Die Wiege des Zionismus im osteuropäischen Judentum?

Frühzionismus zwischen 1860 und 1897


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

I.Einleitung

II.Juden in Osteuropa – Radikal veränderte Lebenswelten

III.Das Wesen des Zionismus – Eine Definition

IV.Traditionsgebundener Frühzionismus – Die Phase vor

V.Aufgeklärter Frühzionismus – Die Phase nach

VI.Fazit

VII.Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Unsere Lage verfinstert sich leider mit jedem Tage. Diese Verfinsterung sei mit unsere Verbündete. Möge sie endlich Licht bringen in die bleichen Augen unserer selbstgefälligen, schlaftrunkenen Quietisten. Denn es kommt noch eine Zeit, wo der böse Ostwind auch den äußersten Westen erreichen wird. [...] Der Gedanke an die nationale Wiedergeburt muß aufs Neue zu Fleisch und Blut werden [...].“[1]

Diese Worte entstammen einer Schrift Leo Pinskers, die maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung einer Ideologie hatte, die noch heute oft für Schlagzeilen sorgt – der Zionismus. Gemeinhin wird Theodor Herzl als der Begründer jener Ideologie genannt, die sich zu einer Bewegung formierte und schließlich im Staate Israel mündete. Doch die Wurzeln des Zionismus wuchsen woanders. Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe die Geburt des frühen Zionismus zwischen 1860 und 1897 zu beleuchten und zu beweisen, dass sich dessen Kinderstube im Ostjudentum befand. Hierzu wird zunächst eine Beschreibung der ostjüdischen Lebenswelt und deren Veränderungen vorgenommen. Daraufhin wird der Begriff „Zionismus“ näher definiert und eine Methode der normativen Beweisführung vorbereitet. Anschließend erfolgt eine in 2 Phasen unterteilte Geschichte des Frühzionismus, wobei das Jahr 1881 die Grenze bildet. Dabei gilt die Orientierung nur den herausragendsten Vertretern. Abschließend wird der normative Beweis geführt, dass sich der Zionismus im Wesen auf ostjüdische Wurzeln zurückführen lässt. Auf dem Weg dorthin werden weitere Fragen beantwortet, etwa ob der Zionismus mit anderen Nationalbewegungen vergleichbar ist oder was Pinsker unter dem „bösen Ostwind“ verstanden wissen wollte.

Die Menge an Literatur zum Thema Zionismus im Allgemeinen ist überwältigend. Der Zionismus nach 1897 wurde von der historischen Forschung bis zur Erschöpfung behandelt. Anders der Frühzionismus. Erst seit Beginn der 1980er Jahre misst die historische Forschung der Vorgeschichte der zionistischen Bewegung mehr Bedeutung bei.[2] Allerdings dominiert dabei bis heute die israelische Geschichtsschreibung, die naturgemäß einen eher subjektiven Zugang zur Geschichte ihres Nationalismus findet. Da aber Theodor Herzl maßgeblich zum Gründungsmythos des Staates Israel gehört, bewegt sich der Historiker hier schnell am Rande eines Politikums, wenn er dessen Rolle als Gründungsvater schmälert. Doch das ist nicht Ziel dieser Arbeit. Ziel ist die Verortung der zionistischen Wurzeln im Ostjudentum.

II. Juden in Osteuropa – Radikal veränderte Lebenswelten

Seit dem Mittelalter gab es im osteuropäischen Raum, besonders in Polen, sehr viele jüdische Gemeinden. Günstige wirtschaftliche und politische Bedingungen führten zu einer stetig anwachsenden jüdischen Bevölkerung. Im 16. Jahrhundert waren die Lebensbedingungen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern so gut, dass es als „goldenes Zeitalter“ in die jüdisch-polnische Geschichte einging.[3] Seit dem 17. Jahrhundert verschlechterte sich die Situation der Juden im Osten Europas. Kriege und Spannungen innerhalb des immer schwächer werdenden polnischen Staates sorgten für ein zunehmend judenfeindliches Klima.[4]

Im 18. Jahrhundert traten zusätzlich große innerjüdische Konflikte auf. Die orthodoxe Religion bot für einige keine Antwort mehr auf existentielle Fragen. Pseudomessiasse wie der aus Polen stammende Jakob Frank (1726-1791) versammelten zahlreiche Anhänger um sich und propagierten, dass die Erlösung fortan durch eigenes Handeln herbeigeführt werden müsse. Die mit dem Frankismus einsetzende „Aktivistische Wende“ bereitete der Haskala, dem Messianismus und schließlich Sozialismus und Zionismus das Feld.[5] Die Anhänger der jüdischen Aufklärung (Haskala), die Maskilim (Die Denkenden), stritten sich mit den Orthodoxen um die Führung in den Gemeinden.[6] Durch die polnischen Teilungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm der Wandel der Lebenswelt, insbesondere für die Juden, welche nun unter zaristischer Herrschaft standen, radikal zu. Sie mussten sich im neu geschaffenen „Ansiedlungsrayon“, der sich in einem Streifen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer auf ehemals polnisch-litauischem Gebiet erstreckte, niederlassen und durften diesen nur mit Sondergenehmigungen verlassen.[7] Der Rayon umfasste ca. 500.000 km² auf denen 1897 94% der jüdischen Bevölkerung Russlands lebten, etwa 4.900.000.[8] Während westeuropäische Juden Mitte des 19. Jahrhunderts meist erfolgreich um Rechtsgleichheit stritten, wurden die Rechte der Juden unter den Zaren Alexander I. und Nikolaus I. weiter beschränkt. Sie mussten Sondersteuern entrichten, sich in Judenrevieren niederlassen, wurden aus Handwerkerzünften ausgeschlossen und unterlagen einer Kleiderordnung, die ihnen ihre traditionelle Tracht verbot.[9] Die wirtschaftlichen Einschränkungen führten auch innerhalb der jüdischen Gemeinden zu heftigen Konkurrenzkämpfen. Zwietracht und erbitterte Armut waren die Folgen. Das bisherige jüdische Selbstverständnis zersplitterte.[10] Nur wenige versuchten sich aus der Umklammerung der Armut durch weltliche Bildung zu befreien. Über die Intelligenz unter den Ostjuden schrieb Birnbaum, dass sich der größte Teil derer, die an einer gehobeneren Bildung teilhaben konnten, der ostjüdischen Gesamtheit in Lebensanschauung und Lebensgefühl völlig entfremdet hätte.[11] Die Mehrheit der osteuropäischen Juden zog sich voller Schicksalsergebenheit in das leidgewohnte Gedankengebäude des orthodoxen Glaubens zurück. Andere verstanden die Repressionen als Aufforderung zur Anpassung und suchten ihr Heil in der Assimilation. Nur wenige machten den immer tiefer reichenden Antisemitismus und die damit zum Scheitern verurteilten Emanzipationsbemühungen zum Thema und begannen nach Lösungen zu suchen.[12]

Anders als in Westeuropa, waren die Staaten Osteuropas wenig an einer Integration der jüdischen Bevölkerungsminderheit interessiert. So behielten die ostjüdischen Gesellschaften traditionelle kollektive Strukturen bei, wie eine gemeinsame Sprache (Jiddisch), Erziehung, Kultur und die Konzentration in bestimmten Strassen oder Wohnvierteln.[13] Vielen Juden in Osteuropa waren die Landessprachen fremd, sie sprachen nur Jiddisch. Nicht zuletzt dadurch bildeten sie eine ethnische, soziale, religiöse und kulturelle Minderheit.[14] Die Juden Osteuropas wurden wegen ihrer spezifisch ausgeprägten Lebenswelt nicht mehr einfach dem ashkenasischem Judentum zugerechnet, sondern mit einem eigenen Terminus bedacht. Der Begriff „Ostjuden“ bezeichnet, nach seinem Schöpfer Nathan Birnbaum, die in den Ländern des slawischen Osteuropa, also Russland, Polen, Galizien, Bukowina, Nordostungarn und Rumänien, lebenden Juden. Er diente ihm zur Abgrenzung dieser Weltweit größten jüdischen Bevölkerungsgruppe von den „Westjuden“.[15] Birnbaum schrieb:

„Im Gegensatz zu den Westjuden leben Ostjuden in geschlossenen Massen. [...] und

gewinnen dadurch den Charakter eines in Massen auftretenden selbstständigen Bevölkerungselements.“[16]

Die Welt der Ostjuden war in allen Lebensbereichen zutiefst durch die religiösen Traditionen bestimmt. Birnbaum führte aus:

„Während in der Westjudenheit die Religion als eine das ganze Alltagsleben bestimmende Formen- und Formungsmacht fast ganz abgedankt hat, steht die große ostjüdische Masse nach wie vor unter dieser mächtigen Disziplin.“[17]

Am Schluss seiner Untersuchung der Ostjuden zog Nathan Birnbaum folgendes Fazit:

„Wir haben sie [die Ostjudenheit, d.Verf.] als eine große geschlossene, von jüdischen Lebensgesetzen bestimmte, in eigenen jüdischen Lebensformen sich realisierende eigene Kulturgemeinschaft festgestellt [...] Wir haben sie als einen großen jüdischen Kulturblock kennen gelernt – vielleicht den größten, den es jemals gab – von innerer Bewegung erfüllt, reich an Vergangenheit, gegenwartsstark und zukunftsvoll.“[18]

Das Sinnbild dieser Kulturgemeinschaft ist bis heute das „Schtetl“. Durch Sprache, Literatur und vor allem auch durch die Musik (klezmer) schufen sich die Juden Osteuropas eine eigenständige kulturelle und ritualisierte Welt.[19] Das romantische Bild des „Schtetl“ als einer in sich geschlossenen kulturellen und sozialen Einheit entspricht nicht der historischen Wirklichkeit. Innerhalb der jüdischen Gemeinden gab es zahlreiche Konfliktpunkte. So versuchte etwa die Jugend, wenn sie nicht in die Städte zog, die Verkrustung der Lebenswelt aufzulösen.[20] Die Gemeinden waren wohl heterogener und damit auch veränderlicher als es ihr Ruf verrät.[21] Auch die sich zunehmend verschlechternden Lebensbedingungen widerlegen das romantische Klischee.

Den vorhandenen Zwiespalt im Ostjudentum, zwischen absolutem Gottvertrauen, verbunden mit absoluter Schicksalsergebenheit und immer wiederkehrenden Zweifeln an dieser Haltung aufgrund der erfahrenen Bedrohungen und Rückschläge bringt wohl niemand so gut zum Ausdruck, wie Scholem Alejchems (1859-1916) Tewje der Milchmann:

„Ja, ich war also damals, mit Gottes Hilfe, ein elender Bettler, starb mit Weib und Kindern dreimal am Tage vor Hunger [...] Was aber tut Gott? Er ist doch, wie man sagt, ein Ernährer und Erhalter und regiert die Welt klug und weise. [...] Die Hauptsache ist aber Gottvertrauen. Der Jude muß hoffen und immer hoffen!“[22]

Die jüdische Lebenswelt in Osteuropa wurde ab dem 18. Jahrhundert durch einen radikalen sozioökonomischen Strukturwandel erschüttert. Durch politische Veränderungen, wie die Teilungen Polens 1772/93/95, durch das allgemeine Wachstum des Marktes, welches mehr Konkurrenz und dadurch mehr Judenfeindschaft bedeutete und durch die zunehmend schlechte Lage der nichtjüdischen Bauern, hervorgerufen durch eine schwere Agrarkrise zu Anfang des 19. Jahrhunderts gerieten die Juden in Not. Sie wurden vom Land in die Städte vertrieben und mussten ihre über Jahrhunderte hinweg ausgeübte ökonomische Mittlerfunktion zwischen Stadt und Land, zwischen Bauern und Adel aufgeben.[23] Eine massenhafte Verelendung war die Folge. Der Begriff des „Luftmenschen“, der sich von nichts als von Luft ernährt, fand ab dieser Zeit häufig Verwendung.[24] Der rasche Anstieg der jüdischen Bevölkerung in den Städten, sowie deren Konzentration in bestimmten Straßen oder Stadtteilen führte zu neuen antisemitischen Einstellungen.[25] Die Judenfeindschaft bildete eine unüberwindbare Mauer auf dem Weg zur gleichberechtigten Integration in die bestehende Gesellschaft, den die Haskala eingeschlagen hatte.[26]

Die langsam einsetzende Industrialisierung brachte Konkurrenzkampf und Pauperisierung auf den Höhepunkt. Traditionelle Handwerkerberufe, die meist von Juden ausgeführt worden waren, verloren ihre Bedeutung.[27] Der Handel, die nun wichtigste Erwerbsquelle der Juden, warf nur geringe Gewinne ab. In den Städten Osteuropas war eine jüdische Arbeitslosenquote von über 50% keine Seltenheit mehr.[28] Die Regionen, in denen die Juden siedelten (Galizien, Westrussland), waren weitgehend unindustrialisierte Gegenden, trotzdem stieg die Geburtenrate der jüdischen Bevölkerung überproportional an.[29] Ein Ausweg war nicht in Sicht. Die meisten Juden Osteuropas entbehrten der Erfahrung individueller Bürgerrechte, sie hatten sich stattdessen das traditionelle Bewusstsein ein religiöses und kulturelles Kollektiv zu bilden bewahrt und nutzten dieses als eine Art inneres Rückzugsgebiet.[30] Traditionelle Juden kannten keine Trennlinie zwischen weltlichen und außerweltlichen Belangen, was ihnen jetzt half, ihr Schicksal geduldig zu ertragen.[31] Doch auch die Religion büßte ihre haltgebende Rolle immer mehr ein. Je näher die Welt des Schtetls der Moderne kam, um so mehr wurden die Talmudgelehrten von Vermögenden in den Führungsrollen abgelöst – die Konkurrenz innerhalb der jüdischen Gemeinden stieg rasant.[32] Durch die Verdrängung aus dem Handwerk wurde der Kleinhandel zur wichtigsten Erwerbsquelle der osteuropäischen Juden. Nur wenigen gelang der soziale Aufstieg, was zu einer sozialen Polarisierung innerhalb der Gemeinden führte.[33]

Auch ideologisch war die ostjüdische Gesellschaft vielfach gespalten: Chassidisten lebten ihre eigene, mystische Religionsdeutung aus, Maskilim hofften auf eine Reform der jüdischen Gesellschaft und Religion, Orthodoxe versuchten die Traditionen gegen beide Gruppen zu verteidigen und Assimilanten versuchten ihr Judentum abzustreifen.[34] Im Westen Europas emanzipierten sich die meisten Juden und lösten die traditionelle Einheit von Religion und Nationalität zugunsten der Staatszugehörigkeit auf. Sie sahen sich etwa als „Deutsche, mosaischen Glaubens“. Im Osten wurden die Emanzipationsbemühungen erschwert oder blockiert, als Folge verstärkte sich das Bewusstsein einer jüdischen Nationalität.[35]

Die Reformen Alexander II. (1818-1881) förderten die Assimilationsbewegung bei vermögenden Juden, die Mehrheit aber blieb ihren Welten, der Mystik des Chassidismus oder den talmudschen Gesetzen des Rabbinats, treu.[36] 1881 wurde der Zar von russischen Nihilisten ermordet. Wie so oft wurde der jüdischen Minderheit die Verantwortung zugeschoben – mit fatalen Folgen. Die ersten schweren Ausschreitungen trafen die Juden in Elizavetgrad zur Osterzeit am 15. April 1881. Von da an zog bis zum Sommer 1884 eine Pogromwelle unbekannten Ausmaßes durch Osteuropa. Große und kleine jüdische Gemeinden im gesamten Ansiedlungsrayon und darüber hinaus wurden von einem mordenden und plündernden Mob, bestehend aus bäuerlichen, arbeitslosen und engstirnigen Kriminellen, heimgesucht.[37] Zu den Aggressoren (russ. pogromshchiki) gehörten auch russische Industriearbeiter, die ihre Arbeit infolge der industriellen Depression verloren hatten und nun die Juden dafür verantwortlich machten. Eine Gewaltspirale wurde in Gang gesetzt. Bis zum Ende des Jahres 1881 fielen allein 215 jüdische Gemeinden im Süden und Südwesten Russlands den pogromshchiki zu Opfer. Ein Zeitzeuge schätzte die Zahl der heimatlos gewordenen auf 20.000, die Zahl derer, die jegliche Existenzgrundlage verloren auf 100.000 und bezifferte den entstandenen Schaden auf etwa 80 Millionen Dollar.[38] Diese ungefähren Schätzungen berücksichtigen nicht die an Leib und Leben davon getragenen Schäden und erheben keinen Anspruch auf absolute Wahrheit. Sie helfen aber einen ungefähren Eindruck der existentiellen Bedrohung zu bekommen.

Ob die russische Obrigkeit an den Pogromen teilhatte, lässt sich nicht nachweisen. Anzunehmen ist, dass sie durch die vom Staat geförderte judenfeindliche Stimmung in Russland begünstigt wurden.[39] Vor den Ausschreitungen konnten in zahlreichen Zeitungen, die der staatlichen Zensur unterworfen waren, antisemitische Artikel erscheinen und das organisierte Vorgehen der Aufrührer, durch Flugschriften und ähnliches, lässt auf eine Unterstützung seitens hochgestellter Persönlichkeiten schließen.[40]

Als Reaktion auf die Pogrome und die Ermordung Alexanders II. verschärfte die Russische Regierung die rechtlichen Beschränkungen der Juden. Das verlautbarte Ziel war deren Assimilation, da ihre Andersartigkeit Gefahren für die nicht-jüdische Umwelt darstellte.[41] Eine Logik, die aus Opfern Ursachen machte und den inhärenten Antisemitismus des Zarenreiches zum Vorschein brachte.

Der unmittelbare Effekt der Ausschreitungen war die Zerstörung des Sicherheitsbedürfnisses der jüdischen Bevölkerung, eine Massenauswanderung setzte ein.[42] Unterstützt von einigen wenigen westjüdischen Philantropen zogen tausende Juden gen Westen, nach Deutschland, Frankreich, England, Österreich-Ungarn und weiter in die Vereinigten Staaten und Südamerika.[43] Die rein philantropisch motivierte Hilfe aus Westeuropa konzentrierte sich nicht auf Erez Israel, es war den osteuropäischen Juden überlassen, die Besiedlung des heiligen Landes in Angriff zu nehmen.[44]

Während zwischen 1881 und 1897 etwa 500.000 russische Juden nach Amerika emigrierten, entschieden sich zwischen 1882-1903 nur 20.000-30.000 für die Einwanderung nach Palästina.[45] Die zionistische Bewegung war ein kollektiver Versuch den Missständen zu entfliehen, wogegen die Emigration nach Amerika als eine millionenfache gewählte, aber individuelle Lösung angesehen werden kann.[46] Bezeichnend ist aber auch, dass die Emigranten in Richtung Palästina materiell besser gestellten, gebildeteren Kreisen entstammten, wogegen die Ärmsten ihre Hoffnungen gen Amerika wandten.[47] Die jüdische Intelligenz setzte sich aus Journalisten, Lehrern und aus einfachen „Luftmenschen“ zusammen, die wie alle anderen Juden Auswege aus der Misere in Osteuropa suchten.[48]

Ein unter solch massivem Druck stehendes Ostjudentum war nur schwerlich in der Lage eine gemeinsame Lösung zu finden. Die konfliktbringende Heterogenität der ostjüdischen Gesellschaft lässt sich am Beispiel der „Litwaken“ aufzeigen. Diese waren russische Juden, die aufgrund der Pogrome und schärferen judenfeindlichen Gesetze ab 1881 alle Gebiete außerhalb des Ansiedlungsrayons verlassen mussten und über Litauen nach Polen gelangten. Doch von den polnischen Juden, die ja selbst heftigen Diskriminierungen unterlagen, wurden sie anstelle von Solidarität mit Ablehnung empfangen. Das ging in Teilen so weit, dass sie von ihren Glaubensbrüdern für den wachsenden Antisemitismus der Polen verantwortlich gemacht wurden.[49] Die Litwaken sprachen russisch und eine litauische Variante von Jiddisch. Sie galten den überwiegend dem Chassidismus anhängenden, polnischen Juden als Träger der russischen Kultur. Durch die Haskala und die in Russland häufig wechselnden Lebensverhältnisse waren die Litwaken fortschrittlicher als ihre polnischen Glaubensbrüder. Sie engagierten sich besonders in der sozialistischen oder zionistischen Bewegung.[50] Obwohl bei manchem eine Übernahme des nationalistischen Gedankengutes der nichtjüdischen Umwelt stattfand, gewann doch das Streben nach dem eigentlich „Jüdischen“ immer mehr an Bedeutung. Mit dem aufkommenden Zionismus verbanden viele die Hoffnung, zum Wesen des Judentums vordringen zu können.[51]

[...]


[1] Julius H. Schoeps: Briefe Leon Pinskers an Isaak Rülf. Zur Vorgeschichte der jüdischen Nationalbewegung, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte Bd.34 (1982), S.220-241, hier: S.230f. Im Folgenden zitiert als: Schoeps, Briefe.

[2] Vgl. Schoeps, Briefe, S.221.

[3] Vgl. Catherine Schott: Der Wandel jüdischer Lebenswelten in Polen und die Neuorientierung jüdischen Selbstverständnisses. In: Heiko Haumann (Hrsg.):Der erste Zionistenkongreß von 1897 - Ursachen, Bedeutung, Aktualität. Basel / Freiburg / Paris u.a. 1997, S.51-57, hier: S.51. Im Folgenden zitiert als: Schott, Wandel.

[4] Vgl. Ebd. S.51.

[5] Vgl. Heiko Haumann: Auf dem Weg zu neuen Selbstverständnissen. Ostjuden im 19. Jahrhundert, in: Ders. (Hrsg.): Luftmenschen und rebellische Töchter. Zum Wandel ostjüdischer Lebenswelten im 19. Jahrhundert, Köln 2003, S.309-337, hier: S.314. Im Folgenden zitiert als: Haumann, Luftmenschen.

[6] Vgl. Schott, Wandel S.52.

[7] Vgl. Ebd. S.52.

[8] Vgl. Irving Howe: Die Welt des osteuropäischen Judentums. Ein Überblick, in: Peter v.d. Osten-Sacken (Hrsg.): Das Ostjudentum. Einführungen, Studien, Erzählungen und Lieder, Berlin 1981, S.9-28, hier S.9. Im Folgenden zitiert als: Howe, osteuropäisches Judentum.

[9] Vgl. Schott, Wandel, S.52.

[10] Vgl. Ebd. S.53.

[11] Vgl. Nathan Birnbaum: Was sind Ostjuden? Zur ersten Information, Wien 1916, S.6.

[12] Vgl. Schott, Wandel, S.53.

[13] Vgl. Michael Brenner: Geschichte des Zionismus. 2. Auflage München 2005, S.12.

[14] Vgl. Hans Julius Schoeps: Zionismus oder der Kampf um die nationale Wiedergeburt. In: Ders. (Hrsg.): Zionismus. Vierunddreißig Aufsätze, München 1973, Einleitung, hier: S.15.

[15] Vgl. Nathan Birnbaum: Was sind Ostjuden? Zur ersten Information, Wien 1916, S.4. Birnbaum geht von 9-10 Millionen Ostjuden bei einer jüdischen Weltbevölkerung von 12-13 Millionen aus.

[16] Vgl. Ebd. S.4.

[17] Vgl. Ebd. S.7.

[18] Vgl. Ebd. S.15.

[19] Vgl. Howe, osteuropäisches Judentum, S.11.

[20] Vgl. Frank Golczewski: Jüdische Welten in Osteuropa? In: Annelore Engel-Braunschmidt / Eckhard Hübner (Hrsg.):Jüdische Welten in Osteuropa. Frankfurt a.M. / Berlin / Bern u.a. 2005, S.13-28, hier S.13. Im Folgenden zitiert als: Golczewski, Jüdische Welten.

[21] Vgl. Christoph Schmidt: Das Schtetl aus neuer Sicht. In: HZ 277, 2003, S.115-124, hier: S.117f.

[22] Scholem Alejchem: Tewje der Milchmann. Leipzig 1995, S.11.

[23] Vgl. Haumann, Luftmenschen, S.316f.

[24] Vgl. Ebd. S.317.

[25] Vgl. Heiko Haumann: Judentum und Zionismus. In: Ders. (Hrsg.): Der erste Zionistenkongreß von 1897 - Ursachen, Bedeutung, Aktualität. Basel / Freiburg / Paris u.a. 1997, S.2-21, hier: S.7. Im Folgenden zitiert als: Haumann, Zionismus.

[26] Vgl. Ebd. S.8.

[27] Vgl. Haumann, Luftmenschen, S.318.

[28] Vgl. Haumann, Luftmenschen, S.319.

[29] Vgl. Gottfried Schramm: Die Juden im europäischen Osten um das Jahr 1900: Zwischenbilanz eines Minderheitenproblems, in: Gotthold Rhode (Hrsg.): J uden in Ostmitteleuropa von der Emanzipation bis zum Ersten Weltkrieg. Marburg 1989, S.3-19, hier S. 11. Im Folgenden zitiert als: Schramm, Zwischenbilanz.

[30] Vgl. Ekkehard W. Stegemann: Einleitung. In: Ders. (Hrsg.): 100 Jahre Zionismus. Von der Verwirklichung einer Vision, Stuttgart / Berlin / Köln 2000, S.9-15, hier: S.12. Im Folgenden zitiert als: Stegemann, Einleitung.

[31] Vgl. Howe, osteuropäisches Judentum, S.11.

[32] Vgl. Ebd. S.13.

[33] Vgl. Ebd. S.7.

[34] Vgl. Wladyslaw Bartoszewski: Zionismus aus der osteuropäischen Perspektive. In: Ekkehard W. Stegemann: 100 Jahre Zionismus. Von der Verwirklichung einer Vision, Stuttgart / Berlin / Köln 2000, S.75-83, hier: S.76.

[35] Vgl. Dan Diner: Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten, München 2003, S.127.

[36] Vgl. Heinz-Dietrich Löwe: Antisemitismus in der ausgehenden Zarenzeit. In: Bernd Martin / Ernst Schulin (Hrsg.): Die Juden als Minderheit in der Geschichte. München 1981, S.184-208, hier: S.188. Im Folgenden zitiert als: Löwe, Antisemitismus.

[37] Vgl. David Vital: The Origins of Zionism. Oxford 1975, S.51f.

[38] Vgl. Eliahu Tcherikower (Hrsg.): Geschichte fun der Yiddishe Arbeter-Bavegung in di Farainikte Shtaten. New York 1943, S.19. Zitiert nach: David Vital: The Origins of Zionism. Oxford 1975, S.52.

[39] Vgl. Schramm, Zwischenbilanz, S.9 .

[40] Vgl. David Vital: The Origins of Zionism. Oxford 1975, S.55.

[41] Vgl. Ebd. S.57.

[42] Vgl. David Vital: The Origins of Zionism. Oxford 1975, S.59.

[43] Vgl. Ebd. S.61.

[44] Vgl. Ebd. S.62.

[45] Vgl. Lloyd P. Gardner: The Great Jewish Migration. Its East European Backround, in: Tel Aviver Jahrbuch für Deutsche Geschichte 27, 1998, S.107-133, hier: S.124. Im Folgenden zitiert als: Gardner, Migration.

[46] Vgl. Ebd. S.111.

[47] Vgl. Ebd. S.125.

[48] Vgl. Irving Howe: Ein utopisches Experiment. Die osteuropäischen Juden und die amerikanische Kultur, in: Beter und Rebellen (Nr.69), S.313-328, hier: S.318.

[49] Vgl. Haumann, Luftmenschen, S.320f.

[50] Vgl. Monica Rüthers; Desanka Schwara: Regionen im Portrait. In: Luftmenschen und rebellische Töchter (40), S.11-70, hier: S.30.

[51] Vgl. Haumann, Luftmenschen, S.335.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Wiege des Zionismus im osteuropäischen Judentum?
Untertitel
Frühzionismus zwischen 1860 und 1897
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
43
Katalognummer
V174306
ISBN (eBook)
9783640948086
ISBN (Buch)
9783640948246
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wiege, zionismus, judentum, frühzionismus
Arbeit zitieren
Wenzel Seibold (Autor), 2008, Die Wiege des Zionismus im osteuropäischen Judentum?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174306

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