Eichmann: Gesinnungsloser Bürokrat oder Überzeugungstäter


Seminararbeit, 2002
16 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1) Biographie
a) Lebenslauf und Dienstlaufbahn
b) Arbeitsort und Verantwortlichkeit
2) Eichmann als gesinnungsloser Bürokrat
3) Eichmann als Überzeugungstäter

III. FazitS

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Nach 1945 entbrannten zahlreiche Diskussionen darüber was einzelne Personen dazu motiviert haben mag, an der fabrikmäßigen Vernichtung von über sechs Millionen Menschen durch das NS-Regime mitzuwirken. Über kaum jemanden wurde und wird wohl mehr spekuliert als über Adolf Eichmann.

Seit dem Prozess gegen ihn in den 60er Jahren in Israel scheiden sich die Geister an einer Interpretation Eichmanns Persönlichkeit. Hannah Arendt sah sich schwerer Kritik ausgesetzt, als sie ihn als völlig durchschnittlichen Menschen beschrieb, und nicht als den fanatischen Antisemiten der er nach Meinung vieler gewesen sein musste, um derartige Verbrechen begangen haben zu können.

Aufgrund der Widersprüchlichkeiten die Eichmanns Charakter kennzeichneten, wird kaum irgendjemand mehr als nur Vermutungen über seine Motive anstellen können. Inhalt dieser Arbeit kann es daher nur sein, die verschiedenen Eichmanninterpretationen erst einmal wertungsfrei gegenüberzustellen, um dann kritische Schlussfolgerungen zu ziehen, die aber nicht mehr seine können als meine ganz subjektiven Einschätzungen, und keinerlei Anspruch auf Richtigkeit erheben.

Die Vielfalt der verschieden Interpretationen werden im Folgenden zu zwei Hauptsträngen zusammengefasst: Eichmann als gesinnungsloser Bürokrat oder als ideologischer Überzeugungstäter.

Erstere basiert auf Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“, zweitere auf Irmtrud Wojaks „Eichmanns Memoiren“. Arendt stützt ihre Ausführungen in erster Linie auf ihre Erkenntnisse als Prozessbeobachterin in Jerusalem, während Wojak die Möglichkeit hatte, Unterlagen des in Argentinien entstandenen Interviews zwischen Eichmann und dem ehemaligen SS-Offizier Sassen sowie Eichmanns im Gefängnis verfasste Aufzeichnungen mit einzubeziehen.

Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Biographie, die aber auf das Minimum beschränkt ist, das nötig ist, um die darauf folgenden Ausführungen zu Eichmanns Persönlichkeit nachvollziehen zu können.

II. Hauptteil

1) Biographie

a) Lebenslauf und Dienstlaufbahn

Adolf Eichmann wurde am 19. März 1906, als das älteste von fünf Geschwistern, in Solingen geboren. Nach dem frühen Tod seiner Mutter und der erneuten Heirat seines Vaters zog die Familie 1914 nach Linz in Österreich.

Seine schulische Ausbildung erhielt Eichmann, bis zur vierten Klasse, in der Volksschule Linz, danach wechselte er, für weitere vier Jahre, an die Kaiser Franz Joseph Staatsoberrealschule, ein Gymnasium das vor ihm schon Adolf Hitler besucht hatte, ein Umstand auf den er später sehr stolz gewesen sein soll.1 Eichmann verlies diese Schule 1921 ohne regulären Schulabschluss und wechselte zur höheren Bundeslehranstalt für Maschinenbau in Linz, die er nach zwei Jahren vorzeitig abbrach.

Er war keine guter Schüler und hatte Schwierigkeiten Anschluss an seine Mitschüler zu finden.2

Erst 1925 trat er seine erste feste Anstellung bei der Oberösterreichischen Elektrobau AG an. 1927 kündigte er und wurde, auf Wunsch und Vermittlung seiner Eltern, Reisevertreter bei der Vacuum Oil Company AG. Im gleichen Jahr wurde er Mitglied des Jungfrontkämpferverbandes, der Jugendabteilung der Deutsch-Österreichischen Frontkämpfervereinigung, im Zuge eines Treffens dieser Organisation trat Eichmann am 01.April.1932 in die NSDAP und SS ein. Er wurde von Ernst Kaltenbrunner, einem Geschäftsfreund seines Vaters und späteren Nachfolger Heydrichs, angeworben.

Als er 1933 seine Stellung bei der Vacuum Oil Company AG verlor, entschloss sich Eichmann nach Deutschland zurückzukehren, um Karriere bei der, in Österreich inzwischen verbotenen, SS zu machen. In Lechfeld und später in Dachau wurde er militärisch ausgebildet.

Allerdings war Eichmann den militärischen Trott nach eigenen Angaben bald Leid, 3

sodass er sich 1934 im SD-Hauptamt bewarb, wohin er am 01.Oktober dieses Jahres auch versetzt wurde.

Hier bestand seine Aufgabe, für ein halbes Jahr, nur darin, Karteikarten in der Abteilung Freimaurer zu tippen, danach wurde er in das Referat Judentum versetzt, wo er bis Kriegsende blieb.

Schnell machte Eichmann sich einen Namen als Judenspezialist, lernte sogar einige Brocken Hebräisch, in seinen Beurteilungen wird er als willensstark, energisch und impulsiv als bedingungsloser Nationalsozialist und als Organisations- und Verhandlungstalent beschrieben.4

Trotz derartige Lobes hielt Eichmann bis 1938 eine untergeordnete Position inne, erst mit dem Anschluss Österreichs nahm seine Kariere die entscheidende Wendung. Er wurde nach Wien geschickt, um dort als Chef der Zentralstelle für jüdische Auswanderung die Vertreibung der österreichischen Juden voranzutreiben. In dieser Funktion verschärfte Eichmann die bis dahin angewandten Terrormethoden massiv, nicht Ausreisewilligen drohte die Inhaftierung in KZs, Ausreisewillige mussten für die nötigen Papiere mit ihrem gesamten Vermögen bezahlen. Eichmanns Methoden hatten Erfolg, innerhalb kürzester Zeit wurden aus Österreich 50000 Juden vertrieben aus Deutschland im gleichen Zeitraum nur 19000.

Diese Zahlen wurden auch in Berlin zur Kenntnis genommen, in einem Gespräch zwischen Heydrich und Göring vom 12.November.1938 wurde die Einrichtung der Reichszentrale für jüdische Auswanderung beschlossen, so sollten Eichmanns Österreichmethoden auf das gesamte Reich ausgedehnt werden.5 Als diese Organisation im Januar 1939 entstand, wurde Eichmann ihr Chef.

Zwischen 1939 und 1942 wurden seine Kompetenzen ständig inhaltlich und territorial ausgeweitet. Ab 1939 war Eichmann zuständig für Enteignung und Vertreibung der Juden im neu geschaffenen Protektorat Böhmen und Mähren. Im gleichen Jahr wurde er Umsiedlungsreferent für Polen as Eichmann - Protokoll Tonbandaufzeichnung der israelischen Verhöre, Wien 2001, S.29.

Bis 1940 organisierte und verwaltete er die planmäßige Auswanderung europäischer Juden in Zweitländer. Als sich abzeichnete, dass die Bereitschaft vertriebene Juden aufzunehmen rapide sank, kam es zu Änderungen in der nationalsozialistischen Judenpolitik. Polen wurde zwischen 1940 und 1942 zum Hauptsammelpunkt für Juden aus ganz Europa. Zuständig für diese Massenkonzentration war Eichmann.

Mit dem Angriff auf Russland 1941 wurde er zum Judenreferenten für den gesamten Osten, damit war er für Deportation und Enteignung fast aller europäischen Juden verantwortlich.

In Anbetracht dieser Machtfülle ist es nicht verwunderlich, dass er am 20.Januar.1942,

im Gefolge Heydrichs, an der Wannseekonferenz teilnahm. Aber Eichmann war nicht nur bloßer Teilnehmer, ihm wurde die Verantwortung für die Durchführung der beschlossenen Endlösung direkt übertragen, damit war er Organisator der Judenvernichtung im gesamten Reich.6 Auf seinen Befehl rollten ab dem 20.Mai 1942 bis zum Kriegsende, Todeszüge aus ganz Europa in die Konzentrationslager im Osten.

Nach dem Krieg gelang es ihm, mit Hilfe verschiedener Identitäten, zu fliehen. Er wurde zwar von US-Truppen festgenommen, aber nicht als Adolf Eichmann identifiziert, sodass ihm 1946 die Flucht aus dem Lager Oberdachstetten gelang. Eichmann hielt sich noch mehrere Jahre in Deutschland auf, flüchtete aber über Österreich und Italien 1950 nach Argentinien, da er fürchtete im Zuge der Nürnberger Prozesse enttarnt zu werden.7

In Argentinien wechselte Eichmann häufig den Arbeitsplatz, er war unter anderem als kaufmännischer Angestellter, Kaninchenzüchter und Vorarbeiter tätig, bevor er eine feste Stellung als Mechaniker antratt. In dieser Zeit ließ er auch seine Familie nachkommen und führte, als scheinbar völlig durchschnittlicher Mensch ein normales Familienleben, unbeeindruckt von der Tatsache dass weltweit nach ihm gefahndet wurde.

Am 11. Mai 1960 wurde er vom Mossada festgenommen und am 22. Mai 1960 nach Israel entführt. Am 15. Dezember 1961 wurde Adolf Eichmann wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen das jüdische Volk zum Tode verurteilt, das Urteil wurde am 01.Juni 1962 vollstreckt.

a Mossad: israelischer Geheimdienst

b) Arbeitsort und Verantwortlichkeit

Ab Oktober 1934 arbeitete Eichmann im SD-Hauptamt in der Abteilung Freimaurer, 1935 wurde in das Referat B4, einer Abteilung der Gestapo, zuständig für Judenfragen versetzt. Ab 1939 war er Referent also Leiter der aus dem Referat B4 hervorgegangenen Reichszentrale für jüdische Auswanderung.

Er war der einzige Referent innerhalb der Gestapo mit direktem Zugang zu Gestapo Chef Müller. Als Referent gehörte es zu seiner Aufgabe Weisungen und Befehle zu erstellen und im Auftrag seiner Vorgesetzten zu zeichnen. Eichmann handelte also selbstständig im Rahmen seines amtlichen Auftrages.8

Somit wäre geklärt, dass er für seine Taten die volle juristische Verantwortung trug.

Dies sagt aber wenig über die ungeheure Macht aus, die er im Dritten Reich besaß, hierzu zwei Beispiele.

Aus Aufzeichnungen des SS-Obersturmführers Hagen über seinen Besuch in Eichmanns Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien im Oktober 1938 geht hervor, dass alle Projekte die die Auswanderung von Juden aus Österreich betreffen, erst anlaufen können wenn sie „[…] mit der Zentralstelle – SS-O`Stuf. Eichmann – besprochen seien, da auch das Wirtschaftsministerium die Genehmigung für Devisen für derartige Pläne nur erwägen könne, wenn die Zustimmung der Zentralstelle vorliegt“.9

[...]


1 Vgl. v. Lang, Jochen: Das Eichmann - Protokoll Tonbandaufzeichnung der israelischen Verhöre, Wien 2001, S.15.

2 Vgl. Kempner, Robert M. W: Eichmann und Komplizen, Zürich 1961, S.25.

3Vgl. Knopp, Guido: Hitlers Helfer - Die Täter, München 1998, S.30.

4 Vgl. Kempner, Robert M. W: Eichmann und Komplizen, Zürich 1961, S.27f..

5 Vgl. ebd., S.44-46.
Vgl. Knopp, Guido: Hitlers Helfer - Die Täter, München 1998, S.38.

6 Vgl. Kempner, Robert M. W: Eichmann und Komplizen, Zürich 1961, S.149.

7 Vgl. ebd., S.20-22.

8 Vgl. ebd., S.47f.

9 SS-Akte 6163-E.219 zitiert nach ebd., Zürich 1961, S.42.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Eichmann: Gesinnungsloser Bürokrat oder Überzeugungstäter
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar Verfolgung im Nationalsozialismus: Die Täter
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V17444
ISBN (eBook)
9783638220231
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dieser Arbeit stellt einen Versuch dar, die zwiegespaltene Persönlichkeit Einchmanns zu entschlüsseln.
Schlagworte
Eichmann, Gesinnungsloser, Bürokrat, Proseminar, Verfolgung, Nationalsozialismus, Täter
Arbeit zitieren
Jan Trützschler (Autor), 2002, Eichmann: Gesinnungsloser Bürokrat oder Überzeugungstäter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17444

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