Die Rezeption von Platons Atlantis in der „Utopia“ des Thomas Morus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition Utopie

3. Platons Atlantis
3.1 Herkunft
3.2 Aufbau
3.3 Lage

4. Thomas Morus' Utopia
4.1 Herkunft
4.2 Aufbau
4.3 Lage

5. Vergleich der vorgestellten Utopien
5.1 Inselbeschaffenheit
5.2 Stadtaufbau
5.3 Herrschaftsform
5.4 Wirtschaft

6. Resümee

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ach, umsonst auf allen Länderkarten spähst du nach dem seligen Gebiet, wo der Freiheit

ewig grüner Garten, wo der Menschheit schöne Jugend blüht.“[1]

Dieser Auszug aus einem Gedicht Friedrich Schillers wurde schon zu meiner Schulzeit behandelt und drückt meines Erachtens sehr gut das Sehnen der Menschen nach einer besseren Welt aus. Nicht nur in Gedichten, Mythen und religiösen Werken, die „goldene Zeitalter“ behandeln, ist diese Sehnsucht zu finden, sondern auch in einer Form, die schon seit der Antike schriftlich, klar strukturiert und durchdacht wurde: die der Utopie. Sie soll den Leser zum Nachdenken über soziale und politische Aspekte einer Gesellschaft anregen.[2]

Die bekanntesten Utopien ihrer Art sind wohl, ohne Zweifel, die von den Inseln Atlantis und Utopia und faszinieren seit jeher eine Vielzahl von Menschen. Erstere, in der Antike von Platon verfasst, erzählt von der Insel im atlantischen Meer, die sich als Ziel setzte, die ganze bekannte Welt zu erobern und dann doch an einem kleinen Stadtstaat (Ur-Athen) scheiterte. Zweitere, von Thomas Morus zu Beginn des 16. Jahrhunderts niedergeschrieben, erzählt von einer Insel, die im kompletten Gegensatz zur vorherrschenden Gesellschaft in Europa stand und die die Möglichkeit bot, sich völlig von den realen Verhältnissen loszulösen bzw. sich unabhängig von Zeit und Raum eine perfektionierte Gesellschaft, ohne Ungerechtigkeiten, zu erträumen. Beide Werke gewähren hier weitreichende Einblicke in den Mechanismus der gewünschten bzw. gefürchteten Gesellschaft, sowie in die Details des Alltagslebens der Menschen.

Doch welche Entwicklung der Utopie, seit der Antike, lässt sich erkennen? Wie viel von Platons konstruktiver Leistung ist noch in der „Utopia“ des Thomas Morus sichtbar?Was verbindet die Werke der beiden Autoren miteinander?

Das Ziel dieser Arbeit ist es, diese Frage zu beantworten und dabei die vorherrschenden Staatsentwürfe und Inselstrukturen miteinander zu vergleichen, hinsichtlich der Aspekte der „optimalen Gesellschaft“. Vor allem soll natürlich die Frage im Vordergrund stehen, wo die

Einflüsse von Platon in der „Utopia“ zu finden sind und wo Thomas Morus eigeneMerkmale für seinen Idealstaat ergänzt hat. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich dabei auf ausgewählte Themenbereiche.

Zunächst soll jedoch eine kurze Definition des Begriffs „Utopie“ erfolgen“. Um den Vergleich weiter vorzubereiten, wird anschließend auf die Autoren und ihr jeweiliges Werk eingegangen, wobei Herkunft und Aufbau des Werkes, sowie die Lage der jeweiligen Inselstaaten eine Rolle spielen soll.

2. Begriffsdefinition Utopie

Es ist notwendig den Begriff „Utopie“, der mit eine Hauptstellung in dieser Arbeit einnimmt, zu definieren, denn mir fiel auf, dass dieses Wort sogar im Alltag ab und zu auftaucht, man sich aber darunter nicht unbedingt etwas Konkretes vorstellen kann bzw. man es eher nur als Synonym für irgendein Hirngespinst benutzt.

Etymologisch gesehen leitet sich der Begriff aus dem Altgriechischen ab, hat aber in dieser Form nie existiert, denn er setzt sich aus folgenden Wörtern zusammen: ‚où’ (=nicht) und ‚topós’ (=Ort) und bedeutet etwa „Nichtland“ oder „Nichtort“. Nach den Worten von Wolfgang Biesterfeld handelt es sich um „eine humanistische Neubildung“[3], denn der Titel von Thomas Morus' Werk „Utopia“, der namens gebend dafür war, ist eine Wortneuschöpfung in diesem Sinn.

Der Begriff selbst besitzt aber auch verschiedene Bedeutungen wie man im Folgenden sehen kann: im Fremdwörterbuch wird von einem „Wunschbild einer menschlichen Gesellschaftsordnung, die nicht zu verwirklichen ist, weil es keine reale Grundlage besitzt; übertragen auch für Schwärmerei und Hirngespinst“[4] gesprochen. Karl Acham definiert es hingegen als „phantasiemäßig konzipierten Zustand als positives oder negatives Ziel, auf den sich die gesellschaftliche Entwicklung idealiter oder faktisch hinbewegt“[5] und im Lexikon des dtv findet man, dass es eine „Schilderung eines erdachten (erhofften oder befürchteten) Gesellschaftszustandes als Leitbild oder Korrektur bestehender Verhältnisse“[6] sei. Auch eine literarische Gattung bezeichnet dieser Begriff. Dabei handelt es sich meist um „Staatsromane“ die im Zusammenhang mit Reisebeschreibungen von einem „fremden“, außerhalb der bekannten Welt liegenden, Staat berichten. Grundsätzlich handelt es sich dabei um „intentionale Texte“[7]. An diesen vielfältigen, teilweise unterschiedlichen Definitionen deutet sich schon die Komplexität und Widersprüchlichkeit des Begriffs „Utopie“ an.

3. Platons Atlantis

3.1 Herkunft

Platon, 427 v. Chr. (zur Zeit des Peleponnesischen Krieges) im Hause einer alt-athenischen Adelsfamilie geboren, suchte schon frühzeitig den Kontakt zu gebildeten Kreisen. Er wurde mehrere Jahre von Sokrates unterrichtet, was man in einigen seiner Werke auch sehen kann, die dessen Gedanken und Methoden widerspiegeln. Neben seinem Hauptwerk „Politeia“, sind von Platon auch noch einige Briefe und Dialoge enthalten. Die Erzählungen von der Insel Atlantis finden sich in zwei solcher Dialoge wieder, die zu seinen Spätwerken gehören: „Timaios“ und „Kritias“. Während im „Timaios“ nur oberflächliche Aussagen über Atlantis getroffen werden, treten im „Kritias“ Insel- und Gesellschaftsbeschreibungen auf. Diese Details sollen dabei sogar aus Ägypten/Sais von einem Priester der Göttin Neith stammen und über drei Generationen, in der Familie des Kritias, überliefert worden sein. Aufgrund der Kürze des „Kritias“-Dialogs und der inhaltlichen Ähnlichkeit zum „Timaios“-Dialog, werden beide Texte in der Fachwelt als ein Werk betrachtet und zu „Timaios und Kritias“ zusammengefasst.

3.2 Aufbau

Beide Dialoge finden zwischen den gleichen Personen statt: Sokrates, Timaios von Lokri, Kritias und Hermokrates. Im ersten Dialog „Timaios“ wird dabei in einem kurzen Vorgespräch der Idealstaat aus Platons „Politeia“ dargelegt, was anhand eines skizzierten Beitrages über die Atlantis Utopie erläutert wird. Danach hält die Hauptfigur „Timaios“ einen nahezu ununterbrochenen Monolog über naturphilosophische, kosmologische und mathematische Fragen ab. Im zweiten Dialog hingegen, dem des „Kritias“, wird schon sehr detailliert von den Strukturen auf Atlantis berichtet. Trotzdem bleibt das Hauptthema der fiktive Krieg zwischen dem Inselstaat Atlantis und „Ur“-Athen, weshalb er auch nacheinander Entstehung, Inselstruktur und politische Situation der jeweiligen Staaten

beschreibt und vergleicht. Dabei hebt er besonders die Unterschiede hervor. Dann aber, mitten im Dialog, bricht der Text unerwartet mit folgenden Worten ab: „So berief er [Zeus] denn alle Götter in ihren ehrwürdigsten Wohnsitz zusammen, der, in der Mitte der ganzen Welt gelegen, den Blick über alles gewährt, was des Werdens teilhaftig geworden, und richtete an die Versammelten folgende Worte...“[8]. Obwohl man aufgrund der Unvollständigkeit des „Kritias“-Textes zu der Annahme neigt, dass es die letzten Ausführungen von Platon gewesen sein könnten, ist man sich in Fachkreisen heutzutage einige, dass dies nicht so ist. „Es müssen also besondere Gründe gewesen sein, die es dem Platon ratsam erschienen ließen, sein Vorhaben aufzugeben.“[9], erläutert Otto Apelt.

3.3 Lage

Atlantis lag„...vor der Meerenge die in eurer Sprache “die Säulen des Herakles“ heißt...“ und war „...größer als Libyen und Asien zusammengenommen...“[10] heißt es im „Timaios“-Dialog. Während die erste Aussage darüber informiert, dass die Insel westlich der Straße von Gibraltar liegen soll, impliziert die zweite ein großes, mächtiges Reich. Jenes Reich kontrollierte und beherrschte sogar noch viele weitere Inseln und hatte sogar Länder am Binnenmeer unterworfen. Es erstreckte sich somit auf dem afrikanischen Kontinent bis nach Ägypten und in Europa bis zur Westküste Italiens. Einen weiteren Hinweis gibt Kritias noch, nachdem er vom Schicksal der Insel Atlantis erzählt hat: „ […] ebenso tauchte die Insel Atlantis in die Tiefe des Meeres hinab und verschwand. Daher ist das dortige Meer auch heute noch unfahrbar und unerforscht, infolge der ungeheueren Schlammassen, welche die sinkende Insel anhäufte.“[11]

4. Thomas Morus' Utopia

4.1 Herkunft

Der Engländer Thomas Morus (eigentl. More), 1478 in London als Sohn eines Richters geboren und eigentlich Autor von verschiedenen religiösen Traktaten und Trostschriften, verfasste 1516 sein Hauptwerk mit dem Titel: „De optimo reipublicae statu deque nova insulana Utopia“[12] Er schrieb es auf einer Reise nach Flandern, die er in seiner Funktion als Berater des Londoner Bürgermeisters unternahm. Aufgrund engen brieflichen und persönlichen Kontaktes mit verschieden Humanisten aus Europa[13], sind deren Einflüsse in jenem Werk anzumerken. Auch fließen Erfahrungen aus einem Reisebericht eines Seefahrers, der Amerigo Vespucci auf fast allen Weltreisen begleitet hat, mit ein. Dies kann man an verschieden Stellen durch Übereinstimmungen mit Naturvölkern der „neuen Welt“, sehen.[14]

[...]


[1] Auszug aus Friedrich Schillers Gedicht „Der Antritt des neuen Jahrhunderts“, 1801.

[2] Vgl. Waschkuhn, Arno: Politische Utopien. Ein politiktheoretischer Überblick von der Antike bis heute, München 2003. Vorwort.

[3] Biesterfeld, Wolfgang: Die literarische Utopie. Metzler-Verlag, Stuttgart 1982. S. 1.

[4] Klien, Horst (Hrsg.): Fremdwörterbuch. VEB, Leipzig 1966. S. 744.

[5] Acham, Karl: Utopie und Gesellschaft. In: Utopie. Gesellschaftsformen, Künstlerträume. Hg .v. Götz Pochat und Brigitte Wagner, Graz 1996. S. 9.

[6] Brockhaus-Verlag (Hrsg.): dtv-Lexikon. Band 19, Mannheim/München 1992. S. 73.

[7] Braungart, Wolfgang: Die Kunst der Utopie. Vom Späthumanismus zur frühen Aufklärung. Stuttgart 1989. S. 10.

[8] Platon: Platons Dialoge. Timaios und Kritias, übers. u. erl. v. Otto Apelt, 2. durchges. Auflage, Leipzig 1922. S. 211.

[9] Platon: Timaios und Kritias, Vorbemerkung Kritias.

[10] Ebd., S. 41.

[11] Ebd., S. 42

[12] Titel in deutscher Übersetzung: „Von der besten Staatsverfassung und von der neuen Insel Utopie“.

[13] Vor allem ERASMUS VON ROTTERDAM ist da zu nennen.

[14] Vgl. Glaser, Horst Albert: Utopische Inseln. Beiträge zu ihrer Geschichte und Theorie. Frankfurt am Main 1996. S. 29-31.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption von Platons Atlantis in der „Utopia“ des Thomas Morus
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V174414
ISBN (eBook)
9783640949649
ISBN (Buch)
9783640949465
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Atlantis, Thomas Morus, Utopia, Rezeption, Antike, Utopie
Arbeit zitieren
Peter Neumann (Autor), 2009, Die Rezeption von Platons Atlantis in der „Utopia“ des Thomas Morus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174414

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