Adrett gekleidete Frauen, die in ästhetischen Küchen Milch zu Butter schlagen, der Duft von frisch gebackenem Sauerteigbrot und das ferne Lachen glücklicher Kinder – auf Plattformen wie Instagram und TikTok generieren Beiträge unter Hashtags wie #tradwife, #stayathomegirlfriend oder #biblicalwomen Millionen von Klicks. Sie inszenieren ein makelloses, entschleunigtes Familienidyll im nostalgischen „Cottagecore“-Stil, das eine tiefe Sehnsucht nach Ursprünglichkeit bedient. Doch was verbirgt sich hinter der harmonischen Fassade aus floralen Kleidern und traditioneller Hausarbeit?
Nach einer klaren Einordnung und Abgrenzung von Begriffen wie tradwife oder biblicalwomen sucht diese Arbeit den Zugang zu diesem Phänomen über das dabei transportierte Familienbild. Anhand einer detaillierten Analyse reichweitenstarker Influencerinnen (darunter Hannah Neeleman aka. @ballerinafarm, @tradwifefactory, Jasmine Dinis und Gretchen Adler) werden die visuellen, narrativen und medienspezifischen Mechanismen des Phänomens beleuchtet. Es wird aufgezeigt, wie der bewusste Rückgriff auf das bürgerliche Familienideal der 1950er- und 60er-Jahre sowie die Behauptung „naturgegebener“ Geschlechterrollen weit mehr sind als bloßer Lifestyle, sondern Teil eines hochgradig politischen Diskurses.
Es wird offengelegt, wie die vermeintlich harmlose Zivilisationsflucht zum trojanischen Pferd für ultra-konservative, antifeministische und gesellschaftlich regressive Ideologien wird, indem extreme Positionen ganz beiläufig im Mainstream normalisiert werden. Die Arbeit beleuchtet, wie soziale Medien traditionelle Rollenbilder neu erfinden und die Grenzen zwischen privatem Alltag, kommerziellem Kalkül und gesellschaftlicher Einflussnahme verwischen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie und Forschungsstand
2.1 Familie und Familienbilder
2.1.1 Familie im Wandel
2.1.2 Familie und Familienbilder als Diskursgegenstand
2.2 #Tradwife als Diskursbeitrag
2.3 Die Tradwife-Community in sozialen Medien
3. Methode
3.1 Analysegegenstand
3.2 Analyseebenen
4. Analyse
4.1 Familienform
4.2 Innerfamiliäre Beziehungen
4.3 Arbeit und Finanzen
4.4 Natur
4.5 Raum
4.6 Gesundheit und Ernährung
4.7 Religion
4.8 Erziehung und Bildung
4.9 Politik, Staat und Gesellschaft
5. Zusammenfassung und Einordnung der Analyseergebnisse
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Tradwife-Phänomen als eine in sozialen Medien entstandene Online-Community. Ziel ist es, durch eine Analyse der von den zentralen Akteurinnen (Tradwife-Influencerinnen) vermittelten Familienbilder, die damit verknüpften Denkmuster, Haltungen und Praktiken zu ermitteln sowie deren Einordnung in aktuelle Diskurse vorzunehmen.
- Konstruktionen von Weiblichkeit und Geschlechterrollen in digitalen Räumen
- Darstellung und Inszenierung von Familienbildern als Beitrag zu gesellschaftlichen Diskursen
- Zusammenhang zwischen dem Tradwife-Lebensstil und konservativen bis rechtsextremen Ideologien
- Rolle der Ästhetisierung und Inszenierung von Care-Arbeit im Kontext von Identitätskonstruktion
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
In sozialen Medien sammeln sich seit einigen Jahren Beiträge unter Hashtags wie #tradwife, #traditionalwife oder #tradwomen. In diesen Beiträgen wird von adrett gekleideten Frauen Milch zu Butter geschlagen, in allen Vasen stehen frische Blumen, im Hintergrund sind fröhliche Kinder zu hören, der Duft von frisch gebackenem Brot steigt förmlich in die Nase. Hier wird ein perfektes familiäres Idyll inszeniert, das Millionen Klicks und hunderttausende Likes generiert. Gleichzeitig wird das Phänomen innerhalb von sozialen Medien, aber auch darüber hinaus in journalistischen Formaten wie wissenschaftlichen Texten beobachtet und kritisch beleuchtet. Die journalistische Kritik greift dabei meist feministische Diskurse auf und richtet sich vor allem gegen die dargestellten Geschlechterrollen und Frauenbilder. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung fand bisher vor allem aus soziologischer sowie kommunikations- und genderwissenschaftlicher Perspektive statt. Dabei wurde bislang hauptsächlich die Verbindung des Phänomens zu rechtsextremen Bewegungen beleuchtet, insbesondere in Bezug auf anti-feministische und frauenfeindliche Positionen. Das Thema Familie wird dabei zwar immer wieder gestreift, insgesamt bleiben Gedanken zu Familienbildern in Verbindung mit dem Tradwife-Phänomen (kurz für traditional wife) jedoch Randbemerkungen. Versuche, das auch hier vorerst noch recht unpräzise gefasste Phänomen an sich zu definieren, existieren kaum. Abgrenzungen zu verwandten Themenkomplexen wie der momosphere, Familieninfluencer:innen oder #stayathomemoms bleiben unscharf.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Tradwife-Phänomen, Beschreibung der medialen Präsenz und Formulierung der zentralen Forschungsfragen.
2. Theorie und Forschungsstand: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Familienbegriff, dem Wandel von Familienbildern und dem Stand der Forschung zum Tradwife-Phänomen.
3. Methode: Darstellung des Analysegegenstands, der Auswahlkriterien für den Analysekorpus (reichweitenstarke Influencerinnen) und der gewählten Analyseebenen.
4. Analyse: Detaillierte Untersuchung der verschiedenen Aspekte des Tradwife-Phänomens, unterteilt in Themenbereiche wie Familienform, Arbeit, Natur, Religion und Erziehung.
5. Zusammenfassung und Einordnung der Analyseergebnisse: Synthese der Erkenntnisse und Einordnung der Ergebnisse in den Kontext gesellschaftspolitischer Diskurse.
6. Schluss: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfragen und Reflexion der Bedeutung der Inszenierung des Phänomens.
Schlüsselwörter
Tradwife, soziale Medien, Familienbilder, Geschlechterrollen, Online-Community, Influencerin, Care-Arbeit, Ideologie, Geschlechterkonstruktion, Feminismus, Rechtsextremismus, Ästhetik, digitale Kommunikation, traditionelle Werte, Familiensoziologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Tradwife-Phänomen, bei dem Frauen in sozialen Medien einen traditionellen, auf klassische Rollenverteilung basierenden Lebensstil inszenieren und bewerben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konstruktion von Familienbildern, die Rolle von Geschlechterrollen, das Verhältnis von Arbeit und Privatleben sowie die politische Einordnung dieses Trends.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Die Arbeit will das Phänomen durch die Analyse der vermittelten Familienbilder greifbar machen und aufdecken, welche Werte, Haltungen und Praktiken damit verknüpft sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf Erkenntnisse der Familiensoziologie, Gender Studies sowie medienwissenschaftliche Ansätze, um den Analysekorpus und die darin dargestellten Inhalte zu durchdringen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Praxis der Tradwife-Influencerinnen anhand konkreter Kategorien wie Familienform, Arbeitsteilung, Naturbezug, Erziehung und politischer Haltung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Tradwife, soziale Medien, Familienbilder, Geschlechterrollen, Feminismus, Rechtsextremismus und digitale Kommunikation beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Darstellung bei den verschiedenen Influencerinnen?
Während einige Influencerinnen ihren Lebensstil explizit religiös und traditionell begründen, weisen andere, wie z.B. Nara Smith, weniger explizite politische oder religiöse Bezüge auf und fokussieren sich stärker auf eine Ästhetik, die sie als "working mum" präsentieren.
Welche Rolle spielt das "Cottagecore"-Ästhetik für das Phänomen?
Die Cottagecore-Ästhetik dient als romantisiertes visuelles Stilmittel, um den traditionellen Lebensstil als naturverbunden und harmonisch zu inszenieren, was das Phänomen anschlussfähig für ein breiteres Publikum macht.
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- Annabelle Schwager (Author), 2025, Konservative Familienbilder und ihre Inszenierung in sozialen Medien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1741424