick, ließ sie nicht los. Sie konnte ihn fast spüren, als stünde er direkt hinter ihr, sein Atem auf ihrer Haut.
Sie machte einen weiteren Schritt nach vorn, dann blieb sie abrupt stehen, als sie wieder ein Geräusch hörte – ein dumpfer, schleifender Klang, als würde etwas Schweres über den Boden gezogen. Sie wirbelte herum, das Licht flackerte erneut, und in der kurzen Dunkelheit war sie sich sicher, dass sie etwas gesehen hatte. Eine Gestalt, direkt neben den verstaubten Kisten am anderen Ende der Halle.
„Wer ist da?“, rief sie, ihre Stimme zitterte vor Verzweiflung.
Doch keine Antwort kam, nur das widerhallende Tropfen des Wassers irgendwo in der Ferne. Sie presste die Handflächen gegen ihre Schläfen und versuchte, den Schmerz und das Dröhnen in ihrem Kopf zu ignorieren.
„Das ist nur in meinem Kopf, das ist nur in meinem Kopf.“ Sie wiederholte es wie ein Mantra, aber es half nicht.
Ihr Blick suchte weiter den Raum ab, und jeder Schatten schien sich zu bewegen, als wäre die Dunkelheit selbst lebendig.
Dann hörte sie es wieder – ein leises, fast flüsterndes Geräusch: „Laura.“
Es war seine Stimme. Ganz sicher. Sie drehte sich um, ihre Beine wackelten, und sie lehnte sich gegen einen rostigen Metalltisch, um nicht umzufallen. Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Lass mich in Ruhe!“, schrie sie, ihre Stimme hallte in der Leere wider. „Du bist nicht real! Du bist nicht hier!“
Das Neonlicht flackerte ein letztes Mal, ein kurzes, unruhiges Aufbäumen, dann erlosch es vollständig und ließ sie für mehrere Sekunden in völliger Dunkelheit zurück.
Es gab kein Geräusch außer ihrem eigenen, keuchenden Atem, der viel zu laut in ihren Ohren klang.
Ihre Knie gaben nach, ohne dass sie es hätte verhindern können, und sie rutschte an der Wand hinunter, bis sie auf dem kalten Boden saß. Ihre Finger krallten sich in den Beton, suchten Halt, suchten etwas Festes, doch es gab nichts, woran sie sich festhalten konnte, keinen Ausweg, keinen Widerstand, der ihr Sicherheit gegeben hätte.
Als das Licht schließlich wieder ansprang, zuckte sie zusammen. Die Halle lag leer vor ihr.
Keine Gestalt, kein Ben, nichts außer den reglosen Maschinen und den stummen Kisten, die wie Zeugen dastanden, ohne etwas preiszugeben.
Erst jetzt merkte sie, dass ihr Körper zu zittern begann, ein feines, unaufhaltsames Zittern, das tief in ihr entstand und sich langsam durch jede Faser ausbreitete.
„Es ist nicht echt“, flüsterte sie, und die Worte klangen mehr wie ein Gebet als wie eine Überzeugung.
Doch tief in ihrem Inneren wusste sie nicht mehr, was Realität war und was Illusion. Sie zog die Knie an ihre Brust, vergrub das Gesicht darin und begann leise zu weinen, während ihr Körper weiter bebte. Als sie die Arme fester um sich schlang, durchzuckte sie plötzlich ein stechender Schmerz, so heftig, dass sie scharf einatmete.
Es fühlte sich an, als habe jemand ein glühendes Messer zwischen ihre Rippen gestoßen. Keuchend richtete sie sich auf und presste instinktiv eine Hand gegen ihre linke Seite. Die Rippen waren empfindlich, jede noch so leichte Berührung ließ einen blitzartigen Schmerz durch ihre Nerven jagen.
„Verdammt“, flüsterte sie und presste die Lippen zusammen, um nicht laut zu werden.
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- Esmee van Allmen (Autor:in), 2026, Die Psychotherapeutin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1741006