Die Beziehungen zwischen Amal und Hizbullah während des libanesischen Bürgerkriegs

Von friedlicher Koexistenz zum schiitischen Bruderkrieg?


Essay, 2011
28 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

TABELLEN-/abbildungsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1 Das Thema der Arbeit
1.2 Der aktuelle Forschungsstand
1.3 Der Aufbau der Arbeit

2. DIE ENTSTEHUNG VON AMAL UND HIZBULLAH
2.1 Die allgemeine Situation und die Mobilisierung der Schiiten
2.2 Die Bewegung der Entrechteten/Amal
2.3 Konflikte in der Amal: Der Weg zur Hizbullah

3. DIE VERÄNDERUNGEN IN DEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN AMAL UND HIZBULLAH
3.1 Die Beziehungen bis 1985
3.1.1 Unvereinbare Gegensätze: Der Vergleich beider Gruppen
3.1.2 Konkurrenz im Kampf gegen die israelische Besatzung
3.1.3 Schiitische Herrschaft in Beirut: klare Trennung
3.1.4 Konkurrenz im Kampf um die schiitische Bevölkerung
3.1.5 Konkurrenzdenken als Hauptcharakteristikum der Beziehungen bis
3.2 Die Beziehungen seit dem israelischen Truppenrückzug 1985
3.2.1 Der Truppenrückzug als Katalysatorfunktion für einen unvermeidlichen Machtkampf?
3.2.2 Der Kampf um die Vorherrschaft in der schiitischen Gemeinschaft: Der Weg zum „schiitischen Bruderkrieg“
3.2.3 Überblick: Die Einflussgebiete

4. FAZIT: Bestätigung der Hypothese in Grundzügen

Literaturverzeichnis

Tabellen-/ABBILDUNGSverzeichnis

Tabelle 1: Vergleich Amal-Hizbullah

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Südlibanon: Zonen der Bürgerkriegsparteien ab Juni 1985 17

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung: hinführung zum thema

1.1 Das Thema der Arbeit

Anlässlich der Kommunalwahlen Ende Mai 2010 im Südlibanon betonte Hassan Nasrallah, Generalsekretär der Hizbullah, die Wichtigkeit seines Bündnisses mit der Amal für den Südlibanon: „We believe that our alliance with Amal in the municipal elections is part of the strategic alliance that protects the resistance's popular base” (The Free Library 2010).

Beschäftigt man sich näher mit der politischen Geschichte Libanons des 20. Jahrhunderts, so ist diese Aussage überaus bemerkenswert, denn so hatten Amal und Hizbullah, zwei Schiiten-Organisationen, während des libanesischen Bürgerkriegs einen blutigen Krieg gegeneinander geführt.[1] Ebenfalls erstaunlich ist, dass die Kämpfe ausbrachen, obwohl beide Gruppierungen die schiitische Gemeinschaft im Südlibanon vertraten, sie einige Zeit relativ friedlich koexistierten und die Hizbullah sogar 1983 aus der Amal hervorgegangen war. Auf Grund dieser Komplexität und Widersprüchlichkeit in den Beziehungen zwischen zwei Gewaltgruppen, die beide schiitische Wurzeln haben, setzt sich diese Arbeit zum Ziel, ihr Verhältnis näher zu beleuchten. Besonderer Fokus liegt auf den Veränderungen in den Beziehungen während der 1980er Jahre. Was löste den „schiitischen Bruderkrieg“ (Picard 1997, 230; Übersetzung durch d. Verf.) aus? Im Mittelpunkt der Analyse stehen das Selbstverständnis beider Gruppierungen und die Wirkung des israelischen Truppenrückzugs aus dem Südlibanon auf die Beziehungen Amal-Hizbullah. Israel hatte 1982 in der „Operation für Galiläa“ den Südlibanon besetzt, 1985 seine Truppen bis zur Sicherheitszone rund um den Fluss Litani zurückgezogen (vgl. Johannsen 2006, 111) und so ein Machtvakuum eröffnet.

Der Arbeit liegt die Hypothese zu Grunde, dass die Beziehungen zwischen den schiitischen Gruppen schon vor 1985, das heißt vor dem israelischen Teilabzug aus dem Südlibanon, konfliktbeladen waren und dass der israelische Truppenrückzug 1985 nur den Auslöser – das entscheidende Moment – für eine Verschlechterung der Beziehungen und damit einen Machtkampf gab: Durch den Abzug änderten sich die Rahmenbedingungen und die Eskalation war vorprogrammiert.

1.2 Der aktuelle Forschungsstand

Über den Ablauf und die Konfliktstruktur des libanesischen Bürgerkriegs wurde zwar ausreichend publiziert, dennoch ist auffällig, dass die Beziehung zwischen Amal-Hizbullah nur in Unterkapiteln thematisiert wird. Es fehlen Publikationen, die sich ausschließlich mit den Beziehungen beschäftigen. Daher versucht die vorliegende Arbeit, existierende Erkenntnisse zusammenzufassen und die Lücke zu füllen, indem nur auf dieses Thema eingegangen wird und es so nicht – oberflächlich – in einem größeren Rahmen behandelt wird.

1.3 Aufbau der Arbeit

In einem ersten Schritt werden Grundlagen zum Verständnis gelegt, indem wichtige Informationen zur politischen und gesellschaftlichen Lage der Schiiten im Libanon in den 1960er bzw. 1970er Jahren und zu ihrer Mobilisierung in Amal und später Hizbullah gegeben werden.

In einem zweiten Schritt werden die Veränderungen in den Beziehungen zwischen Amal und Hizbullah ausgehend von der in 1.1 genannten Hypothese analysiert. Hier wird zum einen die Beschaffenheit der Beziehungen bis zum israelischen Truppenrückzug 1985 analysiert. Daraufhin wird die Rolle des israelischen Truppenabzugs in den Fokus gerückt: Welchen Einfluss hatte sie auf das Verhältnis der Gruppierungen? Schließlich wird untersucht, wie die Beziehungen nach 1985 ausgestaltet waren.

Daraufhin wird ein Fazit gezogen, das das Ergebnis der vorangegangenen Analyse nochmals kritisch beleuchtet.

2. DIE ENTSTEHUNG VON AMAL UND HIZBULLAH

2.1 Die allgemeine Situation und die Mobilisierung der Schiiten

Libanon, seit 1943 unabhängig von der Kolonialmacht Frankreich, ist ein ethnisch sehr heterogener Staat, so hat er 17 Religionsgemeinschaften offiziell anerkannt (vgl. Siegelberg 1991, 234).[2] Die Schiiten erlebten seit den 1960er Jahren politische, gesellschaftliche und ökonomische Benachteiligung. Die politische Benachteiligung resultierte aus dem sogenannten Konfessionsproporz von 1943, welcher die politische und auch gesellschaftliche Macht je nach Religion aufteilte. Der Staatspräsident musste immer maronitischer Christ, der Ministerpräsident sunnitischer Muslim und der relativ unbedeutende Parlamentspräsident schiitischer Muslim sein. Die Parlamentssitze wurden im Verhältnis sechs Christen zu fünf Muslimen verteilt. Im Parlament waren die Schiiten gleichberechtigt vertreten, hinsichtlich der staatlichen Spitzenpositionen wurden sie jedoch benachteiligt: die Leitung der Zentralbank oder das Amt des Armee-Oberbefehlshabers hatten die Christen inne. (vgl. Rieck 1989, 41 ff.). Im Laufe der Jahre wurde der Proporz nicht an die veränderten Bevölkerungsverhältnisse im Land angepasst – die Schiiten holten durch steigende Geburtenraten bald die Überzahl der Christen im Land ein – , was den Unmut der Schiiten über das starre und sie benachteiligende politische System erklärt (vgl. Hanf 1990, 101). Daneben standen die Schiiten auch in sozioökonomischer Sicht am untersten Rand der Gesellschaft. Sie lebten in landwirtschaftlich geprägten Gegenden, deren Infrastruktur, Bildungs- und Sozialsystem mangelhaft waren und in die der Staat nur spärlich investierte. Daneben herrschten dort feudale Verhältnisse vor. Viele schiitische Bauern waren hoch verschuldet, da die Großgrundbesitzer die meisten Ackerflächen besaßen. Bedingt durch die miserable Lebenssituation in ihren eigenen Gebieten, zog es die Schiiten in den 1960er und -70er Jahren in die Vororte Beiruts, wo sie sich materiellen – und dadurch auch sozialen – Aufstieg erhofften. Doch hier entwickelten sich Armutsviertel und die Schiiten avancierten so zum Subproletariat der libanesischen Gesellschaft (vgl. Rieck 1989, 29 ff.). Vom wirtschaftlichen Fortschritt Libanons in dieser Zeit wurden sie weitgehend ausgeschlossen. Dies führte ab 1960 zu einer politischen und sozialen Mobilisierung der Schiiten. Amal und später die Hizbullah sind als Resultate derer zu betrachten.

2.2 Die Bewegung der Entrechteten/Amal

1960 kam der schiitisch-iranische Geistliche Mousssa al-Sadr in den Libanon, um die Schiiten sozial und politisch zu mobilisieren (vgl. Hanf 1990, 247). Er setzte sich für die Verbesserung ihres Status‘ im Libanon ein und avancierte schon bald zum Volkshelden (vgl. Rieck 1989, 90). Zwischen 1970 und 1974 steigerte er seinen Einsatz für die Schiiten und gründete die „Bewegung der Beraubten“, bzw. in anderer Übersetzung die „Bewegung der Entrechteten“ – die spätere Amal. Er stellte eine Deprivation der Schiiten fest, die es zu bekämpfen galt: So beklagte er den Mangel an Bildungseinrichtungen, die fehlende Infrastruktur und auch die Schutzlosigkeit Südlibanons gegenüber Israel (vgl. Rieck 1989, 138 ff.). Die Charta der Bewegung vom März 1975 lehnt den politischen Konfessionalismus ab, da er die nationale Einheit zerstöre. Sie prangert jegliche wirtschaftliche Ungerechtigkeit an und plädiert für die Gleichheit der Menschen und soziale Gerechtigkeit. Die Charta erklärt weiterhin die Sympathie für Palästina, die Abneigung gegen den Zionismus, eine Orientierung gen Westen und die Wichtigkeit des Mutterlandes Südlibanon (vgl. die Charta der „Bewegung der Beraubten“ in Rieck 1989, 144 ff.). Sheik Hassan Jounié, ehemaliger Amal- Funktionär, erklärte, dass die Bewegung aus Gefühlen der Marginalisierung und des Ausschlusses entstand. Die Bewegung sei eine Bewegung der Entrechteten. Erst durch die Bewegung hätten die Schiiten gewusst, wofür sie kämpfen sollten (vgl. International Crisis Group 2007, 4; Übersetzung durch d. Verf.). Hanf analysierte eine Zielrichtung der Amal auf wirtschaftliche und soziale Besserstellung der Schiiten hin (vgl. Hanf 1990, 248). Nach 1974 avancierte die Bewegung zur militärischen und politischen Organisation „Amal“, was mit „Hoffnung“ übersetzt werden kann, aber auch ein Akronym des Begriffes „Afwaj al - Muqāwama al - Lubnāniyy“, Kohorten des libanesischen Widerstandes (Smit 2000, 80; Übersetzung durch d. Verf.), ist. Die Amal absorbierte die „Bewegung der Entrechteten“ (vgl. Smit 2000, 80). 1978 verschwand Moussa al-Sadr auf einer Reise nach Libyen spurlos (vgl. Hanf 1990, 248). Ab 1980 wurde Nabih Berri Führer der Amal und veränderte sie zu einer breiten, von vielen Schiiten getragenen Volksbewegung (vgl. Hanf 1990, 247 f.). Diese Bewegung war im Gegensatz zu der Bewegung vorher mit einem militärischen Flügel ausgestattet (vgl. Smit 2000, 81). Nicht der Klerus, sondern die Mittelschicht stand hinter der Amal (vgl. Norton 2007, 29).

2.3 Konflikte in der Amal: Der Weg zur Hizbullah

Die Jahre zwischen der ersten Invasion Israels 1978 und der zweiten Invasion Israels 1982 in den Südlibanon gelten als „Inkubationszeit“ (Mohns 2005, 22) der Entstehung der Hizbullah – einer Gruppierung, die sich von der Amal abspaltete. Zu dieser Abspaltung trugen einige Faktoren bei. Zum einen wuchs der Widerstand der Schiiten gegen Israel, als diese 1978 in den Südlibanon einmarschierten, um die palästinensische Infrastruktur in der Schiitenhochburg Südlibanon zu bekämpfen. Die Israelis traten den Schiiten gegenüber rücksichtslos auf, was der schiitischen Gemeinschaft den Willen gab, sich stärker zu mobilisieren (vgl. Hanf 1990, 359 ff.). Zudem unterstützte die iranische Revolution 1979 die Mobilisierungsprozesse unter den Schiiten insofern, als dass in der Folge iranische Kleriker in den Libanon geschickt wurden, um den Gedanken der Revolution zu exportieren. Sie gründeten islamistische Vereinigungen und Organisationen. Mit der zweiten Invasion Israels 1982 in den Südlibanon schickte der Iran hunderte Religionswächter in den Libanon. Sie dozierten über die iranische Revolution und bildeten Kampfverbände militärisch aus. Die Amal befand sich nun einem Spaltungsprozess: Das Verschwinden Moussa al-Sadrs 1978 hatte der Bewegung ihre Führungsfigur genommen. Al-Sadr war es gelungen, die verschiedenen Strömungen unter den Schiiten unter einem Dachverband zusammenzuhalten (vgl. Mohns 2005, 22, 26 f.) Nach 1978 trennte sich eine radikalere, pro-islamische, anti-säkulare Bewegung ab, die unter dem Namen „islamische Amal“ bekannt wurde (vgl. Rieck 1989, 415). Diese Strömung brach nach 1982 endgültig mit der Amal, da die radikalen Schiiten bzw. die „Fundamentalisten“ (Rieck 1989, 418) die Einstellung der Amal zur israelischen Invasion 1982 ablehnten: Die Amal befürwortete ein Bündnis mit Israel, um so zu verhindern, dass Israel das Land spalten konnte. Sie lehnte zwar die Besatzung ab, wollte allerdings den Südlibanon durch ein Bündnis vor Kriegsschäden schützen (vgl. Mohns 2005, 26).

Diese freundlich-pragmatische Haltung der Amal gegenüber Israel war der Grund für die totale Abwendung der islamischen Amal-Aktivisten von der Amal (vgl. Picard 1997, 230), und der Auslöser dafür, in der Gruppierung Hizbullah, arabisch „Hizb Allah“, übersetzt mit „Partei Gottes“, aufzugehen (vgl. Rieck 1989, 418).

Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass Amal und Hizbullah beide die schiitische Gemeinschaft im Südlibanon vertraten, die Amal aber die klar säkulare und gemäßigte, dem libanesischen Staat und dem Westen zugeneigte Gruppe darstellte, die Hizbullah dagegen die radikal-islamische, den libanesischen Staat ablehnende und einen islamischen Gottesstaat proklamierende Gruppe (vgl. Azani 2009, 59).

3. DIE VERÄNDERUNGEN IN DEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN AMAL UND HIZBULLAH

1982 besetzten die Israelis den Südlibanon, um die PLO zu vertreiben. 1985 kam es zum Truppenabzug und die bis dahin relativ friedliche, aber dennoch konfliktbeladene Beziehung zwischen den beiden schiitischen Gruppen eskalierte bis hin zum Krieg.

Ausgehend von der Hypothese, dass die Beziehungen schon vor 1985 konfliktgeladen waren, und dass der israelische Truppenabzug nicht den Wendepunkt, sondern den Auslöser – das entscheidende Moment, da die Rahmenbedingungen geändert wurden – für einen Machtkampf und später einen Krieg darstellte, werden die Beziehungen zwischen Amal und Hizbullah nun näher untersucht.

3.1 Die Beziehungen bis 1985

3.1.1 Unvereinbare Gegensätze: Der Vergleich beider Gruppen

Um das Verhältnis zwischen den beiden schiitischen Gruppierungen bis 1985 nachvollziehen zu können, müssen Amal und Hizbullah hinsichtlich ihrer Zielgruppe, ihrer Ziele, ihres ideologischen Rahmens, ihrer Einstellung zu Israel, ihrer Sponsoren, ihrer Anhängerschaft und ihrer Organisationsstruktur verglichen werden.

Man muss sich vergegenwärtigen, dass beide Gruppierungen den Anspruch hatten, die schiitische – vor allem südlibanesische – Bevölkerung zu vertreten. Die Zielgruppe war somit bei beiden Organisationen dieselbe. Zudem war die eine Gruppierung sogar eine Abspaltung aus der anderen, beide hatten somit dieselben Wurzeln. Dies suggeriert auf den ersten Blick eine gemeinsame Zielsetzung, nämlich die Naheliegendste: Die Verbesserung des sozialen Status‘ der Schiiten. Allerdings hatte die Hizbullah vom ersten Augenblick an sich selbst gegensätzlich zur Amal definiert (vgl. Norton 2007, 45). Norton merkte schon 1987 an, dass die Hizbullah von Anfang an ein „starker Rivale“ (Norton 1987, 101) der Amal war.

Faktisch unterschieden sich die beiden Akteure daher enorm in ihren Zielen. Die Hizbullah verteidigte drei Hauptziele. Erstens intendierte sie, alle ausländischen bzw. westlichen (Streit-) Kräfte aus dem Libanon zu vertreiben, zweitens Jerusalem zu befreien und drittens einen islamischen Gottesstaates nach iranischem Vorbild zu errichten (vgl. Azani 2009, 63). Damit lehnte die Hizbullah Israel vollständig ab und proklamierte den Kampf gegen Israel.[3] Die Amal hingegen sah nicht vor, die libanesische Regierung und das dahinter stehende politische System zu stürzen (vgl. Hanf 1990, 406). Klar festzuhalten ist, dass ein islamischer Gottesstaat, wie von der Hizbullah gefordert, die Einführung und Anwendung der Scharia impliziert (vgl. Meinel 2003, 206), also eine Anwendung des islamischen Rechts. Dieses Recht ist Ausdruck der Verschmelzung von religiöser und staatlicher Ordnung. Die Religion bestimmt somit alle Bereiche des Lebens (vgl. Kienzler 2002, 82), das heißt alle gesellschaftlichen und rechtlichen Beziehungen werden aus der Scharia abgeleitet (vgl. Khallouk 2008, 267).[4] Diese Anwendung des islamischen Rechts innerhalb eines islamischen Gottesstaats widerstrebte der Amal und ist so als wesentlicher Unterschied festzuhalten. Zwar war auch Berri klarer Befürworter der iranischen Revolution und der Idee eines Gottesstaates, jedoch war er weitaus moderater und toleranter hinsichtlich der Vielzahl unterschiedlicher Religionsgemeinschaften im Libanon. So proklamierte er die Abschaffung des Nationalpakts und damit des Konfessionalismus‘ (vgl. Hanf 1990, 406). Seine „Demokratie der Mehrheit“ (Pott/ Schirmkoreit-Pott 1985, 77) sollte aber von Schiiten getragen werden. Amal war zudem nur an den Geschehnissen innerhalb Libanons interessiert und Israel nicht so feindlich gesonnen wie die Hizbullah. Der ideologische Rahmen nun hängt eng mit den Zielen zusammen. Die Hizbullah war, wie oben dargelegt, klar pan-islamisch eingestellt und sah den iranischen Revolutionsführer Khomeini als ihr Vorbild an, dessen Ideen auf den Libanon übertragen werden sollten. Die Amal stellte nun den säkularen Gegenpart dar, der ethnische Benachteiligung abschaffen und die Interessen der schiitischen Gemeinschaft durchsetzen wollte.[5] Hinsichtlich der Sponsoren ist ebenfalls ein Unterschied zu sehen. Die Hizbullah wurde vor allem vom Iran finanziert, der „[…] Inspiration, Finanzierung, Ausbildung, Waffen […]“ (Azani 2009, 62; Übersetzung durch d. Verf.] bereitstellte. Die Amal ließ sich hauptsächlich von Syrien finanzieren (vgl. Azani 2009, 62 f.).[6] Die Trägerschaft war bei der Hizbullah eine große Zahl junger Kleriker. Eine säkulare politische Macht konnten sie sich nicht vorstellen. In der Amal dagegen waren religiöse Figuren in der Minderheit. Zu ihren Anhängern gehörten zudem viele Universitätsabsolventen und damit die Mittelschicht. Bedingt durch die großzügige iranische Finanzierung besaß die Hizbullah ein sehr integeres, also wenig korruptes Organisationsmuster – im Gegensatz zur Amal, die man mit Korruption in Verbindung brachte (vgl. Picard 1997, 222). Die folgende Tabelle fasst die Unterschiede nochmals zusammen und stellt dar, welcher Faktor Konfliktfaktor für die Beziehung bot. Dies mag zwar im Einzelnen strittig sein, bietet jedoch einen ersten Überblick.

Tabelle 1: Vergleich Amal-Hizbullah

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: eigene Ausarbeitung auf Grundlage von Azani 2009, 62 f., Picard 1997, 222; Norton 2007, 32, 45; Hanf 1990, 406 f. , Rieck 1989, 596 f.; --- = kein Konfliktpotential für die Beziehungen, ü = Konfliktpotential für die Beziehungen).

Wichtig für diese Arbeit sind die Zielgruppe, Ziele und ideologischer Rahmen beider Akteure, denen Konfliktpotential zugeschrieben wird. Das Konfliktpotential der Zielgrupe resultiert daraus, dass Amal und Hizbullah beide für die schiitische Gemeinschaft insbesondere im Südlibanon arbeiteten. Dies war problematisch, bzw. belud die Beziehungen schon im Vornherein mit Schwierigkeiten, weil beide Gruppen einen Alleinvertretungsanspruch hatten. Zu betonen ist, dass dieser Alleinvertretungsanspruch von zwei Akteuren ausgeübt wurde, die gänzlich entgegengesetzte Ideologien und Vorstellungen eines anderen, neuen Gesellschaftsmodells verfolgten.

[...]


[1] Der libanesische Bürgerkrieg dauerte von 1975-1990.

[2] Die größten christlichen Gemeinschaften sind die maronitische, die griechisch-orthodoxe, die griechisch katholische und die armenische Kirche. Die größten muslimischen Gemeinschaften stellen die Schiiten, die Sunniten und die Drusen dar (vgl. Siegelberg 1991, 234 f.).

[3] Diese feindliche Einstellung gegenüber Israel hatte, wie oben dargelegt, 1983 zu der Abspaltung radikaler Schiiten von der Amal geführt und damit zur Gründung der Hizbullah.

[4] Näheres zur Scharia als Rechtsgrundlage im islamischen Staat bei Khallouk 2008, 267 ff. Hier sind auch die Had-Strafen erwähnt wie beispielsweise die Todesstrafe bei Abfall vom Glauben (ebd., 274).

[5] Der Begriff „säkular“ ist vermutlich etwas irreführend, muss aber im Vergleich zur Hizbullah gewählt werden; Festzuhalten ist, dass die Amal die Religionsgemeinschaften im Land tolerieren wollte, aber an sich der Religion keinen hohen Stellenwert beimaß. Das neue System sollte laizistisch sein (vgl. Ende 1996, 532).

[6] Syrien wollte mit der Unterstützung der Amal ein Gleichgewicht der schiitischen Kämpfer erreichen und den Einfluss der Palästinenser reduzieren. Es tolerierte den Aufstieg der Hizbullah, da sie alle diejenigen fördern wollten, die sich gegen Israel einsetzten (vgl. Hottinger 2004, 582 und Norton 2007, 32).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Beziehungen zwischen Amal und Hizbullah während des libanesischen Bürgerkriegs
Untertitel
Von friedlicher Koexistenz zum schiitischen Bruderkrieg?
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Gewalt im Nahen Osten
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
28
Katalognummer
V174453
ISBN (eBook)
9783640948833
ISBN (Buch)
9783640948796
Dateigröße
3889 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hisbollah;, Amal;, Libanon;, libanesischer Bürgerkrieg;, schiitischer Bruderkrieg;, Hizbullah;, Hizballah;, Amal-Miliz;
Arbeit zitieren
B.A. Carolin Deitmer (Autor), 2011, Die Beziehungen zwischen Amal und Hizbullah während des libanesischen Bürgerkriegs , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174453

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