Die Ausdifferenzierung des sozialen Systems Sport


Hausarbeit, 2009
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung (S. Hasse)

2 Die Systemtheorie nach Luhmann
2.1 Ebenen der Systembildung
2.2 System-Umwelt-Differenz
2.3 Kommunikation
2.4 Gesellschaftliche Differenzierung
2.4.1 Segmentäre Differenzierung
2.4.2 Stratifikatorische Differenzierung
2.4.3 Funktionale Differenzierung

3 Das Zeitalter der Aufklärung
3.1 Säkularisierung
3.2 Die Gesellschaft während der Aufklärung

4 Das Medizinsystem
4.1 Die medizinische Gymnastik
4.2 Die medizinische Polizei

5 Das Erziehungssystem - Entwicklung und Anschlussofferten (C. Schipper)
5.1 Wie begründet das Erziehungssystem seine gesellschaftliche Relevanz?
5.2 Ziele und Inhalte der neuen Erziehung
5.3 Pädagogische Theorien der körperlichen Erziehung

6 Die Ausdifferenzierung des Sportsystems (V. Wedwing)
6.1 Inklusionsprinzip
6.2 Prozess der Strukturbildung

7 Schlussbetrachtung (S. Hasse)

1 Einleitung (S. Hasse)

Der Sport in der modernen Gesellschaft zeigt sich facettenreich und außerordentlich vielseitig. Diese Vielseitigkeit hat sich jedoch erst im Laufe der Jahre entwickelt. In den frühen Gesellschaften ist der Sport als eigenständiges System nicht ausgebildet. Gymnastische Übungen und körperliche Ertüchtigung dienen zunächst der Förderung wehrtauglicher und gesunder Untertanen. Die Gesellschaften der absolutistischen Staatsformen des 17. und 18. Jahrhunderts unterstehen den Ständeordnungen und sind nicht sehr ausdifferenziert. Der Bildungsstand der Bevölkerung ist zumeist gering und das Weltbild ausschließlich durch die Kirche geprägt. Die nachstehende Arbeit beschreibt den Prozess der Ausdifferenzierung eines Sportsystems. Dabei gibt Kapitel 2 einen ersten Einblick in die Systemtheorie von Niklas Luhmann. Es beschreibt die wesentlichen Merkmale eines Systems und die von Luhmann verfolgte Idee der Reduktion der Gesellschaft. Im weiteren Verlauf wird die Entwicklung der Gesellschaft bis hin zu einer funktional differenzierten Gesellschaft beschrieben.

Aufklärung, Säkularisierung und die damit verbundenen Veränderungen stellen die Basis für die folgende Ausdifferenzierung der Gesellschaft dar. Ausgehend von den politischen Verhältnissen werden Maßnahmen angeschoben, die bereits bestehende Systeme (Medizin und Erziehung) weiterentwickeln lassen (Kapitel 3). Durch die Professionalisierung des Arztberufes einerseits und die parallel verlaufende gesellschaftsweite Ausdehnung des Patientenstatus andererseits wird die Grundlage für die Vollinklusion der Gesellschaft in das Medizinsystem geschaffen. Ebenso entwickelt sich das Erziehungssystem im Zeitalter der Aufklärung voran, um den bestehenden geringen Bildungsstand zu verbessern (Kapitel 4 und 5). Nach Cachay und Thiel (2000) sind das Medizin- und das Bildungssystem das Fundament für die Ausbildung eines eigenständigen Sportsystems. Die Anschlussofferten werden in Kapitel 6 aufgenommen und umfassend ausgeführt.

2 Die Systemtheorie nach Luhmann

Die hier vorliegende Einführung in die allgemeine Theorie sozialer Systeme beschränkt sich auf einige ausgewählte, zentrale Grundbegriffe und Operationen der Theorie Luhmanns. Jene Theorie hat „einen Komplexitätsgrad erreicht, der sich nicht mehr linearisieren läßt" (Luhmann, 1984, S. 14). Der Leser systemtheoretischer Texte stößt damit unweigerlich auf die zirkuläre Vernetzung jeglicher Begriffe, die einer klaren Einteilung in Abschnitte oder Kapitel entgegensteht. Der Kern lässt sich als eine „allgemeine, soziologische Theorie, also eine allgemeine Frage, wie soziale Ordnung möglich ist" beschreiben und spiegelt damit Luhmanns Hauptanliegen wider, eine Theorie der Gesellschaft zu konstruieren (Luhmann, 2002, S. 13). Dieses Werk veröffentlicht Luhmann erst im Jahr 1997 kurz vor seinem Tod, in dem er seinen Blick auf die ganze Gesellschaft erweitert. Die vorhergehenden Phasen sind geprägt durch sein Hauptwerk »Soziale Systeme« (1984), welches als Grundgerüst der Theorie bezeichnet werden kann sowie die darauffolgende Anwendung der Theorie auf einzelne Funktionssysteme der Gesellschaft. Hieraus wird bereits ersichtlich, dass sich die Theorie auf unterschiedliche Ebenen der Systembildung bezieht, die der Mikro-, Meso- bzw. Makroperspektive entsprechen: Interaktion, Organisation und Gesellschaft.

2.1 Ebenen der Systembildung

Interaktionssysteme stellen die einfachsten Sozialsysteme dar, die für eine Entstehung zum Einen die Anwesenheit mindestens zweier beteiligter Personen, zum Anderen die bewusste gegen- und wechselseitige Wahrnehmung voraussetzen. Sind diese Voraussetzungen gegeben, resultiert daraus unweigerlich die Bildung des Systems, welches jedoch gleichzeitig durch die Strukturmerkmale der Anwesenheit und Wahrnehmbarkeit in seinen Handlungsmöglichkeiten beschränkt ist (Kneer & Nassehi, 2000). Die Entstehung des Interaktionssystems ist dabei unabhängig von der Dauer des Aufeinandertreffens mindestens zweier Personen: jenes kann sowohl kurzer als auch andauernder Art sein. Als Bespiel dienen hierfür eine (auch nonverbale) Begegnung auf der Straße, ein kurzes Gespräch oder aber ein gemeinsamer Abend mit Freunden.

Organisationssysteme erweitern den Handlungsrahmen durch die Bedingung der Mitgliedschaft. Hierbei ist nicht mehr die unmittelbare Anwesenheit von Personen konstitutiv, sondern die Zugehörigkeit einer Person im Sinne einer Mitgliedschaftsrolle im jeweiligen Organisationssystem. Über die Differenz zwischen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern zieht das System seine Grenzen. Die Mitgliedschaft ist dabei an systeminterne Verhaltensweisen gebunden, die über einen möglichen Eintritt oder Austritt in das System entscheiden. Als Beispiel für ein Organisationssystem kann an dieser Stelle ein Sportseminar der Universität genannt werden: als Mitglieder des Systems gelten prinzipiell ausnahmslos Studenten der Sportwissenschaften, die sich zu Beginn des Semesters für jenes Seminar entscheiden. Die partielle Abwesenheit von Mitgliedern (beispielsweise aufgrund von Krankheit o. ä.) bewirkt (im Gegensatz zum Interaktionssystem) weder ihre Exklusion noch die Auflösung des Systems. Das System bleibt über die Grenzen der direkten Anwesenheit hinaus stabil, indem es grenzüberschreitend kommunizieren kann.[1] Luhmann beschreibt die Gesellschaft als das umfassendste Sozialsystem höherer Ordnung, welches sowohl Interaktions- als auch Organisationssysteme als Bestandteile in sich trägt. Die Gesellschaft beinhaltet somit die „Gesamtheit aller erwartbaren Kommunikationen" (Luhmann, 1984, S. 535). Im Zuge der dem Gesellschaftssystem innewohnenden Komplexität differenzieren sich Subsysteme aus, die strukturelle Kopplungen miteinander eingehen.[2] Als Voraussetzung für wechselseitige Systembeziehungen müssen sich Systeme voneinander abgrenzen und eigene, interne System/Umwelt-Differenzen schaffen. So stellt beispielsweise System »A« die gesellschaftsinterne Umwelt des Systems »B« dar (und umgekehrt). Daraus wird ersichtlich, dass das Gesellschaftssystem weder an die Bedingung der direkten Anwesenheit noch an die der expliziten Mitgliedschaft gebunden ist.

2.2 System-Umwelt-Differenz

Mit der Tatsache der System-Umwelt-Differenz sind der Ursprung und die Leitidee der Systemtheorie angesprochen. Die Existenz eines jeden Systems beruht dabei auf der Offenheit gegenüber seiner Umwelt sowie auf der gleichzeitigen Geschlossenheit gegenüber dieser: „Wäre es nicht geschlossen, nicht von seiner Umwelt abgrenzbar, wäre es kein System. Wäre es nicht offen, könnte es sich gegenüber seiner Umwelt nicht erhalten" (Krause, 2001, S. 10f). System und Umwelt sind somit aneinander gebundene Konstrukte, die einzeln gesehen nicht bestehen können. Damit ist die Tatsache angesprochen, dass das System keine höhere Wertung einnehmen kann als die Umwelt, da es auf diese angewiesen ist. Des Weiteren schließt die Umwelt eines jeden Systems eine Vielzahl anderer Systeme ein und weist damit immer eine höhere Komplexität als das soziale System auf. Zwar können sich Sozialsysteme - durch Luhmanns Übertragung der Eigenschaft der Autopoiesis von lebendigen Systemen (Menschen) auf soziale Systeme - eigenständig durch interne Operationen reproduzieren und aufrechterhalten; sie sind dabei jedoch auf ihre Umwelt angewiesen. Dies wird durch die Betrachtung der basalen Operation eines jeden sozialen Systems deutlicher: die Kommunikation.

2.3 Kommunikation

Soziale Systeme bestehen weder aus Menschen noch aus ihren Handlungen. Stattdessen bildet die Kommunikation den Kern eines jeden sozialen Systems. Jegliche Kommunikation setzt die Existenz mindestens zweier psychischer Systeme voraus, die außerhalb des sozialen Systems einzuordnen sind. Somit sind diese nicht Bestandteil der Kommunikation sondern lediglich Bedingung, indem sie Gedanken und Vorstellungen als Operationen für die Kommunikation bereitstellen. Somit zeigt sich auch an dieser Stelle die Unabdingbarkeit der Umwelt: das soziale System ist auf die in der Umwelt bestehenden psychischen Systeme angewiesen, um kommunizieren zu können. Die Kommunikation im sozialen System setzt sich dabei aus den Begrifflichkeiten der Information, Mitteilung und des Verstehens zusammen. Erst in der Synthese dieser drei Komponenten entsteht die Kommunikation (Luhmann, 1984). Während die Information die Auswahl genau einer bestimmten Information aus einer Vielzahl anderer Möglichkeiten beschreibt, beinhaltet die Mitteilung die Art und Weise der Überbringung einer Information. Diese kann wiederum aus einer Reihe von Möglichkeiten gewählt werden, wie beispielsweise der verbalen oder nonverbalen Kommunikation. Die dritte Selektion der Kommunikation bezeichnet das Verstehen. Jenes bezieht sich direkt auf die vorangegangenen Operationen der Information und Mitteilung. Dabei greift ebenso (und insbesondere) das Verstehen auf unterschiedliche Verstehensmöglichkeiten zurück, indem Information und Mitteilung einer Deutung unterliegen. Somit blendet die Entscheidung für eine Deutungsmöglichkeit automatisch alle anderen aus und beeinflusst damit jegliche Anschlusskommunikation (Baraldi et al., 1997).

2.4 Gesellschaftliche Differenzierung

Bei der Betrachtung des Kerns der Systemtheorie als eine „allgemeine, soziologische Theorie, also eine allgemeine Frage, wie soziale Ordnung möglich ist" stößt man unweigerlich auf die im Rahmen der Gesellschaftstheorie von Luhmann unterschiedenen drei evolutionären Stufen der gesellschaftlichen Differenzierung (Luhmann, 2002, S. 13). Die Hauptphasen der gesellschaftlichen Evolution zeichnen sich u. a. durch unterschiedliche Strukturen, Komplexitätsgrade und typische Kommunikationsformen aus. Um die heutige, moderne Gesellschaft und die Ausdifferenzierung von Systemen innerhalb dieser beschreiben zu können, muss zunächst eine evolutionstheoretische Perspektive eingenommen werden. In Folge dessen werden an dieser Stelle die Differenzierungen der segmentären, stratifikatorischen und der funktional-differenzierten Gesellschaft aufgezeigt.

2.4.1 Segmentäre Differenzierung

Bei der segmentären Differenzierung handelt es sich um das einfachste Differenzierungsprinzip. Ihr sind einfache Gesellschaftssysteme wie archaischen Gesellschaften zuzuordnen, die in gleiche Teile (also Systeme) wie Stämme, Dörfer oder Familien eingeteilt werden. Jedes dieser Teilsysteme sieht andere gesellschaftliche Teilsysteme „nur als Ansammlung von gleichen oder ähnlichen Systemen. Das Gesamtsystem kann dadurch eine geringe Komplexität von Handlungsmöglichkeiten nicht überschreiten" (Kneer & Nassehi, 2000, S. 122). Die Beschränkung jener Handlungsmöglichkeiten beruht auf der Tatsache, dass die unmittelbare Anwesenheit von Personen für die Systembildung und - Aufrechterhaltung konstitutiv ist. Da segmentäre Gesellschaften auf dem Medium der oralen Kommunikation basieren, sind sie auf konkrete Interaktionen angewiesen und spiegeln damit das von Luhmann (1975) als einfachstes Sozialsystem bezeichnete Interaktionssystem wider. Als Strukturmerkmale können demnach die Anwesenheit mindestens zweier Personen sowie die darin implizierte gegen- und wechselseitige Wahrnehmung angeführt werden.

Segmentär differenzierte Gesellschaften erreichen somit ihre Grenzen, wenn konkrete Interaktionen unwahrscheinlich sind. Kneer und Nassehi (2000) führen als Grund für den Wechsel zu einer neuen, komplexeren Form der gesellschaftlichen Differenzierung die genannten „starken Limitationen ihrer eigenen Möglichkeiten gehäuft mit Erwartungsenttäuschungen" an.

[...]


[1] Siehe nachfolgenden Abschnitt Kommunikation.

[2] Siehe Kapitel 24.3 Funktionale Differenzierung.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Ausdifferenzierung des sozialen Systems Sport
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Sportwissenschaft)
Veranstaltung
Grundlagen der Soziologie des Sports
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V174227
ISBN (eBook)
9783640945863
ISBN (Buch)
9783640946167
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luhmann, Ausdifferenzierung, Säkularisierung, Inklusionsprinzip, gesellschaftliche Differenzierung, Sportsystem
Arbeit zitieren
Stefan Hasse (Autor), 2009, Die Ausdifferenzierung des sozialen Systems Sport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174227

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