Neue Sinnlichkeit? Sinnliche Wahrnehmung und Körperdiskurs in Texten der Gegenwartsliteratur


Magisterarbeit, 2001

158 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sinneswahrnehmung
2.1 Das konstruktivistische Paradigma
2.2 Eindringen der Welt
2.3 Konstruierte Welten
2.4 Sinneshierarchien
2.4.1 Das Primat der Objektivität
2.4.2 Das Primat der Unmittelbarkeit
2.4.3 Malerei vs. Plastik
2.5 Sehen
2.5.1 Blinde Flecken und Blendungen
2.6 Hören
2.7 Riechen
2.8 Schmecken
2.9 Tasten
2.10 Propriozeption

3 Körperbilder und –diskurse
3.1 Körper und Zeichen
3.1.1 Der gezeichnete Körper
3.1.2 Verdrängte Körper
3.2 Körper in Bewegung
3.3 Haut
3.3.1 Offener vs. geschlossener Körper
3.3.2 Häutungen
3.4 Am eigenen Leib erfahren: Raum und Zeit
3.5 Künstliche Intelligenz: Die leiblose Maschine?
3.6 Beruhigung im Unbewußten?

4 Identitätsbildung
4.1 Selbstbegegnungen
4.1.1 Eigenleib und Körperding
4.1.2 Selbstbewußtsein
4.2 Die Entstehung des Subjekts (historische Perspektive)
4.2.1 Intimisierung der Gesellschaft
4.2.2 Emanzipation vom Leib
4.2.3 Geschlechterrollen
4.3 Der Andere
4.3.1 Der Blick
4.3.2 Der Versuch, den Anderen zu lesen
4.4 Zersplitterungserscheinungen
4.4.1 Geschwindigkeit
4.4.2 Die verdoppelte Realität: das Medium Film
4.4.3 Virtuelle Realität
4.5 Spiegelungen

5 Präsenz und Repräsentation
5.1 Ähnlichkeit vs. Repräsentation
5.2 Der konstitutive Charakter des Zeichens: Saussure
5.3 Der Verlust der Präsenz: Derrida
5.4 Der `Sündenfall der Sprache´
5.5 Ästhetischer Widerstand: Jetzt, Präsenz und Körper

6 Erkenntnis
6.1 Sinnliche Erkenntnis
6.1.1 Umkehr der Lichtmetaphorik
6.1.2 Sinnliche Heimat?
6.2 Die Einbildungskraft
6.3 Der Beobachter
6.4 Schein und Sein
6.4.1 Verlust der Transzendenz
6.4.2 Die Simulation

7 Schlußbetrachtung

8 Anhang
8.1 Literaturverzeichnis
8.2 Abbildungsverzeichnis
8.3 Erklärung

1 Einleitung

Der Begriff `Neue Sinnlichkeit´ kursiert derzeit sowohl im Feuilleton als auch in germanistischer Fachliteratur als Schlagwort für die neueste literarische und philosophische Entwicklung. Die grobe Verallgemeinerung, die derartige Begriffe stets beinhalten, darf nicht den Blick verstellen für die intendierte fundamentale Erschütterung vorherrschender westlicher Erkenntniskonzepte und Blickwinkel der Selbstgewahrwerdung. Die Anbindung jeglicher Erkenntnisfähigkeit an sinnliche Wahrnehmung und (körperliche) Erfahrung bedeutet eine eminente Aufwertung der Leiblichkeit und damit der Materie.

Es gilt aufzudecken, welche Positionen im Diskurs um die Wahrnehmung von Wahrnehmung jeweils eingenommen werden. Das Feld wird einerseits abgesteckt durch die Annahme, es handle sich um einen rein rezeptiven Akt, Wahrnehmung bestehe sozusagen im Eindringen von Qualitäten existenter Entitäten in das psychische System des Menschen, und der konstruktivistischen Auffassung andererseits, die davon ausgeht, daß die neurologisch erzeugten Wahrnehmungsinhalte eine Interpretation des Neuronencodes darstellen, die keinerlei Schlüsse auf die (möglicherweise vorhandenen) Objekte zulassen. Wahrnehmung kann also durchaus nicht unproblematisch als Fundament einer Erkenntnistheorie gesetzt werden.

Gleichzeitig legt das Attribut `neue´ nah, daß eine Abgrenzung von bisherigen Konzepten stattfindet, die es qualitativ erlaubt, die Dichotomie `alt´ vs. `neu´ zu bemühen. Natürlich handelt es sich nicht um eine gänzlich neue Denkfigur, die ohne historische Vorläufer auskäme. Zu nennen wäre hier etwa das Prinzip der `sinnlichen Erkenntnis´ im ästhetischen Modell Baumgartens ebenso wie der Gegenpol Goethe als Vertreter der `klassischen´ Sinneshierarchie. Beispielhaft können die Veränderungen an einzelnen Motiven, wie dem des Spiegels, dargelegt werden.

Trotz aller Heterogenität sind die Linien – zumindest in der Theorie – recht deutlich zu erkennen. Die traditionelle Sinneshierarchie mit dem Distanzsinn Auge als höchstem Sinn erfährt eine radikale Umwertung. Die sogenannten niederen Sinne, die Nahsinne, und hier insbesondere das Taktile, werden zur zentralen Größe des Selbstgewahrwerdens. Der Begriff der `Unmittelbarkeit´ tritt in seiner ganzen körperlichen Dimension an die Stelle des Wahrheitsbegriffs. Die transzendentale Obdachlosigkeit kann so durch die sinnliche Heimat wettgemacht werden. Präsenz und Unmittelbarkeit werden durch das Einsetzen von Körper und personaler Erfahrung als unhintergehbares Zentrum jeder Erkenntnis aus ihrer Verbannung ins Reich der Schimären befreit, die in wohl radikalster Weise von Derrida vorgenommen worden ist.

Das Streben nach der Restituierung von Unmittelbarkeit im philosophischen Diskurs muß immer auch vor der Folie des linguistic turn gesehen werden. In fortschreitender Abfolge ist zunächst durch Saussure die Repräsentation, also der Verweis des Zeichens auf ein vorsprachliches Signifikat, und schließlich sogar im Dekonstruktivismus jegliche Präsenz durchgestrichen worden. Das Mittlere, das Medium, mithin das Zeichen tritt vor die direkte Erfahrung, alles ist nur noch durch Sprache gegeben. Dagegen wendet sich die `neue Sinnlichkeit´ des Körperdiskurses. Der Macht der Signifikanten, der Zersplitterung der Gesellschaft in Produzenten und Konsumenten von Zeichen, sowie der Auflösung der Anwesenheit wird nun der Körper entgegengesetzt.

Der Körperdiskurs befindet sich dabei jedoch immer in dem Dilemma, daß jeder Diskurs die heraufbeschworene Unmittelbarkeit in die Mittelbarkeit der sprachlichen Auseinandersetzung, also in die Angewiesenheit auf das Zeichen, überführt. Ein Satz wie: „Der Körper versteht es ganz von sich aus, `ich´ zu sagen“[1] beinhaltet diese Spannung. Der Annahme Waldenfels folgend, „das Gewahren meiner selbst [...] ist ein unvermeidliches `Nachgewahren´“[2], fügt der Körperdiskurs eine weitere Ebene hinzu, bildet das Nachgewahren des Nachgewahrens. Inwieweit ist eine Aussöhnung mit dem Zeichen auf dieser Grundlage noch denkbar?

Die Aufwertung von Leib und Sinneswahrnehmung ist jedoch nicht nur eine Reaktion auf die wissenschaftliche Verneinung von Präsenz, sondern ist auch mannigfaltigen Erfahrungen der heutigen menschlichen Existenz geschuldet. Die grundlegende Veränderung liegt in der ständigen Zunahme von Geschwindigkeit, die zu einer Atomisierung der Wahrnehmung und dem Einbruch des `Nicht-Ortes´ führt. Die `erste Realität´, jene der Erfahrung, wird abgelöst durch die ständige Ortsveränderung, wodurch die Dinge letztlich zu Zeichen werden.[3]

Hinzu tritt die Erfahrung der Manipulierbarkeit der Sinne, insbesondere des Auges durch gelenkte mediale Darbietung und Techniken der Virtuellen Realität. Im Gegensatz dazu haben sich die relativ neu entdeckten Interiorezeptoren, die sowohl den Körperlagesinn als auch das Bewegungsempfinden umfassen, als wesentlich manipulationsresistenter erwiesen, so daß ein unbewußter Sinn zum Rettungsanker der Identität werden kann. Der Körper wird sich seiner selbst unverstellt in der eigenen Bewegung gewahr.

Damit ist auch gleich die Gefahr eines neuen erkenntnistheoretischen Solipsismus umrissen. Handelt es sich also um eine Flucht in die Sinnlichkeit, eine ptolemäische Abrüstung, die den subjektiv erfahrbaren Schein dem objektiven Sein vorzieht? Erschöpft sich die Substanz der Philosophie des Leibes in einer reflexartigen Reaktion auf die zunehmende Marginalisierung von Körperlichkeit in der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Realität? Oder bildet der Körper tatsächlich die unmittelbare und unhintergehbare Basis jeder (Ich-)Erkenntnis? Inwieweit ist dies dann noch mitteilbar?

Die Textauswahl, die in dieser Arbeit vorgenommen wird, kann selbstverständlich in keiner Weise den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Auswahlkriterium ist einerseits literarische Qualität und andererseits Aktualität, die sich in ihrem Bezug zu gegenwärtigem gesellschaftlichen Geschehen und philosophischen Strömungen ausdrückt. Wichtig ist weiterhin, daß die Texte ein Spektrum abdecken, das es erlaubt, zugleich eine grundlegende Entwicklung, nämlich die Hinwendung zu Leib und Sinneswahrnehmung, und verschiedene Stufen der Verabsolutierung der personalen Erfahrung und damit der Atomisierung des Subjekts zu illustrieren.

Am Anfang dieser Arbeit stand die Hypothese, die Entwicklung in der Philosophie hin zu einer Zentrierung des Subjekts im Körper fände ihre Entsprechung in der zeitgenössischen Literatur. Mehr und mehr stellte sich jedoch heraus, daß Philosophie und Literatur zwar in einer parallelen Denkbewegung Sinnes- und Körperwahrnehmung ins Zentrum des Interesses rücken, aber die Beruhigung bei einer unbewußten Fundierung von Individualität, wie sie in der Philosophie des Leibes stattfindet, in den literarischen Werken so nicht anzutreffen ist. Die Literatur, die stets nicht nur Strukturen sondern auch das Individuum im Blickfeld hält, scheitert beim Versuch, Identität im Sinnlichen zu begründen. Ihr ist die Abstraktion von gesellschaftlicher Bindung, historischer Lage und Sprache nicht möglich, Individualität bleibt immer ungesichert. Die Gründe dieser Diskrepanz zwischen philosophisch gefeierter (Selbst-)Findung im Leiblich-Sinnlichen und literarischer Verstörung, einer ständigen Sehnsucht nach bewußten Identitätsinstanzen, müssen im Einzelfall diskutiert werden.

Das Bestreben dieser Ausführungen liegt darin, einerseits überblickartig Strukturen zeitgenössischer gesellschaftlicher, philosophischer und literarischer Strömungen aufzudecken und aufeinander zu beziehen und andererseits auch dem Eigenwert eines jeden Kunstwerks Rechnung zu tragen, der sich nie verlustfrei den Diskursen und Debatten subsumieren läßt.

2 Sinneswahrnehmung

Die menschlichen Sinnesorgane bilden die Einfallspforten für Informationen aus der Umwelt. Ihre Aufnahmefähigkeit und Arbeitsweise sind die Grundlage jeglichen Verhältnisses des Menschen zu seiner Umwelt. Die zunächst evident erscheinende abbildende Funktion der Sinne ist jedoch vielfach aufgrund verschiedenster wissenschaftlicher Forschungen und philosophischer Überlegungen in Frage gestellt worden. Es tritt eine Skepsis zutage, die sich schon im Begriff `wahr-nehmen´ niederschlägt. Die jeweils vertretenen Auffassungen über die Bedingungen und Möglichkeiten sinnlicher Wahrnehmung beinhalten weitreichende Implikationen hinsichtlich der prinzipiellen Zugänglichkeit und Erkennbarkeit von Welt, der Bedeutung der materialiter erscheinenden Oberfläche und der Kommunizierbarkeit von Erfahrung und Erkenntnis.

Die Welt `wie sie ist´ kann nur dann für den Menschen zugänglich sein, wenn er über realitätsgetreu abbildende Sinnesorgane verfügt. Der Sinnesapparat, der eine partielle Öffnung des Körpers nach außen darstellt, wäre dann ein zuverlässiger Lieferant von Informationen, Erfahrungen und somit letztlich von (Welt-)wissen. Die Verläßlichkeit und Bedeutung der einzelnen Sinnesorgane für Erkenntnisprozesse ist im historischen Wandel sehr unterschiedlich bewertet worden. Die daraus resultierenden Sinneshierarchien sind eng gekoppelt an die jeweilige Bewertung von Leiblichkeit und Materie.

Prinzipiell läßt sich jedoch sagen, daß Sinneswahrnehmung erst dann als erkenntnisträchtig angesehen werden kann, wenn die sich darbietende, wahrnehmbare Oberfläche nicht das Wesen verhüllt. Solange die sinnlich erfahrbare Welt nur eine Scheinwelt darstellt, wie etwa im Platonismus, bleibt auch Sinnlichkeit im Reich des Scheins verhaftet, ist gar dessen größter Förderer. Das Wahrgenommene ist dann entweder eine Täuschung, die vom Kern ablenkt, oder ein notwendiges Durchgangsstadium, das – den Bedingungen der menschlichen Existenz geschuldet – überwunden werden muß. Die implizierte Leibfeindlichkeit ist evident.

Die empiristisch-sensualistische Wende, also die Hinwendung zur Erscheinung und den gegebenen sinnlichen Daten, ändert den Stellenwert von Wahrnehmung grundlegend. So formuliert Edmund Burke 1757 beispielhaft:

Die große Kette der Ursachen, die Glied für Glied miteinander verbunden ist – bis selbst zum Thron Gottes hin, kann niemals durch irgendwelche Bemühungen wie die unseren auseinandergebrochen werden. Wenn wir auch nur einen Schritt hinter die unmittelbaren sinnlichen Qualitäten vordringen wollen, verlassen wir unser Reich. Alles was wir dort verrichten, ist nur ein ohnmächtiges Ringen und zeigt, daß wir uns in einem Element befinden, das nicht zu uns gehört.[4]

Das Reich sinnlicher Qualitäten ist gleichbedeutend mit dem Reich menschlicher Erkenntnisfähigkeit. Alles Metaphysische liegt jenseits zuverlässiger Aussagen. Dessen Sinnhaftigkeit wird allerdings trotz dieser Unzugänglichkeit nicht bestritten. Interessant im Kontext dieser Arbeit ist vor allem die Aufwertung sinnlicher Wahrnehmung zum genuinen Bereich von Erfahrung und Erkenntnis, den zu verlassen ein `ohnmächtiges Ringen´ nach sich ziehe. Im gleichen Atemzug wird eine sinnliche Qualität genannt, die im folgenden von zentraler Bedeutung sein wird, nämlich jene der `Unmittelbarkeit´. Die vollzogene Diesseitszuwendung, später durch die neuartige und verstörenden Negierung jeglichen metaphysischen Bezugsystems noch vorangetrieben, erhebt die erfahrbare Welt zur einzig existenten.

Der Mensch herrscht jedoch keineswegs souverän über seine Sinneserfahrung. Die Sinnesorgane erweisen sich häufig als nicht verschließbare Pforten, die den Menschen dem `Terror´ der Welt aussetzen.

An die Welt, die doch kränker war als je seine Glieder, reichte sein Haß offenbar nicht heran. Die Welt spiegelte sich in seinem Haß, ohne von ihm berührt zu werden. Nicht nur seine Poren, auch seine Augen waren Ventile. Seine blassen, brauenlosen Augen, die sich im Gesicht kaum halten konnten [...] ließen ungehindert die Gemeinheit ein, ohne sie zurückwerfen zu können.[5]

Der Protagonist in Jörg-Uwe Albigs Roman Velo, Enzberg, ist seinen Umwelteindrücken hilflos ausgeliefert. Symptomatisch für diese Wahrnehmungshypothese ist die Gestaltung der Welt als – zumeist feindliches – Gegenüber, das durch die ins Individuum eindringenden Sinneseindrücke das Handeln der Hauptfigur bestimmt. Die unausweichliche rezeptive Wahrnehmung hat prägenden Charakter, so daß der Einzelne die Spiegelung des Erfahrenen wird.

Demgegenüber ist in der Philosophie immer wieder die Meinung vertreten worden, es handle sich bei Sinneswahrnehmung keineswegs um einen aufnehmenden, sondern vielmehr um einen konstituierenden Akt. Der Einzelne ist nicht ausschließlich das Resultat seiner Umwelt, sondern vielmehr das seiner `interpretatorischen´ Tätigkeit. So wird der Verhaltens- und Erfahrungsspielraum individualisiert und erweitert. Gleichzeitig droht jedoch die solipsistische Abgeschlossenheit in der eigenen Wahrnehmung.

Es wird im folgenden im theoretischen Bereich zu untersuchen sein, welche Konsequenzen diese konstruktivistische Sichtweise zeitigt, inwiefern sich die einzelnen Wahrnehmungsmodi voneinander unterscheiden und welche Bedeutung ihnen zugesprochen wird. Eine wichtige Modifikation hinsichtlich der Bandbreite des menschlichen Sensoriums ist durch die `Entdeckung´ propriozeptiver Sinne eingetreten. Durch die Erweiterung der bisher auf fünf Sinne beschränkten Wahrnehmungsfähigkeit wird vor allem eine Aufwertung unbewußter Prozesse für Erkenntnis und Identitätsbildung vorgenommen.

In Bezug auf die angeführten Romane läßt sich zeigen, daß zeitlich parallel sowohl eine rezeptive Vorstellung von Wahrnehmung als auch eine konstruktive Auffassung vertreten werden. Das jeweils zugrundeliegende Modell bestimmt auf der inhaltlichen Ebene die Handlungsmacht der Protagonisten und bildet sich auf der formalen Ebene als methodisches Prinzip des Erzählens ab.

2.1 Das konstruktivistische Paradigma

Die Auffassung, Wahrnehmen bedeute nicht Abbilden von Tatsachen mit Hilfe der Sinnesorgane, erschüttert die Gewißheit, es gebe eine erschließbare Welt. Burkes Annahme, „daß – entsprechend der annähernden oder vollkommenen Gleichheit ihrer Organe – die Art der Wahrnehmung äußerer Objekte bei allen Menschen dieselbe ist oder nur geringe Unterschiede aufweist“[6], bedeutet schon eine Relativierung. Vergleichbar bleibt hier nur noch die `Art der Wahrnehmung´. Der common sense dient als Größe der Vergewisserung. Eine Beruhigung, die das Fundament zu weitreichendem Einklang legt.

Denn da die Sinne die großen Quellen aller unserer Ideen und infolgedessen auch aller unsrer Vergnügungen sind – so muß, wenn diese Quellen nicht ungewiß und willkürlich sind, die ganze Grundlage des Geschmacks allen gemeinsam sein.[7]

Der Anschauung liegt eine Regelhaftigkeit zugrunde, die durch konsequente empirische Untersuchung zugänglich gemacht werden kann. Die im common sense ablesbaren `gemeinschaftlichen Prinzipien´ korrespondieren mit den zugrundeliegenden strikten Gesetzen der Natur, die Burke mit seinem induktiven Verfahren freilegen möchte. Wahrnehmung beinhaltet demzufolge mehr als die subjektive Erfahrung, weil durch sie Naturgesetze erkannt werden können. Bleibt der Mensch auch dem Reich der Sinne verhaftet, was dazu führt, daß die Philosophie sich methodisch auf Wahrnehmung beschränkt, so strebt er doch die Erkenntnis jenseitiger Prinzipien an. Objektivität wird zwar durch Intersubjektivität ersetzt, aber der metaphysische Sinnhorizont bleibt erhalten.

Die Hoffnung, einen objektiven Sinnzusammenhang sinnlich erfahren zu können, verringert sich allerdings erneut in dem Moment, in dem nicht mehr die Dinge Wahrnehmung bestimmen, sondern die inneren Prozesse. Das konstruktivistische Paradigma besagt, „daß unsere Empfindungen nicht die Eigenschaften der Objekte selbst, vielmehr nur Modifikationen unsere Seele sind“[8], oder gut 200 Jahre später in neurologischer Terminologie formuliert:

Der Übergang von der physikalischen und chemischen Umwelt zu den Wahrnehmungszuständen des Gehirns stellt einen radikalen Bruch dar. Die Komplexität der Umwelt wird `vernichtet´ durch ihre Zerlegung in Erregungszustände von Sinnesrezeptoren. Aus diesen muß das Gehirn wiederum durch eine Vielzahl von Mechanismen die Komplexität der Umwelt [...] erschließen. Dabei werden durch Kombinationen auf den vielen Stufen der Sinnessysteme jeweils neue Informationen, neue Bedeutungen erzeugt.[9]

Das Beispiel Condillacs verdeutlicht, daß eine konstruktivistische Auslegung von Wahrnehmungsakten durchaus keine Erfindung des 20.Jahrhunderts darstellt. In schöner Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen existieren rezeptive und konstruktivistische Auffassungen nebeneinander. Die konstruktivistische Strömung hat in den letzten Jahren allerdings in Gestalt des radikalen Konstruktivismus eine neuartige Fundierung durch neurologisch-biologische Forschung erhalten.

Die Erforschung neuronaler Aktivitäten, der `Sprache der Neuronen´, wirft die grundsätzliche Frage der Kompatibilität der physikalisch-chemischen Umweltvorgänge und deren Überführung in einen für das Gehirn verarbeitbaren Code auf. Da die Weiterleitung von Sinneseindrücken zum Gehirn über Neuronenbahnen erfolgt, die lediglich mit Erregungszuständen und Aktionspotentialen miteinander `kommunizieren´ können, erlauben die so gewonnenen Informationen keine direkten Rückschlüsse auf die Geschehnisse der Umwelt. So interpretiert zum Beispiel das Farberleben nur die Reflexionsverhältnisse des Lichts. Konsequenterweise sind „Wahrnehmungen [...] immer nur Hypothesen über die Umwelt“[10] und „die Wirklichkeit, in der ich lebe [ist] ein Konstrukt des Gehirns“[11].

So gerät auch die Bezugsgröße des intersubjektiven common sense ins Wanken. Die jeweils im Gehirn vollzogene Interpretation der Sinnesdaten und die daraus folgende Konstruktion einer Umwelt basiert einzig auf bereits vorhandener Erfahrung, also letztlich auf neuronaler Verschaltung. „Wahrnehmen also ist ein facere facta; sehe ich (im Sinne der Wahrnehmung), so habe ich schon gesehen.“[12] Wahrnehmung geschieht immer im Lichte vorhergehender Wahrnehmungsakte. Die Suche nach objektiven oder zumindest intersubjektiven Wahrheiten wird so obsolet. Die `Realität´ bleibt prinzipiell unerfahrbar.

Wir haben drei Welten vor uns, die alle in ihrer Beschaffenheit verschieden sind: die Außenwelt, die allgemein als die `physikalische Welt´ bezeichnet wird, die Welt der neuronalen Ereignisse im Gehirn und die subjektive Erlebniswelt.[13]

Das leitende Prinzip ist das des Überlebens, was durch `passende´ Handlungen sichergestellt wird. Auch die `subjektive Erlebniswelt´ dient als evolutionärer Trick diesem Ziel. Einerseits erlauben emotionale Bewertungen von Situationen schnelle Reaktionen, andererseits brauchen inner Aktivitäten eine eigenen Signatur, damit sie von äußeren Begebenheiten unterschieden werden können. Allerdings bleibt der Einzelne unentrinnbar in seinem Neuronencode gefangen. Mit der Reduktion interner Prozesse auf Neuronentätigkeit „ist letztendlich jedes Zentralnervensystem von der Umwelt `isoliert´.“[14] Der Zugang zur `physikalischen Welt´ ist weitgehend versperrt, die `Welt der neuronalen Ereignisse´ bleibt unbewußt, so daß nur noch die subjektive Erlebniswelt, das Reich der Erfahrungen und Gefühle, als Grundlage jeglichen Handelns und Erkennens zur Verfügung steht. Die damit einhergehende Isolation bedeutet aber auch eine Freisetzung des Individuums.

Hinsichtlich der Reflektion von Sinneswahrnehmung verliert der subjektive Aspekt jeder Wahrnehmung den Status des notwendigen Übels und wird vielmehr zur entscheidenden, weil einzig bewußt zugänglichen Größe. Welterschließung erfolgt immer subjektiv. Nicht die einzelnen Sinnesorgane konstituieren isoliert voneinander eine Welt, sondern erst die zentrale Verschaltung erzeugt ein Weltbild. „Nicht das Auge sieht, nicht das Ohr hört, nicht die Haut empfindet Wärme und Kälte; sehend, hörend ist ein individuelles, lebendiges Subjekt in Kommunikation mit seiner Welt.“[15]

Zwar ist die Annahme Burkes, die gleiche Funktionsweise des Sensoriums bei allen Menschen biete die Grundlage für gleiche Wahrnehmungsleistungen, durch eine neurologisch orientierte Theorie nicht hinfällig, aber einerseits ähneln neuronale Verschaltungen in ihrer Komplexität einander nur bedingt und andererseits bleibt die `Interpretation´ der entstehenden Datenmengen der entscheidende Faktor subjektiver Welterfahrung. Erlebnisse sind abhängig von schwer verrechen- und vorhersagbaren emergenten Prozessen des Nervensystems.

Es genügt, sich über diese Struktur des Nervensystems klar zu werden [...], um uns zu überzeugen, daß die Wirkung der Projektion eines Bildes auf die Netzhaut nicht im Sinne einer Telefonverbindung zu einem Rezeptor zu verstehen ist. Sie wirkt vielmehr wie eine Stimme (Perturbation), welche zu den vielen Stimmen bei einer heftigen Diskussion in einer großen Familie hinzukommt (Relationen von interner Aktivität zwischen allen konvergierenden Projektionen), wobei der schließlich erreichte Konsens über zu unternehmende Aktionen nicht Ausdruck dessen ist, was die Familiemitglieder im einzelnen vorgebracht haben.[16]

Ein entscheidender Vorteil der Emergenzhypothese, also der Annahme, Bewußtsein ergebe sich als Systemeffekt aus dem Zusammenspiel unbewußter Neuronentätigkeit, besteht in der Vermeidung des unendlichen Regresses, der derjenigen Annahme, bewußte Prozesse seien prinzipiell von unbewußten zu scheiden, innewohnt. Eine bewußte Instanz, die den unbewußten Vorgängen enthoben ist und die gelieferten Sinnesinformationen auswertet, setzt einerseits ein abbildendes Verfahren und andererseits eine die Abbildung wahrnehmende Substanz voraus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: infiniter Regreß bei der Hypothese abbildhafter Wahrnehmung

In Bezug auf Sinneswahrnehmung läßt sich dieser infinite Regreß nur „durch den konsequenten Verzicht auf die Annahme, im Gehirn entstünden Abbilder der Außenwelt“[17], vermeiden.

Die Begründung von Bewußtsein durch Emergenzeffekte niederer neuronaler Aktivität erlaubt es zwar nicht, den Moment der Entstehung von Bewußtsein zu benennen[18], es bedarf aber zur Interpretation der eingehenden Daten nicht mehr einer substantiell verschiedenen Instanz. Die Formulierung, das Gehirn `interpretiere´ die Neuronenpotentiale, dient also nur der Veranschaulichung und darf keineswegs als ein Interpretationsvorgang aufgefaßt werden, wie er bei einer Erkenntnisleistung, die auf Subjekt-Objekt Trennung beruht, stattfindet.

Allerdings schließt die konstruktivistische Bewußtseinstheorie ebensowenig wie die Auffassung, daß physikalische Welt, neuronale Ereignisse und subjektives Erlebnis grundsätzlich nicht miteinander verrechenbar sind, die Beeinflussung durch Umweltereignisse aus. Zwar strömt die `Wirklichkeit´ nicht wie durch ein Ventil ein, aber die Geschehnisse der Außenwelt lösen durchaus Nervenaktivität aus, die Voraussetzung jeder Erfahrung ist, die dann wiederum zur Interpretationsgrundlage wird.

2.2 Eindringen der Welt

Sowohl Velo als auch Patrick Süskinds Roman Das Parfum folgen inhaltlich und strukturell dem Paradigma der rezeptiven Sinneserfahrung, wobei in Das Parfum ein Umschlag hin zur Konstruktion stattfindet. Beide Roman schildern auf eindrückliche Art und Weise das Eindringen der feindlichen Welt in die Protagonisten, denen nur noch Strategien der Abkapselung bleiben, um sich vor diesen Übergriffen zu schützen. Enzberg flüchtet sich in die Bewegung (vgl. 3.2), in die bewußt herbeigeführte Reduktion der Wahrnehmung.

Enzberg fühlte sich beobachtet und begann, sich selbst zu beschatten. Seine rächenden Fahrten durch Berlin betrieb er an den folgenden Tagen mit um so finstererer Energie. Er fixierte ferne Punkte, um Übelkeit zu vermeiden. Zwischen Autoschlangen wühlte er sich mit dem Zorn eines Drachentöters hindurch, sein rechter Fuß zuckte stoßbereit. Seine Oakley-Brille rahmte die Welt wie das Periskop eines U-Boots. Der gelbe, flache Plastikhelm verdoppelte die Kuppel seiner Glatze, so daß die Welt abglitt und zur Hölle fuhr. (V 84)

Enzbergs Ausrüstung dient dazu, sich der einströmenden Welt nicht in Gänze auszusetzen, sondern sie zu filtern. Stromlinienförmigkeit und Panzerung sollen unangreifbar machen. Nur so kann Enzberg vorübergehend der Boshaftigkeit entfliehen und sie sogar durch sein aggressives Verhalten partiell zurückzahlen. Albigs Roman führt drastisch die Isolation des Einzelnen in einer modernen Großstadt vor Augen. Dieser Großstadtroman, der phasenweise an Döblins Berlin Alexanderplatz erinnert, zeigt den Einzelnen einer Fülle von Sinneseindrücken ausgeliefert, deren sinnstiftende Verarbeitung ebenso unmöglich ist wie eine nicht zerstörerische Beziehungsaufnahme zu einem Anderen. Der Plot ist ebenso reduziert wie der Handlungsspielraum der Protagonisten.

Enzberg, der Tag für Tag im `Kampf um Selbsterhaltung´ mit seinem Fahrrad durch den Dschungel der Stadt schneidet, lernt im Krankenhaus die Krankenschwester Lolli kennen, die sich schon bald darauf „mit seinem Körper gegen ihn zur Front“ (V 13) verbündet. Diese `Beziehung´ kann jedoch keineswegs die Isolation aufheben oder gar mildern, sondern führt sie vielmehr in ihrer ganzen Ausweglosigkeit vor Augen. Albig setzt montageartig Enzberg und den/die Leser/in Schnipseln aus Film, Literatur und Zeitgeschehen aus, die nicht mehr strukturierbar sind. Analog zum zeitgenössischen Verfahren in der Musik ließe sich hier wohl von einer Sampletechnik reden. Eingesammelt wird, was sich in der Überfülle an Informationen überall findet. Der Aufbau des Romans weist dieselbe Struktur des Getriebenseins auf. Erzählt wird nicht chronologisch, sondern in beliebiger Reihenfolge. Die Struktur entspricht also der völlig ungeordneten, fast gänzlich unreflektierten Wahrnehmungsweise Enzbergs. Die Zerrüttung des Ich als selbstbewußtseins- und erkenntnisstiftende Instanz führt zugleich zur Isolierung des Einzelnen und der Auflösung klar erkennbarer Ich-Grenzen. Diese Denkfigur verdeutlicht die fundamentale Erschütterung von Identität, die ja immer nur aus dem Zusammenspiel von Grenzziehung und Kontaktaufnahme entstehen kann (vgl.4).

Die Konzeption des Romans Das Parfum folgt zunächst ähnlichen Prinzipien. Grenouille ist von der ersten Sekunde seines Lebens einer boshaften, stinkenden Welt ausgesetzt,

denn der zersetzenden Aktivität der Bakterien war im achtzehnten Jahrhundert noch keine Grenze gesetzt, und so gab es keine menschliche Tätigkeit, keine aufbauende und keine zerstörende, keine Äußerung des aufkeimenden oder verfallenden Lebens, die nicht von Gestank begleitet gewesen wäre.[19]

Dieser allgegenwärtige üble Geruch bedeutet jedoch mehr als eine olfaktorische Zumutung, er ist der Ausdruck einer tiefliegenden Feindseligkeit und Boshaftigkeit. Da sich das Wesen der Dinge und Menschen Grenouille, dessen Weltwahrnehmung fast ausschließlich über den Geruchssinn erfolgt, im Geruch offenbart, ist diese erste, alle weiteren Handlungen bestimmende Erfahrung von Gestank gleichbedeutend mit dem fundamentalen Erleben von Ablehnung. So verschließt sich Grenouille gegen die Außenwelt.

So ein Zeck war das Kind Grenouille. Es lebte in sich selbst verkapselt und wartete auf bessere Zeiten. An die Welt gab es nichts ab als seinen Kot; kein Lächeln, keinen Schrei, keinen Glanz des Auges, nicht einmal einen eigenen Duft. (P, 29)

Da seine Mutter versucht, ihn direkt nach der Geburt zu töten, ist er von der ersten Minute seiner Existenz an der Dichotomie Leben oder Liebe ausgesetzt. Beides zusammen bleibt undenkbar, so daß er, um zu überleben, das Leben seiner Mutter, die als Kindsmörderin hingerichtet wird, vernichten und jegliche positive emotionale Zuwendung von vornherein ausschließen muß.

Für seine Seele brauchte er nichts. Geborgenheit, Zuwendung, Zärtlichkeit, Liebe – oder wie die ganzen Dinge hießen, deren ein Kind angeblich bedurfte – waren dem Kinde Grenouille völlig entbehrlich. Vielmehr, so scheint uns, hatte er sich selbst entbehrlich gemacht, um überhaupt leben zu können, von Anfang an. Der Schrei nach seiner Geburt, der Schrei unter dem Schlachttisch hervor, mit dem er sich in Erinnerung und seine Mutter aufs Schafott gebracht hatte, war kein instinktiver Schrei nach Mitleid und Liebe gewesen. Es war ein wohlerwogener, fast möchte man sagen ein reiflich erwogener Schrei gewesen, mit dem sich das Neugeborene gegen die Liebe und dennoch für das Leben entschieden hatte. (P, 28)

Während seine Umwelt in alltäglicher mittlerer Gemeinheit verharrt, entwickelt Grenouille einen veritablen Haß auf die Menschen im allgemeinen und eine zerstörerische Form der Liebe zu Mädchen mit einem Duft von reiner Schönheit. Seine außergewöhnliche Fähigkeit, Gerüche aufzunehmen, zu erinnern und schließlich auch zu kreieren, trennt ihn in seiner Sinneserfahrung von den ihn umgebenden Menschen. Seine Bemühungen, eine sozial tolerierte Existenz in Einklang mit seiner Begabung zu führen, scheitern. Er muß entdecken, daß auch in der Welt der Parfumhersteller weder seine Befähigung noch seine Leidenschaft ein Gegenüber finden. Nach einem völligen Rückzug aus menschlicher Gesellschaft, der ihm die Einsicht beschert, daß er absolut keinen Körpergeruch aussondert, beschließt er, seine Gabe als Herrschaftsinstrument zu nutzen.

Ja, lieben sollten sie ihn, wenn sie im Banne seines Duftes standen, nicht nur ihn als ihresgleichen akzeptieren, ihn lieben bis zum Wahnsinn, bis zur Selbstaufgabe, zittern vor Entzücken sollten sie, schreien, weinen vor Wonne, ohne zu wissen, warum, auf die Knie sollten sie sinken wie unter Gottes kaltem Weihrauch, wenn sie nur ihn, Grenouille, zu riechen bekamen! Er wollte der omnipotente Gott des Duftes sein, so wie er es in seinen Phantasien gewesen war, aber nun in der wirklichen Welt und über wirkliche Menschen. Und er wußte, daß dies in seiner Macht stand. Denn die Menschen konnten die Augen zumachen vor der Größe, vor dem Schrecklichen, vor der Schönheit und die Ohren verschließen vor Melodien oder betörenden Worten. Aber sie konnten sich nicht dem Duft entziehen. Denn der Duft war ein Bruder des Atems. (P 198f.)

Der von ihm komponierte Duft, der zu einer Massenhysterie von orgiastischem Ausmaß führt, an deren Ende sein Tod steht, liegt fern jener Düfte, die er auf spielerische Art zuvor als künstlichen Körpergeruch kreiert hat. Dieser letzte Duft stellt sein Meisterwerk dar. Es handelt sich jedoch um eine pervertierte Kunst, weil sie ihren Ausgangspunkt in Herrschaftswunsch und Omnipotenzphantasien findet, der Hybris verfallen ist. Der Übergang von der passiven Aufnahme von Gerüchen zu einer aktiven Gestaltung verläßt nie den Schatten der Erfahrungen, die Grenouille mit seiner Umwelt machen mußte. Die Koppelung menschlicher Beziehungen an Machtansprüche bleibt unauflösbar.

Nachdem er sich völlig in sich selber eingeschlossen hat, seine Versuche, eine geregelte Existenz zu führen, gescheitert sind, kann er seinem angestauten Haß Ausdruck verleihen. Er ist zwar mit einer besonderen Begabung versehen, die es ihm erlaubt, nicht nur den eindringenden Gerüchen ausgesetzt zu sein, sondern auf der Basis von erlernten Fähigkeiten und angeborener Befähigung etwas Eigenes, völlig Neues zu schaffen, dem die Menschen ebenso ausgeliefert sind wie dem Gestank ihrer Umgebung, aber er kann dem Grunderlebnis von Ablehnung, das sich in ihn eingebrannt hat, nicht entkommen. Grenouille ist mehr als ein Dufterzeuger um des Verkaufs willen, er ist ein Künstler. Dementsprechend kann Das Parfum als Entwicklungsroman eine Künstlers gelesen werden.

Was Grenouille ins Werk zu setzen unternimmt, ist nichts Geringeres als eine `materiale Ästhetik´, die dem Wahrnehmungsgeschehen auf die Spur zu kommen und dieses konstruktiv zu simulieren versucht – eine Abstraktionsleistung, in der Materie und innerhalb der Materie, die dem Verfahren des Dichters, seiner semiotischen Ästhetik und der in ihr angelegten semiologischen Konstruktion [...] komplementär ist.[20]

Grenouille wird jedoch durch die Grausamkeit seines Umfeldes gehemmt, er kann seine Begabung niemals rein schöpferisch anwenden, immer wohnt seinen Werken der Impetus des Zerstörens inne. Konstruktiv ist nicht der Wahrnehmungsakt selber, der die Umwelt abbildet, sondern einzig das künstlerische Schaffen.

Seine Entsprechung findet das Gegeneinander von Rezeption und Konstruktion in der Spannung zwischen oberflächlich realistisch-abbildendem Erzählen und der immer wieder hervortretenden grotesken Konstruiertheit. Die häufig detailreiche Darstellung historischer Gegebenheiten und fiktiver Figuren wird allzu oft durchbrochen von satirischen Elementen, die allerdings dem Eindruck des Realismus kaum einen Abbruch tun. Analog zur Dominanz des Erlebten gegenüber dem eigenen Werk auf der inhaltlichen Ebene, herrscht auch erzähltechnisch das mimetische Verfahren über die Eigenkreation.

2.3 Konstruierte Welten

Morbus Kitahara von Christoph Ransmayr ist in der – noch recht spärlichen – Sekundärliteratur bisher fast ausschließlich hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem 3. Reich und dem Umgang der Siegermächte mit den Besiegten rezipiert worden. Die Tatsache, daß Sinneswahrnehmungen sowohl auf der Handlungsebene als auch narrativ eine bedeutende Rolle zukommt, ist kaum berücksichtigt worden, und das obwohl schon als Titel die Bezeichnung einer Sehstörung verwendet wird. So konstatiert Liessmann ein „hohes Maß an Artifizialität“[21] in der Darstellungsweise, während Niekerk eine „Spannung zwischen `realer´ und möglicher Welt“[22] entdeckt, ohne daß auf den konstruierenden Wert von Wahrnehmungsakten rekurriert wird, denen auf der Ebene der Erzähltechnik eine ausgeprägte Konstruiertheit entspricht. Die Bedeutsamkeit der Sinneserfahrung, die ihren Ausdruck ex negativo aus der extremen Limitierung der Wahrnehmungsfähigkeit aller agierenden Figuren und insbesondere den blinden Flecken Berings findet, scheint ihrerseits blinden Flecken der Rezipienten zum Opfer gefallen zu sein.

Das Sichtfeld aller Charaktere im Roman ist aufgrund von traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit eingeschränkt. Sie können Gegenwart und Zukunft immer nur im Lichte der Vergangenheit sehen. Am Anfang steht also jeweils ein Erleben der Umwelt, ein Aufnehmen äußerer Begebenheiten. Der Roman folgt jedoch trotzdem einem konstruktivistischen Ansatz. Auch die Theorie des radikalen Konstruktivismus bestreitet keineswegs, daß es für Wahrnehmungserlebnisse `realer´ Geschehnisse, also physikalisch-chemischer Ereignisse, bedarf. Die Realität wird nicht durchgestrichen, aber als unzugängliches Phänomen eingestuft.

Die Welt in Morbus Kitahara ist in vielerlei Hinsicht eine konstruierte Welt. Zunächst lebt jeder einzelne in seiner eigenen Wirklichkeit. Ambras, der sogenannte Hundekönig, der von den ehemaligen Machthabern in ein Lager gesperrt und gefoltert und nun von der Besatzungsmacht als Verwalter in Moor eingesetzt worden ist, lebt isoliert von den anderen Bewohnern des Dorfes, seine Gesellschafter sind Hunde. Er flüchtet sich in die Miniaturwelten der Wachstumskanäle von Smaragden, die er akribisch sammelt und unter der Lupe studiert. Berings Vater, der Schmied des Dorfes, kehrt völlig verstört aus dem Krieg zurück und erblindet. Berings Mutter rettet sich in einen wahnhaften Marienkult.

Nur Lily, neben Bering Ambras einzige Vertraute, kann sich der völligen Fixierung auf Vergangenes entziehen und eine Zukunftsperspektive entwickeln. Folgerichtig lebt sie als Grenzgängerin zwischen den beiden Welten Moor und Tiefland. Doch auch sie gibt ihren perspektivischen Verzerrungen nach, wenn sie auf Menschenjagd geht. Indem sie die Rolle der Gejagten, der sie als Händlerin und Schmugglerin ausgesetzt ist, gegen die Rolle der Jägerin vertauscht, wiederholt sie eine Jugenderfahrung. Ihr Vater, der in dem zugrundegehenden Regime zu den Tätern gehörte, wird von einer Gruppe von Flüchtlingen, also Opfern, ermordet. Die Durchlässigkeit und Fragilität der Täter-Opfer-Dichotomie perpetuiert sich während Lilys Menschenjagden.

Doch nicht nur die personalen Welten erweisen sich als Konstrukte, auch die Realität des Dorfes Moor ist eine geschaffene. Nach der Niederlage des herrschenden Regimes statuieren die Sieger ein Exempel und verwandeln Moor in eine vorindustrielle Gesellschaft. Bering muß jedoch bei seiner Reise ins Tiefland feststellen, daß die Sühne, die dadurch geleistet werden soll, völlig auf sein Heimatdorf beschränkt bleibt. Im Tiefland herrschen gänzlich andere Verhältnisse, Industrie und Kapitalismus bestimmen das Leben in den Städten. Moor bildet eine Enklave der Buße, was zu einem gesellschaftlichen Leben völlig eigener Ausprägung führt.

Ein weiterer Bruch mit der Auffassung, Realität sei abbildbar, wird auf der Ebene der Leser-Text-Interaktion vollzogen. Der Roman verweigert sich bewußt der Darstellung einer konkreten historischen Situation. Die gegebenen Hinweise rufen sofort die Folie des Nationalsozialismus wach, so daß der Eindruck eines Schlüsselromans entstehen könnte. Mit Sicherheit spielt die Auseinandersetzung mit dem faschistischen Regime eine Rolle, aber im Mittelpunkt von Morbus Kitahara steht nicht das Abarbeiten an einer historischen Begebenheit anhand des Durchspielens sozialer Möglichkeiten, sondern die Einschränkung von Wahrnehmungen aufgrund von Erlebnissen und der daraus resultierenden Konstruktion von Wirklichkeit. Deshalb beansprucht dieser Roman nicht, detailreich eine historische Wahrheit darzustellen, er setzt vielmehr den/die Leser/in gezielt dem Phänomen der Wirklichkeitskonstruktion aus.

Die augenfälligste Beschränkung des Gesichtsfeldes erleidet die Hauptfigur Bering. Die titelgebende Krankheit durchlöchert seinen Blick, schwarze Flecken reißen Krater in seine visuelle Wahrnehmung. Beachtet man allerdings die Geschichte Berings, erhalten die dunklen Flecken, die zunächst negativ konnotiert zu sein scheinen, eine andere Bedeutung. Sein frühkindliches Erleben ist geprägt von Dunkelheit und allgemeiner Reizdeprivation.

Es war dunkel in Berings erstem Jahr. Die beiden Fenster seiner Kammer blieben bis tief in den Frieden von Oranienburg vernagelt [...]. So schaukelte, schwebte, segelte Bering durch seine Dunkelheit dahin und hörte aus der Tiefe unter sich manchmal die brüchigen Stimmen dreier Legehennen, die in der Bombennacht aus dem brennenden Stall der Schmiede gerettet und schließlich mit aller wertvollen Habe in die unversehrte Kammer geschlossen worden waren. Das Kollern und Scharren dieser Hühner in ihrem Drahtkäfig war in Berings Dunkelheit stets lauter als das Getöse der ausgesperrten Welt.[23]

Das Abschotten von der Außenwelt, in der ein Krieg tobt, dient seinem Schutz. Seine ersten Erfahrungen mit der `ausgesperrten Welt´ zeigen allerdings, daß er aufgrund seiner Abgeschlossenheit in einer äußerst reizarmen Umgebung nicht in der Lage ist, die Vielzahl der auf ihn einströmenden Ereignisse sinnstiftend zu verarbeiten. Symptomatisch für seine Entfremdung von der sozialen Realität ist seine erste Begegnung mit seinem Vater, der aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Einer völlig fremden Welt und einem völlig fremden Mann ausgeliefert, flüchtet er sich in seinen eigenen Schrei, der die Sprache seines Kerkers aufgreift; er schreit wie ein Vogel. Diese unauslöschliche Urerfahrung der Abgegrenztheit führt dazu, daß für Bering Sicherheit Dunkelheit und Weltentzug bedeutet.

Und wenn er [Bering] inmitten einer verzückten Menge vor der Bühne stand und sich dem übermächtigen Klang hingab, glitt er manchmal tief in seine Jahre zurück, bis ins Dunkel der Schmiede, und schaukelte und schwebte wieder in seiner hängenden Wiege über Hühnerkäfigen, ein schreiendes Kind, das an seinem Gehör litt und sich vor dem Geklirr und Getöse der Welt in die eigene Stimme flüchtete: Tief im Inneren der großen Musik einer Band mußte er den schmerzhaften Weltlärm nicht mehr aus seinen eigenen Lungen und aus seiner eigenen Kehle übertönen, sondern dort war es dieser fremde, seinem Urgeschrei und seinen Vogelstimmen seltsam verwandte Klang, der ihn wie ein Panzer aus Rhythmen und Harmonien umfing und schützte. Und selbst wenn ihm die Lautstärke eines Konzerts manchmal das Gehör zu sprengen drohte und ihn für einige Sekunden ertauben ließ, empfand er noch in dieser plötzlichen, klingenden Stille die geheimnisvolle Nähe einer Welt, in der alles anders war als am Ufer und in den Bergen von Moor. (MK 147f.)

Dunkelheit und Stille, hier durch ihr Gegenteil, extremen Lärm, erzeugt, bilden einen schützenden Panzer um Bering. Die Welt, die als schmerzhaft erfahren wird, bleibt ausgeschlossen. Weil Hören sein ursprünglicher Weltzugang ist, leidet Bering an dem Lärm der Welt. Eingepflanzt ist ihm nicht nur eine Überhörigkeit, sondern auch die Sehnsucht nach einer anderen Realität. Die Abgeschiedenheit seiner frühen Kindheit erscheint ihm heimatlicher als die Moorsche Realität. Nicht zufällig empfindet er die Nähe einer anderen Welt in dem Moment der Taubheit. Erst das Verschließen der Sinnesorgane, die Weigerung der Aufnahme von äußeren Eindrücken durch Taubheit und partielle Blindheit, erlaubt es, Über-sinnliches zu erfahren. Bering überläßt sich diesen Erfahrungen nicht, sondern ergänzt seine Wahrnehmung.

Gegen das Loch, das Lilys rätselhafte Entfernung in sein Leben riß, verlor das Loch in seinem Auge an Bedeutung, und an manchen Tagen gelang es ihm sogar, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, das fehlende, von diesem blinden Fleck verdunkelte Fragment seiner Welt zu ergänzen – und sah dann einen Hundeschädel, sah einen Stein, eine Strähne von Lilys Haar oder unter Ambras Lupe die Wachstumskanäle eines Smaragds, wo in Wahrheit nur Dunkelheit war. (MK 193)

Irritierend wirkt in diesem Zusammenhang der Begriff `Wahrheit´. Wahr ist die Dunkelheit und nicht die Ergänzung Berings, die wieder eine ganze Welt ohne Löcher herzustellen versucht. Das Erleben des klaffenden Lochs in seiner Welt, des Mangels und Ungenügens, ist von größerer Glaubwürdigkeit als die vorgetäuschte Sinneswahrnehmung. Einerseits erscheint hier Wahrheit als immer personal, an Empfindungen gebunden, andererseits laufen die Konstruktionen der Sinne, die eine geschlossene Realität zu erzeugen suchen, der Wirklichkeit des `anderen´, des Dahinterliegenden, zuwider.

2.4 Sinneshierarchien

Die einzelnen Sinnesorgane und ihre Wahrnehmungsleistung haben unterschiedliche Bewertungen erfahren. Zunächst werden sie in Nah- (Tasten, Schmecken) und Fernsinne (Sehen, Hören, Riechen) unterteilt, also in jene Sinne, die eines direkten Kontakts bedürfen und jene, die von der Leitung des Reizes durch ein Medium profitieren und so nicht auf unmittelbare Nähe angewiesen sind. Bei der Bildung von Sinneshierarchien hat sich gezeigt, daß insbesondere das Auge und der Tastsinn entgegengesetzte Qualitäten besitzen, die ihren Ausdruck im Primat der Objektivität bzw. der subjektiven Unmittelbarkeit finden. Offensichtlich bilden diese beiden Sinneswahrnehmungen dichotome Pole.

Mit der jeweiligen Wertigkeit dieser Pole geht eine unterschiedliche Stellung zu Leiblichkeit und individuellem Erleben einher. Gilt das Auge als der Garant der Distanz, der Aussetzung der Berührung und letzthin als Mittel ungefärbter Wahrnehmung, so bleibt das Tasten stets an den Körper, an subjektives Erleben gebunden. „Im Sehen ist und bleibt uns der eigene Leib in einem gewissen Maße fremd. Meine Hand kann ich so sehen, wie sie ein anderer sieht. Niemand kann meine Hand so fühlen, wie ich sie fühle.“[24]

2.4.1 Das Primat der Objektivität

Das Primat der visuellen Wahrnehmung, das Auge als höchster Sinn, steht in engem Zusammenhang mit Paradigmen der westlichen Erkenntnisgewinnung: „Das Gesicht ist der künstlichste, philosophischste Sinn.“[25] Die Loslösung vom Leib als Voraussetzung des Erkennens findet ihren Ausdruck in der Überordnung visueller Wahrnehmung, die die Dinge auf Distanz hält. „Das Auge ist der einzige Sinn, der den seit der nachhomerischen Zeit beobachtbaren Idealisierungsschub am Leibe selbst zu tragen vermag.“[26] Der Leib als empfindender und somit immer subjektiv erfahrender soll aus den Prozessen der Erkenntnis eliminiert werden. „Die Augenästhetik ist also Effekt der Doktrin, daß der Leib ein Gefängnis der Seele ist.“[27] Der Versuch, objektive Einsicht durch Ausschluß subjektiven Empfindens zu erlangen, ist in der Philosophiegeschichte häufig angegriffen worden. In der jüngeren Entwicklung widersetzen sich vor allem sprachphilosophische Strömungen, die zum linguistic turn geführt haben, sowie der radikale Konstruktivismus und die Philosophie des Leibes dem Primat der Objektivität bzw. bestreiten grundsätzlich die Möglichkeit objektiven Erkennens.

Leibfeindlichkeit ist der Privilegierung des Auges häufig inhärent, allerdings kann das Auge als körperliches Organ eine Verbindung zwischen leiblich-weltlicher Existenz und Erkennen metaphysischer Zusammenhänge herstellen. So sieht beispielsweise Goethe das Auge als höchstes Sinnesorgan an, weil es zugleich Spiegel der inneren seelischen und der äußeren Vorgänge ist.

Der Erkenntnisweg Goethes erfolgt über die sinnliche Wahrnehmung des Phänomens, wobei die Anschauung eine besondere Stellung einnimmt. Letztlich liegt das Endziel menschlichen Denkens jedoch nicht im empirischen Phänomen, wie der Mensch es in der Natur wahrnimmt, sondern im reinen, dem Urphänomen, das sich in allen Erscheinungen ausdrückt. Nicht das körperlich-materiell Sichtbare gilt es zu erkennen, aber als Ausdruck des Urphänomens ist es der genauen Beobachtung würdig, stellt es doch die einzige Zugangsmöglichkeit zum Wesen der Dinge für den Menschen dar. Der Ausgriff in die Transzendenz kann immer nur durch die Anschauung erfolgen. In Goethes Denken verbindet sich also die Aufwertung des Körpers mit der Perspektive auf das Metaphysische.

Die apodiktische Äußerung Böhmes, das Primat des Auges sei zwangsläufig an die Auffassung des Leibes als Gefängnis der Seele gebunden, läßt sich in dieser Ausschließlichkeit sicherlich nicht aufrecht erhalten. Die Dichotomie Objektivität gleich Leibfeindlichkeit und Transzendenzglaube vs. Subjektivität gleich Aufwertung des Leibes und Abwendung vom Jenseitigen verwischt die Spuren jeglichen Ausgleichsversuchs und negiert die Sehnsucht nach dem `Anderen´, die deutlich in der Gegenwartsliteratur zum Ausdruck kommt.

2.4.2 Das Primat der Unmittelbarkeit

Die Philosophie des Leibes entwirft eine konträre Hierarchie, deren höchster Sinn das Tasten ist. Zur zentralen und erstrebenswerten Kategorie wird hier die Unmittelbarkeit, die an die Stelle von objektiver Wahrheit tritt. Es geht nicht darum, Erkennen vom Leib abzukoppeln, sondern jegliche Einsicht als stets subjektiv-leibliche zu betrachten. Der Tastsinn ist derjenige Sinn, der die Erfahrung von Räumlichkeit erst möglich macht. Durch das tastende Erleben kann der Mensch Formen in ihrer räumlichen Ausdehnung entdecken, die dem Auge in seiner Wahrnehmungsweise zunächst verschlossen bleiben. Erst das Erleben des Ertastens lehrt das Auge die Tiefenwahrnehmung. Die Hand wird zum Lehrmeister des Auges. „Das Auge ist nur Wegweiser, nur die Vernunft der Hand; die Hand allein gibt Formen, Begriffe dessen, was sie bedeuten, was in ihnen wohnet.“[28]

Der Verlust des leiblich-sinnlichen Erkenntnisvermögens, dessen Ausdruck das Primat des Auges ist, wurde vielfach beklagt und unterschiedlich datiert. Gemeinhin herrscht jedoch die Annahme, es habe eine Vorzeit gegeben, in der Erkennen nicht an Unterscheidung und Trennung gebunden war. Die Abspaltung einzelner Phänomene aus dem Gemisch dessen, was dem Menschen begegnet, gilt als `Ursünde´ der Isolation:

Bei Empedokles ist noch bewahrt, wie ursprünglich leibliches und sinnliches Dasein strukturiert ist: als ergreifend-ergriffener Kontakt, als Berührung. Darum sind uns, heute, gerade die leiblich-sinnlichen Erfahrungen die niedrigsten, in denen unvermeidlich – und seien es noch so feine – stoffliche Vermischungen und Durchdringungen herrschen: schmecken, riechen, tasten.[29]

Die Wendung `ergreifend-ergriffener Kontakt´ steht beispielhaft für die Sehnsucht nach Überwindung von Distanz und den Wunsch nach Eingebundensein in das Weltgeschehen. Das Auge ist das Unberührbare, das Sinnesorgan, welches Schmerz empfindet, sobald es direkten Kontakt erleiden muß.

Der Gesichtssinn leidet unter dem Gemisch und seiner Evidenz. Lieber unterscheidet er; lieber sondert er und schätzt Distanzen ab; das Auge empfände Schmerz, wenn man es berührte. [...] Die Haut ist geschmeidig; sie paßt sich an und bleibt stabil. [...] Sie greift nach den Dingen und begreift sie; sie impliziert und expliziert; sie tendiert zum Flüssigen; sie nähert sich dem Gemisch.[30]

Aber nicht nur die Fremd- sondern insbesondere auch die Selbsterfahrung vermittels des Auges bleibt immer auf Distanz. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers in seiner Gänze ist nur über das Hilfsmittel der Spiegelung möglich. Das wahrnehmende Selbst tritt einem wahrgenommenen Ich gegenüber, eine Begegnung, die über keine körperliche Gewißheit der Identität verfügt. Das Ich wird unweigerlich aufgespalten in ein Subjekt und ein Objekt. Anders hingegen verläuft die tastende Selbstbegegnung. Das empfindende Feedback der berührten Haut bedeutet ein gänzlich anderes Erlebnis, als es das Berühren eines jeden anderen Gegenstands oder Menschen herbeiführt. Stets bleiben das Erleben des Berührens und des Berührtwerdens aneinander gekoppelt. Durch das Auge allein verharrt die Wahrnehmung an der Oberfläche.

Jeder Gegenstand zeigt mir gerade so viel von sich, als der Spiegel von mir selbst zeigt, das ist, Figur, Vorderseite; daß ich mehr bin, muß ich durch andre Sinne erkennen, oder aus Ideen schließen.[31]

Der Weltzugang über die sogenannten niederen, die Nahsinne, erfolgt auf fundamental andere Weise als jener durch visuelle Wahrnehmung. Während Sehen als analytisch, sezierend eingestuft wird, vermitteln die anderen Sinne eine synthetische, verbindende Wahrnehmung. Die Dominanz des Auges läßt sich allerdings häufig nur durch das bewußte Ausschalten jeglicher visueller Sinneserfahrung brechen. Bekannt ist die Aufwertung und größere Sensibilität des übrigen Sensoriums bei Blinden, aber auch das vorübergehende Verschließen der Augen vor der Welt läßt diese in einem anderen Licht erscheinen.

Manchmal sitzt er [Bering] mit geschlossenen Augen auf der Veranda und krault einem Hunde den Nacken und spürt die Kraft oder die Schwäche eines jeden Tiers aus dem Rudel allein an der Elastizität oder Sprödigkeit des Fells, und dann ist ihm, als ob ihm sein Gehör, sein Geruchssinn, seine Haut und seine Fingerkuppen die Welt neu entschlüsseln wollten als einen Zusammenhang von rauhen, rissigen und glatten Oberflächen, von schmerzenden oder besänftigenden Geräuschen und Melodien, von Duft und Gestank, kühlen, warmen, fieberheißen Temperaturen und atmenden und erstarrten Formen des Daseins. (MK 265)

Erkennen wird zum Erleben, das direkte Auswirkung auf den Menschen hat. Schmerz kann nicht über das Auge erfahren werden, ebensowenig wie Besänftigung. Hier geht es um Zusammenhang, um die Untrennbarkeit von Sinneserfahrungen unterschiedlichster Qualität, die erst in ihrem Zusammenspiel ein Ganzes ergeben. Ein Ganzes, das den Erlebenden miteinbezieht.

Doch auch die Hierarchisierung zugunsten des Tastsinns findet ihre Kritiker/innen, die eine Reduktion der Welt auf Tastbares befürchten. „Den Tastsinn zum zentralen Wirklichkeitssinn zu erheben ist nur möglich unter der Voraussetzung, daß Wirklichkeit aus nichts anderem besteht als Tastbarem.“[32] Dies scheint mir jedoch eine unzulässige Verkürzung zu sein. Die angeführten Beispiele haben gezeigt, daß das Bestreben, den Tastsinn aufzuwerten, ihn gar als vorrangigen Weltbezug einzusetzen, keineswegs zwangsläufig eine Beschränkung auf das Tastbare beinhaltet. Die Betonung der Verwandtschaft von Greifen und Begreifen (Serres) und der Nähe von sinnlicher Erfahrung und Ideen (Herder) legt den Wunsch nach immateriellem Erkennen offen. Ein Erkennen, das zwar im Tasten begründet ist, aber über die rein materielle Erfahrung hinausstrebt.

Schwerer wiegt hingegen der Vorwurf der Abgeschlossenheit. Die Frage nach der Mitteilbarkeit des je persönlichen sinnlichen Erlebens muß gestellt werden. „Wie aber kann man sich mitteilen, wenn der Erwerb von Wissen nur auf der unaussprechlichen und unvergleichlichen eigenen Erfahrung fußt und es keine Sprache für sie gibt?“[33] Die Gewißheiten, die durch den „Handgebrauch produziert werden“ im Gegensatz zum Zweifel, der „durch das Hinsehen des Auges“[34] entsteht, bleiben immer privater Natur.

2.4.3 Malerei vs. Plastik

Johann Gottfried Herder zieht in seinem Plastik- Aufsatz die ästhetische Konsequenz aus der von ihm propagierten Aufwertung des Tastsinns. Er bildet die Opposition Malerei vs. Bildhauerei und konstatiert: „Malerei ist Repräsentation“[35], wohingegen „Bildhauerei nicht schildert, sondern schafft und darstellt “. [36] Die Malerei, die, ebenso wie das Auge in seiner Wahrnehmungsweise, in ihrer Darstellung auf Zweidimensionalität beschränkt bleibt und die räumliche Ausdehnung nur durch Tricks vorgaukelt, kann immer nur ein unvollkommenes Abbild der Realität sein. So wie das Auge seine Tiefenwahrnehmung der Raumerfahrung der Hand schuldet, bietet das Bild Personen nur auf der Folie plastischer Erfahrung. Eben die Darstellung von Personen und nicht von Abstrakta muß das Ziel der Kunst sein.

Die bildende Natur hasset Abstrakta: sie gab nie Einem Alles und jedem das Seinige auf die seineste Weise. Die bildende Kunst, die ihr nacheifert, muß es auch tun, oder sie ist ihres Namens nicht wert. Sie bildet nicht Abstrakta, sondern Personen[.][37]

Nur so kann die Kunst im Menschen Mitempfindung wecken, genauso wie es die Natur zu leisten vermag.

Eben das ist das so ungemein Sichere und Feste bei einer Bildsäule, daß, weil sie Mensch und ganz durchlebter Körper ist, sie als Tat, zu uns spricht, uns festhält und durchdringend unser Wesen, das ganze Saitenspiel menschlicher Mitempfindung wecket.[38]

Dieses ästhetische Konzept des Mitempfindens und Berührtseins durch die Plastik findet seinen Widerhall in Slavenka Drakulićs Roman Marmorhaut. Die Ich-Erzählerin schildert in einem assoziativ strukturierten Abtauchen in ihre Kindheit ihre äußerst problematische Identitätsbildung. Zwischen den Polen einer zermürbenden Liebe zu ihrer Mutter, die zugleich erdrückend nah und beängstigend fern erscheint, und der sexuellen Beziehung zum Freund ihrer Mutter entwickelt sich auf der Basis körperlichen Erlebens und Spiegelung im Anderen eine fragile Identität. Als Erwachsene wird sie Künstlerin und schafft sich ihre Mutter durch das Anfertigen einer Marmorstatue vom Leib.

Ich wußte, diesmal würde ich nichts aus dem Ton schaffen können, nicht einmal eine plastische Skizze als Vorbereitung auf die große Figur. Ton ist ein zu schwaches Material. Nicht widerstandsfähig. Er läßt es zu, daß du es dir anders überlegst, ihn wieder umformst – er gestattet eine Art Zärtlichkeit. Vielleicht könnte ich sie malen, einfangen in einem der Tausende von Momenten, wie sie sich langsam von einer Seite auf die andere dreht. Etwas würde ich so erreichen: ein geschlossenes System, die innere Spannung, eine gleichbleibende Hautfarbe. Aber sobald ich die Augen schlösse, wäre ihr gemalter Körper nur eine grobe Leinwand, eine platte, durch die Farbschichten unebene Fläche. Ich wollte die Fülle der Formen, die Möglichkeit, mit geschlossenen Augen ihre Brust zu berühren und zu spüren, wie die Erregung zurückströmt, zurückkehrt in mein Inneres. Den Kontakt herstellen zwischen zwei Materien, zwei Teilen der Wirklichkeit, die den Raum um sich mit ihrer Anwesenheit durchtränken. [...] Ihr unerreichbarer, schlummernder Körper mußte aus so hartem Stein sein wie ihr Bild in mir. Aus einem Material, in das ich den Meißel schlagen und dem ich die gewünschte Form abringen konnte, ehe dieser Körper – die Schimäre, die ich an die Oberfläche meines Bewußtseins gezogen hatte – wieder abtauchte in die Erinnerung und erneut ein untrennbarer Teil meiner selbst wurde.[39]

Die Schaffung – und nicht etwa die Abbildung – des Körpers der Mutter, der für die Ich-Erzählerin phasenweise in ihrer Kindheit `ein untrennbarer Teil´ ihrer selbst gewesen ist, ermöglicht zugleich eine Form der taktilen Nähe und der Trennung. Ein Bild wäre nicht imstande, dies zu leisten. Denn es ist nur Repräsentation, das Wiederholen eines vorgängig Anwesenden, wo es doch unbedingt der `wirklichen´ Anwesenheit bedarf. Das Taktile ist immer angewiesen auf Präsenz, auf die konkret sich darbietende Form. Diese Präsenz bietet kein geschlossenes System, sondern die ständige Herausforderung der Fülle der Formen.

Nur in der erfühlbaren Form, in der Begegnung, die unabhängig vom Auge besteht, wird die Mutter als Gegenüber erlebbar. Als hartes, abgetrenntes Anderes, das eben durch diese Loslösung voneinander erregt. Die Härte des Materials ist bedeutsam, weil es sich um einen einmaligen, irreversiblen Akt der Lösung handelt. Zugleich steht er in seiner Kühle für die Unnahbarkeit der Mutter, die in der Ich-Erzählerin den verzweifelten Wunsch nach körperlicher Nähe erweckt hat. Ganz in der Tradition Herders vollzieht sich in dem Schöpfungsakt eine Tat, erscheint ein durchlebter Körper, wo das Bild immer nur platte Fläche bietet.

2.5 Sehen

Das Sehen nimmt unter den Sinnen eine besondere Stelle ein, gleichgültig, ob es nun als das höchste Sinnesvermögen angesehen wird, oder als dasjenige, was den Menschen von seiner Umwelt abtrennt. „Das Sehen ist ein analytischer Sinn.“[40] Das Auge ist wie das Ohr und die Nase nicht auf Berührung angewiesen, das Wahrgenommene kann weit entfernt liegen. Die Bemühungen, die Reichweite oder die Auflösungsfähigkeit des Auges zu erhöhen, sind mannigfaltig. Vom Mikroskop bis zum Teleskop erstrecken sich die Bestrebungen, die Grenzen des Sehens auszudehnen. Immer jedoch bleibt das Wahrgenommene außerhalb des Wahrnehmenden, bewirkt das Auge eine klare Grenzziehung. „Das Auge hält die Dinge vom Leib. Der Abstand macht sie zu Gegenständen, glättet ihr Antlitz und gibt die Gewißheit der Grenze zwischen ihnen und mir.“[41]

Anders als bei den Nahsinnen, deren Erleben ein immer singuläres Ereignis bleibt, herrscht beim Visuellen die Annahme der Wiederholbarkeit der Wahrnehmung, „das Sehen also ist der Sinn der Identifizierung und Stabilisierung.“[42] Wiederholbarkeit als Garant von Identität wird durch die Reproduzierbarkeit von Bildern verstärkt. Während Gerüche und Berührungsempfindungen ebensowenig konserviert werden können wie Geschmack, hat sich die Industrie schon früh der Erhaltung und Reproduktion von Geräuschen, insbesondere Stimmen, und Bildern angenommen. Von der augenblickshaften Photographie führt der Weg zu den bewegten Bildern, dem Film. Das Fernsehen verleiht dem Modus visueller Wahrnehmung, dem `Habhaftwerden auf Entfernung´ [43] , eine neue Dimension. Diese technischen Hilfsmittel fördern die Überzeugung, es gebe identische Entitäten, die abgebildet werden könnten.

Der prinzipielle Unterschied zwischen Kamera und visuellem System besteht darin, dass eine Videokamera darauf angelegt ist, die eingehende Information auf dem Monitor identisch wiederzugeben. Demgegenüber obliegt dem visuellen System die Aufgabe, Information zu reduzieren.[44]

Das konstruktivistisch inkriminierte Auge wird der originalgetreu abbildenden Kamera entgegengesetzt. Sicherlich findet im Prozeß der visuellen Wahrnehmung Informationsreduktion statt, aber es wäre wohl angemessener, hier von Selektion zu sprechen. Aber selbst wenn die Kamera in der Lage wäre, Informationen `identisch wiederzugeben´, wäre dies beileibe kein Durchbruch zu einer Wirklichkeit. Auch diese Wiedergabe wird vom Menschen mit Hilfe seines visuellen Systems aufgenommen. Aussagen wie diese illustrieren in erster Linie die Hoffnung, Verfahren der realitätsgetreuen Abbildung zu finden, die die Limitierung des Auges überschreiten, um so Identität und Stabilität zu schaffen.

Doch nicht nur die Sinneserfahrung außerhalb liegender Dinge vollzieht sich im Sehen auf besondere Weise, sondern auch das Selbstgewahrwerden. Die Identitätsbildung bedeutet Abgrenzung, Individuation. Ebenso wie die Dinge auf Distanz gehalten werden, geht die Entwicklung des Selbst mit einer Entfremdung, einer Spaltung einher.

Das Sehen ist kein bestimmter Modus des Denkens oder eine Selbstgegenwart; es ist mein Mittel, von mir selbst abwesend zu sein, von innen her der Spaltung des Seins beizuwohnen, durch die allein ich meiner selbst innewerde.[45]

Das Sehen als ausgezeichnetes Mittel, sich seiner selbst innezuwerden, führt zu einer `Spaltung des Seins´. Ich bin mir selber gegeben in den Blicken der anderen oder im Spiegel, immer trete ich mir selbst entgegen. Merleau-Ponty setzt paradoxerweise Spaltung und Abwesenheit als einzige Möglichkeit der Selbstgewahrwerdung. Diese Abwesenheit sucht die Philosophie des Leibes durch die Begründung von Identität im Körper und den niederen Sinnesorganen, also durch eine unhintergehbare Präsenz aufzuheben.

2.5.1 Blinde Flecken und Blendungen

Morbus Kitahara wird nicht nur bestimmt von mentalen Einschränkungen des Sehvermögens. Die Motive der Blendung und der blinden Flecken durchziehen und strukturieren Ransmayrs Roman. Es scheint so, als klagten die Menschen Moors ihr `Recht auf Blindheit´[46] ein, das Virilio einfordert angesichts der Überfülle an visuellen Reizen, denen man in der heutigen Gesellschaft ausgesetzt ist. Die `Unmöglichkeit, nichts zu sehen´[47], bezieht sich in Moor allerdings nicht auf die moderne Reizfülle, sondern auf die Vergangenheit, die die Besatzungsmächte stets präsent halten. Eine ganze Gesellschaft erblindet so partiell, sogar die Fische im Moorer See sind blind. Immer wieder wird jedoch auch das physiologische Wahrnehmungsvermögen eingeschränkt.

Der Schwachsinnige. Der hatte ihm [Bering] in der Vorwoche einen Korb voller Messer zum Schleifen gebracht und so lange selig grunzend in den Feuerregen einer Schweißarbeit gestarrt, daß er am Ende die Welt vor Blendungsbildern nicht mehr sah. Mit einem nassen Tuch über den Augen war er dann eine Stunde oder länger auf der Drehbank neben der Esse gelegen. (MK 88)

Was der Schwachsinnige sich hier selig grunzend zufügt, ist symptomatisch für das Verhalten aller Figuren in Morbus Kitahara, das Überlagern der Welt mit Blendungsbildern. Dieser vorübergehenden Blendung, die als Tat eines Schwachsinnigen zunächst recht unmotiviert wirkt, steht die Einschränkung des Gesichtsfeldes von Berings Vater, dem Schmied, gegenüber.

Im gleichen Jahr verletzte ein von der Drehbank hochschnellender Schwarm aus Eisenfeilspänen die Augen seines Vaters so sehr, daß der Schmied von diesem Tag an die Welt nur noch wie durch ein winziges, von Eisblumen überwachsenes Fenster sah. (MK 49)

Alles, was noch sichtbar bleibt, ist ein kleines Fenster, ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Der Unfall manifestiert nur in physiologischer Hinsicht, was schon längst durch die traumatischen Kriegserlebnisse bittere psychische Realität geworden ist. Die Koppelung von Sehen und Gewalt erstreckt sich bis in die Metaphern des Romans, so sind `schwarze[ ] Augen von Gewehrläufen´ (MK 64) auf die Bevölkerung gerichtet, und die Schußwunden, die Bering einem Dieb zufügt, sehen aus wie `zwei kochende Augen´ (MK 53). Die Deutung, die Bering für seine Krankheit, die blinden Flecken in seinem Gesichtsfeld, vom Militärarzt im Tiefland erhält, spricht eine ganz ähnliche Sprache.

`Du willst wissen, woran du leidest?´ sagte das Nebelgesicht. `Du fragst mich? Das mußt du dich selber fragen, mein Junge. Worauf starrt einer wie du? Was will einem wie dir nicht aus dem Kopf? Ich habe solche Flecken in den Augen von Infanteristen und von Scharfschützen gesehen, von Leuten, die in ihren Panzergräben halb verrückt geworden sind oder hinter feindlichen Linien wochenlang auf der Lauer gelegen haben und das Fadenkreuz schon im Rasierspiegel sahen, auf dem eigenen Gesicht, verstehst du? Alle Leute, die sich aus Angst oder Haß oder eiserner Wachsamkeit ein Loch ins eigene Auge starren, Löcher in die eigene Netzhaut, undichte Stellen, Quellpunkte, durch die Gewebsflüssigkeit sickert und sich in Blasen zwischen den Häuten deines Augapfels ansammelt und dort diese beweglichen, pilzförmigen Wolken bildet, Löcher im Blick, nenn es, wie du willst, trübe Flecken, die nach und nach zusammenfließen zu einer Verdunkelung des Gesichtsfeldes. Aber du...? Worauf starrt einer wie du? Du bist doch weder ein Grabenkämpfer noch ein versprengter Scharfschütze. Oder? Ihr dort oben in Moor schmeißt doch höchstens mit Rüben und Steinen. Starrst du auf eine Rübe? Oder hast du einen Feind in der Gabel deiner Steinschleuder? Eine Braut? Mach dich nicht verrückt. Was immer es ist, laß es los. Schau anderswo hin.´ (MK 349f.)

Diese Erklärung wirkt zunächst ausgesprochen überzeugend, der Leser/die Leserin ist schnell bereit, ihr zu folgen. In der Tat starrt ganz Moor auf einen bestimmten Punkt. Auf eine Zeit im eigenen Leben, da die Historie massiv in die persönliche Geschichte des Einzelnen eingegriffen hat. Angst und Haß sind zu den bestimmenden Gefühlen geworden. Während die Bevölkerung Moors immer weiter auf einen Punkt starren muß, folgt das Tiefland dem Rat des Arztes, es leuchtet alles bis in den letzten Winkel aus, vernichtet die Dunkelheit und schaut woandershin. Moor bleibt in die Dunkelheit der Vergangenheit getaucht, das Tiefland wird von der Helligkeit der Zukunft geblendet.

Der Militärarzt, eingebunden in eine hochgradig verlogene Welt, führt die perspektivischen Verkürzungen einer anderen Welt vor Augen. Der Blick bleibt hier nicht an Vergangenes geheftet, sondern an Zukünftiges, das sich in reiner Oberflächlichkeit ausdrückt. Die Begründung, die er liefert, ließe sich wohl auf die meisten Menschen Moors anwenden, aber nicht auf Bering. Seine blinden Flecken sind ein Zeichen, das Aufschimmern einer anderen Welt.

Bering fühlte die plötzliche Atemlosigkeit und Blutleere eines Schocks, als er seinen von der Straße ab- und Lily zuwandte und der Schatten, die Grube, sich mit seinem Blick bewegte!, aus dem Kegel des Scheinwerfers glitt, aufflog und als schwarzer Fleck Lilys Gesicht verdunkelte. Der Schatten bewegte sich mit seinen Augen. Die Grube klaffte nicht auf der Lastenstraße, sondern in seinem Blick! Wandte er sich wieder der Straße zu, zeichnete dieses Loch die Bewegung seiner Augen nach – starrte er in den Lichtkegel, lag auch der Schatten wieder auf der Straße still, ein ovaler Fleck, nicht so scharf umrissen und nicht so schwarz wie die wirklichen Fallen und Löcher, aber doch kaum von ihnen zu unterscheiden. Sein Blick, seine Welt hatte ein Loch. [...] Und [Bering] fuhr weiter und fuhr auf das Loch in seiner Welt zu, das vor ihm zurückwich und mit jeder Bewegung seiner Augen wie ein Irrlicht die Straße entlang und die dunklen Felswände empor und über den Abgrund hinaus tanzte und doch immer vor ihm blieb, als zeigte es ihm den Weg zurück an den See. Und er folgte diesem Zeichen [!], das keiner außer ihm sah, folgte ihm stumm und ratlos in die Nacht. (MK 185f.)

Nur Bering allein `sieht´ dieses Zeichen. Seine Sehnsucht nach einer anderen Welt führt zu einem möglichen Sehertum, das seinen Ausdruck in einem partiellen Erblinden findet. Er verschließt nicht einfach seine Augen oder starrt immer weiter auf einen Punkt. Ein wichtiges Indiz dafür, daß die Durchlöcherung seines Blickes von einer anderen Qualität ist, bietet der Entstehungszusammenhang. Bering erlebt zum ersten Mal in seinem Leben körperliche und seelische Nähe zu einem anderen Menschen. Auf einem Konzert kommt er Lily so nah wie nie vorher und nie nachher.

Das kurze Aufflackern von Nähe und Liebe öffnet den Blick auf einen Ausweg aus Berings Wirklichkeit, die von Isolierung und Kälte geprägt ist. Ganz in antiker Tradition geht Erkennen hier mit Erblinden einher. Eine Erkenntnis, die jedoch ebenso partiell bleibt wie die blinden Flecken. Die Auslegung Niekerks, die empfundene Nähe bleibe nur eine Ahnung und überlebe den Augenblick nicht[48], trifft insofern zu als Lily und Bering sich nie wieder so nah kommen. Fortan entzieht sich Lily, und Bering findet keinen adäquaten Ausdruck für seinen Wunsch nach Nähe. Der durchlöcherte Blick allerdings bleibt. So wird diese Begegnung zum zentralen Erlebnis Berings, das jedoch durch die Unmöglichkeit einer Wiederholung die Finsternis, in der er lebt, erst verdeutlicht.

Jetzt liegt er [Bering] mit offenen Augen im Orkan und sieht, daß das Loch in seiner Welt nur der lächerliche Fetzen einer größeren Dunkelheit war, nur einer von unzähligen blinden Flecken, die ihn umwirbeln und über ihm zusammenschießen zu einem einzigen Abgrund, einer einzigen Finsternis, durch die im nächsten Augenblick doch wieder die Wintersonne bricht. (MK 252)

Ununterscheidbar bleibt, ob das Dahinterliegende immer Finsternis bedeutet, oder ob nur Bering diese nicht überschreiten kann. Mit Sicherheit erhält Dunkelheit einen ambivalenten Charakter. Das partielle Erblinden Berings, das Erblicken des Abgrundes der Dunkelheit, des Nichts, geht weit über das Erkenntnisvermögen aller anderen hinaus. Dem Jenseitigen in seiner beängstigenden Wirkung kann er sich nicht gänzlich anheimfallen lassen. So lebt Bering zwischen dunkler Erkenntnis und konstruierter Wirklichkeit, zwischen Abgrund und Wintersonne.

2.6 Hören

Hören gilt im Gegensatz zum Sehen als ` synthetischer Sinn´[49]. Hören liefert den Menschen – ebenso wie Riechen – der Welt in besonderer Weise aus, weil diese beiden Sinnesorgane sich nur durch Hinzunahme von Hilfsmitteln verschließen lassen. Bedeuten Tasten und Schmecken eine aktive Hinwendung zum `Begriffenen´ so strömen durch Ohren und Nase nahezu ungehindert Reize ein. „Das Hörbare, der Laut oder das Wort hat uns stets schon ergriffen; im Hören haben wir schon vernommen. Wir haben keine Macht über den Klang, das Wort, die Stimme, die `Stimmen´.“[50]

Der hörende Zugang zur Welt entwickelt sich ontogenetisch sehr früh. Schon ab dem 5. Monat kann der Embryo im Mutterleib Geräusche wahrnehmen, wenn auch das ihn umgebende Fruchtwasser den Schall stark dämpft. Der soziale Bezug zum Anderen erfolgt zunächst über das Gehör.

Bevor wir geboren werden, werden wir über ihn [den Hörsinn] angesprochen; mit ihm hören wir andere, bevor wir sie sehen, riechen, berühren; mit ihm vernehmen wir Sprache, bevor wir sprechen und verstehen. [...] Der Hörsinn ist der soziale Sinn.[51]

Simmel allerdings formuliert kontradiktorisch: „Das Auge kann seinem Wesen nach nicht nehmen, ohne zugleich zu geben, während das Ohr das schlechthin egoistische Organ ist, das nur nimmt, aber nicht gibt“.[52] Simmel sieht im Auge also nicht nur ein Sinnesorgan, das Reize aus der Umwelt aufnimmt, sondern eines, das immer gerichtet ist. Der Mensch sieht nicht nur, er blickt. In diesem Blick ist nach dem alten Topos der Augen als `Fenster zur Seele´ stets auch etwas `gegeben´. Die entscheidende Frage liegt in der Bewertung des Attributs `sozial´, das Wulf dem Hörsinn zuerkennt. Für ihn ist schon das `nehmende´ Verhalten zum Anderen, das Wahrnehmen von Stimmen etc. soziales Verhalten. Das Aufnehmen ist dem Mitteilen in der ontogenetischen Entwicklung vorgängig, es bildet die notwendige Grundlage. Simmel hingegen argumentiert aus der Perspektive gleichberechtigter Interaktion. Festzuhalten bleibt auch hier die Funktionsweise des Gehörs als aufnehmendes Organ.

[...]


[1] Serres 1999, 14

[2] Waldenfels 1999, 25

[3] Virilio 1998, 52

[4] Burke 1989, 169 [zuerst 1757]

[5] Albig: Velo, 84. Im folgenden mit der Sigle V im Text zitiert.

[6] Burke 1989, 44

[7] ebd., 57

[8] Condillac 1983, 51 [zuerst 1754]

[9] Roth 1999, 115

[10] ebd. 86

[11] ebd. 21

[12] Straus 1956, 348

[13] Roth 1999, 252

[14] ebd. 93

[15] Straus 1956, 308

[16] Maturana/Varela 1987, 178

[17] Roth 1999, 98

[18] Roth weist darauf hin, daß in der neurologischen Forschung die sogenannte P300-Welle als der Moment des einsetzenden Bewußtseins gilt (243). Das würde bedeuten, daß erst 300 Millisekunden nach Darbietung eines Reizes eine bewußte Verarbeitung einsetzt und demzufolge davorliegende etwaige Handlungen prinzipiell unbewußt geschehen. Fraglich ist jedoch, wie glaubwürdig die Festlegung von Bewußtsein anhand der gegebenen EEG Daten ist. Möglicherweise ergibt sich hier allerdings ein weiterer Fingerzeig für die Bedeutung unbewußter Prozesse für menschliche Entscheidungen und menschliches Handeln.

[19] Süskind: Das Parfum, 6. Im folgenden mit der Sigle P im Text zitiert.

[20] Neumann 1999, 202

[21] Liessmann 1997, 151

[22] Niekerk 1997, 162

[23] Ransmayr: Morbus Kitahara, 18. Im folgenden mit der Sigle MK im Text zitiert.

[24] Straus 1956, 391

[25] Herder 1995, 20

[26] Böhme 1988, 223

[27] ebd. 224

[28] Herder 1995, 48

[29] Böhme 1988, 217

[30] Serres 1999, 83

[31] Herder 1995, 16

[32] Zeuch 2000, 164

[33] ebd.138

[34] vgl. Gebauer 1998, 273

[35] Herder 1995, 34

[36] ebd. 35

[37] ebd. 88

[38] ebd. 68

[39] Drakulić: Marmorhaut, 10f. Im folgenden mit der Sigle M im Text zitiert.

[40] Straus 1956, 401

[41] Böhme 1988, 230

[42] Straus 1956, 398

[43] Merleau-Ponty 1984, 19

[44] Eisner 1993, 53

[45] Merleau-Ponty 1984, 39

[46] Virilio 1994, 64

[47] vgl. ebd. 56

[48] vgl. Niekerk 1997, 175

[49] vgl. Straus 1956, 401

[50] ebd. 402

[51] Wulf 1998, 226

[52] Simmel 1998, 134

Ende der Leseprobe aus 158 Seiten

Details

Titel
Neue Sinnlichkeit? Sinnliche Wahrnehmung und Körperdiskurs in Texten der Gegenwartsliteratur
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut - Lehrstuhl für NDL)
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
158
Katalognummer
V17429
ISBN (eBook)
9783638220095
Dateigröße
958 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue, Sinnlichkeit, Sinnliche, Wahrnehmung, Körperdiskurs, Texten, Gegenwartsliteratur
Arbeit zitieren
Meike Adam (Autor), 2001, Neue Sinnlichkeit? Sinnliche Wahrnehmung und Körperdiskurs in Texten der Gegenwartsliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17429

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