Der Code des Systems der Massenmedien bei Niklas Luhmann


Hausarbeit, 2003
17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zielsetzung

2. Differenzierung eines Systems
2.1. System und Umwelt
2.2. Autopoiesis und Selbstreferenz
2.3. Sinnkonstituierende Systeme
2.4. Ausdifferenzierung von Teilsystemen
2.5. Interne und externe Umwelt

3. Der Code
3.1. Der binäre Code in der Sprache
3.2. Der Negativwert des Codes als Reflexionswert
3.3. Der Code der Funktionssysteme
3.4. Die funktionale Differenzierung der heutigen Gesellschaft
3.5. Programme zur Bestimmung von Kriterien des Codes
3.6. Die Beziehung zwischen Codes, Programmen und Kriterien
3.7. Einige Programme der heutigen Gesellschaft
3.8. Irritationen eines Systems durch Programme
3.9. Selbst-/Fremdreferenz und Code als orthogonale Beziehung

4. Ausdifferenzierung des Systems der Massenmedien ...
4.1. Massenmedien als Funktionssystem?
4.2. Kommunikation als Grenzen ziehende Operation der Gesellschaft
4.3. Gesellschaft als Weltgesellschaft
4.4. Der Buchdruck als Auslöser für die Differenzierung der Massenmedien
4.5. Der binäre Code als Vorraussetzung für die Differenzierung der Massenmedien
4.6. Information
4.7. Information wird zu Nichtinformation
4.8. Die Massenmedien als Erzeuger sozialer Zeit
4.9. Die Funktion des Systems der Massenmedien

5. Literaturverzeichnis .

1. Zielsetzung

Die luhmannsche Systemtheorie und ihre Begriffswelt erschließt sich dem an ihr interessierten Leser nur in einem zirkulären Verstehen ihrer einzelnen Elemente (oder: Begriffe). Um ein Beispiel zu nennen: Um einen Begriff wie Gesellschaft verstehen zu wollen muss ich mich in der Regel mit weiteren Begriffen befassen, wie: Differenzierung, System/Umwelt, Autopoiesis, symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien. Versuche ich dann diese Begriffe zu erfassen kann es schnell passieren, dass ich bei einem Verweis auf einen Begriff wie Evolution oder Wirtschaftssystem lande, welche sich dann wiederum mit einem Verweis auf den Begriff Gesellschaft erklären.

In dieser Arbeit werde ich das Kapitel “Codierung in Die Realität der Massenmedien analysieren und dabei auf das Problem der nur zirkulär möglichen Begriffserfassung stoßen. Aus dem eben genannten Grund wird es verständlich sein, dass man Schwierigkeiten bekommen wird, will man einen einzelnen Teil aus Niklas Luhmanns Theorie begreifen. Man kann sie wahrscheinlich nur im Zusammenhang verstehen. Gerade das konfrontiert mich mit der Schwierigkeit, einen Ausschnitt aus seiner Theorie erklären zu wollen. Ich stehe also vor der Wahl, entweder der aus dem Begriff Code bzw. Codierung sich ergebenden Begriffskette (die auch, wie gesagt, in einem Begriffszirkel enden kann) strikt zu folgen und jedem sich anschließenden Begriff den ihm gebührenden (allen Begriffen gleichwertigen?) Platz für eine Erklärung zu geben. Oder ich entscheide mich für eine Erklärungsweise, die (nur) versucht, den ausschlaggebenden Begriff zu erklären und mit den sich anschließenden Begriffen hoch selektiv verfährt und eine Erklärung dieser auf das aller notwendigste reduziert. Die erste Möglichkeit ist scheinbar zu unsicher, weil man nicht weiß, wie weit eine Begriffskette zu verfolgen sein wird und eine Erklärung des Codes leicht zu einer Erklärung der Systemtheorie Niklas Luhmanns ausarten könnte. Ich könnte also von meinem eigentlichen Ziel – “Codierung” in den Massenmedien zu analysieren – abkommen. Ich beschränke mich daher auf die zweite Möglichkeit. Primär wird also zu klären sein, was mit dem Begriff des Codes bzw. der Codierung gemeint ist.

2. Differenzierung eines Systems

2.1. System und Umwelt

Luhmann versteht die Massenmedien als ein System, genauer gesagt als soziales (Teil-)System innerhalb des sozialen Systems der Gesellschaft. Deshalb werde ich im Weiteren, wenn ich im Kontext von Die Realität der Massenmedien Bezug auf die Massenmedien nehme, vom System der Massenmedien sprechen.

Für Luhmanns Systembegriff ist immer die Unterscheidung zwischen System und Umwelt Vorraussetzung. Das System ist autonom im Bezug auf seine Umwelt, es gibt klare Grenzen, aber das System selbst gibt es nur abhängig von seiner Umwelt, was aber keinesfalls bedeuten soll, dass das System von seiner Umwelt abhängig ist. Im Gegenteil, es gibt keine Einflussnahme des Systems auf seine Umwelt durch seine Operationen. Mit abhängig soll nur gemeint sein, dass das System sich nur mit seiner Umwelt konstituiert.

Denn erst durch das Ziehen seiner Grenzen bestimmt das System sich selbst und seine Umwelt. Entsprechend Luhmann in einer Vorlesung über Systemtheorie: „Ein System „ist“ die Differenz zwischen System und Umwelt.“[1]

2.2. Autopoiesis und Selbstreferenz

Im weiteren muss man beachten, dass Luhmann mit sozialen Systemen immer Systeme meint, die selbstreferentiell sind, sich durch Anschluss eigener Operationen an eigene Operationen reproduzieren und sinnkonstituierent sind.

Selbstreferentiell sind Systeme, wenn sich ihre eigenen Operationen aufeinander beziehen.

Eng damit zusammenhängend ist der Begriff der Autopoiesis zu begreifen, denn autopoietische Systeme sind nach Luhmann Systeme, die ihre eigenen Operationen aus einem Netzwerk eigener Operationen erzeugen.[2] Zur Selbstreferenz folgt weiter unten eine genauere Erläuterung.

Den Begriff der Autopoiesis hat Luhmann von dem Biologen Maturana übernommen und in die Soziologie eingeführt. Maturana meint mit dem Begriff, dass sich ein Organismus nur mit Hilfe des Netzwerks seiner eigenen Operationen reproduzieren kann.

Für Luhmann ist mit dem Begriff der Autopoiesis im Bezug auf soziale Systeme gesichert, dass ein System autonom von seiner Umwelt existiert. Denn als Operation in sozialen Systemen dient Kommunikation. Soziale Systeme können sich daher nur durch einen Anschluss von Kommunikation an Kommunikation reproduzieren. Andere Operationen, also externe Operationen oder externe Einwirkungen auf das System, d.h. Operationen, die der Umwelt des Systems zugerechnet werden müssen, können nicht zur Reproduktion eines sozialen Systems beitragen. Wenn sich keine Kommunikation mehr an eine vorhergehende Kommunikation anschließen würde, würde ein soziales System nach Luhmann aufhören zu existieren.

Wichtig für einen späteren Teil der Arbeit ist, dass sich im sozialen System Gesellschaft Kommunikation prinzipiell an Kommunikation anschließt. Es wird daher die Einführung des Codes benötigt, um eine Unterbrechung im Kommunikationsprozess herbeizuführen, denn auch in den Medien wird ja kommuniziert. Aber dazu später mehr.

2.3. Sinnkonstituierende Systeme

Für Luhmann ist Sinn, zurückgehend auf Husserl, die Differenz von aktuellem und möglichem Handeln oder Erleben. Sinn stattet dieses aktuelle Handeln oder Erleben mit einem Überschuss an Möglichkeiten aus. Sinnkonstituierende Systeme bieten also einen Überschuss an möglichem Handeln oder Erleben. Die einzigen Sinnsysteme sind für Luhmann soziale und psychische Systeme.[3]

Das Bewusstsein fällt so z.B. unter die psychischen Systeme. Seine Umwelt ist alles außerhalb seiner selbst. Um es selbst als System zu bestimmen, benötigt es daher eine Unterscheidung zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. Zu Selbstreferenz und Fremdreferenz folgt weiter unten eine genauere Erläuterung. Hier soll nur soviel gesagt sein, dass Selbstreferenz in diesem Kontext meint, dass ein System eine eigene Operation zur Beobachtung der Differenz seiner selbst und seiner Umwelt benutzt. Daher beobachtet das System sich selbst und dementsprechend ist mit Fremdreferenz hier gemeint, dass das System ein anderes System beobachtet. Als autopoietische Operation dient dem Bewusstsein Wahrnehmung.[4] Es reproduziert seine Operationen also, indem sich Wahrnehmung an Wahrnehmung anschließt. Das aktuelle Erleben ist mit einer Redundanz von weiteren Möglichkeiten des Erlebens ausgestattet. Das Bewusstsein ist also ein Sinnsystem.

Als Beispiel für ein soziales Sinnsystem kann eine Gesellschaft dienen. Auch sie unterscheidet sich von ihrer Umwelt, indem sie ihre Operationen auf sich selbst zurückführt. Im Fall von Gesellschaft und im Fall von sozialen Systemen im Allgemeinen ist die autopoietische Operation Kommunikation.[5] Mit dem bis jetzt Gesagten ist es auch zu verstehen, warum für Luhmann alles, was sich als Kommunikation an Kommunikation anschließt, Teil der (Welt-)Gesellschaft ist.

Diese kurze Erläuterung zum Systembegriff bei Luhmann soll genügen, um den anschließenden Begriff der Differenzierung von Systemen zu verstehen.

2.4. Ausdifferenzierung von Teilsystemen

Differenzierung an sich bedeutet nur die Einheit der Differenz zwischen einem System und seiner Umwelt, welche durch rekursiven Anschluss der Operationen eines Systems entsteht.

Systemdifferenzierung ist für Luhmann der besondere Fall der Differenzierung innerhalb eines Systems, wobei ein dabei entstehendes Teilsystem ebenfalls zwischen System und Umwelt unterscheidet. Luhmann benutzt für diesen Fall des Auftretens eines Systems in einem anderen System auch den Begriff des „re-entry“.[6]

2.5. Interne und externe Umwelt

Wenn alles, was außerhalb eines Teilsystems existiert, seine Umwelt ist, dann kann man unterscheiden zwischen der Umwelt, die bis zu den Grenzen des umfassenden Systems reicht, und der Umwelt, die alles außerhalb des Teilsystems ist. Die erstgenannte Umwelt, die natürlich kleiner ist als die letztgenannte Umwelt, ist für Luhmann systeminterne Umwelt.[7]

An dieser Stelle ist es vielleicht wichtig zu erwähnen, dass es für die Annahme einer Unzulässigkeit systemübergreifender Operationen in sozialen Systemen – also Kommunikation aus der Umwelt in ein System – für Luhmann eine Ausnahme gibt. Denn in der gesellschaftsinternen Umwelt wird über Systemgrenzen hinaus kommuniziert - andernfalls wäre die Annahme einer Weltgesellschaft ja auch nicht zu halten. Auch hier lässt sich wieder die notwendige Einführung einer Unterscheidung erkennen, wenn man von der Gesellschaft als funktionssystemdifferenziert sprechen will, wie es Luhmann tut. Diese Unterscheidung wird dann der unten erläuterte binäre Code einführen.

[...]


[1] Niklas Luhmann , System als Differenz, 2002, S. 66

[2] Vgl. Niklas Luhmann, Selbstreferenz und Autopoiesis, 1987, S.67 und Niklas Luhmann, Selbstreferenz und Autopoiesis, 1998, S.65

[3] Vgl. Niklas Luhmann, Sinn, 1987, S.92 ff. und vgl. Niklas Luhmann, Sinnsysteme, 1998, S.51.

[4] Vgl. z.B. Niklas Luhmann, Wahrnehmung als Operation des Bewusstseins, 1998, S.103.

Luhmann nennt an anderen Stellen aber auch das Denken autopoietische Operation des Bewusstseins. Vielleicht ist dies durch unklare Definitionen der beiden Begriffe zu erklären.

[5] Vgl. z.B. Niklas Luhmann, Kommunikation als Operation sozialer Systeme, 2002, S.78.

[6] Vgl. Niklas Luhmann, Systemdifferenzierung, 1998, S.597 ff..

[7] S. Niklas Luhmann, Systeminterne Umwelt, 1998, S.597.

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Details

Titel
Der Code des Systems der Massenmedien bei Niklas Luhmann
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziolgie)
Veranstaltung
Kommunikation/Theorien der Soziologie
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V17435
ISBN (eBook)
9783638220156
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Code, Systems, Massenmedien, Niklas, Luhmann, Kommunikation/Theorien, Soziologie
Arbeit zitieren
Benjamin Quasinowski (Autor), 2003, Der Code des Systems der Massenmedien bei Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17435

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