Zur subjektivierten Natur im Canzoniere Francesco Petrarcas


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
14 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Angefertigt von: Christian Meister, Obermainstr.28 60314 Ffm. Matr. Nr.:1660986

- Einleitung

Im der vorliegenden Arbeit soll der Begriff der sympathetischen oder auch subjektivierten Natur heraus gearbeitet und dargelegt werden. Arbeitsgrundlage sind die Canzoniere des Francesco Petrarca.

Petrarca, der mit seiner sinnenhaften Landschaftsrezeption den Übergang zu einer neuzeitliche Epoche der ästhetischen Erfahrung von Natur markiert, verwendet Natur und Naturdarstellungen in seinem Werk auf eine bis dahin unbekannte Art und Weise und schafft so eine bedeutsame Neuerung für die gesamte italienische Lyrik.

Die epochal neue ästhetische Erfahrung von Landschaft, die Petrarca bei der Besteigung des Berges Mont Ventoux begreift, die Funktion von Landschaft in den Canzoniere und der Begriff der sympathetischen Natur stehen, wie gezeigt werden soll, in einem engen Zusammenhang.

Zunächst soll die Rezeption der “Mont Ventoux Besteigung” und Petrarcas Niederschrift dieser Erfahrung beschrieben werden. Später wird sich der vorliegende Text der lyrischen Funktion von Natur und Landschaften in den Laura-Gedichten widmen, um dann schließlich dazu überzugehen, den Begriff der sympathetischen Natur, mittels beispielhafter Gedichte, so weit als möglich, zu beleuchten.

- Die Besteigung des Mont Ventoux – Zeugnis einer Epochenschwelle

Francesco Petrarca gilt als einer der ersten Menschen die Landschaft visuell in einem ästhetisch-sinnlichen Kontext erfahren haben. Er selbst ist es, der diese Erfahrung an ein bestimmtes Ereignis bindet und in einem Brief dokumentiert, interpretiert und der mittelalterlichen, weltverneinenden Sichtweise gegenüber stellt: Am 16.April 1336, so Petrarca in einem Brief an seinen Freund und Mentor Francesco Dionigi di Borgo San Sepolcro, besteigt er gemeinsam mit seinem Bruder, getrieben “einzig von der Begierde, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennen zu lernen”[1] den Mont Ventoux.

Dieses Dokument hat nach und nach, so Karlheinz Stierle, den Status eines Denkmals an der Schwelle zur Neuzeit erlangt.[2]

Das vollkommen Neuartige an Petrarcas Schilderung liegt in der sinnlich-ästhetischen Wahrnehmung von Natur, die sich von der symbolisch-pragmatischen Landschaftserfahrung des Mittelalters bahnbrechend unterscheidet.

Über die Form des Dokuments – ob fiktional oder historisch – lassen sich allerdings keine endgültige Schlüsse ziehen. Die immense Bedeutung des Textes bleibt jedoch von dieser Ungewissheit unberührt: “Ein Ereignis für die Geschichte der Aisthesis bleibt die Besteigung auch dann, wenn sie Petrarca nur fingiert hätte. Denn die literarische Fiktion kann die Bedeutung dieser Grenzüberschreitung und Wiederzurücknahme der ästhetischen Neugier nur erhöhen”[3]

Schon während seiner Kindheit in Avignon und Carpentras hatte Petrarca den Mont Ventoux immer wieder vor Augen. Seit langen schon hatte ihm die Besteigung des Berges im Sinn gelegen. Der Entschluß zur Durchführung dieses lange gehegten Projektes schließlich kommt ihm, als er bei der Lektüre einiger Livius – Texte auf eine Stelle stößt, die die Besteigung des Berges Hämus in Thessalien durch den Mazedonier-König Philipp beschreibt: Der König hatte einer Fabel glauben geschenkt, laut der man von dem Gipfel aus zwei Meere gleichzeitig, das adriatische und das schwarze, erblicken könne. “Mir schien für einen Jüngling ohne Anteil am Staatsleben entschuldbar zu sein, was man ja an einem greisen König nicht tadelt”[4], so Petrarca über die Besteigung des Mont Ventoux.

Nach dem Aufbruch wird ihm das “Ungeheure” des Unternehmens noch einmal bewußt. Die Begegnung mit einem Hirten, der Petrarca und seinen Bruder von dem Aufstieg abraten will und auf die Reue und Erschöpfung verweist, die er selbst von einem einst im ”Ansturm jugendlichen Feuers”[5] unternommenen Aufstieg zurückbrachte, verdeutlicht wie ungewöhnlich Petrarcas Vorhaben im Lichte der damalige Zeit war: “es sei weder vor noch nach jener Zeit je bei ihnen gehört worden, daß irgendwer Ähnliches gewagt habe”[6], so der Hirte.

Nach dem vergeblichen Versuch einen leichteren Aufstieg als den auf direktem Wege zu finden ruht Petrarca schließlich aus und sucht im Sinne Augustins “»im Auflug des Gedankens vom Körperlichem zum Unkörperlichem« das Unternommene durch den Vergleich mit der Erhebung zum seligen Leben zu deuten und zu rechtfertigen (...) Da die »Bewegungen des Geistes im Unsichtbaren und Verborgenen wie die Bewegungen des Körpers sind, die offen zu Tage liegen«, könne man den Mont Ventoux mit dem Gipfel vergleichen, der »das Ziel aller und des Weges Ende« sei, dem »unsere Pilgerfahrt zugeordnet ist«.”[7]

Schließlich, nach mühseligem Aufstieg auf dem Gipfel angelangt, gibt sich Petrarca dem einmaligen Anblick hin, der sich seinen Augen bietet :” Zuerst stand ich, durch einen ungewohnten Hauch der Luft und durch einen ganz freien Rundblick bewegt, einem betäubten gleich. Ich schaute nach unten(...).”[8] Petrarca blickt und genießt, was er erblickt. Im Angesicht der Natur wendet er sich wieder dem eigenen Sein und Leben zu, reflektiert in der ihm eigenen, der augustinische geprägten Weise. Wieder schweift sein Blick umher. Schließlich scheint es ihm angebracht, das mitgenommene Bändchen der Bekenntnisse Augustins aufzuschlagen: “Dieweil ich dieses eins ums andere bestaunte und jetzt Irdisches genoß, dann nach dem Beispiel des Leibes auch die Seele zum höheren erhob, schien mir gut, in das Buch der Bekenntnisse des Augustin hinein zu sehen (...)”[9] Petrarca schlägt das Buch auf und gerät, scheinbar zufällig, an eine Stelle, deren Inhalt ihn – auf seine momentane Situation bezogen –, erschüttert: ”Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahin fließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne, und haben nicht acht ihrer Selbst.”

Petrarca muß feststellen, daß die von ihm unternommene Bergbesteigung, die er mit dem Ziel einer Vergegenwärtigung Gottes im Anblick der Natur begangen hatte, von Augustin als “Vergessen des Selbst” verworfen wird.

Nach Augustin gilt der Sehsinn, die Lust des Schauens als äußerst gefährlich für das spirituelle Heil: “Der Sehsinn, im Gegensatz zu den anderen Sinnen, die auf unmittelbare Befriedigung gerichtet sind, ist ein auf Erkenntnis, gerichteter Sinn, es ist der Sinn schlechthin der curiositas als einer Libido experiendi noscendique”[10], so Karlheinz Stierle in “Petrarcas Landschaften” über die augustinische Bewertung des Sehsinns.

Schweigend und geschlagen macht Petrarca sich an den Abstieg.

Der Konflikt zwischen einer neuen sinnlich-ästhetischen Erfahrung und der spirituellen, christlich-weltverneinenden mittelalterlichen Grundstimmung, wird hier dramatisch in Szene gesetzt und ein neues innerweltliches Interesse an Natur als Landschaft gleichsam heraufbeschworen und wieder zurückgenommen: “Petrarca, an der Schwelle zu einer neuen Epoche in der Geschichte ästhetischer Wahrnehmung, scheint angesichts der ästhetischen Faszination einer die menschliche Sehkraft übersteigenden, dem Blick ins Unabsehbare erschlossenen Landschaft, gleichsam den Boden zu verlieren und in der Rückbesinnung auf Augustin wieder in jene mittelalterliche Welt zurückzusinken, aus der er sich soeben noch zu befreien schien.”[11]

Der aus dieser erschütternden Erfahrung entstandene Konflikt zwischen der christlich-weltverneinenden Intellektualität Augustins und einer neuen ästhetischen Weltbejahung wird noch häufig in Petrarcas Werk thematisiert[12].

So spiegelt sich diese Auseinandersetzung auch in einem Element der Canzoniere wieder: Die Geliebte Laura nämlich erscheint in den Gedichten zum einen als sinnenhaftes, ästhetisches und schönes Wesen, oft beschrieben im Zusammenhang mit ästhetischen Landschaftsdarstellungen – gleichzeitig steht sie jedoch als Symbol christlicher Diesseitsentsagung: Die passive Liebe des lyrischen Ichs verweilt auf einer entkörperlichten Ebene rein spiritueller Natur:

Gerade weil sie an beiden Sphären teilhat, kann sie im lyrischen Subjekt immer neu den Zwiespalt zwischen sinnlicher und spiritueller Bestimmung wachrufen, dessen lyrische Artikulation in immer neuer Gestalt das Gedicht ist.”[13]

Das In Beziehung setzen von Landschaft und der innig Geliebten verdeutlicht die immense Stellung, die Petrarca Landschaft in ästhetischem Sinne zuspricht.

Jacob Burckhardt formuliert die Bedeutung von Petrarcas Landschaftserfahrung folgendermaßen:

“Vollständig und mit größter Entschiedenheit bezeugt dann Petrarca, einer der frühesten völlig modernen Menschen, die Bedeutung der Landschaft für die erregbare Seele.”[14]

[...]


[1] Petrarca, Francesco: Die Besteigung des Mont Ventoux; Francesco Petrarca an Francesco Dionigi von Borgo san Sepolcro in Paris. Frankfurt a. M.: 1996.

[2] vergl.: Stierle Karlheinz: Petrarcas Landschaften; Zur Geschichte der ästhetischen Landschaftserfahrung. Krefeld: 1979.

[3] Jauß, Hans Robert: Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik. Frankfurt:1991

[4] Petrarca, Francesco: Die Besteigung des Mont Ventoux; Francesco Petrarca an Francesco Dionigi von Borgo san Sepolcro in Paris. Frankfurt a. M.: 1996.

[5] ebenda. S. 16

[6] ebenda. S. 16

[7] Ritter, Joachim: Landschaft. Zur Funktion des ästhetischen in der modernen Gesellschaft. in Ritter, Joachim, Subjektivität. Frankfurt:1974

Petrarca, Francesco: Die Besteigung des Mont Ventoux; Francesco Petrarca an Francesco Dionigi von Borgo san Sepolcro in Paris. Frankfurt a. M.: 1996. S. 22

[9] Petrarca, Francesco: Die Besteigung des Mont Ventoux; Francesco Petrarca an Francesco Dionigi von Borgo san Sepolcro in Paris. Frankfurt a. M.: 1996

[10] Stierle Karlheinz: Petrarcas Landschaften; Zur Geschichte der ästhetischen Landschaftserfahrung. Krefeld: 1979.

[11] ebenda. S.23

[12] z.B. “De Secretto conflictu curarum mearum”

[13] Stierle Karlheinz: Petrarcas Landschaften; Zur Geschichte der ästhetischen Landschaftserfahrung. Krefeld: 1979.

[14] Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Essen: 1996

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zur subjektivierten Natur im Canzoniere Francesco Petrarcas
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Romanische Sprachen)
Veranstaltung
Francesco Petrarca (SS 2002)
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V17442
ISBN (eBook)
9783638220217
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Landschaftsdarstellung bei Petrarca
Schlagworte
Natur, Canzoniere, Francesco, Petrarcas, Petrarca
Arbeit zitieren
Christian Meister (Autor), 2003, Zur subjektivierten Natur im Canzoniere Francesco Petrarcas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17442

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