Deutschland in einer nicht weit entfernten Zukunft, Deutschland während seines Zweiten Kaiserreiches – Die Revolution der KDDP (der Königlichen Deutschen Demokratischen Partei) ist geglückt und die Monarchie ist zurückgekehrt. Timotheus I. ist der erste deutsche Kaiser seit 1918.
In dieser Welt und in dieser Zeit hat Romeo das Glück, einen der begehrten Kurplätze am Meer zu erhalten. Auf dem Weg dorthin begegnet er der attraktiven Alexandra, die ihn in ihren Bann zieht. Gespräche über das neue Deutschland folgen in einer geselligen Tischrunde am Abend.
Lucinda, eine weitere neue Bekanntschaft, erklärt der Gruppe die neuen Baukonzepte des Reiches. Die alten Neubaublöcke aus den 70er und 80er Jahren werden abgerissen und Schlösser und Arbeiterpaläste werden gebaut. „Der Monumentalismus um uns führt zum Monumentalismus in uns“ ist die neue Losung der deutschen Baukultur. Auch in weiteren Aspekten verändert sich das Zweite Kaiserreich deutlich, sodass die neue Währung, der Common, angelehnt an Commons (den Gemeingütern), eingeführt wird.
Die Errungenschaften der neuen Zeit werden jedoch nicht nur positiv betrachtet, sondern auch kritisch von der Gruppe erörtert, bis ein Mordanschlag geschieht und dieser Romeo völlig aus seiner Bahn wirft. Am Ende muss er mit seinem Gewissen hadern und sich für eine Seite entscheiden.
Auszüge aus dem Buch
Teil 1
Teil 1
Das Schiff fuhr mit einer überzeugenden Ruhe, als wäre es selbst schon in Kur. Die Gischt schäumte wie zu viel Fit in einer Geschirrspülmaschine und die Wellen schlugen von dem Schiff aus in Richtung der weit entfernten Strände. Schiff war für das Gefährt eigentlich schon ein zu großes Wort. Es war eher eine Fähre, auf der Gäste, die zu den Bädern wollen, ein Abendessen einnehmen und eine Nacht verbringen dürfen. Mehr zum Spaß, als dass die Fahrt wirklich so lang dauerte. In Summe ging die Reise nicht lang und es gab neuerdings einen doch recht schönen Gästeraum mit Essbarem und bezahlbaren Getränken. Die Fähre schien schon eine der neueren zu sein, eine, die in der neuen Zeit gebaut wurde, das war an den Ornamenten, an der Liebe zu den Details zu sehen; alles war hier anders geworden.
Die mittlere Wärme des sterbenden Sommers war nichts Halbes und nichts Ganzes. Die Jacke, die Romeo mithatte, war teilweise schon zu warm, dann fröstelte es ihn abends wieder. In diesen Wochen war es schwer zu packen und besonders, wenn man ab heute drei von diesen für seine Gesundheit zur Verfügung hatte. Romeo wurde sehr spontan diese Auszeit gewährt. Der neue Staat, die neue Regierung achtete auf seine Mitbürger, jedenfalls hieß es so und die Zeiten, in der man fast Blut verkaufen und tausend Formulare ausfüllen musste, um einmal die Kur zu erlangen, schienen endlich vorbei zu sein. Jedenfalls wollte er dieses Zeitfenster des Aufbruchs, in dem das Land seit knapp vier Jahren noch steckte, nutzen. Das erste Jahrfünft sei das Beste, danach schliffe sich Routine ein und das wollte er noch nicht. Seit Langem ist seine Atmung schwer und so wurde er zur salzigen Luft geschickt. Das Schiff schwankte und Romeo wurde wenige Zentimeter nach links geworfen. Genau in diesem Moment fiel sein Blick ebenfalls in diese Richtung und er entdeckte eine elegant gekleidete Frau. Ein kurzes, altweißes Sommerkleid, in dem sie sicherlich frieren müsste, flatterte im Wind der offenen Fenster um ihre Beine. Sie blickte auf ihr Handy, ließ es aber wieder und wieder kurzzeitig verschwinden, wenn ihr Mann, ob es ihr Mann war, da war Romeo sich noch unsicher, zu ihr blickte. Dieses Spiel beobachtete Romeo und er war fasziniert davon. Dann blickte sie auf, als hätte sie seine Blicke gespürt; sie lächelte ihn an und Romeo überlegte, dass sich die Kur nun schon lohnte. Doch leider drehte sich die Frau schlagartig um, als ihr Name gerufen wurde. Er hörte noch das „Alexandra“ und die Frau in Weiß war in einem Gespräch mit diesem einen Mann, der ebenfalls einen überzeugend schönen Kleidungsstil hatte; er strahlte einen unbestimmten Schönheitssinn aus, eine besondere Liebe zum Detail zeigte sich in der Farbauswahl sowie in dem Schmuck, den dieser Mann trug: Ohrring und Kette, maskulin und goldfarben.
Beide verschwanden aus seinem Blickfeld.
Romeo Custodire hatte nun Zeit, um auf das Meer zu blicken, welches sich bäumte und spürbar gegen das menschliche Gefährt stemmte. Er wurde leicht seekrank, als er aktiv die Bewegungen der Wellen spürte. Wie sich ablenken? Er konnte ebenfalls nichts lesen bei diesen Bewegungen, auch hatte er keinen Elan auf sein Smartphone zu schauen. Somit sollte also seine Kur beginnen, mit einem Flirt, der keiner war und einer Krankheit, die ihn jetzt und vielleicht bis abends in der Hand haben würde.
Um der Langeweile zu entfliehen, fiel er in seinen Gedanken, die so tief waren wie das kleine Meer, welches vor ihm lang; es war eine beindruckende Tiefe vor ihm, jedoch waren sie kein Vergleich mit der Tiefe des Atlantiks oder des pazifischen Mariannengrabens, doch wollte er nie solch eine Tiefe erreichen; ihm genügten seine kleinen Gedanken. Wie sich diese, seine kleine Welt, seit der so genannten Zweiten Wende veränderte. Manche, eher Konservative, sprachen ebenfalls von der Wende 2.0. Er wurde von einem einfachen Angestellten in einem Büro zu einem echten Staatsdiener. Vielleicht hatte er auch deswegen die Kur erhalten. Romeo baute den neuen Staat mit auf, mit Sorge und Achtsamkeit. Er spielte mit einer der neuen Münzen, die seit rund vier Jahren geprägt wurden. Der neue Staat, die neue Staatengemeinschaft, andere schlossen sich dieser Wende oder war es doch eine Revolution später an, traten nach und nach aus der Eurozone aus. Begründungen gab es viele, nur eine blieb in seinem Kopf hängen: Die Sorge vor einer aktiven Inflation aus dem Ausland, da viele Länder den Euro drucken, gab es die Befürchtung, dass das Ausland oder Spione oder andere, korrupte Eurozonenstaaten oder oder oder in Massen Banknoten drucken werden, sodass es zu einer Inflation käme; um dies vorzubeugen, wurden nicht nur die Scheine oder Münzen verändert, sondern schließlich die ganze Währung, so kam das Volk zu seinem neuen Geld: der Common; angelehnt an Commons, den Gemeingütern.
Zwar soll dies alles zuvor erstmal ein Übergang sein, aber weitere Ziele oder Maßnahmen wurden noch nicht getroffen. Welche wirtschaftlichen Auswüchse diese Entscheidung hatte, konnte Romeo mit seinem kleinen Meer kaum einschätzen, aber bis jetzt lief es für ihn ganz gut.
Insgesamt hat sich für ihn eigentlich fast schon alles zum Positiven verändert. Welch ein schrecklicher Satz, denkt sich Romeo. eigentlich fast schon. Wundervolle Adverbien, langweilige Adverbien. Viele Sorgen hatten sich ins Nichts aufgelöst. Viele Zukunftssorgen waren verschwunden, die vielen Relikte, Institutionen und Systeme des alten Deutschlands. Wie viel und wie schnell man Dinge verändern konnten, wenn ein neuer Staat entstand.
Romeo dachte an die politische Zeit vor der Zweiten Wende, die ihn kaum interessierte. Politik war in seinen 32. Lebensjahren kaum wichtig gewesen. Nur als die großen Veränderungen kamen, wurde er aufmerksam. Diese Wende wurde von der KDDP, der Königlichen Deutschen Demokratischen Partei, eingeleitet. Nach dem 12. August, dem Tag der Zweiten Wende, wurden keine Parteien verboten, doch übernahm die neue Partei die grundsätzlichen Ideen und das Parteienspektrum wurde in die 60er, 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhundert zurückgeschleudert. Mit den sozialen, fast sozialistischen Ideen wurde das Fundamt der extremen Linken entzogen. Die Verstaatlichung des Gesundheitswesens, der Post und der Bahn waren für ihn Meilensteine. Zudem da alle drei Bereiche durch eine effiziente, staatliche Verwaltung starke Verbesserungen verbuchen konnten. Weitere Reformen sollten, nach und nach, angestoßen werden. Allen voran war die Rente ein weiterer Dauerbrenner, der gelöscht werden sollte.
So verschwand alles links der KDDP hinter der Fünf-Prozent-Hürde. Der andere extreme Sumpf wurde mithilfe des positiven Nationalismus trockengelegt. Die zwei Kern- und Haupthemen des fehlenden Nationalismus und der sogenannten Flüchtlingskrise, welche durch so verschiedene andere Nationalitäten scheinbar ausgelöst und immer wieder aufgekocht wurde, nahm die KDDP aktiv an. Eine neue Einreisepolitik war durch das festere Zusammenrücken der europäischen Staaten möglich, besonders da der Druck des Handelns nötig wurde, als Deutschland und weitere Staaten den Euro abschafften und sich für den Common entschieden. Die EU musste handeln und sie tat es, sodass der rechte Rand, wie 2013, ebenfalls an den fünf Prozent abprallten. Beide Ränder lösten sich nicht auf; die Parteien, die Vereine, die Gruppen existierten noch; sie versanken jedoch durch die neue Politik in der Bedeutungslosigkeit.
Grüne Politik wurde ebenfalls durch die Verbindung aus Ökonomie und Ökologie vorangetrieben. Der extreme Kapitalismus wurde gezügelt; die Umwelt aktiv geschützt; in Teilen wurde eine Verkehrswende durchgesetzt mithilfe eines staatlichen öffentlichen und vor allem engmaschigen Verkehrsmittelbetriebs, welcher ebenfalls nicht auf Profit aus war, und so verringerten sich aktiv die privaten PKWs und die Welt wurde ein bisschen besser. In der letzten Wahl hatte die grüne Partei noch knapp 5,6 %, aber sie ist an keiner Regierung beteiligt.
Ein schleichendes Ende war kaum spürbar: Die Liberalen kämpften als eine neue Partei mit dem Ziel des Sozialliberalismus, jedoch wechselten viele die Parteibücher und der Rest fiel in Vergessenheit.
Einzig und allein hielten zwei Parteien der Zweiten Wende richtig stand: Die Christdemokraten besannen sich auf den christlichen Sozialismus, legten aber alles recht konservativ aus, was positiv im Volk und bei den Wahlergebnissen bemerkbar wurde: Die Welt wurde den Menschen von Gott gegeben und er soll sie bebauen und bewahren – Schöpfung und Nachhaltigkeit passten in das Konzept des Zweiten Kaiserreichs. Die CDU war ebenfalls für Teilenteignungen, aber nur mit gerechter Entschädigung, Sie verteidigte das kleine Privateigentum, den Verbrennungsmotor etc. Sie hielt die Fahnen vor der Wende hoch, fügte sich jedoch in das neue System ein. Weiterhin wurde der positive Nationalismus ebenfalls christlich geprägt, sodass die Partei neuen frischen Aufwind erhielt und schließlich knapp 36 % in der ersten Wahl nach der Zweiten Wende holte.
Ebenfalls hielt sich die Sozialdemokratie, als Mitte zwischen der Königspartei und den Christen. Sie übernahmen die Rolle der ehemaligen Liberalen in der alten BRD noch weit vor der Ersten Wende. Sie schwankte in den Umfragen zwischen 8 und 12 %, was für die Partei nicht sonderlich gut war, aber sie wurden das Zünglein an der Waage, wenn es um Koalitionen ging.
Dieses System etablierte sich über die letzten Jahre hinweg; wo damals acht Parteien gewesen waren, herrschen nach der letzten Wahl in Berlin im neuen Reichstagsgebäude vier.
Romeo wurde durch eine Welle wieder aus seinem Tagtraum gerissen. Sein Kopf prallte leicht gegen die Wand des Schiffes. Romeo stöhnte, da fiel sein Blick auf einen Mann, der ihm gegenübersaß und Romeos Abzeichen betrachtete.
„Guten Tag“, begann Valerian Renovatio, ein untersetzter Mann mit engem T-Shirt, welches durch einen dunklen, schwarzen Baumwollmantel zu sehen war; auffallend war zudem, dass er trotz seiner Fülle ein sehr schönes Gesicht mit hellbrauen Locken hatte, welches etwas Edles ausstrahlte, was Romeo nicht erfassen konnte.
„Hallo“, sprach Romeo, „kennen wir uns? Oder sind wir uns schon begegnet?“
„Ich sehe, wir sind vom selben Verein“, und er verwies wieder auf Romeos Abzeichen, danach zeigte er auf seines, welches er ebenfalls an seiner linken Kragenseite seiner Jacke hatte. Es war das Abzeichen des Nationalen Aufbauwerks, bei dem Romeo angestellt war. Der Name wurde von der ehemaligen DDR abgekupfert, jedoch hatte es nichts mehr mit dieser damaligen Grundidee zu tun. Im Gegensatz war es etwas vollkommen anderes.
Das NAW war eine Vereinigung für die Umgestaltung nach der Zweiten Wende. Es ging um das Neugestalten von Städten, besonders des neuen Wohnungsbaus; weiterhin der Aufbau und die Erweiterung der neuen Jugendbewegung sowie den Staatsschutz und knapp zehn weitere Abteilungen, welche den neuen Staat betreffen. Das Volk sollte dabei mitwirken, sodass das NAW teilweise ehrenamtlich und teilweise hauptberuflich war. Ehrenamtlich hat man an seinen freien Tagen für den Staat, für die Gesellschaft für Umme gearbeitet; es gab zurzeit sehr viel zu tun. Hauptberuflich war man Staatsbediensteter ohne Verbeamtung, die mit der großen Renten-, Versicherungs- und Finanzrevolution unter anderem abgeschafft wurde. Romeo konnte nicht erkennen, ob sein Gegenüber ein Ehrenämtler oder Hauptberuflicher war. Beide Gruppen erhielten die gleichen Abzeichen, sollten sie aber allgegenwärtig tragen.
Was Romeo auffiel, war das sehr laute Sprechen von Valerian, als würde er wollen, dass jeder um sie herum hört, was er zu sagen hatte.
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Teil 3
Teil 3
Sie traten aus dem engen Esszimmer hinaus. Sie gingen durch den dekorierten Flur und betrachteten schweigend die Kunstkopien, die an den Wänden hingen. Alexandra hatte ein Glitzern in den Augen, wenn sie diese Bilder sah. Romeo bemerkte diese stille Freude und er spürte, wie sein Herz schwer wurde. Er wusste, wie schwer alles werden würde, wenn, ja wenn... Egal jetzt. Er verdrängte seine Gedanken.
Alexandra öffnete die Tür zum Deck und sie ging mit einem, für Romeo überraschend schnellen Schritt an die Reling. Sie lehnt sich mit dem Rücken an diese und schloss ihre Augen. Ein tiefes Atmen hob ihre Brust. Erst jetzt bemerkte Romeo, dass er noch in der Tür stand, Meter von ihr entfernt. Sie merkte es gar nicht, er war für sie nicht, kein weiteres Wesen war in diesem Moment für sie da. Es war nur sie. Er wollte schon gehen, sie ganz allein, sie in ihrem Moment baden lassen. Er wollte verschwinden, sich drücken. Doch dann unterbrach sie seine Gedanken, sie öffnete ihre Augen und ohne ein Wort zu sagen, wies sie ihn darauf hin, er solle zu ihr kommen. Schweigend trat er neben sie. Er bemerkte die raue Luft des Meeres. Das Rauschen von diesem beruhigte ihn und sie auch.
Er zündete sich schweigend eine Zigarette an. Sie hatten schon seit einer kleinen Ewigkeit nicht mehr gesprochen. Er zieht an der Zigarette und der schwere Rauch zieht in seine Lunge tief hinab. Die erste berauscht immer etwas, ein kleiner Flash in seinem Kopf. Ein Zustand der Schwebe und wieder hört er das Rauschen des Meeres und wie das Schiff gegen die kleinen Wellen kämpft. Schon war die halbe Zigarette verschwunden und sein Blick ganz in dem dunklen Tief des Wassers verloren, da begann sie zu sprechen: „Wissen Sie, was verrückt ist oder eher ungewöhnlich?“
Romeo bewegte seinen Kopf, ohne zu sprechen.
„Es ist ungewöhnlich, dass wir nun so lang schon hier sind und ich nicht einmal richtig an meinem Handy war, so gut wie keiner hier, als wäre wirklich ein neues Zeitalter angekommen, eines zurück, weg von der Digitalisierung.“
„Ich glaube, das stimmt so nicht ganz. Heut früh waren Sie doch an Ihrem.“
„Ach, Sie haben mich also beobachtet?“
„Nein, natürlich nicht, nur, nur fiel es mir auf.“
„Jaja, ach, alles gut. Ich weiß gar nicht richtig, warum ich es angesprochen habe.“
„War Ihnen die Stille unangenehm?“
Alexandra überlegte kurz, blicke wieder auf das Meer, atmete tief die salzige Luft ein und antwortete: „Ja, es ist mir unangenehm. Vieles ist mir unangenehm, allein dieses Sie zwischen uns. Wären Sie für du?“
„Ja, das wäre mir sehr lieb.“
„Denkst du, es wird denen dort drin bald auffallen, dass wir geflüchtet sind.“
„Kein Sorge, ich habe Bescheid gesagt.“
Alexandra blickte mit enttäuschten Augen zu ihm.
„Natürlich haben Sie das. Immer alle Regeln einhalten, das nützt ja nichts.“
„Du.“
„Ja, natürlich, du musst alle Regeln einhalten. Stört dich das nicht?“
„Was glauben Sie denn, was ich mache?“
„Naja, NAW, was wirst du schon groß machen? Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen.“
„Also nicht?“
„Vielleicht bleiben wir doch noch etwas geheimnisvoll.“
Wieder ein Schweigen. Romeo wusste nicht, was er sagen soll. Es war alles so merkwürdig mit ihr. Aber sie war ebenfalls so bezaubernd. Eine Mischung aus Stärke und Schwäche & Härte und Zerbrechlichkeit. Das war für ihn anziehend, erregend. Abermals zündete er sich eine Zigarette an.
„Darf ich auch mal ziehen?“, fragte Alexandra fast schüchtern.
„Du darfst auch eine eigene haben.“
„Nein, lieber nicht, eine ganze verringert das Leben.“
„Und ein Zug nicht?“
„Doch, aber einen Zug Leben kann ich entbehren.“
Er reichte ihr die Zigarette, sie zieht und, zu seiner Überraschung, sie hustete nicht. Im Gegenteil behielt sie den Rauch lang in sich und stieß ihn langsam aus.
„Glaubst du wirklich an das alles?“, fragte sie.
„An was?“
„Na, an alles? An dieses NAW, diese neue Revolution dieses ganze neue Bla Bla Bla.“
„Du nicht?“
„Weißt du, ich hoffe, aber ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob das etwas wird und nein, eigentlich nicht. Mit meinem Mann, was soll ich da noch glauben und ihr schafft es auch nicht eine neue Gesellschaft aufzubauen. Ich denke nicht, dass neue Häuser neue Menschen machen werden.“
„Aber es sind ja nicht nur die Häuser. Es hat sich so viel getan.“
„Ja, ich weiß schon, so viel, Parteien haben sich aufgelöst, wie 1933 oder 1946. Das ist also das Gute? Weniger Pluralismus?“
„Empfindest du es so? Was wurde dir denn seit der Revolution genommen?“
„Noch nichts, aber warte, wir sind noch im Anfangsstadium. Wir sind noch im Jahr 1789 und 1917, aber warte nur, Robespierre und Stalin warten schon auf ihre Stunden.“
„Und die anderen? Die Amerikanische oder Friedliche Revolution? Da waren am Ende doch keine Tyrannen.“
„Witzig, wie Sie jetzt diese beiden aufzählen. Die Amerikanische schuf doch genau Ihr Feindbild und 1989 war doch die Erste Wende, die Sie rückgängig machen wollen.“
„Du, immer noch du und warum will ich 1989 rückgängig machen?“
„Stimmt, nicht nur du, sondern die ganze Bewegung und davor habe ich Angst, Angst vor der Zukunft.“
„So schlimm? Warum denkst du so negativ? Weißt du, es haben sich ja nicht nur die Häuser verändert und Parteien haben sich aufgelöst.“
„Sondern?“
„Allein der Rassismus und die Vorurteile gegenüber Fremden wurden aktiv bekämpft. Hast du noch im Kopf, wie es 2015 und 2022 war? Als der Rassismus noch richtig Fahrt aufgenommen hat? Immer nach einer Phase der Euphorie? Wie 2015 noch den Flüchtlingen in den Zügen zugewunken wurde, wie sich die TV-Shows 2022 noch darüber lustig gemacht haben, dass jetzt alles besser wird, da die Ukrainer aus unserem Kulturkreis stammen und es einfacher wird als mit den Syrern und Afghanen? Nichts war. Wieder Ausgrenzung. Aber was hat unser Staat heute alles geleistet. Die Lösung war so einfach: keine Isolation, klare Informationen und persönliche Kontakte mit den verschiedenen Volksgruppen und es wurden Ressentiments abgebaut. War denn diese Lösung so schwierig? Ein aktives Miteinander durch gemeinsame Veranstaltungen, Feste und wer weiß was noch? Und ja, das hat auch das NAW organisiert und noch viel mehr. Ehrenamtliche Arbeiten mit beiden Völkern und schon kommt man ins Gespräch, was auch nur funktionieren kann, wenn alle eine gemeinsame Sprache sprechen durch aktive Lernkurse. Hier wurden Ressourcen in die Hand genommen“, Romeo spürte, dass seine Stimme lauter wurde, aber das Thema erregte ihn immer wieder, „da werden einmal Geld und Personen in Summen geholt und zack, kann die Welt ein bisschen besser werden und das wird einmal gemacht und dann wird gezweifelt, ob es der richtige Weg sei, ob alles gut wäre, ob und wenn und wie und bla. Nein, es wurde endlich mal gehandelt. Wir haben endlich Politiker, die für ihre Entscheidungen auch klar Verantwortung übernehmen müssen. Das Volksgesetz Nr. 8 hat klar beschlossen, dass jetzt jeder Politiker für seine Taten haftbar ist, wie auch jeder Bürger und das soll schlecht sein? Jetzt haben wir Politiker, die aktiv für ihre Entscheidungen eintreten müssen und welche Sorge es da damals gab, ob das überhaupt funktioniert, weil sich keiner mehr in die Politik traue, ha! Und wie sie sich trauen! Jetzt aber mit Mut und Zuversicht und mit einem Bewusstsein, dass sie mit den Geldern, mit den Ressourcen mit allein nicht mehr wuchern können, da, wie es Friedrich II. schon sagte, eine Regierung sparsam mit dem Geld umgehen müsse, da dieses aus dem Blut und dem Schweiß IHRES Volkes stammt. Es sind jetzt unsere Volksvertreter wieder unsere Regierung und das Vertrauen steigt! Das heißt, Rassismus verschwindet fast und wir haben eine saubere Politik. Und da fragst du mich, ob ich an dem Ganzen zweifle? Nein, das tue ich nicht. Im Gegenteil bin ich zufrieden und in meinem Land angekommen.“
Romeo kramte eine weitere Zigarette heraus und zündete sie sich an.
„Wow. Du bist echt ein Hundertprozentiger“, sprach Alexandra mit einem Ton, den Romeo wieder nicht einordnen kann. Er zweifelte an seiner Empathie. Er konnte sie nicht anblicken. Er lehnte sich mit der glühenden Zigarette weit über die Reling und beobachtete die Wellen und das Meer. Wieder entstand eine schwere Stille zwischen ihnen.
„Weißt du, das war gar nicht böse gemeint, aber solche heftigen Emotionen habe ich lang nicht mehr gehört. Sonst sind die neuen Genossen oder Kameraden immer recht reserviert, aber du... Du bist anders… Und das mag ich an dir.“
Alexandra legte ihre Hand auf seine. Mit der anderen rauchte Romeo weiter.
„Aber verstehst du nicht, was ich möchte? Wovor ich mich doch sorge oder was ich verlieren könnte?“, fragte Alexandra.
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- Kevin Markus Kruschwitz (Author), 2026, Die Suche nach Erfüllung – La petite mort, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1741404